Zum Begriff der „Dekonstruktion“ in Paul de Mans "Rhetorik der Persuasion"


Essay, 2014

7 Seiten


Leseprobe

Zum Begriff der „Dekonstruktion“ in Paul de Mans Rhetorik der Persuasion Wie nähert man sich einem Begriff, der sich als Modewort mit wachsender Resonanz auch als zunehmend sperrig für eine genuine Reflexion erweist? - Ich lasse mich auf ihn ein, versuche, ihn aus einem primären Vorkommnis im Text einer seiner „Pioniere“ zu lesen und seiner impliziten Hermeneutik zu folgen. Doch darin hegt bereits ein erstes Problem. Denn der hier befragte Begriff der „Dekonstruktion“, so wie ihn Paul de Man bei seiner Nietzsche-Lektüre in Rhetorik der Persuasion[1] verwendet, scheint geradezu die Absage an ein hermeneutisch festgefahrenes Text-Leser-Verhältnis zu sein, welches die gelingende Lektüre an das sukzessive Näherkommen an einen Sinn bindet. Es lässt sich vielmehr gar kein fester Sinn aus dem Begriff „Dekonstruktion“ extrapolieren, was wiederum aus seiner eigenen Gesetzmässigkeit zu folgen scheint. Aber es wird wohl so etwas wie eine „angemessene“ Verwendung des Begriffs der „Dekonstruktion“ im Text geben. Denn er scheint gerade an den Stellen aufzutreten, wo der Zerfall der eindeutigen Referenzi alitât von Sprache in Harmonie zum Originaltext Nietzsches im Gestus der philosophischen Allgemeingültigkeit angestimmt wird. Mein Essay dreht sich ทนท um die zentralen Stellen des Textes, wo de Man die Dekonstruktion am Werke sieht - im Zuge der Frage nach der Bedeutung eines Begriffes, der die Unmöglichkeit des „Bedeutens“ recht eigentlich in sich schliesst und damit immer sich selbst einzuholen droht (oder sollte ich besser sagen einzuholen vermag“?).

Dem entsprechend lenkt de Man den Fokus auf den Text selbst und untersucht diejenigen Stellen, wo Nietzsches Sprache in einem Höchstmass an philosophischer Selbstreflexion bei gleichzeitiger literarischer Versiertheit kulminiert. Dieses für Nietzsches Philosophie konstitutive Moment hängt eng mit der Rolle der Rhetorik zusammen. Sie scheint gleichzeitig in beiden Sphären (Text und Leser) zu wirken, indem die Frage nach der performati ven und konstativen Kraft der von ihr durchwalteten und bestimmten Sprache zugleich über mögliche Deutungen des Textes entscheidet. Der rhetorische Diskurs erfährt so in de Mans Leseakt eine Aufwertung seiner philosophischen Tragweite. Die Rhetorik ist bei ihm nicht bloss eine Kunstfertigkeit als Teil einer humanistischen Erziehungsstrategie. Mit der Frage, ob die Rhetorik persuasive Fertigkeit oder formende Grundbestimmung der Sprache ist, steht und fällt vielmehr die referenzielle Absicherung aller ontologischen Ansprüche - und damit die Metaphysik.

Ich möchte den Text im Folgenden gemäss der tertiärwissenschaftlich gebräuchlichen Methodologie des Reading-de-Man-reading[2] lesen, und dabei beobachten, wie de Man Nietzsche liest und danach fragen, welche Funktionen und welche Bedeutungen dabei die „Dekonstruktion“ innehält. Der Begriff erscheint, wie gesagt, an einigen Schlüsselstellen des Textes. Welche Denkwege führen zu ihm hin und welche gehen von ihm aus? Ich erhoffe mir, durch die Fokussierung der rhetorischen Problematik, einen fruchtbaren Zugang zum Text zu erhalten. Dabei soll auch zum Versuch einer Kritik angesetzt werden. Lädt die Dekonstruktion zur Dekonstruktion ihrer selbst ein? Kann sie überhaupt „hintergangen“ werden; oder liegt die Stärke ihrer Denkweise gerade, verbunden mit der Unabwendbarkeit der Rhetorizität, in ihrer Omnipräsenz bei jeglichem, sprachlichen Weltzugang?

Das Problem von Philosophie und Literatur bildet den Ausgangspunkt von de Mans Essay. Der „literarische Duktus“ von Nietzsches Texten stehe dabei dem der kritischen Philosophie entsprechenden Anspruch einer Gültigkeit des Gesagten gegenüber.[3] Und hier taucht bereits zum ersten Mal im Text der Begriff „Dekonstruktion“ auf. Denn dadurch, dass Nietzsches Denken an der Schnittstelle von Philosophie und Literatur angesiedelt ist, scheint es bereits subversive Züge zu erhalten. Das Verhältnis von Philosophie und Literatur muss in gewisser Weise dichotomisch sein, wenn der Impetus von Nietzsches Sprache, wie allgemein anerkannt ist, durch ihr Vorhandensein schon gewaltig ist. Denn Nietzsche ist eine Denkwelt, worin sich rhetorische Versiertheit und Gehalte mit philosophischer Tragweite nicht ausschliessen. Was de Man zeigt und was Nietzsche auch ohne de Man stark macht, ist, dass man das rhetorische an Nietzsches Sprache gar nicht als Ornamentik abziehen kann, um die nackte Wahrheit vor sich zu haben. Nietzsche lesen heisst realisieren, dass die Verbannung der Rhetorik einer tiefgreifenden Ausklammerung des Scheines entspricht, indem eine Polarität gesetzt wird, welche diesem Schein ein Sein entgegenstellt, dass wir erkennen können, wenn wir nur darauf verzichten, selbst hinzuzudichten. Das Hinzudichten wird ทนท aber als ursprüngliches Moment des sprachlichen Weltzugangs begriffen, indem mit Nietzsche der Satz des Widerspruchs als das Fundament des herrschenden Denkens hinterfragt wird. Die Gegenüberstellung hängt davon ab, welcher Duktus vom jeweiligen Diskurs geduldet wird, um die Inhalte seiner Aussagen zu transportieren. De Mans Neubewertung der Rhetorik im Zuge Nietzsches scheint gerade hier anzusetzen. Denn sobald die Rhetorik eine Allgegenwart zugesprochen wird, entpuppt sich die Dichotomie als folgenreiches Vorurteil. Das Vorurteil besteht darin, dass in der Abgrenzung der kritischen Philosophie vom literarischen Ton ein naiver Glaube an einen Nullpunkt der Sprache mitschwingt. Dieser Nullpunkt wäre das reine Argument, die Wiedergabe des Sachverhalts frei von rhetorischer Ornamentik. De Man und Nietzsche haben gesehen, dass die wirksamste Kritik dieser Dichotomie darin liegt, das Fundament selbst für fragwürdig zu erklären. Daher der Angriff auf das Identitätsprinzip - denn das feindliche Lager der traditionellen Philosophie hat in ihm ihr den „gewissestes aller Grundsätze“[4] offengelegt. Der Angriff auf das Zentrum dieses Denkens, das sich bewusst von rhetorischer Verpackung fernhalten will, erfolgt ทนท gerade, indem das Rhetorische zum Paradigma der Sprache wird und die Tropen Begriffe und die Begriffe Tropen werden. Für de Man ist der Satz vom Widerspruch ทนท ein von der Dekonstruktion betroffener Wert, weil dadurch der Wert dieses Wertes selbst dekonstruiert wird. Die Dekonstruktion ist hier die Erschütterung der Unerschütterlichkeit des sprachlichen Weltzugangs dadurch, dass dieser Weltzugang in seinem Kern für fragwürdig erklärt wird. Etwas für fragwürdig zu erklären heisst aber eben noch nicht, seine Falschheit zu behaupten, denn die Suspendierung einer Logik darf per se nicht den alten Wertschätzungen erliegen. „Dekonstruktion“ meint zunächst also die Auflösung einer Polarität (Philosophie und Literatur), die einseitig (von der Philosophie) bestimmt ist. Die Einseitigkeit drückt sich nämlich dadurch aus, dass durch die Behauptung des Satzes des Widerspruchs die Möglichkeit referenzieller Ontologie gegeben wird. Erst wenn der sprachliche Akt im Zuge einer Letztbegründung das Vermögen zugesprochen kriegt, einer nicht-sprachlichen Realität adäquat zu sein, wird auch die Lüge und damit das „Literarische“ möglich. Denn der kritische Weltzugang scheidet den Sprechakt mit Referenz von demjenigen ohne Referenz. Nur von solcher Warte aus kann die Philosophie vom Wahren handeln und das englische „fiction“ eine Textgattung konstituieren. Denn die Möglichkeit der Lüge hängt mit der Verbannung der Rhetorik als verzerrende Zierde des reinen Gedankens zusammen. Durch den Angriff auf den Satz des Widerspruchs gerät also nicht nur dieser Satz selbst ins Schwanken, sondern jeder konstatierende Satz und damit das ganze Vertrauen in die abendländische Tradition und die ontologische Verbundenheit ihres Denkens und in die Sprache als Vermittlerin des erkennbaren Seins. Und wieder sei darauf hingewiesen, dass „Dekonstruktion“ keine Favorisierung der Lüge bedeutet, indem sie etwa die Behauptung mit sich führte, dass Wahrheit unmöglich sei.

[...]


[1] Paul de Man, Allegorien des Lesens, Frankfurt am Main 1988, S. 16-1—178.

[2] Vgl. Lindsay Waters, Wlad Godzich (Hg.), Reading De Man Reading, Minneapolis 1989.

[3] De Man 1988, S. 164.

[4] De Mau 1988, S. 164. Zitiert nach: Friedrich Nietzsche, Kritische Gesamtausgabe Werke (KGW), hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Berlin 1970, 8(2): S. 53-58.

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Details

Titel
Zum Begriff der „Dekonstruktion“ in Paul de Mans "Rhetorik der Persuasion"
Hochschule
Universität Zürich
Veranstaltung
Literaturtheorie (Ringvorlesung): Müller-Nielaba
Autor
Jahr
2014
Seiten
7
Katalognummer
V368452
ISBN (eBook)
9783668468337
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Paul de Man, Dekonstruktion, AVL, Komparatistik, Essay
Arbeit zitieren
Conrad Mattli (Autor), 2014, Zum Begriff der „Dekonstruktion“ in Paul de Mans "Rhetorik der Persuasion", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368452

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