Der Mythos der 68-er Bewegung. Betrachtung der Studentenrevolte in der Bundesrepublik Deutschland


Hausarbeit, 2013

16 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Gliederung

I Einleitung

II Hauptteil
1. Hintergrund und Ursachen
2. Die Jahre 1967/68
2.1.Der Tod Benno Ohnesorgs als Auslöser
2.2.Die Springer-Kampagne
2.3.Das Attentat auf Rudi Dutschke
2.4.Die Osterunruhen
3. Auflösung der Protestbewegung
4. Auswirkungen der Protestbewegung
4.1.Politische Auswirkungen
4.2.Gesellschaftliche Auswirkungen
5. 68 als Mythos

III Fazit

Literaturliste

I Einleitung

„ ‚1968‘ steht für einen gesellschaftlichen Aufbruch, der befreiend wirkte und zur Demokratisierung aller Lebensbereiche führte.“ (Watzal 2008, S. 2) Ein Bild, das allen gefallen würde, kann es von der 68er-Bewegung nicht geben. Ihr Einfluss auf unsere Gesellschaft ist heute zwar deutlich spürbar, aber kaum exakt bestimmbar. Unsere Gesellschaft ist seit 68 eine andere geworden. Die Frage bleibt, was mit 68 eigentlich wirklich gemeint wird. Sind es die Protestbewegungen an Hochschulen und in Bezug auf den Vietnamkrieg, die bereits 1966 ihren Anfang nahmen, nach den Anschlägen auf Benno Ohnesorg und Rudi Dutschke in eine Krise gerieten und zur Gründung linksradikaler Kleinparteien und der RAF führten? Oder ist es ein Synonym für eine Jugendbewegung, die einen kulturellen Bruch mit der Erwachsenenwelt anzeigte und zweitweise linkspolitische und systematische Untertöne besaß, die eine Veränderung der Lebensformen, der Sexualmoral, von Erziehungsstilen, Werthaltungen und kulturellen Ausdrucksformen forderte? Auf diese Frage kann keine eindeutige Antwort gegeben werden. Das Jahr 1968 kann als eine Mischung beider Formen betrachtet werden, als eine Protestbewegung, die mit einem Linksdruck verbunden ist und die Legitimationsgrundlagen vieler Institutionen des öffentlichen Lebens herausforderte und verschiedene revolutionäre Gruppen hervorbrachte, die auch Großparteien wie die SPD beeinflusste, aber auch als Synonym für eine Jugendrevolte, die sich als wachsende Opposition zur etablierten Welt betrachtete und mit ihren kulturellen Ausdrucksformen einen viel größeren Adressatenkreis erreichte. (vgl. Kleinert 2008, S. 8)

In meiner Arbeit möchte ich zunächst auf die historischen Hintergründe, die den Weg für eine solche Protestbewegung erst geebnet haben, eingehen. Dabei beziehe ich mich auf politische und gesellschaftliche Wendungen, die als Ursachen der Bewegung betrachtet werden können. Nachfolgend möchte ich kurz die Jahre 1967 und 1968 eingehen, in denen die Bewegung ihren Höhepunkt fand. Ich möchte einige Ereignis besonders hervorheben und diese genauer beschreiben. Im Anschluss möchte ich die Auflösungsphase der Proteste betrachte. Darauf folgend werde ich die politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen, die diese Bewegung bewirkte, beschreiben. Zuletzt werde ich beschreiben, was genau die Bewegung zu einem solchen „Mythos“ machen konnte. Ich werde mich dabei vorwiegend auf die Ereignisse in der BRD beziehen.

II Hauptteil

1. Hintergrund und Ursachen

Die Revolte von 1968 hatte eine etwa zehnjährige Vorgeschichte, die ihren Ursprung in der Gründung einer Neuen Linken nahm, die als Opposition zur Alten Linken fungierte. Während die Alte Linke aus Organen und Vereinigungen der klassischen Arbeiterbewegung bestand und ihre zentrale Methode im Kampf gegen die Ausbeutung, besonders in Bezug auf die Auseinandersetzung zwischen Lohn und Arbeitszeit, bestand, lag das Hauptanliegen der Neuen Linken im Kampf gegen die Entfremdung. Die Alte Linke bezog sich dabei auf ein marxistisches Fortschrittsmodell, währenddessen die Neue Linke eine grundsätzliche Kritik an der im Leben des Nachkriegsfordismus bestimmenden, allumfassenden, stupiden und monotonen Lohnarbeit übte. Ihre Argumentation bestand darin, dass die soziale Sicherheit durch ein langweiliges und vorherbestimmtes Leben erkauft sei. Dagegen sollten Formen der Selbstorganisation, Kreativität und Selbstverwirklichung wirken. Die Bewegung wollte selbst zu einem Motor der ökomischen Umwälzungen in der Krise des Nachkriegsfordismus werden (vgl. Oy 2008, S.79). Sie wollte die überkommene sozialistische Dogmatik aufbrechen und diese durch eine antiindustrielle Orientierung ersetzen. Die Neue Linke bestand hauptsächlich aus Intellektuellen, Gruppen der Bürgerrechtsbewegung und radikalen Jugendlichen. Diese Tatsache wurde damit begründet, dass nur die Intellektuellen in der Lage seien, die Manipulation durch die Medien in der Politik zu durchschauen.

In den 1960er-Jahren kam es zu einem kulturgeschichtlichen Umbruch der hochentwickelten Industriegesellschaften. Die Bundesrepublik Deutschland befand sich in den Zeiten des Wohlstandswunders und enthielt noch eine lebendige Prägung durch die Werte und Alltagskultur des NS-Regimes. Diese Tatsache führte zu einem hohen provokanten Potential. Es entstand damit ein Resonanzboden für linkspolitische Einstellungen. Auch in den USA und vielen anderen westeuropäischen Ländern gab es mehrere Anzeichen für Unruhen. Der Protest gegen die Langeweile und spießbürgerliche Gesellschaft fand in den USA seinen Ausdruck im Rock´n´Roll. Auch gehörten seit etwa 1964 Hippies und sogenannte „Gammler“ zum alltäglichen Bild in den großen Metropolen. In der BRD führten Beat- und Rockmusik und die Einführung der Antibabypille zu einer kulturellen und sexuellen Revolution. Traditionelle Geschlechterrollen wurden langsam aufgehoben. Allerdings schien das Potential für eine Revolution in der BRD anfangs geringer, da in der damaligen Gesellschaft deutsche Tugenden, wie Ordnung, Sauberkeit, Fleiß, überliefertes Obrigkeitsdenken und eine antikommunistische Grundstimmung, vorherrschend waren. Der Nährboden der Protestbewegung waren soziale Randgruppen, die sich durch ihre Musik, Kleidung und ihr Aussehen und Auftreten von den leistungsorientieren Normen und Wertesystemen der Mittelstandsgesellschaft distanzieren wollten. (vgl. Görtemaker 2002, S. 154)

In den USA spielte der Konflikt um den Vietnam-Krieg eine zentrale Rolle. Es wurde die Frage gestellt, wie viel Verlogenes hinter dem stände, was unter Freiheit und Demokratie verteidigt wurde. Aber auch der vorherrschende Rassenkonflikt beeinflusste die Protestbewegung stark. Allerdings begann man auch in Deutschland sich mit der Thematik zu beschäftigen und die Protestbewegung bekam somit einen ersten Auftrieb. 1966 fand die erste Demonstration gegen die amerikanische Beteiligung am Vietnam- Krieg mit einem Sitzstreik am Kurfürstendamm statt. Die Reaktionen der Berliner Presse waren durchweg negativ: „Die Narren von West-Berlin“ und „Beschämend! Undenkbar!“, waren Beispiele für die Schlagzeilen am nächsten Tag. (vgl. Görtemaker 2002, S. 158)

In der BRD hatten weiterhin die Forderungen nach einer Hochschulreform eine mobilisierende Wirkung. Die Protestbewegung kann als eine Folge der Bildungsexpansion und beginnender Massenuniversität gesehen werden. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) war bis in die zweite Hälfte der 50er- Jahre ein akademisches Trittbrett für sozialdemokratische Parteikarrieren gewesen. 1958/59 kam es im Vorfeld der Diskussion um das Godesberger Programm zum Zusammenstoß. Die SPD-Führung ließ verlauten, dass der SDS sich nun „auf den wohl überlegten Plan einer organisatorischen Zersetzung der SPD mit dem erklärten Ziel einer Parteispaltung konzentrierte“. Infolgedessen kam es am 6. November 1961 zur Trennung von SPD und SDS, in dem beschlossen wurde, dass nicht zur gleichen Zeit an beiden Organisation teilgenommen werden könnte. Danach begann der SDS an fast allen Universitäten autonome sozialistische Arbeitskreise aufzubauen, in denen sich die Studenten mit Marxismus und Kritischer Theorie beschäftigen konnten. Es wurde ein neues Verhältnis von Praxis und Theorie angestrebt. Die Linke Studentenschaft verstand sich selbst als revolutionäres Subjekt. Allerdings kann gesagt werden, dass die ersten universitären Proteste, die 1965 ihren Anfang nahmen, eher sehr diszipliniert und unspektakulär verliefen.

Als weiterer Aspekt kann das „kollektive Beschweigen“ der NS-Vergangenheit und der biedermeierliche Privatismus, von dem das geistig-kulturelle Klima der Adenauer-Ära geprägt war, genannt werden. Diese Mentalität wurde von den Jüngeren als „geistig eng und öde“ empfunden. Viele Täter konnten bis in die 1960er unbehelligt ihre Plätze in der Gesellschaft finden. Es war allgemein bekannt, dass der neue Bundeskanzler Georg Kiesinger der NSDAP angehört hatte und Bundespräsident Heinrich Lübke angeblich als Architekt beim Bau von Konzentrationslagern mitgewirkt hatte. Als 1966 die NPD in die Landtage von Hessen und Bayern einziehen konnte, schien ein neuer deutscher „Faschismus“ entstanden. (vgl. Kleinert 2008, S. 10)

Am 21.Mai 1965 einigten sich die Fraktionsvorsitzenden der im Bundestag vertretenen Parteien über eine Grundgesetzänderung zum Notstandsrecht und die Vorbereitung einer gemeinsamen Gesetzesinitiative, die in ein konkretes Stadium kam. So kam mit dem Kampf gegen die Notstandsgesetze ein weiteres zentrales Thema hinzu, das bis zur Verabschiedung des Gesetzes am 30. Mai 1968, die Studentenbewegung prägen sollte. Weiterhin schien nach der Bildung der Großen Koalition am 1. Dezember 1966 die Opposition so dezimiert zu sein, dass die Spielregeln der parlamentarischen Demokratie außer Kraft getreten seien. So wurde eine „Außerparlamentarische Opposition“ (APO) für viele zur Notwendigkeit, um die Regierung wenigstens von außen kontrollieren zu können.

Die Forderung nach einer deutschen Hochschulreform, der Widerstand gegen den Vietnam-Krieg, die Notstandsgesetze verschmolzen so mit der Kritik an der nationalistischen Vergangenheit der Elterngeneration und der Auflehnung gegen das Wiederaufleben totalitärer Bestrebungen (vgl. Görtemaker 2002 S. 159). All diese Dinge können als Ursachen und Rahmenbedingungen für die Protestbewegungen 1968 gesehen werden

2. Die Jahre 1967/68

Die Jahre von 1967-68 können als Höhepunkte der Mobilisierung für die Revolution gesehen werden.

2.1. Der Tod Benno Ohnesorgs als Auslöser

Am 2. Juni 1967 wurde, während einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien, der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen. Der Schah war ein Alleinherrscher, unterdrückte sein Volk und verstieß dabei gegen die Menschenrechte. Die Demonstrationen arteten an diesem Tag schnell zu gewaltsamen Auseinandersetzungen aus. Infolgedessen setzen auch die Polizeibeamten Gewaltmittel ein, woraufhin viele Demonstranten und Passanten nicht verschont blieben. Bis in den Abend wurden Polizisten losgeschickt um „Rädelsführer“, wie die Demonstranten genannt wurden, zu verhaften. Unter diesen Umständen eskalierte die Straßenschlacht, und als der Student Benno Ohnesorg, der das erste Mal an einer Demonstration teilnahm, einem bedrängten Demonstranten helfen wollte, wurde er von einer Kugel tödlich in den Hinterkopf getroffen. Der Polizist, der auf ihn geschossen hatte, behauptete später aus Notwehr gehandelt zu haben. Für die Studentenbewegung wurde Ohnesorg zum Märtyrer. Die Politiker lobten die Zurückhaltung der Polizei und für die Bewegung, schienen Grundrechte und Gewaltenteilung außer Kraft gesetzt. Nach diesem Tag kam es zu einer unvergleichlichen Solidarisierungswelle, sodass 100.000 Studenten nach dem Tod Ohnesorgs demonstrierten.

2.2. Die Springer-Kampagne

Die erhebliche Radikalisierung der Proteste zielte vor allem gegen die Springer-Presse. Die Macht des Springer-Konzerns bestand darin, dass dieser, damals wie heute, etwa ein Drittel der gesamten Zeitungsauflage in der Bundesrepublik kontrollierte und, da der Konzernherrn in den 1960er-Jahren seine Berufung zur Politik entdeckt hatte, massiv in die politische Auseinandersetzung eingriff. Bereits Anfang 1967 entwickelten sich die Wurzel der Kampagne „Enteignet Springer“. Die Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Hochschulbundes forderte zu dieser Zeit im Hinblick auf die Machtstellung des Springer-Verlags ein Gesetz gegen die Konzentration im Pressewesen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Mythos der 68-er Bewegung. Betrachtung der Studentenrevolte in der Bundesrepublik Deutschland
Hochschule
Technische Universität Dresden
Veranstaltung
Makrosoziologie
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V369931
ISBN (eBook)
9783668475489
ISBN (Buch)
9783668475496
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Makrosoziologie, Soziologie, Neue soziale Bewegungen, 68er Bewegung, Studentenrevolte
Arbeit zitieren
Nicole Janzen (Autor), 2013, Der Mythos der 68-er Bewegung. Betrachtung der Studentenrevolte in der Bundesrepublik Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369931

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