Zur Entwicklung der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft in den 1950er Jahren am Beispiel "Die Sünderin"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
16 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Der filmgeschichtliche Hintergrund

Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft

Das Vorbild der FSK: Der Production Code aus den USA

Die Besonderheiten des Films DIE SÜNDERIN

Die Folgen und Auswirkungen auf den Werdegang der FSK

Die Resonanz des Skandals und ihre Wirkung auf die Gesellschaft

Fazit

Literaturverzeichnis

Filmografie

Einleitung

Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit der Entwicklung der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft in den 1950ern. Hauptsächlich wird die Stellung des Films und des Kinos in Anbetracht des Zeitgeistes analysiert und der Einfluss des gesellschaftlichen Wandels auf die Bevölkerung erarbeitet. Um dies effektiv zu gliedern, werden die zeitgenössischen Einflüsse in moralische, kulturelle, religiöse und politische Werte und Hintergründe kategorisiert. Im Folgenden wird sich zunächst mit den historischen Hintergründen und der Motive der Gründung einer Zensurinstanz beschäftigt. Anschließend wird ausführlich die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft1 und ihre Entwicklung bis zur Veröffentlichung des Filmes DIE SÜNDERIN2 erläutert.

DIE SÜNDERIN ist der meist diskutierte und bekannteste Skandalfilm Deutschlands und hatte einen direkten Einfluss auf die weitere Entwicklung der FSK und brachte eine Welle von gesellschaftlichen Umbrüchen mit sich. Nach einer abschließenden Analyse, wie Willi Forst für einen Aufruhr und für eine Veränderung innerhalb der Gesellschaft gesorgt hat, wird diese Arbeit mit einem Fazit beendet.

Der filmgeschichtliche Hintergrund

Nach dem Zweiten Weltkrieg startete die Filmproduktion in Deutschland erstmals in den Städten Hamburg, West-Berlin, Göttingen und München. Diese wurde von den Westmächten unterstützt. Trotz dieser Unterstützung ging die Zahl der gedrehten Spielfilme nach 1945 erheblich zurück. Von 1946 bis 1952 wurden nur 226 neue deutsche Filme in der westlichen Besatzungszone beziehungsweise der Bundesrepublik Deutschland zur Vorführung bereitgestellt. 19 waren aus der sowjetische Besatzungszone beziehungsweise der Deutschen Demokratischen Republik. Es wurden auch 570 alte deutsche Filme gezeigt, die keine Propagandaelemente aufwiesen. Außerdem wurde eine hohe Anzahl an Filmen nach Deutschland importiert. Davon stammten 178 aus England, 214 aus Frankreich und 641 Filme aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Dies zeigt, dass die einmalige Chance eines erweiterten Filmexports von den westlichen Alliierten effektiv genutzt wurde. Sie wurde in der Zeit des allgemeinen Baubooms in der Bundesrepublik Deutschland verstärkt.3

Mit dem Bau von riesigen Filmpalästen in mehreren westdeutschen Städten exportierten die westlichen Filmindustrien eine noch größere Zahl an Filmen nach Deutschland. Gigantische Filmpaläste eröffneten einen Markt zum großen Publikum. Vor allem mit der Einführung vom Farbfilm und dem Breitwandverfahren stieg die Zahl des Publikums. Diese wurde mit dem Erwerb des Fernsehers minimiert. Die westdeutsche Filmproduktion boomte bis zu ihrem Höhepunkt im Jahre 1955 mit 128 neuen Spielfilmen. Sieben Jahre später wurden nur noch halb so viele Spielfilme vertrieben.4

Die offene Verbreitung durch ein neues Lizenzsystem ermöglichte die westlichen Filme in der Bundesrepublik Deutschland zu verkaufen. Die Nachfrage an Filmen mit einem Happy End stieg rapide an, denn die Kinobesucher wünschten sich die Vergangenheit und den Krieg zu vergessen. Sehr beliebt waren zu der Zeit die Heimatfilme mit ihrer Naturbezogenheit. Dazu kamen die Liebesfilme, die meist mit Idealen geschmückt waren, wie Ehen, die über jedes Unheil siegen und kaum Konflikte und materielle Auseinandersetzungen haben. Es werden hauptsächlich noble Menschen illustriert und es scheint, als würde ihnen nichts Negatives zugemutet werden können. Diese müssen sich gewissen Normen der bürgerlichen Gesellschaft unterwerfen. Einige von ihnen brechen zeitweise aus diesen Strukturen heraus. So kommen sie jedoch in tragische gesellschaftliche Konflikte hinein.5

Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft

Die Macht des Films, ihre starke Wirkung auf das Handeln der Menschen und ihr Beitrag zur gesellschaftspolitischen Entwicklung bilden den Hintergrund der Filmfreiheit Art. 5 Abs. 1 Satz 2 Grundgesetz. Das Festhalten an politischen, religiösen und moralischen Ideologien leitete dazu, dass die Filmzensur in Deutschland institutionalisiert wurde.6

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland sieht nicht staatliche Regelungen zur
Kontrolle von nationalen und internationalen Filmen vor, die im Rahmen der Rede- und Meinungsfreiheit in Wort, Schrift und Bild legitim sind und das Ziel verfolgen, einen Missbrauch der Produktionsfreiheit und einem Schaden an der Allgemeinheit zu verhindern.7

Kurz nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurde am 18. Juli 1949 die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft errichtet.8

Die Hauptaufgabe der FSK besteht darin, nicht erwünschte, moralische, religiöse und politische Einflüsse auf die Bevölkerung zu verhindern und sieht sich in der Rolle der kulturellen Erziehung auf dem medialen Gebiet.9

Der FSK wurden die Aufgaben der alliierten Filmzensur übertragen und eine Liste von bisher verbotenen Filmen gegeben, die wiederholt überprüft werden durften, ob sie noch immer als problematisch galten. War dem nicht so, so durften die Mitarbeiter der FSK bei den Besatzungsmächten einen Löschungsantrag des Films aus der Liste der verbotenen Filme stellen. Diese bis 1955 andauernde Gebundenheit der FSK an die Besatzungsmächte hielt deswegen so lange an, weil die Alliierten sich mit Hilfe des Besatzungsstatuts bestimmte Gesetze selbst zugesprochen hatten.10

Die Maßnahmen sind in mehrere Aspekte unterteilt, welche auf verschiedenen Gebieten ein verstörendes Empfinden hindern sollen. Die Richtlinien reichen von religiösen Punkten bis hin zu nationalistischen und politischen Themen.11 Das Bestreben lag in der Erarbeitung auf den Grundrechten basierender Grundsätze, welche auch in der Filmwirtschaft zu schützen galten.

Der große Markt und der starke Einfluss von Kino, Plakaten und Film benötigten freilich gebotene Regelungen um der Freiheit willen. Jedoch warfen die Gegner der FSK in der Prüftätigkeit eine Widrigkeit gegen den Artikel 5 im Grundgesetz („Eine Zensur findet nicht statt.“)12 der FSK vor. Diese Diskussionen dauerten nicht allzu lange an, da die Vgl. Jürgen Kniep, „Keine Jugendfreigabe!“. Filmzensur in Westdeutschland 1949 - 1990, Göttingen 2010, S. 84.

Rechtsprechung keine Bedenken hinsichtlich dieses Themas äußerte und das Kapitel endete spätestens mit dem Kommentar von Hermann von Mangoldt zum Grundgesetz, dass die Kontrolle der FSK letztendlich eine freiwillige sei.13

Die Selbstkontrolle wird über eine Filmpr ü fstelle rechtlich getragen, dessen Arbeitsschritte und -aufbau klar strukturiert und geregelt sind, auf die aber in dem Kontext dieser Hausarbeit nicht weiter eingegangen wird. Wichtig zu wissen ist an dieser Stelle, dass die Prüfung, Prüfentscheidung, die bindende Wirkung der Entscheidungen und die Manuskriptbearbeitung fest verankerten und genormten Regelungen gebunden sind.14

An der Gründung der FSK waren hauptsächlich Horst von Hartlieb, der Manager des Verbandes der Filmverleiher, Curt Oertel, der Vertreter der Filmproduzenten im amerikanischen Besatzungsgebiet und der einstmalige Ufa -Produzent, Erich Pommer, der im Auftrag der amerikanischen Alliierten steht, die deutsche Filmindustrie neu zu formieren und wiederaufzubauen, integriert.15

Die Grundsatzkommission der FSK formuliert die Grundprinzipien. Wichtig bei der Entscheidung ist nicht die Handlung des Films oder die Inszenierung an sich, sondern ihre Wirkung auf das Publikum und ihre Aussage. Nach einem verwandten Prinzip funktionierte auch das Lichtspielgesetz der Weimarer Republik aus 1920, das im Deutschen Reichsgesetzblatt festgehalten wurde.16

Anfangs waren die Altersbeschränkungen der FSK folgende: bis 10, 10-16, ab 16. Nach 1957 änderten sie sich zu: ab 6, ab 12, ab 16, ab 18. Ab 1985 gab es auch die Deklaration ohne Altersbeschränkung.17

Als Vorbild nahm sich die FSK den Production Code der US-Amerikaner. Dieser und dessen Geschichte werden im nächsten Kapitel näher beschrieben.18

Das Vorbild der FSK: Der Production Code aus den USA

Um anstelle einer nationalen Filmzensur eine Selbstkontrolle der Filmwirtschaft zu bilden, vereinigten sich 1922 in den USA die mächtigsten Filmproduktionsfirmen, genannt Major Studios zu Motion Picture Producers and Distributors Association of America, kurz MPPDA, dem Vorreiter der Motion Picture Association of America (MPAA). Zur gleichen Zeit versuchte Will H. Hays erst mit einigen moralischen Leitsätzen, später 1930 mit einem ausführlich geschriebenem Production Code, Filme in ein Bewertungsraster einzuordnen und somit bestimmte Sitten, Werte und Normen zu schützen. Jedoch blieb dies erfolgslos, bis 1934 die Production Code Administration (PCA) gegründet wurde, die als eine Kontrollbehörde Filme prüft, ob sie den Richtlinien der Production Code entsprechen. Filme, die dem widersprachen oder erst gar nicht der PCA eingereicht worden waren, durften an den Kinos der MPPDA nicht vorgeführt werden.19

Im Film wurden Szenen mit Umarmungen, Küssen, Drogenkonsum, Ehebruch und Nacktdarstellungen verboten. Zusätzlich gab es für eine bestimmte Zeit eine Liste mit anstößigen und blasphemischen Wörtern, die ebenfalls im Film verboten waren und unter keinen Umständen ausgesprochen werden durften. Die Richtlinien waren dennoch flexibel, so wurden sie von Zeit zu Zeit umformuliert.20

Filme aus dem Ausland, die nicht unter den Richtlinien des Production Codes standen, wurden in den USA mit großer Empörung und als Skandal aufgenommen.21

Als der streng religiöse Leiter der PCA Joseph Breen in die Pension ging, trat an seine Stelle 1954 Geoffrey Shurlock, der ein liberaleres Weltbild hatte. So wurde die Freigabe der Filme toleranter erteilt und eines der bekanntesten Skandalfilme, BABY DOLL22 von Elia Kazan, wurde 1956 herausgegeben.23

[...]


1 Im Folgenden wird die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft mit FSK abgekürzt.

2 DIE SÜNDERIN; R: Willi Forst, BDR 1951.

3 Vgl. Jost Hermand, Kultur im Wiederaufbau. Die Bundesrepublik Deutschland 1945-1965. Mit 111 Abbildungen, München 1989, S. 339-352, hier: S. 339-340.

4 Vgl. Hermand, Kultur im Wiederaufbau, S. 340.

5 Vgl. Hermand, Kultur im Wiederaufbau, S. 340-341.

6 Vgl. Thomas Hoeren & Lena Meyer, Vorwort. In: Thomas Hoeren & Bernd Holznagel (Hrsg.), Verbotene Filme, Berlin 2007, S. 5-7, hier S. 5-6.

7 Vgl. Jürgen Kniep, „Keine Jugendfreigabe!“. Filmzensur in Westdeutschland 1949 - 1990, Göttingen 2010, S. 84.

8 Vgl. FSK -Statut, Fassung vom 1.3.1960. In: Wilfried von Bredow & Rolf Zurek, Film und Gesellschaft in Deutschland. Dokumente und Materialien, S. 308-316, hier S. 308. Und vgl. Julia Jacobs & Philipp Schepp, Triumpf des Willens. 1949 - heute: die BRD und ihre Vorbehalte. Die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK). In: Thomas Hoeren & Bernd Holznagel (Hrsg.), Verbotene Filme, Berlin 2007, S. 176-177, hier S. 176.

9 Vgl. FSK -Statut, Fassung vom 1.3.1960, S. 308.

10 Vgl. Jacobs & Schepp, Triumpf des Willens, S. 176.

11 Vgl. FSK -Statut, Fassung vom 1.3.1960, S. 308.

12 FSK -Statut, Fassung vom 1.3.1960, S. 308.

13 Vgl. Ernst Erich Strassl, Spitzenorganisation der Filmwirtschaft Wiesbaden: Geht es ohne die Freiwillige Selbstkontrolle, und wie frei ist die FSK? In: Walter Böckmann (Hrsg.), Film • Fernsehen • Striptease. Wahn und Wirklichkeit einer Moral. Frankfurt am Main 1964, S. 107-114, hier S. 108. Und vgl. Christopher Tripp, Natural Born Killers. Zensur des Films nach Deutschem Recht. Die Vereinbarung mit dem Grundgesetz. In: Thomas Hoeren & Lena Meyer (Hrsg.), Verbotene Filme, Berlin 2007, S. 312-316, hier S. 313-315.

14 Vgl. FSK -Statut, Fassung vom 1.3.1960, S. 309.

15 Vgl. Stefan Volk, Skandalfilme. Cineastische Aufreger gestern und heute, Marburg 2011, S. 87.

16 Vgl. Volk, Skandalfilme, S. 87-88.

17 Vgl. Volk, Skandalfilme, S. 86.

18 Vgl. Volk, Skandalfilme, S. 86-87. Und vgl. Tripp, Natural Born Killers, S. 315. Und vgl. Kniep, „Keine Jugendfreigabe!“, S. 85.

19 Vgl. Volk, Skandalfilme, S. 86-87.

20 Vgl. Volk, Skandalfilme, S. 87.

21 Vgl. Volk, Skandalfilme, S. 87.

22 BABY DOLL [dt. BABY DOLL - BEGEHRE NICHT DES ANDEREN WEIB]; R: Elia Kazan, USA 1956.

23 Vgl. Volk, Skandalfilme, S. 87.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Zur Entwicklung der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft in den 1950er Jahren am Beispiel "Die Sünderin"
Hochschule
Freie Universität Berlin
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V377327
ISBN (eBook)
9783668546608
ISBN (Buch)
9783668546615
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entwicklung, freiwilligen, selbstkontrolle, filmwirtschaft, jahren, fallbeispiel, sünderin, willi, forst
Arbeit zitieren
Esra Eres (Autor), 2017, Zur Entwicklung der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft in den 1950er Jahren am Beispiel "Die Sünderin", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377327

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