Denken "in Mittagsturz des Lichts". Zum Verhältnis von Wissenschaft und Imagination in Gottfried Benns "Gehirne"


Hausarbeit, 2013

21 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Wissenschaß und die Zergliederung

3. Auflösende Handgriffe

4. Die Figur des Arztes und Rönnes Innerlichkeit

5. Was es mit den Gehirnen ist

6. „Zerstäubungen der Stirne “

7. Schluss

Bibliographie

1. Einleitung

„Was ist es denn mit den Gehirnen?“ - In Gottfried Benns Prosastück Gehirne von 1914 nimmt diese Frage eine zentrale Stellung ein.[1] Sie ist mit diversen Implikationen und einer fragwürdigen Bedeutungsschwere aufgeladen. Dies rührt ทนท meines Erachtens daher, dass sie in die Leere gestellt wird, welche die Auflösung der Wissenschaft „in eine Reihe von Handgriffen“[2] hinterlassen hat. So leitet sie, statt in ihrer Beantwortung zu münden, in die fragmentarischen Gedankenfetzen Rönnes über. Diese sind Ausdruck seiner Imagination, worin sich das Ich der Figur wiederum vollständig aufzulösen scheint. Diese inhaltlichen Zusammenhänge werfen ein eigentümliches Licht auf die stilistischen Eigenheiten des Textes, wie etwa dem sprunghaften Oszillieren zwischen Drittperson- und Erstperson-Perspektive. Was sind ทนท die philosophischen Implikationen, die der Text mit sich führt? In welchem Zusammenhang Stehen Wissenschaft, Technik und Imagination zueinander hinsichtlich der zerrütteten Innerlichkeit Rönnes und der Weise ihrer Expression? - Diese Arbeit ist ein Versuch, solche Fragen auf Sinnzusammenhänge und deren Niederschlag im Text beziehungsweise ihre Bedingtheit durch den Text zu beziehen. Dieser Anspruch wird sich nicht darin erschöpfen, einen reinen Deutungsdrang zu befriedigen. Denn gerade beim Beieinander von Rönnes erlebter Innerlichkeit und den „zerfliesslichen“[3] Gehirnen (oder etwa auch im Verhältnis von objektiver Wissenschaft und ihrer „wohltuenden“ Auflösung in der technischen Anwendbarkeit zur subjektiven Imagination) liegen Widersprüche vor, deren Tilgung jeweils einem voreiligen Missverständnis der Sache gleichkäme.

Vergegenwärtigen wir uns die manifesten Begebenheiten dieser Erzählung: In ihrem Zentrum steht ein Arzt. Dieser Arzt, von dem wir zunächst nur wissen, dass er Rönne heisst und jung ist, wird uns bereits am Anfang als traumatisierte Figur vorgestellt. Der Ausgangspunkt des Traumas liegt im zwei Jahre langen Sezieren von „ungefähr zweitausend Leichen“, die ihn „in einer merkwürdigen und ungeklärten Weise erschöpft“ hat.[4] Der Rest der Erzählung handelt ทนท von den Folgen dieser Erschöpfung - dem Rückzug Rönnes in seine Innerlichkeit, bis sein Ich sich schliesslich in seiner Imagination aufzulösen scheint.

Die Eckpfeiler der Gedankenwelt, in der sich diese Erzählung abspielt, sind damit gegeben. In ihr steht Dr. Rönne, der seines Berufes wegen im Wirkungskreis des wissenschaftlichen Denkens steht. Gerade dieses Denken führt ihn aber in einer eigentümlichen Weise in eine innere Zerrüttung. Das Leben Rönnes in zwei Welten - derjenigen der Wissenschaft und derjenigen der Imagination - lässt auch die Erzählung zweigeteilt erscheinen. An ihren beiden Enden stehen zwei Sphären, wobei die eine sich am Manifesten, am äusserlich Objektivierbaren festmachen lässt. Dies ist die für berechenbar gehaltene Wirklichkeit. Das Verhältnis von Subjekt und Objekt ist hier ausgemacht. Die Sprache begreift das Geschehen wie die Hände das Gehirn. Ihre Vermittlung geschieht dementsprechend in der Drittperson. Die andere Sphäre ist (ins Äusserste getrieben) diejenige der Imagination, die sich in den fragmentarischen Gedankenfetzen am Schluss des Textes niederschlägt. Hierhinein gehört das Bewusstsein, das sich in absurder Weise als vom Gehirn gesondert begreift, auch wenn (oder gerade weil) dieses seine materiale Wirkursache ist. Die dadurch vermittelte Wirklichkeit ist hier immer eine Ich-Welt, worin ein poetischer Akt jedem sprachlichen Ausdruck vorausgeht. Der Übergang von der einen zur anderen Sphäre geschieht in der Stossrichtung des wissenschaftlichen Denkens. Die Wissenschaft löst sich aber „in eine Reihe von Handgriffen“ auf. Die Erzählung verliert demgemäss auch fast alle novellenhaften Züge. Denn Benns Prosa scheint dabei mit ihren bildhaften Ausdrücken immer kurz davor zu Stehen, ganz dem Poetischen zu verfallen, was sich zuletzt „in Mittagsturz des Lichts“ auch abzeichnet.[5] Das sprunghafte Oszillieren zwischen Dritt- und Erstperson-Perspektive markiert den Rückzug der Figur in ihre Innerlichkeit auf inhaltlicher Ebene. Die zweite Sphäre ist somit auch der eigentliche Schauplatz der Erzählung. Das ist die Welt des erlebten Denkens. Sie ist, wie sich zeigen wird, von unvereinbaren Spannungen zur ersten Sphäre geprägt, was im Verlauf meiner Betrachtungen klarer werden sollte. In diese Spannungen zwischen Denken und Leben hinein wird die zentrale und auf den Titel rekurrierende Frage gestellt: „Was ist es denn mit den Gehirnen?“[6], die letztlich nicht in ihrer Beantwortung mündet, sondern in der Auflösung des Ichs in der Welt der Imagination. Wird die Frage dadurch rein rhetorisch? Kann die poetische Assoziationskette als eine von ihr implizierte Antwort verstanden werden?

Ich habe nicht vor, mit der Behauptung zweier Sphären eine starke ontologische Position zu untermauern. Die literarische Beschaffenheit des Gegenstandes erlaubt es mir aber, das Problem von der Frage nach der Lesart her aufzurollen. Und die zwei Sphären sind wesentlich dadurch bestimmt, dass sie verschiedene Lesarten der Wirklichkeit mit sich führen. Die Behauptung einer Absurdität zwischen Denken und Leben muss also nicht einen substantiellen Geist-Körper-Dualismus in sich schliessen. Damit bleiben die philosophischen Implikationen aufs Engste mit dem Text und seiner Auslegung in Berührung. Ich habe diese Implikationen deshalb auch noch nicht gänzlich ausgeführt, sondern lasse sie der Beschäftigung mit dem Text entspringen.

Damit komme ich zur Kernthese dieser Arbeit. Ich meine nämlich, das Verhältnis vom Ausleger zum Text sei im Falle von Gehirne in einer eigentümlichen Art mit der Thematik selbst verwoben; es ist das Verhältnis zwischen der Welt, zu der auch das Gehirn gehört, und dem diese Welt auslegenden Bewusstsein. Die Frage, ob im Inhaltlichen auch eine implizite Hermeneutik im Sinne einer konkreten Anleitung zum Verstehen liegt, muss dabei offen bleiben. Denn die Behauptung, eine solche als faktisch vorhanden vorzufinden, würde nur wieder einer stark ontologisierenden Position gleichkommen. Die anstehenden Betrachtungen führen diese These aber als vorläufigen Verständnisrahmen mit sich. Damit ist das Experiment hier ein mimetischer Vorgang, der das Spezifische der Gehirn-Bewusstseins­Problematik auf jene von Text und Auslegung zu übertragen versucht. Und die Rechtfertigung des Ansatzes hegt im Gelingen und Nichtgelingen des verstehenden Wechselspiels mit dem Text selbst. Das Ziel wäre erreicht, wenn dieser Verständnisrahmen erstens eine fruchtbare Lesart ermöglichte bestenfalls fruchtbarer als dies die sture Pathologisierung[7] der Figur zu leisten vermag, und zweitens der Verständnisrahmen rückwirkend durch die ทนท befragten Textstellen ausdifferenziert würde.

2. Die Wissenschaft und die Zergliederung

Ich werde zunächst zeigen, welche Textstellen den Anlass dazu geben, Gehirne als einen Schauplatz des Widerstreits von zwei Sphären zu verstehen und die Erzählung dann als eine Art Verfallsgeschichte des Ichs der Figur im Übergang von der einen in die andere Sphäre auszulegen. Daher setze ich am postulierten Ursprung dieser fingierten Chronologie an: dem wissenschaftlichen Denken, von dem ทนท ein bestimmter Aspekt im Akt des Sezierens versinnbildlicht ist - ein Aspekt, von dem gleichzeitig die Stosskraft dieses Denkens als bestimmte Art der Welterfahrung zehrt: die Zergliederung als Ideal des Unpoetischen.

Ich habe bereits erwähnt, dass der Ausgangspunkt dieser Verfallsgeschichte in der Erfahrung des Sezierens anzusetzen ist. Das Trauma beginnt eben mit dem Umstand, dass Rönne „früher viel seziert hatte“. Nur so ist die Information verständlich, dass er danach „die letzten zwei Monate tatenlos verbracht“ habe.[8] Es ist also zunächst auffallend, das die Medizin für Rönne eine implizite Umwertung erfahren hat. Der Zustand der einsetzenden Erschöpfung lässt die berufsmässige Erkenntnis in zweifelhaftem Lichte erscheinen, und die vom Arzt geforderte Nüchternheit droht eine tiefgreifende existentielle Ernüchterung zu zeitigen. Der Text besagt, dass die Leichen „ohne Besinnung durch seine Hände gegangen“ waren. Die Besinnung setzt erst später in Gestalt der merkwürdigen Erschöpfung ein.

Der Tätigkeit der Sektion lässt sich dabei leicht eine sinnbildliche Funktion zusprechen. Sie ist Sinnbild für die wissenschaftliche Lesbarmachung des Seins, die im Falle der Medizin den Menschen zum Erkenntnisobjekt bestimmt. Soll die Medizin durch die Sektion des Menschen neue Erkenntnisse gewinnen, ist es nötig, dass der Patient tot ist. Erst dann kann der (bei einem lebenden Patienten wohl tödliche) Schnitt zur Greifbarmachung des Gehirns in gewissem Sinne folgenlos erfolgen. Die Erkenntnis über aktuell Seiendes bedingt hierbei eine vorangehende Entaktualisierung desselben. Die Allgegenwart des Todes beim Sezieren wird durch die wissenschaftliche Zweckgebundenheit des Vorgangs zwar überdeckt. Im existentiellen Sinne ist diese Allgegenwart aber alles andere als sekundär. Die nachträgliche Besinnung bringt nämlich die Vergegenwärtigung mit sich, dass die leblosen Objekte der Zergliederung selbst Menschen sind. Was nämlich, wenn sich der Zergliederungsakt nach innen wendet? Es ist ein grundlegender Aspekt dieses Vorgangs, dass die Erkenntnis durch den Analogieschluss erfolgen soll, die das Sosein des Zergliederten auf die eigene Existenz zu übertragen sucht. Diese Grundbestimmung greift als Maxime ทนท auf das Innenleben Rönnes über, wenn er die Gehirne in seinen Händen hält. Die Übertragung des Zergliederungsbestrebens auf das Seelische wird im Text durch die spätere Stelle bezeugt, wo es heisst: „Nun halte ich immer mein eigenes in meinen Händen und muss immer darnach forschen, was mit mir möglich sei“.[9]

Die Selbsterkenntnis bleibt für Rönne dadurch paradoxerweise an den Zerfall der zu zergliedernden Ganzheit gebunden. Er, der zweitausend andere Menschen seziert hat, erfährt ทนท die Verinnerlichung dieses Aktes. Die Leichensektion ist also das Initialmoment von Rönnes innerer Zerrissenheit.

3. Auflösende Handgriffe

Für Rönne sind es seine Hände, die ihn von ทนท an daran erinnern, dass sich die wissenschaftliche Tätigkeit der Medizin nicht im Gedanken der Karitas erschöpfen kann, sondern dem Leben in einer eigentümlichen Weise auch entgegenwirkt. Dieselben Hände sind es, die nachher in einer fremdartigen Geste das Auseinanderfalten der Gehirnhälften automatisiert haben. Rönne ahnt die destruktive Macht der wissenschaftlichen Zergliederung seines Denkens bereits voraus. Daher heisst es im Text: „Das Leben ist so allmächtig [...], diese Hand wird es nicht unterwühlen können“. Darauf sieht Rönne „seine Rechte an“[10] [11]. Diese Stelle kommt in einem Gestus daher, der eine Hoffnung darauf erahnen lässt, vom eigenen Zergliederungsakt verschont zu bleiben. Der Blick auf die Hand verrät, dass das Mächteverhältnis von Willen und Körperlichkeit keineswegs ausgemacht ist. Die Hand hat für Rönne durch die Erfahrung des Sezierens eine unheimliche Potenz gewonnen und wird Objekt des Verdachts, dass sie das Leben möglicherweise „unterwühlen“ könnte. Denn was bereits im Akt des Sezierens angelegt war, ist die Zergliederung eines ehemals funktionierenden Ganzen, das paradoxerweise dann erkennbar wird, wenn seine Teile von ihrer organischen Funktionalität und Einbettung im Ganzen befreit werden. Das Motiv der Hände hat aber auch eine andere Bedeutung in dieser Erzählung im Sinne der die Wissenschaft auflösenden Handgriffe.

Im Sanatorium angekommen, ist Rönne von einer Feierlichkeit gezeichnet, die ihn „mit den Schwestern die dienstlichen Angelegenheiten fern und kühl“ besprechen lässt. Die Feierlichkeit rührt von der geografischen Einsamkeit des Sanatoriums auf hoher Lage und „in einen Wald gebaut“. Die Umstände versprechen Erholung. So kann er seinen Verantwortungsbereich auf die Schwestern verteilen: „Er überliess ihnen alles zu tun [,..]“n. Was ทนท folgt, ist die Aufzählung von technischen Vorgängen, die er den Schwestern überlassen kann und welche das wissenschaftliche Denken ermöglicht hat. Die trockenen Prozeduren wie das „Herumdrehen der Hebel, das Befestigen der Lampen“ oder „den Antrieb der Motore“ lösen in Rönne ein wohliges Gefühl aus: es tat ihm wohl, die Wissenschaft in eine Reihe von Handgriffen aufgelöst zu sehen, die gröberen eines Schmiedes, die feineren eines Uhrmachers wert“.[12] Der vorangestellte Gedankenstrich bricht die Aufzählung der technischen Anwendungen ab und deutet somit an, dass auch alles weiter Aufzählbare im Bereich des bisher Genannten subsumiert werden könnte. Diese Vorgänge haben gemeinsam, dass sie alle Ausdruck des wissenschaftlichen Denkens sind. Sie sind insofern dessen Ausdruck, als dieses Denken sich in ihnen erschöpft. Die Wissenschaft diffundiert in ihre Anwendbarkeit und löst sich für Rönne auf halbem Weg zur Stiftung einer endgültigen Weltanschauung in die Technik auf. Fragwürdig bleibt, was daran wohltuend ist. Ist es der Umstand, dass die Wissenschaft doch nicht ganz denunziert werden kann und dem Menschen ein gewisses Mass an Halt dadurch verspricht, dass man über ihre Anwendung einen Zugang zum Sein erhält? Oder ist es die Lust des Expressionisten, der die Auflösung der kühlen Vernunft mit der Hoffnung auf Rückeroberung der künstlerischen Schöpfungskraft einhergehen sieht? Ist es die neugewonnene Göttlichkeit des Menschen, die ihren Ausdruck nach Auflösung der Wissenschaft weniger im Technischen als in der geschickten Weltkonstitution des Poeten findet? Die Beantwortung dieser Fragen hängt wohl von einem besseren Zugang zur Deutung des Begriffs der „Auflösung“ ab, als demjenigen, der mir durch meinen Verständnisrahmen gegeben ist.

4. Die Figur des Arztes und Rönnes Innerlichkeit

Mit dem vorangehenden Abschnitt hoffe ich, dass die im Text thematisierte Problematik der Wissenschaft ทนท grob eingeführt wurde. Der Übertritt in die Welt der Imagination erfolgt inhaltlich über die Zerrüttung des Ichs, was auf narrativer Ebene mit der Diffusion des Fokalisationspunktes gleichzusetzen ist. Im Folgenden soll diese Mittelphase der Zerfallsgeschichte rekonstruiert werden.

Zur Vertretung des Chefarztes eines Sanatoriums berufen, berichtet der Text von Rönnes Zugfahrt. Darin findet sich erstmals ein „unmotivierter“ Wechsel innerhalb eines Abschnittes in die Erstperson-Perspektive. Damit geschieht sogleich ein Übertritt der an sich unaufhebbaren Grenze zwischen den Sphären der in Obj ekti vati onen verankerten Drittperson­Perspektive, die der Standpunkt jeder verlässlichen Welterfahrung und Ontologie ist, hinein in das Subjektive der Ausdruckswelt. Die Schilderungen der Ereignisse zeigen auf merkwürdige Weise, dass die Erzählung auch in der Drittperson eigentlich aus einer impliziten Ich- Perspektive erzählt wird, die von ทนท an einen diffusen Punkt der Fokalisation darstellt. Die Erzählung kann sich folglich in freier Manier um das implizite Ich herum bewegen und von dort aus die Welt je nach inhaltlicher Bestimmung in dritter oder erster Person betrachten. Diese Erzählweise ist von einer Eigenheit gekennzeichnet, die meines Erachtens daher rührt, dass objektive Tatsachen wie der Umstand, dass es sich etwa um Weinland, Mohnfelder und Häuser handelt, durch den folgenden informativen Einschub darüber, von wem die Rede ausgeht, sogleich zum Phänomen umgemünzt werden: besprach er sich“[13], heisst es nämlich im Text. Die Schilderung, dass jedes Haus an Rosen gelehnt sei, markiert den Vorrang des Phänomenalen über den Tatsachenbeschrieb. Die Erzählung als Ereignisbericht ist damit immer schon eng an die Ausdruckswelt der Figur gebunden, worin die erfahrbare Welt an ein alles überziehendes „Als ob“ gebunden bleibt.[14] Diese Welt wird hier erstmals in einem Willen zum Schöpferischen explizit, weil der innere Monolog von dem (in der ersten Person vermittelten) Entschluss, „Buch“ und „Stift“[15] zu kaufen, handelt: „ich will mir möglichst vieles auf schreiben, damit nicht alles so herunterfliesst“[16]. Der plötzliche Sprung in die erste Person ist auch eine bedeutsame Vorwegnahme des späteren Eintauchens in die Ausdruckswelt der Imagination, die ich später behandeln werde. Bereits hier ist es allerdings die Hinwendung zum Wort als reinem Ausdruck, wodurch der Glaube daran, „dass man mit Worten lügen könne“[17], ins Wanken gerät.

Das Verhältnis von Subjekt und Objekt, Erzähler und Erzählung wird aber auf eine weitere Weise verkompliziert. Neben der narrativen Ebene, wo der sprunghafte Wechsel zwischen Dritt- und Erstperson-Perspektive die Verkomplizierung bewirkt, kommt ทนท ein inhaltliches Moment mit eben genannter Wirkung hinzu. Es geht um die Figur des Arztes. Benns eigene medizinische Berufung legt für die Interpretation den Rückgriff auf biografische Begebenheiten nahe. Der Autor wie die Figur sind wohl in existentiellem wie allegorischem Sinn an einer Schnittstelle anzusiedeln, wo Wissenschaft und Imagination aufeinandertreffen. Man muss allerdings nicht so weit gehen und Analogieschlüsse zur Biografie des Autors ziehen, um die Verwobenheit von Arztfigur und textimpliziter Ich-Zerrüttung herauszustreichen.

Die Erzählung fährt bei der Schilderung des ärztlichen Alltags fort, Rönnes Innerlichkeit auf objektiv anmutende Weise darzustellen. Sie bleibt aber dabei, das Erfahrene so zu schildern, dass es an die Innerlichkeit der Figur gebunden bleibt. Was dabei auffällt: Der Arzt befindet sich in einer existentiellen Krisis. Seine Rolle wurde mit einem übersteigerten Mass an Selbstreflexion verinnerlicht. Sie verliert ähnlich der Erzählinstanz an substantieller Deutlichkeit. Rönne versteht sich selbst als Mediziner nur im Rahmen des Vollzugs der Wissenschaft. Die Behandlung eines Patienten wird in abstrakten Begriffen angedeutet. Und die zu untersuchende Körperstelle wird durch den unbestimmten Artikel von ihrem Träger als diese Stelle umfassende Einheit abgetrennt: „Dann nahm er selbst seine Hände, führte sie über die Röntgenröhre, verschob das Quecksilber der Quarzlampe, erweiterte oder verengte einen Spalt, durch den Licht auf einen Rücken fiel, [,..]“[18]. Der Arzt ist hier der Akteur der Technik. Die Röntgenröhre ist die Manifestation der diagnostischen Absicht. Die Reduktion der medizinischen Wissenschaft als karitative Handlung auf die reine Funktionalität ihrer einzelnen Handgriffe erfuhr Rönne ja bereits beim Sezieren der Leichen. Denn da war er auf seine Funktionalität beschränkt und konnte die Arbeit deshalb „ohne Besinnen“ ausführen. Der Akteur der Technik ist hier also selbst funktional wie eine Maschine. Die mechanistische Beschaffenheit ihrer Methode mündet so in einer mechanistischen Auslegung ihres Gegenstandes - des Menschen selbst. Rönne hat den Schritt jedenfalls dorthin vollzogen, wo er es nur noch mit einem „Inhaber des Ohrs“[19] statt mit einem Patienten zu tun hat, der als Mensch doch auch als ein seine Teile umfassendes Ganzes verstanden werden kann. Nun ist der Mensch aber nur noch das Produkt der Imagination Rönnes. Und den zu behandelnden Finger muss er ทนท „wie einen Fernen und Entlaufenen“[20] versorgen. Er ist eben deshalb fern und entlaufen, weil die Zergliederung ihn von seinem „Inhaber“ abzutrennen sucht. Dies belegt der Text auch da, wo es heisst, dass sich der Bruch des Fingers in das „Schicksal dieses Lebens“ verwoben hat. Dieses Schicksal ist nur noch vernehmbar, indem Rönne „in die Tiefe horcht“. Denn die Vereinzelung des Körpergliedes hat mit der Vereinzelung des Ereignisses aus dem Gesamtschicksal heraus gemeinsam, dass die Behandlung der Fraktur ebenso wie die Relevanz des einzelnen Ereignisses genügen, um die Technik zum Erfolgsmodell zur Weltbewältigung zu machen.

Gehirne macht damit auf das Scheitern Rönnes aufmerksam, die ethische Verpflichtung und die mechanistische Konstitution sowohl seiner Methode wie auch seines Gegenstandes (!) zur Synthese zu verdichten.

[...]


[1] Vgl. Beim, Gottfried, Gehirne, in: Dr. Rönne. Frühe Prosa, Zürich 1950, S. 32-39.

[2] Beim 1950, S. 33.

[3] Ebd., S. 38.

[4] Vgl. ebd., S. 32.

[5] Vgl. unten: Kapitel 6

[6] Beim 1950, S. 38.

[7] Wirft man einen Blick in die das Werk betreffende Sekundärliteratur, ist es auffallend, dass das Biographische zum Auslegeschema wird. Im Falle von Thomas Garnis Beitrag (Gamı, Thomas, Gehirn und Züchtung. Gottfried Benns psychiatrische Poetik 1910-1933/34, Bielefeld 2007) verrät der Klappentext sogar, dass Benns medizinische Berufung und sein Werdegang über die Psychiatrie die Nähe zum zeitgemässen psychiatrischen Diskurs ebenso zu erklären scheint wie seine umstrittene .Fürsprache für den Nationalsozialismus in den Jahren 1933/34“. Der in meiner Arbeit erfolgende Verzicht auf historisierende Ansätze geschieht freilich nicht aus einer grundsätzlichen Geringschätzung derselben heraus. Die Gehimproblematik ist aber von einer gewissen überzeitlichkeit geprägt, die es mir meines Erachtens erlaubt, die Situiertheit meiner Interpretation nicht nur negativ zu bewerten im Sinne einer historischen Nachzeitigkeit. Die Siüliertheit der Textauslegung sieht ihre Mängel nämlich gerade in der Situiertheit des Bewusstseins bei der Gehimproblematik gespiegelt und ermöglicht damit einen ausgezeichneten Zugang zum Text.

[8] Beim 1950, S. 32. - Mit gebotener Vorsicht hinsichtlich interpretatorischer Willkür will ich den Umstand zumindest erwähnt wissen, dass die Zahl Zwei am Anfang der Erzählung sehr prominent ist. So arbeitete Rönne während zweier Jahre am pathologischen Institut, Hess besagte zweitausend Leichen durch die Hände gehen und verbrachte daim zwei Monate tatenlos. Vielleicht ist das die im konkreten Ereignis manifeste Vorwegnahme der zwei Sphären, die in meinem Deutungsversuch eine so entscheidende Rolle spielen werden?

[9] Ebd., S. 38.

[10] Ebd„ S. 33.

[11] Ebd.

[12] Vgl. ebd.

[13] Ebd., S. 32.

[14] Vgl. hierzu eine Stelle aus einer anderen Novelle des Röime-Zyklus, Der Geburtstag, in: Beim 1950, S. 18: „Aber über allem schwebte ein leises zweifelndes Als ob: als ob Ihr wirklich wäret Raum und Sterne.“

[15] Beim 1950, S. 32

[16] Ebd.

[17] Ebd., S. 34. Der Satz „Wer glaubt, dass man mit Worten lügen könne, könnte meinen, dass es liier geschähe“ dient in der von mir verwendeten Ausgabe sogar als Motto zu Gehirne.

[18] Ebd., S. 33.

[19] Ebd

[20] Ebd., S. 34 21 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Denken "in Mittagsturz des Lichts". Zum Verhältnis von Wissenschaft und Imagination in Gottfried Benns "Gehirne"
Hochschule
Universität Zürich
Veranstaltung
Imaginierte Wissenschaft (Aufbauseminar)
Note
1.0
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V368436
ISBN (eBook)
9783668468382
ISBN (Buch)
9783668468399
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gottfried Benn, Gehirne, Rönne, AVL, Wissenschaft, Imagination
Arbeit zitieren
Conrad Mattli (Autor), 2013, Denken "in Mittagsturz des Lichts". Zum Verhältnis von Wissenschaft und Imagination in Gottfried Benns "Gehirne", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368436

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