Hochstrittige Trennungen und Scheidungen. Berücksichtigung von Kindern in der Erziehungs- und Familienberatung


Hausarbeit, 2017
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Situation und Hilfebedarf von Trennungs- und Scheidungskindern
2.1 Merkmale hochkonflikthafterTrennungs- und Scheidungsfamilien
2.2 Einflussfaktoren im sozialen Umfeld
2.3 Einflussfaktoren beim Kind selbst
2.4 Folgen anhaltender Elternkonflikte

3 Trennungs- und Scheidungskinder in der Erziehungs- und Familienberatung
3.1 Rechtliche Grundlage für einen Einbezug betroffener Kinder
3.2 Einbezug nach Entscheidung der Eltern
3.3 Konzepte zum Einbezug

4 Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Trennung und Scheidung1 gehört zunehmend zur Realität von Familien in Deutschland. Laut statistischem Bundesamt wurden im Jahr 2015 knapp 163 335 Ehen geschieden, die Zahl der davon betroffenen minderjährigen Kinder beträgt rund 131 749 (vgl. Statis­tisches Bundesamt 2016). Trennungen von nicht miteinander verheirateter Eltern wer­den hier nicht erfasst. Allerdings nehmen Schätzungen zufolge etwa 5 Prozent aller Scheidungen und Trennungen einen hochkonflikthaften Verlauf an (vgl. Dietrich et al. 2010, S.10) Bereits 1998 reagierte auch der Gesetzgeber mit dem neuen Kindschafts­recht auf die Zunahme von Scheidungen und die Veränderungen in der Gesellschaft und Familie. (vgl. Hötker-Ponath 2008, S.1) Das heißt, nach dem Kinder- und Jugendhilfege­setz (KJHG), haben sowohl Eltern als auch Kinder und Jugendliche im Zuge einer Tren­nung oder Scheidung ein Recht auf Beratung. Diese soll helfen „die Bedingungen für eine dem Wohl des Kindes oder des Jugendlichen förderliche Wahrnehmung der Elternver­antwortung zu schaffen" (KJHG 2017, §17) „So war 2010 bei jedem dritten in der Erzie- hungs- und Familienberatung angemeldeten Kind Trennung und Scheidung als Bera­tungsanlass angegeben" (Meyer 2014, S. 1). Trennung und Scheidung ist ein Prozess der vielfältige Anpassungsleistungen und Neuorientierungen aller Beteiligten abverlangt (vgl. Schlack 2013, S. 123). Insbesondere eine hochkonflikthafte Trennung ist für die Kinder mit massiven Belastungen verbunden. (vgl. Franz/Karger 2013, S.7). Sie reagie­ren häufig mit verändertem Verhalten wie Regression, Aggression oder sozialem Rück­zug, aber auch mit Konzentrationsschwierigkeiten sowie Scham- und Schuldgefühlen. (vgl. Meyer 2014, S.1) „Es ist gerade so, als ob die beiden Piloten eines Flugzeugs sich vorne im Cockpit in die Haare geraten, die Maschine zu trudeln beginnt und die Passa­giere in Angst und Schrecken verfallen" (Jaede 2006, S. 48). An diesem Beispiel wird deutlich, wie die Trennung und Scheidung der Eltern bei den betroffenen Kindern Gefüh­le der Ohnmacht und Hilflosigkeit auslösen kann und die Scheidung der Eltern für sie ein Ereignis ist, welches sie nicht beeinflussen, aber dennoch bewältigen müssen. Ein anhal­tendes hohes Konfliktniveau zwischen Eltern sowie eine unzureichende Bewältigung, ist mit erheblichen Risiken für die Entwicklung der betroffenen Kinder verbunden (vgl. Dietrich et al. 2010, S.7). Die Folgen können sich langfristig auswirken. (vgl. Meyer 2014, S. 1) Insbesondere das Phänomen Hochkonflikt hat sowohl in der Erziehungs- und Fami­lienberatung als auch in anderen professionellen Bereichen aufgrund seiner Destruktivi­tät zunächst vor allem Ratlosigkeit hinterlassen. Die Fokussierung auf die Arbeit mit hochkonflikthaften Eltern hat dabei dazu geführt, dass andere wichtige Aspekte und Di­mensionen weitestgehend unberücksichtigt blieben. (vgl. bke-Stellungnahme (1), S. 5) Vor dem Hintergrund der zuvor beschriebenen Folgen von hochstrittigen Trennungen und Scheidungen wird deutlich, wie wichtig es ist sich verstärkt auch anderen Themen zu widmen und zu überlegen wie man Kinder in die Beratung miteinbeziehen kann.

In dieser Hausarbeit geht es daher um die Frage, warum ein Einbezug von Kindern aus hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien in die Erziehungs- und Familien­beratung sinnvoll ist und wie dieser gestaltet werden kann?

Nach geeigneten Konzepten zum Einbezug kann jedoch erst gesucht werden, wenn man die Zielgruppe - also Situation und Hilfebedarf betroffener Kinder - genau kennt. Dazu werden zunächst zentrale Merkmale hochkonflikthafter Trennungs- und Scheidungsfa­milien dargestellt (Kapitel 2.1). Im Zentrum stehen hier die Fragen, was sind Hochkon­fliktfamilien und woran erkennt man sie? Welche Belastungen ergeben sich daraus für die Kinder? Im Anschluss an die Einflussfaktoren auf der familiären Ebene, werden in Kapitel 2.2 potentielle Einflussfaktoren aus dem sozialen Umfeld und in Kapitel 2.3. die Einflussfaktoren des Kindes herausgearbeitet. Abschließend werden kurz mögliche Fol­gen anhaltender eskalierender Elternkonflikte aufgezeigt (2.4). Nachdem in Kapitel 2 dargestellt worden ist, wie wichtig es ist Trennungs- und Scheidungskinder in der Erzie­hungsberatung zu berücksichtigen, wie belastend eskalierende Elternkonflikte für Kin­der sind und wie unterschiedlich Kinder mit diesen Belastungen umgehen, wird in Kapi­tel 4 geprüft wie ein Einbezug in die Erziehungs- und Familienberatung erfolgen kann. Dies ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Denn neben Situation und Hilfebedarf des Kindes ist der Einbezug vor allem von rechtlichen Grundlagen (3.1), der Entscheidung der Eltern (3.2) und zum anderen von der konzeptionellen Ausrichtung (3.3) der Bera­terinnen abhängig. Die konzeptionellen Möglichkeiten zum Einbezug der Kinder in die Beratungsarbeit sind sehr vielfältig und kaum zu überschauen. Sie reichen von keinem oder nur einem indirekten Einbezug, über eine direkte Teilnahme der Kinder an Famili­ensitzungen, bis hin zu speziellen Angeboten nur für Kinder, (vgl. Meyer 2014, S.2)

2 Situation und Hilfebedarf von Trennungs- und Scheidungskindern

Der aus Trennung und Scheidung resultierende Hilfebedarf der Kinder, sowie ihre Situa­tion innerhalb einer hochstrittigen Trennungs- und Scheidungsfamilie, werden im nach­folgenden Kapitel beschrieben. Dabei wird auf eine Aufzählung von Symptomen, die Kin­der zeigen können sowie der Darstellung der Trennungsphasen verzichtet. Stattdessen werden nur die zentralen, für einen Einbezug der Kinder in die Erziehungs- Familienbe­ratung, relevanten Aspekte zu Situation und Hilfebedarf von Trennungs- und Schei­dungskindern aufgezeigt. Dazu werden in Kapitel 2.1 zunächst Merkmale hochkonflikt­hafter Trennungs- und Scheidungsfamilien dargestellt (Einflussfakoren auf familiärer Ebene). In Kapitel 2.2 folgen potentielle Einflussfaktoren aus dem sozialen Umfeld und in Kapitel 2.3. die Einflussfaktoren beim Kind selbst. Abschließend werden kurz mögliche Folgen anhaltender eskalierender Elternkonflikte umrissen. (2.4).

2.1 Merkmale hochkonflikthafter Trennungs- und Scheidungsfamilien

Für Erziehungs- und Familienberatungsstellen stellt der Umgang mit emotional aufgela­denen Konflikten eine zentrale Aufgabe dar. Dennoch gelten insbesondere hochkonflikt­hafte Trennungs- und Scheidungsfamilien, die häufig vom Gericht an die Beratungsstel­len vermittelt werden, als besonders schwieriges und belastendes Klientel. (vgl. bke-Stel- lungsnahme (1), S. 4) Doch wodurch zeichnen sich hochkonflikthafte Trennungen und Scheidungen aus? Wie unterscheiden sie sich von anderen Trennungen und Scheidun­gen?

Hochstrittige Trennung und Scheidungen sind durch langjährige und hartnäckige Aus­einandersetzungen der getrennten Eltern (vgl. Walper/Fichtner/Normann 2013, S.7) so­wie durch umfassende juristische Streitigkeiten (vgl. Bröning 2013, S.21) gekennzeich­net. Hochkonflikthafte Eltern sind darüber hinaus nicht in der Lage, die Situation der Kinder sowie deren Interessen angemessen wahrzunehmen. (vgl. Weber 2013, S.179) Auch die Unterscheidung zwischen Paar- und Elternebene scheint hochkonflikthaften El- tern besonders schwer zu fallen. Sie sind meist nicht dazu in der Lage negative Gefühle gegenüber dem Ex-Partner zurückzustellen, um im Interesse der Kinder zusammenzuar­beiten. Dies erschwert die Suche nach einer einvernehmlichen Regelung enorm. Nicht selten ist damit auch eine „Instrumentalisierung des Kindes" verbunden. Darüber hinaus findet die Kommunikation zwischen hochkonflikthaften Eltern selten auf sachlicher Ebe­ne statt. In der Regel beinhalten die Streitigkeiten Vorwürfe gegenüber dem Ex-Partner und zeichnen sich durch hohe Emotionalität und Feindseligkeit aus. Tendenziell sind sie damit nicht in der Lage eine Kommunikation aufrechtzuerhalten, die den Bedürfnissen der Kinder gerecht wird. Charakteristisch ist außerdem die Häufung und Wiederholung verschiedener Konfliktthemen über Aufenthaltsbestimmungsrecht, Umgang, finanzielle Fragen und das Scheitern der elterlichen Beziehung. (vgl. Dietrich et al. 2010, S.14ff.) Diese Beschreibung fasst bereits zentrale Merkmale von hochkonflikthaften Trennungen und Scheidungsfamilien zusammen, gleichzeitig stellt sich die Frage ob die Konfliktdauer und -intensität wirklich entscheidend für Hochstrittigkeit ist? Zumal Streitigkeiten um die Kinder und den Unterhalt sowie ein hohes Maß an Ärger über den Ex-Partner typisch für viele Trennungsfamilien sind. (vgl. Retz 2015a, S.21) Weiterhin lassen sich nicht alle hochkonflikthaften Eltern dadurch kennzeichnen, ob sie freiwillig eine Ehe- oder Erzie- hungs- und Familienberatung in Anspruch nehmen oder vom Gericht oder Jugendamt geschickt werden. (vgl. Dietrich et al. 2010, S. 17) Es stellt sich somit die Frage, ab wann Hochstrittigkeit beginnt. Bereits in früheren Veröffentlichungen wurde auf die Schwie­rigkeit einer Begriffsdefinition verwiesen: „Hochkonflikthafte Scheidungsfamilien sind in ihrer Gesamtheit eine sehr heterogene Gruppe. Das Auftreten und die Intensität typi­scher Merkmale variieren stark" (Dietrich et al. 2010, S. 10) Fakt ist, dass es keine allge­meine und einheitliche Definition von hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfa­milien gibt. (vgl. Retz 2015a, S.21)

In den Forschungsergebnisse des Projektes „Kinderschutz bei hochstrittiger Eltern­schaft" werden dennoch sechs Eigenschafts- und Verhaltensmerkmale, die charakteris­tisch für diese Gruppe von Trennungs- und Scheidungsfamilien sind, beschrieben:

- Reduziertes Interesse an neuen Erfahrungen, Erlebnissen und Eindrücken
- Neigung zu Misstrauen und einer kühlen, kritischen Haltung (Vertrauen und Nachgiebigkeit sind selten festzustellen)
- eine gering erlebte Selbstwirksamkeit in der Elternbeziehung, erleben sich als hilflos und in ihren Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt sowie dem ehemali­gen Partner ausgeliefert
- unflexible Denkstrukturen, Fixierung auf eigene Ansichten und Feindbilder und sind deswegen nicht in der Lage Reaktionen des Ex-Partners zu verstehen oder die Bedürfnisse von Kindern wahrzunehmen (wurde überwiegend bei Vätern festgestellt)
- Wahrnehmungsverzerrungen, ausgeprägtes „Schwarz-Weiß-Denken", Mütter und Väter erleben sich selbst als Opfer
- eingeschränkte Emotionsregulation (negative Gefühle wie Wut, Enttäuschung, Trauer und Hass werden weiter im Konflikt mit dem ehemaligen Partner ausge­tragen) (vgl. Dietrich et al. 2010, S. 13f.)

Fakt ist, wenn die Konflikte der Eltern eskalieren und es zu lang andauernden hochkon­flikthaften Auseinandersetzungen kommt, ergeben sich für die Kinder sehr große Belas­tungen (vgl. Weber 2013, S.180). Diese wiederum haben großen Einfluss auf Situation und Hilfebedarfvon Trennungs- und Scheidungskinder. Gelingt Eltern jedoch trotz inten­siver Konflikte auf der Paarebene, eine gelingende Kommunikation über einen gesicher­ten und kontinuierlichen Umgang, kann das enorm zur Entlastung der Kinder beitragen. (vgl. Dietrich et al. 2010, S. 25)

2.2 Einflussfaktoren im sozialen Umfeld

Da die Eltern (und Geschwister) selbst in den Trennungs- und Scheidungsprozess invol­viert sind, stehen sie im kindlichen Bewältigungsprozess in der Regel kaum zur Verfü­gung. (vgl. Meyer 2014, S. 20) Insbesondere hochkonflikthafte Eltern sind häufig nicht dazu in der Lage, die Situation der Kinder und deren Bedürfnisse angemessen zu berück­sichtigen. (vgl. Weber 2013, S.179) Umso wichtiger ist dementsprechend das soziale Um­feld bei Trennung und Scheidung. „In der Trennungsphase erfolgt ,eine Intensivierung der Beziehungen zu anderen im Leben des Kindes bedeutenden Personen' die Unterstüt­zung leisten können"(Meyer 2014, S. 20). Dazu gehören neben Erwachsenen im erwei­terten Familienkreis oder Lehrerinnen vor allem Freunde und Freundinnen. Eine inten­sive Freundschaft sowie Kontinuität beim Besuch von Kindergarten oder Schule bieten Struktur und Sicherheit.

[...]


1 In dieser Hausarbeit wird in der Regel „Trennung und Scheidung" geschrieben. Dabei sind Trennungen von unverheirateten Paaren einbezogen. Dort wo es relevant ist zwischen Trennung und Scheidung zu unterscheiden z.B. bei rechtlichen Grundlagen wird explizit von Trennung oder Scheidung geschrieben.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Hochstrittige Trennungen und Scheidungen. Berücksichtigung von Kindern in der Erziehungs- und Familienberatung
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
22
Katalognummer
V366394
ISBN (eBook)
9783668447271
ISBN (Buch)
9783668447288
Dateigröße
715 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hochstrittige, trennungen, scheidungen, berücksichtigung, kindern, erziehungs-, familienberatung
Arbeit zitieren
Katharina Hees (Autor), 2017, Hochstrittige Trennungen und Scheidungen. Berücksichtigung von Kindern in der Erziehungs- und Familienberatung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366394

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