Der männliche Held als Konstruktion von hegemonialer Männlichkeit


Essay, 2013

8 Seiten


Leseprobe

Susanne Pillmann

Der männliche Held als Konstruktion von Hegemonialer Männlichkeit

Unser heutiger Starkult inszeniert Stars und Prominente als Idole und schlechte versus gute Vorbilder. Sie sind die öffentlichen „Helden" in unserer Gesellschaft. Zu diesen Helden zählen nicht nur die Lebenden (wie z.B. der verstorbene Michael Jackson). Auch fiktionale Figuren, zum Beispiel aus Literatur und Film, üben (gemachte) Bewunderung aus. Diese fiktiven Helden, die in der Moderne eher in Form von Anti­Helden auftraten, sind mittlerweile von einem „Hybridhelden" abgelöst worden, zumal immer unklarer wird, wie ein Vorbild zu sein hat, um ein gutes Vorbild zu sein, und was ein „wahrer Held" überhaupt ist.

Eben diesem Dilemma ist das gegenwärtige Männerbild ausgesetzt. Wann ist ein Mann ein Mann und wann ist ein Mann ein „guter" Mann?

Dient die Konstruktion des männlichen Helden, seine Einordnung und sein Habitus, in Gegenwartskultur und -medien als Vorbild für (hegemoniale) Männlichkeit?

Wann ist ein Mann ein Held? Wie sähe ein heldenhafter Habitus aus? Und welche Rückschlüsse lassen sich bei den Ergebnissen auf hegemoniale Männlichkeit schließen?

Anhand Connells Konzept der hegemonialen Männlichkeit lassen sich die Relationen zwischen verschiedenen Männlichkeiten bestimmen. Der hegemonialen Männlichkeit liegt der Erhaltungsdrang des Patriarchats zugrunde. Hegemoniale Männlichkeit hat einen privilegierten Zugang zur Macht des Patriarchats. Für bestimmte gesellschaftliche Situationen ist sie die durchsetzungsfähigste (vermeintliche) Legitimation des Patriacharts. Innerhalb eines Kollektivs hat hegemoniale Männlichkeit Macht und Erfolg. Letztere sind persönliche Ziele, der Erhaltungsdrang für das Patriarchat kann dagegen ein unbewusstes Ziel provozieren - und einen Habitus, denn das Patriarchat ist eine kollektive Erfahrung. Also sind individuelle und kollektive Erfahrungen das Fundament des Habitus, durch die sich das Individuum in der sozialen Welt orientieren und angemessene Verhaltensweisen zeigen kann. Die Erfahrungen schlagen sich in dem Wahrnehmen, Denken und Handeln des Individuums nieder. Da der Habitus die Grundlage des Sozialsinns ist, ist er grundlegend für den Orientierungssinn, welcher bestimmt, was bei einer (sozialen) Handlung als sinnvoll angesehen wird. Auch die Körpersprache und physische Äußerlichkeiten werden durch den Habitus bestimmt. Der männliche Habitus wird (hegemonial)unter Männern konstruiert und verändert.

Die geschlechtliche Sozialisation lehrt, dass Männer die Machtspiele lieben sollen (Bourdieu 2012, S. 201). Der Krieg ist das ernsteste aller Machtspiele: Menschen kämpfen und durch Durchsetzungskraft (und Anerkennung) gebührt dem Sieger Macht und Erfolg innerhalb eines Kollektivs.

Im Anblick der Gefahr entpuppt sich der Held:

„Außergewöhnliche Tapferkeit im Krieg" oder in diffiziler Konfrontation und die Konsequenz des Zum-Vorbild-gemacht- Werdens definiert, laut Duden, einen Helden. (Ich benutzte den Begriff im Folgenden ohne geschichtlichen Kontext.) Das „unerschrockene und mutige Verhalten" in Konfrontation mit einer schweren Aufgabe ist dabei auch möglich in Form einer „ungewöhnlichen Tat". Entscheidend ist, dass das Handeln des Helden ihm Bewunderung einbringt. Daraus folgt, dass ein Held aufgrund seines Verhaltens oder seiner Taten zum Vorbild (gemacht) wird. Bei weitreichendem Ansehen seitens der Allgemeinheit spricht man von Ruhm (oder gar Heldenruhm). Ohne weitreichendem Ansehen bedarf es per Definition mindestens einer Person, die einen Menschen zu einem Helden macht, nämlich durch ihre (vermeintliche) Bewunderung. (Es ist grundsätzlich die Selbst-Bewunderung nicht ausgeschlossen, doch spiegelt sie ein subjektiv-verzerrtes Selbstbild und soll im Folgenden nicht berücksichtigt werden.)

In dem Prinzip steckt die hegemoniale Männlichkeit: Wenn der männliche Held die Anerkennung der meisten Männer in einem Kollektiv erhält, so hat er Macht und erfüllt die hegemoniale Männlichkeit. Frauen können an dieser Stelle als sogenannte schmeichelnde Spiegel das (vergrößerte) Heldenbild auf den Helden reflektieren, doch Bewunderung durch Frauen wird nicht über männliche Hegemonialkämpfe erzielt. Im männlichen Hegemonialkampf ist die Frau nämlich nur ein Objekt. Bewunderung seitens der Frauen erreicht nur ein Kämpfen mit, um und für Frauen. Der Erhaltungsdrang hegemonialer Männlichkeit fungiert als Wertvorstellung für Heldentum hegemonialer Männlichkeit.

Wenn der Habitus des Vorbildes übernommen wird, oder wenn das mutige Verhalten Teil des Habitus wird, so ergibt sich theoretisch, was man einen heldenhaften Habitus nennen könnte. Der Habitus des Helden zeigt sich stereotyperweise, abgeleitet von der Definition eines Helden, als unerschrocken und mutig in der Körperhaltung und -gestaltung und mit der Wertvorstellung, dass soziale Handlungen sinnvoll sind, die heldenhaft sind, geradeso wie zum Beispiel Superhelden von Marvel. Klischeehafte Fragen in seiner Wahrnehmung lauteten: Was kann ich Ungewöhnliches tun, was Bewunderung schenkt? Welcher schweren Aufgabe kann ich mich, unerschrocken und mutig, stellen?

Gerade im Jugendalter werden, die Gefahr suchend, viele verschiedene Formen von Mutproben absolviert, sofern das Individuum den Habitus des Helden annimmt, da heldenhafte Taten Bewunderung (bei der Peergroup) versprechen. Doch dieser „Helden-Habitus" ist paradox, weil die Bewunderung, der Erfolg, bei dem Helden über seinem Habitus steht. Da er zum Helden „gemacht" wird, ist erst dann sein Habitus wahrlich diskutierbar (vgl „Pop und Helden.)Der (männliche) Habitus ist also in Bezug auf das Held-Sein unbedeutend und allein auf einen (männlichen) Habitus des Helden lässt sich kein definites Held-Sein zurückführen.

Bei der komplizenhaften Männlichkeit, die von der Vormachtstellung des Patriachats profitiert, vereinigen nur wenige Männer alle Elemente der hegemonialen Männlichkeit auf sich. Wie bereits erwähnt, verhält es sich ähnlich bei gegenwärtigen fiktiven Helden: ein Held ist nicht nur heldenhaft, sondern hat auch unheldenhafte Anteile, welche konkret zu bestimmen, angesichts der sich wandelnden, unsicheren, teilweise paradoxen Wertvorstellungen, ein schwieriges Unterfangen ist. Innerhalb der komplizenhaften Männlichkeit werden spannungsvolle - und paradoxe - Kompromisse mit Frauen eingegangen. Hier geht als Held hervor, wer im erkämpfen Kompromiss eine ungewöhnliche Tat ausführt oder außergewöhnlich tapfer handelt und Bewunderung von anderen Männern(!) erfährt. Außergewöhnliche Tapferkeit ist subjektiv und nicht empirisch messbar. Die Definition, die „eine ungewöhnliche Tat" beinhaltet, stiftet noch mehr Fragen.

Gegen die allgemeine Rollenerwartung zu verstoßen wäre eine solche Tat, aber diese würde keine Bewunderung von Männern hervorrufen - oder eben doch dadurch, dass der Held so „mutig" ist, die Grenze der eigenen Rolle zu überschreiten? Dann wäre Mut ein höherer Wert als der des Patriarchats.

Ohne Verstoß gegen die allgemeine Rollenerwartung gibt es eine weitere Möglichkeit, Bewunderung zu erhalten: Komplizenhafte Männlichkeit, die marginalisierte Männlichkeit oder die untergeordnete Männlichkeit bewundert den Helden für seine Überwindung der hegemonialen Männlichkeit. Alternativ handelt der Held innerhalb der Rollenerwartung, zum Beispiel im Kampf des Berufsalltags finanziell besonders mutig und damit erfolgreich und erhält die Anerkennung, organisiert nach der hegemonialen Männlichkeit.

Ein Verstoß könnte ebenfalls geringfügig sein und ist erneut subjektiv, also ist der Verstoß weniger von Bedeutung als das Ergebnis, das die eigene Wertung widerspiegelt.

Untergeordnete Männlichkeit stellt eine gefährliche Nähe zur Weiblichkeit da. Diese Männlichkeit möchte die hegemoniale Männlichkeit unterdrücken, denn die Anteilseigner des Patriarchats sehen in dieser Form der Männlichkeit eine Gefahr. Um heldenhaft zu handeln müsste die hegemoniale Männlichkeit die untergeordnete Männlichkeit bekämpfen - was das Bild eines sehr erschreckenden Antiheldentums abgibt. Ein Held könnte ein Mann sein, der seinen gesellschaftlichen Platz der untergeordneten Männlichkeit einnimmt und durch andere „untergeordnete Männer" für sein mutiges Verhalten, zum Beispiel sein homosexuelles „Outing", Bewunderung erhält. Männer mit Erfolgen in bestimmten Bereichen der Gesellschaft, die nur eingeschränkt von der Macht und dem Ansehen des Patriarchats profitieren, ordnet Connell der marginalisierten Männlichkeit zu. Da sie zu einer gesellschaftlich benachteiligen Gruppe gehören, haben sie ein gegenteiliges Verhältnis zur Komplizenschaft. Bei ihnen ist der Heldenstatus gerade aus ihrem Status heraus zu beziehen.

Man(n) kann ein Held sein, ohne einen bestimmten Habitus aufweisen zu müssen, wenngleich er in das Verhalten „einspielen" kann. Wenn Männer in der hegemonialen Männlichkeit „aufsteigen" wollen, werden sie möglicherweise eher einen heldenhaften Habitus annehmen, der sie jedoch nicht als Helden auszeichnet. Auch eine heldenhafte Tat kann jede(r) ausführen, der/die besonders mutig, besonders tapfer, unerschrocken oder mit innerer Kraft Taten beweist und zeigt. Das macht das Individuum allerdings noch nicht zu einem „Helden"; es bedarf - wie erörtert - einer Bewunderung oder einer Position als Vorbild. Da dem Mann die noblen Aufgaben zuteil sind (, kann er eher seinen Heldenstatus oder gar -ruhm erreichen, als eine Frau, die nur „triviale" Aufgaben" hat (Bourdieu). Diese Bewunderung kann er auch in hegemonialer Männlichkeit erhalten. Der Erhaltungsdrang hegemonialer Männlichkeit fungiert dann als Wertvorstellung für Heldentum. Die Konstruktion des männlichen Helden dient als Vorbild hegemonialer Männlichkeit, wenn sich die Wertvorstellungen und der Wunsch nach Anerkennung von Männlichkeit im Individuum entsprechend verhalten.

Quellen

Bourdieu, Pierre: Die männliche Herrschaft. Berlin: Suhrkamp Verlag 2012

Connell, Robert W.: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Opladen: Leske + Budrich 1999.

Meuser, Michael: Geschlecht und Männlichkeit. Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2007

Kauer, Katja: Pop und Männlichkeit - Zwei Phänomene in prekärer Wechselwirkung? Berlin: Frank & Timme 2008

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Details

Titel
Der männliche Held als Konstruktion von hegemonialer Männlichkeit
Autor
Jahr
2013
Seiten
8
Katalognummer
V375171
ISBN (eBook)
9783668523098
ISBN (Buch)
9783668523104
Dateigröße
363 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
held, konstruktion, männlichkeit
Arbeit zitieren
Susanne Pillmann (Autor), 2013, Der männliche Held als Konstruktion von hegemonialer Männlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375171

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