Unbewusste Gegenübertragungsreaktionen von Lehrern als Herausforderung in der Schüler-Lehrer-Interaktion unter agierter Aggression


Masterarbeit, 2017
227 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Übertragung und Gegenübertragung als funktionelle Einheit
2.1 Das klassische Übertragungsverständnis
2.1.1 Entstehungsgeschichte: Vom objektivistischen zum intersubjektiven Paradigma
2.1.2 Gegenübertragung als Störfaktor
2.2 Die Gegenübertragungsrevolution und die Objektbeziehungstheorien
2.2.1 Von der Ein-Personen-Psychologie zur Zwei-Personen-Psychologie
2.2.2 Die Objektbeziehungstheorie
2.2.2.1 Die projektive Identifizierung
2.2.3 Gegenübertragung als Reaktion
2.3 Wesentliche Erweiterungen durch das sozialkonstruktivistische Paradigma
2.3.1 Von einer defensiven zu einer konstruktiven Auffassung
2.3.2 Die Beschaffenheit innerer Schemata
2.3.3 Übertragung als zirkulärer Prozess
2.3.3.1 Übertragungsauslöser
2.3.4 Die Eigenübertragung des Analytikers
2.3.5 Die nützlichen Aspekte des Agierens
2.3.5.1 Übertragungs- und Gegenübertragungswiderstand

3 Übertragung und Gegenübertragung im Kontext der Schulpädagogik
3.1 Von der Psychoanalyse zur Psychoanalytischen Pädagogik
3.1.1 Differenzen pädagogischer und psychotherapeutischer Praxis
3.2 Unbewusste Konflikte des Pädagogen im Kontext der Übertragungsbeziehung
3.2.1 Übertragungsdynamiken als Störfaktor im Unterricht
3.3 Das Verhalten von Lehrern in erziehungs­ schwierigen Situationen

4 Untersuchungsleitende Fragestellung und Begründung der Methode
4.1 Qualitative Sozialforschung
4.1.1 Die Person des Forschers im Forschungsprozess
4.2 Datenerhebung
4.2.1 Erhebungsmethode: Das problemzentrierte Interview
4.2.2 Der Interviewleitfaden und die Darstellung der Fragen
4.2.3 Durchführung der Interviews
4.2.3.1 Stichprobe
4.2.3.2 Transkription
4.2.3.3 Postskriptum und Forschungstagebuch
4.2.4 Deutungswerkstatt
4.3 Methode der Datenauswertung
4.3.1 Tiefenhermeneutische Analyse
4.3.2 Der Erkenntnisgegenstand der Tiefenherme­neutik
4.3.3 Die Beschreibung der methodischen Bausteine
4.3.3.1 Das Szenische Verstehen nach Lorenzer und die Subjektivität des Erkenntnisinstruments
4.3.3.2 Wegweiser im Forschungsprozess
4.3.3.3 Intersubjektive Perspektiven der Deutungswerkstatt
4.3.3.4 Resymbolisierung der Schlüsselszenen

5 Auswertung und Interpretation der Interviews
5.1 Interview Proband I
5.1.1 Biografische Aspekte
5.1.2 Assoziationen
5.1.3 Irritationen
5.1.4 Interpretation und Bezugnahme zur Theorie
5.2 Interview Probandin II
5.2.1 Biografische Aspekte
5.2.2 Assoziationen
5.2.3 Irritationen
5.2.4 Interpretation und Bezugnahme zur Theorie
5.3 Interview Proband III
5.3.1 Biografische Aspekte
5.3.2 Assoziationen
5.3.3 Irritationen
5.3.4 Interpretation und Bezugnahme zur Theorie

6 Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse

7 Fazit und Ausblick
7.1 Pädagogische Professionalität durch das Beratungsformat Supervision
7.2 Die institutionalisierte Tabuisierung von Unterrichtsproblemen
7.3 Resümee

Literatur

Internetquellen

Anhang

Interview Proband

Interview Probandin

Interview Proband

Eidesstattliche Erklärung

Danksagung

An dieser Stelle möchte ich all jenen danken, die mich im Rahmen dieser Master­arbeit unterstützt haben.

Ganz besonders herzlich bedanke ich mich bei Herrn Dr. Gianluca Crepaldi für die Betreuung und die engagierte Unterstützung sowie für die vielfältigen, richtungs­weisenden Anregungen bei der Entwicklung und Fertigstellung dieser Arbeit.

Vielen Dank meinen Eltern, meinen Freunden sowie Tina und Joe für den emotionalen und motivierenden Beistand während des gesamten Studiums.

Ich danke darüber hinaus all meinen Interviewpartnern, die Zeit für mich geop­fert haben, um mein Forschungsvorhaben durch ihre Gedanken und Überlegungen zu sich und ihren Schülern zu unterstützen.

1 Einleitung

Im Rahmen des Masterstudiums Erziehungs- und Bildungswissenschaften mit dem Studienschwerpunkt Psychoanalytische Pädagogik beschäftigt sich diese Masterarbeit mit unbewussten Gegenübertragungsreaktionen von Lehrern mit speziellem Fokus auf agierte Aggressionen, welche eine Herausforderung in der Schüler-Lehrer-Interaktion darstellen können. Seit mehreren Jahren befassen sich verschiedene Forschungsvorhaben der Psychoanalytischen Pädagogik mit Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomenen im pädagogischen Kontext und im Besonderen mit der unreflektierten Gegenübertragungsreaktion von Lehrern. Ziel dieser Arbeit ist es, anhand der bereits vorhandenen Literatur sowie mithilfe ei­ner qualitativen Studie einen weiteren empirischen Befund zu liefern, der die Re­levanz psychoanalytischer Reflexion schulpädagogischer Praxis herausstreicht.

Übertragungsphänomene werden häufig als störendes Verhalten von Schülern be­trachtet. Gründe, wie es zu diesem störenden Verhalten kommt bzw. was die Auslö­ser dafür sind, wurden lange nur auf Seite der Schüler gesucht. Dass die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern, einschließlich deren persönlichen Anteilen, überhaupt ein Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung wurde, ist den aufklärerischen Beiträgen zur Pädagogik zu verdanken. Helsper und Hummrich (2009) liefern eine umfassende Auflistung zur allgemeinen Verhältnisbestimmung, zu verschiedenen theoreti­schen Perspektiven sowie zu Ergebnissen der empirischen Forschung zur Lehrer-Schüler-Beziehung (vgl. 605ff). Die empirische Erforschung dieser Beziehung be­zieht sich in der Fachliteratur jedoch mehr auf entwicklungspsychologische und sozialisationstheoretische Perspektiven als auf psychoanalytisch-pädagogische Aspekte.

Die Untersuchung von Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen fokussiert sich in der Psychoanalytischen Pädagogik anhand von Einzelfallvignetten inner­halb der Betrachtung konkreter Praxisfelder, welche über kasuistische Berichte eine exemplarische Problemlösung aufzeigen. Diese Form der Forschung beinhal­tet den Vorteil, dass durch die Darstellung konkreter Praxisbeispiele ein flexibles Verständnis der Interventionsformen Psychoanalytischer Pädagogik dargestellt werden kann (vgl. Datler et al. 2009, 13). Besonders in Treschers (1992) Stan­dardwerk Theorie und Praxis der Psychoanalytischen Pädagogik und Hirblingers (2001) Abfassung zur Einführung in die Psychoanalytischen Pädagogik der Schu­le, welche einen besonderen Bezug auf die Schulpädagogik beinhaltet, hat die Auseinandersetzung mit Fallvignetten einen breiten Raum gefunden (vgl. Datler et al. 2009, 12). Unzählige weitere Beispiele von Autoren, die Schwierigkeiten in der Schüler-Lehrer-Beziehung psy­choanalytisch, anhand einzelner Falldarstellungen, betrachten, finden sich bei Fürs­tenau (1979), Körner (1983), Muck (1980), Singer (1973), Würker (2007) u.v.a..

Die Studie von Neidhardt (1977), Kinder, Lehrer und Konflikte, befasst sich mit Unterrichtsstörungen und fügt erstmals die wesentliche Variable „innerpsychi­scher Konflikt“ hinzu. Die Schwierigkeit besteht darin, dass diese Variable in ihrer Dynamik keine feste und vergleichbare Größe darstellt, sondern situativ bedingt ist. Der Autor wies in vier untersuchten Unterrichtssituationen, mittels Märchenunter­richt[1], den Einfluss dieses Faktors anhand von Übertragungsphänomenen für das Unterrichtsgeschehen nach. Der Lehrer fühlte und fantasierte mit dem Kind, wo­durch dessen unverständliche Verhaltensweisen in Zusammenhang mit seinen Fantasien sinnvoll und so für den Pädagogen beleuchtet wurden. Zwar wur­de innerhalb eines intersubjektiven Ansatzes lediglich die Reaktion des Lehrers auf die eingebrachten Lebenserfahrungen der Schüler nachgewiesen, Ziel war es dennoch, nicht nur das Verständnis über Verhaltensweisen von Schülern zu erwei­tern, sondern Folgerungen für das situationsgemäße, unterrichtende Handeln des Lehrers zu ermöglichen (vgl. ebd., 197ff).

Tyler (1967) entwickelte anhand verschiedener Indikatoren für emotionale Reaktionen während des Unterrichtsprozesses ein System, um Übertragungsprozesse von Schülern[2] sowie Gegenübertragungsprozesse von Lehrern[3] zu kategorisieren und so em­pirisch nachzuweisen. Ca. 25 % der Reaktionen konnten als Übertragung, Gegen­übertragung und Widerstand beobachtet werden (vgl. ebd., 266). Wellendorf (1979) kritisiert allerdings die Vereinfachung und die Reduzierung der Übertragungsprozes­se auf beobachtbare emotionale Reaktionen, vor allem der szenische Gehalt würde vernachlässigt. Trotz allem stützt die Untersuchung die Annahme, dass früh er­worbene Muster emotionaler Reaktionen in die schulische Interaktion miteinge­bracht werden (vgl. ebd., 185).

Hinweise auf Übertragungsprozesse des Lehrers gäben auch die Hintergründe, weshalb sich jemand für den Lehrerberuf entschieden habe:

„Man kann annehmen, daß sich der Lehrer als Kind in der Auseinandersetzung mit den Eltern die psychi­sche Disposition angeeignet hat, die ihn später dazu motiviert hat, selbst die Rolle eines Erziehers zu übernehmen.“ (Wellendorf 1976, 185)

Sehr ausführlich beschreibt Zwett­ler-Otte die Bedeutung der Lehrerpersönlichkeit in ihrem Buch Warum Lehrer Lehrer wurden.

Der Anspruch der vorliegenden Arbeit ist es, Lehrer zum Umgang und zu ihrem Befinden in konfliktreichen Interaktionen mit Schülern zu Wort kommen zu lassen. Dazu werden diese gebeten, ihre subjektiven Wahrnehmungen zu Konflikten mit verhaltensauffälligen Schülern zu erörtern sowie ihre Gefühle dabei einzuschätzen. Die Arbeit befasst sich daher mit der unbewussten Reaktion in der Schüler-Lehrer-Interaktion, welche ab einem gewissen Zeitpunkt in aggressives Agieren wechselt. Konkret wird die unbewusst agierte Gegenübertragung seitens der Lehrperson, v.a. in Bezug auf agierte Aggressionen, in der Schüler-Lehrer-Interaktion untersucht. Anhand problemzentrierter Interviews mit Pädagogen und einer darauffolgenden tiefenhermeneutischen Auswertung sollen Bezüge zwischen der Biografie des Probanden und Konfliktsituationen mit Schülern hergestellt werden, welche unbewusste Gegenübertragungsreaktionen in der Schüler-Lehrer-Interakti­on sichtbar werden lassen. Aufgrund des Altersunterschiedes, der Ausbildung und der Verant­wortung den Lernenden gegenüber sollte jedoch gewährleistet sein, dass der Leh­rer nicht unbewusst agiert und sein Schicksal in der Interaktion mit einem Schüler inszeniert, wenngleich der Schüler infantile Konflikte in Szene setzt. Durch die Be­fragung von Lehrpersonen ließen sich alleinig Aussagen zur Eigen- bzw. Gegen­übertragung des jeweiligen Probanden machen, nicht allerdings über die Übertra­gungsdynamiken von Schülern. Die Arbeit soll die notwendige Sensibilität gegenüber szenischen Zusammenhän­gen in der Schüler-Lehrer-Interaktion aufzeigen und somit eine Bereitschaft zur Selbstreflexion fördern. Folgerungen aus der Masterarbeit können zur aktuellen Diskussion um eine zusätzliche psychoanalytische Ausbildung und zur Installation von schulinterner Supervision als Instrument beitragen sowie zur Weiterentwicklung anregen. Die im Rahmen dieser Masterarbeit gestellten Fragen sollen auch für den persönli­chen Nutzen und den eigenen Erkenntnisgewinn der Forscherin beantwortet wer­den.

Der Aufbau der Arbeit orientiert sich an der klassischen Vorgehensweise einer em­pirischen Studie, bei der zunächst die relevanten Themen theoretisch aufgearbeitet werden. In Kapitel eins werden Begriffsbestimmungen zum Terminus Übertra­gung und Gegenübertragung beschrieben, welche zusammen eine funktionelle Einheit bilden und deshalb nicht getrennt werden dürfen. Die Begriffe werden be­ginnend in der klassischen Literatur eines objektivistischen Paradigmas erarbeitet, um einen Bogen über ein intersubjektives hin zu einem modernen konstruktivis­tischen Verständnis zu spannen. Kapitel zwei beschreibt, wie die Anwendung psy­choanalytischer Erkenntnisse innerhalb der Pädagogik fruchtbar gemacht wurde. Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene im Kontext der Schulpädagogik sowie die Lehrperson und deren Verhalten gelangen genauer zur Betrachtung. Nach einer Einführung der Begriffe und Inhalte qualitativer Sozialforschung in Kapitel drei wird versucht, die Wahl der Forschungsmethode zu erläutern und zu begründen, bevor diese Methode im Einzelnen dargestellt wird. Das Design der Forschungsmethode umfasst die Datenerhebung mittels problemzentrierter Interviews mit Pädagogen und die Datenauswertung anhand eines tiefenhermeneutischen Verfahrens. Abschnitt fünf beinhaltet die Darstellung der Auswertung und Interpretation der Interviews und nimmt Bezug auf die Theorie. Die Auswertung konzentriert sich auf die agierte Gegenübertragung des Lehrers und fokussiert besonders aggressives Agieren. Kapitel sechs zieht Schlussfolgerungen aus den gewonnenen Erkenntnissen und lässt diese in einer Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse münden. Dabei werden die Ergebnisse in Bezug auf die agierte Aggression der Probanden noch einmal fokussiert und gebündelt dargestellt. Schlussendlich wird in Kapitel sieben das Beratungsformat Supervision vorgestellt sowie auf die Schwierigkeit der Etablierung dieses Formats in schulinternen Systemen aufgrund institutionalisierter Tabus verwiesen. Die gewonnenen Einblicke werden noch einmal resümiert und fließen in einem Ausblick zusammen.

Im Hinblick auf eine bessere Lesbarkeit wurde bei den Personenbezeichnungen überwiegend die männliche Form verwendet, die jeweils auch für die weibliche steht.

2 Übertragung und Gegenübertragung als funktionelle Einheit

Im Laufe der historischen Entwicklung hat das Konzept der Übertragung viele Änderungen durchlaufen – eine Begriffsbestimmung von Übertragung und Gegen­übertragung unabhängig von der Historik zu geben, ist daher unmöglich.

Unterschiedliche Schulen der psychoanalytischen Kulturrichtung betonen jeweils unterschiedliche Aspekte bezüglich der Definition von Übertragung. Das Ver­ständnis von und die Analyse der Übertragung bilden allerdings den Kern der psycho­analytischen Praxis (vgl. Sandler et al. 1996, 29).

Unter dem Begriff der Übertragung werden im weitesten Sinne „alle Phänomene der subjektiven Bedeutungszuschreibung innerhalb einer Begegnung zweier Per­sonen“ (Herold & Weiß 2014, 1005) beschrieben. Als ubiquitäres Phänomen dient Übertragung als Erfahrung, um mit anderen in Beziehung zu treten. Das Phänomen ist zwar nicht an den therapeutischen Prozess gebunden, wird jedoch in der Bezie­hung zum Analytiker während der Therapie systematisch beobachtet, bearbeitet und analysiert (vgl. ebd., 1005f). Die Analyse der Übertragung bildete immer schon das Kernstück der psychoanalytischen Behandlungstheorie: „Auf diesem Felde muß der Sieg gewonnen werden, dessen Ausdruck die dauernde Genesung von der Neurose ist.“ (Freud 1912, 374)

Zur Übertragung gehört prinzipiell auch die Gegenübertragung und beide Phäno­mene bedingen sich gegenseitig. Gegenübertragung akzentuiert den unbewussten Anteil der Interaktion zwischen dem Therapeuten und seinem Patienten und manifestiert sich in psychischen Phänomenen, wie Fantasien, Stimmungen, Impulsen, Verhaltenswein, Einstellungen etc. (vgl. Ermann 2014, 294).

2.1 Das klassische Übertragungsverständnis

Laut Laplanche und Pontalis (1999) ist es schwierig, eine genaue Definition von Übertragung zu geben, da etliche Autoren den Begriff so weit ausdehnen würden, dass er sämtliche Phänomene kennzeichnet, welche aus der Beziehung des Patienten zum Analytiker hervorgehen. In diesem Maße umfasst der Begriff, viel mehr als jeder andere, „die Gesamtheit der Konzeptionen jedes Analytikers über die Be­handlung, ihr Objekt, ihre Dynamik, ihre Taktik, ihre Ziele etc.“ (ebd., 550). Die Auto­ren bezeichnen im klassischen Konzept mit dem Begriff Übertragung einen Vor­gang, durch den unbewusste „Wünsche an bestimmten Objekten im Rahmen eines bestimmten Beziehungstypus, der sich mit diesen Objekten ergeben hat, aktuali­siert werden“ (ebd., 550). Übertragungsphänomene sind zwar ubiquitäre Vorgän­ge, stellen sich jedoch ganz besonders während der analytischen Beziehung ein (vgl. ebd., 550).

„Die Übertragung stellt sich in allen menschlichen Beziehungen ebenso wie im Verhältnis des Kranken zum Arzt spontan her, sie ist überall der eigentli­che Träger der therapeutischen Beeinflussung und sie wirkt umso stärker, je weniger man ihr Vorhandensein ahnt. Die Psychoanalyse schafft sie also nicht, sie deckt sie bloß dem Bewusstsein auf, und bemächtigt sich ihrer, um die psychischen Vorgänge nach dem erwünschten Ziel zu lenken.“ (Freud 1909, 55)

Der Analysand belebt im therapeutischen Setting seine unbewussten Gefühle wie­der, indem er sich an Verdrängtes erinnert und diese infantilen Bilder wiederholt. Diese können in Verbindung mit der aktuellen Situation stehen sowie mit einem speziellen Gefühl verbunden sein. Ohne Erwiderung oder Zurückweisung wird den Übertragungen Raum gegeben, denn eine Inszenierung der Übertragung soll gefördert werden:

„Wir eröffnen ihm die Übertragung als den Tummelplatz, auf dem ihm ge­stattet wird, sich in fast völliger Freiheit zu entfalten, und auferlegt ist, uns alles vorzuführen, was sich an pathogenen Trieben im Seelenleben des Ana­lysierten verborgen hat.“ (Freud 1914, 134)

Greenson (1986) definiert die Übertragung als eine „besondere Art der Beziehung zu einer Person; […] als eine Wiederholung, eine Neuauflage einer alten Objektbeziehung“ (163), dessen Hauptmerkmal das Erleben von Gefühlen bezüglich einer Person ist, welche je­doch gar nicht zu ihr passen und sich in der Realität auf eine andere Person bezie­hen.

„Im wesentlichen wird auf eine Person in der Gegenwart so reagiert, als sei sie eine Person in der Vergangenheit. Übertragung ist eine Wiederholung, eine Neuauflage einer alten Objektbeziehung, […] ein Irrtum in der Zeit. Eine Verschie­bung.“ (Ebd.)

Jedenfalls zählen die Übertragung und ihre Handhabung zu den wichtigsten und un­verzichtbaren Bestandteilen der psychoanalytischen Therapie (vgl. Mertens 2004, 171).

2.1.1 Entstehungsgeschichte: Vom objektivistischen zum intersubjektiven Paradigma

Auf der Suche nach revolutionären Behandlungsmöglichkeiten für die Neu­rosen psychisch Kranker entdeckte Freud die Übertragung als klinisches Phäno­men, welches sich zu einer der grundlegenden Säulen, auf die sich die psychoanalyti­sche Wissenschaft stützt, entwickelte (vgl. Herold & Weiß 2014, 1005f).

Zusammen mit Breuer verfasste Freud (1895) die Studien der Hysterie und be­schrieb darin den Vorgang der Übertragung als „falsche Verknüpfung“ und als „Mésalliance“ (309), da diese in der Beziehung zwischen Patient und Analytiker unangemessen schien. Diese Unangemessenheit komme daher, dass der Inhalt des Wunsches, welcher nicht bewusst erinnert werden kann, durch den im Bewusst­sein herrschenden Assoziationszwang mit der aktuellen Person verknüpft wird, so­dass derselbe Affekt zutage tritt, der damals zur Verdrängung des Wunsches führte. Freud bezeichnet dieses Phänomen ebenso als einen besonderen Fall der Affektverschiebung von einer Vorstellung auf die andere (vgl. ebd.). Die Übertra­gung wird dadurch erkenntlich, dass sie über die rational rechtfertigbare Erschei­nungsform der Gefühle, Fantasien und Wünsche des Patienten hinaus­geht und somit als unangemessen erscheint (vgl. ebd.).

So war es für Freud gewöhnlich und selbstverständlich, dass sich diese Erwartun­gen im analytischen Setting vom Analysanden auf den Analytiker übertrugen:

„Unserer Voraussetzung gemäß wird sich diese Besetzung an Vorbilder hal­ten, an eines der Klischees anknüpfen, die bei der betreffenden Person vor­handen sind oder wie wir auch sagen können, sie wird den Arzt in eine der psychischen Reihen einfügen, die der Leidende bisher gebildet hat.“ (Freud 1912, 366)

Dies kann sich also auf die Vater-Imago genauso wie auf die Mutter- oder Ge­schwister-Imago beziehen. Freud sah in dem Phänomen zunächst ein Hindernis, da „es sich bei solchen Übertragungen auf die Person des Arztes um einen Zwang und eine Täuschung handle“ (Freud 1895, 310). In der Fallgeschichte Dora findet sich eine erste ausführliche Darstellung des Übertragungskonzepts, worin Freud veranschaulichte, wie unbewusste Vorstellungen vom Patienten auf den Arzt über­tragen werden können. In der Übertragung fänden sich „Neuauflagen und Nachbil­dungen [von vergangenen Konflikten], mit einer charakteristischen Ersetzung einer früheren Person, durch die Person des Arztes“ (Freud 1905, 280). Dadurch erscheint die Übertragung nun nicht mehr als Hindernis, sondern als etwas Regel­mäßiges und Notwendiges, „wenn es gelingt, sie jedes Mal zu erraten und dem Kranken zu übersetzen“ (ebd., 281). Eine weitere Ausarbeitung der Übertragungs­theorie findet sich in den beiden Aufsätzen Zur Dynamik der Übertragung und Bemerkungen über die Übertragungsliebe, worin Freud sich ausschließlich diesem Thema widmete. Freud (1912) differenziert nun zwischen „positiver“ und „nega­tiver“ Übertragung[4], da jede Übertragung liebevolle sowie feindselige Aspekte beinhalte (vgl. 371). Die negative Übertragung stellt die Hauptquelle des Widerstandes dar, während die positive für den Behandlungserfolg verantwortlich sei. Die Auflösung der Übertragungswiderstände bildet somit den Kern und das Ziel der psychoanalytischen Behandlung. Aus diesen Erkenntnissen leitete Freud eine objektivistische und intrapsychische Sichtweise der analytischen Technik ab. Was Freud als das Spiegelgleichnis bzw. die Chirurgenmetapher bezeichnete, sollte lange als Maßstab in der psychoanalytischen Kulturrichtung angesehen werden (vgl. Herold & Weiß 2014, 1007). „Während der psychoanalytischen Behandlung [solle man sich] den Chirurgen zum Vorbild nehmen, der alle seine Affekte und selbst sein menschliches Mitleid beiseite drängt“ (Freud 1912, 380), für den Analysierten „undurchsichtig […] sein und wie eine Spiegelplatte nichts anderes zeigen, als was ihm gezeigt wird“ (ebd., 384). Freud versteht die Übertragung des Patienten folglich als einseitige Projektion eines Konflikts mit einer frühen Bezugsperson auf einen Stellvertreter im Hier und Jetzt. Der Analytiker fungiert in der therapeutischen Beziehung als unbeteiligter Spiegel bzw. als reine Projektionsfläche, welche diesen Konflikt deutet.

Aus diesem Blickwinkel erscheint Übertragung nun als „vergessene Vergangen­heit“ (Freud 1914, 128) und somit als Verzerrung der aktuellen Wahrnehmung. Diese zwei ausschlaggebenden Kriterien definierte Freud, um Übertragung zu erkennen (vgl. Herold & Weiß 2014, 1006). In der psychoanalytischen Kulturrichtung gelangte man zur Ansicht, dass die Auflösung neurotischer Konflikte durch die Erinnerung und Aufarbeitung der Vergangenheit zur Heilung des Patienten führt (vgl. Mertens 2004, 171).

Ausgangspunkt des Übertragungskonzepts bildet der hypnotische Rapport Ende des 19 Jh. innerhalb eines kausal-deterministischen Weltbildes (vgl. Herold & Weiß 2014, 1008), wobei die Heilung mittels Erinnern und Abreagieren erreicht wurde (vgl. Freud 1914, 126). Freud war allerdings der Ansicht, dass der Analysand „über­haupt nichts von dem Vergessenen und Verdrängten“ erinnere, sondern es agieren[5] würde. Er wiederhole es demgemäß in seinem Tun, ohne dies bewusst zu bemer­ken (vgl. ebd., 128f). Dem Analysanden solle gezeigt werden, dass seine Gefühle wiederholen, „was bei ihm bereits früher vorgefallen ist“ (Freud 1916/17, 461). Freud führt im Zuge dessen in seiner Schrift Jenseits des Lustprinzips das Kon­zept des „Wiederholungszwanges“ (Freud 1920, 17) ein. Für Freud ist der Wieder­holungszwang der Grund, weshalb Übertragung entsteht und stellt somit eine spezi­fische Form der psychischen Verarbeitung bzw. den Versuch dar, Geschehenes un­geschehen zu machen. „Was nicht in solcher Weise geschehen ist, wie es dem Wunsch gemäß hätte geschehen sollen, wird durch die Wiederholung in anderer Weise ungeschehen gemacht.“ (Freud 1926, 150) Es wird jedoch nicht bewusst oder originalgetreu Vergangenes reproduziert, sondern vielmehr wird zwanghaft wiederholt, was eben nicht der bewussten Erinnerung und Reflexion zugänglich ist (vgl. ebd.). Gegenüber der Angst vor der Wiederholung der traumatischen Er­fahrung, also der eigentlichen Übertragung, steht der unbewusste Wunsch nach einer neuen positiven Erfahrung bzw. die Sehnsucht nach einer günstigeren Bedingung für die Bewältigung des unlösbaren Konflikts (vgl. Weiss & Sampson 1986, 107f).

Wenn man den Wurzeln des Konflikts vom Bewussten ins Unbewusste folgt, so stößt man bald auf Widerstand, hier tritt auch die Übertragung auf:

„Wenn irgend etwas aus dem Komplexstoff (dem In­halt des Komplexes) sich dazu eignet, auf die Person des Arztes übertragen zu werden, so stellt sich diese Übertragung her, ergibt den nächsten Einfall und kündigt sich durch die Anzeichen eines Widerstandes, etwa durch eine Stockung, an.“ (Freud 1012, 369)

Die Übertragung scheint also bei Freud die stärkste Waffe des Widerstandes zu sein, wodurch die Intensität und die Ausdauer des Widerratendes dessen Wirkung andeuten. Der Mechanismus der Übertragung sei zwar durch die Rückführung auf den infantilen Konflikt beseitigt, die Aufklärung der Rolle gelinge allerdings nur, wenn man auf die Beziehung zum Widerstand eingehe. „Die unbewußten Regungen“, so heißt es bei Freud (1912), „wollen nicht erinnert werden, wie die Kur es wünscht, sondern sie streben danach, sich zu reproduzieren“ (374). Widerstand ist stets die unmittelbare Vermeidung eines schmerzlichen Affekts wie z.B. Angst, Schuldgefühle oder Scham. Dieser schmerzliche Affekt ist das Motiv für den Widerstand und zeigt somit den Versuch, diesen traumatischen Zustand zu bewahren (vgl. Freud A. 1936, 233f).

Freud entdeckte, dass der Analysand in der Art und Qualität seiner Widerstände den inneren unbewältigbaren Konflikt ausdrückt: „Je größer der Widerstand ist, de­sto ausgiebiger wird das Erinnern durch das Agieren (Wiederholen) ersetzt sein.“ (Freud 1914, 130) Das Durcharbeiten der Widerstände wird zu einer beschwerli­chen und geduldigen Aufgabe für beide. „Es ist aber jenes Stück der Arbeit, wel­ches die größte verändernde Einwirkung auf den Patienten hat und das die analyti­sche Behandlung von jeder Suggestionbeeinflussung unterscheidet.“ (Ebd., 136)

Übertragung wurde wie jedes andere Symptom gehandhabt und der persönliche Einfluss, welchen der Arzt mitbringt, wurde nicht mit in die Übertragung einbezo­gen, da er nicht zum Wesen der therapeutischen Beziehung gehöre. Die unbewuss­ten Fantasien, welche vom Patienten auf den Analytiker übertragen werden, soll­ten mithilfe der Ersetzung der früheren Bezugsperson durch den Arzt während der Analyse aufgedeckt und bewusst gemacht werden (vgl. Laplanche & Pontalis 1999, 553). Lange Zeit herrschte die Annahme, dass die Übertragung eine reine Projektion der Vergangenheit des Patienten auf den Therapeuten darstelle:

„Während aber bis vor einigen Jahren noch ein relativ eindeutiges Verständ­nis von Übertragung vorherrschte, hat sich dies in den letzten anderthalb bis zwei Jahrzehnten aus verschiedenen Gründen kompliziert. Zum einen haben Autoren, […] neue Formen der Übertragung postuliert. […] Zum anderen ist das Konzept der Übertragung als reine Wiederholung der Vergangenheit, als Anachronismus und Irrtum in der Zeit, […] immer fragwürdiger gewor­den. Für viele Psychoanalytiker unmerklich hat eine begriffliche Erweite­rung dieses Konzepts stattgefunden, was in etwa auch dem immer stärker er­folgenden Übergang von einer 'one body' – zu einer 'Zweikörper-Psycholo­gie' oder von einer individualisierenden persönlichkeitspsychologischen zu einer sozialpsychologischen und interaktionellen Betrachtungsweise ent­spricht.“ (Mertens 2004, 171)

So wurden aus Freuds Spiegelgleichnis bzw. Chirurgenmetapher langsam widerlegt. Im Rahmen einer deterministischen Naturwissenschaft wurde der Beitrag des Analytikers zur therapeutischen Situation nicht zu den übertragungsbedingten Ele­menten gezählt. Dieses kausale, traditionelle Verständnis von Therapie veranlasste lediglich zögernd den Einzug eines pluralistischen, interpersonellen Therapieverständ­nisses (vgl. Herold & Weiß 2014, 1010).

„Freuds umwälzende Entdeckung der Übertragung schuf eine grundlegende Wandlung der Behandlungssituation. Ich möchte diesen Punkt besonders unterstreichen: Mit der Entdeckung der Übertragung sind die Anforderun­gen an den Analytiker unermesslich gestiegen.“ (Heimann 1960, 202)

2.1.2 Gegenübertragung als Störfaktor

Gegenübertragung kann als die „Gesamtheit der unbewußten Reaktionen des Ana­lytikers auf die Person des Analysanden und ganz besonders auf dessen Übertra­gung“ (Laplanche & Pontalis 1999, 164) bezeichnet werden. Auch bei diesem Begriff gibt es eine große Variations­breite bezüglich der Abgrenzung (vgl. ebd.). Diese von Gefühlen begleiteten Vorstellungen und Fantasien sind zwar nie exakt zuorden­bar, dafür aber eine essenzielle Erkenntnisquelle und insofern der Hauptge­genstand des psychoanalytischen Prozesses. Die Gegenübertragungsanalyse gilt somit als unverzichtbarer Bestandteil der psychoanalytischen Kompetenz. Gegenübertrag­ung kann in Form eines Widerstandes auch ein defensives Phänomen sein, durch das die Übertragung bzw. die Wahrnehmung der Gegenübertragung abge­wehrt wird (vgl. Ermann 2014, 294f).

In vielen klassischen Arbeiten war nur von der Übertragung des Patienten auf den Analytiker die Rede (vgl. Heigl 1966, 189). Im objektivistischen[6] Verständnis gab es lediglich ein begrenztes Interesse an der Gegenübertragung, welche anfangs zwar als ein ubiquitäres Phänomen, aber letztlich als neurotisches Verhalten des Analytikers betrachtet wurde. Auf dieser isolierten Position erschien sie zwangsläu­fig als Hindernis und Gefahr für die psychoanalytische Arbeit, worin diese ihre Grenzen finden konnte (vgl. Ermann 2014, 295f).

Freud (1909) definierte die Gegenübertragung als den „Einfluß des Patienten auf das unbewußte Fühlen des Arztes“ (108). Der Psychoanalytiker führte den Begriff der Gegenübertragung in seiner Schrift Die zukünftigen Chancen der psychoana­lytischen Therapie selbst ein:

„Wir sind auf die 'Gegenübertragung' aufmerksam geworden, die sich beim Arzt durch den Einfluß des Patienten auf das unbewußte Fühlen des Arztes einstellt, und sind nicht weit davon, die Forderung zu erheben, daß der Arzt diese Gegenübertragung in sich erkennen und bewältigen müsse. Wir haben [...] bemerkt, daß jeder Psychoanalytiker nur soweit kommt, als seine eige­nen Komplexe und Widerstände es gestatten, und verlangen daher, daß er seine Tätigkeit mit einer Selbstanalyse beginne und diese, während er seine Erfahrungen an Kranken macht, fortlaufend vertiefe.“ (Ebd., 108)

Die Gegenübertragung müsse vom Arzt vollständig überwunden werden, nur die­ser Prozess mache ihn psychoanalytisch mächtig und zum vollkommen kühlen Objekt. Gegenübertragung war in Freuds Verständnis negativ konnotiert. Da­durch rief Freud zunächst zur Selbstanalyse und anschließend zur persönlichen Analyse bei einem Fachkundigen auf, da die Selbstanalyse lückenhaft sei. Schließlich entwickelte sich daraus die institutionalisierte Lehranalyse (vgl. Ermann 2014, 295f). Die klas­sische Auffassung zentriert sich auf die genuinen Übertragungen des Analyti­kers, welche diesen veranlassen würden, inadäquat mit seinem Analysanden umzugeh­en. Die Übertragung des Analytikers auf den Patienten wurde geleugnet und igno­riert (vgl. Heigl 1966, 189f). Freud zollte dem Gegenübertragungskonzept nur geringe Wür­digung und empfand es als Störung. Zwar sprach er dem Phänomen unweigerlic­he Verknüpfung mit der Übertragung zu, einer fruchtbaren Behandlung stehe es jedoch im Weg.

Zum damaligen Zeitpunkt wurde Gegenübertragung mahnend und oder rechtfertigend diskutiert. Als ein Motiv für die Zurückhaltung kann die schwere Abstinenzverlet­zung durch Jung, welcher sich auf eine Affäre mit einer Patientin einließ, ver­zeichnet werden. Um die dynamischen Ursachen sowie die daran geknüpften Pro­zesse zu verstehen, war die Entwicklung jedoch noch nicht weit genug vorange­schritten (vgl. Ermann 2014, 296).

2.2 Die Gegenübertragungsrevolution und die Objektbeziehungstheorien

Streeck (2004) nennt einige Autoren, welche schon früh die Auffassung zurückdrängten, dass der Einfluss des Analytikers auf den Patienten vernachlässigt wer­den kann und der Patient frühe Beziehungserfahrungen unabhängig vom Thera­peuten widerspiegelt. Diese Sichtweise würde die therapeutische Beziehung und die Art und Weise, wie der Patient den Therapeuten erlebt, in eine bestimmte Rich­tung lenken (vgl. ebd., 34).

2.2.1 Von der Ein-Personen-Psychologie zur Zwei-Personen-Psychologie

Zu Beginn der 1930er-Jahre kam es zu der folgenreichsten Ausweitung des Über­tragungsbegriffs durch Ferenczi und Rank (1924). Die Autoren betonten das Erle­ben des Vergangenen und Verdrängten im Hier und Jetzt bzw. „im Gegenwärtigen und Bewußten, also in der aktuellen psychischen Situation“ (ebd., 49). Somit stellen die Autoren eine traditionelle Sichtweise, in der die Übertragung als eine vom Analy­tiker unabhängige Wiederholung der Vergangenheit angesehen wird, infrage (vgl. ebd., 52). Als Anna Freud in den 30er-Jahren die objektbezogenen Abwehrme­chanismen[7] beschrieb, trug sie zur weiteren Ausdehnung des Übertragungsbegriffs bei. Vom intrapsychischen Konflikt weg, richtete sich die Betrachtung nun mehr auf intersubjektive bzw. interpersonelle Aspekte (vgl. Herold & Weiß 2014, 1010).

Durch Melanie Kleins (1975) Fokussierung auf frühe projektive Prozesse wurde das Konzept der Übertragung weiter ausgebaut. Reale und fantasierte Gefühle des Analysanden deutete sie in der gesamten Übertragungssituation und durch­brach somit die Beschränkung der Ich-Psychologie:

„Meine Theorie, daß die Übertragung in den frühesten Entwicklungsphasen und den tiefen Schichten des Unbewußten wurzelt, beinhaltet somit ein we­sentlich umfassenderes Übertragungsverständnis und macht eine Technik er­forderlich, mit deren Hilfe die im gesamten Material enthaltenen unbewuß­ten Elemente der Übertragung erschlossen werden können.“ (Ebd., 93)

Durch ihr Konzept der „projektiven Identifikation“ (ebd., 18) beschrieb Klein (1975) die Rollenumkehr bzw. Abspaltung von Anteilen des Selbst in Objekte. Die Übertragungsbeziehung wird nun weniger als eine zeitliche, mehr als eine räumli­che Projektion komplexer Verhältnisse gesehen. Selbstanteile des Patienten wür­den innerhalb der analytischen Situation abgespalten und von diesem in den Ana­lytiker projiziert, welcher diese Selbst- und Objektanteile des Patienten annehme (vgl. Sandler 1983, zit. nach Herold & Weiß 2014, 1011).

1943 bildete sich in Nordamerika um Sullivan eine interpersonelle Schule, welche Übertragungsphänomene ebenfalls nicht als reine Wiederholung, sondern als Re­aktion auf Charakteristika des Analytikers begriff. Macalpine beschrieb die Über­tragung als relativ, indem sie annahm, dass sie durch die Gestaltung des analyti­schen Settings induziert sei. Durch diesen Ansatz war Übertragung nicht mehr als autonom und spontan im Patienten entstehend anzusiedeln (vgl. Herold & Weiß 2014, 1011). Balint führte aus, „daß in einer Ein-Personen-Situation keinerlei Übertragung stattfinden kann, d. h. ohne eine Zweitperson, das Objekt, [...] keine Übertragung möglich“ (Balint 1956, 177f, zit. nach Herold & Weiß 2014, 1011) sei. In der als Selbstpsychologie bekannt gewordenen Schulrichtung beschrieb Kohut Mitte der 60er-Jahre, als Reaktion auf die einschränkende Sichtweise des intrapsy­chischen Paradigmas, Übertragungsmanifestationen als Ausdruck einer interaktio­nellen Einheit zwischen Patient und Analytiker. Die Selbstpsychologie bedeutete einen wesentlichen Wandel, weg von einem objektivistischen, hin zu einem inter­subjektiven Paradigma (vgl. Herold & Weiß 2014, 1012).[8]

In den beginnenden 80er-Jahren bildete sich ein weiterer gravierender Fortschritt vom klassischen Konzept zu einer moderneren Ansichtsweise, was erhebliche be­handlungstechnische Konsequenzen nach sich zog. Sandler (1983) kennzeichnet mit folgendem Zitat den Übergang von einer Ein-Personen-Psychologie hin zu ei­ner Zwei-Personen- bzw. Objektbeziehungspsychologie: „Bevor man fragte: 'was enthüllt das Material des Patienten über seine Vergangenheit?', fragte man nun, 'was passiert gerade jetzt?'“ (589)

Interaktionen mit den Objektrepräsentanzen des Patienten werden in der Über­tragung abgebildet. Sukzessiv wich das alte Konzept einer neuen Sichtweise der Übertragung, „in der die Beziehung und die Aktivität des Analytikers angemessen berücksichtigt werden konnten“ (Herold & Weiß 2014, 1013).

2.2.2 Die Objektbeziehungstheorie

Objektbeziehungstheorien befassen sich mit dem psychischen Einfluss der frühen Entwicklungsphasen, mit der Entwicklung des Selbst, der Identitätsbildung, eben­so wie mit der Tatsache, dass die internalisierte Welt der Objektbeziehungen Teil der Entstehung des psychischen Apparates ist (vgl. Kernberg 2002, 18). Objekt bedeu­tet in diesem Zusammenhang die Beziehung einer Person oder eines Subjekts zu sich selbst und zueinander (vgl. Hinz 2014, 643). Austauschprozesse zwischen dem Ich sowie dem äußeren Objekt sind die Grundlage der beidseitigen Abhängig­keit der inneren Objekte von den äußeren (Introjektion) und der äußeren Objekte von den inneren (Projektion) (vgl. ebd.). Die Erforschung der Objektbeziehungspsychologie begann bereits bei Freud und Ferenczi, setzte sich fort bei Melanie Klein und Anna Freud sowie Klein und Fairbrain (vgl. ebd., 644). Der zentrale Bestandteil von Kleins Werk stellte die Erforschung der inneren Objektwelt dar (vgl. ebd., 646). Ein breites Spektrum von Ansätzen der psychoanalytischen Objektbeziehungstheorien schließt die Bezeich­nung mit ein, dass die Psychoanalyse ihrem Wesen nach selbst eine Objektbezie­hungstheorie sei:

„Jede psychoanalytische Theorie befasst sich mit dem Einfluß früher Ob­jektbeziehungen auf die Entstehung unbewußter Konflikte sowie auf die Entwicklung der psychischen Struktur und die Wiederbelebung oder Insze­nierung pathogener internalisierter Objektbeziehungen aus der Vergangen­heit in den aktuellen Übertragungsentwicklungen in der psychoanalytischen Situation.“ (Kernberg 2002, 13)

Diese Definition alleine würde jedoch die Besonderheit der Theorie außen vor lassen. Nach der Britischen Schule, insbesondere Klein, Fairbrain und Winnicott, schließe sie Ich-Psychologische Beiträge aus (vgl. ebd., 13f). Kernberg (2002) schlägt also eine dritte, seine eigene Definition vor, die die Britische Schule und die theoretischen Beiträge eben genannter Autoren mit einschließt:

„Als psychoanalytische Objektbeziehungstheorien könnte man jene Theori­en bezeichnen, die die Internalisierung, Strukturierung und klinische Reakti­vierung (in Übertragung und Gegenübertragung) der frühesten dyadischen Objektbeziehungen in den Mittelpunkt ihrer Formulierungen bezüglich Mo­tivation (genetisch und entwicklungsgemäß betrachtet), Struktur und Klinik stellen.“ (14)

Entscheidende Unterschiede zu einer objektivistischen Sichtweise ergeben sich hinsichtlich des technischen Umgangs mit Übertragung und Gegenübertragung. Besonders im Fokus darauf, ob Übertragungsinszenierungen erstrangig als eine Aktivierung intrapsychischer Konflikte des Patienten interpretiert, „oder ob Über­tragung und Gegenübertragung als unauflöslich miteinander verknüpft betrachtet werden, wobei die Übertragung zum Teil (auch) durch die Gegenübertragung und die Person des Analytikers geformt wird“ (ebd., 16). Das dyadische Verhältnis zwischen Patient und Analytiker wird folglich als ein heilungsfördernder Einfluss angesehen (vgl. ebd.).

Den Selbst- und Objektrepräsentanzen liegen der Ursprung und das Schicksal der frühen Affekte zugrunde, was zu einer Verknüpfung der Objektbeziehungstheori­en, empirischer Forschung und Neurophysiologie führte (vgl. ebd., 18). „Die Erinnerungsspuren sind Niederschläge der Lebenspraxis. Sie sind [...] Nie­derschläge aber zugleich Entwürfe, Schemata des zukünftigen Verhaltens.“ (Lorenzer 1988, 43) Erinnerungsspuren kommen nach Kohuts Objektbeziehungs­theorie durch die Internalisierung einer bedeutsamen Objektbe­ziehung bzw. die „Internalisierung einer Objektrepräsentanz in Beziehung zu einer Selbstrepräsen­tanz unter dem Einfluß eines intensiven Affekts“ zustande. „Je in­tensiver der Af­fekt, desto bedeutsamer ist die Objektbeziehung, und je bedeutsa­mer die Objekt­beziehung, desto intensiver der Affektzustand.“ (Kernberg 2002, 63)

Internalisierung bedeutet bei Kernberg (2002), dass in jeder Interaktion zwischen dem Säugling bzw. dem Kind und der Bezugsperson das, was das Kleinkind inter­nalisiert, kein Bild und keine Repräsentanz des Objektes ist, sondern die Bezie­hung zwischen dem Selbst und dem Objekt. Dementsprechend handelt es sich um ein Selbstbild bzw. eine Selbstrepräsentanz, welche mit dem Objektbild bzw. der Objektrepräsentanz intera­giert So können sowohl reale als auch fantasierte Beziehungen mit Bezugsperso­nen in der intrapsychischen Welt des Subjekts reproduziert werden (vgl. ebd., 14).

Die psychoanalytische Objektbeziehungstheorie kann als ein Ansatz defi­niert werden, „der die Internalisierung der Beziehung zwischen dem Säug­ling und Kleinkind auf der einen Seite und den bedeutsamen elterlichen Be­zugspersonen dieser frühen Lebensjahre auf der anderen Seite in das Zen­trum der psychischen Entwicklung dieses Kleinkindes stellt – vor allem be­zogen auf dessen unbewußte psychodynamische Motivation.“ (Ebd., 127)

Dieses Konzept beinhaltet die Vorstellung, dass das Kind nicht lediglich ein Bild oder eine Repräsentanz der Bezugsperson (z.B. das Objekt der Angst, des Hasses oder des Bedürfnisses), sondern in dyadischer Form die komplette Beziehung[9] zwischen dem Selbst und dem Anderen internalisiert und über den dominierenden Affekt ihrer Interaktion miteinander verbunden wird (vgl. ebd., 128). „Internalisierungen sind grundsätzlich Internalisierungen einer Beziehung und nicht einer Objektrepräsentanz.“ (Ebd., 311)

Da sich alle Objektbeziehungstheorien „stark auf die Inszenierung der internali­sierten Objektbeziehungen in der Übertragung sowie auf die Analyse der Gegen­übertragung“ (ebd., 18) konzentrieren und dabei entsprechende Strategien der In­terpretation entwickeln, trat die Beziehung des Patienten in ihrer Wechselwirkung mit den Objekten zunehmend in den Vordergrund. Nun ist im analytischen Setting natürlich nicht jedes Verhalten als Übertragung zu deuten, denn dies berge die Ge­fahr, genau das zu verwischen und zu verwässern, was hervorgehoben und geklärt werden solle:

„Die realistische Reaktion des Patienten auf bestimmte Aspekte des Verhal­tens seines Analytikers bringt nicht mehr und nicht weniger zum Ausdruck als ein der Situation angemessenes Verhalten, das von jenen unangemesse­nen, übertriebenen oder idiosynkratischen Reaktionen zu unterscheiden ist, die eine Aktivierung früher, internalisierter Objektbeziehungen im Hier-und-Jetzt zu erkennen geben.“ (Ebd., 312)

2.2.2.1 Die projektive Identifizierung

Projektive Identifikation, ein Abwehrmechanismus, welcher Übertragungsprozes­sen zugrunde liegen kann, wurde in den letzte Jahren immer häufiger diskutiert. Der Begriff findet im kleinianischen Entwicklungsverständnis seinen Ursprung und wurde von zahlreichen Autoren differenziert und weiterentwickelt. Projektive Identifizierung meint die Verlagerung unbewusster und – aufgrund ihres starken Af­fektgehalts – unerträglicher Anteile des Selbst bzw. der Selbstrepräsentanz auf ein anderes Objekt, wodurch die Gefahr eines destruktiven Gegenübertragungsagierens aufseiten des Therapeuten entsteht (vgl. Bettighofer 2016, 20). In der Regel ge­schieht dies durch subtiles oder offenes manipulatives Verhalten, was das Gegen­über dazu verleiten soll, sich gemäß dieser Projektion zu fühlen und entsprechend zu verhal­ten. Dieser Vorgang dient dazu, die Trennung von einem Objekt zu vermeiden, Kontrolle auszuüben, störende Selbstanteile abzugeben und somit das Selbstge­fühl zu bewahren (vgl. Reich 2014, 746f).

Melanie Klein (1975) prägte die klassische Auffassung des Begriffs: „Einen wei­teren Aspekt projektiver Prozesse bildet [...] das gewaltsame Eindringen in das Objekt und seine Kontrolle durch Teile des Selbst.“ (21) Unerträgliche Anteile würden vom Patienten in den Analytiker verlagert und von diesem erlebt. Von wesentlicher Bedeutung durch Bions Erweiterung ist, dass der Analytiker diese nicht zurückweist, wie die frühen Objektbeziehungen des Patienten es taten, sondern sie aufnimmt sowie in modifizierter Form zur Re-Introjektion[10] zur Verfügung stellt (vgl. Reich 2014, 746). Eine nächste Ausdehnung fand das Konzept durch Ogden (1988), welcher einen Vorgang bestehend aus drei Phasen beschreibt: An erster Stelle werden Selbstanteile von der Selbst- auf die Objektrepräsentanz projiziert. Wenn dies anschließend nicht zur Abwehr ausreicht, wird durch manipulative In­teraktion ein Objekt dazu gebracht, diese unerträglichen Zustände zu erleben. So­mit können diese im anderen kontrolliert und identifikatorisch miterlebt werden. Odgen sieht die therapeutische Möglichkeit, ähnlich wie Bion, darin, dass Selbst­anteile in veränderter Beschaffenheit wieder zurückgegeben werden können. „In dieser Fassung dient [die Projektion] als Abwehr, als Kommunikationsform als Modus einer Ob­jektbeziehung und als Weg der Veränderung.“ (Ebd., 1) Im therapeutischen Setting ist es wichtig, dass der Therapeut die Projektion nicht zurückweist, so wie es die Be­zugspersonen in früher Kindheit taten, sondern sie aufnimmt und sie modifiziert zur Verfügung stellt (vgl. Reich 2014, 746).

2.2.3 Gegenübertragung als Reaktion

Little (1951) beschrieb die Gegenübertragung in Zusammenhang mit der Übertra­gung als ein interpersonelles Phänomen sowie als wertvolles Arbeitswerkzeug, wel­ches für das Gelingen der Analyse herangezogen werden kann. Im Zusammen­wirken mit Arbeiten von Balint, Heimann und Racker trug sie maßgeblich zu ei­ner Neubestimmung des Konzepts der Gegenübertragung bei (vgl. ebd., 1f). Sie formul­ierte, dass Gegenübertragung eine oder alle der folgenden Bedeutungen ha­ben kann: als unbewusste Haltung des Analytikers zum Patienten, verdrängte Übertra­gungselemente, die dazu führen können, dass der Therapeut seinen Patien­ten wie einen Eltern- oder Geschwisterteil erlebt, als spezifische Reaktionen des Thera­peuten auf die Übertragung seines Patienten und die gesamte Haltung des Thera­peuten gegenüber seinem Patienten (vgl. ebd.).

Racker (1988) differenzierte zwischen einer komplementären und einer konkordan­ten Gegenübertragung. Erstere beruht auf Introjektion und Projektion, wobei sich der Therapeut mit dem Objekt des Patienten identifiziert. Bei der zweiten Form identifiziert sich der Analytiker mit dem unbewussten Ich des Patienten und emp­findet folglich so, wie dieser sich behandelt fühlte (vgl. ebd., 159). Die Begriffe kom­plementäre Identifizierung[11] und Gegenübertragung finden häufig synonym für psychische Vorgänge im Therapeuten Verwendung, „da er sich als ein Objekt behan­delt fühlt, [und sich] (teilweise) mit einem inneren Objekt des Analysanden identifiziert, das als ein eigenes inneres Objekt erlebt wird“ (ebd.). Dies hat zur Folge, dass Patient und Analytiker durch projektive und identifikatorische Prozesse miteinander ver­bunden sind (vgl. Ermann 2014, 297).

Der inhaltliche Beitrag, „dass Übertragung und Gegenübertragung eine funktionelle Einheit sind und sinn- und bedeutungsvoll aufeinander bezogen sind“ (ebd.), stellt den entscheidenden Durchbruch dar. Paula Heimann hat diesen Durchbruch mit dem Artikel On Countertransference erreicht, in dem sie erstmals die Kommunikationsfunktion der Gegenübertragung beschrieb. Als eine Inszenierung des Analysanden im Analytiker und insofern als ein Spiegel des Inneren des Analysanden könne die Gegenübertragung von nun an gelesen und aus ihr Rückschlüsse auf die Übertragung gezogen werden (vgl. ebd., 297). Die Psychiaterin und Psychoanalytikerin erklärt die Gegenüber­tragung zu einem zentralen Werkzeug zum Verständnis des Unbewussten des Pati­enten und installiert die Genübertragungsanalyse als technisches Instrument, wo­durch die Gegenübertragungsanalyse eines jeden Analytikers unabdingbar wur­de. Im Vergleich zu Freud kommt Heimann (1950) nicht zu dem Schluss, dass:

„die Gegenübertragung einen Störfaktor darstelle und der Analytiker gefühl­los und distanziert sein sollte, sondern dass er seine emotionalen Reaktionen als einen Schlüssel zum Unbewussten des Patienten benutzen muss. Dies wird ihn davor schützen, sich an der Szene, die der Patient in der analyti­schen Beziehung reinszeniert, als Mitspieler zu beteiligen und sie in den Dienst eigener Bedürfnisse zu stellen.“ (116)

Sie erachtete es als ihr Ziel, „das Gespenst des 'gefühllosen', inhumanen Analytikers zu bannen und die Verwendbarkeit der Gegenübertragung zu zeigen“ (ebd., 201). Ihrer Ansicht nach umfasst die Gegenübertragung sämtliche Gefühle des Analyti­kers in der Beziehung zum Patienten. Ihr Konzept ist allerdings nicht ohne Gefahren, da es keine Fehler des Analytikers rechtfertigt:

„Wenn dieser seine infantilen Konflikte und (paranoiden und depressiven) Ängste in seiner eigenen Analyse durchgearbeitet hat, so dass es ihm nicht schwer fällt, mit seinem eigenen Unbewussten in Kontakt zu kommen, wird er seinem Patienten nichts zuschreiben, was in Wirklichkeit zu ihm selbst gehört. Er hat zu einem stabilen Gleichgewicht gefunden, das es ihm ermög­licht, die Rolle zu übernehmen, die der Patient ihm zuschreibt – oder anders formuliert - auf ihn projiziert, wenn er seine Konflikte in der analytischen Beziehung dramatisiert.“ (Ebd., 116)

Auch Kernberg (2002) verstand unter Gegenübertragung induzierte Anteile des Patienten sowie mögliche Übertragungsdispositionen des Analytikers selbst:

„Konkordante und komplementäre Identifizierung mit dem Patienten, die der Analytiker in sich wahrnimmt, sind der Spiegel unbewußter Konflikte, die als affektiv besetzte Objektbeziehungen in der Übertragung deutlich werden.“ (313)

Nicht unwesentlich zu dieser Veränderung beigetragen hat ebenfalls Racker (1988), welcher bedauert, dass Analytiker durch das Eingestehen eigener neurotischer An­teile einen Teil ihrer Selbstachtung sowie Ansehen verlieren zu glauben (vgl. 156). Seine Neudefinition „setzt eine Art innerer Aufteilung voraus, die den Ana­lytiker befähigt, sich selbst (seine Subjektivität oder Gegenübertragung) zum Ob­jekt der Beobachtung und fortgesetzten Analyse zu machen“ (ebd.). In Richtung einer konstruktivistischen Anschauung hatte der Psychoanalytiker bereits in den 50er- und 60er-Jahren gedacht und beschrieb, dass in der Beziehung zwischen Analytiker und Analysand immer deren beider Gesamtpersönlichkeiten mit­schwingen und sich gegenseitig beeinflussen würden. „Mit seiner ganzen Persön­lichkeit antwortet sowohl der Analysand als auch der Analytiker auf alles, was in der analytischen Situation geschieht.“ (Ebd., 151f) Der Unterschied besteht darin, dass ei­ner der beiden bereits analysiert worden ist.

„Jeder Analytiker weiß sehr wohl, daß er selbst auch nicht völlig frei von kindlichen Abhängigkeiten, von neurotischen Objekt- und Subjektrepräsen­tanzen und von pathologischen Abwehrmechanismen ist.“ (Ebd., 126)

Racker (1988) beschreibt ergänzend dazu ein intersubjektives Konzept von Ge­genübertragungswiderstand, worin zunehmend die Widerstände des Analytikers als Bestandteile des therapeutischen Prozesses gewürdigt werden (vgl., 215f). Letztlich hänge es davon ab, ob diese Kräfte rechtzeitig erkannt und kontrolliert würden und in die therapeutische Beziehung miteinbezogen würden (vgl. Ermann 2014, 298).

Gegenübertragung wird durch die Erweiterungen des interpersonellen Paradigmas als Indikator, um die Übertragung festzumachen, verwendet, da man an ihr able­sen könne, was der Patient mitteilen möchte und welche Emotion er versucht im Analytiker unterzubringen. Gegenübertragung gilt nun nicht mehr als zu eliminie­render Störfaktor, dennoch wird das Konzept immer noch nicht als gleichzeitiger und beidseitiger Vorgang anerkannt, sondern lediglich als Reaktion, welche dosiert und kontrolliert werden müsse, verstanden.

2.3 Wesentliche Erweiterungen durch das sozialkonstruktivistische Paradigma

Für Bettighofer (2016) ist es nur schwer nachvollziehbar, dass sich der Einfluss des Analytikers auf die Übertragung so lange der gezielten Aufmerksamkeit und der Erforschung[12] entziehen konnte (vgl. 56). Die einseitige Triebbeziehungspsy­chologie Freuds wurde durch die Objektbeziehungstheorie erweitert und der tradi­tionelle Ansatz der Übertragung, als reine Wiederholung der Vergangenheit und Irrtum in der Zeit, wurde zunehmend fragwürdiger (vgl. Mertens 2004, 171). Das klas­sische Konzept der Übertragung belasse den Analytiker in einem unantastbaren Schonraum, „denn was kann beruhigender für einen Therapeuten sein, als sich der Auffassung zu vergewissern, daß der Patient nicht ihn persönlich meint, sondern Vater oder Mutter?“ (ebd., 178). Dadurch konnte der Therapeut sei­nen Einfluss leugnen und sich vom Patienten sowie vom interpersonellen Feld di­stanzieren:

„Der Analytiker kann nicht mehr als ein unabhängiger Beobachter seines Patienten gesehen werden, vielmehr gehen in seine Beobachtungen und Be­urteilungen, somit in seine innere kognitiven und emotionalen Konstruktio­nen und Deutungen, schon die Wirkung der bisherigen Transaktionen zwi­schen den beiden ein.“ (Bettighofer 2016, 67)

Diese Beschreibung einer sozialkonstruktivistischen Perspektive des Übertra­gungsbegriffs geht um einen wesentlichen Punkt über die ursprünglich von Freud und im Weiteren von Greenson entwickelte Auffassung hinaus (vgl. ebd., 92)[13], was aber nicht bedeutet, dass klassische Konstrukte inkorrekt und nutzlos sind.

2.3.1 Von einer defensiven zu einer konstruktiven Auffassung

Im Gegensatz zum klassischen Modell gelangt man in der sozialkonstruktivisti­schen Denkweise zu der Ansicht, dass alles, was der Therapeut beobachtet, be­schreibt und wie er sich verhält, nie unabhängig von seiner Person sein kann. Aufgrund seiner Einflussnahme auf die seelische Wirklichkeit des Patienten sind die Äußerungen des Patienten immer im Kontext des Verhaltens des Analytikers zu betrachten. „Über eine psychische Realität des Patienten unabhängig von seinem eigenen Verhalten kann er folglich nichts aussagen.“ (Streeck 2004, 34) Übertra­gung[14] stellt ein Beziehungsphänomen dar, das nicht alleine vom Patienten gestaltet wird, sondern der Therapeut nimmt zu jeder Zeit Einfluss auf die Therapie und ge­staltet sie folglich mit. In der sozialkonstruktivistischen Auffassung ist Übertragung „immer nur vor dem Hintergrund des Geschehens zwischen dem Patienten und dem Psychoanalytiker und ihrem jeweiligem Erleben der therapeutischen Bezie­hung zu verstehen“ (ebd., 34f).

Ein interaktives Verständnis des Übertragungsbegriffs und eine Neudefinition als „sozial-konstruktivistisches“ Paradigma liefern Gill und Hoffmann aufbauend auf die Objektbeziehungstheorien zu Beginn der 80er-Jahre (vgl. Herold & Weiß 2014, 1013).[15] Der Begriff des sozialen Konstruktivismus beinhaltet die Auffassung, dass jedes soziale Leben nicht vorgeformt existiert, sondern letztlich pausenlos von den Mitgliedern der Gesellschaft, durch ihr Verhalten zueinander und den Umgang miteinander, neu gebildet wird (vgl. Streeck 2004, 35f). Gesellschaft und gesellschaftliches Leben wird durch die Art und Weise des Handelns miteinander fortlaufend hervorgebracht und bekräftigt. Vor diesem Hintergrund wird im sozial­konstruktivistischen Paradigma alles, was im therapeutischen Setting passiert, von dem Patienten und dem Therapeuten als gemeinsam konstruiert angesehen, ein­schließlich der Übertragung, welche somit als Produkt ihrer Interaktion gelten kann:

„Verstehen der Übertragung ist nicht nur Verstehen der psychischen Erfah­rung des Patienten, sondern ist notwendigerweise Verstehen der Wechselsei­tigkeit des Verhaltens und Erlebens beider an der therapeutischen Beziehung beteiligten Parteien, des Patienten und des Psychotherapeuten.“ (Ebd., 36)

Die analytische Situation bietet dem Patienten folglich einen Ausgangsreiz für seine selektive Aufmerksamkeit, aus der er plausible Hypothesen bezüglich seiner Ge­fühle in Bezug auf die momentane Beziehung entwickelt (vgl. Herold & Weiß 2014, 1013). Dabei handelt es sich nicht mehr nur um „falsche Verknüpfungen“ (Freud 1895, 309), eine „verzerrte“ Wahrnehmung (Greenson 1986, 164) oder um einen „Irr­tum in der Zeit“ (ebd., 163), sondern um „durchaus adäquate und natürliche Reak­tionen auf die Behandlung durch den Therapeuten“ (Bettighofer 2016, 88). Häu­fig liefert der Therapeut einen Anlass, was den Patienten so fühlen und den Thera­peuten so erscheinen lässt, wie es in diesem Moment der Fall ist. Die Einstellung sowie das Verhalten des Therapeuten seinem Patienten gegenüber bewirken, dass be­stimmte Übertragungen in den Vordergrund rücken und in spezifischer Weise ausge­staltet werden (vgl. Streeck 2004, 229f).

Ihr Ursprung ist nicht ausschließlich in der seelischen Binnenwelt des Pati­enten lokalisiert, aus der sie dann in die therapeutische Beziehung hinein transportiert werden, sondern sie haben eine kommunikative Grundlage: Sie werden von dem Verhalten des Patienten und von dem Verhalten des Psy­chotherapeuten geprägt und sind in der Interaktion zwischen beiden veran­kert.“ (Ebd., 230)

Übertragung entsteht und besteht also nicht unabhängig vom Verhalten des Thera­peuten (vgl. ebd., 230). Durch die gemeinsame Teilhabe an diesem Pro­zess ist es auch notwendig, nicht nur das Verhalten des Patienten, sondern ebenso je­nes des Therapeuten als Antwort auf den Patienten und wiederum das Verhalten des Patienten als Antwort auf das Verhalten des Therapeuten miteinzubeziehen und zu betrachten (vgl. ebd., 230f).

„Erst dann läßt sich das Zusammenspiel von Patient und Psychotherapeut erkennen, ihre Interaktionen, aus der das Übertra­gungs- und Widerstandsgeschehen hervorgegangen ist und in die es eingebunden ist.“ (Ebd., 231)

Gill (1982) kennzeichnete durch die Ablehnung des Verzerrungskriteriums die ge­samte Beziehung zwischen Patient und Analytiker als Übertragung (vgl. 224). Der Analytiker reflektiert nun fortwährend seinen eigenen Einfluss auf das Bezie­hungssystem. „Analytiker und Analysand sind Beobachter, die sich gegenseitig beim Beobachten beobachten und sich fortwährend im Prozess der wechselseiti­gen Beschreibung verändern.“ (Herold & Weiß 2014, 1013) Alle Aussagen sowie Handlungen vom Patienten und vom Analytiker werden unmittelbar wieder zum Bestandteil der Interaktion, welche einen wechselseitigen und selbstbezüglichen Prozess darstellt. Die Veränderung im Patienten tritt durch die Strukturverände­rung des Systems der Patient-Analytiker-Beziehung ein. Gegenüber einer alten und neurotischen Wirklichkeitskonstruktion wird versucht, eine neue zu finden (vgl. ebd.). Anstelle des archäologischen Hervorhebens alter Konflikte im Patien­ten wird in der neuen Denkweise die Beziehung zwischen Patient und Analytiker gemeinsam konstruiert.

2.3.2 Die Beschaffenheit innerer Schemata

Die moderne, sozialkonstruktivistische Psychoanalyse bedient sich hier verhal­tenstherapeutischen Konstrukten, um zu veranschaulichen, wie sich Menschen in nicht einschätzbaren und fremden Situationen zurechtfinden und dadurch immer wieder auf bekannte Beziehungsmuster zurückgreifen.

Vor allem im therapeutischen Setting sind Patienten gezwungen, durch selektive Aufmerksamkeit nach Hinweisen und Signalen zu suchen bzw. Antworten des Analytikers hervorzurufen, die für denjenigen bekannt sind, um sie für sich zu er­klären. Die Komplexität dieser Aspekte muss reduziert werden. Diese emotiona­le Verfassung und Anpassung helfen dabei, die erlernten inneren Schemata in die gegenwärt­ige Situation einzuordnen und ihr somit einen Sinn zu geben (vgl. Herold 1995, 65). Die neuzeitliche konstruktivistische Psychoanalyse verwendet die aus der Entwicklungspsychologie stammenden Assimilations- und Akkomodationsprozess­e von Piaget (1981), welche Bettighofer (2016) zur Be­schreibung der Pro­zesse in der Übertragung verwendet. Der Autor bringt erstmals die Objektbezie­hungen mit den Schemata in Verbindung und beschreibt, wie Übertragung als Mo­dus, Erfahrung zu sortieren, kategorisiert werden kann.

Neue Informationen, Eindrücke und Erfahrungen müssen notwendigerweise struk­turiert und geordnet werden[16], damit sich das Individuum orientieren und zurecht­finden kann. Glasersfeld (2010) erörtert, dass das Wissen vom Individuum auf­gebaut werden muss, um Informationen in wiederholbare Erlebnisse und einiger­maßen verlässliche Beziehungen zwischen diesen zu ordnen. Diese Ordnung wer­de stets durch die vorhergehenden Schritte mit konstruiert (vgl. ebd., 37). Grawe (1998) geht ebenso davon aus, dass das Verhalten und Erleben von motivationalen Sche­mata gesteuert wird, welche sich als Selbst- oder Objektrepräsentanzen bezeich­nen lassen. Diese werden durch äußere Ereignisse aktualisiert und organisieren dementsprechend die Wahrnehmung und das Handeln (vgl. ebd., 336f). Wie das Erle­ben und Verhalten durch grundlegende Schemata organisiert und gesteuert wird, bringt der Psychotherapeut gezielt auf den Punkt:

„Schemata bestimmen die Auswahl dessen, was wir wahrnehmen, und nach welchen Kategorien wir unsere Wahrnehmungen organisieren. Gleichzeitig werden die der Wahrnehmung zugrundeliegenden Schemata mit jedem Wahrnehmungsakt durch das Wahrgenommene angereichert, differenziert, modifiziert, da die objektiv gegebene Umgebungsinformation mehr oder auch anderes enthält als nur das, was wir mit unseren bestehenden Schemata an die Umgebung herantragen.“ (Ebd., 757f)

Durch das Einfügen eines Teils der Umgebungsinformation in die bestehenden Schemata werden die bereits vorhandenen allmählich angereichert, also assimi­liert. Lässt sich die Umgebungsinformation nicht an die bestehenden Sche­mata as­similieren, müssen die Schemata an die Umgebung angepasst, also akko­modiert werden, wodurch diese differenziert oder neue Schemata herausgebildet werden. Gelingt die Akkomodation nicht, müsse ein Teil dieser Information aus der Wahr­nehmung ausgeblendet oder verzerrt wahrgenommen werden, denn „all unser Er­leben und Verhalten ist Produkt der jeweils aktivierten Schemata“ (ebd., 757f).

Einen Grund, weshalb immer wieder die gleichen Erfahrungen gemacht werden und auf bekannte Beziehungsmuster zurückgegriffen wird, stellt laut Piaget (1981) die Äquilibrierung dar. Dieser Prozess vermittelt Assimilation und Akkomodation, sodass das innere Gleichgewicht nicht über die tragbare Grenze hinaus verunsichert wird. Übertragung ist ubiquitär und nicht pathologisch, wird es allerdings dann, wenn das Gleichgewicht zwischen Assimilation und Akkomodation nicht mehr funktioniert. Äußere Eindrücke können dann nicht mehr entsprechend inneren Mustern assimi­liert werden (vgl. ebd., 102f).

Assimilation ist auf „die im Laufe der Entwicklung entstehenden fundamentalen psychogenetischen Verknüpfungen" (ebd., 41) zurückzuführen. Dabei werden externe Ele­mente in die Strukturen des Organismus integriert. Selbst wenn das Verhalten für das Individuum neu ist, bedeutet es keinen absoluten Neu­anfang, „denn es wird stets auf schon vorhandene Pläne übertragen“ (ebd., 42). Bei bereits aufgebauten Strukturen, z.B. Reflexen des Säuglings[17], reicht es je­doch nicht nur zur Assimilation, denn das würde die Variationen in den Strukturen des Kindes, den Erwerb neuer Inhalte verhindern und die Entwicklung stagnieren lassen. Assimilation sorgt jedoch für die Kontinuität der Strukturen sowie die Inte­gration neuer Elemente in diese. Daher kann Assimilation nie ohne ihr Gegen­stück, die Akkomodation, stattfinden. Jede Modifikation, die von einer Assimilation her­vorgerufen wird, führt zur Akkomodation, welche die „spezifische Antwort auf bestimmte äußere Bedingungen“ (ebd., 44) darstellt. Kognitive Adaption besteht somit aus einem Gleichgewicht zwischen diesen beiden Aspekten, welche nicht un­abhängig und getrennt voneinander vorkommen. Die Akkomodation tritt dann ein, wenn die Assimilation versagt (vgl. ebd., 44f).

Auch Wachtel (1981) denkt traditionelle Wahrnehmungskonzepte durch die Hin­zunahme von kognitiver Entwicklungstheorien und Begriffen wie Schema, Assi­milation und Akkomodation von Piaget neu, mit dem Ziel, sie von der überholten assoziationspsychologischen Sichtweise von Freud zu lösen (vgl. ebd., I). Bedeutet ein Schema eine Erfahrung, so bedeutet Assimilation eine Erfahrung, die sich in schon vorhandene Schemata einfügen lässt. Akkomodation entsteht dann, wenn ge­genwärtig bestehende Schemata verändert werden müssen, weil sonst die Integra­tion der neuen Erfahrung nicht möglich ist. Ein bereits vorhandenes Schema wird assimiliert und jenes Schema verfügt über einen sehr weiten Bedeutungsumfang. Im der Therapie kann die Assimilation durch bestimmte Eigenarten oder Merkmale des Therapeuten ausgelöst werden, welche zu den Erfahrungen aus der Vergangenheit des Patienten passen. Dies veranlasst dazu, Auslöser für die Übertragung zu finden und zu analysieren. Hier beginnt die Übertragungsanalyse (vgl. ebd., II). Im therapeutischen Setting befindet sich der Patient im Zustand einer selektiven Wahrnehmungseinstellung, die ihn durch die Aktualisierung der inneren Erlebnisschemata für bestimmte Hinweisreize des Therapeuten empfänglich bzw. weniger empfänglich macht (vgl. Herold 1995, 65). Nach Gill entstehen so die Feinstrukturen der globalen Übertragung, welche z.B. Mutter, Vater, Geschwister etc. sein können. Diese können am besten als Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster beschrieben sowie in Einstellungen, Haltungen, Absichten und Erwartungen erkennbar werden (vgl. Bettighofer 2016, 43).

Aktivierte Schemata können zu einer Wahrnehmungsverzerrung führen, was die Folge ist, aber nicht das Wesentliche der Übertragungsreaktion (Fosshage 1994, 271). „Schemas are activated, not transferred." (Ebd.) In der control-mastery-Theorie, einem Konzept psychoanalytischer Therapie basierend auf kognitiven Erkenntnissen, gehen die Autoren Weiss und Sampson (1986) davon aus, dass der Patient den Therapeuten in bestimmte Situationen bringt und ihn auf den Umgang mit seinen neurotischen Erwartungen testet. Der Klient organisiere also in der therapeutischen Situation, durch seine spezifischen Befürchtungen, Erwartungen und Pläne, seine Wahrnehmungen entsprechend seiner unbewussten Schemata (vgl. ebd., 101).[18]

Bettighofer (2016) trägt die Aussagen verschiedener Autoren zusammen, worin Übertragung und Gegenübertragung als Folge intrapsychischer und interpersonel­ler Organisations- und Regulationsvorgänge entstehen. Diese greifen eng ineinan­der, folgen aufeinander und bedingen sich gegenseitig. Unbewusst sind Therapeut und Patient bestrebt, „ihr inneres Gleichgewicht nicht über ein erträgliches Maß hinaus stören zu lassen“ und versuchen, die Begegnung so zu gestalten, „dass ihr Wohlbefinden und ihre Selbstachtung möglichst wenig verunsichert werden“ (ebd., 69). In der Therapie ist auch der Patient nicht zu allem bereit, sondern achtet unbe­wusst auf den Erhalt seines Wohlbefindens und vermeidet so die Gefahr einer Re­traumatisierung. Daraus ergeben sich Widerstände gegen das Bewusstwerden der Übertragung und der damit einhergehenden therapeutischen Schritte (vgl. Gill 1982, 199).

Freud war der Ansicht, der Wiederholungszwang, also der Zwang, etwas Verges­senes zu wiederholen, sei der Grund, weshalb Übertragung entsteht. Im sozialkon­struktivistischen Paradigma ist man der Ansicht, der Patient suche den Therapeut anhand seiner vorbewussten Erwartungshaltung mit selektiver Aufmerksamkeit nach Hinweisen ab, die er als „Wiedererkennung“ des ihm Vertrauten einkategori­sieren und seinen situativ aktualisierten Schemata anpassen kann. Der Patient be­obachtet präzise und versucht, den Therapeuten hinsichtlich der für ihn relevanten Merkmale einzuschätzen, um zu wissen, was er zu erwarten habe. Deshalb sei er un­bewusst ständig auf der Suche nach Hinweisen im Verhalten des Therapeuten, welche ihm seine Befürchtungen bestätigen könnten (vgl. Bettighofer 2016, 96).

„Diese selektive Aufmerksamkeit ist vermutlich ein wesentlicher Bestand­teil des Wiedererkennungszwanges. Ihr eigentlicher Zweck besteht sicher nicht in der Re-Inszenierung einer traumatischen Beziehungskonstellation; vielmehr dient sie primär dazu, Hinweise zu erkennen, die bestimmte Be­fürchtungen im Sinne einer Signalangst beim Patienten auslösen, um die Wiederholung einer traumatischen Erfahrung vermeiden zu können.“ (Ebd., 98)

[...]


[1] Latente Wünsche werden, ähnlich wie im Traum, durch das Medium des Märchens in die manifesten Symbole der Geschichte verwandelt und so in Sprache umgesetzt (vgl. Neidhardt 1977, 101).

[2] „Teacher is withholding and wishes to expose the student's ignorance, the teacher is reserved, cold, hostile, the teacher fails to give sufficient guidance and direction.“(Tyler 1967, 261)

[3] „Drowsiness, irritation at particular students, tendency to hammer away at a point.“ (Tyler 1967, 261)

[4] Erstere meint positive Gefühle wie Sympathie, Liebe und Respekt. Zweitere meint negative Gefühle wie Formen der Aggression z.B. Zorn, Hass, Verachtung (vgl. Greenson 1986, 47).

[5] Agieren meint ein Verhalten oder Handeln, worin Kindheitserfahrungen wiederholt werden, ohne dass dies dem Subjekt bewusst sei (vgl. Klüwer 2015, 44).

[6] Objektivistisch bedeutet hier, dass der Therapeut während der Analyse nur unbeteiligter Zuschauer ist und objektive Deutungen gibt, der Patient ist das wissenschaftliche Objekt.

[7] Ihr Werk Das Ich und die Abwehrmechanismen gilt seit Jahrzehnten als ein unentbehrliches Lehrbuch für die Psychoanalyse (vgl. Herold & Weiß 2014, 1010).

[8] Parallel zur Klein'schen Schule in Großbritannien und zur Nordamerikanischen Schule bemühte sich in Frankreich Lacan um eine Symbolisierungsleistung, welche die Subjektivität des Analytikers von Anfang an mit einschließt. Mit der Relektüre Freuds versuchte der Psychiater und Psychoanalytiker, eine theoretische Neubestimmung des Übertragungskonzepts zu entwickeln (vgl. Herold & Weiß 2014, 1013).

[9] Objektkonstanz bezeichnet die Fähigkeit, „eine konstante Vorstellung vom Liebes-Objekt über Trennungen und wechselnde affektive Stimmungslagen bzw. Interaktionssituationen hinweg zu erhalten.“ (Fischer 2014, 650) Das frühkindliche Liebesobjekt, z.B. die Mutter, existiert in der Wahrnehmung des Kindes zunächst in Teil-Repräsentationen. Die Bildung von Objektkonstanz beinhaltet die Konstruktion einer einheitlichen Repräsentanz, welche die unterschiedlichen Erfahrungen und Teil-Repräsentationen bezüglich des frühkindlichen Liebesobjekts zu einem Personen-Schema zusammenfasst (vgl. ebd., 659).

[10] Bion (1997) nennt diesen Vorgang Containing und beschreibt damit das Modell eines lebendigen Behälters. Eine Bezugsperson stellt sich zur Verfügung, um Affekte wie z.B. Wut, Angst etc. in sich aufzunehmen, sie aufzubewahren, sie zu verarbeiten und sie anschließend abgemildert wieder zurückzugeben. So bietet die Person, z.B. einem Säugling, Schutz vor noch unerträglichen Emotionen und gibt ein Gefühl der Stetigkeit (vgl. ebd., 26).

[11] Helene Deutsch wies noch vor Racker auf ein Behandlungshindernis aufseiten des Analytikers hin, welcher durch eine Komplementäreinstellung seinen Handlungsspielraum einschränke. Dadurch bewertete sie die Gegenübertragung neu und sah das Hindernis nicht per se in diesem Phänomen (vgl. Ermann 2014, 297).

[12] Seit Beginn der 50er-Jahre gibt es empirische Ansätze zur Untersuchung von Übertragungsphänomenen (vgl. Mertens 2004, 241). Auch Herold und Weiß (vgl. 2014, 1014) sowie Ermann (vgl. 2014, 298) tragen verschiedene empirische Forschungsergebnisse zusammen.

[13] Für den Einfluss des Analytikers auf die Behandlung konnte Freud (1920) zwar noch kein Konzept entwickeln, er erkannte jedoch die Bereitschaft des Therapeuten zur Rollenübernahme und zum Mitagieren: „Alle diese unerwünschten Anlässe und schmerzlichen Affektlagen werden nun vom Neurotiker in der Übertragung wiederholt und mit großem Geschick neu belebt. Sie streben den Abbruch der unvollendeten Kur an, sie wissen sich den Eindruck der Verschmähung wieder zu verschaffen, den Arzt zu harten Worten und kühlem Benehmen gegen sie zu nötigen […].“ (Ebd., 19)

[14] Der Schwerpunkt der aktivierten Schemata hängt vom Therapeuten, seinem Interaktionsangebot und der Situation ab, so können Patienten nicht nur eine Übertragung, sondern mehrere gleichzeitig haben (vgl. Bettighofer 2016, 110).

[15] Gill und Hoffman versuchten, bewusste und unbewusste Beziehungsmuster mit einem Ratingverfahren zu identifizieren. Anhand transkribierter psychotherapeutischer und psychoanalytischer Sitzungen ließen sich explizite sowie implizite Hinweise auf eine Übertragungsbeziehung im Material des Patienten erfassen (vgl. Mertens 2004, 241f).

[16] Dieser Prozess beginnt bereits bei der Erkennung einfacher Zeichen (vgl. Kebeck 1994, 169), wobei die Wahrnehmungspsychologie darauf verweist, dass bereits hier ein komplexes Zusammenwirken einer Vielzahl von Nervenzellen erforderlich ist (vgl. ebd., 23f).

[17] Der Säugling lernt, an seinem Daumen zu lutschen, assimiliert den Vorgang des Lutschens also. Möchte er nun an der Brust saugen, funktioniert dies nicht mehr, muss also an die Brust angepasst werden und somit akkomodiert werden (vgl. Piaget 1981, 44).

[18] Nach den Autoren soll dieses Testen einem alltäglichen Verfahren ähnlich sein, z.B. in angehenden Liebesbeziehungen. „It is a basic means by wich a person may attempt to understand someone who is importent to him, and thus is a crucial part of his reality testing." (Weiss & Sampson 1986, 102)

Ende der Leseprobe aus 227 Seiten

Details

Titel
Unbewusste Gegenübertragungsreaktionen von Lehrern als Herausforderung in der Schüler-Lehrer-Interaktion unter agierter Aggression
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
1
Autor
Jahr
2017
Seiten
227
Katalognummer
V372970
ISBN (eBook)
9783668518667
ISBN (Buch)
9783668518674
Dateigröße
1992 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Inklusive 45 Seiten Anhang
Schlagworte
Tiefenhermeneutische Analyse, Szensiches Verstehen Deutungswerkstatt, Supervision, Übertragung und Gegenübertragung von Freud bis heute, psychoanalytische Pädagogik, unbewusst agierte Agression, Gegenübertragungswiderstand
Arbeit zitieren
Manuela Steiner (Autor), 2017, Unbewusste Gegenübertragungsreaktionen von Lehrern als Herausforderung in der Schüler-Lehrer-Interaktion unter agierter Aggression, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372970

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