"Macunaíma, o herói sem nenhum caráter". Auf der Suche nach der Identität Brasiliens


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

17 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Hintergrund

3. Vorarbeiten zum Buch

4. Die Verarbeitung von Sprache und Folklore in "Macunaima"

5. Macunaima, o herói sem nenhum caráter, als Sinnbild des Brasilianers

6. Schlussfolgerung

7. Literaturverzeichnis
7.1. Primärliteratur
7.2. Forschungsliteratur

1. Einleitung

Brasil amado näo porque sejam minha pàtria, Pàtria é acaso de migraçôes e do päo-nosso onde Deus der... Brasil que eu amo porque é o ritmo no meu braço aventuroso, O gosto dos meus descansos, O balanço das minhas cantigas amores e danças. Brasil que eu sou porque é a minha expressäo muito engraçada, Porque é o meu sentimento pachorrento, Porque é o meujeito de ganhar dinheiro, de comer e de dormir.[1]

Màrio de Andrade

Mit diesem Zitat möchte ich meine Hausarbeit anfangen, um die genaue Einstellung von Màrio de Andrade zu Brasilien zu verdeutlichen. De Andrade gilt noch bis heute als der größte Dichter und Erforscher der Kultur und Kunst Brasiliens. Die Tatsache, dass er sein ganzes Leben in Brasilien verbrachte, beweist uns, das der Autor Brasilien sehr verbunden war. Er reiste durch das ganze Land, lernte jede Ecke kennen, auf der Suche nach der nationalen Identität Brasiliens. De Andrade betrieb dafür großen Aufwand. Er beschäftigte sich mit der Geschichte und Überlieferung der indigenen bzw. afrikanisch stämmigen Bevölkerung Brasiliens.

Unter den umfangreichen Werken de Andrades nimmt sein Roman "Macunaima" einen besonderen Platz in der Literatur Brasiliens ein. "Macunaima" war einer der Höhenpunkte des brasilianischen Modernismo, ein Protest gegen den Kolonialismus. Dieser "Identitätsroman" ist eine Satire, womit die Ablösung der literarischen Abhängigkeit Brasiliens von Europa begann. Einige historische Aspekte, auf die ich im zweiten Kapitel der Arbeit näher eingehen werde, waren eine der Hauptursachen der Schaffung des Werkes "Macunaima". Die Frage nach der Wertigkeit des Buches für die brasilianische Literatur steht außer Zweifel. Dafür werde ich zunächst nicht nur die permanente Arbeit de Andrades an dem Buch darstellen, sondern auch aus welcher Motivativen heraus das Buch verfasst wurde und welche Zielsetzungen de Andrade damit verfolgte. Mit dem Roman legte Màrio de Andrade eine andere Sicht auf die Vergangenheit, die nationale Geschichte und natürlich die Identität des Landes vor.

Anhand der Analyse der Hauptfigur Macunaima soll gezeigt werden, ob der Held in "Macunaima" als Sinnbild des brasilianischen Volkes betrachtet werden kann. Außerdem wird detailliert erörtert, warum Macunaima als charakterlos dargestellt wird und was der Autor damit zum Ausdruck bringen wollte. Mit Hilfe von Textbeispielen, die auf unterschiedliche Quellen verschiedener Kulturkreise Brasilliens zugreifen, will ich eine nachvollzielbare Darstellung der Vielfältigkeit des Identitätsbildes von Macunaima begründen.

Die anderen Aspekte, die mich im Werk fasziniert haben, und die ich in der vorliegenden Arbeit untersuchen will, sind die sprachliche Verarbeitung, die Auswahl folkloristischer Elemente und Textbezüge, die als eine Art Spiegel der brasilianischen Identität im Text dargestellt sind. Noch eine sehr wichtige Rolle bei der Identitätsfindung spielt auch die Aufwertung von volkstümlich geprägter Sprache hin zur "brasilianischen“ Literatursprache, die mit dem europäischen Portugiesisch und der portugiesischen Literatur im Gegensatz stehen sollte.[2] Man fragt sich, wie wird der "Charakter" Brasiliens durch das alles gestaltet und womit wird die kulturelle brasilianische Identität belegt? Auf diese und weitere Fragen werde ich im Folgenden eingehen, um das nationale Identitätskonstrukt "Brasilien" zu erfassen.

2, Geschichtlicher Hintergrund

Der folgende Abschnitt gibt einen Überblick über die Vorgeschichte von Mário de Andrades Werk "Macunaima". Wie ist die genaue Entstehungsgeschichte dieses Romans? Welche historischen und kulturellen Hintergründe Brasiliens wirken sich auf "Macunaima" aus? Welche Vorarbeit leistete de Andrade bevor er das Buch schrieb? Um diesen Roman zu verstehen, wären die Antworten auf die obengenannten Fragen hilfreich.

In Brasilien, einem der größten Länder der Welt, leben circa 200 Millionen Menschen mit afrikanischen, indigenen, europäischen und sogar asiatischen Wurzeln. Die Kultur des Landes wurde durch unterschiedliche Kriterien geprägt, durch indigene und afrikanische Einflüsse, dem Sklavenhandel und der Kolonialzeit. Die Entstehungszeit des Werks "Macunaima" umfasst die Zeit, in der sich Brasillien im Umbruch von der Kolonialzeit zur eigenen Identität befindet. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde Brasilen nach jahrhundertelanger Kolonialzeit unabhängig von Portugal. Brasilien hat lange Zeit eine ökonomische Flaute gehabt und war von Krisen zurückgeworfen worden. Dieser Umbruch des Landes hat seinen Einfluss nicht nur auf die Politik Brasiliens, sondern auch auf die Kultur und die Literatur.[3] Die Kolonialisierung bewirkte im brasilianischen Volk ein Gefühl der Unterwerfung, in der Folge wurden alle politischen Strukturen Portugals, Religion und Sprache übernommen. Während der Kolonialisierung gab es die permanente Konfrontation zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen, was zu einer Vielzahl unterschiedlicher Kulturen, Traditionen und Religionen führte, in der Folge zur Entstehung von Nationalitäts- und Identitätskrisen.

Das alles verstärkte die Bestrebungen der Intelligentia Brasiliens auf der Suche nach kultureller Einheit. Aus diesen Gründen formierten sich Künstler, Literaten und Komponisten, die neue Generation der Avantgarde, in der sogenannten ersten Phase der Verkündung des Modernismo Brasiliero. Im Jahr 1922 fand die Semana de Arte Moderna in Säo Paulo statt, die durch Lesungen, Vorträge, Musikabende, Ausstellungen (Skulpturen und Malerei) und verschiedene andere Veranstaltungen radikale Änderungen in der Kunst, Literatur und Kultur Brasiliens forderte und dazu motivierte, die eigene nationale Identität auszubilden.[4] Hauptziel der Veranstaltung war die Abgrenzung von europäischen und portugiesischen Einflüssen, die sich primär auf die Sprache bezog. Diese Veranstaltung führte zu Kontroversen zwischen konservativen und liberalen Kritikern und beeinflusste das gesamte brasilianische Volk.

Meine Arbeit bezieht sich auf Mário de Andrade, der erklärter Gegner des Kulturkolonialismus war. Er gilt als einer der wenigen Vordenker, die das kulturelle Spezifikum Brasiliens in ihren Werken thematisiert haben, beschäftigte sich mit ethnologischen Mythen und Legenden, mit unterschiedlichen Werken und Erzählungen brasilianischen Ursprungs.

Mário de Andrades Buch "Macunaima", das sechs Jahren nach der Semana de Arte Moderna veröffentlicht wurde, ist aus bestimmten politischen und gesellschaftlichen Gründen entstanden, gilt bis heute als "ein zyklisches" Werk.[5] Bemerkenswert ist, dass de Andrade schon immer das Buch über Brasilien schreiben wollte, mit "Macunaima" ist ihm das gelungen.

3. Vorarbeiten zum Buch

Mário de Andrade, wie schon berichtet, hat viele ethnologische Studien über Brasiliens Kultur systematisch durchgeführt. Auslöser seiner ethnologischen Untersuchungen und literarischen Experimente war die Frage, wie ein Volk beim Aufeinandertreffen der verschiedenen kulturellen Traditionen eine eigene nationale Identität entwickeln kann. Seit der frühen Kindheit interessierte sich de Andrade für die Musik und Folklore seines Landes. Er besuchte das Konservatorium in S äo

Paulo, nach Abschluss sollte er eine Professur für Musikgeschichte übernehmen.[6] Als Verteidiger der Nationalbewegung der brasilianischen Kunst war de Andrade über die Literatur, Kunst, Musik und Dichtung sowohl Brasiliens als auch der ganzen Welt stets gut informiert. De Andrade hat versucht, sich ethnologisch in die Kultur des gesamten Kontinents, vornehmlich aber Brasiliens, zu vertiefen. Sein erster Gedichtband "Há uma Gota de Sangue em Cada Poema"[7] war nicht ganz so erfolgreich, dann begann de Andrade Material über die Folklore und Geschichte von verschiedenen Orten aus Säo Paulos Umgebung zu sammeln.

Nach seinem Tod hinterließ er eine große Anzahl hochwertiger Werke sowie verschiedene didaktische Romane und Artikel über Kunst und Kultur in Brasilien.

Hauptsächlich fand de Andrade gemeinsame Wurzeln bei der Identitätsfindung Brasiliens in der brasilianischen Mythologie und zwar in den Mythen der Taulipang- und Arekunastämme. Aus den verschiedenen Briefen de Andrades und Vorworten zu "Macunaima" bekommt man einen Überblick über die Erwartungen und Zielsetzung des Werkes. Die Suche nach brasilianischer Selbstfindung macht Mário de Andrade zum Hauptthema seines Romans "Macunaima", in dem er die Mythen und Legenden des brasilianischen Volkes und deren Symbolik entwickelt. Ganz wichtig für die Komposition des Romans ist de Andrades Betrachtung der Mythen- und Legendensammlung "Vom Roroima zum Orinoco" von Theodor Koch-Grünberg, insbesondere der zweite Band "Mythen und Legenden der Taulipang- und Arekuna-Indianer", die er während seiner Expeditionen in Brasilien und Venezuela zusammentrug[8] Der Autor bezieht sich auf Mythen der Stämme der Taulipang- und Arekuna-Indianer, die mit denen der Tupi in Brasilien nicht ganz übereinstimmen. Er ist sich dessen bewusst:

O proprio herói do livro que tirei do alemäo de Koch-Grünberg, nem se pode falar que é do Brasil. E tao o mais venezuelano. [] Essa circunstancia do herói do livro nào ser absolutamente brasileiro me agrada corno o que. [...] Agora: nào quero que imaginem que pretendi fazer deste livro urna expressâo de cultura nacional brasileira[9].

Mário de Andrade hat zur Aufwertung des nationalliterarischen Werkes "Macunima" nicht nur die Namen und die Charaktereigenschaften der Protagonisten übernommen, sondern auch ganze Textpassagen. Dabei ist eine vergleichende Betrachtung der Werke beider Autoren besonderes interessant: De Andrade stellte den Erzähltext auf andere Weise dar, der Erzählfokus im gesamten Buch wechselt permanent. Gute Beispiele für solche sprachlichen Ausbrüche sind in den folgenden Abschnitten dargestellt:

No fundo do mato-virgem nasceu Macunaíma, о herói de nossa gente. Era preto retinto e filho do medo da noite. Houve um momento em que o silencio foi täo grande escutando o murmurejo do Uraricoera, que a india tapanhumas pariu uma criança feia. Essa criança é que chamaram de Macunaíma.[10]

- der Erzähler agiert hier nicht als Protagonist, sondern steht in der Rolle des Beobachters. Tudo ele contou pro homem e depois abriu asa rumo de Lisboa. E o homem sou eu, minha gente, e eu fiquei pra vos contar a história. Por isso que vim aqui. Me acocorei em riba destas folhas, catei meus carrapatos, ponteei na violinha e em toque rasgado botei a boca no mundo cantando na fala impura as frases e os casos de Macunaíma, herói de nossa gente.[11]
- bei der Analyse dieses letzten Abschnitts wechselt de Andrade vom Beobachter zur handelnden Person, die "fiquei pra vos contar a história", die diese Geschichte von einem Papagei gehört hat.

Bei Theodor Koch-Grünberg ist das anders, der Roman ist ein Werk, in dem der Autor die Bedeutung der Mythen, Legenden und Märchen wissenschaftlich reflektiert, mit Hinweis auf die mündliche Überlieferung der indigenen Ureinwohner.

"Macunaíma. O herói sem nenhum caráter" ist ein literarisches Phänomen. Der etwa 250 Seiten umfassender Erzähltext, wurde 1926 in nur einer Woche geschrieben, in einer Hängematte. De Andrade hat das Buch vier Mal überarbeitet und zudem mehrere Vorworte geschrieben.[12] In "Macunaíma" wurde der Versuch unternommen, die Vielfältigkeit der einheimischen Kultur im Charakter einer Person dazustellen. Daraus lässt sich ableiten, dass Mário de Andrade, Jahre umfangreich hatte forschen und die verschieden Fakten sammeln müssen, um dieses Buch in so kurzer Zeit zu Papier zu bringen. Zu dem Werk verfasste de Andrade zwei Vorworte, die er nie im Druck erscheinen ließ, aber aus unerfindlichen Gründen sind sie in einem Artikel von Tristäo de Ataide veröffentlicht worden. Bis heute befinden sie sich im Besitz eines Freundes des Autors Luis Saya.[13]

4. Die Verarbeitung von Sprache und Folklore in "Macunaíma"

Als Folge der Sklaverei und der Einwanderung wurden in Brasilien viele verschiedene Sprachen gesprochen, die durch indigene, afrikanische und andere europäische Sprachen beinflusst waren.

[...]


[1] Lopes, Tefe Porto Ancona (1972) : Màrio de Andrade: ramais e caminho, S. 47.

[2] Brück-Pamplona, Lara (2016): Mündliche Literatur und Nationalidentität in Brasilien. S.12.

[3] Rössner, Michael / Berg, Walter Bruno (2002): Lateinamerikanische Literaturgeschichte. S.225.

[4] Braun, Peter/Weinberg, Manfred (2002): Ethnographie. Reiseformen des Wissens. S.33.

[5] Rössner, Michael (1988): Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies . S.190.

[6] Ertler, Klaus-Dietler (2002): Kleine Geschichte des lateinamerikanischen Romans. S.128.

[7] Fragelli, Pedro Coelho (2010): "APaixäo segundo Mário de Andrade". S. 38

[8] Strausfeld, Mechthild (1984): Brasilianische Literatur. S. 163-164.

[9] Prefáciode 1928.

[10] de Andrade, Mário (2013): Macunaíma: um herói sem nenhum caráter. S.13.

[11] Ebd., S. 214.

[12] Reily, Suzel Ana (1994): Macunaíma's Music: National Identity and Ethnomusicological Reseach in Brazil. S. 74.

[13] Nitschack, Horst (2012): Tropical subjectivity and European cultural tradition: Macunaíma, the hero with no character, by Mário de Andrade. S.46

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Details

Titel
"Macunaíma, o herói sem nenhum caráter". Auf der Suche nach der Identität Brasiliens
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V371493
ISBN (eBook)
9783668493551
ISBN (Buch)
9783668493568
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
macunaíma, suche, identität, brasiliens
Arbeit zitieren
Tetiana Komakha (Autor:in), 2016, "Macunaíma, o herói sem nenhum caráter". Auf der Suche nach der Identität Brasiliens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371493

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