Die Darstellung Giacomettis in seinem Atelier

Die Melancholie als Leitbild des Künstlerportraits und die Verschmelzung von Künstler und Werk im Atelier als Inszenierung in der Fotografie


Hausarbeit, 2016

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Giacomettis Atelier: Die Höhle der Geburt und der Schöpfung

3. Die Darstellung Giacomettis in seinem Atelier

4. Die melancholische Darstellungsform als Leitbild des Künstlerportraits
4.1 Alberto Giacometti – ein Melancholiker?

5. Die Verschmelzung von Künstler und Werk im Atelier als Leistung der Fotografie

6. Fazit

7. Literarturverzeichnis

8. Abbildungsnachweis

1. Einleitung

Die folgende Hausarbeit setzt sich mit der fotografischen Darstellung von Alberto Giacometti in seinem Pariser Atelier auseinander. Dabei werden insbesondere zwei Aspekte näher betrachtet: Zum einen die melancholische Darstellungsform des Künstlers und warum diese eine besondere Rolle in seinem Künstlerportrait einnimmt. Zum anderen wird auf die Leistung der Fotografie eingegangen, der es gelingt, Künstler und Werk zu einer Einheit zu verschmelzen. Giacomettis Atelier, das oft als Hintergrund der Fotografien dient, wird hierfür genauer betrachtet.

Ziel ist es, zu veranschaulichen in wie weit die Fotografie dazu beiträgt, ein bestimmtes Bild des Künstlers in die Gesellschaft zu transportieren und warum die Melancholie eine wichtige Rolle in der Künstlerdarstellung spielt.

Zunächst wird, unter den Gesichtspunkt der Höhle der Geburt und der Schöpfung, ein Einblick in Giacomettis Pariser Atelier gegeben. Der Mythos um sein Atelier als magischen und geheimnisvollen Ort wird kritisch hinterfragt. Daraufhin wird veranschaulicht, wie Giacometti in seinem Atelier dargestellt wird und welchen Eindruck die Fotografie von ihm vermittelt. Des Weiteren wird die melancholische Darstellungsform des Künstlers betrachtet und die Verschmelzung von Giacomettis Person und seinem Werk als Inszenierung in der Fotografie untersucht.

2. Giacomettis Atelier: Die Höhle der Geburt und der Schöpfung

Das Atelier wird oft als ein magischer Ort beschrieben, in dem die Kunst ihre Geburtsstätte errichtet hat. Ein Schleier des Mythischen umgibt demnach das Atelier. Es ist der Ort, an dem die Kreativität des Künstlers sich entfalten kann, in dem der Künstler nachdenkt und seine Ideen reifen lässt. Genau dieses Klischeebild vom Schaffensort des Künstlers ist weit verbreitet in der Gesellschaft. Das Atelier wird zum Topos, zum unerklärlichen mythischen Ort künstlerischen Schaffens.[1]

Wenn man Giacomettis Atelier in der Rue Hippolyte in Paris anschaut, das er Ende der 1920er bezog, wird deutlich, dass der Ort auf den Betrachter magisch erscheint. Hier findet der unlösbare Prozess Giacomettis Schaffens statt. Es ist klein und ungepflegt, an den Wänden sind Skizzen zu sehen und der Boden ist mit Gips und Zigarettenstummeln bedeckt (Abb. 1 und 2). Das Atelier ist im Falle Giacomettis außerdem nicht nur ein Arbeitsplatz, sondern ebenso sein Wohnraum (Abb.3).[2]

Der Raum gewährt uns nicht nur in seinen Arbeitsort einen Einblick, sondern auch in das Private und Intime des Künstlers. Es ist die „Wirkungsstätte des Genies“.[3]

Oft wird sein Atelier mit einem besonderen Ort in seinem Heimatdorf in der Nähe von Stampa, in der Schweiz, verglichen. Eine kleine Höhle im Gebirge, die er als kleiner Junge für sich entdeckte und in der er sich wohl und sicher fühlte. Das Bedürfnis nach engen Räumen, die ihm Schutz boten, blieb sein Leben lang bestehen. Das Atelier in Paris galt als die „[...] sicher geheime Höhle seiner Kindheit [...]“[4] mit der Giacomettis erfolgreiche Karriere als Künstler erst beginnen sollte.[5]

Giacomettis Atelier hatte eine gewaltige Anziehungskraft für die bekanntesten Maler und Schriftsteller, ebenso für Fotografen, die sein Atelier immer wieder besuchten um es aufzunehmen. Das Atelier spielte eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit dem Künstler, kein anderer wurde jemals so mit seinem Atelier identifiziert wie Giacometti. Der Ort bestimmte seine Karriere und wurde oft mit seiner Person gleichgesetzt.[6]

Der Raum an sich war ohne Giacometti nur ein kleiner abgenutzter Raum, durch seine Person wurde er überhaupt erst zu einem Atelier. Die Medien und die Fotografie, die sich in dieser Epoche immer mehr für das Atelier eines Künstlers interessierten, inszenierten Giacomettis Atelier. Somit erlangte es durch mediale Verbreitung immer mehr den Status einer Höhle der Schöpfung und Geburt.[7] Das Atelierbild wurde zudem, ob mit oder ohne Künstler, „[...] zur eigenen Gattung des Künstlerbildnisses [...]“[8].

Giacometti war sich darüber im Klaren, dass sein Atelier die Leute anzog und nutze dies um seine Kunst besser zu verkaufen und darüber hinaus sich in Szene zu setzen. Giacometti arrangierte gezielt seine Skulpturen im Atelier und traf Absprachen mit den einzelnen Fotografen, aus welchem Winkel sie am besten das Atelier fotografieren sollten.[9]

Deutlich wird hier, dass Künstler und Fotografen das Atelier erst zu einem mythischen Ort verwandeln und das Atelier nicht aus sich heraus ein Atelier sein kann. Die Inszenierung und die Vorstellung der Gesellschaft von einem Atelier, sowie auch Giacomettis Person als Künstler, machen den Schaffensraum zu einer mythischen Geburtshöhle der Kunst.

3. Die Darstellung Giacomettis in seinem Atelier

Giacometti wurde oft in seinem Atelier fotografiert, er war ein beliebtes Motiv für Fotografen. „Seine persönliche und künstlerische Entwicklung und sein unkonventionelles Leben wecken Interesse.“[10] Seine Auftreten, das zerzauste Haar, die vernachlässigte Kleidung und sein Atelier boten den Fotografen zahlreiche Sujets.[11]

Er wurde zum Mythos der Künstlerfigur, Giacometti verkörpert „[...] modellhaft das bedingungslose, zum Scheitern verurteilte Ringen um das künstlerische Ideal [...]“[12]. Nicht zuletzt ist das Bild von Giacometti, als eremitenhaft und zurückgezogen lebender, in seiner Kunst gefangener Künstler durch die Fotografie entstanden. Ebenso ist die Verbindung zu seinem Werk und seinem Atelier ein zentrales Thema in den Aufnahmen von Giacometti.[13]

Es existieren die unterschiedlichsten Darstellungsformen von ihm an seinem Arbeitsplatz. Er wurde in seinem Atelier portraitiert (Abb.4), beim Arbeitsprozess fotografiert (Abb.5), wurde neben seinen Werken abgebildet und sogar in Phasen der kreativen Verzweiflung und Erschöpfung aufgenommen (Abb.6).

Wenn man die Aufnahmen betrachtet stellt man schnell fest, dass sie sich ähneln. Giacometti verändert sich kaum, derselbe zerknitterte Anzug, die selben zerzausten Haare und der gleiche Blick. Eine Fotografie von 1954 (Abb.7) und eine von 1964 (Abb.8), von zwei unterschiedlichen Fotografen, machen dies deutlich. Das Atelier in Paris scheint sich ebenso wenig zu verändern, auf den Fotos wirkt es über die Jahre unberührt.

Bei Giacometti sind vor allem die Melancholie und die Vereinheitlichung von seiner Person und seinem Werk ein Thema für die Fotografie. Oft wird er als Melancholiker oder neben seinen Figuren geschickt inszeniert.

Das Atelier bildet dabei den integralen Bestandteil. Dieser besondere Ort ist untrennbar von seiner Person und seinem Werk.[14]

4. Die melancholische Darstellungsform als Leitbild des Künstlerportraits

Die Melancholie ist ein oft behandeltes Thema in der Kunst. Die mit der Melancholie einhergehende Beziehung zwischen Genie und Wahnsinn wurde bereits während der Antike in Griechenland diskutiert.[15] Aristoteles war der Meinung, dass alle begabten Künstler, Philosophen und Politiker Melancholiker gewesen sein und hat „[...] das melancholische Temperament mit künstlerischer und wissenschaftlicher Begabung in Verbindung gebracht.“[16] Mit der Melancholie sind allerdings negative Symptome wie Zweifel, Ängste und Depressionen verbunden.[17]

Die Vorstellung, das die Begabung eines Künstlers, eines Genies mit einem psychischen Leiden einhergeht wurde in der Renaissance stark disponiert und ist bis heute nie ganz verschwunden.[18] Das Bild vom melancholischen Künstler ist geprägt von der Imagination, dass er immer wieder neue Hoffnung in sein Schaffen legt und er immerzu enttäuscht wird. Der Künstler leidet unter fehlender Selbstgenügsamkeit und verzweifelt immer wieder an seiner Kunst, die ihn nie ganz zufrieden stellt.[19]

Der in Albrecht Dürers Kupferstich „Melancolia“ (Abb.9) abgebildeten Gestus des Melancholikers, der den Kopf in seine Hände stützt, wurde zum Vorbild für viele Selbstbildnisse von Künstlern.[20]

4.1 Alberto Giacometti – ein Melancholiker?

Giacometti zählt zu den Künstlern, die häufig in einer melancholischen Haltung dargestellt wurden. Ihn umgibt die klischeehafte Vorstellung des Künstlers, der in eremitenhafter Zurückgezogenheit in seinem kleinen heruntergekommenen Atelier lebte und dessen künstlerische Schöpfung bis auf das Letzte ausgesaugt war. Giacometti war geplagt von seinen Selbstzweifeln und seiner fehlenden Selbstgenügsamkeit, die immer wieder dazu führten, dass er Werke zerstörte und er nie ganz zufrieden mit seiner Kunst war.[21]

Giacometti erscheint wie ein „Anti-Picasso“ in Lebensweise und Habitus. Picasso kennt keine Selbstzweifel in seiner Kunst, während Giacomettis eigene, ihn auffraßen.[22] Er war ein Denker, der sich intensiv mit der subjektiven Wahrnehmung auseinandersetzte, und versuchte mit seiner Kunst einer existenziellen Wirklichkeit Ausdruck zu verleihen.[23]

Das Portrait als Melancholiker findet man in einigen Aufnahmen von Giacometti.

Verschiedene Fotografen fotografierten den Künstler mit dem typischen Gestus, des gesenkten Kopfes der auf den Händen stützt und mit dem nachdenkenden, teilweise verzweifelten Blick (Abb.10). Die Zigarette, die bei Giacometti nicht wegzudenken war, tauchte oft in den Fotografien auf und gilt als ein Merkmal des Melancholikers[24] (Abb.11).

Die Darstellung des von Selbstzweifeln geplagten, aber zugleich sehr begabten Giacometti als Melancholiker erschien vielen Zeitgenossen als passend. Giacometti wurde in dieser Wahrnehmung zum „typischen Künstler“. Dennoch muss man der beliebten Darstellung als Melancholiker aber auch kritisch gegenüberstehen. Denn nicht zuletzt ist die Fotografie daran beteiligt genau dieses Bild vom Künstler zu inszenieren.

Giacometti war nicht nur der in Zurückgezogenheit lebender Künstler, der sich ständig qualvoll mit seinem Schaffen auseinandersetzte, sondern er war durchaus auch ein geselliger Mensch, der gerne Besuch in seinem Atelier hatte und in Cafés ging, um sich zu unterhalten oder Kartenspiele und Schach zu spielen.[25]

Man muss hier differenzieren zwischen der realen Person und der medialen Inszenierung. Giacometti mag einerseits dem melancholischen Künstler entsprechen, andererseits hatte er das Medium Fotografie geschickt genutzt um sich zu vermarkten. Ein Vorteil ist dabei der kommerzielle Effekt. Die Werke können besser verkauft werden.

Der Künstler unterliegt jedoch oftmals der Macht der Bilder, er fügt sich der Vorstellung, die die Bilder von ihm in der Gesellschaft verbreitet.[26]

[...]


[1] Vgl. Paolo Bianchi: Das Atelier als Manifest. S. 36.

[2] Vgl. Markus Müller: Alberto Giacometti. S. 15.

[3] Vgl. Eva Mongi-Vollmer: Das Atelier als „anderer Raum“. S. 92.

[4] Michael Peppiatt: In Giacomettis Atelier. S. 47.

[5] Vgl. Michael Peppiatt: In Giacomettis Atelier. S. 47.

[6] [6] Vgl. Michael Peppiatt: In Giacomettis Atelier. S. 62.

[7] Vgl. Michael Peppiatt: In Giacomettis Atelier. S. 137.

[8] Gabriella Zinke: Das Bild des Künstlers. S. 215.

[9] Vgl. Michael Peppiatt: In Giacomettis Atelier. S. 138.

[10] Gabriella Zinke: Das Bild des Künstlers. S. 17.

[11] Vgl. Gabriella Zinke: Das Bild des Künstlers. S. 17.

[12] Gabriella Zinke: Das Bild des Künstlers. S. 52.

[13] Vgl. Markus Müller: Alberto Giacometti. S. 44ff.

[14] Vgl. Markus Müller: Alberto Giacometti. S. 44ff.

[15] Vgl. Margot u. Rudolf Wittkower: Künstler- Außenseiter der Gesellschaft. S. 116.

[16] Gabriella Zinke: Das Bild des Künstlers. S. 145.

[17] Vgl. Gabriella Zinke: Das Bild des Künstlers. S. 145.

[18] Vgl. Margot u. Rudolf Wittkower: Künstler- Außenseiter der Gesellschaft. S. 116.

[19] Vgl. Jean Clair: Melancholie. S. 15.

[20] Vgl. Gabriella Zinke: Das Bild des Künstlers. S. 145.

[21] Vgl. Markus Müller: Alberto Giacometti. S. 44.

[22] Vgl. Markus Müller: Alberto Giacometti. S. 44.

[23] Vgl. Reinhold Hohl: Alberto Giacometti. Klappentext.

[24] Vgl. Gabriella Zinke: Das Bild des Künstlers. S. 144.

[25] Vgl. Markus Müller: Alberto Giacometti. S. 44.

[26] Vgl. Gabriella Zinke: Das Bild des Künstlers. S. 341f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung Giacomettis in seinem Atelier
Untertitel
Die Melancholie als Leitbild des Künstlerportraits und die Verschmelzung von Künstler und Werk im Atelier als Inszenierung in der Fotografie
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V372120
ISBN (eBook)
9783668510098
ISBN (Buch)
9783668510104
Dateigröße
2935 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Atelier, Fotografie, Alberto Giacometti, Melancholie, Inszenierung, Mythos, Künstler, Künstlerbilder
Arbeit zitieren
Lena Schott (Autor), 2016, Die Darstellung Giacomettis in seinem Atelier, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372120

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