Das Übersetzungsphänomen Gérondif. Eine Untersuchung für die Sprachrichtung Deutsch-Französisch


Bachelorarbeit, 2016
83 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das französische Gérondif
2.1 Stand der Forschung
2.2 Gérondif vs. Participe Présent
2.3 Morphologische Besonderheiten des Gérondif
2.4 Syntaktische Besonderheiten des Gérondif
2.5 Semantisch-funktionale Besonderheiten des Gérondif
2.6 Das Gérondif mit tout

3. Wiedergabemöglichkeiten des Gérondif im Deutschen

4. Korpusanalyse
4.1 Das einfache Gérondif
4.1.1 Hypotaktische Struktur
4.1.2 Präposition allein oder Präpositionalphrase
4.1.3 Nominalsyntagma in Verbindung mit einer Präposition
4.1.4 Parataktische Struktur
4.1.5 Finites Verb (in Verbindung mit einem Adverbial)
4.1.6 Adverb
4.1.7 Partizip
4.1.8 Konnektivpartikel
4.1.9 Auslassung und kontextuell bedingte Sonderfälle
4.2 Das Gérondif mit tout

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

Das Gérondif ist eine typisch französische Konstruktion, die in dieser Form weder in den germanischen oder in den romanischen Sprachen noch im Lateinischen ein direktes Äquivalent aufweist (vgl. Halmøy 2003a: 3). Laut Halmøy (2003a: 9) ist das Gérondifune forme omniprésente, que l’on emploie dans toutes les situations et dans tous les contextes, et dont il est difficile de se passer. “ Tatsächlich handelt es sich bei dieser Konstruktion um eine durchaus geläufige, häufig auftauchende grammatische Struktur, die sowohl in der gesprochenen als auch in der geschriebenen Sprache vorkommt (vgl. Klein/Kleineidam 2013: 249). Deshalb stellt das Gérondif ein immer wiederkehrendes Übersetzungsproblem und ein dadurch resultierendes übersetzungsmethodisch relevantes Thema dar.

Die vorliegende Arbeit möchte einen Beitrag zur Übersetzungswissenschaft sowie zur kontrastiven Linguistik für das Sprachenpaar Französisch-Deutsch leisten. Dabei soll der Schwerpunkt nun auf Strukturen im Deutschen gesetzt werden, die bei der Übersetzung ins Französische zu einer Wiedergabe der Gérondifform führen. Bisher wurden in den meisten Untersuchungen französische Ausgangstexte verwendet und dann daraufhin untersucht, wie die Gérondifkonstruktion im Deutschen wiedergegeben wurde. Dabei sind unterschiedliche Übersetzungsvarianten analysiert worden. Es gilt nun herauszufinden, ob diese möglichen Übersetzungslösungen für die umgekehrte Sprachrichtung als sogenannte Auslöserstruktur fungieren können oder ob dabei auf andere Strukturen zurückgegriffen wird.

Auf der Basis des momentanen Stands der Forschung sowie einiger theoretischer Grundlagen, insbesondere zu den semantisch-funktionalen Aspekten der Gérondifstruktur (2), soll dann im Anschluss auf die bisherigen Forschungsergebnisse zum Gérondif von Wienen, Wissel, Kamm und Palgen bei der Übersetzung ins Deutsche eingegangen werden (3). Danach soll mittels dieser aufgezeigten Übersetzungsvarianten eine Art erstes Untersuchungsraster für die Auslöserstrukturen im Deutschen erstellt werden, welches dann in der anschließenden Korpusanalyse (4) erweitert werden soll. Untersucht werden 200 Gérondifkonstruktionen, die anhand einer Programmierungslösung aus dem Europarl Corpus extrahiert werden konnten. Dabei wurde nur die Sprachrichtung Französisch-Deutsch berücksichtigt.

2. Das französische Gérondif

2.1 Stand der Forschung

Beim Vergleich herangezogener Grammatiken fällt doch sehr häufig auf, dass das Gérondif und das Participe Présent nicht selten in einem Kapitel zusammen abgehandelt werden. Zuweilen wird zusätzlich noch ein Vergleich zum Adjectiv verbal angestellt (vgl. Klein/Kleineidam 2013: 248f.). In der Tat bereitet das Gérondif und seine Abgrenzung zum Participe Présent und zum Adjectif Verbal einem Nicht-Frankophonen erheblich mehr Probleme als einem Muttersprachler (vgl. Wissel 2007: 6). Im Laufe des letzten Jahrhunderts konnte immer wieder festgestellt werden, dass auch in der Fachliteratur kein einheitlicher Konsens hinsichtlich dieser drei Formen auf -ant gefunden worden ist. Laut Wissel hat schon Sneyders de Vogel im Jahr 1919 in seiner Syntaxe historique du français festgestellt, dass: „Aucune grammaire du français moderne ne nous renseigne suffisamment sur la nature du gérondif et du participe présent.“ (2007: 5). Weerenbeck hat sich dann in seiner Dissertation aus dem Jahr 1927 als einer der ersten mit der diachronischen Entwicklung des Gerundium und insbesondere des Participium Praesens aus dem Lateinischen auseinandergesetzt (vgl. Wissel 2007: 6). Dabei kam er zu dem Resümee, dass sich das Gérondif und das Participe Présent weniger in formaler, sondern vielmehr in funktionaler Hinsicht voneinander unterscheiden (vgl. Weerenbeck 1927: 15, 306 und Wissel 2007: 6).

Jane-Odile Halmøy hat sich im Gegensatz zu anderen Grammatikern, die einen Vergleich zwischen den Formen auf -ant angestellt haben, in ihrem 1982 erschienenen Werk Le Gérondif: eléments pour une description syntaxique et sémantique ausschließlich mit dem Phänomen des Gérondif beschäftigt. Laut Halmøy war das auch die zu der Zeit erste Studie auf diesem Gebiet (vgl. 1982: 3), in der sie den Schwerpunkt auf eine breit angelegte morphologische, syntaktische und semantische Untersuchung der Gérondif -Form setzt (ebd.).

Bereits im Vorwort ihres Werkes bezieht sie klar Stellung gegenüber anderer Grammatiker wie z.B. Weerenbeck, der mache Participe-Présent-Formen aufgrund der semantischen Ähnlichkeiten bei Gérondif - und Participe-Présent-Konstruktionen als Gérondif bezeichnet oder Henrichsen, der die Gérondifform sogar als nicht existent betrachtete "le gérondif n'existe pas en fran çais moderne" und eine einzige "forme verbale en -ant" (1967: 100) forderte (vgl. Wissel 2007: 7f., Halmøy 1982: 5 und Weerenbeck 1927: 308). Halmøy hingegen hat sehr deutlich für die Existenzberechtigung des Gérondif eingesetzt (vgl. 1982: 5) und behauptet, dass: "[c'est un] plaidoyer pour que l'on cesse de traiter ensemble des formes qui n'ont de commun, en français contemporain, que l'homonymie de leur terminaison." (2003a: 23).

Nennenswert wären an dieser Stelle noch die Dissertation von Schmidt-Knäbels aus dem Jahr 1969 sowie ein Artikel von Gettrup aus dem Jahr 1977. Während sich nach dem Erscheinen der Dissertation Weerenbecks viele Nachfolgewerke eher mit der diachronischen Entwicklung der drei Formen auf -ant aus dem Lateinischen auseinandergesetzt haben, widmet sich Schmidt-Knäbels in ihrer Dissertation Die Syntax der -ant- /â/-Formen im modernen Französisch ausschließlich einer vergleichenden und synchronischen Studie der Syntax von Participe Présent und Gérondif. Jedoch sind sowohl Halmøy als auch Gettrup der Ansicht, dass Schmidt-Knäbels in ihrer Dissertation nur am Rande auf die semantischen Besonderheiten der Gérondifform eingeht (vgl. Wissel 2007: 7). Gettrup hingegen hat sich in seinem Artikel mit dem Titel Le gérondif, le participe présent et la notion de repère temporel insbesondere mit diesen semantischen Merkmalen von Gérondif und Participe Présent beschäftigt und ist dabei zu dem Schluß gekommen, dass: „[…], on se trouve en présence d’un système très compliqué d’interactions, et c’est ce système qu’il faut étudier à fond pour déceler les différentes possibilités d’interprétation.“ (1977: 268, zitiert nach Wissel 2007: 7). In diesem Artikel prägte Gettrup auch den Begriff "repère temporel" (1977: 215).

Sowohl Wienen (2007) als auch Wissel (2007) liefern wesentlich aktuellere Studien zu den Forschungserkenntnissen bei der Wiedergabe des französischen Gérondif in deutschen Urteilsversionen des Europäischen Gerichtshofs. Da der Aufsatz von Wienen und die Diplomarbeit von Wissel einen bedeutenden Beitrag zur Wiedergabe der französischen Gérondif -Konstruktion, insbesondere in der Fachsprache Recht, geleistet haben, soll auf die Wiedergabemöglichkeiten des Gérondif in Kapitel (3) gesondert eingegangen werden. Des Weiteren hat sich Malblanc (1968) in seiner Stylistique comparée allgemein mit der Übersetzung von Partizipialsätzen in beide Sprachrichtungen auseinandergesetzt. Interessante Erkenntnisse zur Wiedergabe des Gérondif liefert auch Kamm (2009), die sich im Rahmen des eÜPRO-Projekts sowohl mit französischen Partizipialsätzen als auch mit dem Gérondif beschäftigt hat sowie Palgen (2011), die sich im Rahmen des Projekts KOPTE der Übersetzung von Gérondif und Participe Présent ins Deutsche gewidmet hat.

2.2 Gérondif vs. Participe Présent

Im Folgenden soll nun eine kurze Abgrenzung zwischen Gérondif und Participe Présent vorgenommen werden, da sich beide Formen in funktionaler Hinsicht voneinander unterscheiden. Sowohl das Gérondif wie auch das Participe Présent sind infinitive Verbformen, d.h. also, dass sie keine Zeitangabe enthalten (vgl. Confais 1980: 11). Beide Zeitformen sind zeitlich neutral und können folglich in Verbindung mit Verben in allen Tempora stehen (vgl. Klein/Kleineidam 2013: 250). Während das Participe Présent hauptsächlich in der geschriebenen Sprache zur Verkürzung von Adverbial- und Relativsätzen sowie in prädikativer Funktion Anwendung findet (vgl. Reumuth/Winkelmann 2005: 329f.), wird das Gérondif sowohl in der gesprochenen als auch in der geschriebenen Sprache gebraucht (vgl. Klein/Kleineidam 2013: 249f.) und dient, wie das Participe Présent, zur Verkürzung von Nebensätzen (vgl. Dethloff/Wagner 2014: 278). Im Unterschied zum Participe Présent, das immer ein Substantiv ergänzt, stellt das Gérondif eine adverbiale Ergänzung zum Verb dar (vgl. Confais 2000: 94). Aus diesem Grund darf das Gérondif auch kein anderes Subjekt als das des konjugierten Verbs haben (vgl. ebd.). Das Participe Présent ist, wie der Gérondif, unveränderlich, hat aber im Gegenteil zum Gérondif immer eine Verbergänzung bei sich (vgl. Reumuth/Winkelmann 2005: 329f.). Diese Verbergänzung zeigt sich häufig in Form eines Objekts (meist eines direkten Objekts oder des Reflexivpronomens se) oder in Form eines Adverbs (vgl. Dethloff/Wagener 2014: 286). In der Regel stimmt das Subjekt der Partizipialkonstruktion, wie beim Gérondif, mit dem Subjekt des Hauptsatzes überein (vgl. Klein/Kleineidam 2013: 250). Das Gérondif wird zur Verkürzung von temporalen, konditionalen und konzessiven Nebensätzen in ähnlicher Weise verwendet wie das verbundene Participe Présent. Es kann jedoch nicht, wie das Participe Présent, einen Relativsatz ersetzen und auch keine Vorzeitigkeit ausdrücken. In diesem Fall kann nur das Participe Présent stehen: "Ayant travaillé tout le week-end, j'ai pris une semaine de congé" (Dethloff/Wagner 2014: 284). Außerdem kann zur Verkürzung eines modalen Nebensatzes, in dem das Mittel, welches zum Handlungserfolg führt, dargelegt wird, nur das Gérondif benutzt werden. So ist bei der Verkürzung des modalen Nebensatzes "Nous apprenons le français en regardant la télévision française." (ebd.) nur das Gérondif möglich. Dies gilt insbesondere bei fehlender Satzergänzung im Modalsatz wie z.B. "Il est parti en courant." (vgl. ebd.). Sprachhistorisch gesehen entspricht die Funktion des Gérondif im Französischen der Funktion des Gerundiums im Lateinischen. So wird z.B. zum Ausdruck der Modalität der Handlung bei dem lateinischen Satz fabricando fit faber der Ablativ des Gerundiums benutzt (vgl. Dethloff/Wagner 2014: 283). Die französische Entsprechung wäre etwa: "C'est en forgeant qu'on devient forgeron" (ebd.). Das französische Gérondif ist also vom Ablativ des lateinischen Gerundiums abgeleitet (vgl. Geckeler/Dietrich 2012: 180). Im Laufe der sprachhistorischen Entwicklung wurde jedoch die Endung -ando (fabricando) zu -ant (forgeant) und das Participe Présent hat die gleiche Form wie das Gérondif angenommen (von amantem zu aimant, vgl. Dethloff/Wagner 2014: 283f.). Um das Gérondif besser vom Participe Présent zu unterscheiden, wurden dieser Zeitform im älteren Französisch Präpositionen wie par, sans und en vorangestellt. Im modernen Französisch hat jedoch nur die Präposition en überlebt (vgl. ebd.), die auch noch heute den Gérondif vom Participe Présent unterscheidet.

2.3 Morphologische Besonderheiten des Gérondif

Das Gérondif setzt sich aus der Präposition en, der gleichen infinitiven Verbform wie das Participe Présent und der unveränderlichen Verbalendung - ant zusammen (vgl. Dehloff/Wagner 2014: 278; Halmøy 1982: 48f.). In der Fachliteratur herscht Uneinigkeit darüber, ob es sich bei dem Morphem en um eine Präposition, einen Marker, einen Konnektor oder gar um ein Präfix handelt (vgl. Wienen 2007: 271). Laut Halmøy lässt sich aus diachronischer Sicht nicht leugnen, dass das Morphem en eine Präposition sei, die sich im heutigen Französisch durchgesetzt hat (1982: 50). Zudem bezeichnet sie en als "préposition incolore", da es für sie keinen Sinn macht die Bedeutung dieses Morphems zu hinterfragen (ebd.). Sie macht jedoch darauf aufmerksam, dass sich das Gérondif auf morphologischer Ebene durch die Voranstellung der Präposition en vom Participe Présent unterscheidet (ebd.). Diese Präposition en muss in der Regel wiederholt werden, sofern zwei oder mehrere Gérondif -Formen koordiniert auftreten, z.B. durch eine Konjunktion wie et, ou, soit […]soit oder c'est-à-dire (vgl. Halmøy 1982: 51):

(1) En entrant et en sortant, vous fermerez la porte, s'il vous plaît. (Dethloff/Wagner 2014: 280)
(2) Personne n'est passé, en montant ou en descendant, par l'escalier. (Halmøy 1982: 52)

Im untersuchten Korpus konnte ebenfalls so ein Fall der Wiederholung extrahiert werden: Zum Teil wird er überhaupt abgelehnt. Der federführende Ausschuss übernimmt diese Position nicht; er schlägt dem Plenum vor, eine Botschaft zu verabschieden, eine Botschaft an Kommission, Rat, die Marktteilnehmer und auch an die Lieferanten- und Produzentenländer, das Thema neu und anders zu bearbeiten, den Vorschlag vom Kopf auf die Füße zu stellen und - und das sei besonders klar gesagt - eine dirigistische europäische Maßnahmenkategorie nicht vorzusehen. (siehe Anhang, 82, 83, 84)

Telle n'est pas la position adoptée par la commission compétente au fond, qui propose que l'assemblée plénière envoie un signal à la Commission, au Conseil, aux acteurs du marché ainsi qu'aux pays fournisseurs et producteurs en traitant cette question de manière nouvelle et différente, en renversant la proposition et - permettez-moi de le dire très clairement - en s'abstenant de créer une catégorie d'actions européennes dirigistes.

Wenn aber zwischen beiden aufeinanderfolgenden Gérondif -Formen eine enge inhaltliche Beziehung besteht, kann die Präposition en auch ganz wegfallen (Dethloff/Wagner 2014: 280):

(3) En expliquant et développant son idée, il finit par convaincre son auditoire. (ebd.) Ein weiterer Sonderfall stellt die Verbindung mit aller dar, insbesondere bei den Verben, die eine Progression ausdrücken (z.B. augmenter, croître, diminuer oder s'intensifier) wie im folgenden Beisoiel veranschaulicht wird (vgl. Dethloff/Wagner 2014: 281):

(4) Le prix des carburants va (en) augmentant.

Außerdem kann die Präposition en im gehobenen, literarischen Französisch wegfallen (ebd.).

Im Allgemeinen tritt das Gérondif nur in der einfachen Form auf (vgl. Halmøy 1982: 60). Es sind aber vereinzelt auch Belege für ein gérondif composé der Art en ayant vu zu verzeichnen (vgl. Arnaveille 2003: 44), auch wenn diese laut Halmøy nicht zur französischen Standardsprache gehören (vgl. Halmøy 1982: 60). Des Weiteren sind auch Passivkonstruktionen wie z.B. en étant vu möglich, auch wenn diese eher selten vorzukommen scheinen (vgl. Arnaveille 2003: 44). Darüber hinaus existieren auch verneinte Gérondif -Formen, wobei die Verneinungselemente vor und nach der Verbform stehen. Außerdem kann das Gérondif sowohl nominale, als auch pronominale Ergänzungen, die links von der Form auf -ant stehen, bei sich haben (Klein/Kleineidam 2013: 249). Bei Reflexivverben gilt zu beachten, das das Reflexpronomen steht, welches sich auf das Subjekt des Satzes bezieht (ebd.). "Das Element –ant hat" laut Wissel (2007: 22) "in diesem Zusammenhang keinerlei Einfluss, weder auf die Rektion noch auf die Anzahl derVerbalergänzungen". (ebd.).

2.4 Syntaktische Besonderheiten des Gérondif

In dem folgenden Kapitel soll nun darauf eingegangen werden, welche syntaktischen Besonderheiten das Gérondif aufweist und welche Stellung es innerhalb eines Satzes einnimmt. Wie bereits erwähnt, handelt es sich beim Gérondif um eine infinitive Verbform, die unveränderlich ist. Das Gérondif stellt eine adverbiale Ergänzung zum Verb dar (vgl. Dethloff/Wagner 2014: 284) und hat in der Regel hat das gleiche Subjekt wie das konjugierte Verb des Hauptsatzes, wie am folgenden Beispiel veranschaulicht wird (vgl. Dethloff/Wagner 2014: 278):

(5) En cherchant bien, vous trouverez.

Si vous cherchez bien, vous trouverez.

Laut Wissel vereint das Gérondif als adverbiale Ergänzung zum Verb "die Charakteristika der infiniten Verbformen mit denen einer adverbialen Bestimmung" (2007: 22). Sie weist darauf hin, dass das Bezugswort des Gérondif meistens ein übergeordnetes finites oder infinites Verb ist (vgl. 2007: 22), welches als konjugiertes Verb die notwendige Auskunft über Tempus, Modus und Person gibt (ebd.). Das Gérondif kann sich jedoch in manchen Fällen auch auf ein Adverbial (z.B. à droite en sortant), ein Nominalsyntagma (wie z.B. L'anglais en s'amusant; zitiert nach Halmøy 2003a: 71ff.) oder auf ein Adjektiv (z.B. deuxième tiroir […] en partant du haut; zitiert nach Schmidt-Knäbel 1969: 242) beziehen (vgl. Wienen 2007: 272f.) und stellt somit ein verbundenes Gérondif dar (vgl. Wissel 2007: 24). Im Gegensatz dazu zeigt Wissel auf, dass es durchaus Fälle gibt, bei denen zwischen Gérondif und finitem Verb kein Bezug besteht (unverbundenes Gérondif) und die Gérondif -Konstruktion dadurch syntaktisch relativ frei ist, um "wie jedes andere prädeterminierte Adverb zu fungieren" (vgl. ebd.; zitiert nach Schmidt-Knäbel 1969: 247f.). Diese von Schmidt-Knäbel angesprochene "syntaktische Verselbstständigung" (1969: 249), bei der kein syntaktischer Bezug zu einem finiten Verb besteht, kommt bei bestimmten Gérondif -Konstruktionen wie z.B. en admettant, en attendant und en supposant oft vor, so z. B. auch im untersuchten Korpus mit insgesamt 3 Belegen:

Inzwischen beginnt die Ausnahme langsam zur Regel zu werden, weil wir durch die unsinnige Streichung des Freitags den Mittwoch überfrachtet haben. (siehe Anhang, 30)

En attendant , l'exception se transforme lentement en règle parce qu'avec la décision absurde de supprimer le vendredi, nous avons surchargé la journée du mercredi.

Es kann durchaus vorkommen, dass in manchen Fällen auch gegen die Regel, die besagt, dass das Gérondif und das konjugierte Verb des Hauptsatzes das gleiche Subjekt aufweisen müssen, verstoßen wird (vgl. Dethloff/Wagner 2014: 278). Jedoch beschränken z.B. Dethloff und Wagner diese Ausnahmen insbesondere auf temporelle Bezüge, wenn gleichzeitig Missverständnisse ausgeschlossen werden können (vgl. 2014: 280):

(6) En entrant dans l'église, le regard se porte tout de suite sur les superbes vitraux. ( = Quand on entre dans l'église, le regard se porte tout de suite sur les superbes vitraux.)

Diese Abweichungen kommen bei Verben wie entrer / rentrer und sortir sehr oft vor (ebd.). Klein und Kleineidam präzisieren diese Ausnahme nochmals auf einen Temporalsatz mit quand on oder pendant qu'on (vgl. 2013: 249). Außerdem trifft dieser Verstoß auch bei festen Wendungen zu (vgl. Dethloff/Wagner 2014: 280; Klein/Kleineidam 2013: 249):

(7) L'appétit vient en mangeant ( = pendant qu'on mange).

(Klein/Kleineidam 2013: 249)

Jedoch stellt Wissel klar, dass es sich keinesfalls um einen Verstoß von der Regel handelt, "sondern, sofern der Bezug klar ist, um einen durchaus üblichen Gebrauch des Gérondif" (2007: 30). Wienen weist ebenfalls darauf hin, dass diese Ausnahmen auch bei weiter grammatikalisierten Formen wie z. B. en attendant que und bei verba cogitandi der Art en y réfléchissant bien vorkommen (2007: 273, zitiert nach Halmøy 2003a: 114f.). In Passivkonstruktionen tritt diese Abweichung ebenso nicht selten auf (vgl. Halmøy 2003a: 120). Da der Subjektbezug bei Gérondif -Konstruktionen folglich nicht immer eindeutig ist, ergeben sich daraus wiederum Übersetzungsproblematiken, wenn z. B. das Bezugssubjekt nicht richtig erkannt wird. Der Übersetzer kann sich also keinesfalls auf die Regel des gleichen Subjekts verlassen und muss folglich aus dem Kontext heraus eine korrekte semantische Interpretation wählen (vgl. Wissel 2007: 32). Häufig ist dafür auch Intergrundwissen erforderlich (vgl. ebd.).

Das Gérondif kann, wie das konjugierte Verb auch, Ergänzungen bei sich haben (vgl. Klein/Kleineidam 2013: 248). So bezeichnet Schmidt-Knäbel das Gérondif als "eine stets ergänzte Form" (1969: 229). Während die Präposition en für sie eine obligatorische Ergänzung darstellt, können die verbalen Ergänzungen auch weggelassen werden, "ohne den syntaktischen Bestand der Gesamtkonstruktion zu gefährden (Wissel 2007: 25). Bei diesen fakultativen Ergänzungen unterscheidet Schmidt-Knäbel zwischen "lexematischen" und "morphematischen" Ergänzungen (1969: 233). Nicht selten handelt es sich bei lexematischen Ergänzungen laut Wissel um ein direktes Objekt etwa "in Form einer Nominalgruppe […], wobei das Substantiv mit oder ohne Artikel auftreten kann" (zitiert nach Wissel 2007: 25) oder einen durch die Morpheme à oder de eingeleiteten Infinitiv (ebd.). Weitere lexematische Ergänzungen können die direkte Rede, der que -Satz oder etwa nachgestellte Adverbien sein (vgl. Wissel 2007: 25). Während lexematische Ergänzungen nachgestellt werden, treten morphematische Ergänzungen in der Voranstellung auf (vgl. Schmidt-Knäbel 1969: 233). Morphematische Ergänzungen sind zum Beispiel direkte Objektpronomen wie me, te, le, la, en, nous, vous und les, wobei indirekte Objektpronomen wie lui und leur laut Wissel seltener vorzukommen scheinen (vgl. 2007: 26). Im untersuchten Korpus konnten ebenfalls Gérondif -Formen mit umschlossenen Pronomina der Art "en lui …" gefunden werden. Des Weiteren ist das Gérondif in manchen Fällen auch gemeinsam mit dem "morphematischen Adverb y" aufgetreten, welches laut Schmidt-Knäbel den einzigen morphematischen Vertreter der Funktionsklasse Adverb bildet (1969: 237). Zudem konnten im untersuchten Korpus auch verneinte Verbformen des Gérondif wie z.B. ne…pas, ne…plus, ne…que, ne…rien, ne…jamais etc. ausfindig gemacht werden.

Im Normalfall weist das Gérondif das gleiche Subjekt wie das konjugierte Verb des Hauptsatzes auf (vgl. Dethloff/Wagner 2014: 284). Aus diesem Grund wird das Subjekt des Gérondif -Syntagma von Rihs (2013: 17) auch als "sujet zéro" bezeichnet. Die Stellung des Gérondif ist durch diesen eindeutigen Subjektbezug relativ beliebig (vgl. Dethloff/Wagner 2014: 278). So kann es am Satzanfang, in der Mitte oder am Ende des Satzes stehen (ebd.). Diese Meinung teilt auch Schmidt-Knäbels, wonach das Gérondif in den meisten Fällen vor, zwischen und nach dem Subjekt und der finiten Verbform innerhalb eines Satzes stehen kann (vgl. 1969: 251f.). Jedoch existieren in der gehobenen, geschriebenen Sprache auch andere Stellungen des Gérondif (vgl. Klein/Kleineidam 2013: 250). Halmøy, die sich näher mit diesen Stellungen auseinandergesetzt hat, führt sogar sieben mögliche Positionen auf, nämlich (Wissel 2007: 27, zitiert nach Halmøy 2003a: 83):

Die Initialposition: En sortant de cinéma, Raphaël a rencontré Léa. (ebd.)

Zwischen Subjekt und finitem Verb: Raphaël, en sortant du cinéma, a rencontré Léa.

(ebd.)

Zwischen finitem Verb und Partizip: Raphaël a, en sortant de cinéma, rencontré Léa. (ebd.)

Zwischen Verb und Objekt: Raphaël a rencontré, en sortant de cinéma, Léa. (ebd.)

In der Endposition: Raphaël a rencontré Léa (,) en sortant de cinéma. (ebd.: 84)

Bei fehlendem Objekt nach dem Verb: Le liquide se répandait en dégoulinant. (Dai Sijie, zitiert nach Halmøy 2003a: 84)

Direkt vor der Verbergänzung: Certains matins, lorsque le ciel était très bas, vous aviez l'impression, en regardant au loin, qu'un botte en bambou grimpait toute seule sur le sentier, et disparaissant dans un nuage gris. (Dai Sije, zitiert nach Halmøy 2003a: 84)

Palgen (2011: 34) macht ebenso darauf aufmerksam, dass das Gérondif eine sehr große "syntaktische Selbstständigkeit" aufweist. So kann es durch "c'est que" hervorgehoben werden und eine syntaktisch unabhängige Antwort auf eine Frage sein (vgl. ebd.).

Mit dem Gérondif können, wie auch mit dem Participe Présent, Nebensätze verkürzt werden. Dabei kann es eine Handlung ausdrücken, die zur Handlung des Hauptsatzes in temporaler, konditionaler, konzessiver oder modaler Beziehung steht (vgl. Dethloff/Wagner 2014: 278). Was es damit auf sich hat, soll nun im nächsten Kapitel näher beleuchtet werden.

2.5 Semantisch-funktionale Besonderheiten des Gérondif

Das französische Gérondif, welches sowohl in der geschriebenen, als auch in der gesprochenen Sprache vorkommt, ist eine infinite Verbform, bei der weder Informationen über Person, noch Tempus, Modus oder über den Aspekt hervorgehen (vgl. Wienen 2007: 272), wie es bei konjugierten Verbformen der Fall ist. Laut Wienen weist das Gérondif keinen semantischen Eigenwert auf, da alle Informationen zu Person, Tempus oder Modus der Handlung nur anhand des übergeordneten Verbs, dem Bezugsverb, ermittelt werden können (vgl. Wienen 2007: 273f.). Laut Wissel und Halmøy werden quasi zwei Prozesse miteinander in Verbindung gebracht, die sich einerseits durch das infinite Gérondifsyntagma und andererseits durch das finite Hauptverb abzeichnen (vgl. 2007: 32; 2003a: 88). Die Problematik des Übersetzers liegt folglich darin, diese semantische Beziehung zwischen dem gerundivierten Nebensatz und dem Hauptsatz adäquat wiederzugeben, also richtig zu interpretieren. Dabei kann insbesondere die bereits angesprochene syntaktische Unterordnung des Gérondifsyntagma verschiedene semantische Interpretationen zulassen (vgl. Wissel 2007: 34). So wird z. B. mit Hilfe der folgenden Beispiele aufgezeigt, wie ein und dasselbe Gérondifsnytagma durch die Unterordnung zum finiten Verb des Hauptsatzes verschiedene semantische Interpretationen zulässt (vgl. Halmoy 2003a: 88):

(8) Zoé est partie en claquant la porte.

(modal)

(9) En claquant la porte, Zoé a réveillé son petit frère.

(kausal)

(10) En claquant la porte, elle réveillerait (aurait réveillé) son petit frère.

(konditional)

In Beispiel (6) drückt das Gérondif in diesem Kontext die Art und Weise aus. Im Deutschen geschieht dies oft durch einem Nebensatz mit "dadurch, dass [sic!]…" / "indem.." oder auch durch eine Infinitiv- bzw. Partizip-Präsens-Konstruktion mit "durch" (vgl. Klein/Kleineidam 2013: 250). So könnte das Beispiel (6) folgendermaßen übersetzt werden: Zoé ist gegangen, indem sie die Tür hinter sich zugeschlagen hat. In Beispiel (7) hat das Gérondif eine kausale Bedeutung, die man im Deutschen wie folgt wiedergeben könnte: Dadurch, dass Zoé die Tür hinter sich zugeschlagen hat, hat sie ihren kleinen Bruder aufgeweckt. In Beispiel (8) hat das Gérondifsyntagma jedoch eine konditionale Bedeutung, die im Deutschen sehr oft mit "wenn" wiedergegeben wird (vgl. Klein/Kleineidam 2013: 249). Deshalb würde das Beispiel (8) also im Deutschen mit Wenn sie die Tür hinter sich zuschlagen würde (hinter sich zugeschlagen hätte), würde sie ihren kleinen Bruder aufwecken (hätte sie ihren kleinen Bruder aufgeweckt) übersetzt werden. In der Fachliteratur herscht des Öfteren Uneinigkeit über die möglichen Interpretationen der Gérondifstruktur (vgl. Wissel 2007: 32). Das Problem dabei ist, dass die "Art der logisch-semantischen Beziehung zwischen dem Adverbialgeschehen im Gérondifsatz und dem Satzgeschehen nicht explizit gemacht" wird (Kamm 2009). Oftmals kann diese semantische Beziehung nur anhand des Kontextes oder Weltwissen bestimmt werden (vgl. ebd.). Außerdem sind durch die vielzitierte semantische Vagheit (vgl. Halmøy 2003a: 89f.) des Gérondif sehr oft auch mehrere Interpretationen möglich, wie am folgenden Beispiel von Rihs (2013: 24) aufgezeigt wird:

(11) Icare volait en agitant ses bras munis d'ailes.

In diesem Beispiel kann das Gérondif auf drei verschiedene Arten interpretiert werden, und zwar temporal (als ), modal (indem) oder kausal (da). Die Problematik, die damit einhergeht ist, dass bei der Übersetzung ins Deutsche "die implizite und nicht selten mehrdeutige Beziehung, die für das französische Gérondif kennzeichnend ist, nicht in ihrer (gewollten) Vagheit abgebildet werden" kann (Kamm 2009), da die Art der logisch-semantischen Beziehung zwischen dem Adverbial- und dem Satzgeschehen durch explite Strukturen wie Adverbien, Konjunktionen oder Präpositionen festgelegt wird (vgl. ebd.). Die Schwierigkeit des Übersetzers liegt folglich darin, inwieweit dieses Palette an Interpretationsmöglichkeiten im deutschen Zieltext realisiert werden kann (vgl. Palgen 2011: 42). Im Idealfall müsste der Übersetzer folglich versuchen diese implizit(er)e französische Konstruktion auch im deutschen Zieltext mit einer großen Interpretationsfreiheit wiederzugeben.Wenn sich der Übersetzer jedoch auf eine Übersetzungsvariante festlegt, dann kann im deutschen Zieltext eine explizit(er)e eigenständige Struktur entstehen, die im Gegensatz zum französischen Gérondif im Ausgangstext nicht erst mithilfe des übergeordneten Verbs oder durch den Kontext erschlossen werden muss (vgl. Palgen 2011: 46). Dieses Risiko bezeichnet Palgen als "overtranslation" (ebd.). Im Hinblick auf die Korpusanalyse wäre es also interessant, wie dieses Problem bei der Übersetzung vom Deutschen ins Französische gelöst wurde.

Hinsichtlich der Korpusanalyse soll nun im Folgenden noch näher auf die Typen der logisch-semantischen Beziehungen des einfachen Gérondif eingegangen werden. In der Grammatik des heutigen Französisch thematisieren Klein und Kleineidam den "temporalen", den "konditionalen" und den "modalen Gebrauch des Gérondif" (2013: 249f.). Zudem erwähnen sie noch, dass das Gérondif in manchen Fällen auch "einen kausalen Sinn" aufweist, wobei dieser jedoch "temporal gefärbt" ist (Klein/Kleineidam 2013: 50). Die französische Grammatik von Dethloff und Wagner fügt diesen drei Beziehungstypen noch die "konzessive Beziehung" hinzu (vgl. 2014: 279). Kamm wiederum unterscheidet zwischen fünf verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten, nämlich der "modalen, temporalen, konditionalen, konzessiv-oppositiven" und der "kausalen Beziehung" (2009). Dies fünf logisch-semantischen Beziehungen finden sich auch in Le bon Usage. Grammaire fran çaise von Grevisse (1969: §801, zitiert nach Halmøy 1982: 10).

In allen Grammatiken wird zunächst auf die temporale Beziehung des Gérondif aufmerksam gemacht. Diese drückt laut Dethloff und Wagner "die Gleichzeitigkeit zweier Handlungen" aus und wird mit den Konjunktionen "als" und "während" wiedergegeben (2014: 278):

(12) En sortant de chez moi, j'ai aperçu mon voisin qui courait pour attraper l'autobus.

Als ich aus meiner Wohnung kam, bemerkte ich, wie mein Nachbar rannte, um noch den Bus zu erreichen. (ebd.)

Beim temporalen Gebrauch kann die Gleichzeitigkeit der Handlungen zusätzlich noch durch ein vorangestelltes tout hervorgehoben werden (vgl. Klein/Kleineidam 2013: 249). In diesem Fall bekommt der Satz eine "konzessive (einräumende) Bedeutung", da die gleichzeitig ablaufenden Vorgänge "eigentlich nicht zueinander passen" (ebd.) und diese Gegensätzlichkeit betont werden soll:

(13) Tout en souriant, il lui fit comprendre qu'il le détestait.

Er lächelte und gab ihm zugleich doch zu verstehen, dass er ihn nicht ausstehen konnte. (Dethloff/Wagner 2014: 279)

Während Klein und Kleineidam die "konzessive Bedeutung" (2013: 249) dem temporalen Gebrauch zuordnen, wird die konzessive Beziehung von Dethloff und Wagner (2014: 279) sowie von Halmøy (1982: 10) und Kamm (2009) als eigenständige Interpretationsmöglichkeit aufgefasst. Laut Dethloff und Wagner werden bei der Wiedergabe des Gérondif im Deutschen die Konjunktionen "obwohl" und "obgleich" verwendet (2014: 284).

Als weitere Interpretationsmöglichkeit wird oftmals die konditionale Beziehung genannt. Bei dieser Kategorie kann das Gérondif anstelle eines Konditionalsatzes mit si stehen (vgl. Klein/Kleineidam 2013: 249) und drückt entweder eine Bedingung oder Annahme aus (vgl. Dethloff/Wagner 2014: 279):

(14) En passant par Francfort, vous pourriez me rendre visite.

Wenn Sie über Frankfurt fahren, könnten Sie mich besuchen. (ebd.)

Für die Wiedergabe der Gérondifstruktur werden dabei nicht selten die Konjunktionen "wenn" und "falls" verwendet (Dethloff/Wagner 2014: 284).

Häufig wird das Gérondif auch durch eine modale Beziehung wiedergegeben. Dabei kann es, abhängig vom Kontext, "die Art und Weise" (Klein/Kleineidam 2013: 250) oder aber auch "das Mittel, mithilfe dessen sich eine Handlung vollzieht" (Dethloff/Wagner 2014: 279) ausdrücken. Im deutschen Zieltext wird dabei auf einen mit "dadurch, dass" oder "indem" eingeleiteten Nebensatz oder auf eine mit "durch" ausgedrückte Infinitiv- bzw. Partizip-Präsens-Konstruktion zurückgegriffen (Klein/Kleineidam 2013: 250).

(15) Elle gagne sa vie en donnant régulièrement des cours particuliers. Sie verdient ihren Unterhalt durch regelmäßige Nachhilfestunden. (Dethloff/Wagner 2014: 279)

(16) C'est en forgeant qu'on devient forgeron. Übung macht den Meister (ebd.)

Schließlich gibt es für das Gérondif im Deutschen noch eine fünfte Interpretationsmöglichkeit, und zwar die kausale Beziehung (vgl. Kamm 2009, Grevisse 1969: §801, zitiert nach Halmøy 1982: 10), die eine Ursache ausdrückt. Während Dethloff und Wagner in Bezug auf die kausale Beziehung erwähnen, dass es sich im Hauptsatz um eine reale Tatsache handeln muss, z. B.:

(16) En ne travaillant pas plus de vingt heures par semaine, il s'adonne régulièrement à ses loisiers.

Da / Dadurch, dass er nicht mehr als zwanzig Stunden pro Woche arbeitet, widmet er sich regelmäßig seinen Hobbys. (Dethloff/Wagner 2014: 282) merken Klein und Kleineidam an, dass das Gérondif in manchen Fällen, wie bereits erwähnt, einen "kausalen Sinn" aufweisen kann, der jedoch "temporal gefärbt ist" (2013: 250):

(17) En voyant le danger, le chauffeur ralentit. Weil/Als er die Gefahr sah, bremste der Fahrer (ebd.) oder:

Da (während) er die Gefahr erkannte, … (Wissel 2007: 35, zitiert nach Frank 1993: 248)

Wissel merkt an dieser Stelle ebenfalls an, dass diese "Relationsart" oft "auf temporale Aspekte zurückgeführt" wird (2007: 35). Diese fünf logisch-semantischen Beziehungen sollen in der Korpusanalyse anhand von mehreren Beispielen noch einmal näher beleuchtet werden.

2.6 Das Gérondif mit tout

Da in der nachfolgenden Korpusanalyse das Gérondif mit vorangestellten tout häufig vorkommt und sich dieses in Bezug auf semantische und syntaktische Merkmale vom einfachen Gérondif unterscheidet, soll nun an dieser Stelle noch einmal gesondert darauf eingegangen werden. Neben der Präposition en kann dem Gérondif auch der "unveränderliche Konnektor"tout vorangestellt werden (Wissel 2007: 40). Wie bereits erwähnt, wird das Gérondif mit tout zur "Betonung der Gleichzeitigkeit zweier Handlungen" (Confais 2000: 95) gebraucht. Dabei passen diese zwei Handlungen jedoch nicht zueinander und sind gewissermaßen nicht miteinander vereinbar (vgl. ebd.), wie im folgenden Beispiel verdeutlicht wird:

(17) Il lui promit une somme d'argent considérable, tout en sachant qu'il ne l'avait pas. Er versprach ihm eine beträchtliche Geldsumme, obwohl er wusste, dass er sie nicht hatte. (Dethloff/Wagner 2014: 279)

Das Gérondif mit tout drückt also eine "Gegensätzlichkeit zweier Handlungen oder eine Einräumung" aus (ebd.). In diesem Zusammenhang hat Grevisse die Bezeichnungen "concession" und "opposition" eingeführt (1969: §801, zitiert nach Halmøy 1982: 10) um diese konzessiv-oppositive Beziehung zwischen dem Hauptsatz und dem gerundivierten Nebensatz auszudrücken. Wie später noch im Korpus festgestellt werden kann, gibt es bestimmte Konjunktionen oder Konjunktionaladverbien, durch die der Aspekt eines Gegensatzes gut dargestellt werden kann.

Während das Morphem bzw. die Präposition en"eine Verbindung zwischen den beiden Sachverhalten herstellt" (Wissel 2007: 41), soll mit diesem Konnektor tout eher "eine Abgrenzung bzw. eine Trennung der beiden Prozesse" (ebd.) ausgedrückt werden (vgl. Halmøy 2003a: 139). Laut Halmøy ist das Gérondif mit tout eine fakultative adverbiale Ergänzung zum finiten oder infiniten Verb (2003a, 127) und kann wie das einfache Gérondif auch am Anfang, in der Mitte oder am Ende eines Satzes stehen. Treten mehrere Gérondif -Konstruktionen nebeneinander auf, so muss der vorangestellte Konnektor tout nicht nolens volens vor dem zweiten Gérondifsyntagma wiederholt werden und kann im Unterschied zum einfachen Gérondif weggelassen werden, insbesondere bei sehr kurzen Gérondif -Konstruktionen wie es z. B. bei intransitiven Verben oder bei kurzen Ergänzungen der Fall ist (vgl. Halmøy 2003a:128). Im Gegensatz zu der einfachen Gérondifform kann das Gérondif mit tout"nicht durch das diskontinuirliche Morphem c'est…que und seine Varianten syntaktisch hervorgehoben werden" (Wissel 2007: 42). Außerdem finden sich im Vergleich zur einfachen Gérondif -Konstruktion in der untersuchten Korpusanalyse nicht selten Verneinungen der Gérondifform mit tout (vgl. Halmøy 2003a:128f). Laut Halmøy liegt das daran, dass für das verneinte einfache Gérondif vielmehr "das Infinitsyntagma mit vorangestelltem sans" (Wissel 2007: 42) verwendet wird (vgl. 2003a: 129). Bei der Verneinung des Gérondif mit tout wird des Öfteren von den Verben cesser, pouvoir, savoir und vouloir Gebrauch gemacht (vgl. ebd.), wie in der nachfolgenden Korpusanalyse festzustellen ist.

Hinsichtlich der semantischen Besonderheiten kann das Gérondif mit tout nicht als „repère temporel“ (Halmøy 2003a:134) fungieren. Des Weiteren lässt diese Gérondifform keine kausalen, instrumentalen und konditionalen Interpretationen zu (vgl. Halmøy 2003a: 134), sondern betont, wie bereits erwähnt, die zum Teil "überraschende Gleichzeitigkeit" (Wissel 2007: 42, zitiert nach Lang 1991: 426) zweier Handlungen. In der Regel hat das Gérondif mit tout jedoch eine konzessiv-oppositive Bedeutung (vgl. Grevisse 1969: §801, Halmøy 1982: 10). Im Vergleich zum einfachen Gérondif findet die Gérondif -Konstruktion in narrativen Texten wie z. B. Romanen kaum Verwendung und in der gesprochenen Sprache wird es noch weniger verwendet (vgl. 2003a:126).

3. Wiedergabemöglichkeiten des Gérondif im Deutschen

Im Folgenden soll nun insbesondere auf Studien eingegangen werden, die sich bereits mit den Wiedergabemöglichkeiten des Gérondif im Deutschen befasst haben um dann im Anschluss ein mögliches Untersuchungsraster für die Sprachrichtung Deutsch-Französisch zu erstellen, das dem Übersetzer wiederum als Hilfestellung dienen könnte.

In ihrem Werk aus dem Jahr 2003 beschreibt Halmøy die Übersetzungsproblematik des Gérondif anhand von französischen Beispielsätzen in mehrere Sprachen und geht dabei nur ansatzweise auf die Wiedergabe ins Deutsche und mögliche Übersetzungsvarianten ein (vgl. Halmøy 2003: 15ff.). Dabei zeigt sie auf, dass beim Übersetzungsvorgang in der Zielssprache auf unterschiedliche grammatische Strukturen zurückgegriffen wird, da es in den anderen Sprachen kein direktes Äquivalent gibt und schlussfolgert daraus, dass das Gérondif eine typische französische Struktur sei:

"Le gérondif, tant par sa morphologie que par la variété de ses emplois, puisque il n'y a équivalence exacte ni de la forme ni de la fonction dans des autres langues, est donc bien une originalité du français" (Halmøy 2003: 21, zitiert nach Palgen 2011: 40).

Der Aufsatz von Wienen (2007) gibt wesentlich mehr Aufschluss hinsichtlich der Wiedergabe französischer Gérondifkonstruktionen im Deutschen. Sie untersucht konkret die Übersetzungen des französischen Gérondif in deutschen Urteilsversionen des Europäischen Gerichtshofs unter der Annahme, dass gerade in Rechtstexten, in denen es auf eine präzise Wiedergabe ankommt, so eine syntaktisch und semantisch äußerst flexible Struktur Übersetzungsschwierigkeiten zur Konsequenz haben kann (vgl. Wienen 2007: 269). Für ihre Untersuchung hat sie auf der Website des EuGH veröffentlichte Urteile herangezogen und davon aus den jeweils ersten zehn Fällen eines Jahrgangs von 1989 bis 1997 insgesamt 239 Textstellen extrahiert. In diesen 239 Textstellen konnte sie wiederum 224 einfache Gérondifkonstruktionen sowie 15 Belege für die Übersetzung des erweiterten Gérondif mit tout festellen (vgl. Wienen 2007: 277). Die einfachen Konstruktionen wurden am häufigsten durch eine hypotaktische Struktur wiedergegeben (99 Belege), gefolgt von Nominalsyntagma (73 Fundstellen). An dritter Stelle wurden die Gérondifsätze mit 28 Belegen durch Parataxen aufgelöst, wobei Wienen hier nochmals zwischen syndetischen Konstruktionen in Verbindung mit und (23 Belege) sowie asyndetischen Konstruktionen (5 Fundstellen) unterscheidet. Des Weiteren weist ihr Korpus 9 Fälle auf, bei denen das Gérondif im Zieltext durch eine Präposition allein wiedergegeben wird. In 3 Belegen findet sich die Übersetzung durch ein finites Verb in Verbindung mit einem Adverbial sowie in 2 Belegen durch ein Partizip und in 5 Fällen wurde die Gérondifkonstruktion ausgelassen (vgl. Wienen 2007: 278). Auf die Gérondifkonstruktionen mit vorangestelltem tout geht sie gesondert ein, da sich hierbei andere Übersetzungsvarianten ergeben. So tritt z.B. der Aspekt der Gleichzeitigkeit durch ein Adjektiv zutage und der Ausdruck des Gegensatzes wird entweder durch einzelne Konjunktionen bzw. Konjunktionaladverbien oder aber durch einen Doppelkonnektor angezeigt (vgl. Wienen 2007: 291f.).

Wissel (2007) beschäftigt sich ebenfalls im Rahmen ihrer Diplomarbeit mit der Übersetzung der Gérondifkonstruktion in deutschen Urteilsversionen des Europäischen Gerichtshofs und stellt dabei, wie Wienen auch, die syntaktische Flexibilität des Gérondif fest sowie die Tatsache, dass das Gérondif in der Zielsprache Deutsch über kein direktes formales Äquivalent verfügt. Ihre Untersuchung von 50 Urteilen ergab, dass sich in insgesamt 205 Fällen 184 Belege für das einfache Gérondif sowie 21 Nachweise für das Gérondif mit tout fanden. Auch in ihrem untersuchten Korpus wurde die einfache Gérondifkonstruktion im Deutschen als häufigste Übersetzungsvariante mittels einer Hypotaxe wiedergegeben (91 Belege) und das überwiegend durch mit Konjunktionen eingeleitete Nebensätze wie indem, dadurch […] dass, wobei etc. (insgesamt 85 Belege) oder auch durch Relativsätze (6 Belege). Als zweithäufigste Übersetzungsvariante mit 43 Funstellen wurde das französische Gérondif im Zieltext durch ein Nominalsyntagma wiedergegeben. Davon wurden 40 Gérondifformen mit einem Nominalsyntagma in Verbindung mit den Präpositionen unter, durch, mit, bei etc. sowie drei Konstruktionen ohne Präpositionen ausfindig gemacht. Die Wiedergabe des Gérondif durch eine parataktische Konstruktion stellt die dritthäufigste Translationsvariante dar in dem von Wissel untersuchten Korpus dar (30 Belege). Dabei wurde im Deutschen in elf Fällen auf eine asyndetische Reihung sowie in 19 Fundstellen auf eine syndetische Konstruktion mit und zurückgegriffen. Des Weiteren fanden sich in ihrem Korpus 13 Fälle, in denen das Gérondif allein mittels einer Präposition (durch, anhand von, auf, bis etc.) wiedergegeben wurde. In 3 Fundstellen wurde ein Partizip zur Wiedergabe der einfachen Gérondifkonstruktion gewählt und in zwei Belegen wurde das Gérondif durch ein finites Verb in Verbindung mit einem Adverbial sowie einmal durch eine Verbalkomposition übersetzt. Außerdem konnte auch in ihrem Korpus ein Beleg für eine Auslassung ermittelt werden (vgl. Wissel 2007: 104f.).

Neben diesen Wiedergabemöglichkeiten von Wienen und Wissel sollen nun in der nachfolgenden Korpusanalyse gegebenerfalls auch noch Übersetzungsvarianten von Kamm, Palgen und Malblanc herangezogen und mit den Analyseergebnissen verglichen werden.

4. Korpusanalyse

Es soll nun im praktischen Teil anhand von konkreten Beispielen aufgezeigt werden, welche Strukturen im deutschen Ausgangstext im französischen Zieltext mit einer Gérondifkonstruktion wiedergegeben werden bzw. eine Gérondifkonstruktion auslösen. Dabei sollen die in Kapitel (3) vorgestellten Übersetzungsvarianten von Wienen und Wissel dahingehend untersucht werden, ob sie auch in der umgekehrten Sprachrichtung Deutsch-Französisch als Auslöserstruktur für ein Gérondifsyntagma zutreffen oder ob hierfür andere sprachliche Mittel im deutschen Ausgangstext zur Verfügung stehen.

Die Grundlage der Untersuchung bildet eine Excel Datei mit Europäischen Texten des Europarl Corpus, ein Korpus, der aus den Beratungen des Europäischen Parlaments von 1996-2010 besteht. Da die Ursprungsdatei anfangs viel zu groß war, wurde anhand einer Programmierungslösung mit der Programmiersprache Phyton versucht, alle französischen Gérondifkonstruktionen herauszufiltern und die Excel Datei auf diese Art und Weise auch zu dezimieren. Dabei war die markante morphologische Struktur der Gérondifform klar von Vorteil, da so ein Suchschema anhand der vorangestellten Präposition en sowie der Verbalendung -ant erstellt werden konnte. Da die Excel Datei immer noch ungefähr 2400 Zeilen umfasste, wurde circa jedes 12. Beispiel extrahiert, wobei am Ende eine Zieldatei von 200 Gérondifkonstruktionen entstanden ist.

Mittels dieser Zieldatei wurde dann zuerst einmal eine grobe Einteilung in "einfaches Gérondif" und "Gérondif mit tout" vorgenommen. Anschließend wurde versucht anhand der bereits von Wienen (2007) und (Wissel) herausgearbeiteten Übersetzungsvarianten die Auslöserstrukturen der Gérondifform im deutschen Ausgangstext zu analysieren und in Kategorien einzuteilen. Diese Kategorien werden im folgenden vorgestellt, wobei jeder Auslöserstruktur ein Unterkapitel gewidmet wird. Weiterhin soll versucht werden die semantischen Relationen der jeweiligen Auslöserstruktur zu analysieren.

Gegenstand der Untersuchung sind das einfache Gérondif und das Gérondif mit tout. Es wird ein unidirektionaler Vergleich aufgestellt, wobei das Deutsche als Ausgangssprache und das Französische mit der Gérondifform als Zielsprache dient. Darüber hinaus wird kein diachronischer Vergleich angestrebt, sondern gegenwärtige sprachliche Erscheinungen untersucht (vgl. Wissel 2007: 101ff.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 83 Seiten

Details

Titel
Das Übersetzungsphänomen Gérondif. Eine Untersuchung für die Sprachrichtung Deutsch-Französisch
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Übersetzen und Dolmetschen)
Veranstaltung
Übersetzungswissenschaft
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
83
Katalognummer
V368268
ISBN (eBook)
9783668466579
ISBN (Buch)
9783668466586
Dateigröße
868 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
übersetzungsphänomen, gérondif, eine, untersuchung, sprachrichtung, deutsch-französisch
Arbeit zitieren
Antonia Hirmke (Autor), 2016, Das Übersetzungsphänomen Gérondif. Eine Untersuchung für die Sprachrichtung Deutsch-Französisch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368268

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