Sprachnormierung in Frankreich. Die Académie Française


Seminararbeit, 2015
21 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Anfänge und Grundlagen der Sprachnormierung in Frankreich
2.1 Das 17. Jahrhundert – historischer und gesellschaftlicher Hintergrund
2.2 François de Malherbe

3. Die Académie française und das Konzept des bon usage
3.1 Entstehungsgeschichte, Gründung und Zielsetzung
3.2 Claude Favre de Vaugelas
3.3 Das Akademiewörterbuch von 1694

4. Die Weiterentwicklung des bon usage
4.1 Die Auswirkungen der Französischen Revolution auf das Französische
4.2 Die Krise des Französischen
4.3 Die Académie française im 20. Jahrhundert

5. Schlusswort

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die Académie Française besteht nun seit über dreihundert Jahren. Ihre Gründung wird auf das Jahr 1635 datiert und fand während der Epoche von Ludwig XIII. statt. Sie stellt heute einen wichtigen Bestandteil des Institut de France dar und ist eine der bedeutendsten, wenn nicht sogar die bedeutendste, Sprachinstitution in Frankreich. Die Académie française ist auch die einzige unter den fünf Akademien, die im Institut de France vereint sind, die sich direkt an den Staatspräsidenten wenden kann, unter dessen Schirmherrschaft sie steht. Dieses Privileg geht auf das Zeitalter Ludwigs XIV. zurück, der damals auch das Protektorat der Akademie übernommen und der französischen Sprache und Kultur zu europäischer Bedeutung verholfen hat.

Bevor ich im dritten Kapitel näher auf das Konzept des bon usage, die Entstehungsgeschichte und Gründung der Académie française, ihrem bekanntesten Sprachnormierer Claude Favre de Vaugelas sowie das Akademiewörterbuch von 1694 eingehen werde, möchte ich im zweiten Kapitel zuerst einmal den damaligen historischen und gesellschaftlichen Hintergrund des 17. Jahrhunderts darstellen. Außerdem werde ich auch den Hofdichter François de Malherbe vorstellen, da er erste Normierungsmaßnahmen eingeleitet hatte und somit oftmals als Wegbereiter von Claude Favre de Vaugelas angesehen wird. Im vierten Kapitel beschäftige ich mich dann mit der Weiterentwicklung des bon usage und welche Auswirkungen die Französische Revolution auf diesen hatte. Dann möchte ich im Rahmen meiner Hausarbeit auch auf die Krise des Französischen sowie am Schluss noch auf den Stellenwert der Académie française im 20. Jahrhundert eingehen. Hierbei wird die Bedeutung der Académie in Bezug auf die Entwicklung der französischen Sprache und insbesondere ihrer Sprachnormierung in Frankreich im Vordergrund stehen.

2. Anfänge und Grundlagen der Sprachnormierung in Frankreich

2.1 Das 17. Jahrhundert – historischer und gesellschaftlicher Hintergrund

Der Absolutismus spielt bei der Sprachnormierung der französischen Sprache eine ausschlaggebende Rolle. In Frankreich gehen die Anfänge des Absolutismus auf die Regentschaft von Franz I. (1515-1547) zurück, da er die Zentralisierung der Macht von Paris aus vorantrieb. Bei diesen Zentralisierungsbestrebungen hat sich der König aus innenpolitischen Gründen bemüht, das Französische als zentrale landeseigene Sprache in seinem Staat durchzusetzen. Die Durchsetzung der französischen Sprache war jedoch insofern problematisch, da in der Sprache der Literatur und der Bildung das Lateinische vorherrschte und die Bevölkerung im französischen Nationalstaat unterschiedliche Lokalsprachen sprach. Es gab folglich Anlass für eine französische Sprachgesetzgebung (vgl. Haas 1991, 16). Als ein wichtiges Ereignis in Bezug auf die Anfänge der Sprachnormierung ist hierbei das Edikt von Villers-Cotterêts zu nennen, das Franz I. am 15. August 1539 erließ und mit dem er das Lateinische durch das Französische als Gerichtssprache ersetzte. In Artikel 111 „heißt es, daß [sic!] Verträge, Urteile, Gerichtsprotokolle usw. ‚en langage maternel françoys et non autrement‘ abzufassen seien“ (zit. nach Haas 1991, 18). Durch den Erlass von Villers-Cotterêts hat François I. folglich erste Maßnahmen der Sprachpolitik getroffen und das Französische zumindest im Bereich der Amts- und Gerichtssprache als zukünftige Nationalsprache festgelegt. François I. förderte auch die Dichtergruppe der Pléiade, ein Zusammenschluss von sieben Dichtern, die von literarischer Seite auf die Sprache einwirkten, indem sie den Gebrauch des Französischen besonders in der Dichtung und der Wissenschaft dem der klassischen antiken Sprachen Latein und Griechisch ebenbürtig machen wollten. Einer ihrer bekanntesten Texte ist das Manifest La Deffence et illustration de la langue françoyse „Verteidigung und Profilierung der französischen Sprache“ (zit. nach Weinrich 1985, 104) verfasst von Joachim du Bellay, welches von einer Bereicherung des Wortschatzes des Französischen handelt, damit dieses mit den damaligen klassischen Sprachen Latein und Griechisch konkurrieren konnte (vgl. Dietrich und Geckeler 2012, 232). Letztendlich stand diese Bereicherung des Wortschatzes aber im Gegensatz des strengen Sprachgebrauchs der puristischen Sprachnormierer im 17. Jahrhundert, insbesondere Claude Favre de Vaugelas.

Die innere politische Entwicklung Frankreichs ist im 17. Jahrhundert weiterhin gekennzeichnet durch die Vervollkommnung der absolutistischen Monarchie, die unter Heinrich IV. weitergeführt wurde. Er hat viel dazu beigetragen wieder politische Ordnung in das durch die Religionskriege zerrüttete Land zu bringen und der Wirtschaft zu einem Aufschwung verholfen, indem er den Ackerbau, das Gewerbe und den Seehandel förderte. Außenpolitisch unterstütze der König die Kolonisierung der „Nouvel France“ in Nordamerika. Dieses Werk wurde nach seiner Ermordung 1610 von seinem Nachfolger Ludwig XIII. fortgesetzt, wobei die Richtung ab 1624 maßgeblich von seinem Ersten Minister, dem mächtigen Kardinal Richelieu, bestimmt wurde (vgl. Geckeler und Dietrich 2012, 237). Kardinal Richelieu war es auch, der die Académie française ins Leben gerufen hat. Mit dem 17. Jahrhundert beginnt die Entwicklung des Neufranzösischen, also die Herausbildung des klassischen Französisch. Diese Entwicklung machte sich vor allem in einer veränderten Haltung gegenüber der Sprachverwendung in der gepflegten Konversation und der Literatur bemerkbar (ebd.). Die vorbildliche Sprache war geprägt von clarté und pureté. Zu dieser Zeit bildeten sich auch die sogenannten Salons heraus, in denen man sich über Literatur und sprachliche Angelegenheiten unterhielt. Seit dem 16. Jahrhundert entstanden auch die ersten französischen Grammatiken und Wörterbücher. Mit dem Buchdruck enstand schließlich auch die Notwendigkeit die französische Sprache zu normieren. Summa summarum war das 16. und das 17. Jahrhundert von einem ausgeprägten Sprachbewusstsein gekennzeichnet.

2.2 François de Malherbe

Bevor ich nun auf die Académie eingehe, möchte ich mich noch mit der Person des François de Malherbe auseinandersetzen, da er oftmals als ein Wegbereiter von Claude Favre de Vaugelas, einer bedeutenden Persönlichkeit der Akadémie française, angesehen wird. François de Malherbe (1555-1628) war seit dem Jahr 1605 der offizielle Hofdichter bei Heinrich IV. Er gilt als einer der bedeutendsten Sprachkritiker im 17. Jahrhundert, da er ein überzeugter Gegner der humanistischen Ideale und der von den Pléiade-Dichtern vertretenen sprachlichen Freiheiten war. "Die Dichtung sieht er als Handwerk zum Nutzen des Staats" (zit. nach Stein 2014, 121). Seine Sprachpolitik richtet sich gegen Archaismen, Dialektismen und Fachtermini, gegen Homonyme und Synonyme und macht die allgemeine Verständlichkeit zum obersten Gebot (ebd.). Mit seiner Tätigkeit als Hofdichter nimmt auch die sprachliche Entwicklung dieses Jahrhunderts ihren Lauf. Er selbst hat kein Werk zur Sprache verfasst, sondern Kritik am damaligen Sprachgebrauch, besonders in der haute poésie, geübt, die er dadurch zum Ausdruck gebracht hatte, „dass er in einem Exemplar der Gedichte seines Amtsvorgängers Desportes (Hofdichter von Henri II), der der Tradition der Pléiade verhaftet gewesen war, Randnotizen anbrachte“ (zit. nach Dietrich und Geckeler 2012, 239) und dann darüber in seinem Freundeskreis diskutierte. „Erst später wurde ein Großteil seiner Ansichten, […], in seinem Sinne auch auf die Konversation in den Salons und die Prosaliteratur übertragen“ (ebd.). Malherbe zählte, wie auch später Vaugelas, zu den hommes de lettres, und war kein Linguist. Hierbei sei auch anzumerken, dass es für die honnêtes gens nicht ausschlaggebend war, ob man einer beruflichen Ausbildung und Tätigkeit als Grammatiker oder Sprachgelehrter nachging. Malherbe wollte in der Literatursprache Regelungen und Ordnung schaffen, ja Normen durchsetzen. Er forderte eine klare Literatursprache und arbeitete erstmals mit den mots-clé wie pureté, clarté, précision und élégance, die eine entscheidende Rolle in der Sprachdiskussion des 17. Jahrhunderts spielten. Die clarté sollte durchsichtig sein und ohne Schwierigkeiten verstanden werden. Ältere Werke sollten nach seinen Auffassungen bearbeitet und normiert werden. Des Weiteren wird sein Wirken vor allem in der Beschränkung der Sprach- und Stilmittel bestimmt, was von seinen Kontrahenten negativ als Verarmung im Wortschatz und Verlust des Reichtums der Sprache aufgefasst wurde. Er warnte auch vor dem Gebrauch volkstümlicher Wendungen und dem sogenannten Neologienverbot der klassischen Sprachauffassung (vgl. Klare 2011, 118). Für ihn stehen die mots nobles an erster Stelle, „die mots bas und die mots sales werden aus dem dichterischen Diskurs verbannt“ (zit. nach Klare 2011, 118). Im Grunde genommen verurteilte er nahezu alles, was die Pléiade als Bereicherung der Literatursprache empfand. Nachdem Malherbe 1628 verstarb, wurden seine „Bemühungen um die Präzisierung und Klarifizierung der französischen Sprache fortgesetzt“ (zit. nach Klare 2011, 120). Hierbei wurde der Fokus nicht mehr nur auf die Literatursprache gesetzt, sondern „auch die Mündlichkeit von La Cour et la Ville bedurfte der bewussten Bearbeitung“ (ebd.).

3. Die Académie française und das Konzept des bon usage

3.1 Entstehungsgeschichte, Gründung und Zielsetzung

Seit 1629 traf sich ein kleiner Kreis gebildeter Männer, darunter Jean Chapelain, Antonie Godeau, Vincent Voiture und Claude Favre de Vaugelas, in der rue Saint Martin im Herzen von Paris im Hause des Schriftstellers Valentin Conrart, der auch den Vorsitz dieses Kreises innehatte und zur damaligen Zeit der Sekretär von Ludwig XIII. war. Dieser Zusammenschluss von etwa zehn Personen, die meisten von ihnen waren Dichter, fand ab 1629 regelmäßig jede Woche statt. Von Anfang an debattierten sie über Literatur und diverse Sprachfragen, insbesondere über Fragen des richtigen Ausdrucks und des guten Stils sowie über selbst verfasste Texte. Neben diesen privaten Zirkeln, die sich vielerorts bildeten, gab es auch die bereits erwähnten Salons. Obwohl dieser kleine Kreis von Valentin Conrart unter Geheimhaltung weiter gepflegt wurde, erfuhr Kardinal Richelieu davon, als sein Vertrauter, der Geistliche François Boisrobert, zu Conrarts Kreis stieß und dem Kardinal anschließend davon berichtete. Richelieu ergriff die Gelegenheit, einen offenbar schon länger gehegten Plan zu verwirklichen: Er bot dem Freundeskreis seine Protektion an und forderte ihn auf, sich zu einem regulären Corpus zu konstituieren und sich Statuten zu geben, die er dann offiziell anerkennen werde (vgl. Frey 2000, 7). Dieser Vorschlag stoß in Conrarts Kreis zunächst auf Abneigung, da man um die Zwanglosigkeit der Zusammenkünfte bangte. Chapelain jedoch, eines der Gründungsmitglieder der Académie française, erklärte, dass der Kardinal schon immer durchgesetzt habe was er wolle und Widerstand zu dulden sei er nicht gewohnt. Außerdem würde eine Absage ihm gegenüber als Affront aufgefasst werden und könne negative Folgen für den Kreis haben. So könnten z.B. weitere zwanglose Unterkünfte untersagt werden, „denn schließlich bedürfe jede Versammlung im Königreich der höchsten Genehmigung“ (zit. nach Stackelberg 1977, 28). Folglich „vollzog der ehemals lockere Freundeskreis seine Institutionalisierung und Hinüberführung in den Dienst der absolutistischen Kulturpolitik des Kardinals Richelieu“ (ebd.) und wurde mit der Zeit politischen Zielen unterstellt. Der Kardinal hat also sein Interesse für Literatur und Sprache „in sein allgemeines politisches – zentralistisch ausgerichtetes – Denken miteinbezogen“ (zit. nach Frey 2000, 8). Zunächst wurden einige weitere Mitglieder in hohen Staatsämtern aufgenommen: zwei conseillers d’Etat, ein secrétaire d’Etat und der garde de sceau (der spätere Kanzler Séguier). Danach wurde ein Vorstand, bestehend aus einem Chancelier, einem Directeur und einem Secrétaire, gewählt. Die ersten beiden wurden ausgelost und für zwei Jahre bestimmt und waren für die Finanzangelegenheiten sowie die Geschäftsführung verantwortlich. Der erste Sekretär wurde Conrart, der durch Mehrheitsbeschluss auf Lebenszeit bestimmt wurde und vierzig Jahre lang in seinem Amt blieb (vgl. Stackelberg 1977, 28). Bei der Namensgebung setzte sich der Vorschlag Académie française durch, angelehnt an die zu Beginn des 17. Jahrhunderts bestehenden Institutionen bzw. Akademien in Italien, die den Boden bereitet haben für das Enstehen des Gedankens einer ähnlichen Gründung in Frankreich. Insbesondere die 1583 in Florenz ins Leben gerufene Accademia della Crusca, die man in engerem Zusammenhang mit der Académie française sehen muss, ist der Archetyp aller der europäischen Akademien, die sich in der Folgezeit die Pflege der Muttersprache zum Ziel gesetzt haben. Es kam ihr, wie später auch der Académie française besonders auf Sprachpflege an (vgl. Frey 2000, 10). Fragen des Sprachpurismus standen im Vordergrund. Außerdem „wurde es auch ihr Ziel, die französische Sprache in den Rang zu heben, den traditionell die lateinische Sprache innegehabt hatte“ (zit. nach Frey 2000, 11). Der Begriff Akademie soll in diesem Sinne auf eine „Gelehrtengemeinschaft“ verweisen, die offiziellen Status innehat. 1637 wurde die anfängliche Mitgliederzahl von ungefähr 12 Personen auf 40 erhöht. Diese werden von nun an aufgrund des von Richelieu gespendeten Siegels mit der Aufschrift A l’immortalité – für Unsterblichkeit - auch les Immortels, die „Unsterblichen“ genannt (vgl. Frey 2000, 19).

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Sprachnormierung in Frankreich. Die Académie Française
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Übersetzen und Dolmetschen)
Veranstaltung
Kulturwissenschaft
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
21
Katalognummer
V368272
ISBN (eBook)
9783668466357
ISBN (Buch)
9783668466364
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sprachnormierung, frankreich, académie, française
Arbeit zitieren
Antonia Hirmke (Autor), 2015, Sprachnormierung in Frankreich. Die Académie Française, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368272

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