"Leg ich mich aus, so leg ich mich hinein". Friedrich Nietzsches "Fröhliche Wissenschaft" als hermeneutisches Programm?


Hausarbeit, 2014

24 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung und vorgreifende Erwägungen

2. Sein als Auslegung

3. Das neue „Unendliche“

4. Tatsachen oder Interpretationen?

5. Wissenschaft, Vorurteil und Welt-Interpretation

6. Schluss

Bibliographie

1. Einleitung und vorgreifende Erwägungen

Der Titel der vorliegenden Arbeit bringt bereits wesentliche Schwierigkeiten mit, die ich, wenngleich nicht vollständig geklärt, doch zumindest angesprochen wissen möchte, bevor ich mich dem Gegenstand selbst annähern werde. Zunächst ist fragwürdig, was es überhaupt zu bedeuten hat, nach den „hermeneutischen Zügen“ eines Werks zu fragen, das sich prima facie nicht in die Traditionslinie der Hermeneutik eingliedem lässt. Mit dieser Frage soll wohlgemerkt weder ein Kriterium zur Gattungszuordnung der Fröhlichen Wissenschaft[1] ermittelt, noch die Hoffnung gehegt werden, dadurch den Schlüssel zu einer untergründigen Systematik derselben gefunden zu haben. Im Falle der FW bleibt die Gattungsfrage ja im Innersten selbst ungeklärt. Philosophie und Literatur vermischen sich sowohl hinsichtlich ihrer unausgemachten Beziehung zu Wahrheit und Erkenntnis, als auch im formalen Niederschlag dieses unruhigen Beziehungsgeflechts als Text. Zudem ist es bei der Hermeneutik selbst problematisch, von einem klar umrissenen Referenzbereich ihres Begriffs auszugehen - „die Hermeneutik“ scheint es nicht zu geben. Und abgesehen davon geht es der Hermeneutik in philosophischer Manier selbst um die Beantwortung der Frage, was die Theorie des Verstehens denn genau ist und leisten soll, wenn die Fragwürdigkeit des verstehenden Weltzugangs den Anfang (- und die sachgerechte Thematisierung des Verstehens den Endpunkt) jeder hermeneutischen Reflexion darsteht. Also muss sich die Frage im Titel damit begnügen, von einem ungeklärten Vorverständnis des Gesuchten anheben zu müssen. Alleine das Selbstverständnis eines Denkens, das sich durch ein diffuses Vorverständnis bedingt sieht und das Bewusstsein um diese Bedingtheit fruchtbar zu machen sucht, ist ein dezidiert hermeneutisches Selbstverständnis, das als solches nicht darauf angewiesen ist, das breite Bedeutungsspektrum und Anwendungsfeld von „Hermeneutik“ vorangehend „homologisiert“ zu haben. „Hermeneutik“ ist damit eher eine spezifische Frageweise als ein eigengesetzlicher Wissenschaftszweig, was auch die interdisziplinäre Anwendbarkeit plausibel macht. Und wenn die Hermeneutik, wie hier, mit der Philosophie in Verbindung tritt, dann sollen sie gemeinsam im Zuge einer vorwissenschaftlichen Grundlagenreflexion in die einzelnen Wissenschaftszweige einfliessen, um deren jeweiliges Selbstverständnis in ihrem Lichte spiegeln zu lassen.

Was hier eigentlich unter „Programm“ verstanden wird, ist eine Frage nach der Systematik, ihrem ontologischen Status und ihrer normativen Dimension - und damit komme ich zu einer weiteren zentralen Schwierigkeit. Diese Frage mündet im hermeneutischen Denken letztlich darin, dass die systematisierende Tätigkeit im Verstehen selbst Thema wird. Das Frageverhältnis kehrt sich in kantscher Manier um, wenn Systematik eher Bedingung der Möglichkeit einer fruchtbaren Auslegung statt Wesensbestand des Befragten sein sollte. Oder anders gesagt: Systematik ist das Medium, in dem Verstehen überhaupt erst möglich wird, wenn der Vernunft mit I. Kant ein grundlegendes, „architektonisches Interesse“ zugeschrieben werden darf.[2] Verkomplizierung und Relativierung des systematischen Begehrens ist dann erst der nächste Schritt eines hermeneutisch geläuterten Selbstverständnisses des Denkens.

Die hermeneutische Frageweise hat den Vorzug, dass sie gemäss ihrem Selbstverständnis nur dann auf dem Weg zum Verstehen ihres Gegenstandes ist, wenn ihr allezeit bewusst ist, dass die Systematik, wenn überhaupt, dann nur mit grösster Vorsicht dem Gegenstand selbst unterstellt, das heisst der Sache als „wesentlich“ angedichtet werden darf. Jede Gegenstandsbetrachtung, die unter Abstraktion der Auslegetätigkeit - gleichbedeutend einer Cachierung derselben - zustande gekommen ist, muss dem hermeneutischen Denken aus sich heraus verdächtig erscheinen. So eignet sich das besagte Denken in ausgezeichneter Weise dazu, die dem werk unterstellte Systematik zurück in den Horizont des Interpreten und in einem auf Verstehen abzielenden Weltzugang herüberzuretten. Von einer „Rettung“ kann hier deshalb die Rede sein, weil die absolute Existenz der Systeme dann in Gefahr gerät, wenn der Mensch nicht mehr von ihrer „Gemachtheit“ und abzusehen vermag. So bleibt nach diesem Glaubwürdigkeitsverlust eine Art Pseudosystematik zurück. Das Präfix Pseudo- markiert hier die Uneigentlichkeit der vorgestellten Ordnung, weil sie zwar der Sache abgelesen wird, jedoch nicht vorschnell der Natur dieser Sache unterstellt werden darf. Das ist dann problematisch, wenn die Erkenntnisgegenstände hiermit (zusammen mit den Betrachtungsmöglichkeiten) selbst plural werden, mithin ihre ontologische Fixierbarkeit einbüssen.

Die angesprochene Uneigentlichkeit jeder Auslegung kann also vielleicht nur unter Preisgabe des epistemologischen Fundaments gedacht werden. Dieses Fundament legt jedem Verstehen nahe, die Gegenstände erst nach „Abziehen des Schleiers“[3] (- das heisst im Absehen von der

Auslegung als ihre Möglichkeitsbedingung) als faktisch gegebene Gegenstände hinzunehmen. Nietzsche scheint dieses Fundament in der Tat durch eine neue In-Blick-Nahme der Auslegung zu untergraben. Man braucht dazu nur einen Blick in die Vorrede der FW oder den Aphorismus § 374 zu werfen, um diesen Anspruch im Primärwerk vorgezeichnet zu sehen. Die im Nachlass sich abzeichnende Substitution der Tatsachen durch unendlich mannigfache Interpretationsmöglichkeiten wird folglich als vollzogene Pervertierung der gängigen Relation von ausgelegter Welt und deren Auslegeinstanz verstanden. Die Umkehr liegt in einer Neugewichtung der Auslegung (qua hermeneutischer Thematisierung derselben) gegenüber der Tatsache, auf die freilich eine jede Auslegung abzwecken muss, wenn sie Sinn ergeben will.

- Das Eingeständnis der Schwäche, was ทนท die „Tatsächlichkeit“ meiner sekundären Behauptungen betrifft, macht meines Erachtens gerade bei F. Nietzsches FW eine unverzichtbare Grundeinstellung für jede Auslegung derselben aus. Diese Einstellung wird im Zuge einer „kritischen Mimesis“ mit dem Primärwerk verschränkt und kommt diesem damit näher, als es durch ein vorformendes Gesetz, das blind für die eigene Tätigkeit des Interpretierens wäre, kommen könnte.[4] Hier gilt es also denjenigen Irrtum zu vermeiden, den E. Husserl 1936 im Kern der „Krisis der europäischen Wissenschaften“ am Werke zu sehen glaubte: „Das Ideenkleid macht es, dass wir für wahres Sein nehmen, was eine Methode ist.“[5] Die widerhermeneutische Verwirrung, die aus der ungenügenden Reflexion des Verhältnisses von Auslegung und Sinngehalt erwächst, kann weiter auf die Nichtbeachtung einer früher formulierten Maxime Husserls zurückgeführt werden: „Die wahre Methode folgt der Natur der zu erforschenden Sachen, nicht aber unseren Vorurteile und Vorbildern.“[6]

Um der breitgefächerten Anlage des Begriffs „Hermeneutik“ auch ohne eindeutige Darlegung gerecht zu werden, braucht man aber gar nicht weit vom hier befragten Primärtext abzusehen. Wird die Hermeneutik irgendwo zwischen den Eckpfeilern von geisteswissenschaftlicher Methodenreflexion und Gegenstandskonstitution angesiedelt, als Theorie und Heuristik des Verstehens von Sinngebilden[7], so sehe ich diese Grenzbestimmungen in Nietzsches Denken vielerorts auffällig vorgezeichnet, was im Folgenden zu zeigen Aufgabe ist. Wenn aber mit dem von G. Figal festgestellten Komplementärverhältnis von „philosophischer Hermeneutik“ und „hermeneutischer Philosophie“[8] der Hermeneutik eine enorme Zunahme lebensweltlicher Relevanz - zumindest was das philosophische Denken betrifft - zugesprochen werden darf, so will Nietzsches Problematisierung der Philosophie als Sammelsurium auslegender Weltzugänge und die damit tödlich in Perspektivismus und Relativismus mündende Metaphysik als die postmoderne „Vemunftverwirrung“[9] stets mitgedacht sein.

Es sind kaum Aussprüche vorstellbar, welche diese Problematik deutlicher in sich tragen könnten als der „Tod Gottes“ oder die Vergegenwärtigung der „neuen Unendlichkeit“ qua Substitution aller Tatsachen durch Interpretationen. - Ich werde mich aus Platzgründen nur auf konkrete Thematisierung der Interpretationsproblematik in der FW und den Tod Gottes damit als eine Art Implikation (- eine plausible Folgerichtung der perspektivistischen Denkzüge) im Stillen mitführen. Darüber hinaus will ich Nietzsches Problematisierung der Interpretation nicht in ihrer (vielleicht bloss vermeintlichen) Widersprüchlichkeit abbrechen lassen. Gerade den Aphorismus § 374 betreffend, stellt sich die Widerspruchsfrage ja mit unvergleichlicher Brisanz. Was bedeutet es für den verstehenden Weltzugang, wenn die Welt nicht mehr ohne vorhergehende Auslegung gedacht werden kann und die Tatsachen letztlich zu Interpretationen werden?

Davon ausgehend werde ich einige Stellen der FW, darunter das Gedicht Interpretation und die § 110 Ursprung der Erkenntnis und § 373 Wissenschaft als Vorurtheil, auf Besagtes befragen. Was sind die Ursachen, die konstituierenden Merkmale und unmittelbaren Folgen der nietzscheschen Feststellung des „perspektivischen Charakters des Daseins“? Und wie sieht letztlich ein Denken aus, dessen Weltverständnis durch ein geläutertes Selbstverständnis korrumpiert wird? Lässt sich die „fröhliche Wissenschaft“ am Ende mit einer „hermeneutischen Philosophie “ äquivozieren?

Nur im Lichte dieser Überlegungen darf also von einem hermeneutischen „Programm“ die Rede sein. Denn die Programmatik offenbart sich von Seiten des Werks weder als laute Forderung, noch als untergründige, geschweige denn „eigentliche“ Logik desselben. Und auch historisch gesehen, scheint der schwerlich festzumachende, aber doch unbestreitbare Einfluss Nietzsches auf die Hermeneutik ja nicht die Parteinahme des Autors für die Sache der Hermeneutik vorauszusetzen. Ich erhoffe mir also lediglich einen fruchtbaren Zugang zur FW, wenn ich einige zentrale Aspekte des Werks herausstreiche und auf ihren spezifisch hermeneutischen Gehalt prüfe - aber mit Rücksicht auf die hohen Wellen, welche diese Aspekte im philosophisch-hermeneutischen Diskurs des darauffolgenden Jahrhunderts geschlagen haben. Die Grenzen des Umfangs legen allerdings einen sparsamen Umgang mit der gezielten Einbringung historischer Beispiele aus der hermeneutischen Tradition nahe. Die Rücksicht wird damit oft nicht explizit. Ich habe aber versucht, sie in ein Bewusstsein um die eigene Ungerechtigkeit gegenüber der Komplexität des gegenwärtigen hermeneutischen Feldes münden zu lassen. So wird die FW als Primärquelle einem hermeneutischen Denken gegenübergestellt und einer Frageweise ausgesetzt, deren Umrisse vielleicht erst im Laufe der anstehenden Betrachtungen deutlicher werden können.

2. Sein als Auslegung

Auf der Suche nach hermeneutischen Zügen in der FW, stösst man unweigerlich auf Passagen, welche die Rolle der Interpretation und der Auslegung bei der Weltkonstitution betonen. Weder die existenziale Wende in der Hermeneutik, noch die hermeneutische Wende in der Philosophie wären wohl ohne die hierbei anhebende Bedeutungsverschiebung des Interpretationsbegriffs denkbar.[10] Die hermeneutische Tradition nach Nietzsche kann sich gegen sein Denken kaum verwehren. Umso verwunderlicher ist es, dass es Stimmen innerhalb der Hermeneutik des zwanzigsten Jahrhunderts gibt, die Anlass haben, von Nietzsche als einem „für die Grundlegung der heutigen Hermeneutik selten gewürdigten Denker“[11] zu sprechen. Dass er aber für die besagte Grundlegung im Zusammenhang mit seinen Gedanken zu Auslegung und Interpretation aber zu würdigen wäre, davon künden einige Zeugen der moderneren Hermeneutik. So sieht P. Ricœur in Nietzsche einen Urheber der Bedeutungssteigerung von „Auslegung“ aus der textkritischen Methodologie hinein in den reflexiven Lebensbezug: „Nietzsche war es, der der Philologie ihren Begriff der Deutung, Auslegung entlehnte, um ihn in die Philosophie einzuführen; [...]“ Daraus zieht dieser den folgeschweren Schluss: „mit ihm wird die gesamte Philosophie Interpretation.“[12] H.-G. Gadamer sieht im Wirken Nietzsches einen ähnlichen Wendepunkt markiert. Denn mit Nietzsche erlangte der Begriff der „Interpretation eine weit tiefere und allgemeinere Bedeutung. Interpretation meint ทนท nicht nur die Auslegung der eigentlichen Meinung eines schwierigen Textes: Interpretation wird ein Ausdruck für das Zurückgehen hinter die offenkundigen Phänomene und Gegebenheiten.[13]

J. Grondin sieht die abendländische Geistesentwicklung im wesentlichen durch eine Universalität der Hermeneutik und die daraus resultierenden Probleme geprägt, die ihrerseits kaum denkbar wäre ohne die bis dahin präzedenzlose Universalisierung der Auslegung bei Nietzsche.[14] Und im Zusammenhang des Übergangs von einer textlich orientierten Hermeneutik zur späteren Gewichtung derselben als „Hermeneutik der Faktizität“[15] bei M. Heidegger lässt sich festhalten, dass man gemäss G. Ebeling in Nachwirkung S. Kierkegaards und Nietzsches wissen sollte, dass „[es] kein voraussetzungsloses Verstehen [gibt]“[16], wenn das Subjekt zur Selbstauslegung ansetzt.

Vor allem auf Seiten der Philosophen ist also klar, dass in der Unumgänglichkeit und Allgegenwart der Interpretationsthematik ein Kern von Nietzsches Denken liegt. K. Jaspers, der in seiner Nietzscheeinführung ein ganzes Kapitel der „Weltauslegung“ widmete, schreibt darin folgendes: „Jedes Philosophieren aber ist wesentlich bestimmt auch durch die Weise, wie es die Welt denkt.“[17] Und das heisst bei Nietzsche letztlich, dass neben dieser Wesensbestimmung kein unmittelbarer Bezug mehr zu einem Sein hinter dem Wechselspiel von Ausleger und Gegenstand erfolgen kann. Das Sein wird als das Was des denkerischen Weltbezugs hinter dem Wie selbst fragwürdig.[18] Nietzsches Philosophie ist für Jaspers in Anschluss an Kants transzendentale Kritik[19] eine „Theorie des Weltseins als eines blossen Ausgelegtseins, des Weltwissens als einer jeweiligen Auslegung [,..]“[20]. Und auch die Phänomenologie nach Husserl wäre wohl kaum denkbar ohne eine Vermählung von Erkenntnistheorie und Ontologie, dem Wie und dem Was der Erfahrung - im Zeichen der Absage an die „naive, metaphysische Einstellung“[21], wobei sich die mit Nietzsche gedachte, allwaltende Perspektivität leicht in die phänomenologisch neu aufgeschlossene Welt einbringen lässt.

Zusammenfassend will ich festhalten, dass Nietzsche für die Hermeneutik eine Art Wendepunkt zu markieren scheint, wobei die kantsche Absage an die „Welt an sich“ mit der Bedeutungssteigerung eines (aus der philologischen Methodenreflexion extrahierten) Auslegungsbegriffs verbunden und von der Philosophie in die Hermeneutik übertragen wird. Damit ist eine Bedeutungsverschiebung (beziehungsweise Bedeutungssteigerung) von „Hermeneutik“ auf die lebens weltliche Dimension von Sinn, Verstehen, Auslegung und Interpretation bewirkt worden.[22]

[...]


[1] Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft, in ders.: Kritische Studienausgabe (Bd. 3), hg. V. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Berlin / New York: Verlag de Gruyter, s2011. (Abkürzung „FW“) - Im Folgenden werden alle Zitate in orthographischer Originalform übernommen. Im Original gesperrt oder irgendwie hervorgehobene Stellen werden hier in Kursivform wiedergegeben.

[2] Vgl. Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, hg. V. Benno Erdmann, Berlin: Georg Reimer, 1900, S. 393: „Die menschliche Vernunft ihrer Natur nach architectonisch, d.i. sie betrachtet alle Erkenntnisse als gehörig zu einem möglichen System,

[3] Vgl. FW, Vorrede § 4, S. 352.

[4] Anlass zu diesem Einschub gibt das Gedicht Gegen die Gesetze aus dem Vorspiel zur FW (S. 48):

Von heut an hängt an härner Schnur บท! meinen Hals die Stunden-Uhr:

[5] Husserl, Edmund: Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie. Eine Einleitung in die phänomenologische Philosophie, hg. V. Walter Biemel, Den Haag: Martinus Nijhoff, 1952, S. 52.

[6] Husserl, Edmund: Philosophie als Strenge Wissenschaft, hg. V. Wilhelm Szilasi, Frankfurt a. M.: Vittorio Klostermann, 1965, S. 32. (zuerst in: Logos Bd. E 1910/11) - War die fröhliche Wissenschaft Nietzsches ทนท ein Vorläufer der Philosophie als einer Strengen Wissenschaft bei Husserl? Da die Frage nach historischem Einfluss hier leider hoffnungslos vage bleiben muss, könnte darüber nur in systematischer Hinsicht geurteilt werden, wobei dann eben jene Vorsichtsmassnahmen am Platze wären, welche dieses Beispiel expliziert haben sollte. Ich werde im Folgenden nicht weiter auf E. Husserl und die Phänomenologie eingehen, glaube aber, dass sich eine Betrachtung der „phänomenologischen Züge“ in der FW ebenso lohnen würde, wie die hier anstehende.

[7] Vgl.: Geldsetzer, Lutz: Art. Hermeneutik, in: Diemer, Alwin / Frenzei, Ivo (Hg.): Das Fischer Lexikon. Philosophie, Frankfurt a. M. / Hamburg: Fischer Bücherei, 1958, S. 95-96.

[8] Vgl. Figal, Günther: Philosophische Hermeneutik - Hermeneutische Philosophie. Ein Problemaufriss, in: Hermeneutische Wege: Hans-Georg Gadamer zum Hundertsten, hg. V. Günter Figal, Jean Grondin, Dennis J. Schmidt, in Zusammenarbeit mit Friederike Rese, Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), 2000, S. 341: „Philosophische Hermeneutik gibt es nicht ohne hermeneutische Philosophie.“

[9] Vgl. Lyotard, Jean-François: Postmoderne fur Kinder: Briefe aus den Jahren 1982-1985, Wien: Passagen, 1987, S. 88-89.

[10] J. Figl gibt in seiner Schrift Interpretation als philosophisches Prinzip einen ausführlichen Überblick über die hermeneutische Verwertung von Nietzsches Denken über den Auslegungsbegriff. (Vgl. Figl, Johann: Interpretation als philosophisches Prinzip. Friedrich Nietzsches universale Theorie der Auslegung im späten Nachlass, in: Behler et al. (Hg.): Monographien und Texte zur Nietzsche-Forschung (Bd. 7), Berlin / New York: Verlag de Gruyter, 1982.) - Ich führe hier nur ein paar wenige Beispiele an, um die Interpretationsthematik von ihrer Wirkung in der Hermeneutik nach Nietzsche her anzurühren.

[11] Vgl. Figl 1982, S. 2-3; zit. nach BÖHM, Gottfried: Einführung, in: Seminar: Die Hermeneutik und die Wissenschaften, hg. V. Flans-Georg Gadamer und Gottfried Böhm, Frankfurt a. M.: 1978, S. 12.

[12] Ricœur, Paul: Die Interpretation. Ein Versuch über Freud, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1969, S. 38.

[13] Gadamer, Hans-Georg: Vernunft im Zeitalter der Wissenschaft, Frankfurt a. M.: 1976, S. 93.

[14] Vgl. Grondin, Jean: Hermeneutik, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht (บTB), 2009, S. 124-131.

[15] Vgl. Heidegger, Martin: Ontologie. Hermeneutik der Faktizität, in: ders.: Gesamtausgabe. II. Abteilung: Vorlesungen (Bd. 63), hg. V. Käte Bröcker-Oltmanns, Frankfurt a. M.: Vittorio Klostermarm, 21995.

[16] Ebeling, Gerhard: Art. Hermeneutik, in: Galling, Kurt (Hg.) unter Mitwirkung von Hans Frhr. V. Campenhausen, Erich Dinkier, Gerhard Gloege und Knud E. Løgstrup: Die Religion in Geschichte und Gegenwart (Bd. 3, H-Kon), Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), 1959, S. 256.

[17] Jaspers, Karl: Nietzsche. Einführung in das Verständnis seines Philosophierens, Berlin / Leipzig: de Gruyter, 1936, S. 255.

[18] Vgl. FW § 54 Das Bewusstsein vom Scheine, S. 416-417:

[19] Nietzsches erkenntnistheoretische Einschübe in der FW erinnern oft an Kants Vemunftkritik. Ich glaube in Kürze und Ungerechtigkeit gegenüber der Komplexität dieses Vergleichs, einen Elauptunterschied der beiden Ansätze darin festmachen zu können, welche Auslegung des Wörtchens „bloss“ die beiden Denkwelten nahelegen. Kants „kopemikanische Wende“ (vgl. Kant 1900, S. 22) ist ohne dieses „bloss“ undenkbar. Die Denkfigur, dass die Gegenstände keine Dinge an sich selbst, sondern blosse Bedingungen der Möglichkeit ihrer Erfahrbarkeit, blosse Erscheinung oder blosse Funktionen sind, in der Kritik der reinen Vernunft allgegenwärtig. Trotzdem ist dieses Denken darauf angewiesen, einen transzendentalen Gegenstand zu setzen. Auch wenn dieser fernab des Erfahrungshorizontes liegt, macht er doch einen Seinsbereich aus, der als Komplement zum Denkbaren übrig bleibt, wenn die Vernunft in den Wirkungskreis ihrer eigenen Kritik tritt und so an ihre Grenzen stösst. Abgesehen von einer Verallgemeinerbarkeit, die Kant, auch nach Verlust der spekulativen Hoffnungen auf Erkenntnis, noch dem transzendentalen Subjekt zuzuschreiben vermag, unterscheidet sich Nietzsches Zerstückelung der Verallgemeinerbarkeit im Perspektivismus doch auch darin, dass die „Welt an sich“ mit den Tatsachen ganz aufgegeben wird.

[20] Jaspers 1936, S.

[21] Der Bruch mit der „natürlichen Einstellung“ ist gemäss D. Zahavi bezeichnend für das philosophische Initiationsmoment der „Epoché“. Vgl. Zahavi, Dan: Phänomenologie für Einsteiger, Paderborn: Fink, 2007, S. 22.

[22] Von einer Behandlung der Art, wie diese Wirkung vonstatten ging, möchte ich hier (wie von der Frage des Einflusses) freilich absehen.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
"Leg ich mich aus, so leg ich mich hinein". Friedrich Nietzsches "Fröhliche Wissenschaft" als hermeneutisches Programm?
Hochschule
Universität Zürich
Veranstaltung
Modul: H2: Methodik der Auslegung (in Rückbezug auf das Seminar: Friedrich Nietzsche – Die Fröhliche Wissenschaft)
Note
1.0
Autor
Jahr
2014
Seiten
24
Katalognummer
V368447
ISBN (eBook)
9783668468726
ISBN (Buch)
9783668468733
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hermeneutik, Nietzsche, Philosophie, Auslegung, Interpretation, Fröhliche Wissenschaft
Arbeit zitieren
Conrad Mattli (Autor), 2014, "Leg ich mich aus, so leg ich mich hinein". Friedrich Nietzsches "Fröhliche Wissenschaft" als hermeneutisches Programm?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368447

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