Husserls Zweifel? Die erste der "Cartesianischen Meditationen" im Lichte von James Conants "Spielarten des Skeptizismus"


Essay, 2017

16 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Einführung

Es braucht keine , große Erzählung um die ungebrochene Relevanz des Problems des Skeptizismus für die philosophische Moderne einzusehen. Hierfür genügt eine Momentaufnahme der neueren Forschung, wo eine Wiederbelebung der Metaphysik breit dokumentiert ist und wo ein realistischer Gestus den Reanimierungen der skeptischen Potentiale des letzten Jahrhunderts selbstsicher die Stirn bietet.[1] Wenn der Skeptizismus aber wirklich „so alt wie die Philosophie selbst“[2] ist, wäre es keineswegs verfehlt, die philosophische Skepsis für mehr als ein Symptom verletzter Erkenntnishoffnungen zu halten. Vielmehr wäre es möglich und angebracht, den Skeptizismus (als eine Dialektik von Erkenntnisansprüchen und deren Anzweiflung) der Philosophie (als die zielgerichtete und doch unvollendbare Tätigkeit, die sie ist) wesenhaft anzurechnen. Das daraus resultierende Dilemma und das daran anknüpfende Bedürfnis einer Synthese von Begrenzung und konstitutiver Einlösung von Erkenntnisansprüchen findet jedenfalls in jenen Ansätzen einen Niederschlag, welche an der ungebrochenen Möglichkeit von welthaltiger Erkenntnis festhalten und so den epigonalen Strömen der Moderne trotzen. Dies gilt ทนท auch gerade für die Phänomenologie im Zeichen Husserls und seiner Erben. Phänomenologische Philosophie gewinnt ihr Selbstbild nämlich nicht zuletzt dadurch, dass sich in ihr wissenschaftliche Ansprüche und eine angemessene Sensibilität im Umgang mit dem Subjektivismus-Problem der Neuzeit nicht ausschließen müssen.

Das Phänomen des Zweifels hat dabei in philosophischer Hinsicht eine der Negativkraft gegenläufige Tendenz, welche die Weltbeziehung des Denkens qua Abstraktion voreiliger Seinssetzungen allererst hervortreten lässt. Dadurch entstehen alternative Wege des Zweifelns. Ziel meiner Arbeit ist es ทนท, Husserls Carte simliseké Meditationen von 1931, die im Untertitel als Eine Einleitung in die Phänomenologie deklariert werden, als eine solche Alternative, das heißt als einen jener modernen Grundlegungsversuche in den Blick zu nehmen, welche das positive Potential der Beschränkung von Erkenntnisansprüchen in einen allumfassenden Systementwurf zu integrieren suchen. Es soll anhand Husserls Re-Interpretation der ersten Meditation gezeigt werden, dass dieser ausgerechnet im Rückgriff auf die Gründungsakte des philosophischen Zweifels versucht, den Grund für sein System zu legen.[3] Die explizite Frage nach der ,Art des Zweifels‘ bei Husserl ist wesentlich von der jüngsten Entwicklung der Forschung inspiriert, namentlich von James Conants Distinktion zweier Spielarten des Skeptizismus[4], die ihre Bestimmungen gemäß ihren historischen Ursprüngen im cartesischen beziehungsweise im kantischen Denken erhalten. Daraus resultiert bei ihm die Distinktion von Cartesischem und Kanti schein Zweifel, welche auch den Leitfaden der anstehenden Überlegungen zu Husserls Carte si sani sehen Meditationen an die Hand geben. Ich möchte danach fragen, inwiefern Husserl die ursprüngliche Bewegung des Zweifelns von Descartes übernimmt und inwieweit und unter welchen Parametern er diese modifiziert. Skeptizismus und erstphilosophischer Eifer sind hierbei - um einen Kernpunkt vorwegzunehmen - auf eine neuartige Weise miteinander synthetisiert, was ich darlegen werde. Conants metahistorischer Ansatz soll im vorliegenden Fall also auf Husserls Cartesianische Meditationen angewandt werden. Ich möchte dabei fragen, wie der Cartesische Zweifel im Lichte Husserls gemäß der Konzeption Conants einzuschätzen ist, inwiefern Husserl exegetisch argumentiert und worin er sich vom ursprünglichen Ansatz des Cartesischen Zweifels abhebt respektive ob Husserl gerade eine solche transzendentale Reinterpretation des Cartesischen Skeptizismus fördert, welche durch Conants Begriff des Kantischen Skeptizismus eingeholt werden könnte, oder ob Husserl einen dritten Weg aufzeigt, der den zweifältigen Horizont Conants womöglich transzendierte.

James Conants zwei Varianten des Zweifels

Zuerst sollen die beiden Varianten des philosophischen Zweifels genauer gekennzeichnet und voneinander abgehoben beziehungsweise bei Bedarf miteinander in Verbindung gebracht werden. Conant tritt mit einer Schematisierung unterschiedlicher Skeptizismen auf die Bühne der Forschung, weil er glaubt, damit eine metaphilosophische Position einzunehmen, von der aus sich diverse breit angelegte Probleme der Philosophie überblicken lassen, wie zum Beispiel der Widerstreit von Idealismus, Realismus und Kohärentismus. Die sogenannte „Zwillingsproblematik“ entfaltet sich in einem „dialektischen Raum“, in welchem sich gemäß Conants These philosophische Probleme von augenscheinlich verschiedenster Prägung invariant abspielen.[5] So gibt es für ihn ein spezifisch „Cartesisches Problem“, dem eine „Cartesische Frage“ und ein „Cartesisches Paradoxon“ erwächst und dessen Parteinahme den „Cartesischen Skeptiker“ profiliert.[6] Dasselbe Schema bringt auch das „Kantiscile Problem“ auf den Begriff. Beide Spielarten entwickelt Conant im exegetischen Rückgriff auf die Hauptwerke Descartes’ und Kants. Dabei führt er sowohl historische als auch systematische Gründe ins Feld, weshalb eine solche Unterscheidung plausibel ist und weshalb damit das genannte breit angelegte Problemfeld abgesteckt werden kann. Conant legt dadurch ein heuristisches Mittel vor, in dem, ohne klassifikatorischen Exzess, eine angemessene Historisierung der Skeptizismus-Debatte mit dem nötigen hermeneutischen Bewusstsein um die Wirkmächtigkeit der benannten Spielarten zusammenläuft.

Das Cartesische Problem betrifft nach Conant „die Frage, wie man zwischen dem Träumen einer Erfahrung und der eigentlichen Erfahrung unterscheiden“ könne. Dieser Unterschied von scheinbarer und wirklicher Erfahrung, wie wir ihn aus Descartes’ erstphilosophischen Meditationes kennen, antwortet auf die Frage nach der „Wirklichkeit von Erfahrung“, das heißt die Frage, ob die Gegenstände der Erfahrung wirklich so sind, wie sie scheinen.[7] Das Problem oder das Anliegen der cartesischen Systembegründung ist dann die Freilegung eines absolut sicheren Kriteriums, dass Wissen auch dem eigenen Anspruch gemäß seinshaltig wird und nicht bloß scheinverhaftet bleibt. Dadurch soll der inferentielle Schritt von der Erscheinung zur Realität des Gegenstands ermöglicht werden. Die Lücke, die der epistemologische Zweifel Descartes aufreißt und die nur durch den inferentiellen Schritt geschlossen würde, entspricht jener zwischen Bewusstsein (oder „Geist“) und Außenwelt.[8] Der Zweifel hinterfragt nämlich die Sicherheit unseres epistemischen Zugangs zu Bedeutungen und präsupponiert damit die Doppelung der Wissens Struktur in bewusste Wissensinhalte und gewusste Erfahrungsgegenstände. Der Cartesische Skeptiker beschäftigt sich also mit dem Problem des Wissens selbst.[9]

Das wesenhafte Kontrastverhältnis zwischen Cartesischem und Kantischem Skeptizismus besteht ทนท darin, dass sich der Kanti sehe Zweifel dagegen durch die Frage nach den „Bedingungen von Wissen “10 auszeichnet. Wird nach den Bedingungen statt bloß der Realitätshaltigkeit von gegenständlichem Wissen gefragt, so steht in dem voraus gehenden Zweifel etwas anderes als die Wirklichkeit des Gegenstandes auf dem Spiel. Bei Kant gilt es, die Selbstverständlichkeit einheitlicher Erfahrung überhaupt anzuzweifeln. Der kantische Skeptiker führt sich vor Augen, dass die in seinem Ich vereinheitlichte (das heißt sinnvolle) Erfahrung selbst, sei sie ทนท geträumt oder wirklich, eine fragwürdige Einrichtung darstellt. Sinnvolle Erfahrung also solche ist, angesichts der Mannigfaltigkeit unvereinheitlichter Sinnesaffektionen und Vorstellungen, etwas Erklärungsbedürftiges. Es könnte doch auch sein, dass das mannigfaltige Sinnesmaterial ohne sinnhafte Vereinheitlichung auf ein epistemisches Pseudosubjekt trifft, das infolge fehlender Ermöglichungsbedingungen von Erfahrung gar nicht in der Lage wäre, überhaupt „eine Erfahrung“, geschweige denn einen „gedanklichen Inhalt zu haben“. Deshalb ergibt sich für den kantischen Skeptiker gemäß Conant die zentrale Frage: „Was ist [überhaupt] nötig, um Gedanken zu haben, die dafür, wie die Dinge sind, anfällig sind?“ Hierzu erläutert Conant: „Das Kantische Problem richtet sich in erster Instanz nicht auf Wahrheit, sondern darauf, wie es ist, sich ins Denken vorzuwagen.“[10] [11] „Sich ins Denken vorzuwagen“ heißt im Kontrast zum cartesischen Unternehmen, das Wesen des Denkens selbst zu hinterfragen - das Denken nicht als gegebenen Sachverhalt hinzunehmen, dessen einziger Mangel die Möglichkeit der Gehaltslosigkeit wäre, sondern die Möglichkeit des Denkens überhaupt zu prüfen und dessen Gehaltsanfälligkeit genetisch (das heißt transzendentallogisch) nachzuzeichnen. Die emblematisch „Kantische Frage“ ist mithin die: „Wie ist Erfahrung überhaupt möglich?“[12] Damit sucht die Kantische Frage nicht nach einer Brücke über die Kluft zwischen Geist und Außenwelt, sondern postuliert eine Lücke zwischen sinnlicher Blindheit (von für sich leeren da verworrenen Gedanken) und sinnlichem Bewusstsein (Gedanken mit Inhalt). Kants Zweifel ist also allgemeinerer und „nur wahlweise epistemologischer Natur“, im Gegensatz zum Cartesischen.[13] Dabei wird das „Sein von Bedeutung“ oder Gegenständen und nicht unser „epi sterni scher Zugang zu Bedeutung“ verhandelt.[14] Das „Sein von Bedeutung“ wird insofern in den Blick genommen, als die Erscheinung von Bedeutsamkeit als solcher in ihrer Möglichkeit zu erklären ist.[15]

Bevor ich mich der Frage widme, inwiefern Husserls Verwertung des Cartesischen Zweifels womöglich einen dritten Weg zu den beiden Spielarten aufzeigt, möchte ich der Übersicht halber mit Conant kurz die wichtigsten Momente der beiden Hauptspielarten des Skeptizismus zusammenfassen.

Der Cartesische Zweifel ist epistemologischer Art. Er geht von der Anzweifelbarkeit selbst des „besten Falles von Wisseiŕ aus. Diese Erfahrung einer Kluft zwischen evidentem Schein und einer möglichen Uneigentlichkeit des Seins des Gegenstandes (im Sinne einer Gegenstandslosigkeit des Scheins) wird anschließend generalisiert und ontologisch verwertet (im Cartesischen Substanz-Dualismus). Die „Cartesische Untersuchung“ erweist sich demnach als die „Entdeckung“ einer wesenhaften Kluft oder, wie Conant sagt, einer „Lücke, die uns unüberbrückbar erscheint“ - die „Cartesische[...] Lücke“ zwischen Geist und Materie, Bewusstsein und Außenwelt - und terminiert in der Enttäuschung der quasigöttlichen Wissensansprüche der Metaphysik. Das praktische Leben endlicher Wesen, die diese Lücke im Wirkungskreis des methodischen Zweifels nicht transzendieren können, ist für Conant demnach im Vollzug des Als-ob befindlich: „Wir sind gezwungen, so zu leben als könnten wir die Lücke schließen.“[16]

Der Kantische Zweifel ist allgemeinerer Art. Das heißt, er braucht nicht die Verlässlichkeit sinnlicher Eindrücke zu hinterfragen, sondern setzt sozusagen ,früher‘ an.[17] Er ist, wie Conant sagt, indifferent „gegenüber dem Charakter des Gegenstands“, der jeweils konstitutiv beschrieben werden soll. Die konstitutive Beschreibung ist dabei darauf bedacht, in den Blick zu bekommen, was es überhaupt heißt, ein Einzelding und anschließend Gegenstand transzendentaler Erfahrung zu sein. Anders als beim cartesischen Zweifelsvollzug findet also keine inferentielle Generalisierung der Unzuverlässigkeit des besten Falles von Wissen statt, sondern eine Art F ormali si er un g der Erfahrung eines Einzeldings überhaupt.[18] Die darin erfolgte Rückbindung des Seins der Gegenstände ans transzendentale Subjekt verbürgt den Umstand, dass Conant den Kantischen Zweifel gar nicht wirklich als Zweifel kennzeichnet, sondern als „ein Stutzen“[19] („a boggle“[20] ). Dieses Stutzen ist die Reaktion des transzendental Reflektierenden auf das „Rätsel“ einer konstituierten Realität und terminiert, wie Conant betont, in Kontrast zum Cartesischen Skeptizismus in einer „Verzweiflung“[21] Die Verzweiflung resultiert gemäß Conant „aus der Unmöglichkeit zu zeigen, wie das, was wirklich ist, überhaupt möglich ist“[22]. Die „Kantisehe Lücke“ trennt ทนท nicht mehr zwei in Gott aufhebbare Substanzregionen (Geist und Materie), sondern trennt sinnhaft apriorisch bedingte Erfahrung von dem Sinnvakuum einer rohen, unerfahrenen Welt an sich. Die entscheidende kantische Alteration der cartesischen Enttäuschung von Erkenntniserwartungen liegt zusammenfassend also darin: „Es sieht nicht länger aus, als gäbe es etwas, das wir nicht tun können; ทนท sieht es so aus, als gäbe es dort gar nichts zu tun (nicht einmal träumen), wo wir vorher dachten, es gäbe etwas.“[23]

Man beachte, dass Conant mit den beiden Spielarten nicht einfach inkongruente Problemfelder kennzeichnen will, sondern solche, die sogar in den meisten Fällen in eine dialektische Vermittlungsbeziehung zueinander treten.[24] Die heuristische Trennung der beiden Spielarten wird deshalb von Conant als „Idealisierung“ ausgewiesen.[25]

Die Umdeutung des Cartesischen Zweifels in der ersten der Cartesianischen Meditationen Husserls In einer erkenntnisethischen Wendung versucht Husserl, über eine Radikalisierung des Subjektivismus (der als ein bloß vermeintliches Übel paradoxerweise gerade die Strenge der Phänomenologie als Wissenschaft authentisiert) einen neuartigen Weltbegriff zu gewinnen. Emblematische Formeln hierfür lassen sich in Husserls Œuvre zur Genüge finden. In den Ideen I heißt es zum Beispiel: „Wir haben eigentlich nichts verloren, aber das ganze absolute Sein gewonnen, das, recht verstanden, alle weltliche Transzendenzen in sich birgt, sie in sich ,konstituiert\“[26] Die positive Wendung, im Rückgang aufs Subjekt „nichts verloren“, dafür aber endlich das „absolute Sein“ gewonnen zu haben, ist die logische Konsequenz aus der methodischen Inhibierung der Welt, als eine Enthaltsamkeit hinsichtlich der Seinssetzung der Welt jenseits ihres Seins als Bewusstseinskorrelate.[27]

Skepsis ist bei Husserl immer schon mehr als der dialektische Umschlag der Seinssetzung. Sie bezeichnet bei ihm die Doppelbewegung, welche die Exaktheit und Strenge der phänomenologischen Grundlagenreflexion und zugleich deren Reinheit im Sinne einer natürlichen Weltlosigkeit ausmacht. Wie ist Husserls Begriff des Zweifels ทนท in der Dialektik von Cartesischem und Kantischem Zweifel zu verorten? Es wird mir in diesem Rahmen zwar nicht gelingen, im Fokus auf die Problematik des Zweifels zugleich das Ganze der Cartesianischen Meditationen zu überblicken. Jedoch sollte es im Folgenden möglich sein, ein adäquates Bild von Husserls transzendentaler Lesart der ersten Meditation, wo eine Umdeutung der Weltverneinung in eine methodische Inhibierung der Seinssetzung initiiert ist, zu zeichnen. Die Cartesianischen Meditationen Husserls sind aus den sogenannten Pariser Vorträgen hervorgegangen, die Husserl Mitte Februar 1929 an der Sorbonne hielt. Der Text ist entsprechend als Sprechtext und spätere schriftliche Ausarbeitung überliefert, wobei gemeinhin anerkannt ist, dass das Werk trotz des sekundären Descartes-Bezuges eine zentrale systematische Stellung im Werk Husserls einnimmt. Husserl übernimmt zwar die „Grundfragestellung des Descartes“, erweitert diese jedoch in phänomenologischem Horizont durch eine „Radikalisierung und Modifizierung des Cartesischen Zweifels“. Dadurch gelingt Husserl die Einverleibung des skeptischen Potentials der Meditationes in die so grundlegende Intentionalanalytik. Es geht mit anderen Worten um nichts Geringeres als eine Entfaltung seiner transzendentalen Phänomenologie als „Umbildung und Neubildung des cartesischen Programms der prima philo Sophia im Sinne einer Reform der Philosophie zu einer universalen Wissenschaft aus absoluter Begründung.“[28]

Das Nebeneinander dieses systemkonstitutiven Aspekts und des erschütternden Potentials des Zweifels soll ทนท in einer Relektüre der Cartesischen Meditationen am Leitfaden des vorangegangen Kapitels zu Conants Spielarten des Skeptizismus plausibel werden.

Gleich zu Beginn betont Husserl die Nähe der Phänomenologie zur Cartesischen Philosophie, indem er Erstere als (Beinahe-)Neu-Cartesianismus ausgibt, der allerdings „fast den ganzen bekannten Lehrgehalt der Cartesianischen Philosophie“[29] ablehnt. Kurz: Husserl knüpft an das Grundmotiv Descartes an, „eine völlige Reform der Philosophie zu einer Wissenschaft aus absoluter Begründung“[30] einzuleiten. Die Reformbestrebung ist ihrerseits also eng mit der Bewegung des Zweifels verbunden. Für Husserl ist es entsprechend eine Art erkenntnisethische Notwendigkeit für den Philosophen als Begründer einer Universalwissenschaft, dass er sich „einmal im Leben auf sich“ zurückzieht, um den im Cartesischen Zweifel erfolgenden „Umsturz aller [...] geltenden Wissenschaften“ nachzuvollziehen, damit er sich anschließend in der Fundierung der Wissenschaften versuchen darf. Auch Husserl hält es also wie Descartes für nötig, einmal den ganzen Korb Äpfel auszuleeren. Aber wie gelingt es dem Einzelnen, vom „Anfang der absoluten Erkenntnisarmut“ zum „Fortgang“[31] des gesicherten, das heißt überindividuellen Wissens zurückzufinden, dessen angestrebte Sicherheit wir noch aus der präskeptischen Naivität der natürlichen Einstellung kennen? Indem der „Rückgang auf das philosophierende ego“[32], was den Vollzug „der bekannten, sehr merkwürdigen Zweifelsmethode“[33] ausmacht, richtig (das heißt in transzendental-phänomenologisch korrigierter Einstellung) verstanden wird.

[...]


[1] Vgl. auch die Sammelbände welche für die vorliegende Arbeit ausschlaggebend sind: Abel, G., Collant, J. (Hrsg.), Rethinking Epistemology. Volume 2/2, Berlin/Boston 2012 & Gabriel, M., Skeptizismus und Metaphysik, Sonderband 28 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, Berlin 2012, wo es in der Einleitung des Herausgebers auf S. 19 bezeichnenderweise heißt: „Die historische und systematische Untersuchung des Verhältnisses von Skeptizismus und Metaphysik ist demnach derzeit besonders dringlich, weil die Metaphysik auf allen Gebieten zuriiekgekehrt ist, während der Skeptizismus seine Ausrüstung ebenfalls verbessert hat.“

[2] Volbers, J., „Wie natürlich ist der Skeptizismus? Überlegungen zum historischen Grund der skeptischen Erfahrung“, in: Gabriel, M. (Hrsg.), Skeptizismus und Metaphysik, S. 155.

[3] Diese Bemühung um eine Grundlegung der Erkenntnis geht ihrerseits seit Descartes und a fortiori bei Kant stets mit einem im Zweifel ermittelten Endlichkeitsargument einher, welches seine Stärke und seine Evidenz jeweils an einem ausgezeichneten Grad an Selbstbewusstsein festmacht. Der universale Systemanspruch steht und fällt danach damit, wie gut die im methodischen Zweifel ennittelte Endlichkeit und der daraus notwendig resultierende Subjektivismus in das System integriert und durch das System am Ende wieder auf die Welt hinaus transzendiert werden kőimen. Die im Zuge der Erkeimtnisfundierung erfolgende Selbstvergewisserung des epistemischen Subjekts tritt also meist Hand in Hand mit dem Skeptizismus ins Systemgebäude.

[4] Conant, J., „Two Varieties of Skepticism“, in: Abel, G., Conant, J. (Hrsg.), Rethinking Epistemology. Volume 2/2, Berlin/Boston 2012, S. 1-73. Ich beziehe mich im Folgenden auf die deutsche LTbersetzung von Eva Amaszus und Bastian Reichhardt, erschienen in Gabriel, M., Skeptizismus und Metaphysik, S. 21-72. Ich danke dem Betreuer dieser Forschungsarbeit, Dr. Tobias Keiling, für den einschlägigen Hinweis.

[5] Conant, „Spielarten des Skeptizismus“, S. 23.

[6] Conant, „Spielarten des Skeptizismus“, S. 22-23. Kursive Stellen sind originalgetreu wiedergegeben.

[7] Conant, „Spielarten des Skeptizismus“, S. 24.

[8] Conant, „Spielarten des Skeptizismus“, S. 27.

[9] Conant, „Spielarten des Skeptizismus“, S. 29.

[10] Conant, „Spielarten des Skeptizismus“, S. 29.

[11] Conant, „Spielarten des Skeptizismus“, S. 25.

[12] Conant, „Spielarten des Skeptizismus“, S. 24.

[13] Conant, „Spielarten des Skeptizismus“, S. 30.

[14] Vgl. Conant, „ Spielarten des Skeptizismus“, S. 30, Fußnote 14.

[15] Conant, „ Spielarten des Skeptizismus“, S. 28.

[16] Conant, „ Spielarten des Skeptizismus“, S. 33-34.

[17] Der Vorrang ist logischer und nicht zeitlicher Natur, entsprechend der transzendentalen Figur des Apriorischen als Raum der Bedingungen der Möglichkeit von Erscheinungen.

[18] Ich denke hierbei an die Art, wie der frühe Eieidegger im Rückgriff auf Husserl die phänomenologische Methode reflektierte. Die Allgemeinheit eines Gegenstandes kaim nämlich unterschiedlich verfasst sein.

[19] Conant, „Spielarten des Skeptizismus“, S. 37.

[20] Conant, „Two Varieties of Skepticism“, S. 30.

[21] Conant, „Spielarten des Skeptizismus“, S. 37.

[22] Ebd.

[23] Conant, „Spielarten des Skeptizismus“, S. 38.

[24] Dies scheint auch im vorliegenden Falle bei Husserls Cartesianischen Meditationen der Fall zu sein.

[25] Conant, „Spielarten des Skeptizismus“, S. 32. Die Namen beider Spielarten entsprechen dabei einfach der historischen Herkunft, von der aus ihre jeweilige Wirkungsgeschichte sich entfaltet. (Vgl. auch Conant, „Spielarten des Skeptizismus“, S. 33: „Die erste Problematik nenne ich deshalb ,Cartesisch‘, weil sie [...] das erste Mal in Descartes’ Schriften auftauchte und ich nenne die zweite Problematik deshalb ,Kantisch‘, weil sie [...] das erste Mal in Kants Schriften auftauchte.“) Die historische Verortung scheint also weitgehend kontingent, während die metahistorische Sicht den jeweiligen Niederschlag der Proble mata in den Debatten in notwendiger Systemimmanenz zu begründen sucht. Mit anderen Worten: Conant schießt über die historische Thetik hinaus, indem er sogar Descartes und Kant selbst ins Cartesisch-Kantische Problemfeld hineinstellt, wobei Fetzteres gerade die entsprechend überhistorische Thetik beherbergt. Olme diesen Anspruch auf LTberzeitlichkeit würde Conants Ansatz meines Erachtens jegliche Schlagkraft einbüßen, weil sie die systemimmanente Dialektik des Skeptizismus, die auch liier zur Debatte steht, außer Acht ließe.

[26] Husserl, E„ Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Erstes Buch. Allgemeine Einführung in die reine Phänomenologie (=Ideen I), Husserliana, Bd. III/l, Den Haag 1976, S. 107.

[27] Vgl. folgende Stelle der Ideen I, S. 106: „Andererseits ist die ganze räumlich-zeitliche Welt, die sich der Mensch und menschliches Ich als untergeordnete Einzelrealitäten zurechnen, ihrem Sinne nach bloßes intentionales Sein, also ein solches, das den bloßen sekundären, relativen Sinn eines Seins für ein Bewusstsein hat. Es ist ein Sein, das das Bewusstsein in seinen Erfahrungen setzt, das prinzipiell nur als Identisches von motivierten Erscheinungsmaimigfaltigkeiten anschaubar und bestimmbar - darüber hinaus aber ein Nichts ist.“

[28] Ströker, E„ „Einleitung“, in: Husserl, E„ Cartesianische Meditationen, Hamburg 1977, S. XXI. Auch der Herausgeber des entsprechenden Bandes der Husserliana spricht von einer „Radikalisierung des Zweifels“. (Strasser, S., „Einleitung des Herausgebers“, in: Husserl, E„ Cartesianische Meditationen und Pariser Vorträge, Husserliana, Bd. I, Den Haag 1963, S. XXIII. Im Folgenden wird der Primärtext aus diesem Husserliana-Baiid zitiert.)

[29] Husserl, Cartesianische Meditationen und Pariser Vorträge, S. 43.

[30] Ebd.

[31] Husserl, Cartesianische Meditationen und Pariser Vorträge, S. 44.

[32] Husserl, Cartesianische Meditationen und Pariser Vorträge, S. 11 15.

[33] Husserl, Cartesianische Meditationen und Pariser Vorträge, S. 45.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Husserls Zweifel? Die erste der "Cartesianischen Meditationen" im Lichte von James Conants "Spielarten des Skeptizismus"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Veranstaltung
Forschungsarbeit: Phänomenologie und Hermeneutik
Note
1.0
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V368432
ISBN (eBook)
9783668468436
ISBN (Buch)
9783668468443
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Cartesianische Meditationen, Descartes, Husserl, methodischer Zweifel, James Conant, Skeptizismus
Arbeit zitieren
Conrad Mattli (Autor), 2017, Husserls Zweifel? Die erste der "Cartesianischen Meditationen" im Lichte von James Conants "Spielarten des Skeptizismus", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368432

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