Evaluation spezieller bewegungstherapeutischer Verfahren einer ganzheitlichen Orientierung von Kindern mit AD(H)S im Sportunterricht


Bachelorarbeit, 2015

65 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhalt
Inhalt ... 2
Abkürzungsverzeichnis ... 3
Abbildungsverzeichnis ... 3
1. Einleitung ... 4
2. Krankheitsbild- Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom/-Hyperaktivitätsstörung AD(H)S ... 6
2.1 Klassifikation und Kernsymptomatik ... 7
2.1.1 Aufmerksamkeitsstörung ... 9
2.1.2 Hyperaktivität ... 13
2.1.3 Hyperkinetisches Syndrom/ Impulsivität ... 14
2.2 Ätiologie ... 16
2.3 Diagnose ... 18
2.4 Verlauf und Prognose ... 20
3. Therapiemethoden von AD(H)S ...23
3.1 Medikamentöse Behandlungsmethode ... 24
3.2 Psychotherapeutische Maßnahmen ... 25
3.3 Verhaltenspsychologie ... 26
3.4 Familientherapie ... 27
4. Bewegungstherapeutische Konzepte...29
4.1 Heilpädagogik ... 31
4.2 Ergotherapie ... 31
4.3 Psychomotorische Therapiemethoden ... 32
4.4 Entspannungsverfahren... 35
5. AD(H)S und Bewegungstherapie im Sportunterricht ...37
5.1 Pädagogik in der Praxis ... 40
5.2 Psychomotorische Verfahren und die Bedeutung des Spiels ... 43
5.3 Entspannungsverfahren und Yoga ... 47
5.4 Tanzpädagogik ... 51
6. Diskussion und Wandel des Krankheitsbildes AD(H)S und dessen Bedeutung für den
Sportunterricht ...54
7. Zusammenfassung ...59

Abkürzungsverzeichnis
Abb.
Abbildung
ADS
Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom
bzw.
beziehungsweise
DSM-IV
Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen
Ebd
Eben da
ESHOV
Explorationsschema für Hyperkinetische und oppositionelle Verhaltensstö-
rungen
et al.
et alii (und andere)
etc.
et cetera
HKS
Hyperkinetisches Syndrom
ICD-10
International Statistical Classification of Diseases and Related Health Prob-
lems
MCD
minimale celebrale Dysfunktion
WHO
Weltgesundheitsorganisation
z.B.
zum Beispiel
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1.
:
Kriterien für die Diagnose einer hyperkinetischen Störung nach ICD10 und
einer
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung nach DSM-IV TR
... 9
Abbildung 2.:
Neuropsychologische Faktoren bei der Entstehung hyperkinetisch Störungen
...
17
Abbildung 3.:
Übersicht über Therapieverfahren
. ... 26

4
1. Einleitung
Das Krankheitsbild der Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung hat sich im 21. Jahr-
hundert zu eine der am weitesten und häufigsten verbreiteten hyperkinetischen, oppositio-
nellen und psychischen Verhaltensstörungen im Kinder- und Jugendalter entwickelt (Döpf-
ner, M., Lehmkuhl, G. & Steinhausen, H-C., 2006). AD(H)S kann bei 3% bis 6% der Kinder
und Jugendlichen von vier bis sechzehn Jahren diagnostiziert werden, entsprechend nach
den diagnostischen Kriterien des DSM-IV, für einen allgemeingültigen Aussagewert (Döpf-
ner et al., 2006). AD(H)S ist ein nach außen hin sehr auffälliges Krankheitsbild. Betroffene
Kinder sind ständig in Bewegung, leicht ablenkbar und unkontrolliert in Bewegungen. Zu-
sätzlich zu den krankheitsbedingten Belastungen sind heutige Lebenssituationen komple-
xer und dynamischer als es vor einigen Jahrzehnten der Fall war. Die Lebenswelt verän-
dert sich im Eiltempo. Das bekommen Kinder von früh auf zu spüren. Kinder mit A(D)HS
erleben diese Wechsel intensiver, können diese aber wiederrum nicht besser verarbeiten.
Sobald Kinder Verhaltensauffälligkeiten zeigen oder mit bereits diagnostiziertem AD(H)S
in die Schule kommen, verstärken sich oftmals die Symptome und das Krankheitsbild ver-
schlechtert sich (Zentrales ADHS-Netzwerk, 2009). Verhaltensgestörten Kindern und Ju-
gendlichen Pillen zu geben kostet nicht viel Zeit und wirkt schneller (Köttgen, 2014). Stellt
sich jedoch die Frage, ob eine medikamentöse Behandlung langfristig gesehen nicht eher
schädlich für die betreffende Person und das Umfeld sein kann?
Diese Arbeit schneidet nur kurz an, welche Therapieverfahren neben der medikamentösen
Behandlung aktuell genutzt werden und inwieweit Therapiekombinationen Wirkung zeigen.
Es wird im Schwerpunkt vielmehr thematisiert wie bewegungstherapeutische Maßnahmen
das Krankheitsbild positiv beeinflussen und im Sportunterricht Anwendung finden können.
Das Medium Bewegung wird als sinnvolle Ergänzung zu anderen Methoden vorgestellt.
Kinder verspüren ein natürliches Bewegungsverlangen, was einen Umgang mit der Krank-
heit erleichtern kann. Um das belegen zu können, werden die aussagekräftigsten Studien
als Bestandteil dieser Arbeit heran, gezogen. Dabei werden kausale und korrelative Zu-
sammenhänge, welche für die pädagogische Umsetzung im Sportunterricht von Relevanz
sind, ausfindig gemacht. Spätestens seit der Reformierung des Lehrplans in Sport im Jah-
re 1998 in NRW, welcher den Weg zur inklusiven Schule einschließt, wächst zunehmend
das öffentliche Interesse an emotionalen und sozialen Verhaltensauffälligkeiten und Ver-
haltensstörungen wie AD(H)S (vgl. Giese & Weigelt, 2013; Tiemann, 2013). Diese aktuel-

5
len Reformdebatten bieten den Anlass in dieser Arbeit förderliche Sportunterrichtsverfah-
ren für Schüler-innen mit AD(H)S nennen zu können.
Um sich nicht in der weiten Thematik der Behandlung von AD(H)s zu verlieren, beschränkt
sich die Arbeit im Hauptteil auf die bestförderliche Altersspanne der Primarstufe und frü-
hen Sekundarstufe eins, Klasse fünf bis sieben. Der erste Teil thematisiert zum einen das
Krankheitsbild und anerkannte Therapiemaßnahmen. Dazu wird sowohl der For-
schungstand zum Krankheitsbild AD(H)S als auch die unterschiedlichen Verfahren in der
Therapie beleuchtet und kurz erläutert. Aus dem Bereich der Therapiemaßnahmen wer-
den psychologische und verhaltenstherapeutischen Verfahre beleuchtet. Der Hauptteil
beschäftigt sich mit der Relevanz von bewegungstherapeutischen Verfahren zur Behand-
lung von AD(H)S. Bewegungszentrierte Ansätze, speziell in der Psychomotorik, des Spiels
und der Tanzpädagogik, konnten durchweg ertragreiche Effekte im Sozialverhalten, in
personalen Einstellungen und im Verhalten verbuchen. In diesem Zusammenhang werden
die Mototherapie nach Kiphard, (1955, 1988, 2003) und die Psychomotorik laut Wohnhaß-
Baggerd (2008) als Behandlungsverfahren von A(D)HS dargestellt. Heilpädagogische Ver-
fahren, wie Entspannungsverfahren und die Tanztherapie, sind empirisch nur stichpro-
benweise erforscht worden. Diese Arbeit legt eine Stichprobenstudie von Nicole Goldstein
(2003) zum Thema Yoga mit zwanzig AD(H)S Kindern vor und stellt Befunde und Anre-
gungen von Marcus Stück (2011) zur Einführung und Didaktik von Yoga in Schulen dar.
Außerdem werden beispielhafte Übungsreihen und Einführungen von Yogaelementen in
der Schule nach Proßowsky (2007) und Omonsky (2014) hinzugefügt. Im Anschluss daran
soll eine Transferleistung dieses Ansatzes für die Schule möglich sein. Tanzen ist im Ge-
gensatz zu Yoga im Curriculum im Inhaltsbereich Tanzen, Darstellen und Gestalten ver-
ankert. Es wird sich im Verlauf der Arbeit zeigen, wie dem Schulsport mehr denn je die
Aufgabe auferlegt wird, Kindern Freizeitangebote durch Sport und Bewegung zu vermit-
teln.
Abschließend wird der Appell den Sportunterricht in Hinblick auf die Inklusionsdebatte zu
innovieren diskutiert. Vor diesem Hintergrund orientiert sich die Diskussion an einer ganz-
heitlichen Förderung des Kindes mit AD(H)S. Am Ende der Arbeit sollen sich Lehrer/-
innen, Eltern, Therapeuten/-innen und weitere Mitwirkende im Schulgeschehen angespro-
chen und aufgefordert fühlen, Kinder und Jugendliche nicht als Menschen mit Defizite zu
sehen, sondern als Personen mit Stärken und unterschiedlichen Interessen und Bedürf-
nissen, die es zu fördern gilt.

6
2. Krankheitsbild- Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom/-
Hyperaktivitätsstörung AD(H)S
Das Krankheitsbild
Aufmerksamkeitsdefizit/-Hyperaktivitätsstörung
(ADHS) ist laut kinder-
und jugendpsychiatrischer Diagnosen eines der meist verbreiteten Störungsbilder. Die An-
zahl der positiven Diagnosen hat in den vergangenen Jahren sogar zugenommen (Schlink
& Fischer, 2012). ADHS kann unterschiedliche Kernsymptome aufweisen. Es handelt sich
um einzelne Verhaltensauffälligkeiten, die letztendlich zu Störungen führen können. Die
Auffälligkeiten im Verhalten treten häufig Verhalten von Kindern vor dem sechsten Le-
bensjahr auf. Die Grundmerkmale dieser Kernsymptome sind neben der Hyperaktivität,
sowohl Impulsivität, Bewegungsunruhe, als auch Konzentrations-und Aufmerksamkeits-
schwächen (Biederman & Faraone, 2005). Im Kindergarten- und Grundschulalter wird die
Verhaltensauffälligkeit häufig als altersentsprechend bewertet. Es wird ohnehin empfohlen,
keine frühzeitige Diagnose anhand von simplen Verhaltensauffälligkeiten aufzustellen, weil
die Entwicklung eines Kindes vor dem sechsten Lebensjahr sehr variiert (Lahey et al.,
2004).
AD(H)S ist nach Meinung von Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachgebiete hauptsäch-
lich genetisch bedingt. Inwieweit sich komorbide Störungen ausprägen hängt immer davon
ab, wie sich das Krankheitsbild im Kindesalter entwickelt hat. Auch unter Erwachsenen ist
ADHS mit hohen Raten zu verzeichnen. Impulsive, unruhige oder unkonzentrierte Verhal-
tensauffälligkeiten können auch bei anderen Störungen oder als Einzelproblem vorliegen
und müssen nicht unbedingt auf AD(H)S hindeuten (vgl. Krowatschek, 2002; Döpfner et
al., 2000a). Es könnte sich beispielsweise auch um eine Form von Lernbehinderung, schu-
lischer Überforderung oder Unterforderung, oppositionellem Verhalten (kann unterschiedli-
che Beweggründe haben), emotionalen Belastungen etc. handeln, welche wiederrum an
die drei Auffälligkeitsmerkmale erinnern (Döpfner, Frölich & Metternich, 2007).
Handelt es sich doch um mehr als nur eine Verhaltensauffälligkeit, so fallen Kinder frühzei-
tig auf. Es kommt bereits im frühen Kindesalter zu einem sozialen, emotionalen und kör-
perlichen Problemverhalten, welches sich vom Verhalten anderer Kinder unterscheidet.
Bereits im Kindergarten spüren viele Kinder, dass ihr Verhalten negativ auffällt. Das
Selbstwertgefühl beginnt bereits in der frühen Persönlichkeitsentwicklung daran zu zerbre-
chen. Sobald Kinder die Kindergartenzeit überstanden haben, drohen ähnliche Bedingun-

7
gen in der Schule. Im Kindergartenalter sind es häufig eher Verhaltensauffälligkeiten. Die
Verhaltensauffälligkeit entwickelt sich meist erst mit Eintritt in die Schullaufbahn zu einer
Verhaltensstörung (vgl. Kramann, 2008). Es soll damit nicht gesagt werden, dass Kinder
mit einer genetischen Disposition hauptsächlich erst durch das soziale Umfeld ,,krank"
werden (vgl. Köttgen, 2014). Kinder werden jedoch frühzeitig als verhaltensauffällig stig-
matisiert, wenn sie mit folgendem Verhalten beschrieben werden:
,,emotional gestört, entartet, erziehungsbedürftig, erziehungsschwierig, gemeinschaftsgefähr-
dend, gemeinschaftsschädigend, gemeinschaftsschwierig, moralisch schwachsinnig, neuro-
tisch, persönlichkeitsgestört, psychopatisch, sozial fehlangepasst, verhaltensbehindert, verhal-
tensgestört, verwildert oder verwahrlost." (Hillenbrand, 2008, S. 29)
Der Unterschied zu Kindern mit AD(H)S ist im Grundliegenden der, dass hauptsächlich ein
Verhalten von Aufmerksamkeitsproblemen, Unruhe und kaum Kontrolle über Impulsivität
und motorischen Aktivitäten herrscht (Wohnhas-Baggert, 2008, S. 11). Es lässt sich also
festhalten, dass körperliche und motorische Problemfaktoren stärker sind, als es das bei
Kindern mit Auffälligkeiten der Fall ist.
2.1 Klassifikation und Kernsymptomatik
Bereits in den dreißiger Jahren wurden viele Bezeichnungen, in medizinischen und psy-
chologischen Kreisen, für eine derartige Verhaltensstörung festgelegt. Seit den siebziger
Jahren trennt die Diagnostik zwischen ADS und AD(H)S. In der geschichtlichen, wissen-
schaftlichen, medizinischen und sozialen Betrachtung dieses Krankheitsbildes fällt deutlich
auf, dass die Gesellschaft bereits vor Jahrzehnten mit ähnlichen Verhaltensauffälligkeiten
die unter dem aktuellen Störbild
AD(H)S
auftreten, beschäftigt war. In den achtziger und
fortlaufend in den neunziger Jahren, fand der Stand der Forschung durch Veröffentlichung
diagnostischer Kriterien des DSM II und im Klassifikationssystem der Weltgesundheitsor-
ganisation (WHO, 1992, 2006) Aufmerksamkeit (Bundesärztekammer, 2007, S. 3f.). Die
ICD-10 (1992, 2006) unterscheidet zwischen einer einfachen Aufmerksamkeits- und Aktivi-
tätsstörung (F 90.0) und einer hyperkinetischen Störung (F 90.1). Knölker (2001) ist der
Ansicht, dass diese Unterscheidung notwendig sei, weil die Prognose beider Störungsbil-
der unterschiedlich ist. Die Klassifikation nach dem diagnostisch-statischen Manual in der
vierten Auflage (DSM-IV, 1996) hilft dabei, die Symptome und Kriterien breiter zu definie-
ren. (Knölker, 2001, S. 14) Sowohl das DMS-IV, als auch das ICD- 10 fordern als Rand-
bedingungen eine beobachtete Dauer von mindestens sechs Monaten und einen Beginn

8
vor dem siebten Lebensjahr. Die Kriterien sollten in mehr als einem Bereich erfüllt sein um
auszuschließen, dass die Verhaltensstörung durch Bedingungen in einem Bereich, z.B.
der Schulsituation oder ähnliche soziale Bedingungen verursacht wird. Folgende Tabelle
stellt die wichtigsten Kriterien des Krankheitsbildes AD(H)S dar:
Abb. 1.: Kriterien für die Diagnose einer hyperkinetischen Störung nach ICD-10 und einer
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung nach DSM-IV-TR , Döpfner et al. (2006) S.
39
Es gilt zu beachten, dass Hyperaktivität nicht unbedingt mit der Störung ADS auftreten
muss. Es gab lange Zeit aber kein abgrenzendes Krankheitsbild. Aktuell gilt Hyperaktivität
als Bezeichnung für die vorherigen Beschreibungen MCD (minimale celebrale Dysfunkti-
on) und HKS (Hyperkinetisches Syndrom). In der Vergangenheit wurden in der Literatur
andere Teilfaktoren und Auffälligkeiten dem Störbild MCD zugeordnet. Die Bezeichnungen
wurden modifiziert, weil nicht genau geklärt werden konnte, woher die Verhaltensstörun-
gen kommen. Man vermutete, es könnte mit einer Hirnfehlfunktion-Störung zu tun haben
(vgl. Wohnhas-Baggerd, 2008). Da MCD und HKS nach aktueller Forschung nicht mehr
zutreffend beschreiben was ein hyperaktives Verhalten ausmacht, weil sie ,,entweder zu

9
sehr einzelne Aspekte der Störung (etwa Hyperkinese)" (...) beleuchten, ,,oder unterstellen
Ursachen, die man in der Forschung so nicht bestätigen konnte." (Lauth & Schlottke,
2002, S.15). Dabei sollte das Krankheitsbild AD(H)S von anderen Bezeichnungen und
Störungen in der Definition abgegrenzt werden. Dazu zählen:
- MCD: minimal celebrale dysfunktion.
- MBD: minimal brain dysfunction
- POS: frühkindliches Psycho-organisches Syndrom
- HKS: Hyperkinetische Störung nach dem ICD-10 WHO Standard
- SIS: Sensorische Integrationsstörung
(Skrodzki 2014; Kramann 2000)
Die vierte Auflage des DSM-IV ist die aktuellste überarbeitete Fassung für diagnostische
Kriterien (Saß, Wittchen & Zaudig, 1996). Diese umschreibt die Verhaltensstörung AD(H)S
in drei Subtypen:
- Vorwiegend impulsiv hyperaktiv 3,9%
- Unaufmerksam impulsiv, Mischtypus 4,8%
- Vorwiegend unaufmerksam 9%
(vgl. Döpfner et al., 2000, S. 5f. ; Lauth et al., 2002)
Im Folgenden soll dargestellt werden, welche Faktoren und Dispositionen für eine Diagno-
se nötig sind. Dabei wird beleuchtet, welche Symptome zu erkennen sind, woher die Ur-
sachen für den Ausbruch des Krankheitsbildes stammen, welche Faktoren die Ausprä-
gung von AD(H)S neben den biologischen zusätzlich beeinflussen und anschließend wie
der Verlauf von AD(H)S aussehen kann.
2.1.1 Aufmerksamkeitsstörung
Aufmerksamkeit wird als Fähigkeit verstanden, Informationen und Reize, die durch
die Umwelt angeboten und vermittelt werden, zu verarbeiten. Dabei hat der Orga-
nismus die Aufgabe nicht alle Reize gleichzeitig wahrzunehmen und zu verarbeiten,
sondern Reize auszuwählen, und nicht situationsrelevante zu übergehen und zu un-
terdrücken. Müsseler erläutert dabei folgende Betrachtung:
,,Würden vom Organismus alle Reize mit der gleichen Priorität verarbeitet, wäre aufgrund eines
sensorischen Reizüberangebots ein geordnetes Handeln unmöglich. Innerhalb der Psychologie

10
der Informationsverarbeitung betrachtet man daher Aufmerksamkeit vorrangig unter dem Ge-
sichtspunkt der
Selektion
(
selektive Aufmerksamkeit
) - man widmet sich also den Mechanis-
men, die eine mehr oder weniger große Einengung des Reizangebots (auch in unserer subjek-
tiven Erlebniswelt Bewusstsein) nach sich ziehen. Daneben wird in anderen Bereichen der Psy-
chologie der Aufmerksamkeitsbegriff bisweilen auch als allgemeine Zustandsbeschreibung ver-
wendet. (...) In diesem Zusammenhang ist der Begriff der
Vigilanz
(Wachsamkeit) zu nennen,
der die Fähigkeit zur genauen Wahrnehmung und zur Reaktionsbereitschaft auf bestimmte Rei-
ze, insbesondere über längere Zeiträume hinweg, erfasst (
Daueraufmerksamkeit,
Konzentrati-
on)." (Müsseler, 2000)
Leidet eine Person unter so einer Störung, kann das Gehirn den Input und die Reize des
Umfeldes nicht angemessen kanalisieren, weil zu viele Reize zeitgleich in den Reizkanal
gelangen. Bei Personen ohne diese Störung geschieht ein solcher Prozess automatisch.
Der angebotene Input wird ausgewählt und entsprechend der Gegebenheit verarbeitet.
Menschen mit AD(H)S nehmen mehr Informationen aus den Reizen war, als die Situation
verlangt. Besonders Kinder mit einer Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörung haben
aufgrund von einer Störung in der Reizwahrnehmung und -verarbeitung erhebliche Prob-
leme sich zu konzentrieren, erst recht über eine längere Zeitspanne. Kinder, die grund-
sätzlich Ereignisse aufgrund mangelnder Erfahrung schlechter einschätzen und beobach-
ten können, können sich selbst schlechter kontrollieren und ihr Verhalten und Denken
steuern. Geräusche, Unterhaltungen ohne weitere tonangebende Situationen werden nicht
ausreichend gefiltert und alles strömt gleichzeitig auf die betroffene Person ein (Kramann,
2008). Zusätzlich ist die Gedächtnisleistung beeinträchtigt. Das Gehirn beinhaltet im Ar-
beitsspeicher sämtliche Informationen und Erfahrungen, die bereits gemacht worden sind.
Im Arbeitsspeicher wird der Input hinsichtlich Gedanken, Gefühle und Erfahrungen reflek-
tiert. Das verhilft einem gesunden Menschen bei einer Entscheidung und bei der Reflexi-
on. Personen die an AD(H)S leiden, haben eine unterentwickelte Kapazität des Arbeits-
speichers. Vor allem betroffene Kinder und Jugendliche haben Probleme das Denken mit
dem Handeln zu verknüpfen. Sie reagieren vielmehr impulsiv und unüberlegt. Dieses
Verhalten überträgt sich sowohl auf kognitiv- psychologische als auch auf motorisch- af-
fektive Handlungen (vgl. Döpfner et al., 2006; vgl. Neuhaus, 2007).
Folgendes Verhalten zeigt sich bei einer Aufmerksamkeitsstörung AD(H)S sowohl nach
den Symptomstandards der Weltgesundheitsorganisation ICD-10 als auch nach dem ame-
rikanischen DSM-IV System:
ICD-Kriterien für die Hyperkinetische Störung:
Mindestens
sechs Monate lang mindestens sechs der folgenden Symptome von Unaufmerksamkeit in
einem mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht zu vereinbarenden und unangemes-

11
senen Ausmaß. Die Kinder sind häufig unaufmerksam gegenüber Details oder machen
Sorgfaltsfehler bei den Schularbeiten und sonstigen Arbeiten und Aktivitäten:
1. sind häufig nicht in der Lage, die Aufmerksamkeit bei Aufgaben und beim Spielen
aufrechtzuerhalten,
2. hören häufig scheinbar nicht, was ihnen gesagt wird,
3. können oft Erklärungen nicht folgen oder ihre Schularbeiten, Aufgaben oder Pflich-
ten am Arbeitsplatz nicht erfüllen (nicht wegen oppositionellem Verhalten oder weil
die Erklärungen nicht verstanden werden),
4. sind häufig beeinträchtigt, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren,
5. vermeiden häufig ungeliebte Arbeiten, wie Hausaufgaben, die geistiges Durchhalte-
vermögen erfordern,
6. verlieren häufig Gegenstände, die für bestimmte Aufgaben wichtig sind, z. B. für
Schularbeiten, Bleistifte, Bücher, Spielsachen und Werkzeuge,
7. werden häufig von externen Stimuli abgelenkt,
8. sind im Verlauf der alltäglichen Aktivitäten oft vergesslich.
(Döpfner et al., 2002)
Folgende Kriterien sind im DSM-IV festgelegt und unter folgenden Bedingungen zutref-
fend:
Sechs (oder mehr) der folgenden Symptome von Unaufmerksamkeit sind während der
letzten sechs Monate beständig in einem mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht zu
vereinbarenden und unangemessenen Ausmaß vorhanden gewesen (Einzelheiten werden
häufig nicht beachtet oder es entstehen Flüchtigkeitsfehler bei den Schularbeiten, bei der
Arbeit oder bei anderen Tätigkeiten):
- Es kann über einen längeren Zeitraum nur schwer und nicht kontinuierlich Aufmerk-
samkeit bei Aufgaben oder Spielen aufrechterhalten werden;
- Im Dialog oder bei Konversationen werden Informationen überhört, Zuhören fällt
schwer und ein direktes Ansprechen wird meist nicht wahrgenommen;
- Anweisungen werden häufig nicht vollständig befolgt, Schularbeiten, andere Arbeiten
oder Pflichten am Arbeitsplatz können nicht zu Ende gebracht werden. (nicht aufgrund
von oppositionellem Verhalten oder Verständnisschwierigkeiten);

12
- Probleme und Schwierigkeiten beim Organisieren von Aufgaben und Aktivitäten; Ver-
meidung von, Abneigung gegen oder Widerwillen beim Beschäftigen von Aufgaben,
die länger andauernde geistige Anstrengungen erfordern (wie Mitarbeit im Unterricht
oder Hausaufgaben);
- Häufiger Verlust von Gegenständen, die für eine Aufgabe oder Aktivität benötigt wer-
den (z.B. Spielsachen, Hausaufgabenhefte, Stifte, Bücher, Werkzeug, Sportsachen für
den Sportunterricht);
- Schnelle Ablenkung durch äußere Reize;
- Vergesslichkeit bei Alltagstätigkeiten;
(Döpfner et al., 2000, S. 1f)
Es sollte vorab eben falls beachtet werden, dass Kindern mit ADS ohne Hyperaktivität mo-
torisch und affektiv folgendes Verhalten aufweisen:
- Bewegungen sind zu gering, zu schlaff und kraftlos (hypoton);
- Das Kind wirkt eher unsicher, gehemmt, ängstlich, teilnahmslos, traurig, gedrückt,
ernst, unauffällig, oder isoliert in der Gruppe, unmotiviert und leistungsflüchtend;
- Antriebsarmut und beobachtendes, abwartendes Verhalten;
- Vermeidet Bewegungsspiele und wird meist erst zum Mitmachen aufgefordert,
dadurch wirkt die Steuerung oft verkrampft;
- Verspannt (Hypertonus)
- Es ist sehr leicht ablenkbar und vergisst die begonnene Handlung.
(Fitzner & Stark, 2001, S. 299)
In der Literatur konnte aufgrund von Forschungsergebnissen die Symptome als nicht
stetig gleich stark bleibend beobachtet werden. Laut Krowatschek (2002) können
Kinder mit AD(H)S:
,,sich durchaus für einen begrenzten Zeitraum konzentrieren, sie passen dann auf und sitzen
still. Dies gelingt ihnen vor allem dann, wenn die Situation 1. neu, 2. sehr interessant, 3. sehr
motivierend, 4. nicht ganz ,geheuer` ist oder 5. aus einer Eins-zu-eins Betreuung mit einem Er-
wachsenen besteht". (Krowatschek, 2002, S. 29)
Punkte eins bis vier werden sich als bedeutsam und durchaus umsetzbar für das Schulle-
ben, speziell für den Sportunterricht herausstellen. Weiteres zum Verlauf und Prognose
folgt im späteren Kapitel
.

13
2.1.2 Hyperaktivität
Jedes Individuum hat unterschiedliche Interessen und einen individuell ausgeprägten Be-
wegungs- und Tätigkeitsdrang. Dieses Verhalten lässt sich im Kindes- und Jugendalter
noch am ehesten beeinflussen und fördern. Kinder mit Hyperaktivität werden häufig als
,,Störenfried", ,,Zappelphilipp" oder andersartig bezeichnet. Je älter Kinder werden, desto
seltener wird dieses Verhalten nachvollzogen. Es könnte auf Hyperaktivität hinweisen. Ein
auffälliger Bewegungs- und Tatendrang erscheint erst als Störung, wenn dieser schwer zu
bändigen und zu stillen ist. Diese Ruhelosigkeit kann ein Zeichen für ein hyperaktives Ver-
halten aufweisen. Das ist der Fall, wenn dieser Drang zu einer Beeinträchtigung für weite-
re Gesellschaftsmitglieder wird (Kramann, 2008). Hyperaktivität:
,,lässt sich als eine desorganisierte, mangelhaft regulierte und überschießende motorische Akti-
vität beschreiben, die besonders in strukturierten und organisatorischen Situationen auftritt,
welche ein hohes Maß an einer Verhaltenskontrolle erfordern oder relative Ruhe verlan-
gen."(Döpfner, 2001a, S.260)
Besonders Kinder zeigen ein derartig unruhiges und extremes Verhalten. Diese laufen,
springen, zappeln viel herum, führen diese Aktivitäten allerdings mit einem unkontrollierten
Kraftaufwand aus, die Richtungen wirken oft ungezielt und fahrig. Zusätzlich lässt sich be-
obachten, wie feinmotorische Probleme aufgrund von Koordinationsschwächen entstehen
(Kramann, 2008). Näheres zur Motorik wird in den folgenden Kapiteln in der Thematik
Psychomotorik erläutert. Auch für Hyperaktivität gibt es diagnostische Kriterien. Diese se-
hen wie folgt aus:
ICD-10 Kriterien für Überaktivität:
Mindestens sechs Monate lang mindestens drei der fol-
genden Symptome von Überaktivität in einem mit dem Entwicklungsstand des Kindes
nicht zu vereinbarenden und unangemessenen Ausmaß. Die Kinder:
- fuchteln häufig mit Händen und Füßen oder winden sich auf den Sitzen,
- verlassen ihren Platz im Klassenraum oder in anderen Situationen, in denen sitzen
bleiben erwartet wird,
- laufen häufig herum oder klettern exzessiv in Situationen, in denen dies unpassend
ist (bei Jugendlichen und Erwachsenen entspricht dem nur ein Unruhegefühl),
- zeigen ein anhaltendes Muster exzessiver motorischer Aktivitäten, die durch den
sozialen Kontext oder Verbote nicht durchgreifend beeinflussbar sind.
(Döpfner et al., 2002, S. 4f.)

14
Folgendes Verhalten lässt sich unter dem DSM-IV Standard zu Hyperaktivität unter fol-
genden Bedingungen beschreiben:
Sechs (oder mehr) der folgenden Symptome der Hyperaktivität und Impulsivität sind wäh-
rend der letzten sechs Monate beständig in einem mit dem Entwicklungsstand des Kindes
nicht zu vereinbarenden und unangemessenen Ausmaß vorhanden gewesen.
- Zappelt häufig mit Händen oder Füßen oder rutscht auf dem Stuhl herum.
- Steht ((häufig)) in der Klasse oder in Situationen auf, in denen Sitzenbleiben erwartet
wird.
- Läuft herum oder klettert exzessiv in Situationen, in denen dies unpassend ist (bei Ju-
gendlichen oder Erwachsenen kann dies auf ein subjektives Unruhegefühl beschränkt
bleiben).
- Hat häufig Schwierigkeiten, ruhig zu spielen oder sich mit Freizeitaktivitäten ruhig zu
beschäftigen.
- ((Ist häufig ,,auf Achse" oder handelt oftmals, als wäre er ,,getrieben".)) (Zeigt ein an-
haltendes Muster exzessiver motorischer Aktivität, das durch die soziale Umgebung
oder durch Aufforderungen nicht durchgreifend beeinflussbar ist.)
(( )) = nur DSM IV; ( ) = nur ICD 10
(Döpfner et al., 2002; Kramann, 2008)
2.1.3 Hyperkinetisches Syndrom/ Impulsivität
Ein impulsiver Mensch tendiert dazu seine Handlungen ohne ausführliche Vorüberlegung
schnell auszuführen. Dieses Verhalten bedeutet im Vorfeld, dass der Reiz, der den Anstoß
zu Emotionen und Gedanken auslöst, schnell verarbeitet wird. Was unterscheidet einen
impulsiven und lebendigen Menschen von einem Menschen, der eine hyperkinetische Stö-
rung hat? In diesem Zusammenhang gilt zu beleuchten, dass es eine motivationale und
eine kognitive Impulsivität gibt (Döpfner, 2001a).:
,,Kognitive Impulsivität ,,umschreibt die Tendenz, dem ersten Handlungsimpuls zu folgen und ei-
ne Tätigkeit zu beginnen, bevor sie hinreichend durchdacht oder vollständig erklärt worden ist.
(...) Eine motivationale Impulsivität bezeichnet die Schwierigkeit mancher Kinder und Jugendli-
cher Bedürfnisse aufzuschieben und abzuwarten, bis sie an der Reihe sind." (Döpfner, 2001a,
S.260).
Ende der Leseprobe aus 65 Seiten

Details

Titel
Evaluation spezieller bewegungstherapeutischer Verfahren einer ganzheitlichen Orientierung von Kindern mit AD(H)S im Sportunterricht
Hochschule
Deutsche Sporthochschule Köln
Note
3,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
65
Katalognummer
V374894
ISBN (eBook)
9783668532199
ISBN (Buch)
9783668532205
Dateigröße
1039 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
evaluation, verfahren, orientierung, kindern, sportunterricht
Arbeit zitieren
Charlotte Wollmann (Autor), 2015, Evaluation spezieller bewegungstherapeutischer Verfahren einer ganzheitlichen Orientierung von Kindern mit AD(H)S im Sportunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374894

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