Die Verdrängung des Todes in modernen Gesellschaften


Essay, 2013
10 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

In der Thanatologie wurden lange Zeit, von französischen Soziologen länger als von angelsächsischen oder deutschen, kulturkritische Positionen vertreten, die von einer Verdrängung, Tabuisierung, Verneinung und der Privatisierung des Todes in modernen Gesellschaften ausgingen. Doch treffen wirklich alle diese Begriffe für den heutigen Umgang mit dem Thema Tod zu? Dies kann nur teilweise der Fall sein. Durch vielfältige Belege kann von einer Übergangsphase der Verdrängung des Sterbens und des Todes zu einer Akzeptanz- und Kultivierungsphase ausgegangen werden. Ablehnung und Zustimmung existieren nebeneinander. Der Tod wird als etwas gefürchtetes, aber gleichzeitig unumgängliches, das einen Teil des Lebens ausmacht, gesehen. Dies zu leugnen ist eigentlich unmöglich. Die Gewissheit um den eigenen Tod mag zwar schmerzlich und angsteinflößend sein, dennoch gehört sie zur Menschlichkeit. Die Verdrängung des eigenen Todes würde also auch unsere Menschlichkeit mindern.

In unserer Gesellschaft, die nach den Idealen der Jugendlichkeit, Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Fortschrittdenkens strebt, ist nicht mehr viel Platz für Schwerkranke und Sterbende. Sie können nur schwer mithalten und besitzen kaum eine Chance in ihre soziale Umwelt miteingebunden zu werden.

Weiterhin fanden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entscheidende Veränderungen statt. Der Tod von Bezugspersonen wurde immer seltener und oft erst im Erwachsenenalter erfahren. Das Sterben wurde zwar individualisiert und privatisiert, gleichzeitig fand es aber, entgegen dem Wunsch vieler Menschen, in öffentlichen Einrichtungen, wie Krankenhäusern oder Pflegeheimen statt. Die Sterbenden werden zu einer „Belastung“ und werden den sterilen und anonymen Kliniken oft zur Vereinsamung preisgegeben. Dies geschieht oft aus einer Furcht der Angehörigen davor, dem Umgang mit dem Sterben und Tod nicht gewachsen zu sein.

Für die Überlebenden verkümmerten die Rituale, wie zum Beispiel die Totenwache, und verloren für sie an Bedeutung. Der Verlust von Primärerfahrungen wird durch Sekundärerfahrungen über die Medien „kompensiert“. Durch die Verdrängungsthesen wird dieser soziale Wandel eindeutig negativ bewertet.

Es kann also gesagt werden, man möchte zu Sterbenden und Personen die mit dem Thema Tod in Verbindung stehen einen möglichst großen Abstand wahren, allerdings ist das Thema Tod im Allgemeinen, insbesondere wenn es um den eigenen Tod geht, keineswegs tabuisiert oder verdrängt. In unserer Gesellschaft findet ein Übergang von einer Verdrängungs- zu einer Akzeptanzphase statt.

Max Scheler vertritt eine der Grundpositionen zur Problematik der Verdrängung. Er unterscheidet dabei zwischen legitimer und illegitimer Verdrängung des Todes. Somit ist seine Auffassung differenzierter als die anderer Vertreter der Verdrängungsthesen. Die legitime Verdrängung beschreibt er als, bis zu einem gewissen Maße, normale Erscheinung der menschlichen Natur. Diese erfülle einen gewissen Zweck, in dem die durch die „Zurückdrängung der Todesidee aus der Zone des klaren Beachtungsbewusstsein“, dazu führe dass den Menschen der nötige „Ernst“ und Gewichtigkeit und Bedeutsamkeit für den Umgang mit dem Tod, der uns fehlen würde, wenn der Tod immer gegenwärtig in unserem Bewusstsein wäre. Im Gegensatz dazu sieht er die illegitime Verdrängung darin bestehen, dass in das Bild des „modernen westeuropäischen Menschen“ gehört. Für diesen gebe es in seiner Erlebnisstruktur nur die Themen Arbeiten und Erwerben. Durch den Lebensbedarf diktierte willkürliche Betätigungen werden triebhaft und grenzenlos. Diese neuen triebhaften Impulse, die grenzenloses Arbeiten und Erwerben beinhalten, begründen eine neue innere Gesamteinstellung zum Thema Tod, und als Folge auch die Idee, die sich die Wissenschaft dieses Typus vom Thema Tod macht. Anders als der antike Mensch, fürchtet dieser moderne Mensch den Tod nicht mehr, sondern sein grenzenloser Arbeits- und Erwerbstrieb treibt ihn über alle Grenzen hinaus und narkotisiert ihn so auch gegen den Todesgedanken in einer ganz besonderen Weise. (vgl. Scheler, 1969: 28 ff.)

Viele Soziologen teilen Schelers Meinung zur illegitimen Verdrängung. Unsere Gesellschaft ist auf „Machbarkeit“ hin orientiert, durch den technischen Fortschritt wurde eine Vielzahl von Problemen gelöst, die Lösung vieler noch offener Fragen scheint ebenfalls in greifbarer Nähe. Allerdings zeigt der Tod Grenzen des Machbaren auf, die nicht überschritten werden können. Dies wolle man nicht wahrhaben wollen.

Einzelne Soziologen stellen die Tabuisierung des Thema Todes in einen Zusammenhang mit langfristigen Kulturwandlungen. Ein Beispiel dafür ist Geoffrey Gorer, der von einer Aufeinanderfolge von Tabus ausgeht: Das Tabu des Geschlechtslebens im Viktorianischen Zeitalter wurde von dem Tabus des Todes abgelöst worden. Heute könne über Sexualität relativ frei gesprochen werden, über das Thema des Todes weitaus weniger. (vgl. Gorer, 1956)

Es scheint, als wäre die Gewissheit des Todes als einen Aufruf zum Leben zu begreifen, den Menschen in früheren Jahrhunderten viel einfacher gefallen ist wie uns heute. Die Integration des Todes in den Alltag war nicht ungewöhnlich, sondern geradezu eine Selbstverständlichkeit. Aus dem späten Mittelalter ging die „Ars moriendi“ hervor - das Sterbenkönnen als eine Kunst, die man aus Erbauungsbüchern lernen sollte. Es war als eine geistige Übung gemeint. Die Kunst bestehe darin, dass die Seele beim sterben keinen Schaden nimmt. Es gab eine feste Vorstellung von einem guten Tod.

In der europäischen Renaissance bis ins 19. Jahrhundert, gab es die Vorstellung von einem „schönen“, romantisch oder dämonisch inszenierten Tod, obwohl die Vorstellung des ewigen Lebens bereits weithin abhandengekommen war. Sterbeszenarien, Todesrituale und Bestattungszeremonien waren vielgestaltig. Der Kulturhistoriker Phillippe Ariès sagte, es wäre nicht allein der Glaube an ein Weiterleben in anderer Gestalt, sondern eben solche Rituale und Inszenierungen, die den Menschen vergangener Zivilisationsepochen den Gedanken an den Tod erträglich gemacht hätte und ihm seinen Schrecken genommen hätte. Das Beispiel der amerikanischen Gesellschaft hat nach Parsons (1963) eine stabile, dem sozialen Wandel angepasste Todesorientierung institutionalisiert. Diese stellt nicht eine Verleugnung, sondern eine Weise der Akzeptanz dar, die dem zentralen kulturellen Muster des instrumentellen Aktivismus angepasst sei. Parsons bezeichnet mit dem instrumentellen Aktivismus eine spezifisch amerikanische Wertvorstellung, die eng mit der protestantischen Ethik verbunden ist. Für ihn besteht der fundamentale amerikanische Wert darin, die aktive Meisterung der Welt als permanente Handlungsanleitung zu gestalten. Es geht darum, etwas zu erreichen, zu tun, um bloß nicht nichts zu tun und sich ins Schicksal einzufügen. Diesen Wert sieht er als unveränderliche kulturelle Konstante.

Der Vorwurf der „Privatisierung“ lässt sich am leichtesten zurückweisen. Die Menschen sterben immer seltener in den eigenen vier Wänden, viel öfter in öffentlichen Einrichtungen wie Krankenhäusern oder Pflegeheimen. Nur jeder vierte stirbt in Deutschland in seinem eigenen Heim, obwohl die meisten Menschen am Ende ihres Lebens in vertrauter Umgebung bleiben möchten. Die Leistungen im Zusammenhang mit der Beisetzung werden in den meisten Fällen von Beerdigungsinstituten erbracht. Das Krankenhaus gehört zu den spezialisierten Institutionen, die für die moderne Gesellschaft charakteristisch geworden sind und auch Teile von Familienfunktionen übernommen haben. Zwar gibt es Belege, dass viel mehr Menschen zu Hause sterben möchten, trotz dessen haben diese Appelle bis jetzt nur wenig Erfolg gezeigt. Männer haben dabei noch am ehesten die Chance von ihren Ehefrauen zu Hause gepflegt zu werden. Die Pflege von Frauen übernehmen häufig die Töchter.

Allerdings lässt sich der Kliniktod keineswegs in einen Kontrast zu einer Idylle früherer Zustände stellen, bei dem der Familienvater im Kreis seiner Lieben starb.

[...]

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Details

Titel
Die Verdrängung des Todes in modernen Gesellschaften
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Soziologie)
Veranstaltung
Soziologie des Sterbens
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
10
Katalognummer
V369930
ISBN (eBook)
9783668475113
ISBN (Buch)
9783668475120
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Tod, Gesellschaft, Soziologie des Sterbens, Verdrängung
Arbeit zitieren
Nicole Janzen (Autor), 2013, Die Verdrängung des Todes in modernen Gesellschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369930

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