Widerstandsrecht bei Martin Luther. Welchen Wandel unterlag Luthers Auffassung zum Widerstand gegen die Obrigkeit?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
20 Seiten, Note: 1,3
Simon Frei (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zu Luthers Schrift „Von weltlicher Obrigkeit, wie weit ihr Gehorsam schuldig sei“
2.1. Erläuterungen zur „Zwei-Reiche-Lehre“
2.2. Das Recht zum Widerstand bei Luther mit Fokus auf die Obrigkeitsschrift

3. Luthers Haltung im Bauernkrieg: ein praktisches Beispiel

4. Luthers spätere Haltung und sein Briefwechsel mit Philipp I.

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit Martin Luther Widerstand gegen die Obrigkeit für legitim hielt und wenn ja, unter welchen Umständen dieser erlaubt ist. Entscheidend ist dabei vor allem, ob es eine Wandlung in seiner Lehre zum Widerstand gibt. Wie äußerte sich Luther in seinen Schriften gegenüber seinen Zeitgenossen? Welchen Ratschlag gab er im Umgang mit Autoritäten und wie beurteilte er z.B. den Bauernaufstand? Dazu soll zunächst ein Blick auf die in dieser Arbeit verwendeten Quellen geworfen werden. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Luthers Schrift „Von weltlicher Obrigkeit, wie weit ihr gehorsam schuldig sei“[1], da sie die Basis darstellt, wenn man über Widerstandsrecht bei Luther spricht. Dabei trifft man unweigerlich auf dessen sogenannte „Zwei-Reiche-Lehre“. Diese wird im Verlauf dieser Arbeit noch genauer erläutert, da man ohne sie Luthers Lehren nicht verstehen kann. Ebenso wird ein kurzer, jedoch notwendiger Blick auf den Ablassstreit geworfen, da dieser den anderen Quellen vorrausgeht und für Luther Werdegang von Bedeutung ist.

Auch zum deutschen Bauernkrieg von 1524-1526 äußerte sich Luther in seiner „Ermahnung zum Frieden auf die zwölf Artikel der Bauernschaft in Schwaben, 1525“. Dieser Konflikt spielt eine wesentliche Rolle in Luthers Biographie, denn er äußerte sich mehrfach zu diesem Konflikt. So war er zu Beginn noch auf der Seite der Bauern, später jedoch änderte er seine Meinung diesbezüglich und verurteilte deren Aufstand scharf. Darauf wird jedoch später noch einmal Bezug genommen.

Weiterhin wird aber auch sein Briefwechsel mit Landgraf Philipp I. kurz betrachtet. Dieser zeigt auf, wie Luther von seiner bisherigen Position zum Widerstandsrecht gegen die Obrigkeit etwas abweicht.

Anhand der verschiedenen Quellen soll die vorliegende Arbeit letztlich zeigen, dass Luthers Auffassung zum Widerstandsrecht komplex ist und einem Wandel unterliegt.

2. Zu Luthers Schrift „Von weltlicher Obrigkeit, wie weit ihr Gehorsam schuldig sei“

Bevor der Inhalt der Obrigkeitsschrift analysiert werden soll, ist es zunächst wichtig kurz etwas zur Entstehung dieser Schrift zu erläutern. Schon während seiner Zeit auf der Wartburg (1521 – 1522) stellte Luther Überlegungen über das Kräfteverhältnis von weltlicher und geistlicher Herrschaft an. Das ist auch durch seinen Briefwechsel mit Philipp Melanchthon, einem weiteren deutschen Reformator, belegt.[2] Luthers Haltung gegenüber der Kirche, also der geistlichen Obrigkeit, war spätestens seit 1517 prekär, denn am 31. Oktober 1517 schlug er die bekannten 95 Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg.[3] Dort verurteilte er die Instrumentalisierung des Ablasshandels durch die Kirche scharf. Der Ablasshandel war eine Praxis, die den Gläubigen versprach durch Zahlungen an die Kirche dem Seelenheil näher zu kommen. Luther sah das Problem im Ablasshandel darin, dass die Gläubigen die Strafe mehr als die Sünde fürchteten.[4] Dazu muss allerdings gesagt werden, dass es den sogenannten Ablasshandel schon zuvor gegeben hatte. Jedoch verstärkte sich dieser unter Papst Leo X. und nahm eine neue Form an. Dieser wollte nämlich durch das Geld aus dem Ablasshandel unter anderem den Bau des Petersdoms finanzieren. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts war der Ablasshandel noch streng geregelt gewesen. Nur bestimmte Sündenstrafen konnten durch Geld erlassen werden. Echte Reue war dazu ebenfalls notwendig. Bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts gehörte zum Ablass demnach auch die Beichte. Die neue, extreme Form dieses Ablasshandels stand bei Luther stark in der Kritik, denn die bis dahin anspruchsvolle Ablasslehre wurde nun vereinfacht und banalisiert.[5] Sinnbild dieser gierigen Kirche war für ihn der Dominikaner Johann Tetzel, der ab 1515 mit dem sogenannten Petersablass betraut wurde.[6] Die Gebühren, welche die Gläubigen an diesen leisteten, gingen einerseits direkt an Tetzel, teilweise an den magdeburgischen Landesherrn, Albrecht von Brandenburg, und natürlich direkt nach Rom. Durch theologische Argumente kritisierte Luther diesen Missbrauch der Kirche. In der Bibel gab es nämlich keine klare Darstellung, die einen solchen Ablasshandel begründete.

„[36]Quilibet christianus vere compunctus habet remissionem plenariam a pena et culpa etiam sine literis veniarum sibi debitam.“

und

„Quilibet christianus vere compunctus habet remissionem plenariam a pena et culpa etiam sine literis veniarum sibi debitam.“

lauteten zwei seiner Thesen in denen er die Gültigkeit der Ablassbriefe in Frage stellte.[7] In einer weiteren These verdeutlicht er, dass der Ablasshandel nicht notwendig, sondern freiwillig ist. Es braucht ihn nicht, um ein guter Christ zu sein.[8]

Der Ablassstreit ist für diese Arbeit insoweit bedeutsam, weil er eine Kontroverse dieser Zeit darstellt, denn inmitten einer Epoche, welche durch die Überschneidung von weltlicher und geistlicher Herrschaft geprägt war, stellte Luther sich nun die Frage, ob Gewaltausübung, sowie Rechtsprechung der Fürsten mit dem Evangelium vereinbar sei. So war der Ablassstreit ein entscheidender historischer Punkt, welcher zu Reformationsbewegung beitrug, in welcher es letztlich auch um den Widerstand gegen die Obrigkeiten mit Blick auf die Glaubensfrage ging.

Aus einem Briefwechsel vom 21. September 1522 mit dem Juristen Johann von Schwarzenberg geht hervor, dass Luther dort erstmals sein Vorhaben über ein „Büchlein“ erwähnte, in dem es um die Vereinbarkeit von weltlicher Macht und dem Evangelium gehen sollte.[9] Im Oktober 1522 hielt Luther in der Schlosskirche Weimar zwei Predigten, in denen er sich mit der weltlichen Obrigkeit beschäftigte. Aus diesen Predigten ging schließlich seine Schrift „Von weltlicher Obrigkeit“ hervor. In seiner Predigt sprach er von der Existenz zweier Reiche. Dem Reich Gottes, dass erste Reich und dem Reich der Welt, das zweite Reich in welchem die Obrigkeit von Gott zur Rechtwahrung eingesetzt ist.[10] Auf diese „ Zwei-Reiche-Lehre“ wird im Verlauf dieser Arbeit jedoch noch genauer eingegangen.

Im Anschluss an seine Predigten in Weimar verfasste Luther schließlich die Schrift „Von weltlicher Obrigkeit, wie weit ihr Gehorsam schuldig sei“. Deren Inhalt soll nun dargelegt werden.

Zusammenfassend kann man sagen, dass es in der Schrift um das Verhältnis von Gottes Wort und dem weltlichen Gesetz geht. Dazu zählen beispielsweise Fragen nach der Vereinbarung von Krieg und der Nächstenliebe, welche Jesus Christus predigte, aber eben auch davon, und dies ist für diese Arbeit wichtig, wie mit unchristlichen und tyrannischen Herrschern umgegangen werden sollte. Gegliedert ist die Schrift in insgesamt drei Teile. Aus der Einleitung geht hervor, dass er die Schrift jenem Mann widmete, der ihm nach seinen Predigten in Weimar aufgefordert hatte, eine solche zu veröffentlichen – Herzog Johann.[11]

Seine Schrift beginnt im ersten Abschnitt damit, dass Luther verschiedene Bibelzitate heranzieht. Generell lässt sich sagen, dass Luther meist sehr theologisch argumentiert. Die Zitate stützen und rechtfertigen geistliche und weltliche Herrschaft. So zitiert er Röm. 13, 1.2:

„Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes; die aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu. Denn von denen die Gewalt haben, muss man sich nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du Lob von ihr erhalten. Denn sie ist Gottes Dienerin dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: sie ist Gottes Dienerin uns vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut.“[12]

Was bedeutet dies nun aber für das Widerstandsrecht? Die Antwort darauf scheint zunächst doch sehr eindeutig: es ist nicht gestattet der Obrigkeit Widerstand zu leisten, denn diese ist von Gott eingesetzt und sich ihr zu widersetzen ist so, als würde man sich dem Willen Gottes entgegensetzen. Im weiteren Verlauf führt Luther auch Bibelstellen an, welche der Obrigkeit die Herrschaft und Gewaltausübung abspricht. Allerdings relativierte er diese Möglichkeit dadurch, dass dies nur in einer Gesellschaft möglich sei, in der es keine Heiden, sondern nur echte Christen gibt.[13] Eine solche Gesellschaft kann es aber, nach Luther, nicht geben. Denn nach seiner Auffassung können nicht alle Menschen wahre Christen sein, da es immer Menschen gibt, die schlecht und nicht rechtschaffend sind. Daher braucht es eine Obrigkeit, die im weltlichen Reich für Gerechtigkeit zwischen den Menschen sorgt.[14] Diese Obrigkeit ist von Gott eingesetzt und aus diesem Grund muss man ihr Folge leisten, da die Obrigkeit ein Vollstrecker des Willen Gottes ist.[15] Nun stellt sich die Frage, ob Gewalt, also nicht nur Widerstand, überhaupt mit der Bibel vereinbar ist. Auch diese Frage beantwortet Luther in seiner Schrift mit der Unterscheidung zwischen den zwei Regimentern.[16] Das Schwert (Sinnbild für Gewalt) darf ein Christ demnach niemals für sich selbst führen. Gleichzeitig ist es einem Christen jedoch erlaubt, dass Schwert für andere, im Dienst der Nächstenliebe, zu erheben. In diesem Fall steht er somit nicht nur unter dem Gebot der Nächstenliebe, sondern zugleich unter dem des weltlichen Regiments.[17] Dennoch ist es einem Christen nicht gestattet Rache auszuüben, z.B. wenn ihm Unrecht angetan wurde. Dieses Recht steht nur der Obrigkeit zu, die dies für ihn verrichten kann.[18]

Für diese Hausarbeit sind besonders der zweite und dritte Abschnitt von Luthers Schrift zentral. Der zweite Abschnitt trägt den Namen „Das Ander Teyll. Wie weyt sich welltlich uberkeyt strecke“.[19] Er beschäftigt sich mit der Frage, wie weit die weltliche Obrigkeit überhaupt greifen darf. Auf der einen Seite spricht Luther der weltlichen Obrigkeit ab sich um Seelenheil oder Seelsorge zu kümmern. Dies sei nämlich Bestandteil des geistlichen Rechts. Auf der anderen Seite steht der weltlichen Obrigkeit die Herrschaft über Leib, Gut sowie Ordnung zu.[20] Dieser Punkt ist von Bedeutung, da Luther den Herrschenden somit abspricht über die Konfession ihrer Untertanen bestimmen zu dürfen. Darüber darf nämlich nur Gott gebieten und kein weltliches Gesetz.[21] Luther gibt auch noch weitere Beispiele an, welche Herrschaftsaufgaben der Obrigkeit zufallen und was ihre Befugnisse überschreitet.

Der letzte und dritte Abschnitt (Das dritte Teyll) seiner Schrift beschäftigt sich damit, welche Regeln für die Amtsführung eines Fürsten gelten sollten.[22] Der Fürst soll sein Herrschaftsgebiet möglichst eigenständig leiten, ohne sich dabei zu sehr von seinen Räten und Juristen beeinflussen zu lassen. Dadurch soll verhindert werden, dass lediglich die Belange von einigen Wenigen vertreten werden.[23] Das heißt jedoch nicht, dass der Fürst generell keine Ratschläge annehmen darf, gerade in jenen Angelegenheiten in denen er nicht „klug ist“.[24] Nun kommt Luther zu einem Punkt, der wichtig ist. Er sagt, dass ein christlicher Fürst Krieg führen darf. Allerdings gilt dies nur dann als legitim, wenn es zum Schutz seiner Untertanen geschieht, niemals jedoch zum Eigennutz und gegen seinen Oberherrn.[25] Dies bedeutet also, dass Widerstand auch von der Obrigkeit gegen eine andere Obrigkeit nicht legitim ist. Inwieweit Luther von diesem Standpunkt später noch abweicht, soll im Verlauf dieser Hausarbeit noch weitergehend beantwortet werden. Auch gibt es in diesem Abschnitt eine interessante Aussage zum Widerstand der Untertanen gegen die Obrigkeit. Führt ein Fürst einen unrechtmäßigen Krieg, so müssen die Untertanen ihm nicht Folge leisten.[26] Hier wird zwar kein aktiver Widerstand[27] legitimiert, jedoch ist zumindest passiver Widerstand in diesem Fall gestattet.

2.1. Erläuterungen zur „Zwei-Reiche-Lehre“

Luther erwähnte in seiner Schrift „Von weltlicher Obrigkeit“ erstmals seine Lehre der zwei Reiche beziehungsweise Regimenter. Eine Erläuterung der Zwei-Reiche-Lehre findet sich im Ersten Teil von Luthers Schrift. Er argumentiert hier, wie bereits erwähnt, überwiegend mit Bibelzitaten (insgesamt 51). Er kann seine Lehren demnach theologisch begründen. Die wohl wichtigste und am häufigste verwendete These ist die fünfte der Bergpredigt, Matthäus 5, 38-40: 38

„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: ›Auge um Auge, Zahn um Zahn.‹ 39 Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. 40 Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel.“[28]

Auch ohne große theologische Kenntnisse geht hier eine Sache klar hervor: Christen ist es nicht gestattet Gewalt auszuüben.

Doch wie bereits erwähnt, erläuterte Luther in seiner Obrigkeitsschrift Gründe, wann Gewaltanwendung eben doch erlaubt sei. Dies liegt darin begründet, dass er die Menschen in Christen und Unchristen bzw. Heiden einteilte.[29] Die echten Christen, gehören zum geistlichen Reich, dem Reich Gottes und benötigen eigentlich keinen Herrscher außer Gott. Beide Reiche leben nach einer eigenen Ordnung. Die echten Christen leben im geistlichen Reich unter dem göttlichen, geistlichen Naturgesetz. Es ist also nach dem christlichen Liebesgebot, der Lex Christi ausgelegt und umfasst die gemeinsame Gottesverehrung und das positiv göttliche Recht des Neuen Testaments.[30]

„Wer an Christus glaubt, ist – unabhängig von Amt und Beruf – von geistlichem Stand und also Bürger im Reich Christi.“[31]

Doch die Unchristen, zu denen auch Christen gehören können, die nicht den christlichen Glauben haben wie Luther ihn vertritt, gehören in das weltliche Reich. Dadurch ergibt sich ein Problem: beide Gruppen, also echte Christen und Heiden, leben unweigerlich zusammen. Der Christ steht jedoch, im Gegensatz zu den Heiden, nicht nur unter der Herrschaft weltlicher Obrigkeit sondern eben auch unter der Herrschaft Gottes. Und durch die weltliche Obrigkeit regiert Gott so auch sein „Reich zu Linken“ – die Gottlosen, die ihm somit trotzdem unterworfen bleiben.[32] Im weltlichen Reich darf ein Christ wie bereits angeführt das Schwert führen und zwar dann, wenn dies aus Nächstenliebe geschieht. Niemals jedoch ist es ihm gestattet aus persönlichen Gründen Gewalt anzuwenden. Hier kommt es zu einem entscheidenden Punkt. Die Rechtsgrundlage bei einem Christen und einem Heiden ist nicht dieselbe. Leistet ein Christ Widerstand gegen die Obrigkeit, so verstößt er zugleich auch gegen geistliches Recht. Da die Heiden nur im weltlichen Reich leben, ist es ihnen nicht möglich gegen die Gesetze im Reich Gottes zu verstoßen.[33] Es soll an dieser Stelle nochmal verdeutlicht werden, dass beide Reiche unter Gottes Willen existieren, was wiederum bedeutet, dass die Obrigkeit des weltlichen Reiches durch Gott eingesetzt ist und in dessen Willen handelt. Wenn die Obrigkeit jedoch Gottes Willen ausführt, stellt sich mit Blick auf das Thema dieser Arbeit unweigerlich eine Frage: kann Widerstandsrecht für einen christlichen Untertan jemals legitim sein?

2.2. Das Recht zum Widerstand bei Luther mit Fokus auf die Obrigkeitsschrift

Das Recht zum Widerstand, steht im Fokus dieser Arbeit. In diesem Teil soll das Widerstandsrecht nach Luther mit Blick auf die Obrigkeitsschrift erläutert werden. Von den dort aufgestellten Thesen, wird Luther im Laufe seines Lebens noch etwas abweichen. Darauf soll allerdings später eingegangen werden, wenn der Briefwechsel zwischen ihm und Landgraf Philipp I. betrachtet wird.

Im dritten Teil seiner Schrift spricht Luther von Heeresfolge und klärt die Frage, wie sich die Fürsten ihren Oberpersonen gegenüber zu verhalten haben. Wie also darf ein Untertan handeln, wenn sein Fürst ungerecht und unmoralisch handelt? Luther gibt zunächst an, dass es ihm auch dann nicht erlaubt sei, sich der Obrigkeit zu widersetzen. Ganz im Gegenteil, Luther rät sogar zu Gehorsam.[34] Gewaltanwendung gegen den Fürsten ist strikt verboten und sündig. Die einzige Möglichkeit ist dabei eine passive Form des Widerstandes. So darf man den Fürsten auf sein Fehlverhalten hinweisen und Gott im Gebet darum bitten, dass der Fürst sein Verhalten ändert. In erster Linie muss man aber seiner Pflicht als Untertan nachkommen. Doch es gibt tatsächlich noch eine andere Form des Widerstandes. Und zwar dann, wenn der Fürst versucht in die geistliche Welt einzugreifen. In diesem Fall darf ein Christ der Obrigkeit den Gehorsam verweigern – allerdings gilt es dann auch mit den Konsequenzen zu leben. Doch auch hier ist Widerstand nicht gleichzusetzen mit Gewalt! Der Untertan leistet lediglich den Befehlen der Obrigkeit nicht mehr Folge. Gegen einen unchristlichen oder ungerechten Fürsten helfen, laut Luther, vor allem geistliche Waffen - etwa die Macht des Gebets.[35] Kurz zusammengefasst lässt sich also sagen, dass Luther in der Obrigkeitsschrift keinen aktiven, bewaffneten Widerstand gegen die Herrschenden legitimierte.

[...]


[1] Wird im Verlauf dieser Arbeit auch als Obrigkeitsschrift/lehre oder Schrift zum Widerstand bezeichnet.

[2] Brecht, Martin: Martin Luther. Bd. 2: Ordnung und Abgrenzung der Reformation 1521-1532. Stuttgart 1986, S.118.

[3] Historiker sind sich nicht darüber einig, ob er die Thesen tatsächlich an die Schlosskirche anschlug, entscheidend ist jedoch das die 95 Thesen ab 1517 von Wittenberg aus verbreitet wurden. Vgl. dazu Schilling, Heinz: Martin Luther. Rebell einer Zeit des Umbruchs. München 2012. S. 157 ff.

[4] Beutel, Albrecht: Martin Luther. Eine Einführung in Leben, Werk und Wirkung. Leipzig 2006, S. 70.

[5] Schilling, Heinz: Martin Luther. Rebell einer Zeit des Umbruchs. München 2012. S. 157 ff.

[6] Ebd. S.160 ff. & Beutel, Albrecht: Martin Luther. Eine Einführung in Leben, Werk und Wirkung. Leipzig 2006, S. 68.

[7] Honselmann, Klemens: Urfassung der Ablaßthesen und ihre Veröffentlichung. Paderborn 1966. S. 141. Die Übersetzung der Thesen lautet: „[36] Jeder Christ, der wahrhaft bereut, hat Anspruch auf völligen Erlaß von Strafe und Schuld, auch ohne Ablaßbrief.“ und „[37] Jeder wahre Christ, lebendig oder tot, hat Anteil an allen Gütern von Christi und der Kirche, die Gott ihm auch ohne Ablassbrieg gegeben hat.“

[8] Vgl. These 47 IN: Honselmann, Klemens: Urfassung der Ablaßthesen und ihre Veröffentlichung. Paderborn 1966. S. 143.

[9] Brecht, Martin: Martin Luther. Bd. 2: Ordnung und Abgrenzung der Reformation 1521-1532. Stuttgart 1986, S. 119.

[10] Ebd. & Heckel, Johannes: Widerstand gegen die Obrigkeit?, IN Grundmann, Siegfried (Hrsg.): Das blinde, undeutliche Wort >Kirche<. Köln 1964. S. 290-291.

[11] Die Bibel, nach der Übersetzung von Martin Luther. Bibeltext in der revidierten Verfassung von 1984. Herausgegeben von der Evangelischen Kirche in Deutschland. Stuttgart, 1999, S. 185.
[11] Luther, Martin: Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei. 1523. In: Clemen, Otto (Hrsg), Luthers Werke in Auswahl. Zweiter Band; Schriften von 1520 bis 1524. Fünfte verbesserte Auflage. Berlin, 1959. S. 360.

[12] Die Bibel, nach der Übersetzung von Martin Luther. Bibeltext in der revidierten Verfassung von 1984. Herausgegeben von der Evangelischen Kirche in Deutschland. Stuttgart, 1999, S. 185.

[13] Luther, Martin: Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei. 1523. In: Clemen, Otto (Hrsg), Luthers Werke in Auswahl. Zweiter Band; Schriften von 1520 bis 1524. Fünfte verbesserte Auflage. Berlin, 1959. S. 360-394.

[14] Ebd. 361 ff.

[15] Ebd.

[16] Ebd. S. 363 ff.

[17] Ebd. S. 366 ff.

[18] Ebd. S. 366 ff.

[19] Ebd. S. 376.

[20] Ebd. S. 377 ff.

[21] Ebd. S. 378 ff.

[22] Ebd. S. 386 ff.

[23] Ebd. S. 386 ff.

[24] Ebd. S. 387 ff.

[25] Ebd. S. 390 ff.

[26] Ebd. S. 389 ff.

[27] Anmerkung: In dieser Arbeit ist mit aktivem Widerstand, ein Widerstand mit Waffen bzw. Gewaltausübung gemeint. Passiver Widerstand dagegen umfasst alle anderen Formen des Widerstandes.

[28] Die Bibel, nach der Übersetzung von Martin Luther. Bibeltext in der revidierten Verfassung von 1984. Herausgegeben von der Evangelischen Kirche in Deutschland. Neues Testament. Stuttgart, 1999, S. 9. & Die Bibel, nach der Übersetzung von Martin Luther. Bibeltext in der revidierten Verfassung von 1984. Herausgegeben von der Evangelischen Kirche in Deutschland. Stuttgart, 1999, S. 185.

[28] Luther, Martin: Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei. 1523. In: Clemen, Otto (Hrsg), Luthers Werke in Auswahl. Zweiter Band; Schriften von 1520 bis 1524. Fünfte verbesserte Auflage. Berlin, 1959. S. 364.

[29] Heckel, Johannes: Widerstand gegen die Obrigkeit?, IN Grundmann, Siegfried (Hrsg.): Das blinde, undeutliche Wort >Kirche<. Köln 1964. S. 290-291.

[30] Ebd. S. 291.

[31] Beutel, Albrecht: Martin Luther. Eine Einführung in Leben, Werk und Wirkung. 2., verbesserte Auflage, Leipzig 2006, S. 122.

[32] Heckel, Johannes: Widerstand gegen die Obrigkeit?, IN Grundmann, Siegfried (Hrsg.): Das blinde, undeutliche Wort >Kirche<. Köln 1964. S.292.

[33] Ebd. S. 292.

[34] Link, Christoph: Widerstandsrecht I: geschichtlich. In: Betz, Hans Dieter (Hrsg.): Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. 4. Auflage. Tübingen 2005, Bd. 8, S. 1522.

[35] Heckel, Johannes: Widerstand gegen die Obrigkeit?, IN Grundmann, Siegfried (Hrsg.): Das blinde, undeutliche Wort >Kirche<. Köln 1964. S. 293

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Widerstandsrecht bei Martin Luther. Welchen Wandel unterlag Luthers Auffassung zum Widerstand gegen die Obrigkeit?
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Geschichte)
Veranstaltung
Von Machiavelli zu Hobbes - Theoretiker von Herrschaft und Staat in der Frühen Neuzeit
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V366358
ISBN (eBook)
9783668451827
ISBN (Buch)
9783668451834
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Luther, Reformation, Bauernkrieg, Obrigkeitslehre, Widerstandsrecht, Staatstheorie, Zwei-Reiche-Lehre
Arbeit zitieren
Simon Frei (Autor), 2016, Widerstandsrecht bei Martin Luther. Welchen Wandel unterlag Luthers Auffassung zum Widerstand gegen die Obrigkeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366358

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