Ausländische Zwangsarbeiter im Raum München während des Zweiten Weltkriegs

Flucht, Vertreibung und Auswanderung in Geschichte und Gegenwart


Seminararbeit, 2015

28 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Zwangsarbeiter in der Hauptstadt der Bewegung
1.1 Nationalsozialistische Rassenideologie

2 Einsatz ausländischer Zwangsarbeiter in der Kriegswirtschaft 1939-1945
2.1 Hintergründe zum Einsatz von Zwangsarbeitern in München
2.2 Mobilisation ausländischer Arbeitskräfte
2.2.1 Von der Anwerbung zur Zwangsrekrutierung
2.2.2 Hauptgruppen der eingesetzten Ausländer
2.3 Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter
2.3.1 Arbeit
2.3.2 Versorgung in den Lagern
2.3.3 Frauen und Schwangerschaften
2.3.4 Behandlung und Bestrafung durch Polizei und Justiz
2.4 Wirtsch. Bedeutung der Zwangsarbeiter für München am Bsp. von BMW

3 Zusammenfassung und Ausblick
3.1 Der nationalsozialistische Ausländereinsatz
3.2 Vom Zwangsarbeiter zur Displaced Person
3.3 Entschädigungen

4 Literaturverzeichnis

5 Abkürzungsverzeichnis

6 Anhang

Einleitung

“I have a dream that one day this nation will rise up and live out the true meaning of its creed: ‘We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal.’ ”[1] Dieses Zitat aus Marthin Luther Kings berühmter Rede von 1963 macht unmissverständlich klar, dass jede moderne Demokratie auf der Gleichheit aller Menschen beruht. Doch im Dritten Reich war gerade das Gegenteil davon, die Auffassung über die Minderwertigkeit bestimmter Menschenrassen, Basis des Einsatzes von Millionen von ausländischen Zwangsarbeitern.

Zur Zeit strömen jeden Tag Tausende von Flüchtlingen nach Europa. Ob aus Syrien oder Afghanistan, Nigeria oder Eritrea, sie alle erhoffen sich ein besseres Leben in Sicherheit und Freiheit. Deutschland als eines der Hauptaufnahmeländer steht damit mehreren Problemen gegenüber, besonders in Aspekten wie Unterbringung und Integration, aber auch mit der Akzeptanz der deutschen Bevölkerung. Noch immer demonstriert Pegida jeden Montag gegen Ausländer, und noch immer wird besonders in sozialen Netzwerken wie Facebook Rassismus und Fremdenfeindlichkeit verbreitet. Dass aber in unserer eigenen Geschichte gerade Hitlers rechtsradikale Regierung Millionen ausländischer Arbeiter zur Stützung der Kriegswirtschaft ins Deutsche Reich deportiert hat, wird dabei oft vergessen. Auch dass aufgrund des demografischen Wandels ausländische Arbeitskräfte (und besonders Fachkräfte) dringend benötigt werden, rückt ebenfalls in den Hintergrund.

Die folgende Arbeit erörtert Hintergründe, Einsatz und Folgen ausländischer Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkriegs. Neben dem allgemeinen Bezug auf Deutschland liegt der Fokus der Darstellung speziell auf den damaligen wirtschaftlichen und sozialen Strukturen im Raum München. Die Aufarbeitung der Verbrechen der Nationalsozialisten beschäftigte sich in der Nachkriegszeit vorwiegend mit dem Holocaust; das Thema Zwangsarbeit rückte dabei leicht in den Hintergrund. Die meiste fundierte Fachliteratur hierzu – die auch für diese Seminararbeit ausgewertet wurde – entstand erst um die Jahrtausendwende.

Ziel dieser Auswertung ist es, herauszustellen, mit welchen Beweggründen die nationalsozialistische Regierung ausländische Zwangsarbeiter im deutschen Reich beschäftigte. Darüber hinaus sollen die Lebensverhältnisse der Zwangsarbeiter untersucht werden. Hier werden besonders die Aspekte Arbeit, Versorgung, Frauen, juristische Behandlung und Repressalien durch Amtsträger untersucht. Schließlich wird die wirtschaftliche Bedeutung der Zwangsarbeiter in München am Beispiel von BMW genauer analysiert. In einem Blick auf die Zeit nach dem Krieg wird auf das Schicksal der ausländischen Zwangsarbeiter als Displaced Persons und auf ihre teilweise Entschädigung eingegangen.

1 Zwangsarbeiter in der Hauptstadt der Bewegung

1.1 Nationalsozialistische Rassenideologie

Der Ursprung des antisemitischen Rassismus findet sich keineswegs bei Hitler und seiner nationalsozialistischen Partei, sondern beginnt schon im ersten Jahrhundert nach Christus[2] mit der religiösen Ausdifferenzierung zwischen Juden und Christen. Mit der Christianisierung Roms und später ganz Europas entwickelte sich auch dort ein zunehmender Ausschluss der Juden. Dieser erstreckte sich vom kirchlichen Raum (antisemitische Bemerkungen im neuen Testament) über die Bevölkerung (Vorurteile und Beschuldigungen wie z.B. Brunnenvergiftung) bis hin in staatliche Strukturen (z.B. Verbot der Zunftmitgliedschaft).

Neben dem antisemitischen Rassismus wurden vor dem Hintergrund des atlantischen Sklavenhandels im 16. Jahrhundert Schwarzafrikaner, auch „Neger“ genannt, als „moralisch und zivilisatorisch“ unterlegen eingestuft.[3]

Diese Unterscheidung der Rassen wurde durch Graf Joseph Arthur de Gobineau im 17. Jahrhundert manifestiert, der in seinem „Essai sur l’inégalité des races humaines“ die Unterschiede zwischen den Rassen darstellte. Daraus schloss er auf Unterschiede in der sozialen Stellung sowie auf die Gefahr der Rassenvermischung.

Diese Haltung bezog sich nun nicht nur auf Juden und Dunkelhäutige, sondern auf jegliche Rassen der Menschheit. Die „Arierrasse“ galt schon für Gobineau als „Gipfel kultureller und moralischer Entwicklung“ und somit anderen Rassen überlegen.[4] Die Naturwissenschaft, besonders die Erbbiologie, versuchte diese These im 19. Jahrhundert nachzuweisen. Sie erforschte Rassenunterschiede zum Beispiel durch Schädelmessungen und erstellte eine Einteilung in Kategorien. Diese Klassifizierung wurde auch in die Schulbildung mit aufgenommen und verbreitete sich in der Bevölkerung.

Die dadurch entstehende Wahrnehmung der Ungleichheit zwischen Rassen und einer Überlegenheit der Arierrasse bildete die Grundlage für die Gräueltaten der Nationalsozialisten an nicht-arischen Rassen. So wurde auch der Einsatz ausländischer Zwangsarbeiter unter menschenunwürdigen Bedingungen gerechtfertigt.[5]

Zusätzlich definierten sich die Deutschen unter den Nationalsozialisten als „Volk ohne Raum“. Aufgrund ihrer Auffassung als überlegene Rasse sahen sie es als gerechtfertigt an, ihr Gebiet nach Bedarf ausdehnen zu dürfen.[6]

2 Einsatz ausländischer Zwangsarbeiter in der Kriegswirtschaft 1939-1945

2.1 Hintergründe zum Einsatz von Zwangsarbeitern in München

Bis weit ins 20. Jahrhundert dominierte in Bayern der landwirtschaftliche Sektor, nur vereinzelt drang die industrielle Entwicklung in städtischen Ballungszentren durch, wie zum Beispiel in München. Es existierten erst wenige Konzerne, primär gab es kleine und mittelständische Betriebe. Zwischen 1875 und 1939 jedoch stieg die Bevölkerungszahl Münchens um 271,7% an. Zeitgleich führten die Elektrifizierung, der Ausbau des Eisenbahnnetzes und die Energiegewinnung mithilfe von Wasserkraftwerken in den Alpen dazu, dass München an Bedeutung für den Handel gewann. Dies und die fortschreitende Industrialisierung der Stadt war später auch Grundlage für eine vergleichsweise gute Versorgung während der Kriegsjahre.[7]

Schon während des Ersten Weltkriegs rekrutierte Deutschland ausländische Arbeitskräfte hauptsächlich für die Landwirtschaft. Wegen des zunehmenden Arbeitskräftemangels in den Jahren 1915/16 wurden zusätzlich Kriegsgefangene aus Frankreich, Belgien und Italien eingesetzt, 1916/17 kam es sogar zur Zwangsdeportation von Zivilisten, größtenteils polnischer Juden.

Aufgrund von internationalem Druck setzte man daraufhin aber mehr auf freiwillige Arbeitskräfte. Um deren Kommen zu beschleunigen, verschlechterte man beispielsweise in Belgien gezielt die Lebensbedingungen.

Nachdem sich die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte schon im Ersten Weltkrieg wirtschaftlich rentiert hatte, diente sie somit den Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg als Vorbild.

Durch den Vierjahresplan Hitlers und die Stärkung der Rüstungsindustrie kam es zu einem wirtschaftlichen Aufschwung und damit zu einem Mangel an Arbeitskräften. So stieg der Anteil ausländischer Arbeitskräfte ab 1936 immer weiter an, welche in erster Linie aus der Tschechoslowakei, Polen, Österreich und den Niederlanden stammten.

Entwicklung der Ausländerbeschäftigung in Deutschland 1914 - 1944 [8]

Mit dem Kriegsbeginn 1939 erreichte der Einsatz ausländischer Arbeitskräfte im Deutschen Reich ein neues Ausmaß.[9] Durch die enorme Nachfrage in der Rüstungsproduktion sowie die Einberufung deutscher Arbeiter in den Krieg reichten die freiwillig angeworbenen Arbeitskräfte und die bis dahin eingesetzten Kriegsgefangenen bei weitem nicht aus. Die NS-Regierung führte Umstrukturierungen durch, um den Arbeitskräftemangel zu bewältigen. So wurden zum Beispiel verstärkt Frauen eingesetzt und die Effizienz durch Optimierungsmaßnahmen gesteigert. Da dies nicht die gewünschten Erfolge hatte, drohten bereits 1939 Betriebsstillegungen. Um dem entgegenzuwirken und die Kriegswirtschaft aufrecht zu erhalten, stieg der Einsatz ausländischer Arbeiter ab 1939 exponentiell an.[10]

2.2 Mobilisation ausländischer Arbeitskräfte

2.2.1 Von der Anwerbung zur Zwangsrekrutierung

Bereits kurz nach dem Einmarsch in Polen ab 1. September 1939 wurden – zunächst auf freiwilliger Basis – Arbeitskräfte für die deutsche Wirtschaft angeworben. Mit Werbekampagnen, Lautsprecher- und Plakataufrufen wurden die Arbeitsperspektiven im Deutschen Reich so positiv dargestellt, dass sich hierfür bis Ende Oktober, also in nur zwei Monaten, 110 000 neue Arbeitskräfte meldeten.“ (vgl. Anhang 2, Abb.2).

Die vergleichsweise gute Bezahlung bildete aufgrund der miserablen Wirtschaftslage in Polen einen Anreiz für viele Männer und Frauen, trotzdem blieben die Meldungen zum Arbeitsdienst weit hinter den Erwartungen der Nationalsozialisten zurück. Die vielversprechenden Aussichten verloren zudem bald ihre Glaubwürdigkeit, als mehr und mehr Berichte aus Deutschland über die schlechten Arbeitsbedingungen in die Heimat durchdrangen. Zusätzlich schüchterte das rücksichtslose Verhalten des Kriegsgegners viele Polen ein.[11] Die bereits in Deutschland angestellten Arbeiter mussten teilweise Postkarten nach Hause schicken, auf denen sie positiv fotografiert waren, um weitere Freiwillige anzuwerben.[12]

Hans Frank, der deutsche Generalgouverneur in Polen, erhob den Vorwurf, „daß die Polen aus Böswilligkeit oder aus der Absicht heraus, sich Deutschland nicht zur Verfügung zu stellen, ihm indirekt schaden, sich dieser Arbeitspflicht entzögen“. Daher ging man zu strikteren Maßnahmen über.

Der Vierjahresplan sah für 1940 ein Kontingent von täglich 8 000 bis 10 000 polnischen Arbeitskräften vor, die mit Zügen nach Deutschland transportiert werden sollten. Dies war auf freiwilliger Basis allerdings unmöglich, und somit begann die deutsche Regierung aufgrund des weiterhin andauernden Arbeitskräftemangels im Frühjahr 1940 damit, polnische Arbeiter zwangszudeportieren. Gemeinden und Bezirken wurde ein Pflichtkontingent auferlegt, und Ortsvorsteher erhielten den Auftrag, die „arbeitsfähigen und für die einheimische Wirtschaft entbehrlichen Einwohner zu benennen und ihre Bereitstellung bzw. polizeiliche Zwangsvorführung zum Transport nach Deutschland zu veranlassen.“ Androhungen gegen Familienangehörige, Razzien der Polizei und Auskämmungsaktionen forcierten dieses Vorgehen noch.

Außerdem wurden ab Mai 1940 etwa 300 000 polnische Kriegsgefangene, die zuvor in der Landwirtschaft des Deutschen Reichs eingesetzt waren, schrittweise entlassen und als zivile Arbeiter in die Rüstungsindustrie eingeführt. Hierbei war die Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft ein bewusster Schritt zur Umgehung der Genfer Kriegsgefangenenkonventionen.[13]

Im nächsten Schritt wandten sich die Nationalsozialisten den besetzten westeuropäischen Ländern als Quelle für Arbeitskräfte zu: Ab Sommer 1940 wurden von dort Kriegsgefangene ins Deutsche Reich deportiert, gleichzeitig wurden in Frankreich, Belgien und den Niederlanden zivile Arbeitskräfte angeworben. Da es aber nicht genügend Freiwillige gab, kam es auch hier zu Zwangsmaßnahmen.

Um weitere Arbeitskräfte zu gewinnen, wurden nun auch aus den besetzten sowjetischen Gebieten Menschen nach Deutschland deportiert. Dies hatte man zuvor vermieden, weil ein „Eindringen kommunistischen Gedankenguts“ befürchtet wurde. Wegen der schlechten Bedingungen bei diesen Massentransporten in meist unbeheizten Zügen kamen bereits zahlreiche Russen ums Leben.[14]

In Summe wurden aus allen Regionen bis Kriegsende ca. 13 Millionen Ausländer in Deutschland[15] eingesetzt, davon über 120 000 im Bezirk München[16].

2.2.2 Hauptgruppen der eingesetzten Ausländer

Die ausländischen Zwangsarbeiter bildeten im Verlauf des Krieges einen immer größeren Anteil der Bevölkerung, gleichzeitig hatten sie ein unterdurchschnittliches Alter: Dieses lag überwiegend zwischen 20 und 24 Jahren; bei Frauen, die ein Drittel der Gesamtheit darstellten, sogar noch geringer.[17]

Der Anschluss Österreichs 1938 milderte den Arbeitskräftemangel vorübergehend ab. Auch bei der militärischen Besetzung der Gebiete im Osten, beispielsweise der Slowakei oder Polen ab 1939, war die Rekrutierung von Arbeitskräften eines der wesentlichen Motive. Ab 1940 wurde auch in den Westen Europas expandiert, unter anderem um aus den Niederlanden, Belgien und Frankreich Arbeitskräfte für die deutsche Kriegswirtschaft zu gewinnen. 1941 erklärte Deutschland der Sowjetunion den Krieg und eroberte gleichzeitig das Baltikum, Weißrussland und die Ukraine.[18]

Eine hervorzuhebende Gruppe der Zwangsarbeiter waren Kinder. So wurden zum Beispiel Kinder aus Polen und der Sowjetunion bereits ab dem 12. Lebensjahr zur Arbeit verpflichtet. Ab 1941 entfiel zudem die Jugendschutzbestimmung, sodass sie in der Arbeitsbelastung den Erwachsenen gleichgestellt wurden und teilweise sogar noch jüngere Kinder herangezogen wurden.[19]

Aus all diesen Gebieten wurden Männer und Frauen nach Deutschland zur Zwangsarbeit deportiert, um dort den akuten Arbeitskräftemangel auszugleichen. Später wurden selbst sowjetische Kriegsgefangene rekrutiert, welche zunächst aus Angst vor „Überfremdung“ nicht zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden.[20]

Mit Stand September 1944 stammte die Mehrheit dieser Männer und Frauen aus der Sowjetunion (37%), aus Polen (18,2%) und aus Frankreich (17,2%), weitere Herkunftsnationen waren unter anderem Italien (italienische Militärinternierte ab dem Sturz Mussolinis 1943[21] ), Kroatien, Niederlande, Belgien, Ungarn und die Slowakei.[22]

Diese Gruppen unterschieden sich neben ihrer Nationalität auch anhand weiterer endogener Faktoren wie ethnische Herkunft, Sprache, Konfession, Geschlecht und Alter. Diese Kriterien hatten Auswirkungen auf ihre Unterbringung und Behandlung. So gab es Privilegien und Benachteiligungen bei „West-“ und „Ostarbeitern“, bei Männern, Frauen und Kindern, bei Land- und Industriearbeitern.[23]

Neben diesen zivilen Zwangsarbeitern standen die Gruppen der Kriegsgefangenen und der (vor allem jüdischen) KZ-Häftlinge[24]. Diese beiden Gruppen befanden sich in der nationalsozialistischen Hierarchie an unterster Stelle und wurden somit unter menschenunwürdigen Bedingungen am stärksten ausgebeutet.

Die Unterschiede beeinflussten jedoch nicht nur die Behandlung durch die Nationalsozialisten, sondern auch die Gruppenbildung unter den Zwangsarbeitern. Nach Andreas Heusler wurde „die Herausbildung von Milieustrukturen […] von Lebenswirklichkeit und Arbeitsalltag, von der Reichweite der sozialen Deklassierung und der Intensität von Lebensrisiken beeinflusst.“[25]

Mark Spoerer unterteilt die ausländischen Zwangsarbeiter in vier Gruppen, je nach deren Einfluss auf ihre eigenen Existenzbedingungen und ihre relative Sterblichkeit.

Der Einsatz der aus dem Osten stammenden Arbeitskräfte (vor allem der Frauen), erfolgte primär in der Landwirtschaft, während Westeuropäer (bevorzugt männlich) eher im Gewerbebereich arbeiteten. Diese Einteilung der Ausländer lässt sich auf die Hierarchie zurückführen, mit der die Nationalsozialisten Arbeitskräfte aus Nord- und Westeuropa erkennbar gegenüber den „Ostarbeitern“ aus der Sowjetunion und Polen privilegierten. Ganz unten in der Hierarchie standen die Juden, Sinti und Roma. Um eine Vermischung mit der „arischen Rasse“ zu verhindern, mussten Ostarbeiter, Polen und Juden Kennzeichen an der Kleidung tragen und durften sich nicht frei bewegen. Bei Missachtung dieser Regeln drohten ihnen drakonische Strafen.[26]

2.3 Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter

2.3.1 Arbeit

Die vier dominierenden Einsatzbereiche der Zwangsarbeiter waren die Landwirtschaft, die Rüstungsindustrie, die Bauwirtschaft und der Bergbau.

Grund für den Einsatz in so verschiedenen Bereichen war das Ziel, „Butter und Kanonen [gleichzeitig zu produzieren]“. Einerseits sollte die Kriegswirtschaft auf Hochtouren laufen, andererseits wollte man die Bevölkerung nicht durch materielle Entbehrungen kriegsmüde machen.[27]

Bereits 1943 stellten im Landkreis München die ausländischen Arbeiter fast die Hälfte der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft dar, von denen ein Großteil Frauen aus Polen und der Sowjetunion waren.[28] Anders als in der Industrie erfolgte die Arbeit meist in kleinen Gruppen. So war durch das Arbeiten auf dem Land ein Kontakt zu den deutschen Arbeitgebern unvermeidlich, denen somit eine direkte Verfügungsgewalt über die Zwangsarbeiter gewährt wurde. Die individuelle Behandlung der Arbeiter durch die Bauernfamilien konnte sich sowohl positiv als auch negativ auswirken.

Die osteuropäischen und jüdischen Zwangsarbeiter mussten ein mit Nationalitätskürzel oder Statussymbol bedrucktes Abzeichen tragen, um sich von Arbeitern anderer Herkunft sowie von Deutschen zu unterscheiden: Z stand für Zivilarbeiter, P für Polen (siehe Abbildung links), OST für Sowjetunion und der Davidsstern für Juden[29]. Die Lufthansa, welche Ende 1943 mehr als 6000 ausländische Zwangsarbeiter beschäftigte (knapp 60% der Beschäftigten), fertigte sogar eigene Erkennungsmarken für ihre Arbeiter aus der Sowjetunion, Slowenien, Bulgarien, Serbien, Ungarn und den Niederlanden an.[30]

Unter allen Witterungsbedingungen wurde von morgens bis abends körperlich anstrengende Arbeit verrichtet: „Wir arbeiteten bei den Deutschen vom Morgengrauen bis zum späten Abend, vom Frühlingsanfang bis zum Jahresende“ (Wladyslawa Ossowska geb. Kowalewska aus Polen).[31]

In der Rüstungsindustrie waren die Zwangsarbeiter von dem moralischen Problem betroffen, an der Fertigung von Waffen mitzuwirken, die gegen die Menschen in ihrer eigenen Heimat gerichtet wurden. Zudem herrschten auch dort sehr harte Arbeitsbedingungen. Beispielsweise waren im Flugmotorenwerk von BMW in München 1944 über 17 000 Arbeiter angestellt, davon rund 90% ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene oder KZ-Häftlinge.

Um genügend Kohle und Erz für die Kriegsführung zu beschaffen, wurden zahlreiche Zwangsarbeiter im Bergbau eingesetzt, und wegen der erforderlichen Infrastruktur ebenfalls in der Bauwirtschaft.[32] Unter katastrophalen Hygienebedingungen und fehlenden Sicherheitsvorkehrungen stiegen die Todeszahlen besonders in diesen Bereichen in die Höhe.

In München arbeiteten viele Zwangsarbeiter auch im Dienstleistungsbereich (größtenteils Frauen), etwa im Einzelhandel oder als Haushaltshilfen. Allgemein wurden ausländischen Arbeitern eher relativ anspruchslose Tätigkeiten zugewiesen.[33] Um lange Ausbildungsphasen zu vermeiden, hatte die Stadt München den „berufsrichtigen Einsatz“ der ausländischen Arbeitskräfte zum Ziel, dies war jedoch in der Praxis schwer umzusetzen, sodass zum Beispiel nur 20,7% der französischen Zivilarbeiter zwischen 1940 und 1945 als „berufsrichtig“ eingesetzt galten.[34]

[...]


[1] King, Martin Luther: „I Have A Dream…”. www.archives.gov/press/exhibits/dream-speech.pdf (Anhang 1)

[2] Deutsche Geschichten (2005): Shoa und Antisemitismus. www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/dossier-nationalsozialismus/39556/shoah-und-antisemitismus (Zugriff: 14.08.15)

[3] Entstehung des Rassismus. Drehbuch: Catherine Bijon. D/FR: Bundeszentrale für politische Bildung, ARTE 2012. www.bpb.de/mediathek/178985/die-entstehung-des-rassismus.
(Zugriff: 05.08.15) (vgl. besonders 5‘-7‘)

[4] Deutsche Geschichten: Shoa und Antisemitismus.

[5] Entstehung des Rassismus. ARTE 2012.

[6] Oltmer, Jochen: Migration und Zwangswanderungen im Nationalsozialismus. www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56358/nationalsozialismus. Ohne Seitenzahl. (Zugriff: 14.08.15)

[7] Heusler, Andreas: Ausländereinsatz. Zwangsarbeit für die Münchner Kriegswirtschaft 1939-1945. München 1996. S. 20 ff.

[8] Heusler, Andreas: Zwangsarbeit in der Münchener Kriegswirtschaft 1939-1945.München, 1991. S.13.

[9] Das Bundesarchiv: Zwangsarbeit im NS-Staat. Ohne Seitenzahl. www.bundesarchiv.de/zwangsarbeit/geschichte7index.html

[10] Heusler: Ausländereinsatz. S.113.

[11] Heusler: Zwangsarbeit in der Münchener Kriegswirtschaft 1939-1945. S.13-15.

[12] Knigge, Volkhard / Lüttgenau, Rikola-Gunnar / Wagner, Jens-Christian: Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg. Essen 2012. S.99.

[13] Heusler: Zwangsarbeit in der Münchener Kriegswirtschaft 1939-1945. S.14-19.

[14] Heusler: Zwangsarbeit in der Münchener Kriegswirtschaft 1939-1945. S.19-22.

[15] Alltag Zwangsarbeit 1938-1945. Berlin 2013. S.27.

[16] Heusler: Ausländereinsatz. S.149.

[17] Oltmer: Migration und Zwangswanderungen im Nationalsozialismus. Ohne Seitenzahl.

[18] Das Bundesarchiv. Zwangsarbeiter im NS-Staat. Ohne Seitenzahl.

[19] Steinert, Johannes-Dieter: Deportation und Zwangsarbeit. Polnische und sowjetische Kinder im nationalsozialistischen Deutschland und im besetzten Osteuropa 1939-1945. Essen 2013. S.36.

[20] Das Bundesarchiv. Zwangsarbeiter im NS-Staat. Ohne Seitenzahl.

[21] Herbert, Ulrich: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge. München 2001. S.146.

[22] Heusler: Ausländereinsatz. S.158.

[23] Knigge / Lüttgenau / Wagner: Zwangsarbeit. S.90 ff.

[24] Das Bundesarchiv. Zwangsarbeit im NS-Staat. Ohne Seitenzahl.

[25] Knigge / Lüttgenau / Wagner: Zwangsarbeit. S.93.

[26] Knigge / Lüttgenau / Wagner: Zwangsarbeit. S.90,99.

[27] Thamer, Hans-Ulrich: Wirtschaft und Gesellschaft unterm Hakenkreuz. www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/dossier-nationalsozialismus/39551/wirtschaft-und-gesellschaft. Ohne Seitenzahl. (Zugriff: 14.08.2015)

[28] Knigge / Lüttgenau / Wagner: Zwangsarbeit. S.93.

[29] Das Bundesarchiv: Zwangsarbeit im NS-Staat. Ohne Seitenzahl.

[30] Alltag Zwangsarbeit 1938-1945. S.114.

[31] Knigge / Lüttgenau / Wagner: Zwangsarbeit. S.93.

[32] Ebd. S.100, 102.

[33] Bösl, Elsbeth / Kramer, Nicole / Linsinger, Stephanie: Die vielen Gesichter der Zwangsarbeit. „Ausländereinsatz“ im Landkreis München 1939-1945. München 2005. S. 54.

[34] Ebd. S.156.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Ausländische Zwangsarbeiter im Raum München während des Zweiten Weltkriegs
Untertitel
Flucht, Vertreibung und Auswanderung in Geschichte und Gegenwart
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
28
Katalognummer
V372537
ISBN (eBook)
9783668503205
ISBN (Buch)
9783668503212
Dateigröße
1544 KB
Sprache
Deutsch
Arbeit zitieren
Sara Kuppe (Autor), 2015, Ausländische Zwangsarbeiter im Raum München während des Zweiten Weltkriegs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372537

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