Die politische Theorie von Carl Schmitt in Kunst und Kultur


Essay, 2014

6 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

vollziehende Benennung oder gar durch eine externe Instanz getroffen
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, was zugleich
impliziert, dass es zwischen Feinden und Freunden auch keine Normen gibt, die das Potential
hätten, die Konflikte auf einer anderen Ebene aufzuheben. Die Eventualität des Kampfes
muss immer vorhanden sein, was nicht bedeutet, dass es notwendigerweise zu tatsächlichen
Konflikten kommen muss, aber komplette Neutralität bedeutet für Schmitt das Ende der
Politik sowie des Politischen.
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Innerhalb seiner Einheit muss der Staat Sicherheit und Frieden
als Voraussetzung dafür gewährleisten, dass Rechtsnormen ihre Gültigkeit behalten. Deshalb
sei es in Krisenzeiten erforderlich, dass der Staat einen innerstaatlichen Feind bestimmt.
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Entweder aus dieser Feindbestimmung kann ein Bürgerkrieg resultieren oder aus der
Beschädigung der Einheit, die die internen Differenzen so stark werden lässt, dass sie die
außenpolitischen gegen einen anderen Staat überschreiten.
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Da der politischen Einheit das Kriegsrecht inhärent ist, muss ein Volk um seiner politischen
Existenz willen einen Feind frei und selbständig bestimmen, denn sonst ist seine politische
Einheit nicht mehr gegeben.
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Sobald ihm der Wille oder auch die Kraft abhanden kommt,
einen Feind zu konstituieren, lässt es seinen Feind durch einen ,,Fremden" bestimmen und
ordnet sich somit dem politischen System eines Anderen beziehungsweise eines Schutzherren
unter. Kein Volk aber kann sich der Unterscheidung von Feind und Freund vollständig
entziehen, denn auch wenn es von sich aus behauptet, keinen Feind mehr zu haben, ist damit
die Differenz von Freund und Feind nicht aus der Welt verschwunden, vielmehr wird ein
schwächelndes Volk nicht mehr existieren. Vor allem hinsichtlich des technischen Fortschritts
sei es möglich, dass nur noch einige Staaten Kriege führen, während kleinere auf das
Kriegsrecht verzichten und mittels eines Bündnispartners ihre Souveränität gewährleisten.
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Schmitt geht von einem Pluralismus der Staatenwelt aus, da die Voraussetzung für den
möglichen Feind eben eine weitere ,,koexistierende, politische Einheit" ist. ,,Die politische
Welt ist ein Pluriversum, kein Universum", weshalb jede Staatstheorie auch immer
pluralistisch ist, jedoch nicht, was das innerstaatliche anbelangt.
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Er kritisiert am
innerstaatlichen Pluralismus wie in liberalistischen Theorien, dass diese den Staat als eine
Gesellschaft neben anderen, zum Beispiel religiösen oder ökonomischen, Verbänden
degradieren.
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Sofern die bislang neutralen Sphären wie Religion und Kultur nicht mehr
politisch neutral sind, wie in demokratischen Gesellschaften, fehlt nach Schmitt ein Zentrum
5
Schmitt, Carl, Der Begriff des Politischen, Duncker&Humblot, Berlin, 2009, S. 26.
6
Schmitt, Carl, Der Begriff des Politischen, Duncker&Humblot, Berlin, 2009, S.33.
7
Schmitt, Carl, Der Begriff des Politischen, Duncker&Humblot, Berlin, 2009, S.44.
8
Schmitt, Carl, Der Begriff des Politischen, Duncker&Humblot, Berlin, 2009, S.31.
9
Schmitt, Carl, Der Begriff des Politischen, Duncker&Humblot, Berlin, 2009, S.47.
10
Schmitt, Carl, Der Begriff des Politischen, Duncker&Humblot, Berlin, 2009, S.43.
11
Schmitt, Carl, Der Begriff des Politischen, Duncker&Humblot, Berlin, 2009, S.50.
12
Schmitt, Carl, Der Begriff des Politischen, Duncker&Humblot, Berlin, 2009, S.42.

und deshalb wäre hier der Staat nicht mehr als ,,politisch" zu verstehen. Des Weiteren könne
der originäre Liberalismus deshalb kein Politisches hervorbringen, weil bei ihm das
Individuum die letzte Instanz wird und er somit nicht in kollektiven Identitäten denken könne,
was aber die Voraussetzung für Gemeinschaften beziehungsweise Einheiten ist. Ferner ziele
der Liberalismus gerade darauf, die Staatsgewalt einzudämmen, um individuelle Freiheit
sowie Privateigentum zu schützen, indem er die Autonomie anderer Sphären des
menschlichen Lebens, wie die Kunst und die Kultur, fördere. Deshalb sieht Schmitt hier eine
Gefährdung der Autonomie des Politischen, die droht, sublimiert zu werden, vor allem durch
das Ökonomische. Um die Gleichsetzung des Politischen und des Staatlichen zu realisieren,
müsse sich der Staat als ,,Monopol des Politischen" in klarer Opposition zu nicht-staatlichen
und somit unpolitischen Bereichen befinden, wie der Religion, der Kultur, der Bildung oder
der Wirtschaft. Nach Schmitt existiert nur eine ,,politische Gemeinschaft", wie in der totalen
Herrschaft, in der alle Bereiche menschlichen Lebens vom Staat durchdrungen und alles
politisiert wird. Hier erfährt die Gleichsetzung ,,politisch=staatlich" ihre Realisierung.
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Das
hat in totalen Herrschaften zur Folge, dass die Kultur komplett durch den Staat gelenkt wird,
und so sei die Bücherverbrennung von 1933 nur ein Beispiel, in der Bücher von entweder
jüdischen oder der NS-Ideologie zuwiderlaufenden Autoren verbrannt wurden. Die Kunst
wurde ähnlich manipuliert, sodass Kunst, die nicht mit der NS-Ideologie konform war, als
,,entartet" bezeichnet wurde, angelehnt an die NS-Rassenideologie.
Darüber hinaus kritisiert Schmitt den aus der liberal-konservativen Tradition stammenden
Begriff der Menschheit als eine ubiquitäre ,,soziale Idealkonstruktion", die alle Menschen
umfasse, sodass jede Freund-Feind-Unterscheidung aufgehoben sei und damit auch jegliches
Konfliktpotential. Ähnlich verhalte es sich mit dem aus dem 18. Jahrhundert stammenden
Begriff des Völkerbundes, in dem gleich eines Weltstaates alle Staaten der Erde Mitglieder
werden. Die Idee eines ,,Weltstaates" ist für Schmitt gleichbedeutend mit dem Ende des
Politischen, da Menschen nicht mehr in Einheiten gegen andere Einheiten von Menschen
kämpfen können. Darüber hinaus verbünde er alle Staaten dieser Welt zu einem universalen
Staat und hebe damit die Freund-Feind-Unterscheidung auf, weil Universalität
Staatenlosigkeit bedeute. Schmitt zufolge handelt es sich bei dem Völkerbund von 1919, dem
Vorläufer der UNO, aber keineswegs um einen Garant des Friedens, da hier keine Aufhebung
der Freund-Feind-Unterscheidung erfolge, sondern ,,Koalitionskriege" gefördert und
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Schmitt, Carl, Der Begriff des Politischen, Duncker&Humblot, Berlin, 2009, S.19.

Hemmungen dem Krieg gegenüber beseitigt würden, indem ,,gewisse Kriege legitimiert und
sanktioniert" würden.
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Grundsätzlich sieht Schmitt jedoch einen Völkerbund dann als politisch bedeutsam an, sofern
es sich bei ihm tatsächlich um eine Koalition von Staaten handelt und das Kriegsrecht sich auf
das Bündnis transferiert, wie in der NATO realisiert. Ferner seien die traditionellen liberalen
Idealvorstellungen überkommen, dass Wirtschafft nicht gleichbedeutend mit Freiheit sei und
die Technik durchaus für die ,,Produktion gefährlicher Waffen und Instrumente" nützlich sei.
Die wirtschaftlichen Gegensätze hätten sich nicht nur zu politischen konstituiert, zugleich sei
es insbesondere auf Grund des technischen Fortschritts möglich, dass nur noch einige Staaten
Kriege führten, während kleinere auf das Kriegsrecht verzichteten und mittels eines
Bündnispartners ihre Souveränität gewährleisteten.
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Insbesondere in Samuel Huntingtons 1996 erschienenen ,,Kampf der Kulturen" können
Parallelen zu Carl Schmitts Bündnisdenken gesehen werden. Der nordamerikanische Denker
beschreibt ein Zeitalter kultureller Identitäten und spricht sich somit gegen eine universale
Weltkultur aus. Er geht nach der ideologisch geprägten Zweiblocksituation von Kulturkreisen
aus, die Identitäten über bestimmte Affinitäten und Gemeinsamkeiten bestimmten und
ausschlaggebend seien für Konflikte, Desintegration und zugleich interne Kohärenz, ganz im
Sinne von Carl Schmitts politischen Einheiten. Dabei gruppierten kulturstiftende Merkmale
einzelne kulturnahe Staaten um Kern- und Führungsstaaten--die Identitäten, die neu oder
wiederbelebt seien und sich auf alte Identitäten und alte Feinde bezögen, dienten als
Demarkation und identitätsstiftendes Element. Denn um Identitäten zu bestimmen, sei es
einfacher, zu bestimmen, was sie sind, als das, was sie nicht sind, deshalb sei die Politik nicht
mehr bi-, sondern multipolar und multikulturell. Huntington zufolge verliert der Westen
kontinuierlich an Einfluss, was sowohl auf Prozesse inneren Zerfalls als auch äußere
Tendenzen (so zum Beispiel eine Bevölkerungsexplosion in der islamischen Welt)
zurückzuführen sei. Somit seien Zukunft und Einfluss des Westens davon abhängig, ob er die
Tendenzen des inneren Verfalls bewältigen könne und in der Lage sei, mit den
Herausforderungen, die die asiatische und die muslimische Welt für ihn darstellen, fertig zu
werden. Huntington setzt insbesondere auf die USA, die sich zu den Werten und Normen des
Westens bekennen müsse, denn bei dem euroamerikanischen handele um einen einzigartigen
Kulturkreis. Huntington spricht sich gegen eine humanistische Politik der Menschenrechte
zugunsten einer von den USA geleiteten Machtpolitik aus. Er bezieht sich dabei insbesondere
auf die Konflikte zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Huntington ist Gegner des
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Schmitt, Carl, Der Begriff des Politischen, Duncker&Humblot, Berlin, 2009, S.61.
15
Schmitt, Carl, Der Begriff des Politischen, Duncker&Humblot, Berlin, 2009, S.43.
Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Die politische Theorie von Carl Schmitt in Kunst und Kultur
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
6
Katalognummer
V376607
ISBN (eBook)
9783668538382
ISBN (Buch)
9783668538399
Dateigröße
379 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politische Theorie
Arbeit zitieren
Caro Feistritzer (Autor), 2014, Die politische Theorie von Carl Schmitt in Kunst und Kultur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376607

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