Das Militärwesen Oberitaliens im 12. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Kriegswesen in Italien vor dem 12. Jahrhundert

3. Auswirkungen der Kommune: Milizen und erweiterte Adelsreiterei

4. Ein Fallbeispiel: Die Schlacht von Legnano

5. Ausblick ins Spätmittelalter

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Oberitalien war im 12. Jahrhundert die reichste Region in ganz Europa. Große Städte wie Mailand, Florenz, Pisa, Genua, Cremona und viele mehr drängten sich auf engem Raum. Die Unabhängigkeitsbestrebungen vieler dieser mächtigen Städte und ihre kommunalen Entwicklungen brachten sie immer wieder in Konflikt mit den deutschen Kaisern, vor allem mit dem Staufer Friedrich I. Barbarossa. Und tatsächlich gelang es ihnen oftmals, sich dem Kaiser militärisch zu widersetzen und ihn manchmal sogar zu schlagen. Die wohl bedeutendste dieser Schlachten fand 1176 bei Legnano statt und endete mit einem Sieg des Lombardenbundes über Friedrich.

Es drängt sich die Frage auf, wie einer Allianz von Städten ein Sieg über den deutschen Kaiser gelingen konnte, obwohl es für mittelalterliche Armeen typisch war, dass sie sich aus der ländlichen Bevölkerung rekrutierten, also aus adeligen Berittenen und in manchen Fällen aus Bauern. Natürlich verfügten auch die oberitalienischen Städte über eine Adelsreiterei, jedoch setzte diese sich zum Teil auch aus Angehörigen von Schichten zusammen, die andernorts normalerweise nicht zum Adel gezählt wurden; und selbst diese erweiterte Oberschicht wäre ohne Weiteres kaum einem kaiserlichen Reichsaufgebot ebenbürtig gewesen. Woher also kamen die berittenen und auch die wichtigen infanteristischen Truppen, die die Armeen der oberitalienischen Städte prägten? Griffen die Städte hierfür auf ihren Contado zurück, die von ihnen kontrollierte ländliche Umgebung, heuerten sie Söldner an oder rekrutierten sie ganz im Gegensatz zu anderen europäischen Armeen Handwerker und andere Stadtbewohner für den Kriegsdienst?

Ich werde in meiner Betrachtung zunächst die frühmittelalterlichen Entwicklungen im Militärwesen des lombardischen und später fränkischen Oberitalien untersuchen. Anschließend werde ich Beispiele von Armeen und einer Schlacht im 12. Jahrhundert analysieren und in Verbindung mit den gesellschaftsgeschichtlichen Merkmalen Oberitaliens wie der Kommunenbildung setzen. In einem letzten Teil wird die bedeutende Veränderung, die das oberitalienische Militärwesen im anschließenden 13. und 14. Jahrhundert wiederum durchlief, kurz abgehandelt.

2. Das Kriegswesen in Italien vor dem 12. Jahrhundert

Seit dem 6. Jahrhundert befand sich Norditalien unter der Kontrolle der Langobarden, die ein wenig zentralistisches System von gastaldii (Grafschaften) errichteten. Jeder freie Mann, genannt arimannus oder exercitalis, schuldete seinem gastaldius militärische Gefolgschaft. Seine Ausrüstung hatte wie in anderen germanischen Königreichen jeder Krieger selbst bereitzustellen; allerdings fand eine stärkere Differenzierung hinsichtlich der Art und Güte der Bewaffnung statt als etwa im Frankenreich. So wurde von großen Landbesitzern das Mitführen von Kettenhemd, Schild, Lanze und Pferd erwartet, während für kleinere Landbesitzer das Kettenhemd wegfiel. Alle anderen arimanni hatten lediglich Schild, Bogen und Pfeile zu stellen.[1]

In der Regel scheint nur selten das Aufgebot des gesamten langobardischen Königreiches einberufen worden zu sein. Die meisten Auseinandersetzungen fanden auf lokaler Ebene statt, sodass nur der Heerbann einer einzelnen Grafschaft aufgeboten und heimatnah eingesetzt wurde. Dies änderte sich mit der Invasion durch Karl den Großen und seine Krönung zum langobardischen König 774. Das Langobardenreich wurde zwar nicht dem fränkischen einverleibt, hohe Positionen wurden jedoch entweder sofort oder bei ihrem Freiwerden mit loyalen Franken besetzt, während die bereits bestehenden Rechts- und Verwaltungsstrukturen weitgehend beibehalten wurden. Auf diese Weise konnten die nun fränkischen Grafen ihre arimanni einberufen und sie dem Heer Karls hinzufügen.[2]

Eine Vergabe von Lehen zum Preis militärischer Gefolgschaft, wie sie im Frankenreich von Karl betrieben wurde, blieb die Ausnahme. Zwar wurde es schon lange vor der fränkischen Invasion üblich, dass Grafen ihre besten und treuesten Krieger als gasindii mit einem Eid persönlich an sich banden.[3] Diese Art der Bindung lässt sich als Vasallentum verstehen; allerdings war sie mit keinerlei Vergabe von Gütern verbunden. Das Überlassen von Land wiederum bedeutete keine militärische Gefolgschaft. So entwickelte sich in Italien nur in abgeschwächter Form ein Feudalsystem, ein Umstand, der die autonome Entwicklung der Städte sicher begünstigte.[4]

Mit dem Tod Karls III. Im Jahre 888 endete die karolingische Herrschaft in Italien endgültig. Damit einher ging ein völliger Zusammenbruch der bestehenden Strukturen: Ansprüche auf die eiserne langobardische Königskrone, die diverse Adelige erhoben und die zu inneren Kämpfen führten, machten es einfallenden Sarazenen und Ungarn leicht, ungehindert Plünderungszüge durch Italien zu unternehmen. Das Vertrauen der Stadtbewohner in die für ihre Verteidigung zuständigen (Mark-)Grafen wurde dadurch schwer erschüttert. Deren einzige weitreichende Reaktion bestand darin, den ihnen unterstellte Städten und Kirchengütern die Verbesserung ihrer Ummauerungen sowie den Bau neuer Festungen zu gestatten; ein Vorgang, der von Königen und Grafen bis dahin streng kontrolliert wurde. Im 9. und 10. Jahrhundert fand in ganz Oberitalien ein massiver Aus- und Neubau von befestigten Plätzen (Incastellamento) statt.[5]

Die Verteidigung gegen äußere Bedrohungen verlagerte sich damit auf die einzelnen Städte und Dörfer. Ein unvermeidbarer Nebeneffekt dieser Tendenz war, dass die Macht der Grafen über ihre Siedlungen schwand. An ihre Stelle trat das Phänomen der Kommune, an dessen Anfang sich meist eine Volksversammlung der Stadt gemeinsam „verschwor“. Diese Entwicklung gestaltete sich in jeder Stadt anders und ist zu komplex, um hier in aller Tiefe dargestellt zu werden, sie war jedoch nicht zuletzt ein Ergebnis der soeben beschriebenen Einmauerung und der Notwendigkeit militärischer Zusammenarbeit aller Stadtbewohner; entsprechend brachte sie auch ein Militärwesen hervor, das sich in den folgenden Jahrhunderten deutlich von anderen Regionen unterschied. Deshalb muss der sozialgeschichtliche Aspekt der Kommune hier auch erwähnt werden.

Bis zum 12. Jahrhundert dehnten viele Städte ihren Einflussbereich auf ihr Umland aus. Der dort ansässige Landadel, darunter auch einige der vormaligen Grafen, ordnete sich den Städten unter. Er verlagerte oftmals seinen Sitz in diese hinein und wurde Teil der adeligen Führungsschicht der Kommune, ohne dabei die Bindungen zu seinen Landgütern zu verlieren.[6] Die bestehenden Strukturen langobardischer Prägung, auf militärischer Ebene also die personelle Gefolgschaftspflicht der arimanni, blieben dort in der Regel bestehen. Ein Umland, das auf diese Weise personell mit der städtischen Führungselite verwoben war, nannte man Contado. In den Städten kam es zwischen den zugezogenen Landadeligen immer wieder zu erbitterten Konflikten. Dies führte unter anderem zum Bau der bekannten Geschlechtertürme, den einige Kommunen mit mäßigem Erfolg zu begrenzen versuchten.[7]

3. Auswirkungen der Kommune: Milizen und erweiterte Adelsreiterei

Wie bereits erwähnt, bestanden enge gegenseitige kausale Zusammenhänge zwischen den militärischen Entwicklungen des Incastellamento und der kommunalen Entwicklung der oberitalienischen Städte. Eine direkte Folge der notwendig gewordenen Beteiligung aller Stadtbewohner an ihrer eigenen Verteidigung war die Aufstellung von Milizen – verstanden als Einheiten von nicht-professionellen Kriegern, also Bürgern, die eigentlich einer anderen Beschäftigung nachgehen und im Kriegsfall kurzfristig bewaffnet werden. Zum Bemannen der oft überdimensionierten Stadtmauern war dies unumgänglich. Gleichzeitig verschaffte der Dienst in Milizen den mittleren und armen Schichten der Bevölkerung ein Mittel, um mehr politische Mitsprache durchzusetzen. Der Militärdienst und das Tragen von Waffen wurden nun zunehmend als ein Privileg angesehen und weniger als eine Bürde.[8]

So waren die adeligen Führer der Städte und eventuelle Familienmitglieder im Contado weiterhin bereit, erhebliche Ressourcen in ihre Ausrüstung zu investieren und sich persönlich am Kampf zu beteiligen, auch wenn sie kein Monopol auf militärische Aufgaben hatten wie etwa der deutsche Ritteradel: Je größer ihr Anteil an der Stadtverteidigung war, desto eher konnten sie ihren gesellschaftlichen Führungsanspruch durchsetzen. Sie machten auch in den kommunalen Armeen noch den Großteil der Kavallerie aus. Allerdings setzte sich diese Führungsschicht zu großen Teilen aus Personen zusammen, die keinesfalls alt-adeligen Ursprungs waren, sondern erst in jüngerer Vergangenheit eine adelsähnliche Position erlangt hatten – teils gerade wegen des Bedarfs der Städte an vermögenden Personen, die ihre Reiterei auf eigene Kosten ergänzen konnten.[9]

Dieser Vorgang, der vor allem den niederen Adel und damit auch die Kavallerie der Städte erweiterte, ist nicht als einmaliges Ereignis zu verstehen; vielmehr befand sich der Valvassoren-Adel in einem ständigen personellen Wachstum, da es immer Teile der gehobenen mittleren Schichten gab, die zu Reichtum gelangten und sich die Ausstattung eines milites – so nannte man einen adeligen Reiter – leisten konnten. Solche Emporkömmlinge wurden zunächst milites pro commune genannt[10] und nahmen allmählich auch die gesellschaftliche Position eines milites an. Adel als ein durch Geburt erlangter Status und als eine fest eingegrenzte Schicht ist in diesem Sinne für Oberitaliens kommunale Städte ein nur begrenzt passender Gedanke, wenigstens was Valvassores und Valvassini anbelangt.[11]

Indessen bildete der Großteil der mittleren Klasse, also der Handwerker und Händler, den zu Fuß kämpfenden Teil der Miliztruppen, die sogenannten pedites. Diese Milizen erreichten erhebliche Zahlen. So stellte Florenz im Jahr 1260 für einen Feldzug eine Armee auf, die sich aus 1.400 eigenen und 200 angeworbenen milites einerseits, 6.000 städtischen und 8.000 ländlichen Infanteristen andererseits zusammensetzte.[12] Letztere freilich müssen bezüglich der Art ihres Dienstes von den Stadtmilizen unterschieden werden, sie dürften eher ein Pflichtaufgebot nach altem, gräflichen Muster gewesen sein. Als Ersatz für ihren Verdienstausfall erhielten die Männer während ihres Dienstes in der Miliz eine moderate Bezahlung. Auch einzelne Fremde kämpften für Geld schon seit langem in den Reihen der Stadtaufgebote, ein massenhaftes Söldnertum angeworbener Ausländer kam allerdings erst später auf.[13] Stadtviertel unterhielten jeweils organisatorisch eigenständige Milizen und um das Gewerbe nicht ganz zum Erliegen kommen zu lassen, wurden nie alle Viertel gleichzeitig einberufen.[14]

[...]


[1] Vgl. John Beeler, Warfare in Feudal Europe 730-1200 (Ithaca 1971), S. 186.

[2] Ebd., S. 189.

[3] Ebd., S. 187-188.

[4] Ebd. , S. 190.

[5] Vgl. Beeler, S. 193.

[6] Vgl. Michael Mallett, Mercenaries and their masters. Warfare in Renaissance Italy (London 1974), S. 9.

[7] Vgl. Beeler, S.197.

[8] Vgl. Mallett, S. 11.

[9] Vgl. David Nicolle, Italian Medieval Armies1000-1300 (Oxford 2002), S. 10.

[10] Vgl. Beeler, S. 197.

[11] Vgl. Beeler, S. 195.

[12] Vgl. Nicolle, S. 11, Mallett, S. 12.

[13] Vgl. Mallett, S. 13.

[14] Vgl. Nicolle, S. 11, Mallett, S. 11.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das Militärwesen Oberitaliens im 12. Jahrhundert
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Abteilung für Mittelalterliche Geschichte)
Veranstaltung
Oberitalien im 12. Jahrhundert: Städte, Staufer, Adel
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V377207
ISBN (eBook)
9783668546882
ISBN (Buch)
9783668546899
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bewertung des Dozenten: "Sie haben ein nicht ganz triviales Thema ausgezeichnet dargestellt. Sprachlich und formal ist Ihre Arbeit tadellos. Nur einige Hinweise auf oder Zitate aus den Quellen hätte man sich noch gewünscht."
Schlagworte
Mittelalter, Italien Barbarossa Militär Schlacht
Arbeit zitieren
Markus Couturier (Autor:in), 2011, Das Militärwesen Oberitaliens im 12. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377207

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