Gierige Parasiten oder alternative Statebuilder? Über die Problematiken des Warlord-Begriffs anhand einer Analyse von Akteuren im Konfliktgebiet Mindanao


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. ) Einleitung

2. ) Die Akteurskategorie Warlord
2.1) Warlords als Akteure der „neuen Kriege“
2.2) Untersuchungsdesign

3. ) Fallanalyse: Warlords im Konfliktgebiet Mindanao
3.1) Der Konflikt in Mindanao
3.2) Warlordism als Akteurszuschreibung in Mindanao
3.2.1) Ökonomisches Interesse
3.2.2) Autonome Führung
3.2.3) Ausnutzung der Zivilgesellschaft

4. ) Interpretation der Analyse

5. ) Fazit

6. ) Anhang

7. ) Literatur- und Abbildungsverzeichnis

1. ) Einleitung

Mit dem Wechsel vom ethnisch-religiösen zum ökonomischen Paradigma in den Erklä­rungsansätzen für die Wesensarten aktueller Kriege und Konflikte wurde ein spezieller Konfliktakteur zum Untersuchungsgegenstand, der vorher fast ausschließlich in der Geschichtswissenschaft Anwendung fand: Der „Warlord“, ein vermeintlich vom Staat unabhängiger Machthaber, der sich auf einem bestimmten Territorium mit seiner Privatarmee die entstehenden ökonomischen Strukturen eines Krieges zunutze macht, um sich selbst zu bereichern[1]. Sowohl in wissenschaftlichen Arbeiten als auch in der medialen Kriegsberichterstattung oft unreflektiert genutzt, findet das Warlord-Konzept nach Auffas­sung des Konfliktforschers Alex Veitjedoch vor allem dort Anwendung, wo es schlichtweg keine passendere Akteursbezeichnung gibt (Veit 2011: 495). Aufgrund sehr unterschied­licher und vor allem einseitiger Definitionen, eignet sich diese Kategorie seiner Meinung nach kaum, um zum tieferen Verständnis eines spezifischen Konflikts beizutragen (Veit 2011: 496).

ln dieser Arbeit soll nun in Anlehnung an Veits These der Frage nachgegangen werden, in welcher Weise die Verwendung der Warlord-Kategorie als Analysewerkzeug einen Konflikt eher verzerrt darstellt und welche verzerrenden Faktoren hier genau ausgemacht werden können. Dies soll anhand eines Fallbeispiels in Form einer Analyse von Warlord-Akteuren im Unabhängigkeitskampf der muslimischen Bevölkerung auf der philippinischen Insel Mindanao durchgeführt werden. Das Beispiel Mindanao eignet sich besonders, da in der wissenschaftlichen Literatur hier mehreren, teils sehr unterschied­lichen Akteuren Warlord-Attribute zugesprochen werden. Diese sollen in dieser Arbeit, nach einer einführenden Darstellung des aktuellen Warlord-Diskurses in der Konflikt­forschung, kritisch hinterfragt werden, um im Anschluss Faktoren daraus abzuleiten, die bei der Verwendung des Warlord-Begriffs verzerrend auf das Konfliktverständnis wirken können. Schlussendlich wird ein Ausblick gegeben, wie beim Umgang mit der Warlord- typologie in der Konfliktforschung zukünftig vermieden werden kann, „den integralen Zusammenhang der ökonomischen, politischen und kulturellen Aspekte kriegerischer Gewalt in konkurrierenden Erklärungsansätzen auseinander zu reißen“ (Siegelberg/Hensell 2006: 9).

Da es sich hier um ein disziplinübergreifendes Thema handelt, wird sowohl auf politikwissenschaftliche, als auch soziologische, ethnologische und regionalwissen­schaftliche Literatur zurückgegriffen.

2. ) Die Akteurskategorie Warlord

2.1) Warlords als Akteure der „neuen Kriege“

Spätestens vor rund 15 Jahren[2] kam eine weit über die Konfliktforschung hinausgehende wissenschaftliche Debatte über die sogenannten „neuen Kriegen“ auf. Befürworter dieses Begriffs gehen davon aus, dass sich moderne Kriege durch Innerstaatlichkeit, einer wachsenden Ökonomisierung bzw. Kommerzialisierung des Kriegsgeschehens und der starken Zunahme privater, nichtstaatlicher Akteure von den klassischen zwischen­staatlichen und ideologisch legitimierten „alten Kriegen“ unterscheiden (Geis 2010: 64; Siegelberg/Hensell 2006: 12). Seitdem rückten insbesondere Protagonisten wie Milizen, private Sicherheitsfirmen und Warlords[3] in den Fokus der Konfliktforschung - oft als feste Typen eingeordnet in Typologien von nichtstaatlichen Gewaltakteuren (Giustozzi 2007: 15/16), mit dem grundsätzlichen Ziel, trotz der ausdifferenzierteren Akteurslandschaft der „neuen Kriege“ elementare Gemeinsamkeiten der weltweiten Konflikt(akteur)e herauszu­stellen (Veit 2011: 491).

Speziell im Fall des Warlords konstatieren kritische Autoren dabei vor allem zwei Probleme: Einerseits sind die seither aufgestellten Definitionsversuche von Warlords äußerst unterschiedlich und uneindeutig geraten - laut Veit sind sie trotz der Verallge­meinerung meist ein Abbild derjenigen Warlords, mit denen die Autoren in ihrem jeweiligen regionalen Schwerpunkten beschäftigt waren (Veit 2011: 488). Nun ist es nicht neu, dass in der Politikwissenschaft um Begriffsdefinitionen gerungen wird und diese auch immer nur begrenzte Aussagekraft besitzen. Problematisch wird es jedoch, wenn die Akteursmerkmale im regionalen Kontext jeweils so unterschiedlich ausfallen, dass sie nicht mehr überregional vergleichbar sind, oder wenn die Abgrenzungsmerkmale zu anderen Akteuren entweder so uneindeutig ausfallen oder in der Empirie schlichtweg nicht nachgewiesen werden können (Veit 2011: 487, 491), sodass die gesamte Kategorie in Frage gestellt werden kann (Veit 2011: 492).

Ein weiteres angemerktes Problem ist, dass die bestehenden definitorischen Über­einstimmungen fast ausschließlich unter das Paradigma des Krieges als „continuation of economics by other means“ (Keen 1998: 11) im Sinne der „neuen Kriege“ fallen. So wird dem Warlord eine weitestgehend auf Eigennutz oder sogar Habgier ausgelegte Handlungs­motivation bescheinigt, da er sich nicht oder kaum für politische oder ideologische Ziele interessiert, sondern oft ausschließlich auf die Ausnutzung entstehender ökonomischer Strukturen während eines Krieges fokussiert ist (Vinci 2007: 5; Ahram/King 2011: 9; Marten 2006: 9; Chojnacki 2004: 4; Schlichte 2006: 116/117; Giustozzi 2005: 15). Als völlig autonomer lokaler Machthaber verfügt er über private Streitkräfte, die er in patrimonialer Ordnung als charismatischer Herrscher anführt (Veit 2011: 488; Vinci 2007: 10; Marten 2006: 9; Giustozzi 2005: 15). Seine Beziehung zur Zivilgesellschaft beschränkt sich hauptsächlich auf eigennützige Ausbeutung und barbarische Gewaltakte - weder sorgt er für deren Sicherheit, noch unterstützt er sie beim Aufbau von Infrastruktur, Gesundheits­oder Bildungseinrichtungen (Vinci 2007: 5, 6, 15; Marten 2006: 8; Schlichte 2006: 119). Sein Verhältnis zum Staat kann hauptsächlich als parasitisch bezeichnet werden. Er ist nicht daran interessiert, eigene Staatsstrukturen aufzubauen oder mit dem bestehenden Staat in Konkurrenz zu treten - der Staat stellt für ihn lediglich eine Ressource dar (Veit 2011: 490; Vinci 2007: 12; Ahram/King 2011: 8; Chojnacki 2004: 2; Menzel 2008: 4).

Strittig bleibt in den verschiedenen Definitionen vor allem die Frage nach gesell­schaftlicher Akzeptanz der Warlords und ihre mögliche Einbindung in bzw. Unabhän­gigkeit von Clan- und Ethnienstrukturen (Giustozzi 2005: 8) und ihr faktischer Besitz von Territorium (Giustozzi 2005: 9). Einige Autoren stellen zusätzlich in Frage, dass ein Warlord tatsächlich völlig autonom und unabhängig von Staat und Gesellschaft handeln kann und auch keinerlei politisches Interesse hegt (Frank 2007: 3; Veit 2011: 490).

Problematisch sind die auf das ökonomische Paradigma ausgerichteten defini- torischen Übereinstimmungen dadurch, dass sie erstens eine normative Ausrichtung des Begriffs Warlord entwickeln (der Warlord als von Habgier getriebener, barbarischer Krimineller (Ahram/King 2011: 2; Veit 2011: 487)), zweitens nicht die relativ starke Kritik an der Einseitigkeit des Konzepts der „neuen Kriege“ (Vgl. Chojnacki 2004: 200; Schlichte 2006: 117) reflektieren und drittens als übereinstimmende Prägung des Begriffs in dieser einseitigen und unreflektierten Form sowohl in Konfliktanalysen Verwendung finden, als auch als Typus in Typologien[4] (beispielsweise von Gewaltakteuren der „neuen Kriege“ (sh. Abb. 1; Giustozzi 2007: 15/16) eingesetzt werden oder „schleichend in den öffentlichen Diskurs oder die politische Praxis einwander[n]“ (Geis 2010: 62) und dabei politische Entscheidungen mitbestimmt oder politische Handlungen legitimieren (Geis 2010: 62).

2.2) Untersuchungsdesign

Im folgenden soll anhand einer Einzelfallstudie die These von Alex Veit getestet werden, dass die Warlord-Kategorie in ihrer zur Zeit gängigen Definitionsform kaum für eine Analyse spezieller Konflikte geeignet ist, da sie erstens ungenau bestimmt und zweitens einseitig auf das ökonomische Paradigma beschränkt und dabei normativ wertend ist (Veit 2011: 487, 496). Aufgrund des beschränkten Rahmens soll hier nur der zweite Kritikpunkt näher geprüft werden, nämlich unter der Fragestellung, in welcher Weise die einseitige Prägung des Begriffs, die durch hauptsächlich übereinstimmende Merkmale der verschie­denen Definitionsversuche entstanden ist, einen spezifischen Konflikt eher verzerrt darstellt, als zu einem tiefen und umfassenden Verständnis der Konflikt(akteurs)- mechanismen beizutragen. Dabei sollen drei Merkmale aus der oben genannten Warlord- Beschreibung als Variablen dienen, die dann auf den konkreten Fall bezogen werden:

a) Die Handlungsmotivation eines Warlords ist nicht politisch oder ideologisch, sondern rein ökonomisch bestimmt; b) Ein Warlord ist als autonomer Führer unabhängig von staatlichen oder Clan- bzw. Ethnienstrukturen; c) Ein Warlord nutzt die Zivil­gesellschaft aus und ist nicht daran interessiert, ihnen Schutz zu gewähren oder in anderer Weise zu unterstützen. In diesen drei Merkmalen ist erstens die Prägung des Ansatzes der „neuen Kriege“ am deutlichsten vorzufinden und zweitens die wichtigsten Faktoren enthalten, die Warlords von anderen nichtstaatlichen Gewaltakteuren abgrenzen sollen.

Als Fall soll hier der Konflikt im Westen der philippinischen Insel Mindanao dienen. Dieser ist für eine die Warlord-Akteure betreffende Analyse besonders geeignet, da er abseits der archetypischen Warlordregionen Zentral- und Ostafrika bzw. Afghanistan/Irak (Vinci 2007: 316) liegt, andererseits hier trotzdem eine Vielzahl von Akteuren von verschiedenen wissenschaftlichen Autoren in die Warlord-Kategorie gefasst werden (Kreuzer 2005: 13; Doro 2007: 222; Mercado 2010: 11; Santos 2010: 127; Sottsas 2011: 12) und diese Einordnungen immer wieder von internationalen Medien übernommen werden. Es handelt sich also weder um einen archetypischen oder prototypischen, noch um einen normabweichenden Spezialfall, sondern bewusst um einen „normal case“, um die Anwendbarkeit des Begriffs auf den Normalfall zu überprüfen.

3. ) Fallanalyse: Warlords im Konfliktgebiet Mindanao 3.1) Der Konflikt in Mindanao

Bevor auf die einzelnen Akteure eingegangen wird, soll hier in knapper Form der Konflikt­kontext erläutert werden. Der hier zu besprechende Konflikt findet hauptsächlich im Westen der südlichen philippinischen Insel Mindanao und dem Nebenarchipel Sulu (sh. Abb. 2) statt. Er ist gekennzeichnet von einer sehr komplexen und stark miteinander verwobenen Akteurslandschaft und einem gesellschaftspolitischen Umfeld zwischen tradi­tionellen Clan-Strukturen und einer postkolonialen, stark korrupten Regierung, was in seinen Wechselwirkungen zu immer neuen Konfliktentwicklungen führt (Bück 2012: 101).

Als Hauptgebiet verschiedener Sultanate seit dem 14. Jahrhundert lebten in Mindanao im Gegensatz zum Rest der Philippinen fast ausschließlich Muslime (Digal u.a. 2003: 6). Durch diverse Umsiedlungsprogramme der US-amerikanischen Kolonialmacht seit 1914 siedelten sich jedoch vermehrt Christen aus den Nordphilippinen an und verdrängten die Muslime von ihrem Lebensraum ins westliche Mindanao. Dadurch fühlten diese sich nicht nur ihrer Identität und Religion bedroht, sondern wurden auch zunehmend politisch wie wirtschaftlich marginalisiert (Kreuzer 2005: 9/10), was schließlich in den 1970er Jahren zum Ausbruch des blutigen Protestes führte (Kreuzer 2008: 4). Seitdem bildeten sich verschiedene Rebellenorganisationen, von denen die 1969 gegründete Moro National Liberation Front (MNLF) und die 1984 von dieser abgespaltenen Moro Islamic Liberation Front (MfLF) die zahlreichen Friedensverhandlungen und -verträge mit der GRP (Government of the Republic of the Philippines) dominierten und die beide zumin­dest zeitweise für einen unabhängigen muslimischen Staat im Westen Mindanaos kämpften (ZFD 2010: 8). Aus den Verhandlungen mit der GRP ging zwar unter anderem 1989 die Autonomous Region in Muslim Mindanao (ARMM, sh. Abb. 2) hervor, ein teilweise eigenständiges Gebiet für die Moros[5], doch die Gewalt hält trotzdem bis heute an (Kreuzer 2008: 1).

Als Grund dafür werden vor allem zahlreiche Konflikte hinter dem „offiziellen“ Unabhängigkeitskampf genannt - seit Beginn der Kämpfe in den 1970er Jahren haben sich sehr viele „kleine“ Konfliktakteure herausgebildet, die von abgesplitterten Rebellen­gruppen, Milizen, Bürgerwehren, kriminellen Banden bis hin zu Terrorgruppen wie Abu Sayyaf Group (ASG) (deren Aktivitäten auch das US-amerikanische Militär vor Ort ansässig gemacht haben) reichen (Bück 2012: 103). Hinzu kommen die in diesem Gebiet dominierenden traditionellen Clan-Strukturen.

[...]


[1] Ein Großteil der Autoren nutzt diese Prägung des Begriffs - diese werden mit verschiedenen Definitions­vorschlägen ausführlicher im Hauptteil genannt.

[2] Das 1999 erschienene Buch „New and Old Wars“ von Mary Kaldor kann als einer der Auslöser der Debatte betrachtet werden (Geis 2010: 61).

[3] Der Begriff „Warlord“ wurde schon vor dem Konzept der „neuen Kriege“ in der wissenschaftlichen Literatur verwendet, unter anderem als Bezeichnung lokaler Machthaber im spätrömischen Reich oder im China des frühen 20. Jahrhunderts (Giustozzi 2005: 1). Sie galten dabei als „autonome Führ[er] einer nichtstaatlichen militärischen Organisation in einem bewaffneten Konflikt“ (Veit 2011: 488).

[4] Typologie meint hier „die Zuordnung von mindestens zwei Merkmalen, die zwei oder mehr Ausprägun­gen aufweisen, auf eine spezifische Kombination der einzelnen Merkmalsausprägungen“ (Lauth 2009: 154).

[5] Moros (span.: Mauren): Bezeichnung der kollektiven Identität der Muslime auf den Philippinen in Ab­grenzung zu den christlichen Filipinos (Kreuzer 2005: 9, 24).

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Gierige Parasiten oder alternative Statebuilder? Über die Problematiken des Warlord-Begriffs anhand einer Analyse von Akteuren im Konfliktgebiet Mindanao
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Politikwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V369962
ISBN (eBook)
9783668476103
ISBN (Buch)
9783668476110
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Warlord, Neue Kriege, Konfliktakteur, Konflikt, Krieg, Kriegstheorien, Mindanao, Philippinen, Statebuilding
Arbeit zitieren
Manuel Steinert (Autor), 2014, Gierige Parasiten oder alternative Statebuilder? Über die Problematiken des Warlord-Begriffs anhand einer Analyse von Akteuren im Konfliktgebiet Mindanao, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369962

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