Die Vereinten Nationen als Verhandlungssystem bei der Lösung globaler Probleme

Welche Vorteile erwachsen den Vertretern der Betroffeneninteressen?


Seminararbeit, 2002

21 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einordnung der Rolle der Vereinten Nationen als Verhandlungssystem bei der Bearbeitung von Konflikten und der Lösung globaler Probleme

3 Annahmen und Hypothesen
3.1 Überblick
3.2 Annahmen
3.3 Hypothesen

4 Empirische Plausibilisierung der Hypothesen
4.1 Überblick
4.2 Bemerkungen zur Methodik
4.3 Versuch einer Plausibilisierung
4.3.1 Die „Akteurs"-Hypothese (H1)
4.3.2 Die Transaktions-Koordinations-Kosten"- Hypothese (H2)
4.3.3 Die „Informations-Bereitstellungs"-Hypothese (H3)

5 Ergebnisse

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Dieser Arbeit liegt das grundsätzliche Erkenntnisinteresse an Voraussetzungen und Auswirkungen der Rolle der Vereinten Nationen (VN) als Verhandlungssystem zugrunde (vergl. Rittberger 1997:13). Die spezifische Fragestellung der vorliegenden Arbeit fragt nun nach den Vorteilen, die in Verhandlungen um die Lösung globaler Probleme den Vertretern der Betroffeneninteressen dadurch zuteil werden, dass die Verhandlungen nicht rein intergouvememental, sondern unter Mitarbeit der VN geführt werden.

Zwar erhebt die vorliegende Arbeit keineswegs den Anspruch, alle Vorteile zu analysieren, die den Vertretern der Betroffeneninteressen aus der VN-Tätigkeit erwachsen, wohl aber erhebt sie den, dass alle der analysierten vermeintlichen Vorteile auch tatsächlich welche sind.

Um die Bearbeitung der Fragestellung vorzubereiten, wird zunächst in Abschnitt 2 versucht, die Rolle - oder den Aktionsmodus - der VN als Verhandlungssystem theoriegestützt in Bezug zu setzen zu anderen möglichen Aktionsmodi, in denen die Weltorganisation tätig werden kann.

Im darauf folgenden Abschnitt 3 dann werden zunächst einige Annahmen dargelegt und erläutert (Unterabschnitt 3.2), auf denen basierend dann im selben Abschnitt drei Hypothesen über Antworten auf die Fragestellung vorgestellt und theoretisch plausibilisiert werden (Unterabschnitt 3.3).

Abschnitt 4 versucht dann kurz, anhand der konkreten Fallbeispiele der Verhandlungen zur internationalen Klimarahmenkonvention sowie der Bemühungen zum Schutze der Ozonschicht die Hypothesen auch empirisch plausibel zu machen, was sich aber aufgrund einiger methodischer Probleme schwieriger als ursprünglich angenommen gestaltet. Diese methodischen Fragen werden in Unterabschnitt 4.2 diskutiert, bevor dann in Unterabschnitt 4.3 schließlich doch der Versuch unternommen werden soll, die Hypothesen an der Realität zu testen.

Abschnitt 5 faßt die wesentlichen Ergebnisse der vorliegenden Arbeit nochmals zusammen und weist auf weitere Aspekte (vor allem der empirischen Plausibilisierung) hin, die im Zusammenhang mit der Fragestellung und den vorgestellten Hypothesen noch weiterführend untersucht werden könnten.

2. Einordnung der Rolle der Vereinten Nationen als Verhandlungssystem bei der Bearbeitung von Konflikten und der Lösung globaler Probleme

Im folgenden soll nun zunächst versucht werden, den Aktionsmodus „Verhandlungssystem“ der VN theoriegestützt zu anderen möglichen Aktionsmodi in Bezug zu setzen. Im Anschluss soll auf einige Besonderheiten des Aktionsmodus „Verhandlungssystem“ im Rahmen dieses Theorieansatzes hingewiesen werden.

Es wird hier zurückgegriffen auf ein Modell der Zivilisierung von Konfliktaustragungen, welches - von Norbert Elias entwickelt - von Rittberger (1997) auf die VN angewandt wird. Diese Anwendung wird erst durch Rittbergers Annahme, die „ordnungspolitische (Meta-) Aufgabe der VN“ (1997:12) bestünde in der Zivilisierung der internationalen Beziehungen, möglich. Elias’ Modell erklärt die relative Zunahme gewaltloser Konfliktlösungen (die „Zivilisierung“) durch die sich für die gegenseitig in vielfältiger Weise hochgradig voneinander abhängigen Bürger arbeitsteiliger Gesellschaften ergebende Notwendigkeit, ihre Koexistenz mit anderen Gesellschaftsmitgliedern durch stärkere Handlungskontrolle und Verzicht auf affektgeleitete, gewalttätige Konfliktbeilegung sicherzustellen bzw. zu verbessern[1].

Der endgültige Verzicht auf gewaltgestützte Konfliktlösungsmechanismen kann jedoch Elias zufolge nur dann wirksam sein, wenn der Bürger gleichzeitig davor geschützt wird, Opfer der gewaltgestützten Konfliktlösungsstrategien anderer Gesellschaftsmitglieder zu werden. Diesen Schutz gewährleistet zunächst ein wirkungsbeschränktes privates, d.h. nicht von den ihm Unterworfenen kontrolliertes Gewaltmonopol, das aus dem (militärisch ausgetragenen) Konflikt kleiner konkurrierender Herrschaftsbereiche entsteht, in dessen Zuge der jeweils unterlegene Herrschaftsbereich in den siegreichen integriert wird. Schreitet die Arbeitsteilung und funktionale Differenzierung innerhalb der Gesellschaft nun weiter fort, so kann aufgrund der wachsenden Abhängigkeit der herrschenden Elite von der übrigen Gesellschaft das private Gewaltmonopol in ein öffentliches, d.h. von den Bürgern kontrolliertes, übergehen.

Zwar hielt Elias dieses Modell für übertragbar auf die internationalen Beziehungen, erkannte aber gleichwohl, dass aufgrund der immer noch verhältnismäßig geringen weltweiten Arbeitsteilung, funktionalen Differenzierung und Interdependenz einerseits sowie des Verzichts auf die wahrscheinlich mit der nuklearen Vernichtung der Menschheit verbundene militärische Auseinandersetzung um die Etablierung eines zunächst privaten Gewaltmonopols andererseits, möglicherweise eine dritte Strategie der gewaltfreien Konfliktbearbeitung in den Vordergrund rückt, nämlich die horizontale Selbstkoordinaten souveräner Staaten durch Verhandlungen (Rittberger 1997:20).

Rittberger (1997:23) überträgt dieses Modell auf die Vereinten Nationen, indem er ihnen drei mögliche „Rollen“, die ihnen bei der Zivilisierung der internationalen Beziehungen zufallen können, zuschreibt und exemplarisch untersucht, nämlich die eines sich auf eine einzige oder wenige hegemoniale Mächte stützenden privaten Gewaltmonopols, die eines öffentlichen Gewaltmonopols als quasi­weltbundesstaatlicher Akteur und schließlich die als Verhandlungssystem zur horizontalen Selbstkoordination der Staaten. Die Plausibilität der Konfliktbearbeitung durch horizontale Selbstkoordination begründet Rittberger einerseits anhand eines liberalen Theorieansatzes, welcher die gewaltfreie Regulierung von Konflikten auf zwischenstaatlicher Ebene auf die Internalisierung der gewaltfreien Konfliktbearbeitung bei den relevanten Akteuren im innerstaatlichen Bereich zurückführt, und andererseits anhand eines neoinstitutionalistischen Ansatzes, der verhandlungsbasierte Konfliktbeilegung dann als wahrscheinlich betrachtet, wenn komplexe Interdependenzen zwischen Staaten bestehen, welche eine gewaltsame Konfliktlösung für alle beteiligten Akteure als wenig vorteilhaft erscheinen lassen.

Rittberger (1997:81) untersucht die Rolle der VN als Verhandlungssystem exemplarisch am Beispiel der Verhandlungen zum Schutz der Ozonschicht, ein Beispiel, das in erweiterter Form als „Klimaschutz“ auch exemplarischer Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist.

Es soll jedoch an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass dieses Beispiel eigentlich nicht geeignet ist, die Rolle der VN als Verhandlungssystem bei der Zivilisierung der internationalen Beziehungen zu demonstrieren. Faßt man nämlich die Zivilisierung der internationalen Beziehungen als relative Verminderung gewaltgestützter Konfliktlösungsversuche auf, was als Operationalisierung der Definition Rittbergers (1997:15) betrachtet werden kann, so stellt man fest, dass Klimaschutzverhandlungen aus diesem Analyseraster deshalb herausfallen, weil durch diese Problematik motivierte Gewaltanwendung unwahrscheinlich, eigentlich sogar ausgeschlossen erscheint. Zwar haben die im Klimaschutzverhandlungssystem Agierenden durchaus verschiedene, mitunter konfligierende Interessen, jedoch steht im Mittelpunkt eben gerade nicht die Lösung eines Konfliktes, sondern eines globalen Problems, von dessen Folgen zwar die einen Akteure mehr, die anderen weniger betroffen sein mögen, das jedoch auf lange Sicht Interessen aller Akteure unvorteilhaft berühren wird. Kennzeichnend für ein solches Problem ist, dass es mit militärischen Mittel prinzipiell nicht gelöst werden kann[2], anders als der Konflikt, der (äußerstenfalls) mit der totalen militärischen Vernichtung einer der Konfliktparteien zu existieren aufhört.

Da eine militärisch-gewaltsame Lösungsoption prinzipiell nicht zur Verfügung zu stehen scheint, kann in diesem Zusammenhang von einem Beitrag der VN zur Zivilisierung der internationalen Beziehungen also nicht gesprochen werden. Die Bemühungen innerhalb des „VN-Verhandlungssystems Klimaschutz“ können somit auch nicht unter der von Ritteberger definitorisch gesetzten (Meta-)Aufgabe der VN subsumiert werden. Diese müßte daher erweitert werden um die Aufgabe, zur Lösung globaler Probleme beizutragen. Diese Erweiterung, die, wie bei in Abschnitt 3 zu zeigen sein wird, keine „Haarspalterei“ ist, sondern einige interessante Implikationen hat, soll im weiteren Verlaufe dieser Arbeit als gegeben betrachtet werden.

3. Annahmen und Hypothesen

3.1 Überblick

In diesem Abschnitt sollen auf die Fragestellung der vorliegenden Arbeit bezogene Hypothesen (H1-H3) vorgestellt und zunächst allgemein und theoretisch plausibilisiert werden. Den Hypothesen liegen die im folgenden Unterabschnitt erläuterten Annahmen (A1-A6) zugrunde, die es vor allem erlauben sollen, den komplizierten Bereich der Akteursinteressen so zu strukturieren und damit zu vereinfachen, dass die Hypothesen diesbezüglich auf einem wirklich festen Fundament ruhen.

3.2 Annahmen

Den Hypothesen liegen die folgenden Annahmen zugrunde:

A1: Die Interessenträger sind Staaten.

Wir nehmen im folgenden an, dass die Interessen nur von Staaten vertreten werden. Nichtregierungsorganisationen werden vernachlässigt.

A2: Interessen sind entweder Verursacher- oder Betroffeneninteressen.

Von Prittwitz (1990:116ff.) gliedert die Interessen umweltpolitischer[3] Akteure in Betroffenen-, Verursacher- und Helferinteressen. Die Helferinteressen, die sich auf die Problembewältigung beziehen (Steffan 1994:25) und somit nicht unmittelbar von der Problemsituation profitierenden bzw. geschädigten Akteuren zugeschrieben werden, werden im folgenden vernachlässigt. Die betrachteten Staaten sind also entweder Verursacher eines globalen Problems, dessen Betroffene, oder zu einem gewissen Grade beides (vergl. Annahme A3).

A3: Es können Staaten gleichzeitig Verursacher- undBetroffeneninteressen zufallen. Die Verteilung der Interessen mag asymmetrisch sein.

Es ist demnach möglich, dass ein Staat sowohl (Mit-)Verursacher wie auch Betroffener eines Problems ist[4]. Die Frage, welche Verhandlungsposition ein Staat, der sowohl Verursacher- als auch Betroffeneninteressen besitzt, einnimmt, müsste im Rahmen eines Modells über die Aggregation von entgegengesetzten Interessen untersucht werden[5]. Darüber hinaus sei angenommen, dass manche Staaten mehr „betroffen“ bzw. „verursachend“ sein können also andere, sowie dass ein einzelner Staat mehr „betroffen“ als „verursachend“ sein kann bzw. umgekehrt. Diese Annahme scheint nicht nur für globale Umweltprobleme, sondern zum Beispiel wegen der herrschenden Interdependenz auch für wirtschaftliche Probleme globalen Ausmaßes plausibel zu sein.

A4: Staaten, die ausschließlich Verursacherinteressen vertreten[6], sind an einer Beibehaltung des Status Quo interessiert. Staaten, die ausschließlich Betroffeneninteressen vertreten, treten für eine Änderung des Status Quo ein.

Diese Annahme ist selbsterklärend. Es sei an dieser Stelle nur darauf hingewiesen, dass wegen des Problems der Interessenaggregation über die Positionen derjenigen Staaten, die sowohl Verursacher- als auch Betroffeneninteressen haben, keine eindeutige Aussage gemacht werden kann.

A5: „Interessen “ sind zu verstehen als die von den Akteuren wahrgenommenen Interessen.

Unabhängig davon, wie auch immer die „objektive“ Interessenlage (die sich bei Kenntnis der grundlegenden Präferenzen der Akteure sowie vollkommener Information hinsichtlich ihrer Umwelt rekonstruieren lassen sollte) aussehen mag, die Akteure handeln gemäß den von ihnen wahrgenommenen Interessen (Scharpf 1992:53). Abweichungen zwischen objektiven und

perzipierten Interessen können beispielsweise dadurch entstehen, dass wissenschaftliche Kenntnisse nicht verfügbar sind oder (sei es bewußt oder unbewusst) ignoriert werden.

A6: Die Akteure verhalten sich rational sowie „ egozentriert “ bzw. „ individualistisch “

(SCHARPF1992:53).

Diese Annahme scheint keiner weiteren Erklärung zu bedürfen.

3.3 Hypothesen

Im folgenden werden die beiden Hypothesen (H1 - H3) vorgestellt, sowie allgemein und theoretisch plausibilisiert.

H1: Die VNfungieren in ihrer Rolle als Verhandlungssystem keineswegs als „ ehrlicher Makler“, sondern neigen klar den Interessen der Betroffenen zu.

Die zunächst allgemeine und theoretische Plausibilisierung dieser Hypothese basiert auf der Annahme, eine der beiden Meta-Aufgaben der VN sei es, einen Beitrag zur Lösung globaler Probleme zu leisten[7] (vergl. Abschnitt 2). Die Lösung eines globalen Problems, welche stets eine Änderung des Status Quo (der ja das Problem verursacht bzw. dessen Existenz sichert) bedeutet, liegt aber genau im Interesse der Betroffenen. Wirken die VN also auf eine Lösung des Problems hin, handeln sie im grundsätzlichen Interesse der Betroffenen, nicht jedoch in dem der Verursacher (deren Interesse es ist, den Status Quo zu erhalten; siehe Annahme A4 und Prittwitz 1990:116). Daher wäre es falsch, den VN die Rolle eines neutralen Forums zuzuweisen, sondern vielmehr müssen die VN, auch wenn sie „nur“ die horizontale Selbstkoordination souveräner Staaten ermöglichen, als Akteur mit eigenen Interessen (die aber mit denen der Betroffenen hoch kompatibel sind), aufgefaßt werden, der sich zwar grundsätzlich anders darstellt als die staatlichen Akteure, aber ebensowenig wie diese wirklich neutral ist.

H2: Die VN ermöglichen den Vertretern von Betroffeneninteressen[8] eine transaktions- Dieser “reine” Fall, dass ein Staat nur Verursacherinteressen besitzt, ist eigentlich ausgeschlossen (siehe Fußnote 2).

[...]


[1] Esser (1999:320) zeigt jedoch das Modell Elias‘ stützend, dass das affektgeladene Handeln unter den Bedingungen geringer Komplexität von Handlungsfolgen, Arbeitsteilung und Interdependenz in der „vorzivilisierten Gesellschaft“ durchaus als Ergebnis rationaler Abwägung von Handlungsalternativen betrachtet werden kann.

[2] So wären beispielsweise die Folgen der bis heute erfolgten Treibhausgasemissionen ein auch nach einer entscheidenden militärischen Auseinandersetzung weiterhin bestehendes Problem. Eine zumindest auf Teilprobleme ausgerichtete militärische Lösungsoption bestünde in der Klimaproblematik möglicherweise dann, wenn die militärisch potenten Träger von Verursacher- und Betroffeneninteressen klar zu trennen wären. Aufgrund der v.a. wirtschaftlichen Interdependenz sowie der Tatsache, dass in der Klimaproblematik praktisch alle Staaten über Konsumptionsinteressen (die zusammen mit den Produktionsinteressen die Verursacherinteressen bilden) verfügen, sowie durch den globalen Charakter der Klimaveränderung Betroffene des Problems sind (Steffan 1994:24), scheint eine derart klare Trennung der Interessen, die eine notwendige Bedingung militärischen Vorgehens ist, nicht vorzunehmen zu sein. Zwar mögen Betroffeneninteressen (die im übrigen schwer mobilisierbar sind (Steffan 1994:24)) und Verursacherinteressen in einem Grade asymmetrisch verteilt sein, der im Rahmen dieser Arbeit nicht untersucht werden kann, jedoch könnte eine solche Asymmetrie gerade wegen der voranschreitenden wirtschaftlich-technischen Entwicklung vieler Staaten langsam in eine symmetrische Verteilung übergehen. Oberthür/Ott (1999:27) zum Beispiel zitieren eine Schätzung der International Energy Agency, der zufolge um das Jahr 2020 herum die C02-Emissionen der Entwicklungsländer die der Industriestaaten erreichen werden. Eine militärische Option scheint bei zunehmender Interessen-Symmetrie offensichtlich nicht gegeben.

[3] Von Prittwitz bezieht seine Analyse unterschiedlicher Interessen zwar ausschließlich auf umweltpolitische Akteure. Die im folgenden erläuterte Unterscheidung in Verursacher- und Betroffeneninteressen scheint jedoch auch über den Bereich der Umweltproblematik hinaus Sinn zu machen: Denn gäbe es keine Betroffenen, würde der jeweilige Sachverhalt nicht als Problem betrachtet werden. Jedoch können Menschen auch für viele (wenn auch nicht notwendigerweise alle) Probleme direkt oder indirekt als Verursacher angesehen werden. Zwar mögen bei anderen als Umweltproblemen weitere Interessen eine Rolle spielen, jedoch sind offensichtlich in Zusammenhang mit allen Problemfällen Betroffeneninteressen und wenigstens mit den meisten Verursacherinteressen zu finden. Die angesprochenen weiteren Interessen müssen wegen ihrer offensichtlich aus ihrer Problembezogenheit resultierenden Heterogenität an dieser Stelle vernachlässigt werden.

[4] Diese Annahme ist für globale Probleme streng genommen per definitionem richtig ist: Denn ist das durch einen Akteur verursachte Problem tatsächlich globaler Natur, so schlägt es auch auf den auf dem „Globus“ lokalisierten Akteur, der es verursachte, zurück. Mindestens diesem einen Akteur fallen daher sowohl Verursacher- wie auch Betroffeneninteressen zu. Es mag jedoch Fälle geben, in denen das Problem nicht alle, sondern nur den größten Teil der Akteure (hier: Staaten) betrifft, und man gleichwohl vermutlich von einem „globalen“ Problem sprechen würde.

[5] Das denkbar einfachste (wenngleich in der Empirie vermutlich schnell an seine Grenzen stoßende) Modell der Interessenaggregation für das vorliegende Problem wäre folgendes: Jeder Staat bestimmt den Nutzen, den er aus der Tätigkeit, mit der er dass Problem (mit-)verursacht, zieht (Verursachernutzen), sowie den Nutzenverlust, den er aufgrund der Auswirkungen des Problems erleidet (Betroffenennutzen, der negativ ist). Ist die Summe aus Verursacher- und Betroffenennutzen positiv, entscheidet der Staat sich für eine die Verursacherinteressen vertretende Verhandlungsposition, ist sie negativ, so wählt er eine die Betroffeneninteressen vertretende Haltung und verhält sich indifferent, sollte die Summe aus Verursacher- und Betroffenennutzen gleich Null sein.

[6] Dieser "reine" Fall, dass ein Staat nur Verursacherinteressen besitzt, ist eigentlich ausgeschlossen (siehe Fußnote 2).

[7] Die in Abschnitt 2 postulierte Aufgabe, bei der Lösung internationaler Probleme mitzuwirken, findet sich auch in der VN- Charta. Dort heißt es (Art. 1, Abs. 3): “Die Vereinten Nationen setzen sich folgende Ziele: [...] eine internationale Zusammenarbeit herbeizuführen, um internationale Probleme wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und humanitärer Art zu lösen [...]” (Charta der Vereinten Nationen 1945).

[8] Unter Vertretern/Trägern von Betroffeneninteressen sind hier diejenigen Staaten zu verstehen, die entweder nur Betroffeneninteressen besitzen, oder sich nach wie auch immer gearteter Interessenaggregation dazu entschlossen haben, sich auf die Seite der Betroffen zu stellen (siehe Annahme A3).

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Vereinten Nationen als Verhandlungssystem bei der Lösung globaler Probleme
Untertitel
Welche Vorteile erwachsen den Vertretern der Betroffeneninteressen?
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,0
Jahr
2002
Seiten
21
Katalognummer
V373456
ISBN (eBook)
9783668509214
ISBN (Buch)
9783668509221
Dateigröße
695 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vereinte Nationen, UN, VN, Klimaschutz, IPCC, Internationale Verhandlungen, Climate Change
Arbeit zitieren
Anonym, 2002, Die Vereinten Nationen als Verhandlungssystem bei der Lösung globaler Probleme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373456

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