Weibliche Gewalt in vormoderner Literatur. Judit, Medea und Kriemhild im Vergleich


Essay, 2017

5 Seiten


Leseprobe

Vergleich der Darstellung weiblicher Gewalt am Beispiel der Kriemhild des „Nibelungenliedes“ mit der biblischen Judith und Grundzüge des Medea-Mythos

Die Darstellung weiblicher Gewalt in vormoderner Literatur bildet nicht nur ein anthropologisches, ein zu psychologisierendes, Faszinosum, sondern auch ein unbestrittenes Skandalon des Gesellschafts- und Literaturwesens zugleich. Die Frau steht, anders als der gewaltanwendende Mann, in einem Zwielicht des Lebenschenkens und Lebennehmens; die Dualität zwischen der Gebärerin und Zerstörerin im gesellschaftlichen Paradigma: „Wer Leben gibt, darf Leben nicht nehmen.“ Doch obwohl die Frau, insbesondere die Mutter, die Leitgedanken des Eros und Thanatos, des Vereinens und Zerstörens, als einzige in solch einer vollendeten Form in sich zu verbinden vermag, bleibt es ihr weitestgehend versagt, Gewalt als legitimes Mittel der Durchsetzung einzusetzen.

Nicht nur gilt Gewaltanwendung im Zuge der gesellschaftlichen Waffen- und Rechtsfähigkeit der Vormoderne als ein männlich-adliges Privileg aus dem die Frau, mit wenigen Ausnahmen und Modifizierungen, vollkommen ausgeschlossen wird, sondern auch in der Schilderung literarischen Geschehens: Kriegs- und Kampfeshandlung stehen alleinig den männlichen Protagonisten zu, sie dienen zur heroischen Selbsterhaltung und Reproduktion geschlechterspezifischer Ideale. Die Frau wird hingegen unter dem Aspekt der passiven „Kulturtätigkeit des Klagens und der Verkörperung von Leid“ in das literarische Geschehen eingebunden, charakterisiert und zugleich marginalisiert, an den Rand des Geschehens gedrängt, sobald sie nicht mehr als Objekt im Blickpunkt des männlichen Begehrens steht. Mit dem Eingehen eines ehelichen Bundes, in der Literatur meist als emotionale Bindung dargestellt, verliert die Frau an Handlungsspielraum, Wirkungsmacht und erheblich an ihrer Mobilität innerhalb des Handlungsgeschehens. Nur wenige weibliche literarische Figuren der Vormoderne vermögen diesem Mechanismus der Zurückdrängung und Verdrängung in geschlechterspezifische Handlungsrollen zu entkommen, jedoch meistens nicht vollends erfolgreich.

Unter dem Aspekt der Darstellung weiblicher Gewalt in vormoderner Literatur werden in der weiteren Ausarbeitung drei weibliche Leitfiguren abendländischer Literaturschreibung vorgestellt, charakterisiert und schlussendlich miteinander verglichen: Die biblische Judith des Alten Testaments, die Medea nach den Grundzügen ihrer Mythenschreibung, und die Kriemhild des mittelhochdeutschen „Nibelungenliedes“ in der Fassung B.

Diese drei literarischen Ausnahmeerscheinungen verschiedener geschichtlicher Zeitalter verbinden mehrere charakteristische Merkmale: Sie alle gelten als gewaltanwendende, grenzüberschreitende und letztlich auch für ihre Überzeugungen tötende Frauen, als Virago; Frauen, die „männliche“ Verhaltensmuster, Privilegien und Tugenden adaptieren, sich zu eigen machen und in sich vereinen. Nicht die blinde, opfersuchende Beserkerwut ist es, die diese Frauen zu der Anwendung von Gewalt führt, sondern vielmehr die Hingabe zu Affekten wie Rache, Eifersucht oder auch grenzenlose Frömmigkeit, die Hingabe zu Gott. Nicht selten steht die gewaltanwendende Frau deswegen in einem zwiespältigen Licht, doch gibt es auch Bedingungen unter denen die weibliche Gewaltanwendung auch zweifelslos legitimiert werden kann.

Ein Beispiel für die Legitimierung weiblicher Gewalt bildet die alttestamentarische Figur Judit. Das apokryphe Juditbuch erzählt von der Belagerung des israelischen Dorfes Bethulia durch den assyrischen Heerführer Holofernes; es ist der Widerstand eines kleinen Volkes gegen die rücksichtslose Herrschaft der damaligen assyrischen Weltmacht. Bethulia befindet sich in aussichtsloser Lage und steht kurz vor der endgültigen Kapitulation als die fromme, gottestreue Witwe Judit auf Gottes Geheiß entschließt, der Unterdrückung ihres Volkes ein Ende zu bereiten. Sie begibt sich in das Lager des Heerführers Holofernes. Angesichts ihrer Schönheit lässt sich Holofernes von Judit verführen, betrinkt sich im Taumel der geplanten Liebesnacht und macht sich somit zu einem gefügigen Opfer Judits Hinterlist. Sie entwendet ihm sein eigenes Schwert und enthauptet ihn schließlich, wodurch sie Bethulia aus den Fängen der Assyrer befreit.

Judith ist Befreierin, gottesfürchtige Witwe, Volksheldin und hinterlistige Verführerin zugleich, die sich ihrer weiblichen Sexualität, ihres Körpers, bedient, um sich ihres Feindes entledigen zu können. Die Verführung des männlichen Protagonisten setzt sie als ihre Waffe ein, indem sie sich für ihre Hinterlist vorbereitet, sich einkleidet und schminkt, die feindlichen Schwächen durchschaut, wie ein Kriegsstrateg, der sich auf den Weg in das Lager des Feindes begibt. Sie bezwingt den Feind nicht nur mit ihren eigenen Waffen, ihrem hinterlistigen Kalkül und ihrer betörenden Schönheit, sondern auch mit der Waffe des Holofernes, seinem Schwert. Dies bedeutet eine doppelte Schmach für den Holofernes; nicht nur bleibt ihm sein Begehren auf eine Liebesnacht versagt, sondern wurde auch im Zuge seines alkoholischen Exzesses durch die Hand einer Frau mit seiner eigenen Waffe getötet.

Judit steht somit im Spannungsfeld zwischen Frömmigkeit und Gewalt, Enthaltsamkeit und Sexualität, Paradigmen der Lebensgestaltung, die sich nicht miteinander vereinen lassen. Sie kennzeichnet die Verführerin, die Sündige Eva, die eine potentielle Gefahr für den Mann darstellt, ihn durch ihre weiblichen Reize manipulieren, in ihren Bann ziehen, schaden und letzten Endes töten kann. Doch trotz dieses ambivalenten Wesens der Judit wird sie nicht als Sünderin, als Verderbensbringerin, dargestellt, sondern bleibt durchweg eine positiv konstruierte Gestalt wie auch die „Vorrede auff das Buch Judith“ Martin Luthers anklingen lässt:

Judith heisst Judea (das ist) das Jüdisch volck / so eine keusche

heilige Widwe ist / das ist /Gottes volck ist jmer eine verlassene

Widwe / Aber doch keusch vnd heilig/ […] Holofernes / heisst

[…] Heidnischer / Gottloser oder vnchristlicher Herr oder Fürst /

Das sind alle Feinde des Jüdischen volcks. Bethulia (welche Stad

auch nirgend bekand ist) heisset eine Jungfraw. An zu zeigen /

das zu der zeit die gleubigen fromen Jüden / sind die reine

Jungfraw gewest / on alle Abgötterey vnd vnglauben […]

Legitimation erhält ihre Tat durch das Einwirken Gottes, der Allmacht und transzendenter Gültigkeit seines Willen; erst durch seinen Befehl fasst Judit den Entschluss, den Machenschaften der Assyrer ein Ende zu setzen. Sie agiert als instrumentum Dei, als das gottestreueste und ergebenste Glied ihres Volkes, andererseits aber auch als Virago, als eine androgyne Figur, die geschickt ihre Vorzüge als Mittel zum Zweck einzusetzen weiß.

Die Figur der Medea sowie die Figur der Kriemhild sind hingegen in einer fundamentalen Ambivalenz angelegt, in einem Wechselspiel zwischen Gelehrtheit, Schönheit, Sittsamkeit und grenzüberschreitender Rachesucht. die es dem Rezipienten erschwert, ein eindeutiges moralisches Urteil über ihr Handeln treffen zu können. Beide Figuren stellen die leidtragende und ertragende Frau dar, deren symbolische Verletzung zum Ausgangspunkt affektbedingter, gewaltvoller Ausschreitungen wird, und nicht der göttliche, gewaltlegitimierende Befehl wie bei Judit. Somit bildet sie ein Kontrastbild zu den vorher beschriebenen Figuren der Medea und Kriemhild, sie symbolisiert die reine Frau, die Befreiungskämpferin, die zum weiblichen Heros avanciert, indem sie stellvertreten für Israel ihr Volk befreit.

[...]

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Weibliche Gewalt in vormoderner Literatur. Judit, Medea und Kriemhild im Vergleich
Hochschule
Internationale Universität Bremen
Autor
Jahr
2017
Seiten
5
Katalognummer
V372022
ISBN (eBook)
9783668503724
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Weibliche Gewalt, Vormoderne Literatur, Judit, Medea, Kriemhild
Arbeit zitieren
Athina Anastasiou (Autor), 2017, Weibliche Gewalt in vormoderner Literatur. Judit, Medea und Kriemhild im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372022

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