Strategien der Zentralbankpolitik. Ein Vergleich zwischen der Federal Reserve und der Europäischen Zentralbank


Seminararbeit, 2005
29 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

Inhalt

1 Einführung
1.1 Überblick
1.2 Credibility und Accountability als Kriterien eines Strategienvergleichs

2 Vergleich der Strategien
2.1 Ziele der Geldpolitik
2.1.1 Ziele als Bestandteile der geldpolitischen Strategie
2.1.2 Europäische Zentralbank
2.1.2 a Die geldpolitischen Ziele der Europäischen Zentralbank
2.1.2 b Die geldpolitischen Ziele unter den Aspekten von Glaubwürdigkeit und Accountability
2.1.3 Die Federal Reserve im Vergleich mit der Europäischen Zentralbank
2.1.3 a Die geldpolitischen Ziele der Federal Reserve im Vergleich zur Europäischen Zentralbank
2.1.3 b Vergleich der geldpolitischen Ziele der Federal Reserve mit denen der Europäischen Zentralbank unter den Aspekten von Glaubwürdigkeit und Accountability
2.2 Zwischenziele und Indikatorvariablen
2.2.1 Zwischenziele und Indikatorvariablen der Europäische Zentralbank
2.2.2 Zwischenziele und Indikatorvariablen der Federal Reserve im Vergleich zur Europäischen Zentralbank
2.3 Kommunikationspolitik
2.3.1 Kommunikationspolitik der Europäischen Zentralbank
2.3.2 Kommunikationspolitik der Federal Reserve im Vergleich zur Europäischen Zentralbank

3 Schlußbemerkungen

Literatur

Anhang (A und B)

1 Einführung

1.1 Überblick

Die vorliegende Arbeit stellt die geldpolitischen Strategien zweier bedeutender, wenngleich äußerst unterschiedlicher Notenbanken, der Europäischen Zentralbank und der amerikanischen Federal Reserve, gegenüber.[1]

Der Vergleich orientiert sich dabei an zwei Kriterien, die im folgenden immer wieder aufgegriffen werden: Glaubwürdigkeit und Accountability. Untersucht werden soll demnach insbesondere, inwiefern verschiedene Elemente der Strategien beider Zentralbanken dazu geeignet sind, der jeweiligen Geldpolitik Glaubwürdigkeit zu verleihen bzw. die Notenbank in einer noch näher zu bestimmenden Weise „rechenschaftspflichtig“ oder „verantwortlich“ zu machen.

Dazu werden zunächst in Abschnitt 1.2 Glaubwürdigkeit und Accountability als Kriterien des Strategienvergleichs diskutiert. Daran anschließend werden in Abschnitt 2 nacheinander verschiedene Elemente der Strategien der Europäischen Zentralbank und der Federal Reserve gegenübergestellt. Es sind dies im einzelnen die Ziele der Geldpolitiken beider Notenbanken (Abschnitt 2.1), auf deren Betrachtung ein Schwerpunkt dieser Arbeit liegt, mögliche Zwischenziele und Indikatoren (Abschnitt 2.2) und schließlich die Kommunikationspolitik (Abschnitt 2.3), die hier allerdings gewissermaßen als zu den beiden anderen Elementen komplementärer Bereich nur kurz und in ausgewählten Aspekten behandelt werden wird. Im jeweiligen Abschnitt über die Europäische Zentralbank werden zudem einige grundsätzlichere Überlegungen angestellt werden, während der Abschnitt über die Federal Reserve jeweils auch einer vergleichenden Betrachtung Raum bietet. Abschnitt 3 fasst schließlich einige Ergebnisse kurz zusammen.

1.2 Credibility und Accountability als Kriterien eines Strategienvergleichs

Der Vergleich der Strategien der Europäischen Zentralbank und der Federal Reserve soll sich an den Kriterien der Credibility (Glaubwürdigkeit) und Accountability[2] orientieren. Die Notwendigkeit von Accountability kann zunächst aus der dem Demokratieprinzip entspringenden Forderung abgeleitet werden, dass in einer Demokratie jede Institution, die staatliche Autorität ausübt (also auch eine Zentralbank), wenigstens mittelbar (z.B. durch Parlamente) der Kontrolle des Volkes als Souverän unterworfen sein muss. Insoweit eine solchermaßen verstandene „Rechenschaftspflichtigkeit“ unabhängig von der tatsächlichen Performance der Zentralbank ist, stellt sie ein Ziel als solches dar. Andererseits kann Accountability auch als Instrument aufgefasst werden, welches sicherstellen soll, dass die Zentralbank die gesellschaftlich gesetzten Ziele tatsächlich verfolgt und möglichst gut erreicht. Dass sie dies nicht notwendigerweise von selbst tut, kann einerseits darauf zurückzuführen sein, dass sie andere als die gesellschaftlichen Ziele[3] verfolgt (möglicherweise z.B. auch politikökonomische Zielgrößen wie Einfluss oder Prestige). Andererseits kann auch bei Übereinstimmung der gesellschaftlichen und der Zentralbank-Ziele das Problem der Zeitinkonsistenz eine effiziente Zielerreichung verhindern (Barro/Gordon (1983)). Gerade an diesem letzten Fall wird deutlich, dass Accountability keineswegs nur durch einen formalen staatlichen Sanktionsmechanismus, sondern auch durch informelle Verhaltensweisen, insbesondere durch die Interaktion der Zentralbank mit den privaten Wirtschaftssubjekten, erreicht werden kann.[4] Ein beispielhafter Sanktionsmechanismus, der eine solche Art „informeller“ Accountability verkörpert, ist das Ansteigen der Inflationserwartungen in Folge eines Abweichens der Zentralbank von einer zuvor angekündigten Regel. Offensichtlich wird dabei - ebenso wie im Falle formeller Accountability - neben entsprechenden Mitteln der wirksamen Sanktionierung zunächst die Möglichkeit der Diagnose von Regelabweichungen bzw. Zielverfehlungen vorausgesetzt. Diese Voraussetzung ist es, deren Erfüllung die Zentralbank durch ihre geldpolitische Strategie entscheidend (mit-)beeinflussen kann.[5]

Das zweite Kriterium, das dem Strategienvergleich zugrunde gelegt werden soll, ist das der Glaubwürdigkeit. Anders als Accountability kann Glaubwürdigkeit kaum als ein Ziel als solches betrachtet werden. Gleichwohl hat dieses Konzept in der akademischen Diskussion, und mehr noch in der Praxis des Central Banking, höchste Bedeutung erlangt (Issing et al. (2001:37)). Die glaubwürdige Festlegung auf ein Ziel, Zwischenziel oder eine bestimmte Politik ist vor allem ein Instrument, Erwartungen der Marktteilnehmer über die zukünftige Entwicklung ökonomischer Größen derart zu beeinflussen, dass sich positive Effekte auf die Zielvariablen bereits heute einstellen, bzw. die heutige Erreichung der Ziele zu geringeren Kosten möglich ist.[6] Daneben kann Glaubwürdigkeit den als Folge des Zeitinkonsistenzproblems auftretenden Inflation- Bias eliminieren (Barro/Gordon (1983))[7]. Issing et al. (2001:38) betonen, dass es gerade das Wissen um die Vorteile einer glaubwürdigen Geldpolitik ist, das es modernen Zentralbanken sinnvoll erscheinen lässt, eine Strategie zu definieren und nach außen zu kommunizieren. Aufgabe der Strategie ist es dementsprechend nicht nur, den analytischen Rahmen festzulegen, innerhalb dessen die Zentralbank selbst über den optimalen Einsatz ihrer geldpolitischen Instrumente entscheidet, sondern auch, im Sinne eines Commitments Glaubwürdigkeit bezüglich des Willens (und der Fähigkeit) zu schaffen, die gegebenen Politikziele tatsächlich zu erreichen. Anders als in einzelnen Modellen (die entsprechend ihrem Modellcharakter jeweils bestimmte Teile der Realität durch ihre Annahmen ausblenden), lässt sich der optimale Einsatz der geldpolitischen Instrumente im Allgemeinen nicht als Instrumentenregel (z.B. Taylor-Regel), also als klar definierte Funktion bestimmter ökonomischer Größen, darstellen. Stattdessen müssen alle relevanten Informationen und die Ergebnisse unterschiedlicher Modelle Berücksichtigung finden (sog. „full information approach“, Issing et al. (2001:39f.)). Die hieraus durch die notwendige Abwägung und Gewichtung der einzelnen Indikatoren entstehenden Spielräume können einer glaubwürdigen Geldpolitik abträglich sein.[8] An späterer Stelle wird diese Problematik im konkreten Vergleich der Strategien erneut aufgegriffen werden.

In der Realität[9] dürfte wirksame Accountability in dem oben beschriebenen, weiten Sinne, eine notwendige Bedingung für die Erreichbarkeit einer glaubwürdigen Geldpolitik sein.[10] Insoweit jedoch als dass Unabhängigkeit der Zentralbank Voraussetzung für Glaubwürdigkeit ist (beispielsweise im Modell von Rogoff (1985)), kann ein Trade-Off zwischen Accountability und Glaubwürdigkeit entstehen, der über die Unabhängigkeit als „intermediäre Variable“ vermittelt wird: Höhere Accountability führt über geringere Unabhängigkeit zu verminderter Glaubwürdigkeit. Dieser u.U. negative Zusammenhang zwischen Accountability und Glaubwürdigkeit ist dem Umstand geschuldet, dass Accountability-Instrumente in vielen Fällen auch dazu genutzt werden können, die Durchsetzung anderer als der gesellschaftlichen Ziele zu „erzwingen“. Da aber Unabhängigkeit stärker durch das institutionelle Design der Zentralbank als durch deren Strategie bedingt ist, wird Unabhängigkeit in dieser Arbeit nicht als explizites Kriterium des Strategienvergleichs herangezogen. Gleichwohl ist es unvermeidlich, bei verschiedenen Gelegenheiten auf Probleme, die im Zusammenhang mit Unabhängigkeit stehen, zurückzukommen.

2 Vergleich der Strategien

2.1 Ziele der Geldpolitik

2.1.1 Ziele als Bestandteile der geldpolitischen Strategie

Eine Strategie kann als die konsistente Darstellung einer Auswahl an Instrumenten und der Umstände und Bedingungen ihres Einsatzes verstanden werden, dessen Zweck die Erreichung eines bestimmten, gegebenen Zieles ist. Insofern sind Ziel und Strategie logisch von einander zu trennen, zumal angesichts der Tatsache, dass die Festlegung der grundlegenden Ziele und ihres Verhältnisses sowohl im Falle der Europäischen Zentralbank wie auch der Federal Reserve nicht im Verfügungsbereich der jeweiligen Notenbank liegen. Allerdings können beide hier betrachteten Zentralbanken die Glaubwürdigkeit ihrer grundlegenden Ziele durch deren Präzisierung und Gewichtung erheblich beeinflussen. Da dies Rückwirkungen auf die Möglichkeit entfaltet, die grundlegenden Ziele zu erreichen, werden im folgenden Präzisierung und Gewichtung der Ziele - vereinfachend: die Ziele selbst - als Bestandteile der geldpolitischen Strategien betrachtet[11].

2.1.2 Europäische Zentralbank

a) Die geldpolitischen Ziele der Europäischen Zentralbank

Entsprechend der Empfehlung des Europäischen Währungsinstituts (1996:62) hat die Europäische Zentralbank (EZB) im Rahmen ihrer geldpolitischen Strategie ein quantitatives Inflationsziel veröffentlicht (Europäische Zentralbank (1999a)) und so die in Art. 105 Abs. 1 des Vertrages über die Europäische Union (im folgenden „Maastricht-Vertrag“) als „Preisstabilität“[12] definierte und mit dem Attribut „vorrangig“ versehene Aufgabe präzisiert. Aufgrund der dabei von ihr gewählten Formulierung, Preis (niveau) stabilität werde verstanden als „Anstieg des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) für das Eurogebiet von unter 2 % gegenüber dem Vorjahr“ (Europäische Zentralbank (1999a:51)), schlossen Beobachter die Tolerierung von Deflation durch die EZB nicht aus. Da offenbar anderes intendiert war, wurde die erklärungsbedürftige Formulierung schon kurz darauf dahingehend präzisiert, dass der Begriff „Anstieg“ deflationäre Ziele ausschließe (Svensson (2000:95f.) und Europäische Zentralbank (1999a:51)). Durch die Bekanntgabe des quantitativen Referenzwertes für das Geldmengenwachstum und den dessen Berechnung zugrunde liegenden Annahmen[13] signalisierte die EZB bereits implizit, dass sie sich mit ihrem Inflationsziel eher am oberen Ende der möglichen Bandbreite orientieren werde (Svensson (2000:96) und Vaubel (2003:3)). Im Zuge der Evaluierung ihrer geldpolitischen Strategie im Mai 2003 erklärte die Europäische Zentralbank (2003:79) schließlich, sie strebe eine jährliche Inflationsrate von „unter, aber nahe bei 2 %“ an. Diese sei „mittelfristig“ einzuhalten (Europäische Zentralbank (1999a:51)).

Insoweit als dass das Ziel der Preisniveaustabilität dadurch nicht beeinträchtigt wird, soll die EZB die allgemeine Wirtschaftspolitik der Europäischen Gemeinschaft unterstützen und so einen Beitrag zur Verwirklichung der Ziele der Gemeinschaft leisten (Art. 105 Abs. 1 Maastricht-Vertrag), zu denen unter anderem „ein beständiges, nichtinflationäres Wachstum“ sowie „ein hohes Beschäftigungsniveau“ zählen (Art. 2 Maastricht-Vertrag). Im Rahmen ihrer geldpolitischen Strategie erklärt die EZB, dass sie diesen nachrangigen Zielen am besten durch konsequente Fokussierung ihrer Politik alleine auf das Ziel der Preisniveaustabilität dienen könne (Europäische Zentralbank 1999a:45f.). De Grauwe (2005:179) kritisiert dies und betont, dass die EZB durch ihre Interpretation des Maastricht-Vertrages alle anderen möglichen Ziele als Preisniveaustabilität fallen gelassen und mit der Einschränkung der eigenen Ziele eine Aufgabe übernommen habe, die in der Demokratie den gewählten Politikern obliege[14].

b) Die geldpolitischen Ziele unter den Aspekten von Glaubwürdigkeit und Accountability

Das Inflationsziel der EZB kann weder eindeutig als Punktziel noch als Zielbereich klassifiziert werden. Die Formulierung, dass eine Inflationsrate „nahe [...] bei 2 %“ angestrebt werde, deutet entweder auf einen sehr engen Zielbereich oder ein Punktziel bei gleichzeitiger Anerkennung der Schwierigkeiten, dieses in der Realität mit höchster Genauigkeit zu treffen (Trichet (2003)), hin. Gleichzeitig lässt die Bestimmung, die Inflationsrate solle „[...] unter 2 %“ liegen, zumindest die Vermutung zu, die EZB sehe kleine Überschreitungen der HVPI-Wachstumsrate von 2 % eher als Gefährdung der Preisniveaustabilität, denn kleine Unterschreitungen dieses Wertes. Wenn auch die Formulierung des Inflationsziels mit Unklarheiten behaftet ist[15], so wird doch durch die quantitative Präzisierung des Zielbereichs die Diagnose von Zielverfehlungen, welche Voraussetzung für Accountability ist, sehr erleichtert. Da zudem die Inflationserwartungen der Finanz-, Güter und Arbeitsmärkte entsprechend reagieren würden, wenn es der EZB nicht gelänge, etwaige Zielverfehlungen plausibel zu erklären, erhöht sich der Anreiz für die Geldpolitik, das Inflationsziel tatsächlich zu erreichen (Issing et al. (2001:68)), und mithin sowohl ihre Glaubwürdigkeit als auch ihre (informelle) Accountability.[16] Bernanke et al. (1999:22) weisen allerdings darauf hin, dass nach den bisherigen Erfahrungen mit Inflation-Targeting-Regimen die in Umfragen erhobenen und in den langfristigen Zinssätzen enthaltenen Inflationserwartungen nicht schon alleine durch die Ankündigung eines Inflationsziels, sondern erst durch den in der praktischen Geldpolitik erbrachten Nachweis niedriger Inflation tatsächlich positiv beeinflusst werden konnten. Der europäische Fall könnte jedoch anders gelagert sein, da durch die zum Eintritt in die Währungsunion erforderliche (Inflations-)Konvergenz die Kosten der Stabilisierung (de Grauwe (2005:144ff.)), die eine starke Belastung für die Glaubwürdigkeit der monetären Autoritäten neu geschaffener Inflation-Targeting-Regime sein dürften, im wesentlichen bereits vor Übernahme der Geldpolitik durch die EZB angefallen sind. Zudem hatten die teilnehmenden Staaten damit bereits ihren Willen, niedrige Inflationsraten zu erreichen, unter Hinnahme sozialer Kosten glaubwürdig dokumentiert (de Grauwe (2005:146))[17]. Unmittelbarer Vorteil eines solchermaßen glaubwürdigen Inflationsziels ist die Stabilisierung der privaten Inflationserwartungen, welche niedrigere Inflationsrisikoprämien in den langfristigen Zinssätzen, eine dementsprechend verstärkte Investitionstätigkeit und durch den damit verbundenen Kapazitätseffekt einen Anstieg des Produktionspotentials zur Folge hat (Europäische Zentralbank (1999a:44)). Zudem werden bei stabilen Inflationserwartungen weniger Ressourcen für die Vermeidung der adversen Distributionseffekte von Inflation aufgewandt (ebenda)[18]. Da ein glaubwürdiges Inflationsziel durch seine Ankerfunktion eine Koordinierung der Inflationserwartungen bewirkt (Issing (2001:68)), werden Verzerrungen, die durch unterschiedliche Inflationserwartungen hervorgerufen werden (z.B. bei den relativen Löhnen), vermieden. Gleichzeitig erleichtern stabile und niedrige Inflationserwartungen die Durchführung der Geldpolitik (Trichet (2003)).

Ein grundsätzliches (wenngleich auch eher theoretisch motiviertes) Problem der sich an der tatsächlichen Zielerreichung orientierenden Accountability könnte der Umstand sein, dass aufgrund der verhältnismäßig langen Wirkungslags der Geldpolitik (Mishkin (1999:27)) diejenigen Mitglieder des EZB-Rates, welche einst über den die aktuelle Inflationsentwicklung (mit-)bestimmenden Instrumenteneinsatz entschieden hatten, nicht mehr im Amt sind und dementsprechend nicht mehr direkt durch die am Markt steigenden Inflationserwartungen (informell) zur Rechenschaft gezogen werden können (Issing et al. (2001:133)). Wäre diese Gefahr tatsächlich realistisch, stellte sie ein erhebliches Problem für die Glaubwürdigkeit der EZB-Politik dar und würde die Veröffentlichung einer Inflationsprognose erwägenswert machen.[19] Das Problem dürfte jedoch aus drei Gründen von sehr begrenztem Ausmaß sein: Zum einen betragen die Amtszeiten der EZB-Ratsmitglieder stets mehrere Jahre[20], wodurch diese die ansonsten externen Effekte ihrer eigenen Entscheidungen internalisieren.

[...]


[1] Obwohl die korrekten Bezeichnungen „Europäisches System der Zentralbanken“ und „Federal Reserve System“ lauten müssten, wird im weiteren aus Gründen der Einfachheit stets von der „Europäischen Zentralbank“ (oder „EZB“) und der „Federal Reserve“ gesprochen. Gemeint sind jeweils die Notenbanksysteme in ihrer Ganzheit.

[2] Das deutsche Wort „Rechenschaftspflichtigkeit“ gibt die Bedeutung des englischen „Accountability“ nicht sonderlich gut wider, denn Accountability im hier verwendeten Sinne beinhaltet nicht nur eine rechtlich-formale, sondern auch eine faktische „Rechenschaftsfähigkeit“, den Umstand also, dass jemand die Voraussetzungen dafür erfüllt, tatsächlich (ggf. auch ohne formale rechtliche Grundlage) zur Rechenschaft gezogen werden zu können. Da diese Bedeutung von Accountability für die folgenden Ausführungen nicht unbedeutend ist, wird im weiteren der englische Begriff Accountability.

[3] Allerdings sei darauf hingewiesen, dass Abweichungen zwischen den Zielen der Gesellschaft und denen der Zentralbank weder eine notwendige (dies folgt bereits aus Barro/Gordon (1983)) noch eine hinreichende Bedingung für ein Verfehlen der gesellschaftlichen Ziele sind. Gerade diese Abweichung kann es sein, die das Erreichen der gesellschaftlichen Ziele überhaupt erst ermöglicht (so beispielsweise die Eliminierung des Inflation Bias durch Gleichsetzung des Beschäftigungsziels mit der natürlichen Beschäftigungsquote, vgl. Svensson (1997:100)).

[4] Die Ausprägung der Accountability als staatlicher Mechanismus steht allerdings in der Literatur in der Regel deutlich im Vordergrund.

[5] Dies im Allgemeinen umso mehr, je größer der Einfluss der Zentralbank auf die Definition ihrer eigenen Ziele ist.

[6] Ein anschauliches Beispiel hierfür liefern Issing et. al. (2001:37) in Anlehnung an eine Arbeit von Carida, Galí und Gertler. Ein anderer Fall, in dem dieser Effekt zum Tragen kommt, ist die in Folge einer glaubwürdigen Festlegung der Zentralbank auf eine einigermaßen konstante Inflationsrate eintretende Reduktion der in den langfristigen Zinssätzen enthaltenen Inflationsrisiko-Prämien.

[7] Die empirische Relevanz jener Modelle, die die Existenz eines solchen Bias aus dem Anreiz der Zentralbank, durch Überraschungsinflation einen positiven Beschäftigungseffekt zu erzielen, herleiten, mag bei rationalen Erwartungen angesichts der langen Wirkungslags der Geldpolitik (und der dementsprechend unplausiblen Annahme von zum Zeitpunkt der geldpolitischen Entscheidung gegebenen Inflationserwartungen) zwar bezweifelt werden (es sei denn, man unterstellte der Zentralbank, sie würde mit verzerrten Inflationsprognosen die Erwartungen zu senken versuchen, was ihr auf Dauer wohl nicht gelingen könnte). Geraats (2001) zeigt allerdings, dass ein Inflation-Bias auch dann entstehen kann, wenn die Zentralbank in Folge ihrer Stackelberg-Führerschaft ein Precommitment eingehen kann. Grund ist die Unsicherheit der Wirtschaftssubjekte über die Präferenzen der Zentralbank, die sie unter Berücksichtigung des geldpolitischen Instrumenteneinsatzes zu schätzen versuchen. Je größer nun die ökonomische Unsicherheit, desto weniger gewichten sie bei dieser Schätzung das geldpolitische Signal, und desto eher besteht für die Zentralbank die Möglichkeit, die Wirtschaftssubjekte zu überraschen.

[8] Aus diesem Grunde - und weil die bloße Existenz einer Strategie als wirksames Commitment kaum genügen dürfte - wird keine Zentralbank umhin können, sich Glaubwürdigkeit durch tatsächliche Zielerreichung zu erarbeiten, entsprechend des von McCallum (1995) beschriebenen „just-do-it“- Ansatzes.

[9] Gleichwohl kann in einfachen Modellen Glaubwürdigkeit trotz Mangels eines wirksamen Accountability-Mechanismus erreicht werden (vgl. das Konzept des optimalen Zentralbankers in Rogoff (1985); in solchen Modellen wird Glaubwürdigkeit bezüglich der gesellschaftlichen Ziele durch spezielle Präferenzen der Zentralbank generiert, ohne dass besondere Disziplinierungsmaßnahmen nötig wären).

[10] Selbst bei dem von McCallum (1995) beschriebenen just-do-it-Verhalten der Zentralbank existiert letztlich ein wirksamer Accountability-Mechanismus, da die Zentralbank weiß, dass die Märkte sie auf mittlere Sicht durch entsprechende Erwartungsbildung „bestrafen“ würden, wenn sie versuchte, eine „diskretionäre“ Politik zu betreiben.

[11] Die Überlegungen dieses Abschnitts sind angelehnt an Issing et al. (2001:65).

[12] Gemeint ist offensichtlich Preisniveaustabilität. Preisstabilität im Sinne konstanter Preise aller Güter und das damit notwendigerweise verbundene Versagen des Marktes als Allokationsmechanismus kann kaum Sinne der Vertragsstaaten gewesen sein. Daher wird im folgenden stets von „Preisniveaustabilität“ gesprochen. Tatsächlich verfolgt die EZB allerdings ein Inflationsziel. Zum Unterschied zwischen Preisniveau- und Inflationsziel vgl. zum Beispiel Illing (1997:123ff.) oder Bernanke et al. (1999:30).

[13] Zur Ableitung des Referenzwertes siehe Europäische Zentralbank (1999b:40f.).

[14] Es sei darauf hingewiesen, dass die Auffassungen der EZB und de Grauwes nur dann auseinanderfallen, wenn die Aussage der EZB, mit der Verfolgung des Zieles der Preisniveaustabilität trage sie bestmöglich zur Verwirklichung anderer wirtschaftspolitischer Ziele bei, nicht haltbar wäre, denn hätte die EZB recht, so würde sie ja tatsächlich alle Ziele verfolgen, wobei für die übrigen wirtschaftspolitischen Ziele Preisniveaustabilität faktisch ein Zwischenziel darstellte. Diese Frage wird im folgenden Unterabschnitt eingehender besprochen werden.

[15] Hierzu beinahe zynisch Vaubel (2003:3)

[16] Eine formelle Sanktionsmöglichkeit, wie sie vor allem die Interpretation von Accountability als Konsequenz des Demokratieprinzips erfordert (vgl. Abschnitt 1.2), besteht hingegen kaum: De Grauwe (2005:178) argumentiert, dass das Europäische Parlament im Gegensatz zum amerikanischen Kongress keine Möglichkeit besitze, durch Änderung der Statuten „seine“ Zentralbank zu sanktionieren. Auf die institutionellen Fragen der Accountability (und Glaubwürdigkeit) kann allerdings in dieser Arbeit nicht in dem ihrer Bedeutung angemessenen Umfang eingegangen werden, da Fragen der Strategie, nicht aber der Institutionen, im Vordergrund stehen. Für eine kurze Darstellung dieser Aspekte in Bezug auf Accountability siehe zum Beispiel Issing et al. (2001:138ff.).

[17] Tatsächlich bewegten sich die langfristigen Inflationserwartungen seit Januar 1999 meist in dem Bereich zwischen 1,7 % und 1,9 % (Trichet (2003); vgl. hierzu auch die detaillierten Studien von Castelnuovo et al. (2003)). Dies kann als deutliches Zeichen für die Glaubwürdigkeit, die das Eurosystem bereits zu Beginn seiner Tätigkeit besessen hat, gewertet werden, v.a., wenn man berücksichtigt, dass die zu Beginn der Währungsunion realisierten, niedrigen Inflationsraten wegen der geldpolitischen Wirkungslags der EZB noch gar nicht zugerechnet werden können (Vaubel 2003:3).

[18] Empirische Studien, die die Wohlfahrtseffekte von Inflation anhand des Output-Wachstums untersuchen, könnten die Vorteile von stabiler (und niedriger) Inflation unterschätzen, da die beschriebene Ressourcenersparnis sich kaum in den üblichen Maßen wirtschaftlicher Aktivität widerspiegelt (ähnliches gilt bei der Beseitigung von Ineffizienzen durch zu komplexe Steuersysteme). Insoweit sind Größen wie das BIP als Wohlfahrtsmaß durchaus problematisch. Issing et al. (2001:14ff.) sowie McCandless und Weber (1995:Tabelle 4) bieten einen Überblick über Studien zu den langfristigen Output-Effekten von Inflation.

[19] In Abschnitt Abschnitt 2.2.1 wird die Frage der Veröffentlichung einer Inflationsvorhersage ausgiebiger diskutiert.

[20] Die Amtszeiten der meisten Präsidenten der ESZB-Notenbanken betragen beispielsweise fünf oder sechs Jahre (Vaubel (2003:4)). Der Präsident der Deutschen Bundesbank übt sein Amt regelmäßig acht, mindestens aber fünf Jahre (§7 Abs. 3 Bundesbankgesetz) aus und wird traditionellerweise wiederernannt, sofern er dies wünscht (Vaubel (2003:4)).

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Strategien der Zentralbankpolitik. Ein Vergleich zwischen der Federal Reserve und der Europäischen Zentralbank
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Jahr
2005
Seiten
29
Katalognummer
V373453
ISBN (eBook)
9783668511132
ISBN (Buch)
9783668511149
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
EZB, Fed, Geldmenge, Geldpolitik, Inflation, Inflationsziel, Glaubwürdigkeit, Kommunikationspolitik, Accountability, Credibility, Inflation Targeting, Europäische Zentralbank, Federal Reserve, geldpolitische Strategie
Arbeit zitieren
Anonym, 2005, Strategien der Zentralbankpolitik. Ein Vergleich zwischen der Federal Reserve und der Europäischen Zentralbank, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373453

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