Stigmatisierung von geschiedenen Frauen in Europa und Amerika. Scheidungsstigma, Umgang mit Stigmata und Goffmans Stigma-Theorie


Hausarbeit, 2016

14 Seiten, Note: 5.5


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Untersuchungsgegenstand und Quellen
2.2 Forschungsstand
2.3 Stigmatisierung von Scheidung bezüglich Frauen
2.3.1 Gesetzliche Lage
2.3.2 Soziale Normen
2.3.3 Stigma
2.3.4 Stigma-management

3. Schluss

4. Literatur
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Stigmatisierung von geschiedenen Frauen in Europa und Amerika. Die Leitfragen der Arbeit sind, wie sich die Stigmata seit Anfang des 20. Jahrhunderts verändert haben, welche möglichen Gründe dafür bestehen und wie das Stigma-management für geschiedene Frauen aussieht. Dabei orientiere ich mich an Goffmans Stigma-Theorie (1963). Meine These lautet, dass die Scheidungsstigmata mit den vorherrschenden sozialen Normen und den Gesetzen zusammenhängen. Durch Normen wird bestimmt, was als normal betrachtet wird. Anormales wird stigmatisiert. Zudem setzt ein sich änderndes Gesetz eine sich ändernde Norm voraus.

Vor dem 20. Jahrhundert war Scheidung ein Tabuthema. Im 20. Jahrhundert hat eine Wende stattgefunden, welche sich bis ins 21. Jahrhundert hinzieht, wie heutzutage erkennbar ist. In dieser Wende lockerten sich die Scheidungsgesetze und der Einfluss der Religion auf die sozialen Normen schmälerte sich, wodurch die Scheidung enttabuisiert wurde. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren Ehe und Familie das Grundgerüst der Gesellschaft. Die Familienstruktur war patriarchalisch, Frauen hatten wenige Rechte. Ihre Aufgabe galt dem Schutz der Familie und deshalb wurden sie im Scheidungsfall oft verantwortlich gemacht und beschuldigt. Geschiedene Frauen galten als flatterhaft und egoistisch. Zudem wurde die Scheidung als Anzeichen für moralischen Zerfall und den Niedergang der zivilisierten Gesellschaft betrachtet, wodurch geschiedene Frauen unmoralische Zerstörer der Gesellschaft waren. Mit der zunehmenden Akzeptanz des Individualismus, der Emanzipation der Frauen und den sich ändernden moralischen Vorstellungen nahm die Stigmatisierung von Geschiedenen ab. Doch, wie Studien zeigen, gibt es auch im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert noch Scheidungsstigmata. Untersucht werden soll, ob geschiedene Frauen stigmatisiert werden, welche Stigmata mit einer Scheidung verbunden waren und sind, wie sich diese Stigmata verändert haben und schlussendlich welche Möglichkeiten zum Stigma-management bestehen und angewendet werden. Die Grundlagentheorie liefert Erving Goffman in seiner Arbeit über Stigmata aus dem Jahr 1963.

Es wurden verschiedene literarische Werke und Studien vor dem Hintergrund Erving Goffmans Stigma-Theorie ausgewertet. Dabei wurde geprüft, ob die Theorie mit Aussagen von Geschiedenen in Einklang gebracht werden kann. Zudem soll die Theorie Goffmans Grundlage für die Verwendung des Stigmabegriffs sein und Primärwissen über die Entstehung eines Stigmas und den Umgang damit vermitteln. Dazu wurden als Erstes die ersten zwei Kapitel von Goffmans Arbeit „Stigma. Notes on the Management of Spoiled Identity“ (1963) gelesen. Anschliessend wurden Studien und Texte zur Stigma-Thematik im 20. und 21. Jahrhundert auf tatsächlich erlebte Stigmatisierungen und auf das Stigma-management hin untersucht. Schlussendlich wurde Goffmans Theorie auf diese Erfahrungen angewendet. Neben soziologischen Quellen werden sowohl historische, wie auch juristische Texte verwendet. Diese sind nötig, um über den Kontext und die Gegebenheiten seit Anfang des 20. Jahrhunderts zu erfahren, denn diese sind zwingend für die Beantwortung der für die Arbeit relevanten Fragen.

2. Hauptteil

2.1 Untersuchungsgegenstand und Quellen

Es werden Studien von verschiedenen Wissenschaftlern als Quelle für Informationen über die sozialen Normen, gesellschaftlichen Gegebenheiten und über die Stigmatisierung von Scheidung verwendet. Als Untersuchungsgegenstand fungieren geschiedene Frauen aus dem 20. und 21. Jahrhundert. Die zeitliche Beschränkung wurde bewusst gewählt, da in dieser Zeit ein grosser Umbruch in der Gesellschaft stattfand und sich viele traditionelle Moralgesetze und Normen geändert haben. Der Wandel im Scheidungsrecht und von Scheidungsstigmata ging mit diesem allgemeinen gesellschaftlichen Wandel einher, woraus sich Parallelen erschliessen lassen.

Die Arbeit beschränkt sich auf Frauen, da diese am Anfang des 20. Jahrhunderts stärker stigmatisiert wurden als Männer. Zudem haben sich soziale Normen und rechtliche Grundsätze für Frauen stärker verändert als für Männer, woraus auf einen grösseren Wandel zu schliessen ist. Manche Stigmata gelten jedoch für Frauen wie auch für Männer, was in dieser Arbeit nicht spezifisch gekennzeichnet wurde. Diese kamen aber erst zwischen Mitte und spätem 20. Jahrhundert auf. Zu dieser Zeit hatte sich das Frauenbild schon erheblich gewandelt und Frauen strebten stark zur Gleichberechtigung mit Männern, wodurch die sozialen Normen für Frauen und Männer sich nicht mehr so stark unterschieden wie 50 Jahre zuvor.

2.2 Forschungsstand

In dieser Arbeit soll der Umgang mit Stigmatisierung anhand Erving Goffmans Arbeit „Stigma“ behandelt werden. Es wird demnach eine Definition von Stigma verwendet, die in Goffmans Arbeit zu finden ist. Sie lautet: „The Greeks, who were apparently strong on visual aids, originated the term stigma to refer to bodily signs designed to expose something unusual and bad about the moral status of the signifier.“ (Goffman 1986: 1). Diese Definition kann ausgeweitet werden, dass nicht nur körperliche Anomalitäten Stigmata sind. Allgemein wird der Stigmabegriff für von der Norm abweichende Personen verwendet. Goffman erklärt die Entstehung eines Stigmas als „discrepancy between virtual and actual social identity“ (Goffmann 1986: 3). Die virtuelle Identität wird im vornherein durch gewisse Erwartungen gebildet. Diese entstehen, laut Goffman, dadurch, dass Personen kategorisiert und einem sozialen Umfeld zugeordnet werden. Das ist nötig, um soziales Handeln routiniert und ohne gezielte Aufmerksamkeit zu vollziehen (vgl. Goffman 1986: 2). Die soziale Identität besteht aus dem beobachtbaren Charakter und seinen Attributen. Wenn diese zwei Identitäten sich unterscheiden, wird die Person diskreditiert und ist somit stigmatisiert. Goffman nennt Personen, die nicht stark von den Erwartungen abweichen, die Normalen. Bei den Stigmatisierten gibt es die Unterscheidung des Diskreditierten, bei welchem das Stigma schon bekannt ist, und dem, der diskreditiert werden könnte, wenn das Stigma bekannt würde. Um das Stigma nicht bekannt werden zu lassen, kann sich die betroffene Person einigen Taktiken bedienen, welche im Kapitel 2.4.3 erläutert werden.

Die virtuelle und die soziale Identität existieren nicht nur für Normale. Auch Stigmatisierte übernehmen dieses Muster. Sie sind sich meistens bewusst, was ihre virtuelle Identität wäre und was ihre soziale Identität ist. Demnach lernen stigmatisierte Personen den Standpunkt der Normalen kennen und übernehmen ihn auch teilweise für ihr eigenes Denken (vgl. Goffman 1986: 32) .Sie führen dann oft kleine Fehler auf ihr Stigma zurück oder glauben, dass das Umfeld dies tut. Doch es gibt auch solche, die sich ihren diskrepanten Identitäten nicht bewusst sind und sich trotz Diskreditierung als normal betrachten (vgl. Goffman 1986: 6).

2.3 Stigmatisierung von Scheidung bezüglich Frauen

2.3.1 Gesetzliche Lage

Noch im 20. Jahrhundert war die Scheidung nicht in ganz Europa legal. Irland führte erst 1997 das Scheidungsrecht ein, mehr als 20 Jahre nach den meisten europäischen Ländern (vgl. Burly, Regan 2002: 202). Doch auch in Staaten mit einem Scheidungsrecht bedurfte es einer Entwicklung, bis Geschiedene zum Gesellschaftsbild gehörten, wie es im 21. Jahrhundert der Fall ist. Ein Grund für niedrige Scheidungsraten war, dass Frauen in gewissen Staaten, wie zum Beispiel in Irland, nicht arbeiten durften, was sie finanziell von ihren Männern abhängig machte. Die Scheidung hätte daher ihren finanziellen Ruin bedeutet. Frauen hatten auch weniger Rechte und wurden weniger vom Staat geschützt und unterstützt als es heutzutage in Westeuropa üblich ist. Trotz dem gesetzlichen Verbot auf Scheidung wurde es geduldet, dass Paare getrennt lebten.

Das Verbot der Scheidung war vor allem religiös begründet, denn der kirchliche Klerus versuchte die Bibel so auszulegen, dass die Scheidung als glaubenswidrig und teuflisch galt. Lange hatte die Religion noch grossen Einfluss auf die Gesetze und beeinflusste natürlich auch die Einstellung des Volkes, das sich vehement gegen die Einführung eines Scheidungsrechtes wehrte.

Mit der Zeit änderte sich diese Einstellung. 1970 wurden in Kalifornien die Scheidungsrechte überarbeitet, wodurch, laut Cherlin (1981: 49), die Scheidung einfacher wurde und die Stigmatisierung abnahm. Daher kann daraus geschlossen werden, dass Gesetze für die Scheidungsstigmata mitverantwortlich waren. Denn zu Beginn der legalen Scheidung konnte man sich nur aufgrund von Ehebruch oder häuslicher Gewalt scheiden lassen, woraus auf grosse familiäre Probleme geschlossen werden konnte. Mit den sich ändernden Scheidungsrechten wurde die Scheidung auch aus weniger stigmatisierenden Gründen erlaubt.

2.3.2 Soziale Normen

Im frühen 20. Jh. war das Familienbild vor allem durch die Kirche sehr patriarchalisch geprägt. Die Frau musste zuhause zu den Kindern schauen und den Haushalt führen, der Mann arbeitete. Wie im Artikel „Divorce in Ireland: The Fear, the Floodgates and the Reality“ beschrieben wird, wurden Frauen, die nicht der sozial determinierten Rolle der Frau entsprachen, geächtet: "Women, too, were either faithful wives and mothers devoted only to the welfare of their families or 'predators' of happily married man." (Burly, Regan 2002: 210). Weibliche Auflehnung gegen den Mann war eine Schande. Die Frau musste sowohl das Fremdgehen des Gatten, wie auch seine Schläge still erdulden. Zur Zeit der Debatte über das Scheidungsrecht wurden Frauen, die durch die Scheidung häuslicher Gewalt entfliehen wollten, seitens der Scheidungsgegner als egoistisch bezeichnet, da sie ihr Leid auf eine andere Frau übertrugen. "It was also suggested by the 'No divorce' campaigners that wives who wished to escape from domestic violence should not do so because they were thereby inflicting men's violent behaviour on a second wife!" (Burly, Regan 2002: 210).

Die Familie war das Grundgerüst der Gesellschaft und es war keine Familie möglich ohne Ehe. (vgl. Cherlin 2009: 229) Es galt die Einstellung, dass die Frau für das Wohl der Familie verantwortlich war. Ihre Aufgabe war, die Familie zusammenzuhalten und zu schützen. (vgl. O’Neill 1965: 208). Deshalb wurden auch mehrheitlich Frauen geächtet und angegriffen, wenn die Ehe zu Bruch ging.

Nicht nur aufgrund des Frauenbildes fand oft Stigmatisierung statt, sondern auch weil die Scheidung als selbstsüchtig betrachtet wurde, denn das individuelle Leid war weniger wichtig als das allgemeine (vgl. O’Neill 1965: 209) und es gab die Meinung, dass die Scheidung der Gesellschaft schadete. Die Scheidung galt als Teil einer Bewegung in Richtung Individualismus und dieser wurde als schlecht für das Gemeinwohl erachtet. Die Angst vor gesellschaftlichem und moralischem Zerfall wurde durch die Kirche und durch Scheidungsgegner geschürt. Wie im Artikel von Andrew Cherlin (2009) zitiert wird, wurde teilweise die Meinung vertreten, dass die Ehe per Gesetzt geschützt werden müsste, da sie die Grundpfeiler der gesellschaftlichen Moral darstelle. Die Scheidung war demnach ein Anzeichen für die Demoralisierung der Gesellschaft. Doch es gab sogar noch radikalere Ansichten. Es wurde mit der Anarchie verglichen, um die Zerstörung der Gesellschaft durch die Scheidung zu betonen (vgl. O’Neill 1965: 207) und es gab Kritiker, welche die Scheidung als Bedrohung für die Menschheit erachteten. (vgl. O’Neill 1965: 208).

Mit der Entwicklung der Gesellschaft und deren Normen wurde der Individualismus immer positiver betrachtet und das Recht eines Einzelnen auf seine Freiheit immer wichtiger. Doch war die Scheidung von der wirtschaftlichen Lage der Gesellschaft und der Familie abhängig. Zudem wechselte die Einstellung zwischen den Alterskohorten gegenüber der Familie und der Scheidung aufgrund der historischen Gegebenheiten. Trotzdem kann man sagen, dass im Überblick die Scheidungsraten zunahmen. Neben dem Individualismus waren auch die Emanzipation der Frauen und die Auflösung der traditionellen Familienkonstellation Ursachen dafür. Die Frau begann neben ihren Haushaltspflichten zu arbeiten und es gab immer mehr so genannte Frauenberufe wie Krankenschwester oder Sekretärin. Carl N. Degler erachtete die wachsenden Arbeitsmöglichkeiten für Frauen als Voraussetzung für die steigende Scheidungsrate. (vgl. Cherlin 1981: 53). Es gab sogar Studien, welche eine positive Korrelation von Einkommen der Frau und Wahrscheinlichkeit zur Scheidung feststellten (vgl. Cherlin 1981: 54). Das kann auf die höhere wirtschaftliche Unabhängigkeit der arbeitenden Frau zurückgeführt werden (vgl. Cherlin 1981). Zudem ist Moral nicht mehr zwangsweise mit einer Ehe verbunden. Uneheliche Kinder, wechselnde Partner und Patchwork Familien sind einige Beispiele für die sich verändernde Familienpolitik.

2.3.3 Stigma

Die Aussagen von Frauen aus verschiedenen Studien werden nun zitiert. Sie enthalten Informationen über die Arten der Stigmata, welchen sie ausgesetzt wurden und wie sie damit umgingen.

"The Review's female panelists charged woman with responsibility for the divorce rate, and accused them of being spoiled, romantic, impatient, jealous of men and usurpers of the male's time-honored functions." (O’Neill 1965: 208).

Anhand dieser Aussage wird das Bild von Geschiedenen im frühen 20. Jh. aufgezeigt. Vor allem Frauen waren Schuld an der Scheidung, da ihre Rolle allerhand negative Charakterzüge beinhaltete. Das Frauenbild war sehr von der Bibel geprägt, die Frau galt als von Grund auf sündhaft und somit war es naheliegend, ihr die Rolle der Scheidungsverursacherin aufzuerlegen. Folglich wurden geschiedene Frauen als Zerstörerinnen der Familie stigmatisiert. Man gab ihnen die Schuld an der Scheidung und, da die Gesellschaft auf der Ehe basierte, wie man aus dem Artikel von Cherlin (2009) entnehmen kann, auch die Schuld am Untergang der Moral und der Gesellschaft. Zudem waren Frauen in Staaten, in denen die Scheidung noch illegal war, Gesetzesbrecherinnen und wurden dadurch ähnlich stigmatisiert wie Verbrecher. Doch auch als die Scheidung legal wurde, gab es noch viele Frauen, die nicht arbeiteten und zuhause ihrer Mutterrolle nachgingen. Wenn sie sich scheiden liessen, waren sie auf die Unterstützung vom Staat angewiesen, was zu einem weiteren Stigma führte. Sie galten als Belastung für den Staat und die Gesellschaft und wurden daher geächtet.

„ ‚some people will just feel that it's the woman's fault.‘ (N010 female)“ (Gerstel 1987: 176).

Doch auch 20 Jahre später, als sich das Frauenbild schon ein wenig geändert hat, Frauen mehr Rechte erhielten und sich vom patriarchalischen Familienbild lösten, wurde teilweise immer noch der Frau die Schuld an der Scheidung gegeben. Einige Frauen hatten sogar das Gefühl, als instabil und unsicher zu gelten, wie aus der Umfrage von Naomi Gerstel (1987: 179) ersichtlich wurde. Sie hat zudem herausgefunden, dass Geschiedene oft aus dem persönlichen Netzwerk ausgeschlossen werden. Freunde und Bekannte meiden den Kontakt. Einige Personen aus der Studie haben gesagt, dass sie nicht mehr eingeladen wurden, da es früher Treffen unter Paaren waren und sie nun, als Geschiedene, nicht mehr zu dieser Gruppe gehörten. Die Scheidung degradiert die Geschiedenen in der Welt der Verheirateten und führt zu Ausgrenzung. Zudem sehen Verheiratete die Geschiedenen teilweise als Konkurrenten und brechen deshalb den Kontakt ab (vgl. Gerstel 1987). Es gab auch Aussagen, dass bei der Scheidung die Freunde eine Seite wählen mussten. Gemeinsame Freunde des Paares mussten Stellung beziehen für einen Partner und sich vom anderen abwenden. Dadurch wurde jeweils ein Partner stigmatisiert, da ihm die Schuld gegeben wurde an der Scheidung und sein Verhalten kritisiert wurde, wie Frau Gerstel in ihrem Artikel beschrieb:

"But this pattern of splitting also indicates ways the divorced individual comes to experience social devaluation. In the splitting of friends, we discover processes that provoke others to at least act as if they blame one party to a divorce." (Gerstel 1987: 176).

Nebst den Studien, welche klar zeigen, dass die Scheidung auch heutzutage noch zur Stigmatisierung führt, gibt es auch solche, welche die Scheidung als nicht-stigmatisierend bewerten. Andrew J. Cherlin schreibt in seinem Buch „a divorce is no longer seen as a mark of failure or disgrace.“ (Cherlin 1981: 46) und 2008 zeigt eine Studie, dass die Scheidung nur noch zu wenig stigmatisierend wirkt (vgl. Cherlin et al. 2008: 929 f.). In einer Studie stimmten zwei Drittel der Stichprobe der Aussage zu, dass es den meisten Leuten egal ist, ob jemand geschieden ist. Nur ein Viertel der Stichprobe sagte, dass eine Scheidung beschämend sei. (vgl. Cherlin et al. 2008: 928).

2.3.4 Stigma-management

Im direkten sozialen Kontakt werden Stigmatisierte und Normale beidseitig mit dem Stigma konfrontiert. (vgl. Goffman 1986: 13). Dabei kann das Stigma akzeptiert werden oder nicht. Wenn es nicht akzeptiert wird bedeutet das, dass die stigmatisierte Person ausgegrenzt wird, denn sie entspricht nicht der Norm. Doch es gibt auch solche, die die Stigmatisierten wie Normale zu behandeln versuchen. Diese nennt Goffman „sympathetic others“ (Goffman 1986: 20). Das Risiko für diese wohlwollenden Anderen ist, dass sie im Umgang mit den Stigmatisierten selbst stigmatisiert werden. Das Stigma wird von der Gruppe um den Stigmatisierten teilweise mitgetragen. Es gibt nun verschiedene Möglichkeiten bezüglich des Stigma-managements seitens des Stigmatisierten gegenüber seinem Umfeld.

In der Konfrontation mit dem Stigma haben Stigmatisierte Taktiken entwickelt, um damit umzugehen. Einige sollten hier genannt werden. Als erstes möchte ich diese nennen, welche versuchen, das Stigma rückgängig zu machen, wie zum Beispiel mit einer Operation. Das ist aber nicht allen möglich, denn es gibt Stigmen, die nicht zu ändern sind. Stigmatisierte mit einem unumkehrbaren Stigma haben folgende Möglichkeiten. Sie können sich zurückziehen und von der Umwelt abschotten. Goffman beschreibt, was die Folge davon sein kann: „the self-isolate can become suspicious, depressed, hostile, anxious, and bewildered.“ (Goffman 1986: 13). Das „defensive cowering“ (Goffman 1986: 17) kann zur Isolation führen. Die stigmatisierte Person glaubt, dass alle vom Stigma wissen und sie meiden und das führt zu oben genannten Verdächtigungen und zur tatsächlichen Meidung der Person. Stigmatisierte, die sich nicht vom sozialen Umgang zurückziehen, probieren hingegen selbstbewusst zu sein und ihre Wirkung auf das Umfeld zu lenken (vgl. Goffman 1986: 14). Weiter ist es möglich, dass Personen alle Fehler und negativen Ereignisse wie eine Kündigung auf ihr Stigma zurückführen. Wiederum gibt es solche, die ihr Stigma leugnen oder deren Familie sie vom Umfeld, welches ihnen sagen könnte, dass sie stigmatisiert sind, fernzuhalten versucht. Diese Taktik nennt Goffman „information control“ (Goffman 1986: 33). Ein Grund dafür ist sicher der Schutz vor Erniedrigung der stigmatisierten Person. Doch auch das Umfeld leidet unter einem Stigma und die Personen mit enger Beziehung zu einer stigmatisierten Person müssen einen Teil der Diskreditierung mittragen (vgl. Goffman 1986: 30).

Um mit dem Stigma umgehen zu können, gibt es Selbsthilfegruppen, in welchen sich Personen mit dem gleichen Stigma treffen und sich austauschen. Es kann helfen zu hören, dass es andere mit dem gleichen Stigma gibt und dass diese ganz normal scheinen. Zudem können untereinander Taktiken zum Stigma-management ausgetauscht werden. Doch es ist auch möglich, dass sich nach einiger Zeit Langeweile einstellt (vgl. Goffman 1986: 21), weil immer über das gleiche Thema gesprochen wird und so keine Distanz zum Stigma aufgebaut werden kann. Es gibt wiederum aber auch Personen, welche gerne öffentlich über ihr Stigma sprechen. Sie fungieren als Vertreter ihres Stigmas und erzählen vor Publikum, wie es ist stigmatisiert zu sein und gelten unter Bewunderern als lebender Beweis, dass Stigmatisierte auch ganz normale Menschen sind. Vor allem im postmodernen, individualisierten Zeitalter sind solche Auftritte sehr populär und die „speaker“, wie Goffman sie nennt, können hohe Zuschauerzahlen verbuchen.

Wichtig beim Stigma-management ist, ob die stigmatisierte und die normale Person einander kennen oder nicht. Goffman hat zur Erklärung dieses Problems eine weitere Identität eingeführt, die „personal identity“. Sie wird gebildet aus den einmaligen und unverwechselbaren Eigenschaften, die eine Person ausmachen und sie erkennbar werden lassen. Für die personal identity kann ein Stigma wichtig, wenn nicht sogar grundlegend, sein, wie zum Beispiel ein lahmes Bein oder ein Sprachfehler, an welchem die Person sofort erkannt werden kann. Gegenüber dem nächsten Umfeld, welches diese personal identity mit dem Stigma kennt, muss ein anderes Stigma-management betrieben werden als bei einem Umfeld, welches eine personal identity ohne Stigma erstellt hat. Denn beim zweitgenannten Umfeld wird die Identität zerstört, sobald das Stigma bekannt würde. Die personal identity ist aber auch mit ein Grund, warum die Scheidungsstigmata nur in nächstem Umfeld auftreten. Die Ehe wird durch die Symbolik des Eheringes dem Gegenüber vermittelt. Ein fehlender Ehering spricht für eine nicht vorhandene Ehe. Es ist aber nicht klar, ob es jemals eine Ehe gab, wenn keine personal identity über diese Person besteht.

Wenn es jedoch eine personal identity gibt, kann es sein, dass die Scheidung zu deren Schutz geheim gehalten werden muss. Eine Frau aus Naomi Gerstels Studie hat genau das als Möglichkeit für ihr eigenes Stigma-management angegeben. Sie sagte, dass sie es auch einfach ein wenig für sich behalten könnte (vgl. Gerstel 1987: 177). Das ist auch eine Art „information control“, nämlich wird die frühere personal identity erhalten und keine Information über die neue Lage gegeben. Es entsteht eine Scheinwelt. Eine weitere Möglichkeit des Stigma-managements für Geschiedene wäre, kontrolliert das Umfeld über die Scheidung zu informieren, um die Meinung des Umfelds über die eigene Rolle in der Scheidung zu beeinflussen und die Stigmatisierung abzuwenden. Die Scheidung wird von der informierenden Person so dargestellt, dass der andere Ehepartner die Schuld trägt und nur diese Person stigmatisiert wird. Das führt zur genannten Situation, in der die Freunde der Partner geteilt werden und diese Stellung beziehen müssen. Ähnlich dazu ist das von Goffman „defensive cowering“ bezeichnete Isolieren und Zurückziehen aus der Gesellschaft. Das vorgängig genannte Meiden geschiedener Personen seitens verheirateter Paare kann diesen Vorgang verstärken. Durch den Verlust von Freunden und möglicherweise auch Familie wird die geschiedene Person aus dem bekannten Umfeld ausgestossen. Anfangs des 20. Jahrhunderts war das noch öfter der Fall als im 21. Jahrhundert und zwar aus dem Grund, dass die Scheidung nicht mehr so stark stigmatisierend wirkt wie damals und somit das Umfeld auch nicht mehr so stigmatisiert wird. Unabhängig davon, ob die geschiedene Person ausgeschlossen wird oder nicht, es besteht immer die Chance, dass sie sich einer Selbsthilfegruppe anschliesst. Personen aus der Studie von Naomi Gerstel haben gesagt, dass es ihnen gut tut zu hören, dass Andere dasselbe erlebt haben wie sie und sich über ihre Erfahrungen auszutauschen. Zudem würden sie sich besser fühlen, weniger ausgeschlossen und nicht so schuldig. (vgl. Gerstel 1987: 180 f.). Dadurch, dass Geschiedene mit Menschen, welche das gleiche erlebt haben, über ihre Erfahrungen sprechen können, entsteht ein neues soziales Umfeld für sie. Diese Personen werden nicht mehr als anormal gesehen, sondern befinden sich in einem geschützten Raum mit Menschen, die ihren Umstand teilen und akzeptieren. Doch wie auch Goffman schon schrieb und die Befragten aus Naomi Gerstels (1987) Studie bestätigen, kann es langweilig werden, ständig über die Erlebnisse zu sprechen. Ab einem gewissen Zeitpunkt werden die positiven Eigenschaften des Austauschs durch negative ersetzt. Durch die andauernde Thematisierung der Erlebnisse besteht die Möglichkeit, dass die geschiedene Person nicht mit diesem Lebensabschnitt abschliessen kann und sich fortdauernd damit identifiziert.

Eine weitere Taktik besteht darin, dass Geschiedene sich wieder verheiraten, wodurch das Stigma versteckt oder sogar teilweise rückgängig gemacht wird Diese Form des Stigma-managements ist nur möglich, weil die Scheidung kein permanentes Stigma ist. Der Ring symbolisiert die Ehe und für ein Umfeld ohne Vorwissen über die Person ist nicht klar, ob die Person jemals geschieden war. Die zweite Heirat war lange nicht in allen westlichen Staaten möglich, ob juristisch oder aus normativ-moralischen Gründen. Im 21. Jahrhundert wird eher aus gewöhnlichen Motiven der Eheschliessung und weniger aus Gründen des Stigma-managements wieder geheiratet. Im postmodernen Zeitalter gibt es aber auch vermehrt „speaker“, welche die Vorzüge des Single-Lebens preisen. In Zeitschriften und Magazinen gibt es alleinerziehende Mütter, welche sich vertretend für alle alleinerziehenden Mütter präsentieren und immer öfter für ihre Arbeit und ihren Einsatz bewundert werden. Diese gehören zur Gruppe der Personen, die sich selbstbewusst präsentieren und zur Verminderung der Stigmatisierung beitragen.

3. Schluss

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich seit 1900 bezüglich Scheidungsstigmata viel geändert hat. Die Scheidung ist weniger verpönt, geschiedene Frauen sind gesellschaftlich mehr oder weniger akzeptiert und werden nicht mehr so stark stigmatisiert, wie es früher der Fall war. Trotzdem bestehen immer noch Scheidungsstigmata. Geschiedene Frauen glauben, als instabil zu gelten und werden von verheirateten Paaren ausgeschlossen. Seitens der Befragten wurde vermutet, dass Geschiedene als Konkurrenten wahrgenommen werden. Als wichtiges Stigma-management Geschiedener kann die „information control“ (Goffman 1986: 33) genannt werden, bei welcher Informationen bewusst kontrolliert werden, um das Stigma abzuwenden. Zudem gibt es das „defensive cowering“ (Goffman 1986: 17), wobei sich die Person isoliert. Doch auch das selbstbewusste Auftreten trotz Scheidung ist zu beobachten. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, sich für den Austausch und zum Selbstschutz mit ebenfalls Geschiedenen zu umgeben. Dies wird jedoch oft nur eine gewisse Zeit verübt. Schlussendlich kann sich die geschiedene Person auch wieder verheiraten, um nicht stigmatisiert zu werden. Es ist wichtig anzumerken, dass das Gefühl, stigmatisiert zu werden, zu anormalem Verhalten führen kann, wodurch womöglich eine tatsächliche Stigmatisierung stattfindet. Zudem trifft ein Stigma nicht nur die betroffene Person, sondern es muss von ihrem Umfeld mitgetragen werden, was zu weiteren Stigmata führen kann.

Aus der Arbeit wird ersichtlich, dass Veränderungen der Scheidungsstigmata mit Veränderungen der Norm, der Moral und der Gesetze einhergehen. Es kann also eine Korrelation zwischen diesen Variablen bestätigt werden. Demzufolge trifft meine anfangs gestellte These zu. Ausblickend wäre es interessant zu untersuchen, wie sich das Stigma der Eltern auf die Kinder überträgt und wie sie Stigma-management betreiben. Zudem könnte man amerikanisch-europäische Scheidungsstigmata mit anderen Kulturen, wie zum Beispiel Asien, vergleichen. Es wäre spannend zu sehen, wie sich westliche Scheidungsstigmas von solchen aus Ländern mit nicht-christlichem Hintergrund unterscheiden und ob das Stigma-management ähnlich ist. Da sich die westlichen und die östlichen Kulturen stark unterscheiden und andere Glaubensrichtungen vorzufinden sind, könnte der Einfluss der Religion auf die Moral und die Scheidungsstigmata untersucht werden. Daraus folgend könnten vielleicht auch neue Erkenntnisse bezüglich der Ursache von Scheidungsstigmata erhalten werden.

4. Literatur

4.1 Primärliteratur

Goffman, Erving (1963): Stigma. Notes on the Management of Spoiled Identity, Kap. 1: „Stigma and Social Identity. “; Kap. 2: „Information Control and Personal Identity“, 1-103

4.2 Sekundärliteratur

Burley, Jenny; Francis, Regan (2002): Divorce in Ireland: The Fear, the Floodgates and the Reality, in: International Journal of Law, Policy and the Family, 16, 2, 202-222

Cherlin, Andrew J. (1981): Marriage, Divorce, Remarriage, Cambridge, Massachusetts and London, England, Harvard University Press

Cherlin, Andrew, et al. (2008): Promises They Can Keep: Low-Income Women's Attitudes toward Motherhood, Marriage, and Divorce, in: Journal of Marriage and Family, 70, 4, 919-933

Cherlin, Andrew (2009): The Origins of the Ambivalent Acceptance of Divorce, in: Journal of Marriage and Family, 71, 2, 226-229

Gerstel, Naomi (1987): Divorce and Stigma, in: Social Problems, 34, 2, 172-186

O’Neill, William L. (1965): Divorce in the Progressive Era, in: American Quarterly, 17, 2, 203-217

Phillips, Roderick (1993): Divorced, beheaded, died, in: History today, 43,7, 9-12

Wolfinger, Nicholas H. (1999): Trends in the Intergenerational Transmission of Divorce, in: Demography, 36, 3, 415-420

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Stigmatisierung von geschiedenen Frauen in Europa und Amerika. Scheidungsstigma, Umgang mit Stigmata und Goffmans Stigma-Theorie
Hochschule
Universität Luzern  (Kultur- und sozialwissenschaftliche Fakultät)
Note
5.5
Autor
Jahr
2016
Seiten
14
Katalognummer
V377315
ISBN (eBook)
9783668555709
ISBN (Buch)
9783668555716
Dateigröße
1032 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goffmann, Stigma, Scheidung, Frauen
Arbeit zitieren
Lisa Kwasny (Autor), 2016, Stigmatisierung von geschiedenen Frauen in Europa und Amerika. Scheidungsstigma, Umgang mit Stigmata und Goffmans Stigma-Theorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377315

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Stigmatisierung von geschiedenen Frauen in Europa und Amerika. Scheidungsstigma, Umgang mit Stigmata und Goffmans Stigma-Theorie



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden