Was ist Interpretation? Literaturwissenschaft als Schnittstelle zwischen Linguistik und Philosophie

Ein Ansatz zur Definition des Interpretationsbegriffes


Hausarbeit, 2017

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Interpretationsbegriff in der Literaturwissenschaft 2

3. Blick auf andere Wissenschaften zur Begriffsklärung 5
3.1 Semiotische Ansätze in der Linguistik 5
3.2 Erkenntnistheoretische Ansätze in der Philosophie 8

4. Zusammenfassung und Ausblick 12

5. Literaturverzeichnis 15

1. Einleitung

In Goethes berühmten Gedicht Heidenröslein, [1] so lernt man bereits in der Schule, steht das Röslein für ein Mädchen. Die Rose kann als etwas anderes als eine Blume interpre- tiert werden.

Die Literaturwissenschaft beschäftigt sich mit Literatur, indem sie - unter anderem - Texte interpretiert.

An diesem Satz scheint zunächst nichts Problematisches. Doch hat man den Untersu- chungsgegenstand Literatur erst einmal definiert, stellen sich bald schon weitere Fragen: Wie lassen sich die Texte beschreiben? Wie sollen wir uns am besten mit Literatur aus- einandersetzen? Was ist eine Werkbedeutung? Wie wichtig ist die Autorintention? Vom Ansatz der Narratologie bis zur Diskursanalyse geben uns diese Theorien die un- terschiedlichsten Antworten auf Fragen rund um Interpretation, Werkbedeutung und Au- torintention.

Zuvor ist aber die Ausgangslage zu klären: Was genau ist eigentlich Interpretation?

Diesem allgemeinen methodischen Ansatz, nämlich zunächst die Voraussetzung des Denkens beziehungsweise des Sprachgebrauchs zu klären, wird wenig Beachtung geschenkt, wenn man glaubt, die intuitive Vorstellung des Begriffes reiche aus. Bei näherem Nachdenken über die Definition treten schon die ersten Schwierigkeiten auf: Wie lässt sich Interpretieren von Verstehen abgrenzen? Gebrauchen wir den Begriff in der Alltagssprache anders als in der Literaturwissenschaft? Weshalb sind einige Interpretationen besser als andere und was macht eine gute Interpretation aus?

Genau diesen Fragen möchte diese Arbeit nachgehen. Die Antworten könnten hilfreich bei den weiteren Untersuchungen in den jeweiligen Interpretationstheorien sein; um he- rauszufinden, wie man interpretiert, ist es nützlich zu wissen, was diese Tätigkeit bein- haltet. Die Frage nach dem Ziel von Interpretationen kann in diesem Rahmen nicht be- handelt werden. - Es soll nicht darum gehen, herauszufinden, ob es eine Werkbedeutung gibt, sondern vielmehr, was wir eigentlich genau tun, wenn wir interpretieren und ob zwischen einem Interpretieren im Alltag und in der Wissenschaft unterschieden werden muss.

Zunächst ist aufzuzeigen, dass der Begriff gerade in der Literaturwissenschaft proble- matisch ist: Es lassen sich weder differenzierte Antworten auf die Frage nach einer De- finition von dem Interpretationsbegriff finden, noch darauf, was eine gute Interpretation ausmacht.

Zur Klärung dieser Fragen betrachten wir in einem ersten Schritt die Semiotik als Teil- gebiet der Linguistik. Diese beschäftigt sich mit Zeichen und ihrer Bedeutung und es liegt nahe, dass hier Antworten auf die Frage gefunden werden können, was Interpreta- tion ist.

Ist dies geklärt, bleibt die Frage nach einer guten Interpretation offen. Wie dieses „Gute“ aussieht und wie wir es für Interpretationen nützlich machen können, kann die Philosophie beantworten. Hierzu betrachten wir die Disziplin der Logik mit ihren Konzepten zum Wesen von Schlussfolgerungen.

Zusammengefasst ist es das Ziel dieser Arbeit, den Interpretationsbegriff genauer zu be- stimmen, um sich dieses Wissen für die Reflexion in der Literaturtheorie nützlich zu machen. Hierbei sollen die Instrumente der Linguistik und der Philosophie helfen.

2. Der Interpretationsbegriff in der Literaturwissenschaft

Dieses Kapitel zeigt, wie problematisch der Interpretationsbegriff in der Literaturwis- senschaft ist. Die Fragen, inwiefern sich interpretieren von verstehen unterscheidet und inwiefern sich Alltags- und Wissenschaftssprache unterscheiden, stehen hierbei im Mit- telpunkt.

Die Frage, wie der Leser zu einem angemessenen Textverständnis kommt, was unter einem angemessenen Textverständnis zu verstehen ist und was überhaupt verstanden wird, ist in der hermeneutischen Tradition kaum diskutiert worden.[2]

Nicht nur in der Hermeneutik - der schon seit der Antike existierenden Theorie des Verstehens - sondern auch in der Literaturwissenschaft stellt sich dieses Problem. Unklarheiten gibt es hier nicht nur bei der genauen Definition von (Text-)Verständnis sondern auch von Interpretation. Dies wird an der Gegenüberstellung der Einträge zweier literaturwissenschaftlicher Lexika deutlich:

Interpretation, f. [LAT. = Erklärung, Auslegung], 1. geistige und sprachliche Operation, die einem aus Zeichen bestehenden oder als zeichenhaft aufgefassten Gegenstand Bedeutungen zuweist; 2. ein zusammenhängendes Resultat oder Produkt mehrerer solcher Operationen. - Im Unterschied zum Verstehen, das sich unwillkürlich einstellt, ist die I. eine willentlich gesteuerte Operation.[3] Während Zabka die Interpretation also einerseits als Operation, andererseits als Resultat beschreibt und das Verstehen klar von ihr abgrenzt, definiert Spree die Interpretation als ein „[i]n der Literaturwissenschaft […] methodisch herbeigeführte[s] Resultat des Verstehens.“[4]

Spätestens hier wird deutlich, dass der Frage nach dem Verhältnis von Interpretation zu Verständnis nachgegangen werden sollte. Gibt es überhaupt einen Unterschied? Gibt es womöglich mehrere Arten des Interpretierens beziehungsweise des Verstehens? Der Verstehensbegriff bringt zunächst weniger Probleme mit sich und wird in unterschiedlichen Lexika ähnlich definiert:

Verstehen, geistiger Vorgang, bei dem einzelne oder zusammenhängende Zeichen, Äußerungen oder Handlungen für ein wahrnehmbares Subjekt Bedeutung erhalten.[5]

Vergleicht man Zabkas ersten Punkt der Definition von Interpretation mit der des Ver- stehens, könnte man bereits hier zu dem Schluss kommen, dass es keinen Unterschied zwischen Verstehen und Interpretation gibt. Häufig werden die Begriffe auch in litera- turwissenschaftlichen Texten synonym oder zumindest ohne weitere Differenzierung verwendet. Intuitiv würden wir dem wohl allerdings widersprechen. In der Alltagssprache benutzen wir das Verb interpretieren, wenn wir „mehr“ als verste- hen meinen. Doch wie sieht dieses Mehr aus? Im Alltag könnte man auf folgende Be- hauptung stoßen: Wenn mit einem Satz auch die wörtliche Bedeutung gemeint ist, muss man ihn nicht interpretieren. Wenn etwa durch die Aussage „Heute scheint die Sonne“ ausgedrückt werden soll, dass die Sonne scheint, so würde man wahrscheinlich behaup- ten, dieser Satz sei nicht weiter zu interpretieren. Doch was ist, wenn es draußen regnet? Dann müssten wir diesen Satz als ironisch interpretieren. Doch wieso wird dieser Satz in der einen Situation verstanden, in einer anderen interpretiert?

[...]


1 Goethe, Johann Wolfang: Heidenröslein. In: Trunz, Erich (Hg.): Goethes Werke. Bd 1. 16. durchgesehene Aufl. München: Beck 1981, S. 78. Hieraus wurde ebenfalls das Zitat im Titel übernommen.

2 Brenner, Peter J.: Das Problem der Interpretation. Eine Einführung in die Grundlagen der Literaturwissenschaft. Tübingen: Max Niemeyer 1988, S. 101.

3 Zabka, Thomas: Interpretation. In: Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. 3., völlig neu bearbeitete Aufl. Stuttgart: Metzler 2007, S. 356.

4 Spree, Axel: Interpretation. In: Reallexikon der Literaturwissenschaft Band 2. 3. Aufl. Berlin: de Gruyter 2000, S. 168.

5 Zabka, Thomas: Verstehen. In: Metzler Lexikon Literatur 2007, S. 807.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Was ist Interpretation? Literaturwissenschaft als Schnittstelle zwischen Linguistik und Philosophie
Untertitel
Ein Ansatz zur Definition des Interpretationsbegriffes
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V368204
ISBN (eBook)
9783668467194
ISBN (Buch)
9783668467200
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interpretation, semiotik, abduktion, zeichen, verstehen, literatur, literaturwissenschaft, linguistik, philosophie, definiton interpretation
Arbeit zitieren
Teresa Di Geronimo (Autor), 2017, Was ist Interpretation? Literaturwissenschaft als Schnittstelle zwischen Linguistik und Philosophie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368204

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