Ernst Jünger im Nationalsozialismus. Nihilismus, Anarchie, Ordnung


Bachelorarbeit, 2008

44 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I.1. Einleitung

I.2. Prolog

II. Der Rahmen
II.1. Die Enge der bürgerlichen Gesellschaft
II.2. Veraltete Begriffe und populäre Weltanschauungen
II.3. Die Abkehr von der Geschichte und die Suche nach dem Paradies

III. Nihilismus
III.1. Die Herrschaft der Masse
III.2. Gleichschaltung

IV. Anarchie
IV.1. Die Inszenierung am 1. Mai 1933
IV.2. Die Selbsterfahrung der Massen
IV.3. Der Mythos

V. Ordnung
V.I. Die Technik
V.II. Natur und Sprache
V.III. Die höhere Aufgabe des Autors

V.I. Fazit

VII. Literaturverzeichnis

I.1. Einleitung

Im Gegensatz zu vielen anderen Autoren und Künstlern, die nach dem Tag der Machtergreifung der Nationalsozialisten, dem 30. Januar 1933 ins Ausland flüchteten, blieb Jünger in Deutschland. Er zählt zu den hoch dekorierten Autoren der Weimarer Republik und genießt durch seine publizistische Tätigkeit und seine bis dato erschienenen Bücher, einen hohen Bekanntheitsgrad als einer der führenden Intellektuellen der Konservativen Revolution und des Neuen Nationalismus. Trotz mehrfacher Versuche seitens der NSDAP - einmal wird ihm sogar ein Reichstagsmandat angeboten - distanziert sich Jünger schon vor 1933 von den Nationalsozialisten. Während vor allem seine Politische Publizistik1 unter dem Zeichen der Mobilisation steht, also vor allem Kraft und Tat, Handlung und Wille ausstrahlt, wird dies im Dritten Reich in auffälliger Weise anders. Jetzt ruft er nicht mehr zu Aktion, Tat und Revolution auf, sondern wendet sich demonstrativ von der Politik ab und ganz der kontemplativen Tätigkeit zu. Sicherlich kann man dies auch als eine Konsequenz sehen, die sich aus der Gleichschaltung ergibt. Doch Jünger versteht den Zwang des Systems zunehmend als Bewährungsprobe und vor allem auch als Wendung gegen das NS-Regime. Die Entwicklung lässt sich also auch als Umbruch vom revolutionären zum geistigen Abenteuer zu verstehen. Vor allem in der zweiten Fassung des Abenteuerlichen Herzens2 lässt sich ein „(…) >>Kampf um die Form<< [beobachten, der] wertvolle Aufschlüsse über seine Verfahrensweise und seine künstlerischen Absichten“3 zu lässt. Während die erste Fassung noch „ein durchaus militantes Buch [ist], das einen fundamentalen Umsturz für nötig hält und auf ihn hinarbeiten will“4, handelt es sich bei der zweiten Fassung, wie Ernst Jünger seinem Verleger mitteilt, „>>weniger um eine zweite Auflage als um eine zweite Potenz<<“ (Kiesel, 2007, 452). Dadurch verschafft sich der Autor vor allem eines: Freiräume. Den jugendlichen Ausbruch in die Fremdenlegion, ein Fluchtversuch aus der beengenden bürgerlichen Gesellschaft, verarbeitet Jünger in dem Buch Afrikanische Spiele im Jahr 1933. Selbstbewusst verkündet Jünger daraufhin, „>>daß Freiheit noch möglich ist<<“ (Kiesel, 2007, 439). Einmal mehr bleibt Jünger seiner Linie insofern treu, als dass seine Autorschaft sich weiter in eine „>>Ikonographie der Gegenaufklärung<<“ (Bräuninger, 2006, 199) einreihen lässt. Zudem bildet aber auch sein „gefühlsmäßig- ästhetisierendes Weltverständnis“ (Bollenbeck, 2007, 229) eine weitere Konstante. Es bleibt die Frage, was genau Ernst Jünger im >Dritten Reich< eigentlich wahrgenommen hat. Seine „Aversion gegen alles >Völkische< in nazistischer Version, gegen den quasi-amtlichen Rassismus“5 kann nicht verleugnet werden. Für Jünger ist der Nihilismus mit der NS-Diktatur in eine neue Phase eingetreten. Wie hat man es aus Jüngers Munde zu verstehen, wenn er die Zeit im Dritten Reich als eine Herausforderung ansieht? Nicht unerheblich für die Zeit im Dritten Reich ist vor allem sein „ostentatives Bemühen um den Ausbau des literarischen Werks“ (Kiesel, 2007, 440). Diese ist auch nötig geworden und schließt eine Relativierung seines Technikverständnisses mit ein. Denn der im Jahr 1932 veröffentlichte Großessay Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt.6 wird im Nationalsozialismus zur Realität. Militarisierung und Opferbereitschaft jedes Einzelnen fordert auch die nationalsozialistische Gesellschaft für den Dienst an der Totalen Mobilmachung ein. Die Vorstellung des Krieges als eines Arbeitsvorgangs, die Jünger im Arbeiter entwickelt, kommt der Ideologie der NS-Diktatur sehr nahe. Wichtig ist vor allem auch die Erzählung Auf dem Marmorklippen7 aus dem Jahre 1939, die als Widerstandsparabel im In- und Ausland aufgenommen wird. Diese Arbeit möchte Jüngers Wende auf die „zentralere Formel der >>Autorschaft<<“ (Katzmann, 1975, 11) bringen. Die Hauptthese dieser Arbeit ist demnach, dass Ernst Jüngers Haltung im Nationalsozialismus vor allem zu einem neuen Selbstverständnis als Autor führt und somit zu einem ganz besonderen Verständnis von geistigem Widerstand.

I. 2. Prolog

„>>1943 blickte Jünger auf die Jahre im revolutionär erregten Berlin zu Beginn der 1930er Jahre zurück: >>Die Mitspieler sind ermodert, emigriert oder bekleiden hohe Posten in der Armee, der Abwehr, der Partei. Doch immer wieder werden diejenigen, die noch auf Erden weilen, gern von jener Zeiten sprechen; man lebte damals stark in der Idee<<.“8

Hier gibt Jünger einen wichtigen Hinweis auf die mentale Lage in der Weimarer Republik. Wichtig zu sehen ist, dass der soziale Ort des Intellektuellen nicht die Politik, sondern die Legitimation von Politik ist. Das Besondere der rechten Systemkritiker der Weimarer Zeit bzw. der Konservativen Revolution liegt vor allem darin, dass sie zwar politische Ordnungsvorstellungen entwickeln; sie sich aber gleichzeitig auf eine heroisch- ästhetische Wirklichkeit berufen.

„Wenn es denn eine Übereinstimmung zwischen diesen vielen Gruppen und Richtungen gab, dann in ihrer lautstarken Klage über das Fehlen einer heroisch-ästhetischen Dimension in der sie die umgebenden Wirklichkeit des Weimarer >Systems<.“9

Das was sie kennzeichnet, ist vor allem ihre „Unfähigkeit zur Politik [und ihr] Unverständnis für die differenzierten Strukturen und Prozesse moderner politischer Entscheidungsbildung und demokratischer Legitimation.“10 So ist es vor allem ihr ästhetisches Weltverständnis, welches sie von der Politik entfernt und sie damit gleichzeitig in die Nähe des Nationalsozialismus bringt.

„Die einzige Position, in der alle Autoren ohne Einschränkung übereinstimmten, ist das kompromißlose Verdikt über den politischen Liberalismus als einer dem deutschen Wesen unangemessenen, >westlichen< Erscheinung, deren Übernahme mitsamt ihrer Folgen (Parlamentarismus, Pluralismus) so schnell wie möglich rückgängig gemacht werden sollte.“11

Für ein Verständnis von Ernst Jüngers Position im Nationalsozialismus ist es deshalb wichtig zu beleuchten, wie dieses ästhetische Weltverständnis entsteht und was seine Besonderheiten sind? Woher kommt der Drang die Wirklichkeit zu ästhetisieren und daraus politische Ordnungsvorstellungen abzuleiten? Schließlich stellt der Nationalsozialismus den brutalen Versuch dar, eine politische Ordnung auf einer ästhetischen Vorstellung zu gründen. Die rechten Intellektuellen der Weimarer Republik haben mit ihren Ideen keine randständigen Vorstellungen vertreten. Ihr ästhetisch- heroisches Weltverständnis trifft den Zahn der Zeit. Ihre Schuld an der Entwicklung lässt sich demnach auch nicht schmälern.

„Ihre Gedanken und Argumente, ihre Aversionen und Ressentiments, ihre Gewaltphantasien und autoritären Ordnungsvorstellungen <<haben ein geistiges Klima geschaffen, in dem bestimmte Dinge möglich wurden>>.“12

Aber obwohl der Nationalsozialismus solch eine Wirklichkeit verkündet, ist es wiederum nicht selbstverständlich, dass diese Intellektuellen im Nationalsozialismus ankommen. Eher das Gegenteil ist der Fall. Die Spannung zwischen Idee und Politik wird im Nationalsozialismus schließlich genau da sichtbar: an der Gestaltung der Wirklichkeit.

„Weil Ästhetik es so offensichtlich mit einer künstlerisch- imaginierten Sphäre jenseits des Alltags zu tun habe, positiv ausgedrückt - ihr negatives Image wäre der Verdacht von bloß Formalem, Äußerlichem -, während es der Politik gerade um das Praktische des Alltagslebens von Vielen, die Regelung der sozialen Beziehungen nach innen und nach außen gehe.“13

Die Begeisterung der Massen im Nationalsozialismus - das ist das Bild, welches immer wieder Verständnislosigkeit auslöst. Das nationalsozialistische System ist letztendlich in der Lage die Ängste, Sorgen, Hoffnungen und Wünsche, aber auch Gewalt und Phantasien zu kanalisieren und deren realimaginäre Erlösung zu inszenieren. Am Anfang dieser Entwicklung steht die Krise des Bürgertums und die gescheiterte mentale Integration in den neuen Nationalstaat nach dem Ersten Weltkrieg.

II. 1. Die Enge der bürgerlichen Gesellschaft

Wie auch in anderen Ländern Europas ist Deutschland der strukturelle Anschluss an die Moderne zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelungen. Aus der ständischen Gesellschaft ist eine bürgerliche Gesellschaft geworden. Rechtsprinzipen schützen Eigentum und Freiheit, die industrielle Entwicklung macht Deutschland zur Großmacht und der neu geschaffene Nationalstaat fördert das Selbstbewusstsein. Wie auch in anderen Ländern gehen die Veränderungen mit kleinen Schritten voran: das Wahlrecht ist zwar noch nicht für alle geschaffen, dafür ist aber die freie politische Willensbildung akzeptiert; neue Arbeitsplätze und Marktchancen entstehen, aber an alten Grundmuster der Familie, wie z.B. die Bindung der Frau an Haushalt und Kindererziehung wird weiterhin fest gehalten. Wichtig ist allein, dass diese Veränderungen, „von der bürgerlichen Grundüberzeugung [getragen werden], daß die Freigabe der Einzelheit nicht anarchische und selbst zerstörerische Konsequenzen haben würde, vielmehr im Gegenteil das beste Mittel war, um Ordnung, Berechenbarkeit und Sicherheit zu stiften.“14 Doch die verspätete Nationalisierung hat weitere Folgen für das deutsche Bürgertum. In einer Hinsicht fehlt dem Bürgertum die Zeit sich in den Nationalstaat zu integrieren. Beim Bildungsbürgertum fehlt es vor allem an Homogenität und einer verbindenden Öffentlichkeit „und so blieb denn das Bildungsbürgertum trotz ihres kulturellen Einflusses nur schwach vergesellschaftete Schicht (…).“15 Obwohl die strukturelle Veränderung zur modernen Gesellschaft gelingt, steht diese Schicht wie hilflos „einer eigenständigen Massenbewegung gegenüber, die eine progressive Einkommensteuer, gesetzlichen Arbeitsschutz, Normalarbeitstag und Koalitionsfreiheit zu Nahzielen erhob und als Fernziel die Liquidierung des Kapitalismus und der bürgerlichen Familie in Aussicht stellte.“16

„Sicherlich, eine >>kulturkritische<< Ablehnung der Moderne ist keine deutsche Besonderheit. (…) Nirgendwo aber findet sich ein vergleichbarer Zusammenhang zwischen einer spezifische nationalen Semantik und einer spezifisch nationalen Trägerschicht.“17

Das Problem in Deutschland ist, dass sich das deutsche Bürgertum in einer „Art [semantischem] Gefängnis“ (Bollenbeck, 1996, 285) befindet. Mit der reflexiven Modernisierung verliert das Bürgertum die Hegemonie über die eigenen Werte.

„Der Staat galt nicht länger als historische Inkarnation des Allgemeinen, sondern als bloße Machtmaschine, die bestimmte Aufgaben zu erfüllen hatte; die bürgerliche Gesellschaft nicht mehr als ‚Erscheinungswelt des Sittlichen’, sondern als höchst unsittliche Welt der Krisen und Zusammenbrüche, deren Einheit sich stets nur in gewaltsamer, katastrophischer Form geltend machte. Die Moral erschien als Symptom der Dekadenz; die bürgerliche Kleinfamilie mit ihrer starren Geschlechtsrollenzuweisung als ein Instrument zur Versklavung der Frau.“18

Die Individualität als höchster Wert des bürgerlichen Selbstbewusstseins erscheint jetzt als „genau das Gegenteil von dem (…), was es unter Individualisierung verstand, nämlich Atomisierung, Diskontinuität, Selbstverlust.“19 Die kapitalistischen Marktmechanismen entwerten das Individuum zum bloßen Objekt wirtschaftlicher Interessen und begünstigen egoistisches Verhalten. Die arbeitsteilige Gesellschaft zerstört die Beziehungen untereinander und macht aus ihnen objektive, rechtliche Verhältnisse. Wie soll sich das Bürgertum integrieren, wenn die eigenen Werte abgelöst werden?

„Da die Sphäre des Gesellschaftlichen als bloß empirisches Feld, als Kampfplatz egoistischer Privatinteressen galt, die ‚schöne Seele’ als einzelne aber zu schwach war, um die Harmonie des Ganzen zu erreichen, konnte dies allein der Staat tun.“20

Bei Hegel ist die Entwicklung der modernen Arbeitsorganisation, der Punkt, an dem „>>die Sphäre der bürgerlichen Gesellschaft (…) in den Staat über [geht]<<.“21 Der Staat, der den Einzelnen schützen soll, übernimmt nun die Garantie für das „>>an und für sich Vernünftigen<<“ (Schnell, 1978, 18). Doch dass, was die Bürger vor Augen hatten, ist nicht dieser Staat, sondern eine rein bürokratische Maschine. Wichtig zu sehen ist, dass die starke Fixierung auf den Staat nichts ist, was das Bürgertum und den Liberalismus voneinander trennt. Die Vorstellung vom Staat, dem wie Hegel es schon vorhergesehen hatte, ein „>>Endzweck<<, [und somit] zugleich das >>höchste Recht gegen die Einzelnen<< zugesprochen [wird], während deren >>höchste Pflicht es ist, Mitglieder des Staates zu sein<<“22 ist eine bürgerliche Vorstellung. Der Staat soll „als Garanten von Einheit und Allgemeinheit“23 das Individuum, die Freiheit und die Selbstverwirklichung des Einzelnen in der Gesellschaft schützen. Dies wiederum lässt für „>>ideale Gestaltungen<< nur sehr begrenzten Raum.“24

„Unterwerfung oder Einverständnis - dies sind die alternativen Verhaltensweisen, die Hegel als politische Disposition im Verhältnis von Individuum und Staat theoretisch fixiert.“25

Unterwerfung oder Einverständnis - dass sind Erfahrungen, die Jünger schon in seiner Kindheit macht. Mit 21 flieht er aus der Enge der bürgerlichen Gesellschaft in die afrikanische Ferne zur französischen Fremdenlegion. Doch auch dort wird er von der Zivilisation wieder eingeholt. Über diese gescheiterte Flucht schreibt Jünger einmal, wohl wissend, dass eine räumliche Flucht heutzutage kaum mehr möglich ist: „>>Ich mußte zurück, mußte leben wie die anderen auch<<“ (Fischer, 2004, 90). Jüngers Flucht scheitert und die Suche nach einem Ausweg beginnt.

„In einem Leben, einer ‚Wirklichkeit’, deren ‚Gewöhnlichkeit’ man mit ‚allen’ teilt, müssen die Bezirke des ‚abenteuerlichen Lebens’ anderswo liegen.“26

II.2. Veraltete Begriffe und populäre Weltanschauung

Die Integrationsleistung der Begriffe Bildung und Kultur schwinden. Angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung erfahren diese Begriffe nun eine totale Selbstentwertung. Sie erscheinen angesichts schlicht als veraltet. Ernst Jünger wird diesen Gegensatz 1932 in dem Großessay Der Arbeiter als den Gegensatz der musealen Landschaft auf der einen und der Werkstättenlandschaft auf der anderen Seite beschreiben und dafür plädieren, die bürgerliche Kultur ganz über Bord zu werfen. Nun ist es das Bürgertum selbst, daß den Ersten Weltkrieg zu einem epochemachenden Ereignis erhebt. Durch den „Verlust symbolischer Vergesellschaftung“ (Bollenbeck, 1996, 278) beginnt das deutsche Bürgertum nach Auswegen zu suchen. Der Nationalismus wird so gleichsam zur Integrationsideologie und zwar, „[um] die schwindenden Integrationskraft des Liberalismus zu kompensieren.“27 In anderen Ländern Westeuropas dagegen lässt sich mit dem Begriff Zivilisation, Fortschritt nicht nur erklären, sondern auch die moderne Krisenerfahrung kompensieren. Zivilisation ist anders als die Begriffe Kultur und Bildung, nicht auf das Individuum, „sondern auf Völker und Nationen bezogen, [und] umfaßt (…) alle Lebensbereiche, materielle und geistige.“28

„In der Regel verweist der Begriff [Zivilisation], positiv bewertet auf die Vervollkommnung gesellschaftlicher Beziehungen und die Vervollkommnung materieller Ressourcen.“29

In Deutschland wird fortan unter Zivilisation subsumiert, was man an der Moderne kritisiert. Die Zivilisation selbst verübt einen Angriff auf das Individuum. Dadurch erhält die kulturkritische Abwertung der Moderne in Deutschland ihre „forciert antiaufklärerische und antidemokratische Ausrichtung“ (Bollenbeck, 1996, S. 22).

„Die Zivilisation erscheint als Reich der Notwendigkeit, ihr schlägt man die materielle Arbeit, die Naturbeherrschung, das operationale Denken zu. Die Kultur aber wird hochgeschätzt als das Innerliche, Lebendige, Seelenvolle, Individuelle, Gemeinschaftliche, Nationale, Zweckfreie und Geistige.“30

Mit dem Ersten Weltkrieg verbindet das deutsche Bürgertum also vor allem die Hoffnung, die „Entfremdung zwischen Kultur und Politik“ (Bollenbeck, 1996, 277) zu überwinden. „Kriegspropaganda ist nichts spezifisch Deutsches, wohl aber die Legitimation des Krieges als >>Kulturkrieg<< oder >>Kulturkampf<<.“31 Thomas Mann bringt im Jahr 1914 die Ziele des Krieges auf den Punkt:

„Deutsche >>Kultur<<, also >>Geschlossenheit, Stil, Form, Haltung, Geschmack<< und >>stilvolle Wildheit<<, steht gegen westliche >>Zivilisation<<, also >>Vernunft, Aufklärung, Sänftigung, Sittigung, Skeptizismus, Auflösung<< und >>Geist<<.“32

Das Bürgertum überträgt der Jugend, die „Aufgabe einer kulturellen Reorganisation“ (Breuer, 1993, 34) und nicht „[selten] dürfte eine Jugend so sehr mit einem Charisma besetzt und zu charismatischen Schöpfertum ermuntert worden sein wie die des ausgehenden Wilhelminimus.“33

„[Der Krieg] soll die >>Einheit der Bildungsideale<< schaffen, die >>alten Gedanken des deutschen Idealismus wieder ins volle Licht stellen<<, eine >>positive Bedeutung für die Kulturformen<< haben, eine >>neue Einschärfung des Geistigen und Gemeinsamen<< betreiben.“34

In der Weimarer Republik entsteht ein „komplizierten Verhältnis zwischen Anerkennung des Obrigkeitsstaates einerseits, den liberalen Forderungen nach einem >>Kulturstaat<< andererseits“35 So erschien der Nationalsozialismus dem Bürgertum, da er für sich beansprucht „eine Kulturbewegung“ (Bollenbeck, 1996, 288) zu sein, vorerst als das „kleinere Übel“ (Bollenbeck, 1996, 288). Gerade Hitler erkennt die Zerrissenheit des Bürgertums und nutzt sie. Jünger aber erkennt darin nur eine „Mischung aus Abgedroschenheit und Überhebung“ (Arb/207).

„>>Wie weit man auch zurückgehen möge, man wird schwerlich auf eine so peinliche Mischung von Abgedroschenheit und Überhebung stoßen, wie sie in den offiziellen Staatsansprachen mit ihrer unvermeidlichen Berufung auf die deutsche Kultur üblich geworden ist<<.“ (Arb/ 207) Unter der Frontjugend des Ersten Weltkrieges befindet sich auch Ernst Jünger. Dieser Krieg wird das Initialerlebnis seiner Jugend und das der übrigen Intellektuellen der Konservativen Revolution. Ihr Antiliberalismus entsteht somit gerade aus ihrer engen Verbindung zum Bürgertum. Diese Jugend, allesamt bürgerlicher Herkunft, hatte ja eben gerade jetzt den Wunsch, endlich den bürgerlichen Vorstellungen entfliehen zu können, die angesichts der Moderne so veraltet erscheinen. Jünger selbst nährt seinen Heißhunger nach dem Außergewöhnlichen vor allem durch die Literatur:

„>>Eine lange Zeit der Ordnung und des Gesetzes, wie sie unsere Generation hinter sich hatte, bringt wahren Heißhunger nach dem Außergewöhnlichen hervor, der noch durch die Literatur gesteigert wird. So hatte uns neben vielen anderen Fragen auch die beschäftigt: Wie sieht wohl eine Landschaft aus, in der man die Toten über der Erde läßt? (…)<<.“36

Durch den Ersten Weltkrieg wird sich dieser Generationenkonflikt noch verschärfen. Angesichts der betriebenen Idealisierung des Krieges führt der technische Krieg zwangsläufig zu einer großen Desillusionierung.

„[Der Krieg] entpuppte sich als technisch-industrielles Unternehmen, das den Sieg verspricht und Gewinne erbringt. Was an der >>Zivilisation<< kritisiert wird, Arbeitsteilung, Vermassung, >>Materialismus<<, treibt er voran.“37

Der Einzelne ist nicht mehr als ein Rädchen in der brutalen Maschinerie des modernen, technischen Krieges, wo die Produktion und die Mobilmachung technischer Möglichkeiten über Sieg und Niederlage entscheiden. Für Ernst Jünger ist der Erste Weltkrieg die glatte Widerlegung der bürgerlichen Vorstellung vom Individuum. Jünger beschreibt im Arbeiter eine neue Wertewelt, die sich der Logik des technischen Fortschritts anpasst. Damit wird jeder Wert, der dieser Logik widerspricht, als unterlegen disqualifiziert. Erster Prüfstein dieser neuen Werte ist die Materialschlacht des Ersten Weltkrieges. Hier gehen Mensch und Maschine eine neue Symbiose ein. Als erster Träger dieser neuen Macht erscheint der deutsche Frontsoldat. Schon die Politische Publizistik in der Weimarer Republik erscheint wie eine Kampfangsage an die Wirklichkeit und als Ausdruck eines neuen Lebensgefühls. Das „Lebensgefühl eines >>heroischen Realismus<<“38 geht mit der Vorstellung eines neuen Menschentums einher. Dieses Menschentum muss „für das Leben in der modernen technisch aufgerüsteten Zivilisation eine besondere Mischung aus Intelligenz und Nervenkraft, aus technischem Vermögen und körperlicher Konstitution nötig seien.“39

Der Frontsoldat ist der erste Arbeiter, weil sein oberster Wert die Opferbereitschaft ist. Gerade die Verächtlichmachung des individuellen Glücks ist ein Kennzeichen des Faschismus:

„Der Faschismus ist kein peinlicher Fleck in der Geschichte oder in einer individuellen Biographie; er ist die extremste Realisierung jener zerstörenden Ideologie des verhärteten bürgerlichen Individuationsprinzips, und diese Ideologie beginnt mit der Verachtung des Einzelnen und seines Rechts auf Glück.“40

Ernst Jüngers Autorschaft vor 1933 steht exemplarisch für die Kriegserfahrung dieser Generation und das Hereinbrechen der Moderne im Ersten Weltkrieg. Schon im Arbeiter streift „die Pole eines Diskursfeldes“ (Fohler, 2003, 107). Seit dem steigenden Einfluss der Technik auf die Lebenswelt der Menschen stellt sich die Frage, von welcher Art dieser Einfluss ist.

„Die eine Seite beantwortet die Frage nach der Technik, indem sie dem Menschen Autonomie über die Technik zuschreibt, die andere Seite geht im Gegenteil davon aus, daß eine autonome Technik Gewalt über die gesellschaftliche Entwicklung erlangt hat.“41

Die „Vorstellung von einer Eigendynamik der Technik“ (Fohler, 2003, 107) wird bei Jünger zum Symbol einer neuen Kraft: „>>Die Beschäftigung mit der Technik wird erst dort lohnend, wo man sie als Symbol einer übergeordneten Macht erkennt<<.“42 Entgegen aller Kritik von bürgerlicher Seite zeichnet sich die Rebellion Jüngers gerade durch eine affirmative Bejahung der zerstörerischen Tendenzen der Moderne aus. Im Mittelpunkt des Arbeiters steht die radikale Hauptthese einer „Dialektik von Fortschritt, Demokratisierung und Militarisierung, die den Postulaten der Aufklärung Hohn spricht.“43

„Inzwischen beginne der Fortschritt die humanitäre Maske abzulegen und enthülle, nachdem er zur Zerstörung der alten Welt noch einmal mit den Parolen der Aufklärung und des Universalismus mobilgemacht hat, sein eigentliches Wesen: >>den barbarische(n) Fetischismus der Maschine<<.“44

Die Bewältigung der Aufgaben ist gescheitert. Der Bürger ist nicht fähig, Herr der Lage zu werden, denn er hat kein Verhältnis zur Macht. Sein Freiheitsbegriff hat die Anarchie nur vorangetrieben.

„Dies musste auch in das Landschaftsbild jene Spuren der Anarchie eingraben, die überall mit diesem Freiheitsbegriffe verbunden sind. Der wahllose Konkurrenzkampf um die Reviere des natürlichen Reichtums und die Anhäufung von Individuen in einer atomisierten Gesellschaft in den großen Städten brachten in unglaublich kurzer Zeit eine Veränderung hervor, deren Eingriff bis zur Verpestung der Atmosphäre und der Vergiftung der Flüsse führt.“ (Arb/223)

Nur die Technik kann den Prozess der Anarchie überwinden, in dem sie alles einem einheitlichen Prozess unterwirft. Jüngers Prognosen resultieren durchaus auf scharfsinnigen Einschätzungen. So erkennt er die nivellierenden Auswirkungen der Moderne. Die Radikalität der Thesen entsteht erst in dem Zusammenhang den Jünger zwischen der Materialschlacht und den Strukturprinzipien der Moderne herstellt. In allen Dingen, so zum Beispiel im Verkehr, in der Mode oder in den industriellen Produktionsvorgängen spiegeln sich die hohen Werte der Materialsschlacht wieder: die Bewegung und gesteigerte Dynamik, die Uniformierung und Homogenität, das Verschmelzen des Menschen mit der Maschine. Der Krieg selbst wird dadurch zum Arbeitsvorgang. Die Strukturprinzipien der Moderne erweisen sich für Jünger als die wirkungsvollsten Prozesse zur Zerstörung der bürgerlichen Tradition und Kultur. Die Technik ist das, was dem bürgerlichen Leben als Verneinung gegenübertritt. So kann Jünger im Arbeiter

„im Sinne eines reaktionären Modernismus (…) seine Einschätzung der Technik von der bürgerlichen Idee des Fortschritts [lösen] und (…) ihr ein unbürgerliches Eigengewicht zu [schreiben].“45

[...]


1 Jünger, Ernst. Politische Publizistik 1919 bis 1933. Klett-Cotta: Stuttgart 2001

2 Jünger, Ernst. Das Abenteuerliche Herz. Figuren und Capriccios. Klett-Cotta: Stuttgart 1979.

3 Katzmann, Volker. Ernst Jüngers Magischer Realismus. Germanistische Texte und Studien, Bd. 1. ( Disser.) Universität Tübingen: Hildesheim 1975, S. 12.

4 Kiesel, Helmuth. Die Biographie. (1.Aufl.). Siedler: München 2007, S. S. 346.

5 Kaempfer, Wolfgang. Ernst Jünger. Metzler: Stuttgart 1981, S. 32.

6 Jünger, Ernst. Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt. Klett-Cotta: Stuttgart 1982.

7 Jünger, Ernst. Auf den Marmorklippen. Klett-Cotta: Stuttgart 1960.

8 Bräuninger, Werner: Staub von den Flügeln des Schmetterlings. Betrachtungen über Ernst Jünger. In: Bräuninger, Werner [Hrsg.], „Ich wollte nicht daneben stehen…“, Lebensentwürfe von Alfred Baeumler bis Ernst Jünger. Ares Verlag: Graz 2006, 2006, S. 208

9 Reichel, Peter. Der schöne Schein des Dritten Reiches. Gewalt und Faszination des deutschen Faschismus. Ellert & Richert: Hamburg 2006, S. 94.

10 Reichel, 2006, S. 95.

11 Breuer, Stefan. Anatomie der konservativen Revolution. Wiss. Buchges.: Darmstadt 1993, S. 181.

12 Bollenbeck, Georg. Eine Geschichte der Kulturkritik. Von J.J. Rousseau bis G. Anders. C.H. Beck: München 2007, S. 229.

13 Barck, Karlheinz. Konjunktur von Ästhetik und Politik oder Politik des Ästhetischen? In: Barck, Karlheinz/ Faber, Richard [Hrsg.], Ästhetik des Politischen - Politik des Ästhetischen. Königshausen & Neumann: Würzburg 1999, S. 100.

14 Breuer, 1993, S. 16.

15 Breuer, 1993, S. 18.

16 Breuer, 1993, S. 17.

17 Bollenbeck, Georg. Bildung und Kultur. Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters. Suhrkamp: Frankfurt/M. 1996, S. 285.

18 Breuer, 1993, S. 16.

19 Breuer, 1993, S. 19.

20 Breuer, 1993, S. 19.

21 Schnell, Ralf. Die Zerstörung der Historie. Versuch über die Ideologiegeschichte faschistischer Ästhetik. In: Literaturwissenschaft und Sozialwissenschaft 10. Kunst und Kultur im deutschen Faschismus. Schnell, Ralf [Hrsg.]. Metzler: Stuttgart 1978, S. 19.

22 Schnell, 1978, S. 19.

23 Breuer, 1993, S. 19.

24 Schnell, 1978, S. 18.

25 Schnell, 1978, S. 20.

26 Fischer, Rotraut: Don Quijote oder Das abenteuerliche Herz. Eine Annäherung an die Kunst Ernst Jüngers. In: Hagestedt, Lutz [Hrsg.], Ernst Jünger. Politik - Mythos - Kunst, Gruyter: Berlin 2004, S. 90.

27 Breuer, 1993, S. 22.

28 Bollenbeck, 1996, S. 285.

29 Bollenbeck, 1996, S. 285.

30 Bollenbeck, 2007, S. 204.

31 Bollenbeck, 1996, S. 277.

32 Kiesel, 2007, S. 95.

33 Breuer, 1993, S. 34.

34 Bollenbeck, 1996, S. 277.

35 Bollenbeck, 1996, S. 289.

36 Arnold, Heinz Ludwig. Krieger, Waldgänger, Anarch. Versuch über Ernst Jünger. Wallenstein Verlag: Göttingen 1990, S. 17.

37 Bollenbeck, 1996, S. 277.

38 Bräuninger, 2006, S. 206.

39 Kiesel, 2007, S. 279.

40 Matz, Wolfgang: Nach der Katastrophe. Jünger und Heidegger. In: Arnold, Heinz Ludwig [Hrsg.], Ernst Jünger Verlag edition Text + Kritik: München 1990, S. 81.

41 Fohler, Susanne. Techniktheorien. Der Platz der Dinge in der Welt des Menschen. Fink Verlag: München 2003, S. 107.

42 Matz, 1990, S. 79.

43 Schwilk, Heimo. Ein Jahrhundertleben. Die Biographie. (2.Aufl.). Piper-Verlag: München 2007, S. 350.

44 Schwilk, 2007, S. 351.

45 Morat, Daniel. Von der Tat zur Gelassenheit. Konservatives Denken bei Martin Heidegger, Ernst Jünger und Friedrich Georg Jünger 1920 - 1960. Veröffentlichungen des Zeitgeschichtlichen Arbeitskreises Niedersachsen. Bd. 24. Weisbrod, Hans [Hrsg.]. Wallstein: Göttingen 2007, S. 224.

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Details

Titel
Ernst Jünger im Nationalsozialismus. Nihilismus, Anarchie, Ordnung
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
44
Katalognummer
V376977
ISBN (eBook)
9783668545441
ISBN (Buch)
9783668545458
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nationalsozialismus, literatur, ernst jünger, nihilismus
Arbeit zitieren
Sarah Marek (Autor), 2008, Ernst Jünger im Nationalsozialismus. Nihilismus, Anarchie, Ordnung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376977

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