Das Kulturphänomen "German Angst" und sein Einfluss auf das Coaching im Beruf in Deutschland


Bachelor Thesis, 2014
46 Pages, Grade: 2

Excerpt

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Kulturphänomen German Angst
2.1. Ursprung und Grundformen der Angst
2.2. German Angst und systemische Vererbung
2.3. Die Leidtragenden und die Verarbeitung der Ereignisse
2.4. Resümee

3. Das Beratungsformat Coaching
3.1. Entstehungsgeschichte
3.2. Definition und Beschreibung
3.3. Anlass zur Inanspruchnahme von Coaching
3.4. Angrenzung
3.5. Resümee

4. Der Zusammenhang von German Angst und dem Etablieren von Coaching
4.1. Zukunftsangst und Denkweisen
4.2. Angst vor Veränderung
4.3. Resümee

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Einfluss des Kulturphänomens German Angst auf das Etablieren von Coaching als Beratungsformat im deutschsprachigen Raum.

Das Interesse für dieses Thema entspringt persönlichen Beobachtungen aus dem privaten und beruflichen Umfeld der Verfasserin hinsichtlich häufiger Unzufrie­denheit und einer Tendenz zur Zukunftsangst.

Die zugrundeliegende Forschungsfrage dieser Arbeit lautet: Welchen Einfluss hat­te das Kulturphänomen German Angst auf das Etablieren von Coaching als Bera­tungsformat im deutschsprachigen Raum? Zur Beantwortung der Forschungsfrage wurde ein theoretischer Zugang über Fachliteratur gewählt.

Kapitel zwei befasst sich zuerst mit dem Ursprung der Angst und ihrer Notwen­digkeit aus evolutionärer Perspektive sowie mit den vier Grundformen der Angst nach Riemann. Danach wird auf das Kulturphänomen German Angst eingegan­gen, indem erklärt wird, was der Begriff German Angst meint und wer davon be­troffen ist. Als nächstes folgt eine Darstellung der Bedingungen, welche dieses Phänomen aufrecht erhielten und wie die durch die Traumata entstandenen Ängste unbewusst an die Nachkommen weitergegeben wurden.

Im dritten Kapitel wird das Beratungsformat Coaching vorgestellt. Nachdem seine Entstehung skizziert und der Begriff definiert wird, folgt eine Darstellung, welche Anlassfälle zur Inanspruchnahme eines Coachings führen und das Verhältnis von Coach und Coachee erörtert. Abschließend wird eine Abgrenzung dieses Bera­tungsformats zu den gängigsten anderen geboten.

Kapitel vier soll ein Bild davon geben, wie überdauerte Denkweisen und Struktu­ren und damit in Zusammenhang stehend das Phänomen German Angst die Inan­spruchnahme von Beratung herbeiführen und das Etablieren von Coaching beein­flussen können.

Das letzte Kapitel beinhaltet eine Zusammenfassung der wesentlichen Aussagen der vorangegangenen Kapitel. Das Ergebnis der Beantwortung der Forschungsfra­ge wird präsentiert und ein Ausblick auf weitere Analysen wird vorgestellt.

2. Das Kulturphänomen German Angst

Um das Kulturphänomen German Angst zu erklären, ist es zunächst nötig, bei der auslösenden Grundemotion, der Angst, anzusetzen, wobei ein Einblick in ihren Ursprung sowie ihre Funktionen gegeben und die vier Grundformen der Angst nach Riemann dargestellt werden sollen.

Darauf folgend wird expliziert, worum es sich beim Phänomen German Angst ge­nau handelt, wie es entstehen konnte, auf welchen Zeitraum es sich bezieht und wer davon betroffen war beziehungsweise ist. Weiters wird deutlich gemacht, weshalb sich dieses Phänomen über Generationen hinweg vererben konnte, sodass es im 21. Jahrhundert immer noch existiert.

2.1. Ursprung und Grundformen der Angst

Nach Baring (2011) ist die Angst - als wichtigste Überlebensstrategie des Men­schen - ein naturgegebener Schutzmechanismus, welcher zum evolutionären Erbe zählt. Ohne diese Funktion wäre das Leben eines Menschen tatsächlich schutzlos. Geleitet von der Erfahrung lerne man Risiken einzuschätzen sowie Gefahren prä­ventiv zu erkennen und zu vermeiden (vgl. Baring 2011, S. 20).

Als natürliche biologische Funktion von Geist und Organismus sei laut Migge (2005) dieses Gefühl für die Gattung Mensch überlebenswichtig gewesen. Die Angst habe dabei nicht nur als Warnsignal gedient, wenn Gefahren drohten, son­dern auch als Impuls, diese Gefahren zu überwinden, also als natürliche, dem Menschen seit ihrem Ursprung immanente Antriebskraft, um das Überleben zu si­chern. Die Angst habe als Aktion gegen, gleichermaßen wie als Reaktion auf eine, interpretierte oder eine existentielle, Bedrohung unterstützt. Auch wenn das Über­leben heute nicht mehr in diesem Ausmaß bedroht sei, so sei Angst doch eine seit Jahrmillionen beständige Emotion des Menschen (vgl. Migge 2005, S. 422f).

Der Psychoanalytiker und Psychotherapeut Fritz Riemann bestimmt vier Grund­formen der Angst. Ihm gemäß sei eine persönliche und individuelle Form der Angst jedem Menschen inhärent. Von der Geburt eines Menschen an werde diese beeinflusst von individuellen Lebensbedingungen, von den genetischen Anlagen und von der Umwelt. Der Charakter der Angst kann in zwei Ausprägungen auftre­ten: Einerseits kann sie aktivierend wirken, andererseits lähmend. Diese Mischung aus Antrieb und Erlahmung verspüre man als Beklommenheit oder Einengung. Der positive Aspekt der Angst, zum Beispiel das Aktivieren zur Flucht oder zum Kampf, verliere seine Intensität oft durch den negativen Part der Angst, zum Bei­spiel durch das Verstecken oder Davonlaufen. Diese Lähmung verdränge die posi­tive, aktive Seite der Angst. Der positive Aufforderungscharakter und das Be­wusstwerden der Angst führten dazu, diese Angst wahrzunehmen, anzunehmen und zu bewältigen. Dies lässt den Menschen ein Stück reifen, während ihn das Zurück- und Ausweichen vor der Angst im Gegensatz dazu in seiner Entwicklung erlahmen lasse (vgl. Riemann 1987, S. 9). Dies verdeutlicht, wie sehr das Gefühl der Angst zur menschlichen Existenz gehört. Sie begleitet von Geburt an bis zum Tod. Laut Riemann sei es eine Illusionäre Vorstellung, ohne diese Angst existie­ren zu können. Man könne ihr lediglich mit Ansichtsweisen und Kräften wie Mut, Erkenntnis, Einsicht, Vertrauen, Liebe, Hoffnung und Glaube entgegenwirken (vgl. Riemann 1987, S. 7).

Immer dann, wenn ein Individuum in inneren sowie äußeren Situationen mit et­was Neuem beziehungsweise etwas Unbekannten konfrontiert ist, trete Angst auf. Ebenso bei besonders wichtigen Entwicklungs- und Reifungsschritten sowie beim Verlassen alter Bahnen und der Bewältigung neuer Aufgaben. Durch die Ver­knüpfung mit diesen körperlichen, seelischen oder sozialen Entwicklungsschritten würden diese Ängste sozusagen zum organischen Leben dazugehören (vgl. Rie­mann 1987, S. 9f):

„Alles Neue, Unbekannte, erstmals zu Tuende oder zu Erlebende enthält ne­ben dem Reiz des Neuen, der Lust am Abenteurer und der Freude am Risi­ko, auch Angst. Da unser Leben immer wieder in Neues, Unvertrautes und noch nicht Erfahrenes führt, begleitet uns Angst immerwährend.“ (Riemann 1987, S. 9)

Es gebe praktisch nichts, wovor sich der Mensch nicht fürchten könne, jedoch würden diese Ängste bei genauerem Betrachten als Extremvarianten, als Zerrfor­men oder als Verschiebung der Ängste auf andere Objekte immer nur diesen vier Grundmustern entspringen[1] (vgl. Riemann 1987, S. 10).

Die erste Grundform ist die Angst vor der Selbsthingabe, welche die Forderung zur Individuation meint. Der Wille zu unverwechselbarer Persönlichkeit, einmali­ger Individualität und Unaustauschbarkeit beherberge jedoch die Angst, aus der Geborgenheit der Gemeinschaft und des Dazugehörens herauszufallen, woraus Einsamkeit und Isolierung resultiere. Würde man es nicht riskieren, sich von an­deren zu unterscheiden, bleibe man seiner menschlichen Würde etwas Entschei­dendes schuldig und somit im Kollektiven und Typischen verharrend (vgl. Rie- mann 1987, S. 13).

Die Angst vor der Selbstwerdung stellt die zweite Grundform dar. Dabei solle sich der Mensch dem Leben und seinen Mitmenschen vertrauenswürdig hingeben und öffnen, mit dem Fremden in Austausch treten und sich mit der Welt in Abhängig­keit bringen, was allerdings das Risiko des Ich-Verlusts berge. Dies würde eine Abhängigkeit, ein Ausgeliefertsein und eine geforderte Anpassung produzieren, welche eine Selbstaufgabe nach sich zöge. Wage man dies aber nicht, bestünde die Gefahr als isoliertes Einzelwesen ohne Bindung, Zugehörigkeit und Gebor­genheit zu bleiben, ohne jemals die Welt und sich selbst kennengelernt zu haben (vgl. Riemann 1987, S. 113f).

Als dritte Grundform nennt Riemann die Angst vor der Wandlung, bei der es um das Streben nach dem Dauerhaften gehe. Dazu zähle eine Zukunftsplanung, im Glauben an eine Unvergänglichkeit des Menschen und eine Beständigkeit der Welt. Gleichzeitig solle man seine Zukunft jedoch im Wissen entwerfen, dass das Leben jeden Augenblick enden kann. Ohne diese Vorstellung würde ein Individu­um im Leben nichts erreichen oder verwirklichen. Der Verzicht auf diese Illusion der Dauerhaftigkeit habe zur Folge, dass Ziele nicht erreicht würden. Eine Vor­stellung von unbegrenzter Zeit und Stabilität des Erreichten stelle einen wichtigen und wesentlichen Grund zum Handeln dar (vgl. Riemann 1987, S. 14f).

Die letzte Grundform der Angst ist jene vor der Notwendigkeit, sich zu wandeln, Veränderungen und Entwicklung zu erstreben, Vertrautes und Gewohntes hinter sich zu lassen und Abschied zu nehmen. Dabei soll das Leben als Durchgang ge­sehen werden. Der persönlichen Weiterentwicklung und dem Freiheitsdrang kön­ne jedoch die Angst vor Ordnung und Regeln, vor Vergangenheit und Gewohnheit entgegenstehen. Entziehe man sich diesem Impuls zur Wandlung, so verbliebe man in Gewohnheit und Alltäglichkeit (vgl. Riemann 1987, S. 15).

Alle erdenklichen Ängste sind nach Riemann (1987) schlussendlich Varianten dieser vier Grundängste. Sie ergänzen und widersprechen sich paarweise und zu jeder Strebung gehört die Angst vor der Gegenstrebung. Die persönliche Bio­graphie, die Geschichte des Gewordenseins sowie die körperliche und seelische- geistige Beschaffenheit formten den Grad der Intensität der Angst. Jedes Ausmaß der erlebten Angst hänge vom mitgebrachten Erbe ebenso wie von den Umwelt­einflüssen, in die ein Mensch hineingeboren wird, ab (vgl. Riemann 1987, S. 15f).

2.2. German Angst und systemische Vererbung

In den Achtzigerjahren diagnostizierten amerikanische Publizisten eine seltsame Zukunftsangst im deutschen Volk, die sie „German Angst“ nannten. Dieser Be­griff bezieht sich ursprünglich auf den wirtschaftlichen Bereich und bezeichnet die Tendenz der Deutschen, sich unerschöpflich Gedanken zu machen anstelle von angemessenem Handeln und Reagieren in Bezug auf die Realität (vgl. Bode 2006, S. 60f).

Den Mangel an Optimismus im deutschsprachigen Raum führt die Familien- und Psychotherapeutin Gabriele Baring auf das Phänomen der German Angst zurück, die somit eine kollektive Störung darstellt, welche sich aus Angst, Depression und Mutlosigkeit zusammensetze. Als Massenphänomen in der deutschen Bevölke- rung[2] sei der Hang zu Grübelei und Melancholie weit verbreitet.

Die Autorin vermutet den Ursprung der German Angst in den Traumata des 20. Jahrhunderts, also seinen Kriegen, Epidemien und Katastrophen. Die Geschehnis­se während dieser Epoche hätten äußerst viele Familien im deutschsprachigen Raum betroffen oder zumindest gestreift. Die dadurch ausgelösten Ängste seien - und das ist in diesem Zusammenhang von wesentlicher Bedeutung - unverarbeitet geblieben und als seelisches Erbe von Generation zu Generation auf individuelle Weise weitervererbt worden, wodurch die Nachkommen mit der Vergangenheit der Vorfahren verbunden seien. (vgl. Baring 2011, S. 12f).

Auch die Redakteurin Sabine Bode stellt sich die Frage, ob es tatsächlich möglich sei, dass die Hauptgründe für die typisch deutsche Mutlosigkeit und Schwarzma­lerei in den letzten 100 Jahren liegen. Die Bevölkerung Deutschlands scheine na­hezu immer das Schrecklichste zu erwarten, und dies aufgrund von nicht sichtba­ren Nachwirkungen von Beschämung, Kriegsgewalt und Leid.

Unbewusst weitergegebene Emotionen äußern sich aktuell zum Beispiel als Zu­kunftsangst, mangelndes Selbstvertrauen und allgemeine Verunsicherung, welche zusammengenommen auf eine typisch deutsche Eigenart hinweisen. Aus nicht­deutscher Sicht sei dieses Volk aufgrund des schnellen Wiederaufbaus kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eigentlich als selbstbewusst und tatkräftig anerkannt wor­den. Dieses Image habe sich jedoch durch die Feststellung des kollektiven Über- reagierens, sogar bei geringen Erschütterungen im Alltag, abgeschwächt. Die Ger­man Angst als klare Eigenschaftsangst zeige sich als allgemeine Tendenz zur Kla­ge und Panik und sei eine Furcht ohne einen konkreten Anlass (vgl. Baring 2011, S 18f).

PsychologInnen, SoziologInnen, GenetikerInnen und HistorikerInnen haben sich bereits mit diesem Thema befasst und kommen gemeinsam zu einem Schluss: Al­les, was in den Chroniken der Familien, durch Erzählungen ebenso wie durch Verschweigen gespeichert wurde, sei auch heute noch vorhanden und löse Reak- tionen bei den Nachkommen aus.[3] Vor allem die bedrückenden Erfahrungen der vergangenen 100 Jahre seine tief eingespeichert worden. Diese können auch noch in den nächsten Generationen zu Störungen in Form von Resignation und Lebensangst führen. Mangelndes Selbstbewusstsein und der Verzicht auf Lebens­glück würden vor allem durch Ängste, die sich auf nichts Konkretes richten, pro­duziert (vgl. Baring 2011, S. 24f).

Auch der Philosoph Jürgen Habermas ist davon überzeugt, dass mehrere Genera­tionen miteinander verknüpft seien und die Zeugnisse der Vorfahren den Charak­ter der Nachkommen beeinflussen würden:

„Unsere Lebensform ist mit der Lebensform unserer Eltern und Großeltern verbunden durch ein schwer entwirrbares Geflecht von familialen, örtlichen, politischen, auch intellektuellen Überlieferungen - durch ein geschichtliches Milieu also, das uns erst zu dem gemacht hat, was und wer wir heute sind.“ (Habermas 1987, S. 140)

Als ein lebendiges Band beschreibt der Soziologe und Philosoph Maurice Halb­wachs die Verknüpfung zwischen den Generationen. Laut ihm verbinden die Nachkommen über die Gegenwart hinweg die Vergangenheit mit der Zukunft und vermischen damit den Zeitablauf. Dadurch blieben nicht nur frühe Geschehnisse, sondern auch Seins- und Denkweisen im Gedächtnis haften. Das Gedächtnis der Nachkommen sei demnach nicht nur von Daten und Fakten aus der Vergangenheit durchzogen, sondern auch von vermittelten Denk- und Erfahrungs-strömungen (vgl. Halbwachs 1967, S. 49f):

„Die Geschichte ist nicht die gesamte Vergangenheit, aber sie ist auch nicht das, was von der Vergangenheit übrigbleibt. Ja wenn man so will, gibt es neben der geschriebenen Geschichte eine lebendige Geschichte, die durch die Epochen hindurch fortbesteht oder sich erneuert und innerhalb der es möglich ist eine ganze Anzahl jener ehemaligen Strömungen wiederzufin­den, die nur scheinbar verschwunden waren.“ (Halbwachs 1967, S. 50)

Halbwachs beschreibt, wie sich verschiedenste Verhältnisse verändert haben, je­doch die Individuen einer Gesellschaft die Einstellungen und Ansichten von frü­her beibehielten. Indem nachkommende Generationen größtenteils Interessen und Vorstellungen von Älteren lernen, könne dazu führen, dass sich eine Gesellschaft ihren Bräuchen weitgehend entfremde. Die Gesellschaft habe sich aber durch neue Erfahrungen gewandelt. Das Leben eines Kindes werde in die Lebenswelt Älterer mit einbezogen, auf deren vermittelter Vergangenheit sich das Gedächtnis im spä­teren Leben beziehen wird. Durch eine wahrscheinliche Verbindung mit den El­tern und Großeltern finde sich ein Kind in einer fernen Vergangenheit wieder und schaffe so einen persönlichen Rahmen, welcher die Strukturen und Ansichten je­ner verinnerlicht, die sie vermittelt haben (vgl. Halbwachs 1967, S. 50ff).

Peer Steinbrück, der ehemalige Bundesfinanzminister Deutschlands vermutet, dass im letzten Jahrhundert mehrere Traumatisierungen durch seelische und mate­rielle Verluste des deutschen Volkes entstanden seien. Für den Autor gehörte der Zweite Weltkrieg unumstritten dazu, wobei den materiellen Verlusten kein gerin­gerer Stellenwert als den seelischen zukomme. Genau diese Einbußen hätten ein Sicherheitsempfinden verursacht, das sich metaphorisch in die Seele des Landes eingebrannt habe. Die Sehnsucht nach Absicherung prägte Hemmung, Unsicher­heit und mangelndes Vertrauen (vgl. Bode 2006, S. 78f).

Die Psychotherapeutin Irene Wielpütz mutmaßt, dass die German Angst heute nicht mehr so verbreitet sei, wie in den Fünfzigerjahren. Sie sei jedoch auch nicht überwunden, sondern nur weggesperrt, um bei bestimmten Ereignissen, welche diffuse Gefühle des Bedrohtseins verursachen, wieder an die Oberfläche des Be­wusstseins geholt zu werden. German Angst bestehe größtenteils aus Angst vor materieller und sozialer Verelendung und aus einer Furcht, in die Barbarei zurück­zufallen. Zudem kämen noch unüberwindliche Gegensätze und ein tiefes Miss­trauen zum Vorschein. (vgl. Bode 2006, S257).

2.3. Die Leidtragenden und die Verarbeitung der Er­eignisse

Wie bereits erklärt, bezieht sich das Phänomen German Angst auf die letzten 100 Jahre. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, einem der grauenhaftesten aller Zeiten[4], herrscht im deutschsprachigen Raum Friede und laut Seidler sei es Zeit zur Aufarbeitung der Geschehnisse:

„60 Jahre ohne Krieg - das gab es in Deutschland noch nie! Wir haben erst­malig die Möglichkeit, Kriegskindheiten auf ihre Spätfolgen zu untersu­chen, sowohl in der betroffenen Generation, als auch bei deren Kindern und Kindeskindern. Erst nach so vielen Jahren ohne Krieg gibt es Erkenntnisse, wie Kriege auch Seelen verwüsten und zwar über Generationen hinweg." (Seidler 2006, S. 31)

Mit Kriegskindern werden im Folgenden Menschen bezeichnet, welche durch di­rekte oder indirekte Einwirkung des Krieges beeinflusst wurden. Oft blieben diese Auswirkungen über Jahre hinweg unbewusst wirksam. Dies hatte Auswirkungen auf die fortdauernde Lebensgestaltung und damit wiederum auf die nächste und übernächste Generation. Für Seidler stellen jene Kinder, welche im Zusammen­hang mit Kriegseinwirkungen und Kriegsfolgen ungewollt in Extremsituationen gerieten, eine besonders betroffene Gruppe dar (vgl. Seidler 2006, S. 45f).

Es gebe eine Fülle an unbewusst gespeicherten Kriegserlebnissen jener Generati­on, die den Zweiten Weltkrieg beziehungsweise die Nachkriegszeit miterlebten, so Heindl (2006). Die während dieses Zeitraums erfahrenen Eindrücke und Ereig­nisse beeinflussten nicht nur die direkt nachfolgende Generation, also jene, die erst nach dem Krieg geboren wurden, sondern auch deren Nachkommen. Diese Weitergabe von unbewussten Erfahrungen von einer Generation zur anderen er­folgte über „vielschichtige nonverbale Kommunikationsmuster", wobei sich die übermittelnden Personen dessen nicht bewusst waren (vgl. Heinl 2006, S. 225).

Heinl vertritt die Auffassung, dass „mehr als 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg keine Zweifel mehr daran bestehen [kann], dass die psychologischen Folgen [...] allen Versuchen des Vergessens und Verdrängens zum Trotz noch ein sehr spürbarer Bestandteil unserer gegenwärtigen Wirklichkeit sind." (Heinl 2006, S. 229)

Auch Niederland (1980) betont, dass es vielerorts vermieden wurde sich einzuge­stehen, dass man seelische Leiden, verursacht durch die dramatischen Kriegser­lebnisse, davongetragen habe. Die akademische Wissenschaft, insbesondere die deutsche Medizin und Psychiatrie, weigerte sich, veraltete, aber dennoch bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts vorherrschende Vorstellungen von einem Men­schen als der Summe von Organen und Organsystemen aufzugeben und ihre Auf­merksamkeit psychisch störenden Folgen zu widmen (vgl. Niederland in Müller­Hohagen 1988, S. 16). Die Existenz seelischer Probleme wurde zu dieser Zeit noch nicht anerkannt und die Psychologie im Allgemeinen von der Naziideologie als jüdische Scheinwissenschaft‘ abgetan. Dies erklärte zudem die enorme Ab­wehrreflexion gegenüber der Offenbarung des eigenen seelischen Leidens (vgl. Baring 2011, S. 57).

Einen Beleg für ein Vorhandensein unterdrückter Emotionen liefert auch die da­mals beliebte Diagnose ,Vegetative Dystonie‘. Nach dem Zweiten Weltkrieg eta­blierte sich diese für unerklärliche Ängste und häufige Herzbeschwerden. Die Ve­getative Dystonie beschrieb eine latente Verspannung, der man durch Beruhi­gungsmittel und Kuren entgegenzuwirken versuchte, allerdings erfolglos (vgl. Bode 2006, S. 43). Bekannt waren lediglich körperliche Symptome, wie beispiels­weise Spannungs- und Erregungszustände sowie Nervosität. Durch das beinahe lückenlose Verschreiben von Valium gerieten viele Betroffene in eine lebenslange Medikamentenabhängigkeit (vgl. Baring 2011, S. 57). Akzeptiert wurde zu dieser Zeit lediglich das akute Vorhandensein einer Stressreaktion. Sobald diese absank, sei auch mit einer wiederhergestellten psychischen Gesundheit zu rechnen, so die damals vertretene Meinung. Von der Anerkennung einer Tiefenwirkung oder einem Weiterbestehen auf psychischer Ebene war die herrschende Lehre im deut schen Raum noch also weit entfernt (vgl. Niederland in Müller-Hohagen 1988, S. 16).

[...]


[1] Laut Riemann tendiert der Mensch dazu, nicht verarbeitete Ängste an harmlosere Ersatzobjekte zu heften. Dies dient dazu, dass jene leichter vermeidbar sind, als die eigentlichen Angstauslöser von denen man für gewöhnlich nicht ausweichen kann (vgl. Riemann 1987, S.10).

[2] Die verwendete Literatur bezieht sich größtenteils auf die deutsche Bevölkerung, es ist jedoch anzunehmen dass die Österreichische ebenso gemeint ist.

[3] Die Familientherapeutin Gabriele Baring erstellt mit ihren Klientinnen ein Genogramm, um die verborgenen Familienstrukturen sichtbar zu machen. Eine Anleitung zu einer chronologischen Familienaufstellung findet man am Ende ihres Buches ,Die Geheimen Ängste der Deutschen‘ (vgl. Baring 2011, S.272).

[4] Laut Seidler spräche man nicht zu Unrecht von einem ,30-Jährigen Krieg‘, welcher 1914 begann.

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Details

Title
Das Kulturphänomen "German Angst" und sein Einfluss auf das Coaching im Beruf in Deutschland
Grade
2
Author
Year
2014
Pages
46
Catalog Number
V372967
ISBN (eBook)
9783668503229
ISBN (Book)
9783668503236
File size
574 KB
Language
German
Tags
Transgenerationale Weitergabe von Angst, Beratungsformat Coaching, Zukunftsangst, Angst, German Angst, Kulturphänomen, Instinkt
Quote paper
Manuela Steiner (Author), 2014, Das Kulturphänomen "German Angst" und sein Einfluss auf das Coaching im Beruf in Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372967

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