Institutionen im Spannungsfeld zwischen Wandel und Persistenz. Ist die handwerkliche Gesellenwanderung (Walz) eine Tradition im Umbruch?


Forschungsarbeit, 2015

31 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Zusammenfassung

Abstract

Glossar und Abkürzungsverzeichnis

Vorwort

1 Stand der Forschung

2 Problemstellung

3 Untersuchungsmethoden und Forschungsdesign
3.1 Methodisches Vorgehen
3.2 Arbeitsprogramm

4 Typischer Ablauf der Walz - eine Kurzüberblick

5 Die Walz zwischen Regel, Gewohnheit und Institution

6 Institutionelle Arrangements der Walz

7 Institutionelle Funktionen
7.1 Effizienz-Funktion
7.2 Modernisierungs-Funktion
7.3 Bewahrungs-Funktion

8 Diskussion: Arrangements im Spannungsfeld zwischen Wandel und Persistenz

9 Methodische Evaluation und abschließende Bewertung

Literaturverzeichnis

Appendix: Die Schächte

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1: Wirkungsweise institutioneller Arrangements

Tabelle 1: Interviewstruktur

Tabelle 2: Arbeitsprogramm

Tabelle 3: Ablauf einer Walz

Tabelle 4: Institutionelle Interdependenz

Tabelle 5: Die Schächte

Zusammenfassung

Das Forschungsvorhaben befasst sich mit der geographischen Institutionenforschung im Spannungs- feld zwischen Wandel und Persistenz. Am Fallbeispiel der seit dem Mittelalter tradierten handwerk- lichen Gesellenwanderung werden Einflussfaktoren institutionellen Wandels sowie institutioneller Persistenz innerhalb einer Institution erarbeitet. Diese leisten einen wichtigen Beitrag in der aktuel- len theoretischen Diskussion um die Ursachen und Einflüsse institutionellen Wandels sowie institu- tioneller Hysterese.

Qualitative Datenerhebungen erlauben die historische Nachzeichnung einzelner Gesellenwanderungen sowie die Analyse, in der Gesellenwanderung verankerter, institutioneller Arrangements. Über leitfadengestützte Tiefeninterviews wurde eine umfassende Datengrundlage generiert, ausgewertet und für die theoretische Debatte abstrahiert. Neben fünf institutionellen Arrangements innerhalb der Walz wurden insbesondere drei Funktionen - namentlich Effizienz-, Bewahrungs- und Modernisierungs-Funktion - herausgearbeitet, die als Impulsgeber auf jene Arrangements wirken. Sie spiegeln sich in einem Spannungsfeld persistenter und dynamischer Strukturen wieder.

Abstract

This study deals with the change and persistence of institutional arrangements from an economic geographical perspective. Using the case study of the Walz institution that was established in medie- val Europe, we try to determine impact factors of institutional change inside the Walz that can be generalized for further research in the field of institutional theory. The study contributes to current discussions about cause and reasons of institutional change as well as institutional hysteresis. Qualitative research methods enable a historical reconstruction of individual journeys and further- more an analysis of institutional arrangements which are embedded in the Walz institution. Data was collected through guided interviews and later on analyzed and generalized with regards to institu- tional theory.

We find that the Walz institution changes gradually but with great attention to its inner and outer legitimation. Besides five major arrangements that define the institution, we observe three institu- tional functions indicating cause and reason for occurring change or persistence of these arrange- ments. In addition the importance of an existing field of tension seems to be highlighted when look- ing at institutional change.

Glossar und Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vorwort

Das Handwerk befindet sich in einem Umbruch. Die Veränderung von bestehenden Arbeitsprozessen und eine damit einhergehende Tendenz zu Outsourcing und wachsendem Wettbewerb erzwingen eine organisatorische Anpassung der Handwerksbetriebe. Gesetzliche Maßnahmen, wie die Aufhebung des Meisterzwangs, resultieren ebenfalls aus diesen Veränderungen (Lageman et al. 2004; Prognos AG 2006). Mit der Aufhebung der Wanderpflicht 1853 (Bade 1982) sowie dem Fall des Meisterzwangs scheint auch die Institution der Walz als ein Überbrückungsinstrument zwischen Gesellen- und Meisterzeit obsolet - verliert aber trotzdem nicht an Bedeutung.

1 Stand der Forschung

DIE WALZ

Die Walz - auch bekannt als Gesellenwanderung oder Tippelei - bezeichnet eine Tradition des Handwerks, die stets durch politisch-gesellschaftliche Rahmenbedingungen geprägt wurde (Bade 1982). Allgemein bezeichnet das Wandern die Ortsveränderung eines Gesellen auf der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz (Back oJ). Während des Mittelalters bedurfte es der Wanderung eines je- den Gesellen, um die Meisterprüfung antreten zu dürfen (Bade 1982; KH Heilbronn-Öhringen 2009), sodass sie bereits in der frühen Neuzeit eine obligatorische Massenerscheinung Alteuropas darstellte (Mummenhof 1924).

Organisiert sind wandernde Gesellen bis heute in verschiedenen Schächten (Appendix) oder aber als Freireisende. Aus den Zünften und Bauhütten des Mittelalters entwickelten sich im 14. Jahrhundert die Rechtspersönlichkeiten der Innungen und Gesellenbruderschaften, die unter anderem der Si- cherstellung einer Gerichtbarkeit und Krankenvorsorge dienten (Back oJ; Kluge 2009; Schulz 2010). Während der Wanderschaft gilt es insbesondere informellen Regeln institutionellen Charakters Folge zu leisten. Wesentlich sind beispielsweise die Beachtung von Regeln verschiedener Schächte, das Vorsprechen, die Fremd- und Einheimischmeldung oder das Einhalten von Wanderzeit und -kreisen.

GEOGRAPHISCHE FORSCHUNGEN ÜBER DIE WALZ

Geographische Forschungsarbeiten zum empirischen Phänomen der Walz existieren nur vereinzelt. Elkar (1991) befasst sich in seiner Publikation „Auf der Walz. Handwerkerreisen“ beispielsweise mit der Gesellenwanderung aus einer touristischen Perspektive. Weitere Arbeiten nehmen Bezug auf historisch-geographische Rekonstruktionen (u.a. Bade 1982; Tacke 200), Migration (Reininghaus 1981) oder Mobilität (Roller 2012). In der Publikation „Mit Gunst und Verlaub! Wandernde Hand- werker: Tradition und Alternative“ wird explizit auf endogene und exogene Veränderungen der Walz eingegangen (Bohnenkamp und Möbus 2012), ohne diese jedoch institutionell zu betrachten.

Der Hinweis,

„ die Wanderschaft ist eine der wichtigsten Institutionen im deutschen Handwerkswesen! “ (Back oJ:12),

legt jedoch ebenso eine Forschung aus jener institutionellen Perspektive nahe, sodass dies zum hiesigen Forschungsgegenstand erklärt wird.

DER INSTITUTIONENBEGRIFF

Die Institutionenforschung ist ein fest verankerter Forschungsgegenstand der Gesellschaftswissen- schaften und wird begrifflich auf verschiedene Weise abgegrenzt. Eine grundsätzliche Übereinstim- mung besteht in der Benennung bewusst gestalteter und handlungsstabilisierender Interaktionsmus- ter. Je nach Perspektive ermöglichen sie soziale Interaktion (Hodgson 1988) oder beschränken die vorhandenen Handlungsalternativen (North 1991). Durch die Existenz von Institutionen wird das Handeln von Akteuren erwartbar und verringert Unsicherheiten. Institutionen haben einen normati- ven und strukturierenden Charakter (Nelson und Nelson 2002). Sie legitimieren und sanktionieren Aktionen, um die Geltung der Institution und damit ihre Funktionalität sicherzustellen (Bathelt und Glückler 2012). Zu unterscheiden sind grundsätzlich zwei Arten von Institutionen: Formelle Institu- tionen sind Handlungsmuster, die auf festgeschriebenen Regeln basieren (bpsw. die Handwerksord- nung); informelle Institutionen gründen hingegen auf gemeinsamen Regeln, Konventionen sowie Traditionen und sind nicht formalisiert (bspw. das Verhalten eines Wandergesellen) (Helmke and Levitsky 2004).

Der Institutionenbegriff wird in der Geographie durch die Arbeit von Bathelt und Glückler (2014) differenziert sowie abgegrenzt und formt das hiesige Institutionenverständnis. Organisationen und einfache Verhaltensregelmäßigkeiten werden dabei nicht länger als Institution berücksichtigt. Institutionen werden außerdem von Regeln (im Gegensatz zu bspw. Barley und Tolbert 1997) und Gesetzen (im Gegensatz zu bspw. van Waarden 2001) unterschieden. Diese generieren zwar Erwartungssicherheiten und können Sanktionen nach sich ziehen, sind nach Bathelt und Glückler (2014) aber viel eher die Grundlage für das Herausbilden von Institutionen und formulieren lediglich Erwartungen über die Einhaltung bestimmter Regeln, die eine verbindliche Geltung beanspruchen, betten diese Erwartungen jedoch nicht aktiv in Handlungsweisen ein (Esser 2000).

Da Institutionen nicht festgelegten Gesetzen entsprechen und sich aus dem Handeln heraus stetig neu legitimieren, können sie einem inkrementellen Wandel unterliegen. Ändern sich die Ideen hinter und die Handlungen innerhalb der Institution - dies kann beispielsweise in Effizienz oder neuen Nut- zenverständnissen begründet sein - so kann die Anpassung der institutionellen Ordnung als institu- tioneller Wandel bezeichnet werden (Esser 2000). Dieser Wandel kann sowohl die Institution als Gesamtheit betreffen, als auch einzelne Muster innerhalb dieser - sogenannte institutionelle Arran- gements (vgl. Bathelt und Glückler 2012; Mahoney und Thelen 2010). Mahoney und Thelen (2010) halten diesbezüglich fest, dass Wandel und Persistenz institutioneller Arrangements untrennbar miteinander verbunden sind. Auch wenn fortlaufend Anpassungen einer Institution stattfinden, be- steht die Gefahr, dass potenziell vorteilhaftere Handlungsmöglichkeiten missachtet und Institutionen ineffizient werden (Bathelt und Glückler 2014). Die institutionelle Hysterese (Setterfield 1993) - also das fortwährende Bestehen einer (ineffizienten) Institution - zeichnet sich durch ihre Persistenz aus, selbst wenn ursprüngliche Entstehungszusammenhänge nicht länger gegeben sind. Setterfield (1993) stellt unter anderem fest, dass ineffiziente Institutionen sowohl überdauern als auch in Ab- hängigkeit von Funktion und Bedeutung etabliert sein können, da sie das Handeln über lange Zeit- räume strukturiert haben. Damit kann eine institutionelle Persistenz ebenfalls zu prohibitiv hohen Kosten für den Wandel der Institution führen und die Hysterese stärken. Die stets betonte Pfadab- hängigkeit institutioneller Prozesse bringt dabei institutionellen Wandel und jene Persistenz in einen direkten Zusammenhang (Setterfield 1993).

DIE INSTITUTIONENFORSCHUNG IN DER GEOGRAPHIE

Die geographische Institutionenforschung findet sich auf unterschiedlichen empirischen und theore- tischen Ebenen wieder. Mithilfe institutionstheoretischer historischer Ansätze werden beispielswei- se Möglichkeiten aufgezeigt, theoretische Defizite der Regulationstheorie zu beheben und neue For- schungsfelder im Bereich von Transnationalisierungs- und Globalisierungsprozessen zu formulieren (Berndt 1999). Institutionen werden außerdem in Zusammenhang mit Governance, regionalen Inno- vationssystemen, Wissen und Macht sowie einer evolutionären Wirtschaftsgeographie oder ökonomischem Wandel betrachtet (z.B. Farrel et al. 2003; Boschma und Frenken 2009; Gertler 2010; Farole et al. 2010; Moodysson und Zukauskaite 2014).

In der deutschsprachigen Geographie finden sich darüber hinaus zahlreiche Publikationen, die sich die Institutionenforschung für die Erklärung empirischer Phänomene wie kulturlandschaftlicher Handlungsräume (Gailing 2012), Bergbaufolgelandschaften (Hasenöhrl und Röhring 2013), Freiraumnutzungen (Häpke 2012), Gemeinschaftsgüter (Moss 2012) oder Wirtschaftsförderungen (Husseini da Araújo und Weber 2011) zunutze machen.

WEITERER FORSCHUNGSBEDARF IN DER INSTITUTIONENFORSCHUNG

Der aktuelle wissenschaftliche Diskurs verweist auf die Notwendigkeit, sich auch weiterhin mit insti- tutionellem Wandel sowie institutionell persistenten Mustern auseinanderzusetzen. Dacin et. al (2002) gehen der Frage nach, welche Einflussfaktoren den institutionellen Wandel prägen. Sie beru- fen sich dabei auf Oliver (1997), der funktionelle, politische und soziale Einflussmechanismen für den Druck auf bestehende Institutionen benennt, und halten fest, dass „the challenge ahead for institutio- nal scholars will be to continue to explore and exploit the diversity of viewpoints within the domain of institutional theory“ (2002:53). Hodgson (2003) wie auch Thelen und Mahoney (2010) bekräfti- gen die Notwendigkeit weiterer Forschung zu institutionellem Wandel, empirischer sowie theoreti- scher Fragestellungen. Dies kann durch die Analyse von Fallstudien oder aber aktuellen Wandlungs- prozessen erfolgen. Bathelt und Glückler (2014) beschreiben die aktuellen Herausforderungen der künftigen Institutionenforschung als „one major methodological challenge [that] is related to stu- dying the emergence, production, and change of institutions empirically. The duality of structure and agency implies that institutions cannot be measured by obvious or easily identifiable indicators, but need to be analytically extracted from social practice“ (2014:356), während Hall (2010:219) konsta- tiert: “There is also more to be learned from comparing cases of institutional stability with cases of change”.

2 Problemstellung

„ Tradition bedeutet nicht die Asche anzubeten, sondern das Feuer einzuheizen und am Brennen zu erhalten “ (Interview 2).

So beschreibt ein Gesprächspartner die Walz und verdeutlicht damit ein spezifisches Spannungsfeld

- verschiedene institutionelle Handlungsmuster erscheinen persistent, während andere sich verändern. Zugleich festigt diese Aussage die Relevanz der zu verfolgenden Forschungsfrage:

Wie gestaltet sich die Walz im Spannungsfeld sich wandelnder und persistenter institutioneller Arrangements?

Das Herausarbeiten tatsächlicher Ursachen und Impulsgeber veränderlicher sowie persistenter Arrangements ist damit das Ziel des Forschungsvorhabens und leistet einen Beitrag zur theoretischen Debatte im Forschungsfeld institutionellen Wandels und Hysterese.

Obwohl sie in der Literatur bereits als wichtigste Institution im deutschen Handwerk (Back oJ) be- zeichnet wird, bestehen keine Untersuchungen der Walz in institutionellem Kontext. Das Verständnis der Gesellenwanderung als eine Institution resultiert zunächst aus deren Geltungsanspruch. Sie be- einflusst das Handeln und die Interaktion von Gesellen und prägt auch die Betriebsformen „wan- dernder“ Gewerke. Handlungserwartungen bestehen sowohl zwischen den Gesellen als auch im ge- sellschaftlichen Kontext. Sanktionen erfolgen dabei sowohl individuell und schachtspezifisch, als auch in Form von öffentlicher Reputation. Bezugnehmend auf Bathelt und Glückler (2014) kann die Walz außerdem als Institution bezeichnet werden, da sie nicht als Gesetzmäßigkeit festgeschrieben ist, ihre Bedeutung jedoch jene reiner Handlungsroutinen übersteigt. Ein erster Forschungsbeitrag gewährleistet neben der thematischen Aufbereitung somit auch die Originalität der hiesigen For- schung.

EIGENE VORARBEITEN

Zur Sondierung des empirischen Forschungsvorhabens wurden im Dezember 2014 zwei Anbah- nungsgespräche geführt. Interviewt wurden ehemalige Wandergesellen unterschiedlicher Schacht- zugehörigkeit, welche die Walz in der Vergangenheit erfolgreich abgeschlossen haben bzw. unehren- haft des eigenen Schachtes verwiesen wurden. Die Verknüpfung zweier konträrer Perspektiven auf die Gesellenwanderung festigte den dringlichen Bedarf der Beforschung des empirischen Gegenstan- des zur theoretischen Weiterentwicklung der Institutionenforschung. Dies ergibt sich aus der her- vorstechenden Dualität veränderlicher sowie persistenter Strukturen innerhalb eines institutionel- len Feldes.

3 Untersuchungsmethoden und Forschungsdesign

Aktuelle Studien institutioneller Forschung sowie Untersuchungen über die Gesellenwanderung ba- sieren häufig auf qualitativen Datenerhebungs- und Analysemethoden (u.a. Kondakci und van den Broeck 2009; Bohnenkamp und Möbus 2012; Marshall 2013; Macfarlane et al. 2013). Die Autoren bedienen sich vielfältigen Datentriangulationen und untersuchen überwiegend historische Doku- mente, subjektive Berichte und die Ergebnisse teilnehmender Beobachtung. Teilweise erfolgt die Forschung unter Berücksichtigung verschiedener zeitlicher Samples (z.B. Macfarlane et. al 2013).

3.1 Methodisches Vorgehen

Die Datenerhebung der Fallstudie erfolgte, in Form leitfadengestützter Experteninterviews mit Tie- fencharakter. Auf eine Triangulation mit den Daten historischer Wanderbücher (vgl. Abolafia 2010) wurde verzichtet. Mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse konnten der Wandel oder die Persistenz einzelner institutioneller Arrangements identifiziert und Erkenntnisse über deren Hintergrund ge- wonnen werden.

LEITFADENGESTÜTZTE EXPERTEN- BZW. TIEFENINTERVIEWS

Kennzeichnend für leitfadengestützte Interviews sind offen konzipierte Leitfragen, die dem Gespräch zu Grunde liegen (Wessel 1996). Der konsequente Einsatz eines identischen Leitfadens ermöglichte es, erhobene Daten besser auswertbar sowie untereinander vergleichbar zu machen. Hierbei war eine einheitliche Struktur der Fragen nicht zwingend erforderlich, sondern folgte den Ausführungen des Befragten. Die inhaltliche Konzeption des Leitfadens orientierte sich am Gegenstand der Gesel- lenwanderung sowie der institutionellen Forschung (Mayer 2009). Durch eine iterative Konzeption konnte auch während der Datenerhebung eine hohe Konstruktvalidität erhalten werden (Gibbert et al. 2008). Die stetige Anpassung des Leitfadens minimierte die Gefahr, wichtige institutionelle Sach- verhalte zu vernachlässigen.

Die Akteure wurden in ihrer Funktion als Repräsentanten und Experten für das Handlungsfeld der Walz bewusst ausgewählt und interviewt (Mattissek et al. 2013), was die Authentizität der Aussagen gewährleistete (Baxter und Eyles 1997). Grundlage der Akteursauswahl bildeten die im Vorfeld ge- führten Sondierungsgespräche und ein darauf folgendes theoretisches Sampling. Es wurden dabei Akteure akquiriert, die sich derzeit auf der Wanderschaft befinden, diese bereits abgeschlossen ha- ben oder aber als Herbergsväter agieren. Darüber hinaus wurden Gesellen unterschiedlicher Schachtzugehörigkeit interviewt. Die Zielvorgabe, aus jedem durch die CCEG anerkannten Schacht, zwei Gesprächspartner zu akquirieren und die Individualität einzelner Aussagen validieren zu kön- nen, konnte nicht umgesetzt werden. Nicht interviewt werden konnten zwei Gesellen des Schachtes „Rechtschaffene Fremde Zimmerer“ sowie jeweils ein zweiter Gesprächspartner von „Axt und Kelle“ sowie dem „Rolandsschacht“. Die resultierende Interviewstruktur ist daher wie folgt:

Tabelle 1: Interviewstruktur (eigene Darstellung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das berücksichtigte Grundprinzip der Tiefeninterviews bildet die Annahme, dass dem Interviewten spezifische Sachverhalte, wie beispielsweise institutionelle Arrangements, nicht unmittelbar als solche bewusst sind. Somit wurde diesen während des Gesprächs weder erzählend, noch beschreibend oder argumentierend explizit Ausdruck verliehen (Bohnsack 2011). Vielmehr wurde systematisch Material erhoben, das Rückschlüsse auf jene unbewussten Sachverhalte zulässt. Dabei war die Bereitschaft des Befragten, seine individuellen Erfahrungen zu reflektieren sowie zu artikulieren von großer Bedeutung (Atteslander 2010) und mitunter nicht gegeben.

QUALITATIVE INHALTSANALYSE

Die Auswertung des Datenmaterials erfolgte in Anlehnung an die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (1995; 2012). Kennzeichen dieser sind ein regelgeleitetes Vorgehen sowie die Kategorien- bildung entlang des gegebenen Datenmaterials, dessen Reduktion und Generalisierung sowie die Zusammenfassung, Explikation und Strukturierung des Materials (Diekmann 2008). Die zunächst durchzuführende Operationalisierung des Materials erfolgte in induktiver Form (May- ring 2012) und orientierte sich am Vorverständnis der Interviewer. Die qualitativ generierten Daten gestatteten dabei eine ausschließlich subjektive Operationalisierung der Indikatoren auf Basis ver- mittelter Einschätzungen, Bewertungen, Urteile und Präferenzen, die den Interviews zugrunde lagen. Diese wurden in Form von Codierungen mithilfe des Computerprogrammes MaxQDA (Release 11.0.5) strukturiert. Im Zuge der Kategorisierung kam es durch selektives Streichen irrelevanter Textpassagen zu einer Reduktion des Materials auf dessen Kernaussagen. Das Textmaterial erfuhr eine anschließende Paraphrasierung. Ziel war es, relevante Textstellen auf sprachlich identischem Niveau weiter zusammenzufassen. Inhaltlich fragwürdige Textstellen wurden im Zuge einer Explikation durch das Hinzuziehen weiterer Informationsquellen überprüft und faktisch falsche Aussagen gegebenenfalls korrigiert. Selektion und Paraphrasierung erfolgten in einem ebenfalls iterativen Prozess und endeten erst mit völliger Extraktion aller relevanten Daten (Mayring 1995). Dies ermöglichte eine klare Abgrenzung einzelner institutioneller Arrangements (Kapitel 6) sowie die darauffolgende Analyse ihrer jeweiligen Dynamik (Kapitel 7 und Kapitel 8).

Als Gütekriterien der qualitativen Inhaltsanalyse vermerken Mayring und Brunner (2007) die Aspekte der Objektivität, der Reliabilität sowie der Validität und fokussieren damit insbesondere quantitative Möglichkeiten der Messung methodischer Güte. Die Validität dieser Forschung wurde durch die Auswertung vielfältiger, zum Teil auch konträrer, Interviewaussagen gewährleistet (Eisenhardt 1989). Eine Bewertung der Studie erfolgte jedoch, der Datenerhebung entsprechend, qualitativ orientiert. Damit ähnelte die Vorgehensweise dem von Barley und Tolbert (1997) entwickelten Arbeitsablauf zur Identifikation von Dynamiken in bestehenden Institutionen. Durch eine Plausibilitätsprüfung von Untersuchungsdesign und gewählten Erklärungsmustern (Kapitel 9) wurde abschließend die Basis zur fachlichen Bewertung der vorliegenden Studie geschaffen.

Unter Berücksichtigung dieser Aspekte ergab sich das nachfolgende Arbeitsprogramm, welches die Identifizierung institutioneller Arrangements innerhalb der Walz und deren Analyse ermöglicht:

3.2 Arbeitsprogramm

Tabelle 2: Arbeitsprogramm (eigene Darstellung)1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4 Typischer Ablauf der Walz - eine Kurzüberblick

Um nun ein grundlegendes Verständnis über institutionelle Arrangements innerhalb der Walz zu erlangen, ist es zunächst notwendig diese im typischen Ablauf einer traditionellen Wanderschaft zu positionieren. Die schematische Darstellung zeichnet einen solchen Ablauf nach. Nichtsdestotrotz ist jede Wanderschaft individuell und schachtspezifisch ausgestaltet und kann daher von den skizzierten Abläufen abweichen.

Tabelle 3: Ablauf einer Walz2 (eigene Darstellung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der angefügte Exkurs verschafft zudem einen kurzen Überblick über die in Frankreich vollzogene Compagnonnage, welche sich in weiten Teilen von der deutschsprachigen Walz unterscheidet. Da die Walz im Folgenden jedoch etwa in Zusammenhang mit festgelegten Regeln betrachtet wird, findet die Compagnonnage in der weiteren Untersuchung keine Berücksichtigung.

EXKURS: INTERVIEW 7 - DIE FRANZÖSISCHE COMPAGNONNAGE

Neben der im deutschsprachigen Raum verbreiteten Walz, besteht in Frankreich mit der sogenannten Compagnonnage ein vergleichbares institutionalisiertes Brauchtum. Handwerksgesellen erlernen im Lau- fe von sieben Jahren neue Arbeitstechniken an verschiedenen Orten. Im Gegensatz zur Tippelei steht da- bei jedoch der Ausbildungsgedanke im Vordergrund. Dies zeigt sich besonders in der Struktur der Com- pagnonnage. Arbeitsplätze werden zentral vergeben und in den Abendstunden sowie am Wochenende erfolgt theoretischer Unterricht. Das Reisen wird nicht als fester Bestandteil der Wanderschaft angesehen und ist aufgrund der Strukturierung nur bedingt möglich. Ein hohes Arbeitspensum, die dabei zu entwi- ckelnde Disziplin sowie ein stetiger Ausbau des persönlichen Handwerksgeschicks haben die Compag- nonnage zu einem Qualitätsmerkmal für das Handwerk in Frankreich werden lassen.

Die Institution der Compagnonnage ist nur marginalen Veränderungen unterworfen. So ist es Frauen bis heute nicht erlaubt daran zu partizipieren. Auch Ausländern und dunkelhäutigen Franzosen ist es kaum möglich eine Compagnonnage anzutreten. Im Gegensatz dazu ist es im deutschsprachigen Raumen jeder Personen gestattet auf Wanderschaft zu gehen, die einen deutschen Gesellenbrief besitzt und der deut- schen Sprache mächtig ist (Interview 1). Zudem erscheinen die Machtstrukturen innerhalb der Compag- nonnage außerordentlich gefestigt. Deren Liberalisierung ist trotz des Willens vieler Teilnehmer nur ver- einzelt möglich. Beispielhaft kam es zu einer Abspaltung des Steinmetz-Handwerks von der traditionellen Compagnonnage, um auch moderne CAD-Methoden in den Arbeitsalltag integrieren zu können.

5 Die Walz zwischen Regel, Gewohnheit und Institution

Innerhalb dieses beschriebenen Ablaufes bestehende Interaktionsmuster gilt es nun zunächst im Hinblick auf ihre Institutionalität von Regelmechanismen, Organisationen und erfahrungsbasierten Handlungen zu unterscheiden, um sie im Folgenden (Kapitel 6) für die weitere Analyse nutzbar zu machen.

Einfache Verhaltensgewohnheiten beschreiben Regelmäßigkeiten im individuellen und sozialen Handeln. Sie erscheinen zwar in Form wiederkehrender Handlungsmuster, beanspruchen aber nicht notwendigerweise eine strukturierende, erwartungsleitende oder sanktionsfähige Geltung. So kann beispielsweise die Art und Weise des Aufschlagens eines Nachtlagers wandernder Gesellen ohne besondere oder normative Absicht entstehen und keinerlei Konsequenz für weiterführende Interaktionen haben (Bathelt und Glückler 2012; 2014). Es entsteht erst dann ein institutioneller Anspruch, wenn Erwartungen generiert, Handlungen strukturiert und sanktionierbar werden, so zum Beispiel bei der Vorsprache (Bathelt und Glückler 2014; Esser 2000).

Organisationen sind im Gegensatz zu Institutionen Systeme „bewusst geplanter und arbeitsteilig koordinierter Handlungen einer begrenzten Anzahl von Mitgliedern mit einer klaren Grenze gegen- über der Umwelt bzw. dem Umfeld“ (Bathelt und Glückler 2012:201). Jeder Schacht ist daher als Or- ganisation zu begreifen, deren Ziel es ist, die Walz der Wandergesellen zu strukturieren, eine Basis für deren Informationsaustausch zu schaffen und sie in rechtlichen Angelegenheiten zu unterstützen. Den Schachtgesellen werden dabei unterschiedliche Positionen und Aufgaben zugesprochen (u.a. Buchgeselle, Herbergsvater, Vorsitzender). Die Abgrenzung eines Schachtes gegenüber seiner Um- welt erfolgt über die Mitgliedschaft bzw. den Besitz einer Ehrbarkeit. Schächte sind damit eine sozia- le Einheit, deren Interaktion auf der Institution der Walz beruht (Bathelt und Glückler 2012; Bathelt und Glückler 2014).

Regeln, Gesetze und Vorschriften können als codifizierbare Handlungsverordnungen verstanden werden, auf deren Basis Institutionen als eine Reaktion auf diese entstehen (Bathelt und Glückler 2014). Eine Handlungsverordnung wiederum ist als Sinn verwendender und herstellender symboli- scher Interaktionsrahmen zu begreifen. Die Regeln, denen das Handeln folgt, werden dabei erst in der Interaktion selbst geschaffen (Esser 2000).

[...]


1 Die Darstellung der Projektphasen erfolgt zum Zwecke der Übersichtlichkeit als lineare Auflistung. Faktisch erfolgt die Durchführung jedoch als iterativer Prozess.

2 Dargestellt auf Basis der Interviews 1 bis 14.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Institutionen im Spannungsfeld zwischen Wandel und Persistenz. Ist die handwerkliche Gesellenwanderung (Walz) eine Tradition im Umbruch?
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,0
Autoren
Jahr
2015
Seiten
31
Katalognummer
V369671
ISBN (eBook)
9783668472716
ISBN (Buch)
9783668472723
Dateigröße
829 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
institutionen, spannungsfeld, wandel, persistenz, gesellenwanderung, walz, eine, tradition, umbruch
Arbeit zitieren
H. Wilbrand (Autor)L. Bieringer (Autor)C. Berberich (Autor), 2015, Institutionen im Spannungsfeld zwischen Wandel und Persistenz. Ist die handwerkliche Gesellenwanderung (Walz) eine Tradition im Umbruch?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369671

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