Angst und Furcht in Sartre's "Sein und Nichts"


Essay, 2017

8 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Das Frageverhalten als Ausgangspunkt des Ursprungs des Nichts
2.2 Der Mensch und die Freiheit
2.3 Inwiefern das Nichts die Freiheit bedingt
2.4 Die Angst als Bewusstsein der Freiheit

3. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Das Fundament dieses Essays stellt das von Jean-Paul Sartres verfasste Werk „Das Sein und das Nichts – Versuch einer phänomenologischen Ontologie“ aus dem Jahre 1943, dessen zentrales Thema die Fragestellung nach einer ontologischen Begründung der Freiheit ist. In der folgenden Ausarbeitung soll zunächst geklärt werden, wie Sartre das Nichts versteht, woher es kommt (wie es in die Welt gelangt) und in welcher Form dessen Ursprung gegeben sein muss. Darauf aufbauend soll untersucht werden, welche Bedeutung Sartre der Freiheit dabei zuspricht und inwiefern die jene das Erscheinen des Nichts bedingt. Das Ziel dieser Arbeit soll es letztlich sein, ausgehend von diesen Fragestellungen, die Hinführung zu Sartres Verständnis von Angst und Furcht, hinsichtlich des Ursprungs des Nichts und der Bestimmung der Freiheit, zu rekonstruieren. Der Fokus dieser Untersuchung liegt dabei auf dem ersten Kapitel („Der Ursprung der Negation“) des ersten Teils („Das Problem des Nichts“) von Sartres Hauptwerk, wobei dafür vorwiegend das Teilkapitel „Der Ursprung des Nichts“ herangezogen wird.

2. Hauptteil

2.1 Das Frageverhalten als Ausgangspunkt des Ursprungs des Nichts

Am Anfang des Teilkapitels „Der Ursprung des Nichts“ wählt Sartre als konkreten Ausgangspunkt ein bestimmtes menschliches Verhalten, welches notwendig sei um nach dem Sein zu fragen – nämlich das Frageverhalten. Der wesentliche Aspekt, auf den Sartre bei der Untersuchung des Frageverhaltens stößt, ist die Negation. So lässt jede Frage eine negative Antwort zu ("Nein!" oder "Nichts!"). Das Frageverhalten impliziert also negative Sachverhalte (Negation): Das Nichtwissen im Fragenden, die (mögliche) negative Antwort und, wenn die Antwort eine Feststellung ist, die Negation, die sich aus der Bestimmtheit ergibt ("es ist so und nicht anders"). Die Prämisse von der Negation als Voraussetzung, um nach dem Sein zu fragen und ihre Existenz als Grundlage und Ursprung des Nichts führt so zur Annahme, dass das Nichts in irgendeiner Form gegeben sein muss (vgl. Sartre, SN, 79).

Sartre konkretisiert nun diesen Gedanken, indem er sagt, dass das Nichts intra-mundan sein muss, d.h. nicht in einer beliebigen Form, sondern innerhalb des Seins erscheinen muss, da das Nichts weder außerhalb des Seins noch vom Sein selbst her erfasst werden noch sich selbst nichten kann (vgl. Sartre, SN, 79-80). Resultierend aus der Tatsache, dass das Nichts also von einem Sein genichtet werden muss, um in die Welt zu gelangen, kommen die Fragen auf, wie genau dieses Sein beschaffen sein muss und was es konkret ist. Die Beschaffung dieses Seins beschreibt Sartre folgendermaßen: „Das Sein, durch das das Nichts in die Welt kommt, ist ein Sein, in dem es in seinem Sein um das Nichts seines Seins geht: das Sein, durch das das Nichts zur Welt kommt, muss sein eigenes Nichts sein.“ (Sartre, SN, 81).

Bezüglich der Frage, was genau das Sein ist, geht Sartre auf das Fragen und die damit einhergehende Möglichkeit einer negativen Antwort zurück. Jede Frage setzt mit der Negation nämlich „ein nichtendes Abrücken vom Gegebenen voraus“ (Sartre, SN, 81) und eben dieses Abrücken ist entscheidend: „insofern der Fragende gegenüber dem Befragten so etwas wie einen nichtenden Abstand einnehmen können muß, entgeht er der Kausalordnung der Welt, löst er sich vom Leim des Seins.“ (S. 82). Für den Fragenden muss es notwendigerweise möglich sein, sich aus den Kausalreihen, die das Sein konstituieren und nur Sein hervorbringen können, zu lösen und durch den nichtenden Abstand das Nichts zur Welt zu bringen. Um dies bewerkstelligen zu können, bedarf es für die Frage einen Fragenden, der sich selbst als fragend motiviert, um sich vom Sein abzuheben und eben dies ist ein menschlicher Prozess (vgl. Sartre, SN, 81-82). So stellt sich heraus, dass der Mensch das Sein ist, wodurch das Nichts zur Welt kommt.

2.2 Der Mensch und die Freiheit

Mit der Erkenntnis, dass das Nichts durch den Menschen zur Welt kommt, ergibt sich die Frage, wie der Mensch konstituiert sein muss, um dies möglich zu machen. Wir haben bereits festgestellt, dass der Mensch sich durch das Fragen außerhalb des Seins stellen kann und so fähig ist, seinen Bezug zum Sein zu modifizieren. Diese Bezugsänderung manifestiert sich laut Sartre darin, „[e]in bestimmtes Existierendes aus dem Kreislauf heraus[zu]nehmen“ (Sartre, SN, 83) und damit auch sich selbst zu lösen.

Daraus leitet Sartre die konstitutive Bestimmung des Menschen ab: „Diese Möglichkeit der menschlichen-Realität, ein Nichts abzusondern, von dem sie isoliert wird, hat Descartes, nach den Stoikern, einen Namen gegeben: Freiheit.“ (Sartre, SN, 84). Das menschliche Sein ist folglich durch das Fragende Moment und das Losreißen der Welt identisch mit der Freiheit.

2.3 Inwiefern das Nichts die Freiheit bedingt

Die vorherige Untersuchung hat aufgezeigt, dass die Freiheit nicht vom menschlichen Sein unterschieden werden darf. Das Frei-Sein ist also keine Fähigkeit oder Eigenschaft dessen, welche isoliert betrachtet werden kann, sondern muss mit dem Sein des Menschen, welches das Nichts zur Welt bringt, gleichgesetzt werden. Daraus ergibt sich die Fragestellung, inwiefern das Nichts die Freiheit bedingt.

Dazu greift er auf das Losreißen der menschlichen-Realität von der Welt zurück, was lediglich durch Verhalten, wie beispielsweise das Fragen geschehen kann. Dieses Lösen oder Losreißen von der Welt ist und das Isolieren von Existierendem ist laut Sartre ein zeitlicher Prozess, der eine Nichtung beinhalten muss und dementsprechend „ein ununterbrochenes Ablösen der Wirkung von der Ursache [ist], da jeder nichtende Prozeß verlangt, seinen Ursprung nur von sich selbst herzuleiten“ (Sartre, SN, 88). Dieser Prozess des Losreißens, der nicht unterbrochen wird und innerhalb dessen keine Kausalbeziehung besteht, hat zudem „einen sprunghaften oder periodisch auftretenden Aspekt“ (Caws 1979, S. 56). Und in eben diesen, durch die fehlende Kausalität bedingten, sprunghaften und unbestimmbaren Abtrennungen findet sich das Nichts wieder: „Was das Vorherige vom Nachherigen trennt, ist gerade nichts. Und dieses nichts ist absolut unüberwindlich, eben weil es nichts ist; denn in jedem zu überwindenden Hindernis steckt etwas Positives, das sich als etwas zu Überwindendes darbietet.“ (Sartre, SN, 89). Die Freiheit konstituiert sich also aus der ständigen Nichtung des vergangenen Seins und dem Bewusstsein der Unüberwindlichkeit des Nichts, welches die Vergangenheit von der Gegenwart trennt.

Die nächste Frage, die sich darauf aufbauend stellt, ist, welche Form dieses Bewusstseins der Freiheit im menschlichen Sein annimmt.

2.4 Die Angst als Bewusstsein der Freiheit

Sartre hat dargelegt, dass das menschliche Sein in der Freiheit seine eigene Vergangenheit wie auch seine eigene Zukunft in Form von Nichtung ist. Die Form, durch die der Mensch das Bewusstsein von Freiheit gewinnt ist die Angst (vgl. Sartre, SN, 91). Er nennt das reflexive Erfassen des Seins die Angst, die Reaktion aus dem präreflexiven Erfassen des Transzendenten, der Furcht entsteht. Dieses Phänomen macht Sartre in einem Beispiel von Schwindelgefühl vor einem Abgrund deutlich. Die Furcht, bezogen auf Sartres Beispiel, ist beispielsweise die, auf einem Stein auszurutschen und hinabzustürzen (vgl. Sartre, SN, 93). Man fürchtet sich also vor externen Bedingungen, „vor den Wesen [êtres] der Welt“ (Sartre, SN, 91). Diese Umstände sind jeweils kausal bedingt und könnten für einen Menschen fatale Folgen haben.

Die Angst hingegen kündigt sich in jenem Beispiel durch die Furcht an. Sie beruht auf dem Bewusstsein, dass man mit der Reflexion hinsichtlich aller seiner Verhaltensmöglichkeiten potentiell auch jedes Verhalten zeigen kann – auch das Springen in den Abgrund (vgl. Sartre, SN, 93). Die Angst liegt also in der absoluten Freiheit, sich jeder gegebenen Möglichkeit hinzugeben und sich dementsprechend zu verhalten. Der gegenwärtige Zustand des Bewusstseins steht mit dem zukünftigen nicht in einer Kausalbeziehung und kann ihn daher nicht determinieren (vgl. Sartre, SN, 93). Man hat letztlich Angst vor sich und seiner Freiheit und der Konflikt liegt darin, dass man nie weiß wie man sich entscheiden wird, weil die jeweiligen Motive von vergangenen Entscheidungen für die Zukunft nicht bindend sind.

Mandy Schütze hat sich im Jahre 2003 in einer wissenschaftliche Arbeit ebenfalls mit Jean-Paul Sartres Verständnis von Angst beschäftigt und hat dieses Phänomen in fünf Phasen unterteilt, die den Verlaufscharakter der Angst gut zusammenfassen:

(1) Phase der Erfahrung: Das Gefühl der Furcht enthüllt mir objektive Eigenschaften sowohl der Dinge als auch von mir als Ding unter Dingen. Ich realisiere, dass ich von physikalischen Wahrscheinlichkeiten umgeben bin, die ich jedoch nicht als meine Wahlmöglichkeiten ansehen kann. Ich entwerfe Verhaltensalternativen, um mich der Physik entgegen zu stemmen. (2) Phase der Reflexion: An die Stelle des unbestimmten Gefühls der Furcht tritt die Reflexion darüber, was ich tatsächlich tun kann.
(3) Phase der Freiheit meiner Vorstellung: Die entworfenen Alternativen werden zu meinen Möglichkeiten, ganz egal, ob ich danach handele oder nicht.
(4) Phase der Angst: Selbsterhaltungstrieb oder Furcht sind keine wirklichen Determinanten meiner zukünftigen Handlungen. Motive wie diese sind keine Ursachen.
(5) Phase des Schauderns: Das Bewusstsein, dass Handlungen und Gedanken keine zwingenden Ursachen für kommende Handlungen sind, ruft vorsichtiges Verhalten gegenüber mir selbst hervor.“ (Schütze, 2003, S. 34-35).

Das Beispiel des Schwindelgefühls vor einem Abgrund hat gezeigt, wie sich die Angst vor der Zukunft verhält. Sartre führt anschließend noch ein Beispiel für die Angst vor der Vergangenheit an: „Es ist die des Spielers, der frei und aufrichtig beschlossen hat, nicht mehr zu spielen, und der, wenn er in die Nähe des 'grünen Tisches' komm, alle seine Entschlüsse plötzlich 'dahinschwinden' sieht.“ (Sartre, SN, 97). Auch in diesem Fall manifestiert sich das Bewusstsein der Freiheit in der Angst davor, dass alle vergangenen Entschlüsse unwirksam werden. Das Nichts veranlasst wieder einen permanenten Bruch des Determinismus, der eine Trennung von einem selbst initiiert. So muss der Spieler immer wieder aufs Neue seine Entschlüsse fassen, indem er sich seiner Furcht vor Dingen im Transzendenten bewusst macht (vgl. Sartre, SN, 98). Aus dieser radikalen Freiheit ergibt sich auch die uneingeschränkte Verantwortung für einen selbst und jede mögliche Entscheidung, die man trifft, was zunächst einmal paradox und dazu sehr einschüchternd wirkt, und das obwohl es allgemein bekannt ist, dass kein Mensch die absolute Kontrolle über jedwede Situation haben kann. Wir sind axiomatisch nicht in der Lage, spontan zu entscheiden, dass wir beispielsweise Millionäre sind. Neben uns existieren andere Subjekte und trotz unserer radikalen Freiheit, sind wir nicht fähig, Situationen nach unserem Belieben zu determinieren. Angst macht uns eben dieses Paradoxon bestehend aus unserer Freiheit und gleichzeitig unserer Verantwortung für unsere Entscheidungen und unsere Welt, die sich letztlich dennoch unserer Kontrolle entzieht.

3. Schlussbetrachtung

Im Verlauf dieser Arbeit wurde nun anhand mehrerer Zwischenschritte aufgezeigt, wie Jean-Paul Sartre das Phänomen der Angst hinsichtlich der Freiheit und des Nichts versteht.

So war es zunächst notwendig, darzulegen, dass der Mensch das Sein ist, durch welches das Nichts zur Welt kommt. Anschließend wurde, anhand der Fähigkeit des Menschen, sich vom Sein zu lösen, darauf verwiesen, dass das menschliche Sein und das Freiheitsbewusstsein gleichzusetzen sind. Danach sollte die Frage geklärt werden, inwiefern das Nichts bei der Manifestation der Freiheit eine Rolle spielt. Es hat sich ergeben, dass die Freiheit sich durch die Negation des vergangenen Sein sowie die Unüberwindlichkeit des Nichts konstituiert. Denn resultierend aus diesem Moment des unüberwindlichen Nichts zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, in dem alle Verhaltensalternativen potentiell möglich wären, ergibt sich die absolute Freiheit, aus der die Angst resultiert. „In der Angst erfasse ich mich als total frei und gleichzeitig als gar nicht verhindern könnend, daß der Sinn der Welt durch mich geschieht. […] In jedem Fall von Reflexion entsteht die Angst als Struktur des reflexiven Bewußtseins, insofern sie das reflektierte Bewußtsein betrachtet [...]“ (Sartre, SN 109). Dieses Zitat bringt das eigentliche Ziel dieser Arbeit auf den Punkt. Man erkennt hier genau, welch tiefe Bedeutung die Angst in der Philosophie Sartres hat. Das Bewusstsein der Freiheit manifestiert sich im menschlichen Sein als Reflexionsphänomen der Angst und durch eben diese gibt erst das Individuum der Welt einen Sinn.

Weitergedacht ist Sartres Entwurf von der radikalen Freiheit aber problematisch. So könnte man einwenden, dass er biologische Gesichtspunkte nur unzureichend berücksichtigt. Man denke an eine Person, die beispielsweise unter Alkoholeinfluss steht. Zumindest ein Teil ihres Verhaltens wird durch die Wirkung des Alkohols auf das Gehirn hervorgerufen. Wenn wir jedoch zugestehen wollen, dass die Biologie eine Rolle spielt, warum berücksichtigen wir sie nicht auch in Fällen, in denen man mit voller Klarheit denken und handeln kann. Unser Verhalten ist letztliche eine Funktion des Gehirns, auch wenn sich keine giftigen Substanzen im Blut befinden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Angst und Furcht in Sartre's "Sein und Nichts"
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Phänomenologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
8
Katalognummer
V371612
ISBN (eBook)
9783668497320
ISBN (Buch)
9783668497337
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
angst, furcht, sartre, sein, nichts
Arbeit zitieren
Marten de Wall (Autor), 2017, Angst und Furcht in Sartre's "Sein und Nichts", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371612

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