Der i-Umlaut und seine Wandlung vom phonologischen zum morphologischen Phänomen


Essay, 2015
8 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

„Variety is the spice of life“[1] - Wenngleich sich dieses Sprichwort primär auf die Variation und das Abwechslungsreiche im Leben bezieht, so kann es nichtsdestotrotz auch im linguistischen Sinne verstanden werden, denn dass sich alle Sprachen im Laufe der Zeit ändern, ist eine Tatsache, die selbst jene, die nicht sonderlich im Feld der Linguistik bewandert sind, ohne große Mühen anerkennen würden. So reicht es beispielsweise bereits aus, ein Schriftstück aus der Zeit der vorletzten Generation genauer zu studieren, um graphematische und lexikalische Unterschiede im Vergleich zum heutigen Sprachstandard ausmachen zu können. In Laienkreisen wird sprachlicher Wandel nur allzu oft mit sprachlichem Verfall gleichgesetzt, wie es etwa die teilweise hysterischen Untergangsprophezeiungen der Anti- Anglizismen-Fraktion gerne seit Jahrzehnten propagieren und deren Argumentationen dabei in aller Regel auf wissenschaftlich unzureichendem Nährboden gründen (vgl.

Nübling 2013: 1). Andererseits zeichnet die deutsche Sprache neben der natürlichen Tendenz zum sprachlichen Wandel eine gewisse Stabilität aus, die einerseits durch strikte sprachliche Gesetze und Normen, die gegen solche äußeren Einflüsse vorzugehen versuchen[2], erreicht wird, andererseits aber durch sprachliche Varietät und Vielfalt, die eben jene Normen wieder bricht und somit ein Gleichgewicht zwischen Sprachnorm und Sprachwirklichkeit entsteht, das der Sprache ihre Dynamik verleiht.

Es ist jedoch wichtig zu beachten, Sprachwandel nicht als komplexes, autonomes System „an sich“ zu begreifen, sondern die Unterscheidung verschiedener Teil- bzw. Subsysteme, sogenannte „Ebenen“, auf denen sich Sprachwandel teilweise unabhängig von anderen Ebenen vollziehen kann, vorzunehmen. Wir haben es bei dem Phänomen des Sprachwandels folglich häufig mit einem ebenenspezifischen Wandel zu tun, aber nicht immer muss Sprachwandel auf eine Sprachebene beschränkt sein, sondern kann sich indes auch ebenenübergreifend auswirken (vgl. Nübling 2013: 2).

Ein Phänomen, welches sich besonders gut für die Erklärung des ebenenübergreifenden Wandels eignet, ist neben dem Phänomen des deutschen Ablauts das des deutschen i-Umlauts und seine Manifestierung in der Morphologie mittels Grammatikalisierung. Der nachfolgende Essay soll sich daher mit diesem Phänomen wissenschaftlich auseinandersetzen und die Lebhaftigkeit bzw. Eigenständigkeit der deutschen Sprache belegen, welche zu den inhärenten Eigenschaften natürlicher Sprachen zu zählen und lebhafter Beweis dessen ist, dass Sprachen keinesfalls „tot“ sind, oder einen finalen Endzustand erreicht zu haben scheinen.

Betrachtet man aus synchroner Sicht die mittelhochdeutschen Wörter für neuhochdeutsch <Haus> bzw. <Häuser>: mhd. <hûs>; <hiuser>, so fällt sofort eine gewisse Alternanz des Stammsilbenvokals zwischen der Wortform im Singular und der im Plural auf; ein Lautwechsel von /u/ zu /iu/. Es handelt sich bei diesem Lautwechsel nicht um idiosynkratische Launen des Sprachsystems, sondern um ein Phänomen, das sich sprachwissenschaftlich erklären lässt. Wo nämlich in synchroner Sicht Vokalalternanzen auftreten, geht ihnen in diachroner Sicht ein Lautwandel voraus (vgl. Conzelmann 2011: 42). Bei obigem Phänomen handelt es sich um einen kombinatorischen Lautwandel, der, im Gegensatz zum spontanen/freien Lautwandel (etwa die erste oder zweite Lautverschiebung) aufgrund seiner lautlichen Umgebung ausgelöst und damit erklärt werden kann. (= phonologische Konditionierung). Die Ursache für die aus synchroner Betrachtungsweise auftretende Vokalalternanz muss also in einer dem mittelhochdeutschen vorausgehenden, älteren Sprachstufe gesucht werden, aufgrund dessen, dass die lautliche Umgebung im mittelhochdeutschen keine Anhaltspunkte liefert.

Im Althochdeutschen heißen die oben beschriebenen mhd. Entsprechungen jeweils ahd. <hûs>; <husir> und in der ahd. Pluralform findet sich auch die Ursache für den Lautwandel: folgte dem Stammsilbenvokal im ahd. nämlich eine /i/, /i:/, oder /j/-haltige Endsilbe, wie es in der ahd. Pluralform <husir> der Fall ist, wurden die Stammsilbenvokale im betreffenden Wort (sofern überhaupt möglich) durch die palatalen Hochzungenvokale in der Endsilbe angehoben oder palatalisiert (= umgelautet). Dieser Prozess kann daher auch als eine partielle, regressive Fernassimilation velarer Vokale (a, o, u) bezeichnet werden und dient der Artikulationserleichterung (vgl. Bußmann 2009: 760). Die Umlaute sind im ahd. weitestgehend nicht in der Graphie verschriftlicht worden, lediglich der aus dem kurzen /a/ entstehende Umlaut /ä/ wird mittels <e> im ahd. angezeigt (= Primärumlaut), beispielsweise in ahd. <gast> - <gesti> (vgl. Speyer 2010: 49).

[...]


[1] http://idioms.thefreedictionary.com/Variety+is+the+spice+of+life (27.02.15)

[2] Ein extremes Beispiel für sprachlichen Nationalpatriotismus liefert Frankreich und die dort tätige „Académie française"

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Der i-Umlaut und seine Wandlung vom phonologischen zum morphologischen Phänomen
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
8
Katalognummer
V372066
ISBN (eBook)
9783668497528
ISBN (Buch)
9783668497535
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Umlaut, i-Umlaut, Morphologie, Phonologie, Wandlung, Linguistik, Sprachwandel
Arbeit zitieren
Jannik Streeb (Autor), 2015, Der i-Umlaut und seine Wandlung vom phonologischen zum morphologischen Phänomen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372066

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