Dar- und Gegenüberstellung der Begriffe Homo Faber und Animal Laborans im Kontext von Hannah Arendts "Vita activa"


Hausarbeit, 2016
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

3
1: Thematische Einleitung: Hannah Arendts Vita activa
Das Buch Vita activa oder Vom tätigen Leben gilt heute als das philosophische
Hauptwerk der politischen Theoretikerin und Philosophin Hannah Arendt.
In ihrem 1958 erstmals veröffentlichten Werk befasst sich Arendt mit der Frage, was
wir tun, wenn wir tätig sind
1
und legt diesbezüglich drei menschliche Grundtätigkeiten
fest, die unter dem Begriff der Vita activa zusammengefasst werden; das Arbeiten, das
Herstellen und das Handeln.
2
Alle Grundtätigkeiten werden als solche bezeichnet, da
jede von ihnen einer der Grundbedingungen entspricht, unter denen dem Geschlecht
der Menschen das Leben auf der Erde gegeben ist.
3
Diese sollen im Folgenden kurz
erläutert werden.
Das Arbeiten als Tätigkeit entspricht nach Arendt dem biologischen Prozeß des
menschlichen Körpers
4
; es dient der Notwendigkeit der Lebenserhaltung und ist
dadurch an die Vergänglichkeit des Menschen gebunden. Sie steht unter der Bedingung
des Lebens selbst.
Im tätigen Herstellen dagegen erschafft sich der Mensch eine künstliche Welt von
5
und welche neben der Natur
die Kultur ist, welche das irdische Leben eines Menschen zu überdauern vermag. Das
Streben nach einer Dingwelt resultiert aus dem menschlichen Unvermögen, sich mit der
eigenen Vergänglichkeit abzufinden. Die geltende Bedingung, unter der das Herstellen
steht, ist die Angewiesenheit menschlicher Existenz auf Gegenständlichkeit und Ob-
jektivität .
6
Das Handeln als dritte Grundtätigkeit der Vita activa hebt sich von dem Arbeiten und
Herstellen insofern ab, als dass sie sich, ermöglicht durch die Pluralität der Mensch-
heit
7
, zwischen den die Welt bewohnenden Menschen abspielt. Dies geschieht bei-
spielsweise über Sprache und ohne den Einsatz von Materie. Diese Pluralität ist über-
dies notwendige und hinreichende Bedingung für die Entwicklung von Politik. Mittels
des tätigen Handelns tritt der Mensch seiner Umwelt gegenüber und mit ihr in Kontakt.
1
Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben. München
15
2015. Seite 14.
2
vgl. ebd. Seite 16.
3
ebd.
4
ebd.
5
ebd.
6
ebd.
7
ebd.

4
Diese drei Tätigkeitsformen werden in Arendts Werk nach ihrer Bedeutung für das ge-
sellschaftliche Leben im kulturhistorischen Wandel von der griechischen Antike bis in
die Neuzeit hin analysiert und zueinander in Bezug gestellt. Dadurch sollen unter ande-
rem die Fehlentwicklungen in der geschichtlichen Begriffsverwendung bis in die mo-
derne Gesellschaft aufgezeigt werden.
Hannah Arendt führt neben den Grundtätigkeiten auch die Begriffe Zoon politikon,
Homo faber und Animal laborans ein. Alle drei Ausdrücke treten jeweils im Kontext
einer Grundtätigkeit auf; das Animal laborans tritt im Bereich des Arbeitens, Homo
faber bei dem Herstellen und das Zoon politikon mit Bezug zum Handeln in Erschei-
nung. Wie und mit welcher Bedeutung Arendt die Begriffe Homo faber und Animal
laborans in ihrer Vita activa einsetzt, soll in der folgenden Hausarbeit herausgestellt und
zueinander in Bezug gestellt werden. Um dies zu erreichen, werden die beiden Begriffe
zuerst einzeln erarbeitet, indem ihre Bedeutungen im Allgemeinen und konkret in
Arendts Vita activa dargestellt werden. Im Anschluss daran soll jeweils ein Überblick
über den historischen Wandel der Ausdrücke geschaffen werden, welcher in der Antike
ansetzt, um dann über das Mittelalter bis zur Neuzeit hin Entwicklung und Verwendung
der philosophischen Formeln zu skizzieren. Ein abschließender Vergleich stellt die Be-
griffe einander gegenüber und befasst sich mit den Schicksalen der Figuren Homo faber
und Animal laborans in der modernen Gesellschaft.
2: Der philosophische Begriff des Animal laborans
2.1 Animal laborans der arbeitende Mensch
Um den Ausdruck des Animal laborans erfassen und einordnen zu können, kann dieser
seinem eigentlichen Sinn nach aus dem Lateinischen übersetzt werden. Animal be-
zeichnet hier das lebende Wesen und wird in der Kombination mit dem Begriff labo-
rans , was Arbeit oder sich abmühen
8
bedeutet, zum arbeitenden Wesen.
Im heutigen, philosophischen Sinne ist ein arbeitender Mensch ein solcher, der seine
zum Zweck der
Lebensunterhaltung und verbesserung
9
vollzieht. In früheren Epochen, wie den Grie-
8
Arnim Regenbogen, Uwe Meyer (Hrsg.), Homo faber, in: Wörterbuch der philosophischen Begriffe.
Hamburg 1998. Seite 60.
9
Otfried Höffe, Lexikon der Ethik, Verlag C. H. Beck, München
4
1992. Seite 15.

5
chen, wurde die Arbeit verachtet, da sie sich um der Erhaltung des menschlichen Le-
bens willen eben diesem aufzwingt.
Karl Marx war der erste Philosoph, der die Tätigkeit der menschlichen Arbeit in den
Fokus seiner Philosophie stellte.
Der Begriff des Animal laborans als solcher aber wur-
de erst von Hannah Arendt in ihrem Werk Vita activa eingeführt.
2.2 Begriffsverständnis und -verwendung in Arendts Vita activa
Bestimmt man den Menschen als ein Animal laborans, so kann er in der Tat nichts
wesentlich anderes sein als ein Tier; bestenfalls die höchste der Tiergattungen, die die
Erde bevölkern.
10
Das Animal laborans als Ausdruck wurde von Arendt erdacht und inszeniert, um die
Unterscheidung von Arbeit und Herstellen und damit von Homo faber - verdeutlichen
zu können, welche ihrer Meinung nachunter anderem von Marx
11
nicht hinreichend ge-
troffen wurde. An dessen unsauberer Trennung übt sie durch die Inszenierung der Figur
Kritik und bezeichnet mit dem Ausdruck des Animal laborans den Menschen als arbei-
tendes, animalisches
12
Wesen. Dieses befindet sich gezwungenermaßen in einem natür-
lichen, unendlichen Prozess der notwendigen Tätigkeiten zur Lebenserhaltung. Es re-
präsentiert dadurch die Tätigkeit des Arbeitens und wird zugleich von seinem eigenen
Leben und dessen Erhaltungszwang eben durch das Arbeiten unterdrückt. Da aber alle
Menschen dieser Notdurft des Lebens unterworfen sind, können sie sich selbst davon
nur befreien, in dem sie andere unterwerfen und sie mit Gewalt zwingen, die Notdurft
des Lebens für sie zu tragen.
13
In jenem Moment, in der ein Mensch zum Sklaven
wird, verwandelt sich dieser in seiner Natur zu einem Wesen, das sich kaum von einem
(Haus-)Tier unterscheidet
14
zum Animal laborans. Dieses Animal laborans ist in sei-
nem Lebendig sein gefangen und verrichtet darin lediglich vergängliche Arbeit, die
nämlich nichts objektiv Erfassbares hinterlässt, sondern nur Verbrauchsgegenstände
erzeugt. Es sind eben diese Verbrauchsgegenstände, die der arbeitende Mensch zwangs-
läufig konsumiert, um seine Existenz aufrecht zu erhalten. In diesem Zwang war das
10
Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben. München
15
2015. Seite 102.
11
vgl. ebd. Seite 105.
12
vgl ebd. Seite 102.
13
ebd. Seite 101.
14
ebd.

6
Animal laborans jahrhundertelang von dem öffentlichen Leben der Gesellschaft ausge-
schlossen
15
und verrichtete seine Arbeit im zurückgezogenen, privaten Raum, welcher
die in ihm tätigen Arbeiter ihrer Freiheit beraubte.
16
Doch die Situation des Animal la-
borans veränderte sich im Verlauf der Epochen, wie Arendt es in ihrer Vita activa auf-
zeigt.
2.3 Historische Entwicklung des Animal laborans nach Arendt
Sowohl in der griechischen Antike als auch in der römischen Republik wurde das Ar-
beiten und ebenso das Animal laborans verachtet, da es sklavisch unter der Notwendig-
keit der Lebenserhaltung unproduktive Arbeit leistete. Daher wurde das Arbeiten, neben
der Tätigkeit des Herstellens, nicht zu den drei freien Lebensweisen
17
die der griechi-
sche Philosoph Aristoteles formulierte, gezählt.
Zu Beginn des Mittelalters wurden dem Arbeiten und Herstellen durch eine Umdeutung
des Begriffes Vita activa das Handeln zugesellt, welches in der Antike diesen beiden
Tätigkeiten übergeordnet war. Nichtsdestotrotz rückte die Tätigkeit des Arbeitens erst-
mals in die Öffentlichkeit und wurde aufgeteilt in die körperliche und die geistige Ar-
beit mit jeweils unterschiedlicher Wertschätzung. Das aufkommende Christentum wer-
tete körperliche Arbeit und somit das Dasein des Animal laborans weiterhin auf, indem
es sich etwa auf den Messias Jesus Christus sowie seine Jünger berief, die vor ihren
Tätigkeiten als Prediger als einfache Handwerker und Fischer arbeiteten. In Klöstern
wurde das ora et labora ; also das Beten und Arbeiten, gängiger Alltag. Das Leben und
dessen Erhalt wurden als höchstes aller Güter betrachtet.
Seit dem 16. Jahrhundert und damit seit der Epoche der frühen Neuzeit, erfuhr die tätige
Arbeit des Animal laborans eine weitere Rangerhöhung innerhalb der Vita activa. In der
Erkenntnis des englischen Philosophen Locke, dass Arbeit den Ursprung des Eigentums
darstelle, sah Arendt dann den Grund für den plötzlichen Aufstieg der Arbeit
18
und da-
15
vgl. Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben. München
15
2015. Seite. Seite 139.
16
vgl. ebd. Seite 42.
17
das innerhalb der Polis schöne Taten erzeugt; und das Leben des Philosophen, der durch
Erforschen und Schauen dessen, was nie vergeht, sich in einem Bereich immerwährender
18
vgl. ebd. Seite 119.

7
mit des Animal laborans, das nun Teilhabe an der Gesellschaft erfuhr. Der Aufklärer
Adam Smith erklärte das Arbeiten überdies zur Quelle des Reichtums.
19
Der deutsche Philosoph Karl Marx führte den Begriff der Arbeitskraft
20
ein, welcher die
Möglichkeit des Animal laborans zur produktiven Arbeit formulierte. Möglich wurde
diese dadurch, dass ein Überschuss an Arbeit erschaffen werde könne:
s ist der
Kraftüberschuss des menschlichen Körpers, und nicht die Arbeit selbst, worin das ei-
gentlich Produktive des Arbeitens besteht.
21
In dieser Steigerung der Produktivität der
vom Animal laborans geleisteten Arbeit sah Marx den Ausdruck der Menschlichkeit;
die Idee Marx postuliert,
22
als
eben jenes Animal laborans. Durch die neuzeitlichen Geräte des herstellenden Homo
faber war das Animal laborans außerdem zunehmend in der Lage, diesen fruchtbaren,
produktiven Überschuss zu erzeugen und davon seine Familie zu ernähren.
In der Moderne befindet sich das Animal laborans in einer vom Kapitalismus dominier-
ten Konsumgesellschaft, die sich dadurch auszeichnet, dass sie sich als eigentliche Ar-
beitsgesellschaft von eben dieser Arbeit durch fortschreitende Automation befreit hat.
23
Dies gründet letztlich auf der starken Produktivitätssteigerung der Industrie, in welcher
das Animal laborans produktive Arbeit leistet und alle Dinge als Konsumgüter zu ver-
wenden sucht. Es genießt überdies es mehr Freizeit als jemals zuvor, in welcherr es sei-
ne Arbeitskraft regenieren soll. Doch stattdessen nutzt das Animal laborans seine Frei-
zeit, um zu konsumieren; wodurch es letztlich doch nur arbeitet, um zu leben. Arbeiten
und Konsumieren sind immer noch im Prozess der Lebenserhaltung untrennbar verbun-
den.
24
Und es ist nach Arendt das Schicksal dieser Konsumgesellschaft, sich zukünftig in eine
Gesellschaft von Jobholders
25
zu verwandeln, in der das Animal laborans lediglich
noch funktionieren muss wie eine Maschine.
19
Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben. München
15
2015. Seite. Seite 119.
20
vgl. Karl Marx: Das Kapital I. Berlin 1956. Seite 181.
21
Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben. München
15
2015. Seite. Seite 105.
22
ebd. Seite 103.
23
24
vgl. ebd. Seite 150.
25
ebd. Seite 410.
Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Dar- und Gegenüberstellung der Begriffe Homo Faber und Animal Laborans im Kontext von Hannah Arendts "Vita activa"
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V375084
ISBN (eBook)
9783668534124
ISBN (Buch)
9783668534131
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dar-, gegenüberstellung, begriffe, homo, animal, laborans, kontext, hannah, arendts, vita
Arbeit zitieren
Joshua Felden (Autor), 2016, Dar- und Gegenüberstellung der Begriffe Homo Faber und Animal Laborans im Kontext von Hannah Arendts "Vita activa", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375084

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