Islamische Seelsorge in Altenheimen. Notwendigkeit, Ablehnung und Aufgabenfelder


Essay, 2017
7 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Notwendigkeit der seelsorgerischen Begleitung für ältere Menschen

3. Ablehnung der professionellen Altenhilfe seitens der muslimischen Migranten

4. Aufgabenfelder der islamischen Altenseelsorge

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Und entschieden hat dein Herr: ‚Ihr sollt Ihm dienen nur, und behandelt die Eltern gut! Wenn einer oder beide bei dir alt geworden, so sage nicht zu ihnen ‚Pfui!‘ und fahre sie nicht an, sondern sprich zu ihnen Worte, edle! Und senke für sie den Flügel der Demut in Barmherzigkeit und sag: ‘Mein Herr, erbarme Dich ihrer, wie sie mich aufgezogen, als ich klein war!‘‘“ (Koran 17:23,24)[1]

Viele Muslime entnehmen diesen Koranversen die religiöse Vorschrift, ihre Eltern und Verwandten mit Respekt und Fürsorge zu behandeln, wozu auch die Pflege der Eltern im vorangeschrittenen Alter gezählt wird. Obwohl viele der älteren Menschen ein Recht darauf haben, in Altenheimen zu wohnen oder in vollstationären Pflegeheimen aufgenommen zu werden, scheuen sich die meisten muslimischen Migrantenfamilien davor, von diesem Recht Gebrauch zu machen. Sie ziehen es vor, selbst die Pflege und seelsorgerische Betreuung ihrer Eltern zu übernehmen.

Im Rahmen dieser Arbeit soll sich dieser Thematik gewidmet, indem unter dem Titel „Islamische Seelsorge in Altenheimen“ folgende Aspekte behandelt werden: Zunächst wird dargelegt, weshalb eine seelsorgerische Begleitung für ältere Menschen notwendig ist. Anschließend werden Gründe aufgeführt, die dazu führen, dass eine professionelle Altenhilfe seitens der muslimischen Migranten abgelehnt wird. Schließlich folgt eine Ausführung der unterschiedlichen Aufgabenfelder der islamischen Altenhilfe.

2. Notwendigkeit der seelsorgerischen Begleitung für ältere Menschen

Angesichts der Lebensumstände der älteren Menschen ergibt sich die Notwendigkeit einer seelsorgerischen Begleitung. Unter anderem werden diese Umstände durch das voranschreitende Alter und den damit einhergehenden gesundheitlichen Problemen bestimmt. Bei Migranten, die jahrelang schwierigeren, gesundheitsgefährdenden, wenig bezahlten und früher zur Verschleiß- und Arbeitsunfähigkeit führenden Arbeiten nachgegangen sind, kann dies sogar zur Pflegebedürftigkeit führen. Da die altersbedingte Schwäche für ältere Menschen ein ungewohnter Zustand ist, empfinden sie sich oft als Last. Deshalb brauchen sie Halt und Trost. Ein weiterer Faktor, der die Lebensumstände von älteren Menschen bestimmt, ist der Ruhestand. Die Krankheiten auf der einen Seite und die zusätzliche Zeit wegen der fehlenden Arbeit auf der anderen Seite veranlassen Rentner dazu, oft an den Tod und an das Leben im Jenseits zu denken. Sie wünschen sich, Antworten auf ihre Fragen zu finden und ihr Seelenheil zu erlangen. Dies kann durch eine seelsorgerische Betreuung gewährleistet werden. Meistens übernehmen Familienmitglieder und nahe Verwandte diese Aufgabe. Jedoch sind diese allzu oft nicht greifbar, da sie nicht immer an der Seite der Betroffenen sein können. Deshalb bedarf es einer professionellen seelsorgerischen Begleitung für ältere Menschen.[2]

3. Ablehnung der professionellen Altenhilfe seitens der muslimischen Migranten

Kurt legt in seinem Aufsatz dar, dass circa 12.800 Muslime über 65 Jahre in vollstationären Pflegeheimen leben müssten. Jedoch würden anspruchsberechtigte muslimische Migranten nur im geringen Maße ihren Anspruch auf Hilfeleistungen der Pflegeversicherung geltend machen. Der Autor legt vier Gründe für die Ablehnung der professionellen Altenhilfe dar.[3]

Zum einen würden mangelnde Kenntnisse dazu führen, dass die Altenhilfe als eine Säule des deutschen Sozialsystems nicht bekannt wäre. Weiterhin bestünden historische und familiäre Barrieren, die sich darin kennzeichnen, dass man aufgrund der Migration zuvor mit der Problematik der Altenhilfe nicht konfrontiert gewesen wäre. Dadurch hätte man die Kultur der Altenhilfe in der Familie nicht weiterentwickelt können. Als dritten Grund gibt Kurt die sprachliche Barriere an. Für viele betroffene Migranten seien Informationsmaterialien nicht verständlich. Schließlich seien religiöse und kulturelle Barrieren Gründe für die Ablehnung der professionellen Altenhilfe. Ausgehend von den Versen 23 und 24 der Sura 17 betrachten es muslimische Familien als ihre religiöse Pflicht, sich um das Wohlergehen der Eltern bzw. Verwandten zu kümmern. Trotz einer Überforderung der Familienmitglieder komme das vollstationäre Pflegeheim nicht in Frage, da man Angst davor habe, vorgeworfen zu bekommen, für das Privatvergnügen die Eltern in ein Pflegeheim abgeschoben zu haben. Kurt betont jedoch, dass es besser sei, die Pflege Spezialisten zu überlassen, wenn man sie nicht fach- oder sachgerecht erfolgen kann.[4]

4. Aufgabenfelder der islamischen Altenseelsorge

Kurt betont, dass die islamische Altenseelsorge den besonderen Lebenslagen älterer Menschen gerecht werden muss, und führt die Aufgabenfelder und die damit verbundenen Herausforderungen auf. Um einen besseren Halt bei Älteren zu gewährleisten, könne der Glaube mithilfe von Geschichten aus den heiligen Büchern gestärkt werden.[5] Ein Beispiel hierfür wäre die Geschichte des Propheten Yusuf, die verdeutlicht, dass sich viel Geduld und die Hoffnung an Allah auszahlen. Weiterhin sei es wichtig, ältere Menschen auf die Zeit nach dem Tod vorzubereiten, da sie diesbezüglich Ängste und Sorgen haben. Zudem könne die körperliche Schwäche durch geistige Stärke kompensiert werden, indem ein seelischer Beistand erfolgt. Die fehlende Nützlichkeit, die ältere Menschen oft empfinden, könne überwunden werden, indem die Älteren ihre Erfahrungen und ihr Wissen an Jüngere weitergeben. Dies hätte zudem einen Synergieeffekt bei der neuen Generation. Schließlich könne die islamische Altenseelsorge bei der Sinnsuche für ein erfülltes Leben helfen.[6]

Bei Menschen, deren gesundheitlicher Zustand sehr angeschlagen und ihre kognitive Fähigkeit sehr eingeschränkt ist, ist ein verbales Gespräch nicht sinnvoll. In diesem Fall sind fürsorgliche Gespräche gefragt, in denen die Betroffenen über ihre Sorgen und Ängste sprechen können. Möglicherweise ist es notwendig, dass der Seelsorger diese an ihrem Bett besucht, Augenkontakt sucht und ihre Hände hält. Ein weiterer Aspekt der islamischen Altenseelsorge ist die spirituelle Koranrezitation, die eine beruhigende und seelenheilende Wirkung hat. Die Begleitung des Sterbeprozesses ist ein weiteres Aufgabenfeld der Seelsorger. Hierbei sind die Sterbenden auf die rechte Seite und ihr Gesicht in Richtung Mekka zu drehen sowie die Sura Yasin zu rezitieren. Neben der seelsorgerischen Begleitung der Betroffenen sind auch die die Angehörigen und pflegenden Familienmitglieder seelsorgerisch zu unterstützen. Da diese oft ihre gesundheitliche und psychisch-moralische Grenze erreichen ist eine religiöse und seelsorgerliche Betreuung notwendig.[7] Kurt weist darauf hin, dass man den pflegenden Familienmitgliedern nahe bringen müsse, dass es keine Sünde sei, die Pflege der Eltern an professionelle Hände abzugeben, und dass man damit im Sinne der religiösen Grundsätze handle. Wenn man das Wohlergehen ihres älteren Familienmitgliedes nicht gewährleisten könne, sei es eine kluge Entscheidung, die Aufgabe Experten zu übergeben. Um diese Überzeugungsarbeit leisten zu können, wären Mitarbeiter notwendig, die sich in die Gefühlslage der Familien versetzen können. Hierfür würden sich am besten erfahrene Muslime aus der Community eignen.[8]

Als ein Beispiel für ein Altenheim, das islamische Seelsorge anbietet, soll an dieser das Interkulturelle Altenhilfezentrum Victor-Gollancz-Haus erwähnt werden. Dort hat man das Problem der sprachlichen und kulturellen Barriere erkannte, weshalb man anfing, Informationsveranstaltungen durch Mitarbeiter der muslimischen Organisationen anzubieten. Da Gemeinden und die Kulturvereine die wichtigen Anlaufstellen für ältere Muslime seien, habe man so Zugangsbarrieren abbauen können. Das Konzept des Victor-Gollancz-Hauses besteht aus folgenden Angeboten: ein Halal-Menü, muttersprachliche Mitarbeiter in der Pflege und Betreuung, mutterschliche(s) Fernsehen und Zeitung, die Einhaltung des religions- und kulturbedingten Schamgefühls, ein muslimischer Gebetsraum, die Kooperation mit den muslimischen Gemeinden und der regelmäßige Besuch durch den Imam.[9]

[...]


[1] Übersetzung nach Ahmad Milad Karimi: Der Koran, Freiburg/Basel/Wien 2009, S. 230.

[2] Vgl. Hüseyin Kurt: Muslime in Altersheimen mit besonderer Berücksichtigung der altenseelsorgerischen Betreuung, in: Islamische Seelsorge zwischen Herkunft und Zukunft. Von der theologischen Grundlegung zur Praxis in Deutschland, hrsg. von Bülent Ucar und Martina Blasberg-Kuhnke, Frankfurt am Main 2013, S. 133.

[3] Ebd., S. 126f.

[4] Ebd., S. 127f.

[5] Kurt: Muslime in Altersheimen, S. 133f.

[6] Ebd., S. 134.

[7] Ebd., S. 135f.

[8] Kurt: Muslime in Altersheimen, S. 135.

[9] Vgl. Ebd., 130-132.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Islamische Seelsorge in Altenheimen. Notwendigkeit, Ablehnung und Aufgabenfelder
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Zentrum für Islamische Theologie)
Veranstaltung
Islamische Seelsorge
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
7
Katalognummer
V367989
ISBN (eBook)
9783668464674
Dateigröße
753 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Islamische Seelsorge, Seelsorge, Altenheim, muslimische Senioren
Arbeit zitieren
Esra Kocaman (Autor), 2017, Islamische Seelsorge in Altenheimen. Notwendigkeit, Ablehnung und Aufgabenfelder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/367989

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