Mädchen und Gewalt. Wie äußert sich aggressives Verhalten bei Mädchen?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

22 Seiten, Note: 1,0

Simon Frei (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Begriffe Gewalt und Aggression
2.1. Gewalt
2.2. Aggression
2.3. Vergleich der Begriffe Gewalt und Aggression

3. Gewalttheorien

3.1. Die Frustrations-Aggressions-Theorie nach Dollard
3.2. Der Lerntheoretische Erklärungsansatz

4. Mädchen und Gewalt

5. Die Entwicklung von Mädchengewalt anhand der Polizeilichen Kriminalstatistik (Physische Gewalt)

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Spricht man von Gewalt bei Kindern, Jugendlichen oder jungen Erwachsenen, so liegt der Fokus meist auf dem männlichen Geschlecht. Gerade beim Thema Gewalt herrscht oft Klischeedenken: Jungen prügeln sich, Mädchen dagegen sind reifer und reden miteinander. Das spiegelt sich auch in den meisten Statistiken zum Thema Jugendgewalt wieder. Aufgrund der Überpräsens männlicher Täter bleiben Mädchen in Statistiken und Studien meistens außen vor, sie werden, wenn dann nur in ihrer Rolle als Opfer dargestellt, wobei sie auch hier unterrepräsentiert sind.[1]

Dennoch gibt es natürlich auch unter jugendlichen Mädchen Gewalt. Gründe für einen vermeintlichen Gewaltanstieg sind dabei nicht immer klar zu definieren, denn die bisherige Forschung zu Jungendgewalt bezieht sich, wie bereits erwähnt, überwiegend auf Jungen. Man kann mit Blick auf die Forschung demnach weitestgehend von Jungengewalt sprechen.[2] Betrachtet man Berichte über Mädchengewalt, die auch medial in den Fokus rücken, wird schnell der irritierende Charakter dieses Phänomens deutlich. Gewalttätige Mädchen scheinen nicht der gesellschaftlichen Norm zu entsprechen, gelten sie doch im Gegensatz zu Jungen als emphatisch, friedlich und zurückhaltend.[3] Diese Attribution-Zuschreibungen finden sich auch in der modernen Gesellschaft wieder, denn trotz vermeintlicher Gleichstellung des Geschlechts sind Sportarten wie z.B. Boxen bei Jungen hoch angesehen, während die Intention „harte“ Sportarten auszuüben bei Mädchen oftmals hinterfragt wird.[4] Es herrscht demnach noch immer eine starke Vorstellung von Geschlecht und Gewalt, die tief in der Gesellschaft verankert ist.[5]

In der vorliegenden Arbeit soll der Aspekt der Gewalt bei Mädchen und jungen Frauen näher betrachtet werden. Dabei fällt auf, soviel sei gesagt, dass es in den 2000ern zwar einen Anstieg von Mädchengewalt gab, wie man der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) entnehmen kann. Allerdings ist diese in den letzten Jahren wieder gesunken. Dennoch stellt sich die Frage nach dem Warum, wenn es um aggressives Verhalten bei Mädchen geht. Möglicherweise ist die Gewaltbereitschaft bei Mädchen auch nur der Versuch, den geschlechterspezifischen Normen entgegenzuwirken oder eigene Defizite zu kompensieren, vielleicht spielen aber auch überwiegend soziale und gesellschaftliche Faktoren eine Rolle. Um die Frage zu beantworten, wie sich Gewalt bei Mädchen äußert, wird neben Fachliteratur auch die die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) des Bundeskriminalamtes (BKA) betrachtet.

Bevor jedoch auf die genannten Problematiken eingegangen wird, müssen zunächst die Begriffe Gewalt und Aggression sowie deren Zusammenhang näher erläutert werden. Danach soll der aktuelle Forschungsgegenstand dargelegt werden, was bedeutet, dass auf die Täterinnen und die Intention von Mädchengewalt eingegangen wird. In diesem Zusammenhang muss auch betrachtet werden, inwieweit Mädchen- und Jungengewalt miteinander korreliert bzw. sich unterscheidet. Nachdem die PKS betrachtet wird, sollen zu Ursachenklärung von Mädchengewalt verschiedene Theorien herangezogen werden, zum einen die „Frustrations-Aggressions-Theorie“ von Dollard, zum anderen der lerntheoretische Ansatz von Albert Bandura. Abschließend wird ein Fazit gezogen, in welchem versucht wird, die Ursachen, die Häufigkeit und die Erscheinungsformen von Mädchengewalt darzulegen. Interessant wäre in diesem Zusammenhang auch, sich Interventions- und Präventionsmaßnahmen anzuschauen, allerdings würde dies den Umfang dieser Arbeit überschreiten.

2. Die Begriffe Gewalt und Aggression

In diesem Kapitel werden die zwei Begriffe „Gewalt“ und „Aggression“ definiert, da sie eine maßgebliche Rolle spielen um die Thematik zu verstehen. Oftmals werden sie synonym füreinander benutzt und inwieweit das sinnvoll ist, soll daher kurz aufgezeigt werden. Nachdem beide Begriffe vorgestellt wurden, soll noch eine Gegenüberstellung stattfinden.

2.1. Gewalt

Der Gewaltbegriff ist „[…] einer der schillerndsten und zugleich schwierigsten Begriffen der Sozialwissenschaften“ beginnt der Soziologe Peter Imbusch seinen Versuch den Begriff zu definieren.[6] Gerade deshalb ist es im Rahmen dieser Arbeit notwendig, den Gewaltbegriff genauer zu analysieren und versuchen zu definieren. Entscheidend ist, dass es keine allgemein gültige und anerkannte Definition des Gewaltbegriffes gibt.[7] Das liegt vor allem daran, dass Gewalt unterschiedlich wahrgenommen wird und je nach wissenschaftlicher Disziplin eine ganz andere Bedeutung haben kann. So wird er z.B. in der Politikwissenschaft oft auch im Rahmen von Regierungen (Stichwort Gewaltenteilung) genannt, während er in der Soziologie oder der Sportwissenschaft (zum Beispiel im Kampfsport) anders aufgefasst werden kann.[8] Aufgrund dieser zahlreichen Definitionen, deren gesamte Darlegung im Rahmen dieser Arbeit nicht sinnvoll erscheint, sollen im Folgenden einige wesentliche Aspekte des Begriffes genannt werden, die mit Blick auf die Thematik wichtig sind. Somit soll eine Definition dargelegt werden, welche deutlich macht, was unter dem Begriff „Gewalt“ in dieser Arbeit verstanden werden soll.

Betrachtet man den Begriff Gewalt, ist ein kurzer Blick auf die Wortherkunft interessant. Denn während wir heute überwiegend Negatives mit dem Begriff verbinden, war dieser lange Zeit auch positiv besetzt. Die Wortwurzel findet sich in den indogermanischen Verben „giwaltan“ und „waldan“, die so viel bedeuten wie „über etwas verfügen“ oder auch „Kraft, Macht haben“.[9] So beinhaltet der Begriff zunächst die rechtliche Form staatlichen Handelns, die sich z.B. in dem Konzept der Gewaltenteilung wiederfindet. Gleichzeitig umfasst der Begriff aber auch physische und psychische Gewalt zwischen Menschen, mit denen der Angreifer versucht bestimmte Absichten gegenüber den Opfern durchzusetzen.[10] Die schwierige Definition ist somit vor allem der Zweideutigkeit des Begriffes geschuldet. Im Lateinischen dagegen unterscheidet man zwischen den Begriffen „potentia“ (dt. Macht), „potestas“ (Amtsgewalt), „vis“ (Kraft, Macht) und „violentia“ (Gewalt im körperlichen Sinne). „Potentia“ umfasst die amtliche oder staatliche Gewalt, „violentia“ dagegen die direkte, körperliche Gewalt.[11] In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff Gewalt in seiner negativen Bedeutung, der „violentia“ verwendet. Somit ist eine erste wegeweisende Definition deutlich, doch man muss den Begriff noch weiter fassen.

So gilt es vor allem physische und psychische Gewalt voneinander zu unterscheiden. Im Zentrum des Begriffs steht für gewöhnlich die physische Gewalt, welche „auf Schädigung, Verletzung oder Tötung anderer Personen abzielt.“[12] Sie wird meistens intendiert und manifest ausgeübt.[13] Es geht dabei also um den direkten, körperlichen Kontakt, z.B. wenn der Täter auf das Opfer einschlägt. Gerade mit Blick auf Jugendgewalt, ist es aber auch notwendig, die psychische Gewalt mit in die Begriffsdefinition einzubinden. Laut Meier kann psychische Gewalt vielfältig sein, sie umfasst Beleidigungen, Erniedrigungen, Verspottung oder auch das bewusste Ignorieren einer Person. Diese Form der Gewalt kann oft gravierendere Nachwirkungen haben, als die physische Gewalt.[14] Allerdings sind die Folgen und die Schädigungsabsicht, bei psychischer Gewalt laut Meier nicht so offensichtlich wie bei körperlicher.[15] Eine gebrochene Nase ist bei jedem Menschen die gleiche, körperliche Schädigung, eine Beleidung dagegen tangiert eine bestimmte Person möglicherweise mehr als eine andere und ihr Ausmaß kann sich zeitlich versetzt zeigen, z.B. in einem Traumata.[16] Die Trennung von physischer und psychischer Gewalt ist zwar deutlich, klar muss aber sein, dass die beiden Formen oft gemeinsam auftreten.

Die Definition des Gewaltbegriffes im Rahmen dieser Arbeit setzt demnach die Intention voraus, jemanden schädigen zu wollen. Die Grenzen zwischen physischer und psychischer Schädigung können dabei fließend sein. Hügli unterscheidet dabei noch zwischen der beabsichtigten Gewaltausübung, deren Ziel es ist andere zu verletzen und der instrumentellen Gewaltausübung, in der nicht das Verletzten des anderen im Vordergrund steht, sondern das Erreichen eines Zieles durch die Gewaltausübung.[17]

Die vorliegende Definition ist natürlich stark reduziert, so wurde beispielsweise auf Begriffe der strukturellen Gewalt, welche kurz gesagt die Ungleichheit in einer Gesellschaft als Gewalt beschreibt oder der institutionellen Gewalt nicht weiter eingegangen.[18] Für den Rahmen dieser Arbeit ist es letztlich entscheidend, dass der Begriff negativ besetzt ist, in seiner Ausübung intendiert und in physischer als auch psychischer Form auftreten kann.

2.2. Aggression

Auch beim Begriff Aggression soll zunächst kurz die Wortherkunft erklärt werden. Die Wurzel bildet das lateinische Wort „aggredior“, dessen Bedeutung vielfältig ist. So kann es „sich nähern“, „auch etwas/jemand zugehen“ aber auch „angreifen“ bedeuten.[19]

Wie auch beim Gewaltbegriff gibt es keine allgemein anerkannte, interdisziplinäre Definition von Aggression. Meier fasst den Begriff zunächst sehr weitläufig zusammen, so kann jedes menschliches Verhalten als Aggression bezeichnet werden und aggressives Verhalten ist für die Menschen notwendig.[20] Da diese Definition im Rahmen dieser Arbeit nicht sinnvoll ist, muss man den Begriff weiter eingrenzen in konstruktive und destruktive Aggression. Konstruktive Aggression ist dabei Gesellschaftlich anerkannt, z.B. beim Sport, destruktive Aggression dagegen wird negativ aufgefasst.[21] Im Rahmen dieser Arbeit geht es vor allem um die negative, destruktive, Definition des Begriffes, bei welcher die Schädigungsabsicht einer Person (physisch oder psychisch) im Vordergrund der Handlung liegt.[22]

2.3. Vergleich der Begriffe Gewalt und Aggression

Vergleicht man die beiden dargelegten Begriffe werden schnell die Gemeinsamkeiten deutlich. Beide Begriffe sind überwiegend negativ besetzt und kennzeichnen ein Verhalten, welches darauf abzielt, andere Lebewesen oder auch Gegenstände intendiert zu schädigen. Doch gerade der Begriff Gewalt ist sehr vielfältig und wurde nur grob erläutert. Dabei ist deutlich geworden, dass der Begriff ursprünglich zwar auch positive Bedeutungen hatte, heute jedoch negativ betrachtet wird. In dieser Arbeit wird sich dabei auf die personelle Gewalt bezogen, die im Gegensatz zur strukturellen Gewalt einen direkten Akteur hat und von psychischer und physischer Natur sein kann.

Beim Begriff Aggression wurde aufgezeigt, dass dieser Begriff im Gegensatz zur Gewalt auch heute noch positiv besetzt sein kann, nämlich dann, wenn die Handlung konstruktiv ist. Destruktive Aggression, auf welche sich in dieser Arbeit bezogen wird, ist dagegen ist negativ behaftet.

Da es mit Blick auf die vorliegende Arbeit um Mädchengewalt geht und personale Gewalt somit im Fokus liegt, wird deutlich das die beiden Begriffe hier synonym verwendet werden können, da die Begriffe strukturelle Gewalt oder konstruktive Aggression, keine Rolle spielen.

3. Gewalttheorien

Wer von Gewalt und Aggression spricht, stellt sich unweigerlich die Frage nach der Ursache. Es gibt zahlreiche Theorien in Bezug auf die Entstehung von Aggression und Gewalt, sie alle ausführlich darzulegen würde den Rahmen dieser Arbeit überschreiten, dennoch sollen zumindest zwei betrachtet werden und in Bezug zu aggressiven Verhalten bei Mädchen gesetzt werden. Problematisch ist, dass die Theorien das Geschlecht meistens außer Acht lassen.

Die hier vorgestellten Theorien sind dabei die Frustrations-Aggressions-Theorie von Dollard und die Lerntheorietischen Erklärungssätze von Bandura.

3.1. Die Frustrations-Aggressions-Theorie nach Dollard

Um aggressives Verhalten zu erklären, wird oft die 1939 veröffentlichte Theorie von John Dollard und Neal Miller herangezogen.[23] Diese Theorie geht kurz gesagt davon aus, dass aggressivem Verhalten, immer eine Frustration vorrausgeht und Frustration somit stets zu Aggression führt.

„[…]das Auftreten von aggressivem Verhalten setzt immer die Existenz einer Frustration voraus, […] umgekehrt führt die Existenz einer Frustration immer zu irgendeiner Form von Aggression.“[24]

Frustration ist dabei der Zustand oder das Gefühl, welches dann eintritt, wenn das gewünschte Ziel (Zielreaktion) nicht erreicht wird.[25] Diese Annahme wird zwar einerseits durch verschiedene Untersuchungen gestützt, andererseits gilt die These, dass jede Frustration zu Aggression führt und umgekehrt, nicht in jedem Fall, sondern ist vom Einzelfall abhängig. Dennoch ist es so, dass Frustration die Wahrscheinlichkeit zu aggressiven Verhalten erhöht.[26] Dabei muss das aggressive Verhalten nicht zwingend sofort nach einer frustrierenden Situation eintreten, sondern auch zeitlich verschoben.

Betrachtet man Mädchengewalt unter Berücksichtigung der Frustrations-Aggressions-Theorie, lässt sich diese zwar nicht gänzlich erklären, allerdings sind Mädchen öfters Frustration ausgesetzt als Jungen. Das hängt möglicherweise damit zusammen, dass junge Mädchen heute oft unklare Rollendefinitionen haben. So wird von ihnen einerseits erwartet, dass sie schulischen Erfolg haben und sich den Anforderungen einer modernen Gesellschaft stellen, gleichzeitig liegt oft noch ein traditionelles Frauenbild vor. Diese schwierigen und unklaren Erwartungen einer Doppelrolle erhöhen somit die Gefahr, das Frustration eintritt welche wie dargelegt zu Aggression führen kann. Eine geschlechterspezifische Diskriminierung ist zwar kein neues Phänomen, dennoch scheint der Anteil von Gewalttäterinnen im Jugendalter insgesamt gestiegen.[27] Eine mögliche Erklärung wäre hier, dass Mädchen selbstbewusster auftreten und ihr aggressives Verhalten angesichts emanzipatorischer Bestrebungen auch vermehrt gegen andere richten.[28]

Generell gilt, dass Dollards These zwar im Kern richtig ist, nämlich soweit das Frustration zu Aggression führen kann, allerdings zeigen neuere Studien, dass Gewalt nur eine mögliche Reaktion auf Frustration ist.

Ein anderer Ansatz wäre, aggressives Verhalten als Folge der modernen Gesellschaft zu sehen. Waren Rollenbilder früher noch klar definiert und Biographien quasi vorgeschrieben, sind besonders Mädchen von der heutigen Individualisierung betroffen und zwar deutlich stärker als etwa Jungen.[29] So bieten die moderne Gesellschaft und die damit verbundene Öffnung der Berufswelt und des Bildungssektors auf den ersten Blick Mädchen und Frauen vor allem die Möglichkeit der Selbstbestimmung. Gleichzeitig stehen junge Mädchen und Frauen aber auch zwischen der schwierigen Situation Beruf und Familie zu vereinen, etwas das die Gesellschaft trotz vermeintlicher Gleichstellung oft erwartet.[30] Auf dieses Phänomen detaillierter einzugehen würde an dieser Stelle zu weit führen, wichtig ist jedoch, dass die moderne Gesellschaft aufgrund ihrer hohen Erwartungen an junge Mädchen, oft zu Frustration bei diesen führt was letztlich in aggressiven Verhalten münden kann.

3.2. Der Lerntheoretische Erklärungsansatz

Neben dem Ansatz, dass Aggression durch Frustration kausal bedingt ist, gibt es auch noch den lerntheoretischen Ansatz von Albert Bandura (1979). Dieser Ansatz geht davon aus, dass aggressives Verhalten erlernt wird.[31] Dieses Erlernen kann durch operantes oder klassisches Konditionieren stattfinden. Operante Konditionierung findet z.B. beim „Lernen am Modell“ statt. Dieses Modell geht von der Annahme aus, dass Menschen durch Beobachtung neue Verhaltensweisen erlernen.[32] Da aggressives Verhalten oft eine gewisse Dramatik beinhaltet, rückt es beim Beobachter schnell in den Vordergrund der Wahrnehmung, da es interessant ist (Aufmerksamkeitsprozesse) und daher eher im Gedächtnis bleibt (Behaltensprozesse). Das Verhalten ist nun angeeignet und wird in der Ausführungsphase schließlich nachgeahmt, indem das zuvor im Gedächtnis gespeicherte abgerufen wird (Reproduktionsprozesse). Problematisch wird es, mit Blick auf aggressives Verhalten, wenn das Erlernte zum Erfolg führt (Verstärkungs- und Motivationsprozesse).[33] Das Nachahmen kommt besonders häufig dann zu tragen, wenn die Person sich in einer Situation befindet, in der sie nicht weiß wie sie sich verhalten soll, dementsprechend ahmt sie das zuvor Beobachtete nach.[34] Ein sehr wichtiger Faktor ist, von wem das Verhalten gelernt wird. Ist die emotionale Beziehung zwischen der ausführenden Person und dem Beobachter groß, etwa so wie bei Eltern und Kind, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Konditionierung kommt.[35]

Aus lerntheoretischer Sicht führt demnach folgendes zu aggressive Verhalten[36]:

- Durch das Beobachten von aggressiven Verhaltens einer anderen Personen, besonders wenn diese einem emotional nahe steht.
- Wenn aggressives Verhalten zum Erfolg führt.

Betrachtet man die Lerntheorien von Bandura mit Blick auf Gewalt bei Mädchen, liefert sie einige Erklärungsansätze. So sehen Mädchen möglicherweise aggressives Vorgehen im Familien oder Freundeskreis, welches zum Erfolg führt. Wie im Kapitel der Frustrations-Aggression-Theorie erklärt, sehen sich Mädchen heute anderen Voraussetzungen gegenüber als früher. So nehmen sie sich vielleicht eher ihren Vater, der Stärke und Kraft zeigt zum Vorbild oder auch die Mutter welche selbst versucht sich durch Stärke und Durchsetzung an neue Rollenbilder anzupassen. Während Mädchen also früher eher Eigenschaften wie Empathie und Solidarität, besonders Seitens der Mutter, vorgelebt bekommen haben, hat sich dies in der modernen Gesellschaft verändert. Aber auch durch die Medien wird ein anderes Bild von Frauen vermittelt. Waren Superhelden, welche Konflikte ja meistens durch Gewalt lösen, lange Zeit männlich (Superman, Batman, Hulk, Captain America, Iron Man), gibt es heute auch zahlreiche Protagonistinnen die eben nicht dem Bild der klassischen Frau entsprechen (Supergirl, Jessica Jones, Black Widow).[37] Diese Figuren sind für gewöhnlich „gut“ und bekämpfen mit Gewalt erfolgreich das „böse“. Vorbilder können demnach auch fiktiv sein.[38]

In den beiden aufgezeigten Theorien ist Gewalt eine Reaktion. Bei Dollard ist sie Folge von Frustration, bei Badura ist sie Nachahmen beobachteter Prozesse.[39] So ist Gewalt durch soziales Umfeld (Familie, Clique, Schule)[40] und die moderne Gesellschaft zu erklären.[41]

[...]


[1] Heeg, Rahel (2009): Mädchen und Gewalt. Bedeutungen physischer Gewaltausübung für weibliche Jugendliche. S.9.

[2] Ebd.

[3] Popp; Meier, Tillmann (2001): Es gibt auch Täterinnen. Zu einem bisher vernachlässigten Aspekt der schulischen Gewaltdisussion. IN: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation 21. S. 174.

[4] Ebd.

[5] Silkenbeumer, Mirja (2007): Biografische Selbstentwürfe und Weiblichkeitskonzepte aggressiver Mädchen und junger Frauen. S. 10.

[6] Imbusch, Peter (2002): Der Gewaltbegriff. In: Heitmeyer, Wilhelm;Hagan, John (Hrsg.): Internationales Handbuch der Gewaltforschung. S. 26.

[7] Silkenbeumer, Mirja (2007): Biografische Selbstentwürfe und Weiblichkeitskonzepte aggressiver Mädchen und junger Frauen. S. 19.

[8] Silkenbeumer, Mirja (2007): Biografische Selbstentwürfe und Weiblichkeitskonzepte aggressiver Mädchen und junger Frauen. S. 19 und Imbusch (2002). S.26.

[9] Imbusch, Peter (2002): Der Gewaltbegriff. In: Heitmeyer, Wilhelm;Hagan, John (Hrsg.): Internationales Handbuch der Gewaltforschung. S. 29.

[10] Silkenbeumer, Mirja (2007): Biografische Selbstentwürfe und Weiblichkeitskonzepte aggressiver Mädchen und junger Frauen. S. 19 und Imbusch (2002). S.14.

[11] Imbusch, Peter (2002): Der Gewaltbegriff. In: Heitmeyer, Wilhelm;Hagan, John (Hrsg.): Internationales Handbuch der Gewaltforschung. S. 29.

[12] Imbusch, Peter (2002): Der Gewaltbegriff. In: Heitmeyer, Wilhelm;Hagan, John (Hrsg.): Internationales Handbuch der Gewaltforschung. S. 38.

[13] Ebd.

[14] Vgl. Meier, Ulrich (2004): Aggressionen und Gewalt in der Schule. Zur Dialektik von

Schülerpersönlichkeiten, Lernumwelten und schulischem Sozialklima. S. 21. und Imbusch (2002) S. 38

[15] Ebd. S. 21 und Ebd. S. 38.

[16] Imbusch, Peter (2002): Der Gewaltbegriff. In: Heitmeyer, Wilhelm;Hagan, John (Hrsg.): Internationales Handbuch der Gewaltforschung. S. 38.

[17] Hügli, Anton (2005): Was verstehen wir unter Gewalt? In: Joachim Küchenhoff, Anton Hügli und Ueli Mäder (Hrsg.), Gewalt. Ursachen, Formen, Prävention . S. 26 ff.

[18] Imbusch, Peter (2002): Der Gewaltbegriff. In: Heitmeyer, Wilhelm;Hagan, John (Hrsg.): Internationales Handbuch der Gewaltforschung. S. 39 und Hügli, Anton (2005): Was verstehen wir unter Gewalt? In: Joachim Küchenhoff, Anton Hügli und Ueli Mäder (Hrsg.), Gewalt. Ursachen, Formen, Prävention . S. 37 ff.

[19] Silkenbeumer, Mirja (2007): Biografische Selbstentwürfe und Weiblichkeitskonzepte aggressiver Mädchen und junger Frauen. S. 19-20.

[20] Silkenbeumer, Mirja (2007): Biografische Selbstentwürfe und Weiblichkeitskonzepte aggressiver Mädchen und junger Frauen. S. 20.

[21] Ebd. S. 19.

[22] Ebd. S. 20.

[23] Meier, Ulrich (2004): Aggressionen und Gewalt in der Schule. Zur Dialektik von Schülerpersönlichkeiten, Lernumwelten und schulischem Sozialklima. S. 44.

[24] Dollard; Doob;Miller;Mowrer:Sears (1970): Frustration und Aggression. S. 9.

[25] Ebd. und Meier, Ulrich (2004): Aggressionen und Gewalt in der Schule. Zur Dialektik von Schülerpersönlichkeiten, Lernumwelten und schulischem Sozialklima S. 19.

[26] Meier, Ulrich (2004): Aggressionen und Gewalt in der Schule. Zur Dialektik von Schülerpersönlichkeiten, Lernumwelten und schulischem Sozialklima. S. 45.

[27] Wobei die PKS in den letzten fünf Jahren einen Rückgang verzeichnet. Siehe Kapitel 5.

[28] Dazu mehr in Kapitel 4.

[29] Popp; Meier, Tillmann (2001): Es gibt auch Täterinnen. Zu einem bisher vernachlässigten Aspekt der schulischen Gewaltdiskussion. IN: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation 21. S. 174.

[30] Popp; Meier, Tillmann (2001): Es gibt auch Täterinnen. Zu einem bisher vernachlässigten Aspekt der schulischen Gewaltdiskussion. IN: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation 21. S. 174.

[31] Meier, Ulrich (2004): Aggressionen und Gewalt in der Schule. Zur Dialektik von Schülerpersönlichkeiten, Lernumwelten und schulischem Sozialklima. S. 47. und Nolting (2005): Lernfall Aggression. Wie sie entsteht wie sie zu vermindern ist. S. 83.

[32] Nolting (2005): Lernfall Aggression. Wie sie entsteht wie sie zu vermindern ist. S. 84 ff.

[33] Bandura, Albert (1979): Aggression. Eine sozial lerntheoretische Analyse.

[34] Nolting (2005): Lernfall Aggression. Wie sie entsteht wie sie zu vermindern ist. S. 88.

[35] Nolting (2005): Lernfall Aggression. Wie sie entsteht wie sie zu vermindern ist. S. 88 und Meier, Ulrich (2004): Aggressionen und Gewalt in der Schule. Zur Dialektik von Schülerpersönlichkeiten, Lernumwelten und schulischem Sozialklima, S. 47.

[36] Ebd. S. 93.

[37] Die aufgeführten Protagnistinnen und Protagonisten sind Figuren aus Film und Fernsehen der Firmen Marvel und DC. Sie wurde als extreme Beispiele angeführt und außerdem daher, weil sie fast jedem Jugendlichen ein Begriff sind.

[38] Nolting (2005): Lernfall Aggression. Wie sie entsteht wie sie zu vermindern ist. S. 89.

[39] Meier, Ulrich (2004): Aggressionen und Gewalt in der Schule. Zur Dialektik von Schülerpersönlichkeiten, Lernumwelten und schulischem Sozialklima. S. 55.

[40] Popp; Meier, Tillmann (2001): Es gibt auch Täterinnen. Zu einem bisher vernachlässigten Aspekt der schulischen Gewaltdiskussion. IN: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation 21. S. 183.

[41] Popp, Ulrike (2002): Geschlechtersozialisation und schulische Gewalt. Geschlechtstypische Ausdrucksformen und konflikthafte Interaktionen von Schülerinnen und Schülern.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Mädchen und Gewalt. Wie äußert sich aggressives Verhalten bei Mädchen?
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Gewalt in der Schule – Geschlecht Nebensache?
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
22
Katalognummer
V366361
ISBN (eBook)
9783668451186
ISBN (Buch)
9783668451193
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gewalt, Geschlecht, Mädchen, Jungen, Unterschiede, Schule, Verhalten, Aggression
Arbeit zitieren
Simon Frei (Autor), 2016, Mädchen und Gewalt. Wie äußert sich aggressives Verhalten bei Mädchen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366361

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