Die Kriegskinder des Zweiten Weltkrieges. Ein später "Aufschrei" einer Generation?


Hausarbeit, 2017
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorüberlegungen zur Generationenforschung

3. Die Kriegskinder des Zweiten Weltkrieges
3.1. Akteure und kommunikativer Darstellungsprozess
3.2 Einordnung in den historischen Kontext
3.3 Die Phase des Erwachens
3.4 Referenzrahmen

4. Kritik

5. Schlussfolgerungen

6. Quellen- und Literaturverzeichnis
6.1 Quellen
6.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

„Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“

Kaum ein Satz kann Fortschritt und Wissensweitergabe an die nächste Generation besser ausdrücken als es Goethe in seinem Faust I tat. Das Gegenteil von einer euphemistischen Konnotation in eine Bedeutung bleierner Schwere des subtilen Horrors kann vorliegen, wenn der Empfänger vom Sender einen Rucksack mentaler Ziegelsteine - oftmals ist die Rede von transgenerationaler Weitergabe - vererbt bekommt. Trifft dieses Phänomen auf zahlreiche Menschen einer einzelnen Alterskohorte zu, verkommt der individuelle Rucksack zu einem gesellschaftlichen Ballon, dem es verwehrt bleibt, in die Lüfte zu steigen, um andere Horizonte zu erblicken, sofern man sich aller Gemeinsamkeit untreu bleibt. Wenn Verdrängung, Schweigen und Isolation zu kollektiven Defiziten führt, wobei das Individuum nicht über die eigene Persönlichkeit hinaus blickt, so besteht die Gefahr, prägende Erlebnisse kontextlos als singuläres Ereignis zu verstehen und die Chance einer generationellen Verarbeitung in einem gesellschaftlichen Diskurs verblasst.

So oder so ähnlich könnte ein brennendes pseudo-literarisches Plädoyer für eine Generation aussehen, die in letzter Zeit Hochkonjunktur hat: Die Kriegskindergeneration des Zweiten Weltkrieges.

Doch was bedeutet Generation überhaupt und welche Deutungsmöglichkeiten besitzt dieser sehr allgemeine Begriff? Lassen sich die sogenannten Kriegskinder des Zweiten Weltkrieges beispielsweise als Generation unter geschichtswissenschaftlichen Aspekten bezeichnen? Antworten auf diese Fragen gilt es in der vorliegenden Arbeit zu formulieren. Da der Generationsbegriff immer breitere interdisziplinäre Anwendung findet, wird entgegen der Konvention, der Forschungsstand nicht in der Einleitung, sondern im Laufe der Prüfungsabfolge aufgezeigt. Generationsentwürfe lassen sich, wenn überhaupt, nur sehr selten zusammenhangslos betrachten. Ihr Charakteristikum besteht oftmals in der Abgrenzung zu etablierten Handlungseliten, die Formen von der „Erwachsenenwelt“ oder politischer Manifestationen annehmen können. Eine Generation, die etwas will, etwas verändern möchte sieht ihr Spiegelbild also häufig im Ausdruck der Jugend. So spielt die individuelle Sozialisation durch Elternhaus und Institutionen eine enorme Rolle im Hinblick auf spätere Erlebnis- und Erfahrungshorizonte. Die Generation kann also kein im Kokon reifender, von äußeren Einflüssen isolierter Untersuchungsgegenstand sein, sondern ist immer im historischen Kontext zu betrachten.

Methodisch soll zunächst in Anlehnung an Ulrike Jureits Leitfaden zur analytischen Vorgehensweise die generationelle Selbstthematisierung der Kriegskinder betrachtet werden. Da Jureit die inflationär in Erscheinung tretenden Generationsproklamierungen (Generation X, etc.) als Erzählung versteht, also als Kommunikationsgeschichte, erachte ich ihr Vorgehen als relevant für die Kriegskinder. Der Grund liegt in der beobachtbaren späten „Erweckungsgeschichte“ der Kriegskinder durch (u. a.) gebündelte Literatur und mediale Prozesse. Die Kernthemen Akteure, Referenzrahmen, Objekte und historischer Kontext stehen dabei im Mittelpunkt der Untersuchung. Damit Generationsverortungen den Charakter von nachvollziehbaren Kategorisierungen erhalten, ist es grundsätzlich notwendig, dass man sie möglichst eng verwoben in ein Prüfungskorsett schnürt: „Nur durch eine strenge, vorangehende Analyse der Eigenart all der Komponenten, die […] relevant sind, kann eine solche Fragestellung gelöst werden.“ In einem ersten Schritt sollen in sehr kurzer Form, relevante Begriffe der Generationenforschung, die vom Soziologen Karl Mannheim schulbildend in den Diskurs eingeführt wurden, erklärt werden. Daraufhin gilt es nach Akteur, Referenz, Objekte und Kontext der Kriegskinder zu fragen, um in einem letzten Schritt eine Antwort hinsichtlich ihrer Selbstthematisierung als Generation formulieren zu können:

„Wer artikuliert sich zu welchem Zeitpunkt mit welchen Interessen als generationelle Gemeinschaft und welches Verständnis von Generation wird in der jeweiligen historischen Situation für die Selbstbeschreibung in Anspruch genommen?“

Die Relevanz der Arbeit sehe ich im grundsätzlichen (historischen) Analysebedarf einer Generation, die erst seit wenigen Jahren kollektive Formierungskräfte zeigt sowie die Erinnerungskultur zum Opfer-Täter-Diskurs des Zweiten Weltkrieges modifizieren könnte.

2. Vorüberlegungen zur Generationenforschung

Der Aufsatz über „Das Problem der Generationen“ des Wissenssoziologen Karl Mannheim von 1928 gilt als kanonisch für die Generationenforschung. Generationslagerung, Generationszusammenhang und Generationseinheiten sind die ersten Unterscheidungskriterien, die für eine analytische Generationenforschung von Relevanz sind. Die Generationslagerung versteht zunächst alle Menschen eines Geburtenjahrganges „im selben historisch-sozialen Raume [und] in derselben historischen Lebensgemeinschaft.“ Mannheim hat erkannt, dass nicht jede Generationslagerung, also nicht jeder einzelne Geburtenjahrgang „aus sich heraus neue, ihm angemessene Kollektivimpulse, Formungstendenzen [schafft].“ Ein zentraler Punkt seiner Argumentation besteht aus Generationseinheiten, die sich aus dem Generationszusammenhang emanzipieren, um politisch, gesellschaftlich und kulturell zu wirken. Der Generationszusammenhang ist quasi ein lockeres Identitätscluster von Menschen, „die an den gemeinsamen Schicksalen dieser historisch-sozialen Einheit [partizipieren].“ Mannheims exklusorischer Ansatz wird deutlich, wenn er argumentiert, dass nur die Menschen dem Generationszusammenhang zuordenbar sind, die auch von historischen Ereignissen betroffen, also „prägungsbereit“, sind. Bezogen auf die Kriegskinder müsste dies zunächst bedeuten, dass nur diejenigen sich in einem Generationszusammenhang befinden, die auch vom Krieg unmittelbar betroffen waren. Eine Antwort zur Generation Kriegskinder lässt sich damit noch nicht befriedigend formulieren, weil es grundsätzlich denkbar ist, dass das Kind zwar keinerlei Erlebnisse mit dem Krieg verbindet, aber evtl. der aus dem Krieg zurückkehrende Vater, welcher seine Rolle innerhalb der Familie wieder einnimmt, hochgradigen Einfluss auf das Kind nimmt. Ferner werden historische Ereignisse nicht zwangsläufig homogen aufgenommen und verarbeitet. Um diese Möglichkeiten dialektisch zu fixieren, formulierte Mannheim mit den Generationseinheiten, die ausdifferenzierteste Form von Generationsbedingungen:

„[…] diejenigen Gruppen, die innerhalb desselben Generationszusammenhanges in jeweils verschiedener Weise diese Erlebnisse verarbeiten, bilden jeweils verschiedene ,Generationseinheiten‘ im Rahmen desselben Generationszusammenhanges.“

3. Die Kriegskinder des Zweiten Weltkrieges

3.1. Akteure und kommunikativer Darstellungsprozess

Nachdem Günter Grass mit seinem 2002 erschienen Buch „Im Krebsgang“ vermutlich eine schweigende Mehrheit ansprach, sprießen in den letzten Jahren auffallend zahlreiche literarische Arbeiten ans Tageslicht, die Fragen nach den Verarbeitungen der Kriegserlebnisse innerhalb der Familien, welche geprägt von Flucht und Vertreibung, Bombardierungen und Vergewaltigungen sein können, zum Thema haben. Ein ähnliches Medienecho konnte das Buch „Der Brand – Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945“ von Jörg Friedrich einheimsen. Die öffentlich große Resonanz dieser Bücher sieht Harald Welzer im Kontext der Hochkonjunktur von Generationenromane darin begründet, weil sie „der gefühlten Geschichte der Bundesbürger viel näher stehen als die autoritative Erzählung über die Vernichtung der europäischen Juden und die anderen Verbrechen des Dritten Reichs.“ Nicht selten liegt der Fokus in Büchern über generationelle Selbstverortung auf Erziehungsbildern der Eltern und seelischen Verletzungen des Krieges, die unverarbeitet in den Menschen hausten. Diese oftmals autobiographischen Ansätze drehen sich in der Regel um Traumata, die Heranwachsende während des Zweiten Weltkrieges unbewusst von ihren Eltern und den erlebten Ereignissen übernommen haben und wiederrum an die eigenen Nachkommen weitergeben können. Die Werke werden oftmals mit dem Begriff der „Generation“ in Verbindung gebracht. Auf den ersten Blick scheinen sich „Brüder im Geiste“ nun zusehends zu vernetzen und stellen neben autobiographischen Erlebnissen und Gemeinsamkeiten, auch analoge familiäre Verhaltens- und Erziehungsmuster fest. Als beispielhaft für ein neues Bewusstsein der Kriegskinder steht die Journalistin Sabine Bode, die durch mehrere Publikationen, allen voran mit ihrem 2004 erschienen Buch „Die vergessene Generation – Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen“, die öffentliche Debatte vorantreibt, wobei sie sich schon seit 1996 mit der Thematik auseinandersetzt. Die Notwendigkeit des Diskurses wird von ihr auch zentral zur Sprache gebracht: „Der gegenwärtige öffentliche Diskurs ist wichtig, aber er steht erst am Anfang.“ Der Begriff Generation taucht als Selbstthematisierungseinheit bereits im Titel auf. Zudem stellt der in den 1990er Jahren stattfindende Kosovo-Krieg ein für die Kriegskinder konstituierendes Ereignis dar. Während des Kosovo-Krieges wurden die möglichen psychischen Schäden der Kinder konzise medial diskutiert, so dass die Kriegskinder auch ihre eigenen Kindheiten unter dem Topos möglicher psychischer Folgen ergründeten. Erstmals, in Rekurs auf den Korea- und Vietnamkrieg, wurden die zeitgeschichtlichen Erfahrungen der Kriegsteilnehmer auf posttraumatische Belastungsstörungen untersucht, wobei „weitere Folgen, insbesondere das Ausmaß vorhandener Depressivität, eingeschränkter Lebensqualität […] nicht erforscht [wurden].“ Entsprechend interessiert sich auch die Forschung für die Kriegskinder. Aufgrund mangelnder Erkenntnisse in der Forschung schlägt Hartmut Radebold vor, die Folgen fortan vom Standpunkt der Belastungen, Beschädigungen und Traumatisierungen durch zeitgeschichtliche Erfahrungen zu diskutieren. Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt, das von der Arbeitsgruppe „weltkrieg2kindheiten“ unter der Schirmherrschaft des Zeithistorikers Jürgen Reulecke und dem Alternsforscher sowie Psychoanalytiker Hartmut Radebold initiiert wurde, untersuchte u. a. die Folgen zeitgeschichtlicher Erfahrungen von Kindern des Zweiten Weltkrieges. Die Ergebnisse wurden u. a. in einem Sammelband mit dem Titel „Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten - Interdisziplinäre Studien zur Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen über vier Generationen“ im Jahr 2008 veröffentlicht. Im Jahr 2005 wurde ein erster internationaler Kriegskinderkongress in Frankfurt abgehalten, um erste Forschungsergebnisse auszutauschen. Zusätzlich wurden mehrere Online-Netzwerke gegründet, um im Gleichschritt über Forschung und Lehre zur Kriegskinderthematik informieren zu können. Dem Namen nach schafft das Netzwerk auch die Möglichkeit des kommunikativen Austausches der Kriegskinder untereinander und mit Wissenschaftlern durch Foren oder diverse Tagungen. Medial wurden zudem Dokumentationen über Kriegskinder in den öffentlichen Diskurs mit eingebracht. Die Erkenntnisse über transgenerationale Weitergaben führten auch dazu, dass die Kriegskinder nicht ausschließlich im Leuchtkegel des Forschungsinteresses standen, sondern um die Kategorie der sogenannten Kriegsenkel, also die Kinder der Kriegskinder, ausgeweitet wurde. In vielfacher Anzahl entstanden sogenannte Kriegsenkel-Gruppen, wobei sich Menschen über die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges, bezogen auf ihr eigenes Leben, verständigten. Das Phänomen der Transgenerationalität beschreibt die Weitergabe psychisch nichtverarbeiteter Erlebnisse, die traumatischen Charakter besitzen, von der Person die unmittelbar von den Ereignissen geprägt wurde an dessen Nachkommen, ohne dass diese einen direkten Zugang zum traumatischen Erlebnis haben können. Eindrucksvoll wurde diese Transgenerationalität unter dem Gesichtspunkt traumatischer Kriegserfahrungen bei Kindern und Enkeln der Holocaust-Überlebenden in den 1960er Jahren nachgewiesen.

3.2 Einordnung in den historischen Kontext

Eine historische Einordnung der Kriegskinder lohnt zunächst aus der Perspektive der politischen Generationen des 20. Jahrhunderts vorzunehmen. Politische Generationen sind hierfür geeignet, da sie zunächst als Struktureinheit behilflich sind, um die Geschichte des 20. Jahrhunderts grob zu ordnen. Hinsichtlich ihres strukturgebenden Charakters legen sie ihren Fokus, entgegen anderer Generationstheorien, auf Schlüsselereignisse, dessen Folgen einen Einfluss auf zukünftige Gesellschaftsmuster begründen. Des Weiteren besitzt das Konstrukt Generation als Handlungseinheit Autoritätsmöglichkeiten, um politische Einflussnahme zu erlangen. Die Kriegskinder befinden sich zeitlich teilweise verortet in der politischen Generation der sogenannten „45er“. Der Kunstbegriff „Generation“ kann stets zu Unschärfen im Hinblick auf vorzunehmende Zuordnungen von Menschen einer Alterskohorte, also eines bestimmten Geburtenparadigmas, führen. Auch Bode ist sich über die Problematik der Kohortenzuschreibungen und deren Unmöglichkeit von Vollkommenheit bewusst. In Ihrem Buch entschied sie sich aus Gründen der Übersichtlichkeit, eine komprimiertere Alterskohorte zu untersuchen als es beispielsweise die Forschungsgruppe um Reulecke und Radebold tat. Zuschreibungen zu Alterskohorten besitzen immer einen ambivalenten Charakter: Sie sind sowohl inklusorisch als auch exklusorisch.

Nach Herbert gelten für die „45er“ die Geburtenjahrgänge zwischen 1925 und 1935 als maßgebend. Diese Generation ist wiederum nur die Essenz mehrerer gleich- oder ähnlich gelagerter Generationen, „die allesamt bestimmte Interessen ausdrückten.“ Mannheim beschreibt sogar erste prägungsanalytische Ansätze mit transgenerationalen Charakter, die er als „Phänomen der Kontinuierlichkeit im Generationswechsel“ beschreibt:

„Im Prozeß dieses rückwirkenden Ausgleichs stehen zunächst nicht älteste und jüngste Generationen, sondern die einander näherstehenden ,Zwischengenerationen‘ sich gegenüber. Die sind es, die einander in erster Reihe beeinflussen.“

Demnach ist für die Generationenforschung die Analyse evtl. prägender Vorgängergenerationen von Relevanz. Somit erweitert sich die vorzunehmende Kontextualisierung auch auf den Blick der Vorgängergenerationen der Kriegskinder, also deren Eltern, die selbst Kriegskinder des Ersten Weltkrieges waren. Für die „45er“ Generation stellt Herbert fest, dass die Vertreter dieser Generation aufgrund ihrer Prägung im Kindes- und Jugendalter eine Aversion gegen politische Ideologien entwickelten - skeptisches und pragmatisches Handeln sowie eine pro-westliche Einstellung galten dabei als Orientierung. Oder auch nach Lutz Niethammer hätten die Kriegskinder als politische Jugendgeneration „in systemsprengender Weise […] Protestbewegungen von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung hervorgebracht.“ Daher verorteten sich die Kriegskinder am Ende des Zweiten Weltkrieges eher in der „45er“ Generation und wirkten u. a. an der Konsolidierung des bundesrepublikanischen Demokratisierungsvorgangs elementar mit. Nicht ohne Grund beschreibt Ulrich Herbert die „45er“ als Träger der Demokratie und analysiert Generationalität unter politischen Gesichtspunkten. Jedoch ist die Zuordnung der Kriegskinder zu der „45er“ Generation als relativ anzusehen, da die Kriegskinder ihre Originalität nicht oder nur selten mit den Inhalten der „45er“ oder einer anderen Generation in Verbindung bringen. Im Grunde haben sie damit im Punkt der Alterskohorte sogar Recht. In dem Sinne partizipieren sie auch an der „68er“ Generation.

Jureit attestiert dem Generationenbegriff lediglich eine mittlere Reichweite, da die Identifikation und Selbstthematisierung einer Generation von veränderbaren kulturellen Parametern abhinge. Die Identifikation mit einer Generation muss nicht auf ewig Bestand haben. Da generationelle Narrative dem Einzelnen ein Zugehörigkeitsgefühl in einer globalisierten Welt zu einer bestimmten Gemeinschaft vermitteln, hilft es den Menschen dabei, nicht in der Masse unterzugehen. Die Motivation der Kriegskinder steht nicht in der Traditionslinie politischer Generationen, sondern deren Verständnis und Handlungsinteressen basieren auf Ergründung direkter und indirekter Prägungen durch Erlebnisse des Krieges, die wiederum die individuellen Lebensgeschichten beeinflussten. Daher stellen sie zunächst eine erinnerungskulturelle Interessengemeinschaft sui generis dar. Das Bewusstsein der Kriegskinder rekurriert also nicht auf das historische Ereignis des Krieges in Verbindung mit den sich daraus neu formierenden Gesellschaftssystem in der BRD oder DDR, sondern ihr Verständnis von Generation bildet sich retrospektivisch auf der Grundlage der zentralen Frage nach der Interpretation späterer Umstände, Situationen und Ereignisse durch die Erlebnisse während der eigenen Kindheit, damit in der Gegenwart das eigene Gepäck – das kulturelle Kapital – verständlich wird.

Vorweg sei gesagt, dass der Diskurs um den Generationenbegriff unabschließbar ist, da es „ein in hohem Maße unspezifizierter Begriff [ist], so daß man alles damit assoziieren kann.“ Folgt man Lepsius‘ dreiteiliger Kategorisierung der Generationenforschung, findet für die Kriegskinder und deren Elterngeneration, die Michael Wild als Generation des Unbedingten bezeichnet, die geschichtliche und soziologische Biographieforschung Anwendung, weil „das Individuum nicht in seinem Verhältnis zu den sozialstrukturellen Einflussgrößen untersucht [wird], sondern zu seinen individuell verarbeiteten Erlebnissen […].“ Lepsius erteilt beispielsweise dem Wohlfahrtsstaat als Generationenmodell eine Absage, da es den Angehörigen des Modells an fundamentalen Verarbeitungs- und Bewältigungsherausforderungen mangeln würde. Im starken Kontrast stünden eben die Kriegskinder, die an den Kriegshandlungen zwar in der Regel keine Teilhabe hatten, jedoch in der Nachkriegszeit, die Kindheitserlebnisse „als einen imaginierten Erlebnisraum [aufbauen], aus dem heraus sie eine imaginierte Selbstindividuation erzeugen.“ Dies war eben notwendig, da die Erlebnisse tiefgreifende Spuren im Gedächtnis der Kinder hinterließen. In gleicher Weise wirkte der ins heroisch verkehrte Mythos nach dem Ersten Weltkrieg durch die Frontkämpfergeneration auf die Elterngeneration des Zweiten Weltkrieges, so dass wie Wildt es beschreibt, die Generation des „Unbedingten“ die Zukunft besser und unter Eigenregie gestalten möchte. Dieses Beispiel zeigt zudem den bereits angedeuteten retrospektivischen Charakter von Generation und soll u. a., neben der historischen Kontextualisierung der Kriegskinder, die Modifizierung des Mannheimschen Konzepts verständlich machen. Es wird deutlich, dass Generationen auch im Nachhinein des eigentlich geschehenen Ereignisses, hier die Frontkämpfergeneration im Ersten Weltkrieg, zu Generationen konstruiert werden können. An dieser Stelle sei auf die große Anzahl möglicher Kommunikations- und Tradierungskonstrukte von Generation hingewiesen. Generationelle Erzählmuster können in vier Gruppen eingeteilt werden: „Generation als Argument, als Mythos, als Auftrag und als Konstrukt.“ Der Konzipierung folgend, kann also die Frontkämpfergeneration zur kategorialen Generationserzählung des Mythos zugeordnet werden:

[...]


Goethe, Faust I, Nacht.

Vgl. Jureit, Generationenforschung, S. 87.

Mannheim, Problem der Generationen, S. 565; vgl. Lepsius, Kritische Anmerkungen, S. 52.

Jureit, Generationenforschung, S. 127.

Mannheim, Problem der Generationen, S. 542.

Ebd., S. 550.

Ebd., S. 542.

Vgl. ebd., S. 543.

Ebd., S. 544.

Beispielhafte Veröffentlichungen zu Kriegskindern: Bode, Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen (2004), Hirsch, Schweres Gepäck. Flucht und Vertreibung als Lebensthema (2004), Lorenz, Kriegskinder. Das Schicksal einer Generation (2003).

Welzer, Schön unscharf, S. 53.

Bode, Die vergessene Generation, S. 268. Sie nennt diese Notwendigkeit hier im Kontext der zeitgeschichtlichen Erfahrungen des Luftkrieges.

Siehe dazu z. B. Stephan, „Ich würde gerne ein Friedensstifter sein“, http://www.spiegel.de/politik/ausland/kriegskinder-ich-wuerde-gerne-ein-friedensstifter-sein-a-16871.html.

Ewers, Täter und Enkel, S. 130 ff.

Vgl. ebd.

Vgl. Einleitung von Transgenerationale Weitergabe kriegsbedingter Kindheiten.

Vgl. Radebold, Kriegskindheiten, S. 7.

Repräsentative Netzwerke sind: www.kriegskinder-verein.de, www.kriegskindheit.de, www.kriegsenkel.de.

Vgl. Radebold, Kriegsbedingte Kindheiten und Jugendzeit, S. 53.

Vgl. Bode, Nebelkinder, S. 8; Keseling, Wie der Zweite Weltkrieg die Enkelgeneration beeinflusst, http://www.morgenpost.de/kultur/article114577978/Wie-der-Zweite-Weltkrieg-die-Enkelgeneration-beeinflusst.html.

Vgl. Moré, Die unbewusste Weitergabe von Traumata, https://www.journal-fuer-psychologie.de/index.php/jfp/article/view/268/310.

Vgl. Jureit, Generationenforschung, S. 127.

Vgl. Bode, Die vergessene Generation, S. 16 f.

Vgl. Herbert, Drei politische Generationen, S. 102.

Ebd. Dazu zählen u. a. die Generationen der Flakhelfer, Hitler-Jugend und die skeptische Generation nach Helmut Schelsky.

Mannheim, Problem der Generationen, S.540.

Vgl. Herbert, Drei politische Generationen, S. 113.

Niethammer, Sind Generationen identisch?, S. 3. Er bezieht alle Kriegskinder (Erster und Zweiter Weltkrieg) mit ein und subsumiert sie unter den Begriff der Kriegsfolgegenerationen.

Vgl. Herbert, Drei politische Generationen, S. 107f.

Vgl. Jureit, Generationenforschung, S. 125.

Lepsius, Kritische Anmerkungen, S. 47.

Wildt, Generation des Unbedingten. S. 846 ff.

Lepsius, Kritische Anmerkungen, S. 48.

Ebd.

Vgl. Wildt, Generation des Unbedingten, S. 848.

Bohnenkamp (et al.), Argument, Mythos, Auftrag und Konstrukt, S. 10.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Kriegskinder des Zweiten Weltkrieges. Ein später "Aufschrei" einer Generation?
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Geschichte)
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
21
Katalognummer
V367933
ISBN (eBook)
9783668463097
ISBN (Buch)
9783668463103
Dateigröße
810 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kriegskinder, Kriegsgeneration, Generationenforschung, Zweiter Weltkrieg
Arbeit zitieren
Peter Becker (Autor), 2017, Die Kriegskinder des Zweiten Weltkrieges. Ein später "Aufschrei" einer Generation?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/367933

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