Unabhängigkeit, geldpolitischer Konservativismus und Inflationsvorhersagen

Eine Cross-Country-Untersuchung der Ursachen und Erklärungsfaktoren von Fehlern offizieller Notenbankprognosen


Diplomarbeit, 2007

116 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

Verzeichnis der symbolischen Ausdrücke

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hypothesen
2.1 Theoretische Überlegungen
2.2 Ein statisches Modell

3 Die Messung von Unabhängigkeit und geldpolitischem Konservativismus
3.1 Überblick über das Kapitel
3.2 Bisherige Studien
3.2.1 Stand der Literatur
3.2.2 Indizes der Notenbankgesetzgebung
3.3 Konzeptionelle und empirische Trennung von Unabhängigkeit und Konservativismus
3.4 Operationalisierung der Konzepte im Rahmen dieser Studie
3.4.1 Vorbemerkungen
3.4.2 Unabhängigkeit
3.4.3 Konservativismus
3.4.4 Änderbarkeit der Notenbankgesetzgebung

4 Die Daten
4.1 Inflationsprognosen und realisierte Inflation
4.2 Unabhängigkeitsindex
4.2.1 Interpretationskonventionen
4.2.2 Realisationen und Vergleich mit bisherigen Indizes
4.3 Konservativismus-Index
4.3.1 Interpretationskonventionen
4.3.2 Realisationen und Zusammenhang mit Unabhängigkeitsmaßen
4.4 Veto-Indizes
4.5 Wahltermine

5 Empirische Untersuchung der Prognosefehler und ihrer Erklärungsfaktoren
5.1 Überblick über das Kapitel
5.2 Deskriptive Analyse von Unverzerrtheit und Prognosequalität
5.2.1 Methodische Vorbemerkungen
5.2.2 Ergebnisse der Analyse
5.3 Analyse der Erklärungsfaktoren
5.4 Einschränkungen der empirischen Analysen

6 Zusammenfassung und Forschungsperspektiven

Literatur

Anhang A1 (Datenquellen)

Anhang A2 (Beweis der MSE-Zerlegung aus Abschnitt 5.2.1)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Verzeichnis der symbolischen Ausdrücke

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

Tabellen

Tabelle 1: Indikatoren der Unabhängigkeitsmaße auf Basis rechtlich­institutioneller Indikatoren

Tabelle 2: Indikatoren zur Messung der Notenbankunabhängigkeit

Tabelle 3:Indikatoren zur Messung des geldpolitischen Konservativismus

Tabelle 4: Überblick über die Stichprobe der Notenbankprognosen

Tabelle 5: Verteilung der Prognosebezugszeitraum-Längen

Tabelle 6: Mittelwerte und Standardabweichungen der Inflationsmaße

Tabelle 7: Realisationen des Unabhängigkeitsindex

Tabelle 8: Vergleich der Realisationen der Unabhängigkeitsindizes (Gesamtunabhängigkeit)

Tabelle 9: Vergleich der Realisationen der Unabhängigkeitsindizes (persönliche Unabhängigkeit)

Tabelle 10: Interpretation (und Time) Spread zwischen Cukierman et al. (1992) und der vorliegenden Studie

Tabelle 11: Robustheit des Unabhängigkeitsindex bezüglich Variationen der Amtszeitgrenze

Tabelle 12: Realisationen des Konservativismus-Index

Tabelle 13: Verteilung der Veto-Macht und Berechnung der Veto-Indizes I und I

Tabelle 14: Anwendbarkeit der diskutierten Verfahren zum Test auf Unverzerrtheit

Tabelle 15: Qualität der Inflationsprognosen: Deskriptive Fehlermaße

Tabelle 16: Zerlegung der mittleren quadrierten Abweichung (MSE)

Tabelle 17: Unverzerrtheit der Inflationsprognosen: Test auf gleiche Wahrscheinlichkeit von Unter- und Überschätzungen

Tabelle 18: Qualität und Unverzerrtheit der Inflationsprognosen: Regressionsanalyse

Tabelle 19: Unverzerrtheit der Inflationsprognosen: Überblick über die Testergebnisse

Tabelle 20: Ergebnisse der Schätzung von Modellserie 1 77

Tabelle 21: Ergebnisse der Schätzung von Modellserie 2 79

Tabelle 22: Robustheit der Ergebnisse von Modellserie 2 83

Tabelle 23: Ergebnisse der Schätzung von Modellserie 3 85

Tabelle 24: Ergebnisse der Schätzung von Modellserie 4 (mit Wahlenterminen 89 nach Konvention 1)

Tabelle 25: Ergebnisse der Schätzung von Modellserie 4 (mit Wahlenterminen 90 nach Konvention 2)

Tabelle 26: Erklärung von Residuen der Modellreihe 2 durch Zinsänderungen 92 der Bank of England

Abbildungen

Abbildung 1: Verteilung der Prognosehorizonte

Abbildung 2: Situation bei Holden/Peel (1990)

Abbildung 3 Anreizstruktur der Notenbank

1 Einleitung

Spätestens seit Inflation Targeting als Framework zur Erreichung stabiler, niedriger Inflation unter Notenbanken immer populärer wurde, richtete sich die Aufmerksamkeit der Geldpolitik verstärkt auf die Kommunikation mit der Öffentlichkeit und damit auch auf die offiziellen Inflationsprognosen, auf deren Basis die Zentralbanken dem interessierten Publikum die Wirkung ihrer geldpolitischen Maßnahmen zu erklären und es über ihre Einschätzung der wahrscheinlichen ökonomischen Entwicklung zu informieren begannen. Die Qualität dieser Prognosen wird von den Notenbanken heute teilweise selbst regelmäßig untersucht, wobei oft nicht nur die aufgetretenen Abweichungen zur tatsächlichen Preisniveausteigerung quantitativ dargestellt werden, sondern zugleich versucht wird, die Prognosefehler ökonomisch zu erklären (vgl. hierzu beispielhaft die Analysen der norwegischen Notenbank in Norges Bank (2007:54ff.)).

Eine politik-ökonomische Betrachtung der Anreize, denen die Zentralbanken bei der Erstellung der Prognosen ausgesetzt sind, wurde unseres Wissens hingegen bislang noch nicht versucht. Diesem Gegenstand widmet sich die vorliegende Untersuchung. Auf Basis theoretischer Überlegungen wird in einer empirischen Analyse von insgesamt 2.029 einzelnen Notenbankprognosen aus 10 Ländern gezeigt, dass die Unabhängigkeit der Zentralbanken von der Regierung sowie der geldpolitische Konservativismus der Notenbanker auf dem Wege von Anreizmechanismen Auswirkungen auf die Höhe der offiziellen Inflationsprognosen haben.

In Kapitel 2 wird dazu zunächst die zentrale theoretische Hypothese dieser Studie diskutiert, dass Notenbanken, die unabhängig und konservativ sind, die Inflation relativ zum tatsächlichen Outcome höher einschätzen, als andere Zentralbanken. Zur Stützung dieser Hypothese werden in Unterkapitel 2.1 zwei wesentliche Argumente analysiert, bevor im folgenden Unterkapitel im Rahmen eines einfachen, statischen Modells gezeigt wird, wie sich die Existenz von Informationskosten auf die Möglichkeit der Zentralbank, die Erwartungen der Wirtschaftssubjekte mit Hilfe offizieller Inflationsprognosen zu beeinflussen, auswirkt.

Bei der empirischen Untersuchung der in Kapitel 2 diskutierten Hypothese kommt der Operationalisierung der Notenbankunabhängigkeit und des geldpolitischen Konservativismus große Bedeutung zu. Deshalb widmet sich Kapitel 3 ausführlich dieser Fragestellung. Nach einer kurzen Einführung (Unterkapitel 3.1) und einem Überblick über die bestehende Literatur im Allgemeinen (Abschnitt 3.2.1) sowie die an rechtlich-institutionellen Merkmalen der Notenbanken anknüpfenden Indizes im Besonderen (Abschnitt 3.2.2) diskutiert Unterkapitel 3.3 das Verhältnis von Unabhängigkeit und Konservativismus aus theoretischer Sicht. Aufbauend auf der in Unterkapitel 3.2 betrachteten Literatur sowie den Überlegungen des Unterkapitels 3.3 und der daraus resultierenden Abgrenzung beider Konzepte, werden in Unterkapitel 3.4 nach einigen grundlegenden methodischen Vorbemerkungen (Abschnitt 3.4.1) neue Indizes zur Messung der Notenbankunabhängigkeit (Abschnitt 3.4.2) und des geldpolitischen Konservativismus (Abschnitt 3.4.3) vorgeschlagen, die wesentliche Schwächen der aus der Literatur bekannten Maße vermeiden. Darüber hinaus werden schließlich zwei Indexzahlen für die Änderbarkeit der Notenbankgesetzgebung vorgestellt (Abschnitt 3.4.4).

Kapitel 4 betrachtet im Anschluss daran die dieser Studie zugrundeliegenden Daten. Nachdem in Unterkapitel 4.1 zunächst die Inflationsprognosen sowie die tatsächlich realisierten Inflationswerte thematisiert wurden, widmen sich die Unterkapitel 4.2, 4.3 und 4.4 den Realisationen der in Kapitel 3 vorgeschlagenen Indizes zur Messung der Unabhängigkeit, des geldpolitischen Konservativismus und der Änderbarkeit der Notenbankgesetzgebung. Unterkapitel 4.5 schließlich diskutiert die den empirischen Untersuchungen des folgenden Kapitels zugrundeliegenden Daten zu Parlaments- und Präsidentschaftswahlen.

In Kapitel 5 werden dann die Ergebnisse der empirischen Analyse der Prognosefehler vorgestellt. Im Anschluss an einem kurzen Überblick über das Kapitel (Unterkapitel 5.1) werden in Unterkapitel 5.2 mit der Qualität und Unverzerrt heit zwei wesentliche Eigenschaften der Prognosen deskriptiv untersucht. Das dafür erforderliche methodische Instrumentarium wird in Abschnitt 5.2.1 entwickelt, bevor der folgende Abschnitt die Ergebnisse der Analyse präsentiert. Das anschließende Unterkapitel 5.3 widmet sich sodann einer erklärenden Untersuchung der Prognosefehler auf Grundlage der in Kapitel 2 diskutierten Hypothese. Unterkapitel 5.4 weist zum Abschluss auf einige methodische Probleme insbesondere der im vorangegangenen Unterkapitel vorgestellten Analysen hin und zeigt mögliche Lösungsansätze auf.

Kapitel 6 schließlich fasst die zentralen Ergebnisse dieser Studie zusammen und gibt einen Ausblick auf mögliche Erweiterungen und verwandte Fragegestellungen.

2 Hypothesen

2.1 Theoretische Überlegungen

Folgt man dem Konzept der (um Erwartungen erweiterten) Phillipskurve, besteht ein kurzfristiger Trade-off zwischen Arbeitslosigkeit (bzw. volkswirtschaftlichem Output[1] ) und Inflation. Dieser gegenläufige Zusammenhang resultiert aus dem Umstand, dass der auf dem Arbeitsmarkt vorherrschende (Netto-)Nominallohn neben der realen Anspruchsvergütung der Arbeitsanbieter auch eine die über die Vertragslaufzeit erwartete Inflationsentwicklung abbildende Komponente enthält. Kommt es nun tatsächlich zu einer Preisniveausteigerung, die exakt der erwarteten Inflation entspricht, realisieren die Arbeitnehmer eine reale Vergütung in Höhe ihres Anspruchslohns. Ist die Inflation hingegen höher, als von den Marktteilnehmern erwartet, sinkt der Reallohn, was die Arbeitsnachfrage seitens der Unternehmen stimuliert. Da der Arbeitsmarkt aufgrund kollektiver Lohnfindungsmechanismen und bestimmter Regulierungen eher von der Nachfrage- denn von der Angebotsseite restringiert ist (Cukierman (1992:17)), findet diese erhöhte Arbeitsnachfrage unmittelbaren Niederschlag in der gleichgewichtigen Arbeitsmenge. Demnach könnte ein über Instrumente zur Beeinflussung der Inflation verfügender staatlicher Akteur (wie beispielsweise die Zentralbank im Rahmen der Geldpolitik) für einen gewissen Zeitraum die Beschäftigungslosigkeit unter jenes „natürliche“ Niveau senken, dass sich ohne weiteren staatlichen Eingriff alleine aus dem Optimierungskalkül der Wirtschaftssubjekte unter Berücksichtigung des vorhandenen institutionell­regulatorischen Rahmens (Tarifverhandlungssysteme, Mindestlöhne, etc.) als Gleichgewicht einstellte. Friedman (1968:9ff.) argumentierte schon früh, dass ein solcherart ausnutzbarer Trade-off zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation langfristig nicht bestehen kann, da sich die Erwartungen der privaten Agenten mit der Zeit anpassten und somit die staatlichen Bemühungen, eine überraschend hohe Inflation zu induzieren, in der langen Frist notwendig scheitern müssten. Die nachfolgende Literatur zeigte, aufbauend auf den grundlegenden Arbeiten von Kydland/Prescott (1977) und Barro/Gordon (1986), dass nicht nur die langfristige Stimulation des Arbeitsmarktes durch Mittel der Geldpolitik unmöglich, sondern trotz des Wissens aller beteiligten Akteure um diese Zusammenhänge ein ineffizient hohes Niveau der Inflation im Allgemeinen unvermeidlich ist. Denn eine auch Beschäftigungsziele verfolgende Notenbank, die über den Inflationsoutcome entscheidet, nachdem die privaten Wirtschaftssubjekte untereinander Verträge auf Basis ihrer Erwartungen der zukünftigen Inflation abgeschlossen haben, unterliegt trotz möglicherweise gegenteiliger Ankündigungen stets dem Anreiz, durch eine noch höhere Preisniveausteigerung doch noch positiv auf das Beschäftigungsniveau einzuwirken. Kennen die Wirtschaftssubjekte aber die Zielfunktion der Notenbank, in der annahmegemäß Arbeitslosigkeit und Inflation über negative Gewichte verfügen, können sie die optimale Reaktion der Geldpolitik auf ihre eigene Erwartungsbildung präzise bestimmen. Im Gleichgewicht dieses strategischen Spiels erwarten sie daher genau jene Inflation, die die Zentralbank unter Zugrundelegung der privaten Erwartungen optimalerweise induziert. Da die realisierte Preisniveausteigerung exakt den Erwartungen entspricht, ergeben sich keine Auswirkungen auf die Beschäftigung. Alleine die Inflation ist höher als jene, die erreicht würde, wenn die Zentralbank eine glaubwürdige Verpflichtung (Commitment) eingehen könnte, die Wirtschaftssubjekte nach Abschluss ihrer Verträge nicht mit einer höheren Inflation zu überraschen.[2] Zwei wichtige Faktoren, die in ihrem Zusammenwirken eine solche Verpflichtung der Zentralbank glaubwürdig werden lassen können, sind ihre Unabhängigkeit von der annahmegemäß auch an Output-Zielen orientierten Regierung sowie der geldpolitische Konservativismus ihrer Entscheidungsträger. Rogoff (1985) hat gezeigt, dass eine Notenbank, deren Entscheidungsträger in geringerem Maße als die Regierung oder die Gesellschaft als Ganzes an Beschäftigungssteigerungen interessiert (und in diesem Sinne geldpolitisch konservativ) sind, im Gleichgewicht eine niedrigere Inflation erreichen kann, da sie einem weniger starken Anreiz unterliegt, die Wirtschaftssubjekte durch Überraschungsinflation zu täuschen und so die Arbeitsnachfrage zu stimulieren.[3] Das Commitment der Zentralbank auf eine niedrige Inflation wird allerdings erst dadurch glaubwürdig, dass der konservative Notenbanker Unabhängigkeit von der Regierung genießt. Denn würde sich im Konfliktfall die Regierung gegenüber ihrer Zentralbank durchsetzen können, wären nicht die Präferenzen der Notenbank, sondern die stärker die Beschäftigung gewichtenden Zielvorstellungen der Regierung für das Inflationsergebnis maßgeblich. Daher kann sich nur eine konservative und unabhängige Zentralbank auf die gesellschaftlich optimale Inflation verpflichten.[4]

Den bisher diskutierten Modellen liegt die Annahme zugrunde, dass die Wirtschaftssubjekte über das Verhalten der Notenbank Erwartungen bilden, die dadurch gekennzeichnet sind, dass die Wahrscheinlichkeitsverteilung der tatsächlichen Verhaltensergebnisse mit der von den privaten Agenten erwarteten Verteilung übereinstimmt (und mithin insbesondere die Erwartungswerte von „objektiver“ und erwarteter Verteilung identisch sind). In diesem Sinne verstandene rationale Erwartungen dürften allerdings in der ökonomischen Realität in den seltensten Fällen anzutreffen sein. Denn die für die Erwartungsbildung erforderliche Suche und Verarbeitung von Informationen verursacht Kosten, die rational handelnde Wirtschaftssubjekte demjenigen Nutzen gegenüberstellen, der ihnen aus qualitativ hochwertigen (d.h. i.A.: korrekten) Erwartungen zufließt. Die Anwendung dieses einfachen ökonomischen Kalküls hat zwei bemerkenswerte Konsequenzen: Erstens nämlich werden nicht alle Wirtschaftssubjekte alle potentiell zur Verfügung stehenden Informationen zur Bildung ihrer Erwartungen nutzen. Die Zielfunktion der Zentralbank beispielsweise mag zwar auf Basis ökonometrischer Analysen des Verhaltens der Notenbank in der Vergangenheit geschätzt werden können, doch dürfte dies für die meisten Wirtschaftssubjekte mit Kosten verbunden sein, die es fraglich erscheinen lassen, ob der aufwändigen Untersuchung ein angemessener Nutzen gegenübersteht. Doch nicht nur ist die Menge der beschafften und analysierten Informationen bezüglich relevanter Parameter und makroökonomischer Entwicklungen aufgrund des rationalen Verhaltens der Wirtschaftssubjekte oftmals beschränkt, auch auf die Erlangung des Wissens um den kurzfristigen Phillipskurven- Trade-off und den in Abhängigkeit von der Notenbank-Zielfunktion möglicherweise daraus erwachsenden Anreiz, die Wirtschaftssubjekte zu täuschen, mögen einige vollkommen rational handelnde Agenten aus ökonomischen Gründen verzichten.[5] Zweitens werden die Wirtschaftssubjekte, da die Beschaffung und Auswertung von Informationen kostspielig ist, möglichst auf Quellen zurückgreifen, die die Informationen bereits nach Relevanz priorisiert, fertig ausgewertet und kostengünstig zur Verfügung stellen. Dies können beispielsweise Medien oder Wirtschaftsforschungsinstitute, aber auch die Zentralbank selbst sein. In einer methodisch einfachen Analyse zeigt Fujiwara (2005), dass sich die Inflationsvorhersagen professioneller Forecaster für Japan an den Prognosen der Bank of Japan orientieren, was ein Hinweis auf die Beeinflussbarkeit privater Erwartungen durch die Notenbank ist.[6] Hat diese aufgrund ihrer Zielfunktion ein Interesse an einer Erhöhung der Beschäftigung, kann sie somit versuchen, durch Publikation geeigneter „Prognosen“ die Erwartungen der Wirtschaftssubjekte nach unten zu korrigieren. Das gleiche gilt, wenn die Notenbank zwar äußerst konservativ, aber in Ermangelung von Unabhängigkeit gegenüber der Regierung nicht durchsetzungsfähig ist, sodass nicht ihre eigene, sondern die Zielfunktion der Regierung entscheidungsrelevant ist. Der Anreiz, die Prognosen optimistischer zu gestalten sollte folglich geringer sein, wenn eine Zentralbank konservativ und unabhängig ist. Bei ihrem Versuch, die Erwartungsbildung der Wirtschaftssubjekte zu beeinflussen, muss die Notenbank allerdings berücksichtigen, dass sie im Falle allzu großer Verzerrungen ihrer Prognosen im Laufe der Zeit an Einfluss auf die Erwartungsbildung der privaten Akteure verlieren wird.

Ein zweiter Effekt, der in derselben Richtung wie das Täuschungsmotiv auf die Inflationsprognosen wirkt, resultiert aus dem Umstand, dass Notenbanken, die in ihrer Zielfunktion ein Beschäftigungsziel mit positivem Gewicht berücksichtigen und um ihren Einfluss auf die private Erwartungsbildung wissen, einen Risikoabschlag auf ihre Inflationsprognosen vornehmen werden. Denn übersteigen die (durch die Notenbankprognosen beeinflußten) privaten Erwartungen die tatsächliche Preisniveausteigerung, kommt es aufgrund steigender Reallöhne und mithin sinkender Arbeitsnachfrage zu Verlusten bei Output und Beschäftigung, welche die Zentralbank zu vermeiden versucht. Auch dieser Effekt ist bei Zentralbanken, die unabhängig und konservativ sind, in geringerem Maße zu erwarten, als bei anderen.[7]

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist daher die Überprüfung der Hypothese, ob unabhängigere und konservativere Notenbanken dazu neigen, die Inflation relativ zur tatsächlichen Realisation höher einzuschätzen als dies andere Zentralbanken, d.h. solche, die abhängiger und/oder weniger konservativ sind, tun.

2.2 Ein statisches Modell

Die Überlegungen des vorangegangenen Abschnitts zur Möglichkeit der Notenbank, die Wirtschaftssubjekte durch ihre Inflationsprognosen zu täuschen, da diese aufgrund von Informationskosten rational uninformiert bleiben, sollen nun anhand eines einfachen statischen Modells beispielhaft demonstriert werden.

Es werde angenommen, dass in einer Ökonomie zwei Arten von Individuen leben, gut informierte, die um den Anreiz der Notenbank zur Verzerrung der Prognosen wissen (Anteil 1 — λ an der Gesamtpopulation) und schlecht informierte, die über dieses Wissen aufgrund rationaler informationsökonomischer Überlegungen nicht verfügen (Anteil Я).8 Den Individuen stehen zur Erwartungsbildung bezüglich der Inflation π zwei Prognosen zur Verfügung, eine von professionellen Forecastern erstellte Vorhersage πΡΡ mit Ε(πΡΡ) = π und positiver, aber endlicher Varianz σΡΡ, sowie die Prognose der Zentralbank πΒΒ. Die Notenbank, die annahmegemäß die Inflation perfekt kontrollieren kann, minimiere die für die Wirtschaftsubjekte nicht beobachtbare Verlustfunktion

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

mit у als gesamtwirtschaftlichem und у als „natürlichem“ Output sowie b > 0 als relativem Gewicht, welches die Zentralbank dem Inflationsziel zuweist. Die Ziele der Geldpolitik liegen somit in der Stabilisierung des Outputs auf dem Niveau des natürlichen Outputs[8] [9] sowie der Erreichung von Preisniveaustabilität.

Der gesamtwirtschaftliche Output folge einer Phillips-Kurve der Form

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

wobei [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] die mittlere Inflationserwartung in der Population und ε ein makroökonomischer Angebotsschock mit Ε(ε) = 0 und positiver, aber endlicher Varianz [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] ist.

Die gut informierten Akteure stützen ihre Erwartungsbildung alleine auf die unverzerrte Prognose [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten], während die schlecht informierten Wirtschaftssubjekte glauben, die Notenbankprognose sei unverzerrt und besitze eine positive, aber endliche Varianz [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]. Da sie weiterhin davon ausgehen, dass beide Prognosen unkorreliert sind, bilden sie ihre Erwartungen als

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

mit a und (1 — a) als den sich aus der Lösung eines Signal Extraction-Problems[10] ergebenden optimalen Gewichten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für die Inflationserwartung der Gesamtpopulation ergibt sich damit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(5)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gegeben diese Erwartungen, minimiert die Zentralbank ihre Verlustfunktion aus Gleichung (1). Aus den Bedingungen erster Ordnung folgt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

sowie für die optimale Zentralbankprognose π€Β

Die Notenbank nutzt eine Überraschungsinflation, um die Auswirkungen des Produktivitätsschocks ε auf den volkswirtschaftlichen Output zu neutralisieren. Anders allerdings als in den klassischen Zeitinkonsistenz-Modellen steht der Geldpolitik dazu mit der Inflationsprognose ein zusätzlicher Freiheitsgrad zur Verfügung, der - im Gegensatz zur Inflation selbst - keine (durch den Parameter b bestimmten) Kosten verursacht. Daher arbeitet die Zentralbank ausschließlich mit der Inflationsprognose, statt auf die „teurere“ Inflation zurückzugreifen. Der erste Term in Gleichung (9) neutralisiert dabei zunächst den Effekt der privaten Prognose πPF, während die zweite Komponente eine Überraschungsinflation induziert, die gerade so hoch ist, dass die Wirkung des Produktivitätsschocks auf den Output exakt aufgehoben wird.

Ein Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der Prognoseverzerrung und der Unabhängigkeit bzw. dem geldpolitischen Konservativismus besteht in diesem einfachen Modell nicht. Beide Größen, die über das relative Gewicht b der Inflation modelliert werden können, sind nur dann relevant, wenn sich die Notenbank einem Zielkonflikt zwischen niedriger Inflation und Neutralisierung des Outputschocks gegenübersieht. Im hier vorgestellten Modell allerdings verfügt sie über zwei Instrumente, deren eines (die Inflation) sie zur Erreichung beider Ziele einsetzen kann.11 Mit Hilfe dieser beiden Freiheitsgrade kann sie stets beide Zielsetzungen und damit das absolute Minimum ihrer Verlustfunktion realisieren (L(y, π) = 0). Da die Zentralbank nicht zwischen der Erreichung des einen und der des anderen Ziels abwägen muss, sind das Gewicht auf dem Inflationsziel und damit auch Unabhängigkeit und Konservativismus für den optimalen Instrumenteneinsatz in Gleichungen (8) und (9) unerheblich.

Das hier vorgestellte statische Modell impliziert, dass die Notenbank die Wirtschaftssubjekte umso stärker täuscht, je höher der Anteil jener ist, die sich des Täuschungsanreizes bewußt sind. Denn um die für die Neutralisierung des Outputschocks erforderliche Absenkung der durchschnittlichen Erwartungen zu erreichen, muss die Notenbank diejenigen, die überhaupt noch auf die Zentralbankprognosen reagieren, stärker täuschen. Dies führt zu dem zunächst paradox anmutenden Resultat, dass die Notenbank die Prognosen umso stärker verzerrt, je mehr Individuen in der Modellökonomie sich der Verzerrung bewußt sind. Es zeigt aber auch, dass ein Täuschungsanreiz entsteht, sobald es einige Individuen gibt, die die Notenbankprognose für unverzerrt halten, auch, wenn die Zentralbank eine Täuschung zunächst gar nicht plante.

In einem dynamischen Umfeld würde sich allerdings der Anteil λ im Zeitablauf verringern, und dies vermutlich umso schneller, je größer die Verzerrungen der Prognosen in der Vergangenheit waren.[11] [12] Würde also die Ein-Perioden-Betrachtung aufgegeben, müßte der Anteil der schlecht informierten Individuen endogenisiert werden. Aufgrund dieser Lerneffekte würden die individuellen Erwartungen irgendwann überhaupt nicht mehr auf die offiziellen Prognosen reagieren. In einem langfristigen Gleichgewicht könnte die Zentralbank die Wirtschaftssubjekte nicht mehr täuschen, es denn, es träten neue Akteure in die Ökonomie ein, denen das zuvor akkumulierte Wissen nicht „vererbt“ werden könnte.

3 Die Messung von Unabhängigkeit und geld­politischem Konservativismus

3.1 Überblick über das Kapitel

In diesem Kapitel werden mit den Indizes für Notenbankunabhängigkeit und geldpolitischen Konservativismus die zentralen Elemente der in Kapitel 5 vorgestellten empirischen Untersuchung diskutiert. Der Fokus insbesondere des ersten Teils des Kapitels liegt stärker auf der Messung der Unabhängigkeit als des Konservativismus, da für erstere bereits etliche Vorschläge in der Literatur unterbreitet worden sind, die Gegenstand des folgenden Unterkapitels 3.2 sind. Diese Ansätze werden zunächst in Abschnitt 3.2.1 überblicksartig vorgestellt, bevor in Abschnitt 3.2.2 eine genauere Betrachtung jener Maße von Notenbankunabhängigkeit erfolgt, die sich ausschließlich auf legal-institutionelle Indikatoren stützen. Unterkapitel 3.3 wendet sich dann wieder verstärkt dem geldpolitischen

Konservativismus und dabei insbesondere dessen Verhältnis zur Unabhängigkeit zu, das - obwohl für die Messung beider Konstrukte höchst bedeutsam - in der Literatur bislang verhältnismäßig wenig Beachtung erfahren hat. In Unterkapitel 3.4 werden schließlich nach einer kurzen Einführung in grundlegende Konstruktionsprinzipien (Abschnitt 3.4.1) die zentralen Indizes dieser Studie vorgestellt: Das Unabhängigkeitsmaß (Abschnitt 3.4.2), der Index für geldpolitischen Konservativismus (Abschnitt 3.4.3) und zwei Maßzahlen, die die Änderbarkeit der Notenbankgesetzgebung widerspiegeln sollen (Abschnitt 3.4.4).

Im anschließenden Kapitel 4 werden dann die Realisationen der Indizes in der hier gewählten Stichprobe sowie weitere den empirischen Analysen des Kapitels 5 zugrundeliegende Daten vorgestellt und eingehend diskutiert.

3.2 Bisherige Studien

3.2.1 Stand der Literatur

In der Literatur sind bereits verschiedenste Versuche unternommen worden, um das Konzept der Notenbankunabhängigkeit zu quantifizieren.

Diese Ansätze lassen sich nach der Art der Verwendung findenden Indikatoren jeweils genau einer von vier Gruppen zuordnen:

(1) Indizes, die an institutionellen Merkmalen der Zentralbank und ihrer Beziehung zur Regierung festmachen, wie sie üblicherweise in den jeweiligen Notenbankgesetzen niedergelegt sind. Zu dieser Gruppe gehören die frühe Arbeit von Bade/Parkin (1988)[13] [14] [15] und das unmittelbar daran anknüpfende Papier von Eijffinger/Schaling (1995) sowie die in zahlreichen auf Notenbankunabhängigkeit aufbauenden empirischen Untersuchungen verwendeten Ansätze von Grilli et al. (1991) und Cukierman et al. (1992).
(2) Kennzahlen auf der Basis der Häufigkeit von Wechseln des Notenbankgouverneurs (Cukierman et al. (1992)) oder deren zeitlichen Zusammenhangs mit Parlaments- oder Präsidentschaftswahlen (Cukierman/Webb (1995)).
(3) Maßzahlen, die am geldpolitischen Instrumenteneinsatz der Zentralbank (Eijfinger et al. (1996)) oder dessen zeitlichem Zusammenhang mit Parlaments- oder Präsidentschaftswahlen festmachen.14 15
(4) Indizes, die auf im Rahmen von Expertenbefragungen erhobenen Ausprägungen von Indikatoren basieren, welche komplementär zu Indikatoren der Notenbankgesetzgebung deren tatsächliche Umsetzung in der geldpolitischen Praxis wiedergeben sollen. In dieser Kategorie ist bislang alleine die Studie von Cukierman et al. (1992) bekannt.

Während die Arbeiten der Gruppen (2) bis (4) Maße der tatsächlichen Unabhängigkeit zu entwickeln versuchen, rücken die Studien der Gruppe (1) den legalen Rahmen, in dem die Zentralbank operiert, in den Mittelpunkt der Analyse. Diesem Ansatz folgt auch der in Abschnitt 3.4.2 vorgeschlagene Index der

Notenbankunabhängigkeit (und ebenso das in Abschnitt 3.4.3 diskutierte Konservativismus-Maß). Bevor diese vorgestellt werden, soll zunächst im folgenden Abschnitt ein Überblick über zentrale Arbeiten aus der Gruppe der auf legal­institutionellen Indikatoren basierenden Indizes gegeben werden.

3.2.2 Indizes der Notenbankgesetzgebung

Die an gesetzlichen Merkmalen anknüpfenden Indizes der ersten Gruppe, die deutlich die Mehrzahl der in der Literatur diskutierten Unabhängigkeitsmaße darstellen, unterscheiden sich konzeptionell[16] in Hinblick auf die in den Index einbezogenen Kriterien, die Festlegung und Codierung ihrer möglichen Ausprägungen, die Interpretation des Gesetzestextes bezüglich der eingetretenen Realisationen dieser Kriterien und schließlich die Aggregation der so gewonnenen Einzelindikatoren zu einem Indexwert.

Tabelle 1 bietet zunächst einen Überblick über die verwendeten Indikatoren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quellen: Eijjfinger et al. (1996), Grilli et al. (1991), Cukierman et al. (1992), Eijffinger/Schaling (1995)

1) Die Codes BP«, GMT«, CUKi, ES« (mit i als laufender Nummer) identifizieren die Indexkomponenten eindeutig und werden fortfolgend zu ihrer Referenzierung im Text eingesetzt.

Tabelle 1: Indikatoren der Unabhängigkeitsmaße auf Basis rechtlich­institutioneller Indikatoren

Die Codierung der einzelnen Ausprägungen erfolgt bei Bade/Parkin (1988), Grilli et al. (1991) und Eijffinger/Schaling (1995) grundsätzlich auf binärer Basis. Ausnahmen bilden lediglich der Indikator GMT15 (Bankenaufsicht)[17] bei

Grilli et al. (1991) sowie bei Eijffinger/Schaling (1995) der Indikator ES3 (geldpolitische Entscheidungsbefugnis)[18], die jeweils drei verschiedene Werte annehmen können. Cukierman et al. (1992) hingegen weisen den Indikatorausprägungen äquidistant verteilte Werte auf dem Intervall [0,1] zu. Die Verfahren zur Aggregation unterscheiden sich ebenfalls zwischen Bade/Parkin (1988), Grilli et al. (1991) sowie Eijffinger/Schaling (1995) einerseits und Cukierman et al. (1992) andererseits: Während erstere die Werte der

Einzelindikatoren grundsätzlich gleichgewichtet[19] aufsummieren, wählen Cukierman et al. (1992:360f.) einen komplexeren zweistufigen Aggregationsansatz.[20] Abgesehen von der Art der Codierung und Aggregation differieren die Indizes teilweise bereits erheblich in der Anzahl der zugrundeliegenden Indikatoren. Anders, als es auf den ersten Blick erscheinen mag, ist die Zahl der Indikatoren jedoch kein Qualitätskriterium per se.[21] Da kein objektives Maß der Unabhängigkeit einer Zentralbank existiert,[22] kann die Qualität der Indizes prinzipiell empirisch nicht beurteilt, sondern lediglich untersucht werden, ob alle Maßzahlen tatsächlich dasselbe theoretische Konstrukt messen. Genau dies leistet Mangano (1998:485), der die sich aus der Anwendung u.a. vier verschiedener an legalen Merkmalen anknüpfender Unabhängigkeitsindizes auf 10 Länder[23] ergebenden Äangkorrelationskoeffizienten analysiert. Diese bewegen sich zwischen 0,36 und 0,78, was darauf hindeutet, dass die Indizes nicht dasselbe theoretische Konzept quantifizieren. Für die Unabhängigkeitsmaße von Cukierman et al. (1992) und Grilli et al. (1991) untersucht Mangano (1998:470ff.) die sich bei deren Anwendung ergebenden Abweichungen genauer, die er in einen criteria spread, der aus der Verwendung unterschiedlicher Indikatoren in beiden Indizes resultiert, einen interpretation spread, dessen Ursache in einer unterschiedlichen Einschätzung bzw. Interpretation bestimmter gesetzlicher Bestimmungen liegt, und schließlich einen unterschiedlichen Verfahren zur Aggregation der Einzelkriterien geschuldeten weighting spread zerlegt. Mangano (1998:476ff.) zeigt nach Neutralisierung von criteria und weighting spread[24], dass ein erheblicher interpretation spread die Austauschbarkeit beider Indizes zur Quantifizierung der Notenbankunabhängigkeit behindert: Bei ca. 28 % aller Bewertungen von einzelnen rechtlich-institutionellen Merkmalen der monetären Autoritäten in den untersuchten Ländern differieren die Einschätzungen von Cukierman et al. (1992) und Grilli et al. (1991).[25] Einen nennenswerten weighting spread hingegen kann Mangano (1998:479, Fn. 18) nicht feststellen.

3.3 Konzeptionelle und empirische Trennung von Unab­hängigkeit und Konservativismus

Zahlreiche empirische Studien untersuchen - aufbauend auf dem von Kydland/Prescott (1977) entwickelten und in Unterkapitel 2.1 bereits diskutierten Konzept der Zeitinkonsistenz - die spätestens beginnend mit den Arbeiten von Barro/Gordon (1983) und Rogoff (1985) theoretisch hergeleiteten Zusammenhänge zwischen Notenbankunabhängigkeit einerseits und Inflation, Inflationsvariabilität, Outputwachstum oder Outputvariabilität andererseits.[26] Diesen Studien liegt offenbar implizit die Annahme zugrunde, dass unabhängigere Zentralbanken zugleich auch konservativere (d.h. inflationsaversere[27] ) Notenbanker aufweisen. Wäre es nämlich anders, so gäbe es keinen überzeugenden theoretischen Grund, von einem negativen Zusammenhang zwischen Inflationsperformance und Unabhängigkeit einer Zentralbank auszugehen.[28] Da jedoch Unabhängigkeit und Konservativismus keineswegs koinzidieren müssen, macht es zugunsten einer klareren Analyse Sinn, beide Konzepte strikt zu trennen.[29]

Unter Unabhängigkeit soll daher im folgenden die Möglichkeit der Zentralbank verstanden werden, im geldpolitischen Bereich zu handeln, ohne dass die Regierung gegen den Willen der Notenbank die Möglichkeit einer wirksamen, d.h. die ursprüngliche Entscheidung modifizierenden, Intervention besäße.[30] [31] Wenn die Zentralbank in diesem Sinne autonom ist, hängt die Höhe der Inflation von den Präferenzen der Zentralbanker ab.31 32 Wenige Versuche sind bislang unternommen worden, diese Präferenzen systematisch auf Grundlage des individuellen Bildungs­und Berufserfahrungshintergrundes der Zentralbanker sowie der Anreize, denen sie sich aufgrund späterer Karriereambitionen gegenübersehen, zu erklären.[32] [33] Präferenzen der Zentralbanker können sich aber auch in gesetzlichen Vorschriften wiederfinden, d.h. in jenem institutionellen Rahmen, auf dem bereits der überwiegende Teil der Indizes zur Messung der Unabhängigkeit beruht. Es kann davon ausgegangen werden, dass eine Zentralbank, der die alleinige Verfolgung des Ziels der (wie auch immer genau definierten) Preisniveaustabilität von gesetzeswegen obliegt, im Sinne stärkerer Inflationsaversion (geldpolitisch) konservativer ist. Man mag einwenden, dass weniger konservative Zentralbanker geneigt sein mögen, solcherlei Zielvorgaben zu missachten, insbesondere dann, wenn keinerlei Sanktionsmöglichkeiten bestehen.[34] Trotzdem mag selbst der nicht konservative Zentralbanker die Zielvorgabe akzeptieren, da die Nicht-Befolgung eine Nutzeneinbuße aufgrund erziehungsbedingt internalisierter sozialer Verhaltensregeln zur Folge haben mag. Dies angenommen, kann es zudem zu einer Selbstselektion dergestalt kommen, dass sich nicht konservative Zentralbank-Kandidaten lieber dazu entscheiden, einer anderen Tätigkeit nachzugehen, als den ihnen aus ihrer Notenbanktätigkeit zufließenden Nutzen entweder durch präferenzwidriges Verhalten oder sozial geächtete Regelverstöße stark mindern zu lassen. Daher werden im folgenden bestimmte gesetzliche Vorschriften als Indikatoren für Konservativismus verwendet.[35] Mit den Indikatoren GMT8 und CUK8 (Notenbankziele) ist bei zwei der in Abschnitt 3.2.2 diskutierten Unabhängigkeitsmaße jeweils eine Variable im Index enthalten, die statt Unabhängigkeit eigentlich Konservativismus misst. Eine Herauslösung dieser Konservativismus-Komponente aus beiden Indizes schlagen folgerichtig de Haan/Kooi (1997) vor.[36] Die Indikatoren GMT9 bis GMT13 und CUK9 bis CUK12 sowie CUK15 und CUK16[37], die in den Unabhängigkeitsmaßen von Cukierman et al. (1992) und Grilli et al. (1991) Beschränkungen wiedergeben, denen die Zentralbank bei der Kreditvergabe an die Regierung unterliegt, wurden bei de Haan/Kooi (1997) - wie in den ursprünglichen Studien auch - als Unabhängigkeitsindikatoren angesetzt mit der Begründung, eine Zentralbank, die gezwungen werde, Budget defizite zu finanzieren, könne nicht unabhängig in ihrem Instrumenteneinsatz agieren (de Haan/Kooi (1997:24, Fn. 2)). Im Rahmen der vorliegenden Arbeit jedoch werden Kriterien, die an Kreditvergabebeschränkungen der Zentralbank festmachen, als Indikatoren für Konservativismus betrachtet. Folgende drei Überlegungen sollen diese Entscheidung aus verschiedenen Perspektiven plausibilisieren:

1. Unabhängigkeit impliziert nach der obigen Definition, dass die Zentralbank im geldpolitischen Bereich etwas machen kann, sofern sie dies wünscht. Das bedeutet insbesondere, dass sie Vorschläge oder Wünsche der Regierung zurückweisen kann, aber nicht muss. Wenn der Zentralbank jedoch Restriktionen bezüglich der Kreditvergabe an die Regierung auferlegt werden, kann sie diesbezüglichen Wünschen der Regierung nicht mehr nachkommen (selbst, wenn sie wollte), die Autonomie der Notenbank wird in ähnlicher Weise beschränkt, wie es bei Vorgabe eines vorrangigen Preisniveaustabilitätsziels der Fall ist.
2. Würde die Zentralbank der Regierung Kredit gewähren, hätte dies direkt oder indirekt eine Zinssenkung zur Folge, die dem Stabilitätsziel zuwider laufen könnte. Ein konservativer (im Sinne von inflationsaverser) Zentralbanker wird daher Beschränkungen der Kreditvergabe befürworten, was für einen Instrument-Ziel-Zusammenhang zwischen Inflationsziel und Kreditbeschränkung und mithin eine Verknüpfung beider im Rahmen des Konservativismus-Konzepts spricht.
3. Wie die kurzfristige Senkung der Arbeitslosenquote stellt auch die Möglichkeit der Kreditfinanzierung durch die Zentralbank eine „Versuchung“ für die Regierung dar. Ein konservativer Zentralbanker zeichnet sich dadurch aus, dass er der solcherlei „Versuchungen“ erliegenden Regierung widerstehenden will (ob er kann, hängt von seiner Unabhängigkeit ab). Auch deshalb werden im folgenden Kreditbeschränkungen näher am Konservativismus als an der Unabhängigkeit gesehen.

3.4 Operationalisierung der Konzepte im Rahmen dieser Studie

3.4.1 Vorbemerkungen

Aufbauend auf den Überlegungen des vorangehenden Abschnitts werden in den folgenden drei Abschnitten zwei neue Indizes vorgeschlagen - einer zur Messung von Notenbankunabhängigkeit, einer zur Quantifizierung von Konservativismus -, deren in Kapitel 4 zunächst deskriptiv betrachtete Realisationen den empirischen Untersuchungen des Kapitels 5 dieser Studie zugrunde liegen. Darüber hinaus werden[38] anhand der Anzahl der in einem politischen System vorhandenen Veto-Spieler zwei Kennzahlen entwickelt, die die Änderbarkeit der gesetzlichen Basis der Zentralbanktätigkeit approximieren, um das Ausmaß des von McCallum (1995:209ff.) beschriebenen Problems, dass die Regierung die Grundlagen der Delegation an die Zentralbank bei Bedarf modifizieren kann, abschätzbar zu machen.

Bei der Entwicklung von Indizes zur Messung der Notenbankunabhängigkeit und des Konservativismus ist zu berücksichtigen, dass im Allgemeinen ein Trade-off zwischen Objektivität und Validität der Maße bestehen dürfte. Beschränkt man nämlich die verwendeten Indikatoren auf solche, deren eingetretene Realisationen zweifelsfrei festzustellen verhältnismäßig einfach ist, wird man i.d.R. auf die Einbeziehung einiger für die Messung des theoretischen Konstrukts relevanter Informationen verzichten müssen. Versucht man hingegen umgekehrt, das Meßverfahren möglichst valide zu gestalten, wird man die Berücksichtigung einiger Indikatoren nicht vermeiden können, bei denen erheblicher Interpretationsspielraum besteht, wenn es um die Frage geht, welche konkrete Realisation nun tatsächlich eingetreten ist.[39] Angesichts dieses Trade-offs muss zunächst die Frage entschieden werden, welches der beiden Extrema - Objektivität oder Validität - bei der Indexkonstruktion stärker gewichtet werden soll. Die im folgenden entwickelten Indizes stützen sich ebenso wie die in Abschnitt 3.2.2 diskutierten Maße ausschließlich auf legal-institutionelle Indikatoren, womit implizit der Objektivität gegenüber der Validität Vorzug gewährt wird. Gleichzeitig erleichtert diese Entscheidung die Beschaffung und Auswertung des erforderlichen Datenmaterials. Bei der Interpretation der empirischen Ergebnisse ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Indizes die zu messenden theoretischen Konstrukte weniger gut widerspiegeln dürften als es bei einem größeren Verzicht auf Objektivität zu erreichen möglich gewesen wäre, da sie mit der legal-institutionellen

Seite von Unabhängigkeit und Konservativismus eben nur einen von mehreren relevanten Aspekte abdecken.

Neben der grundsätzlichen Beschränkung auf institutionell-legale Indikatoren sollen zwei weitere Konstruktionsentscheidungen ebenfalls für ein möglichst hohes Maß an objektiver Nachvollziehbarkeit und Klarheit sorgen:

1. Innerhalb der Menge der institutionell-legalen Indikatoren werden die Kriterien so ausgewählt, dass möglichst wenig Bewertungsspielraum bei der Einschätzung, welche der möglichen Realisationen eingetreten ist, besteht (Vermeidung des interpretation spread (Mangano (1998:476ff.)).[40]
2. Zugunsten höherer Transparenz werden die Ausprägungen der Kriterien binär codiert, so dass Codierung und Gewichtung der Kriterien klar von einander getrennt bleiben.[41]

Trotz allem ist die Notwendigkeit subjektiver Bewertung nicht gänzlich zu eliminieren. In den Unterkapiteln 4.2 und 4.3 werden daher eine Reihe interpretatorischer Konventionen eingeführt, um die Vielfalt möglicher institutioneller Arrangements mit den möglichen Ausprägungen der Indikatoren kompatibel zu machen. Alleine daraus ist ersichtlich, dass ein erhebliches Maß an Interpretationsbedürftigkeit verbleibt, trotz der Entscheidung für „Objektivität“, deren mögliches Höchstmaß hier dadurch erreicht werden soll, dass wenigstens die angewandten Interpretationskonventionen offen gelegt werden.

Der hier vorgeschlagene Index der Notenbankunabhängigkeit unterscheidet sich von den bisher aus der Literatur bekannten insgesamt in vierfacher Hinsicht:

1. Es werden teilweise andere Indikatoren einbezogen.
2. Es werden Interaktionseffekte zwischen mehreren Indikatoren berücksichtigt.
3. Die angewandten Indikatoren ergeben sich teilweise dynamisch aus dem übrigen institutionell-legalen Rahmen der jeweiligen Notenbank.
4. Die Konventionen, die bei der Interpretation der komplexen Realität der Zentralbankgesetzgebung angewandt werden, um die Indikatorausprägungen zu bestimmen, werden explizit offengelegt.

3.4.2 Unabhängigkeit

Die in Abschnitt 3.2.2 diskutierten institutionell-legalen Indizes der Notenbank­unabhängigkeit zeichnen sich u.a. dadurch aus, dass die Auswahl der Indikatoren und die Höhe ihrer Gewichte von vorneherein festgelegt sind. Am Beispiel des Kriteriums der Wiederernennbarkeit des Zentralbankgouverneurs wird allerdings deutlich, dass dieses Verfahren zu Fehleinschätzungen der Unabhängigkeit führen kann: Denn von der Möglichkeit der Wiederernennung gehen nur dann der Unabhängigkeit abträgliche Anreize[42] aus, wenn der Notenbankgouverneur auch tatsächlich von der Regierung ernannt wird. Anderenfalls aber ist die Wiederernennbarkeit für die Notenbankunabhängigkeit irrelevant. Manche Kriterien sind demnach nur dann für die Messung der Unabhängigkeit bedeutsam, wenn gleichzeitig andere Indikatoren bestimmte Realisationen aufweisen. Dies wird bei dem im folgenden vorgeschlagenen Maß der Notenbankautonomie berücksichtigt, indem die Menge der verwendeten Kriterien (und mithin deren Gewichtung) nicht a priori festgelegt ist, sondern sich gleichsam dynamisch aus Teilen des übrigen rechtlich-institutionellen Gefüges der Notenbank ergibt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2 zeigt die einzelnen Indikatoren des hier entwickelten Index für Unabhängigkeit.

[...]


[1] Diese Äquivalenz setzt strenggenommen voraus, dass ein stabiler Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Output besteht, was aber angesichts der Möglichkeit des Auftretens von Produktivitätsschocks keineswegs selbstverständlich ist.

[2] Neben dem Motiv, die Arbeitslosigkeit zu senken, existieren noch andere Zielsetzungen, die für eine Zentralbank den Anreiz induzieren, die Wirtschaftssubjekte mit einer überraschend hohen Inflation zu täuschen. Vgl. hierzu die Diskussion der durch die Verfolgung von Seignorage- oder Zahlungsbilanzzielen hervorgerufenen gleichgewichtigen Ineffizienzen in Cukierman ( 1992:18ff. ).

[3] Rogoff (1985) kommt allerdings zu dem Ergebnis, dass es angesichts der Möglichkeit unvorhersehbarer makroökonomischer Schocks optimal ist, nicht den denkbar konservativsten Zentralbanker zu berufen, sondern einen, der, obwohl er dem Inflationsziel ein höheres Gewicht beilegt als die Gesellschaft als Ganzes, dennoch in gewissem Maße auf Output- und Beschäftigungsschwankungen reagiert. Da dieses geringe, aber positive Gewicht auf dem Beschäftigungsziel natürlich wiederum einen Anreiz induziert, Überraschungsinflation herbeizuführen, um die Arbeitslosigkeit zu senken, wird in diesem Zusammenhang auch oft von einem Trade-off zwischen Glaubwürdigkeit und Flexibilität gesprochen.

[4] Das Verhältnis von Unabhängigkeit und Konservativismus wird in Abschnitt 3.3 eingehender diskutiert.

[5] Dies kann insbesondere dann auftreten, wenn die privaten Akteure den Nutzen der Beschäftigung mit diesen Zusammenhängen unterschätzen, da sie sich der Tragweite der Resultate nicht bewußt sind. Hier wird das zirkuläre Problem deutlich, dass die Wirtschaftssubjekte, um eine ökonomische Entscheidung über die Einbeziehung von Informationen treffen zu können, den Nutzen der jeweiligen Informationen für die Prognose abschätzen müssen.

[6] Fujiwara (2005:261), Mitarbeiter des Research and Statistics Department der Bank of Japan, interpretiert seine Ergebnisse allerdings so, dass die Prognosen der japanischen Notenbank dazu beitragen, dass „[...] public understanding of the central bank’s view of future economic developments is clarified [...]“ (ebenda).

[7] Ein dritter Anreiz, die Inflation niedriger einzuschätzen, ist neben dem Phillipskurven-basierten Täuschungsmotiv und dem durch die Kosten von Beschäftigungsverlusten bedingten Risikoabschlag der Versuch, die Erwartungen der Wirtschaftssubjekte zu senken, um mittelbar deren auf diesen Prognosen über die zukünftige Preisniveauentwicklung basierenden Preissetzungsentscheidungen und mithin die zukünftige Inflation selbst zu beeinflussen. Anders jedoch als die beiden zuvor diskutierten Motive führt dieser Anreiz nicht zu einer Senkung der Inflationserwartungen relativ zum tatsächlichen Outcome. Denn wenn es der Zentralbank gelingt, eine derartige self-fulfilling prophecy zu etablieren, sinkt zugleich auch die tatsächliche Inflation. Eine Senkung der Prognosen im Vergleich zur realisierten Inflation träte dann c.p. nur insoweit auf, wie es der Zentralbank mißlänge, auf die Erwartungen der privaten Akteure einzuwirken. Dieser dritte Effekt ist in stärkerem Maße bei Notenbanken zu erwarten, die an niedriger Inflation interessiert sind, und wirkt daher den beiden oben diskutierten Anreizen entgegen. Kann die Hypothese, dass unabhängigere und konservativere Zentralbanken die Inflationsprognosen relativ zum tatsächlichen Outcome niedriger einzuschätzen neigen als andere Notenbanken, empirisch nicht zurückgewiesen werden, so spricht dies umso mehr für die Existenz der beiden hier untersuchten Anreizeffekte.

[8] Die Höhe von λ sei den Wirtschaftssubjekten zudem nicht bekannt.

[9] Dieses Stabilisierungsziel mag aus dem Motiv resultieren, die mit output-bedingten Schwankungen der Arbeitslosigkeit einhergehenden Transaktionskosten sowie das Risiko der Wirtschaftssubjekte, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, zu minimieren.

[10] Das zu lösende Signal Extraction Problem bestehe hier in der Minimierung des quadrierten Vorhersagefehlers: πιιηα[π — (απΡΒ + (1 — α)πΡΡ)]2.

[11] Die tatsächliche Inflation ist in diesem einfachen Modell von den Inflationserwartungen und damit auch von der Notenbankprognose unabhängig. Daher kann die Inflationsprognose der Zentralbank nur zur Erzeugung von Überraschungsinflation und mithin zur Neutralisierung des Outputschocks eingesetzt werden.

[12] Zudem ist es schlechterdings unvorstellbar, dass die Notenbank über alle Perioden eine Null­Inflation induziert, aber eine von Null verschiedene Inflation prognostiziert, ohne dass dies selbst von denjenigen Wirtschaftssubjekten wahrgenommen würde, die das ungünstigste Verhältnis von Kosten und Nutzen eines höheren Informationsstandes besitzen.

[13] Eijffinger/Schaling ( 1995:194ff.) zeigen, dass die in diesem Zusammenhang häufig erwähnte Arbeit von Alesina (1988) keine wirkliche Erweiterung von Bade/Parkin (1988) darstellt, sondern lediglich für Italien implizit ein zusätzliches Kriterium einführt, das den Index inkonsistent werden lässt, da es auf die übrigen untersuchten Länder nicht in ebensolcher Weise angewandt wird.

[14] Einen Vorschlag für letzteres unterbreitet Mangano (1998:490), der einen geeigneten Indikator in der Häufigkeit von Zinssenkungen kurz (d.h., das Wirkungslag geldpolitischer Maßnahmen berücksichtigend) vor Wahlen sieht. Dieser Ansatz ist - soweit bekannt - bisher in der Literatur nicht empirisch implementiert worden.

[15] Das Problem dieser Ansätze besteht darin, dass sie auf Hypothesen über den Zusammenhang von Zinssenkung und Unabhängigkeit der Notenbank basieren. Dadurch gehen für die empirische Analyse ökonomisch interessanter Fragestellungen „Freiheitsgrade“ verloren. Denn eine Untersuchung, ob beispielsweise unabhängigere Zentralbanken generell ein höheres Zinsniveau aufweisen oder signifikant häufiger vor Wahlen die Zinsen senken als abhängigere, würde auf Basis dieser Unabhängigkeitsmaße per definitionem zu positiven Resultaten führen.

[16] Ferner unterscheiden sie sich natürlich bezüglich der Länder, auf welche sie in den jeweiligen Studien angewendet werden, sowie im dabei berücksichtigten Zeitraum.

[17] Die Bewertung richtet sich danach, ob die Zentralbank überhaupt keine Aufgaben im Rahmen der Bankenaufsicht erfüllt (Bewertung: zwei Sterne), sie die Bankenaufsicht zusammen mit anderen Behörden wahrnimmt (Bewertung: ein Stern) oder ihr die Bankenaufsicht alleine obliegt (Bewertung: kein Stern), (Grilli et al. (1991:369)).

[18] Die drei möglichen Ausprägungen sind: Notenbank verfügt alleine über geldpolitische Autorität (Bewertung: zwei Sterne), Notenbank teilt sich geldpolitische Autorität mit einer andren Institution (Bewertung: ein Stern) und geldpolitische Autorität liegt alleine bei der Regierung (Bewertung: kein Stern) (Eijffinger/Schaling (1995:201)).

[19] Eijffinger/Schaling (1995:201) bemerken zurecht, dass die Kriterien ES3 und GMT15 mit doppeltem Gewicht in die jeweiligen Indizes eingehen. Dies ist leicht erkennbar, wenn man sich die Merkmalsausprägungen statt mit 0, 1 und 2 (Sternen) mit 0, 0,5 und 1 (Sternen) codiert vorstellt. Weil den „extremen“ Ausprägungen bei letzterer Codierung wie im Falle der übrigen Kriterien die Werte 0 und 1 zugewiesen worden sind (und mit 0,5 lediglich noch eine „intermediäre“ Ausprägung eingefügt wurde), entspricht das erstere Codierungsschema dem zweifach gewichteten der übrigen Kriterien. Offenbar wurde hier also implizit eine Gewichtung durch Modifikationen am Codierungsschema vorgenommen. Aus Gründen der Transparenz und mithin der besseren Nachvollziehbarkeit, ist allerdings anzuraten, Codierung und Gewichtung klar von einander zu trennen (siehe hierzu auch die Diskussion in Abschnitt 3.4.1).

[20] Dabei wird zunächst auf der ersten Stufe der Durchschnitt der Indikatoren CUK1, CUK2, CUK3 und CUK4 gebildet (im folgenden: Aggregat 1), sodann ein gewichtetes Mittel aus CUK5 (Gewicht: 0,25), CUK6 (Gewicht: 0,5) und CUK7 (Gewicht: 0,25) berechnet (Aggregat 2) und schließlich wiederum das arithmetische Mittel der Indikatoren CUK9, CUK10, CUK13 und CUK14 bestimmt (Aggregat 3). Der Gesamtindex ergibt sich dann auf der zweiten Stufe als gewichtete Summe aus Aggregat 1 (Gewicht: 0,20), Aggregat 2 (Gewicht: 0,15) und Aggregat 3 (Gewicht: 0,10) sowie den noch nicht berücksichtigten Indikatoren CUK8 (Gewicht: 0,15), CUK11 (Gewicht: 0,15), CUK12 (Gewicht: 0,10), CUK15 (Gewicht: 0,10) und CUK16 (Gewicht: 0,05).

[21] Eijffinger/Schaling (1995:197) halten Indizes mit höherer Anzahl verwendeter Kriterien für „informativer“. Diese Ansicht wird hier nicht geteilt. Die „Informativität“ eines Index bemisst sich alleine daran, wie gut er das zu messende theoretische Konstrukt, in diesem Falle also die Unabhängigkeit der Zentralbank, widerspiegelt. Angenommen, es gäbe zwei Unabhängigkeitsindizes A und B, wobei die Indikatoren von Index A eine Teilmenge der Indikatormenge des Index B darstellten. Index A kann trotzdem zur Messung der Unabhängigkeit besser geeignet und dementsprechend „informativer“ sein, wenn die nicht im Schnitt der Indikatormengen enthaltenen Kriterien des Index B negativ mit dem zu messenden theoretischen Konstrukt der Unabhängigkeit korreliert sind. Die Qualität des Index muss folglich nicht monoton in der Indikatorenzahl steigen.

[22] Wäre ein solches objektives Maß verfügbar, so wären die obigen Indizes bestenfalls redundant (da in diesem Falle an ihrer statt das objektive Maß Anwendung finden könnte), es sei denn, sie basierten auf leichter zu ermittelnden Informationen und wären daher unter informationsökonomischen Aspekten vorzuziehen.

[23] Bei den betrachteten Ländern handelt es sich um Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Japan, Kanada, Neuseeland, die Niederlande, die Schweiz, Spanien, das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten von Amerika.

[24] Der criteria spread wird zunächst dadurch ausgeschaltet, dass aus den beiden untersuchten Indizes in einem ersten Schritt all jene Indikatoren entfernt werden, die nur in einem von beiden enthalten sind. Im zweiten Schritt wird der weighting spread durch Gleichgewichtung aller Kriterien innerhalb der beiden durch Beseitigung des criteria spread gewonnenen Auxiliarindizes neutralisiert.

[25] Am stärksten ist dieser Effekt bei den Kriterien CUK14 und GMT13 (Aktivität der Zentralbank am Primärmarkt für Staatspapiere), wo in 10 von 17 (Länder-)Fällen keine Übereinstimmung zwischen den beiden Indizes bezüglich der Einschätzung der Befugnisse der jeweiligen Notenbanken besteht (Mangano (1998:477)).

[26] Als Beispiel einer solchen Untersuchung sei der interessierte Leser auf Alesina/Summers (1993) verwiesen.

[27] Im weiteren Verlauf werden genauere Definitionen sowohl von geldpolitischem Konservativismus wie auch von Notenbankunabhängigkeit entwickelt werden.

[28] Das folgende Beispiel möge dies verdeutlichen: Eine Zentralbank sei in hohem Maße von der Regierung unabhängig. Die Mitglieder des geldpolitischen Entscheidungsgremiums jedoch messen dem Ziel einer niedrigen und stabilen Inflationsrate bestenfalls untergeordnete Bedeutung bei. Vielmehr seien sie vorrangig bemüht, durch eine expansive Politik die tatsächliche Arbeitslosigkeit unter die „natürliche“ (im Sinne einer auf Marktbeschränkungen basierenden strukturellen Arbeitslosigkeit) zu senken, um der Regierung, deren politische Ziele sie teilen, die Widerwahl dadurch zu erleichtern, dass sie es ihr ersparen, politisch kostspielige Arbeitsmarktreformen einleiten zu müssen. Offenbar ist also Unabhängigkeit alleine nicht hinreichend dafür, dass die Zentralbank vorrangig Inflationsziele verfolgt.

[29] Dies, so kritisieren Berger et al. (2001:4), ist bislang in der Literatur nicht in ausreichendem Maße geschehen.

[30] Eine ähnliche Definition verwenden Eijffinger/Hoeberichts (1998:399).

[31] Notwendig ist zusätzlich die Annahme, dass die Zentralbank die Inflation in einem bestimmten Zeitfenster hinreichend genau kontrollieren kann, eine Voraussetzung, die den meisten auf dem Framework von Barro/Gordon (1983) aufbauenden Studien zugrunde liegt.

[32] Eijffinger/Hoeberichts (1998:398ff.) modellieren in einem an die klassischen Arbeiten von Barro/Gordon (1983) und Rogoff (1995) angelehnten Rahmen Konservativismus und Unabhängigkeit der Notenbank getrennt voneinander (wobei Unabhängigkeit dadurch dargestellt wird, dass die Zentralbank ein gewichtetes Mittel ihrer eigenen und der Verlustfunktion der Regierung minimiert) und kommen u.a. zu dem nach den obigen Ausführungen intuitiven Resultat, dass die Höhe des Inflation Bias von einem Produkt beider Größen abhängt (hierzu auch Berger et al. (2001:4ff.)).

[33] Der interessierte Leser sei hier auf Adolph (2003) und Göhlmann/Vaubel (2005) verwiesen.

[34] Selbst bei Vorhandensein entsprechender Sanktionsmechanismen hat die Regierung u.U. ex post keinen Anreiz, von ihnen Gebrauch zu machen (McCallum (1995:209ff.)). Die dieses antizipierende (nicht konservative) Zentralbank unterliegt wie gewohnt dem Anreiz, eine expansive Geldpolitik zu betreiben, mit der Folge des üblichen Inflation Bias. Insoweit als sich die Regierung selbst keiner Kontrolle bezüglich des Einsatzes eines (formellen oder informellen) Sanktionsmechanismus gegenübersieht, kann sie ggf. sogar durch „Umkehrung“ der Anwendungsregel des Mechanismus eine expansive Politik erzwingen.

[35] Dies ist nicht zuletzt eine wissenschaftsökonomische Entscheidung. Da im Rahmen der vorliegenden Arbeit eine breit angelegte, bildungs- und berufserfahrungsgestützte Untersuchung der Präferenzen der relevanten Zentralbanker nicht zu leisten ist, werden im folgenden - gewissermaßen als Abkürzung - nur legale Indikatoren des Konservativismus betrachtet, wenngleich eine Einbeziehung der Ergebnisse von Adolph (2003) und Göhlmann/Vaubel (2005) möglicherweise signifikante Erkenntnisfortschritte bringen könnte. Diese Erweiterung bleibt späteren Studien vorbehalten (vgl. hierzu auch Kapitel 6).

[36] De Haan/Kooi (1997:24) weisen zudem darauf hin, dass eine Zentralbank, die ihre Ziele und deren Gewichtung nicht selbst wählen kann, diesbezüglich abhängig ist, was grundsätzlich eine Einbeziehung des Vorhandenseins von Notenbank-Zielen in einen Unabhängigkeitsindex rechtfertigen würde (wenngleich auch in gänzlich anderer Weise, als dies beispielsweise Cukierman et al. (1992) und Grilli et al. (1991) tun). Diese Abhängigkeit geht allerdings nicht so weit, wie gemeinhin vermutet wird („[a] central bank [that] cannot determine the goals of monetary policy [...] has no goal independence“; ebenda). Denn Unabhängigkeit nach der im Text vorgeschlagenen Definition bedeutet, dass die Zentralbank die Geldpolitik ohne Einfluss der Regierung bestimmen kann. Wenn die Ziele aber gesetzlich vorgegeben sind, kann auch die Regierung diesbezüglich nicht mehr intervenieren - abgesehen von der immer bestehenden Möglichkeit, die gesetzliche Grundlage der Zentralbanktätigkeit zu modifizieren (McCallum ( 1995:209ff.) ; der Möglichkeit, die Notenbankgesetze zu verändern, tragen im Rahmen der vorliegenden Studie die in Abschnitt 3.4.4 diskutierten Veto-Indizes Rechnung). Das aber bedeutet, dass nur eines der beiden Kriterien für Unabhängigkeit verletzt ist, nämlich die vollständige Verfügung über die (Ziele der) Geldpolitik. Die Eingriffsmöglichkeiten der Regierung erweitern sich hingegen nicht.

[37] CUK13 und CUK14 wurden aus ökonometrischen Gründen nicht mit einbezogen (de Haan/Kooi (1997:29, Fn. 6)).

[38] Anders als im Falle der Unabhängigkeit ist es ein konstituierendes Merkmal des Konservativismus, dass er Zielvorstellungen beinhaltet, seien sie durch Präferenzen, seien sie durch institutionelle Arrangements, wie beispielsweise Zielvereinbarungen mit auf die Zielerreichung konditionierten Auszahlungen, bedingt (auf die Bedeutung des letzteren im Rahmen der Betrachtung von Konservativismus weist Mangano (1998:488f.) deutlich hin: „The central banker is thus conservative, not necessarily because it is in his genes, not only because it is his duty to be so, but mainly because he knows that otherwise he will be punished“). Mit der Verfolgung bestimmter Ziele geht notwendigerweise die Ablehnung konkurrierender Ziele einher. Dies wird bei Beschränkungen der Kreditvergabe und ihrem Verhältnis zu monetären Stabilitätszielen deutlich. In diesem Sinne kann die (konservative) Zentralbank nicht nur stabilitätswidrige Ersuchen der Regierung um eine expansivere Geldpolitik ablehnen, sie muss es. Dies widerspricht der Vorstellung von Unabhängigkeit nach dem ersten Kriterium der obigen Definition (Entscheidungsfreiheit).

[39] Ein anschauliches Beispiel für dieses Problem ist eine Expertenbefragung zur Notenbankunabhängigkeit. Ein guter Ansatz, letztere im Sinne der in Abschnitt 3.3 vorgeschlagenen Definition zu messen, wäre, Szenarien (jeweils gekennzeichnet durch eine spezielle makroökonomische Situation, politische Konstellation, Wahlterminierung, öffentliches Meinungsbild, Präferenzen von Regierung u.a.) zu entwickeln, in welchen sich die Zentralbank wiederfinden könnte, sowie die der Zentralbank jeweils zur Verfügung stehenden Handlungsoptionen zu definieren, und dann von mit dem politischen Geschehen des jeweiligen Landes vertrauten Fachleuten die Wahrscheinlichkeit dafür schätzen zu lassen, dass sich die Notenbank jeweils gegenüber der Regierung durchsetzt. Aus einer Gewichtung der Ergebnisse mit der vermuteten Wahrscheinlichkeit, dass das jeweilige Szenario tatsächlich eintritt, dürfte ein Maß der Zentralbankunabhängigkeit resultieren, das allen legal­institutionellen Indizes an Nähe zum theoretischen Konstrukt bei weitem überlegen, nur eben leider auch kaum objektiv nachvollziehbar ist.

[40] In den Unterkapiteln 4.2 und 4.3 werden die sich aus dem Vergleich des hier vorgestellten Maßes und des Index von Cukierman et al. (1992) ergebenden interpretation spreads untersucht.

[41] Vgl. hierzu die Diskussion in Fn. 19 von Abschnitt 3.2.2.

[42] Diese bestehen darin, dass der Zentralbankgouverneur um seiner Wiederernennung (oder, genauer gesagt: um der Erhaltung des mit seinem Amt verbundenen Nutzenstroms) willen, Entscheidungen derart trifft, dass sie der Regierung zusagen.

Ende der Leseprobe aus 116 Seiten

Details

Titel
Unabhängigkeit, geldpolitischer Konservativismus und Inflationsvorhersagen
Untertitel
Eine Cross-Country-Untersuchung der Ursachen und Erklärungsfaktoren von Fehlern offizieller Notenbankprognosen
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,0
Jahr
2007
Seiten
116
Katalognummer
V373452
ISBN (eBook)
9783668511071
ISBN (Buch)
9783668511088
Dateigröße
2267 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zentralbankunabhängigkeit, Zeitinkonsistenz, Barro-Gordon, Forecasts, Prognosen, Inflation, Geldpolitik, Unabhängigkeit, Konservatismus, Conservatism, Konservativismus, Prognosefehler, Consumer Price Index, Zentralbanken
Arbeit zitieren
Anonym, 2007, Unabhängigkeit, geldpolitischer Konservativismus und Inflationsvorhersagen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373452

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