Darstellungsmodi und Inszenierung der Protagonisten in "Citizenfour" und "The Internet's Own Boy: The Story of Aaron Swartz"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
19 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Gegenstand

2. Der Dokumentarfilm und seine Klassifizierung
2.1. Investigativer Dokumentarfilm
2.2. Doku-Porträt

3. Analyse
3.1. Einführung der Protagonisten
3.2. Krisensituation der Protagonisten

4. Fazit

Literatur

1. Gegenstand

Das Thema der vorliegenden Arbeit ist der stilistische, narrative und formale Vergleich der angewandten Methoden in den Dokumentarfilmen THE INTERNET'S OWN BOY: THE STORY OF AARON SWARTZ [dt.: THE INTERNET'S OWN BOY - DIE GESCHICHTE DES AARON SWARTZ] von Brian Knappenberger, veröffentlicht im Januar 2014 (IMDB, 2014a) und CITIZENFOUR von Laura Poitras, erstmals erschienen im Oktober 2014 (IMDB, 2014b).

Ziel ist es, die Diversität in der Art und Weise der Darstellung der Protagonisten in den beiden Filmen zu analysieren, um den, von den Regisseuren, uns transferierten Eindruck zu verstehen. Hilfreich wird zuvor dass nähere Eingehen und Kategorisieren der Filme in die unterschiedlichen Formen des Dokumentarfilms sein.

Dafür beginnt die Arbeit mit einer kurzen Einführung und Differenzierung des Begriffs des Dokumentarfilms, um ein subtiles Verständnis über die verschiedenen Modi zu bekommen.

Anhand von ausgewählten Sequenzen und Exempeln werde ich anschließend die oben genannten Filme vor allem auf die Form, die Narration und den Stil näher untersuchen. Abschließend werden die erarbeiteten Erkenntnisse im Fazit zusammengefasst.

2. Der Dokumentarfilm und seine Klassifizierung

In Anbetracht dessen, dass die von mir analysierten Filme als Dokumentarfilme kategorisiert sind, ist es von Notwendigkeit zunächst eine Einführung zum Begriff des Dokumentarfilms, sowie eine Übersicht und Klassifizierung der Modi und Unterscheidungsmerkmale dieser Filmform zu schaffen.

Es bestehen sehr unterschiedliche Meinungen über die Definition des Dokumentarfilms. Klar ist, dass der Dokumentarfilm vom Spielfilm abgegrenzt werden soll. Begriffe, wie nonfiction und nonnarrative wurden anstelle von documentary vorgeschlagen (Grünefeld, 2009).

Die Begriffsvorschläge deuten auf eine besondere, nahe Verbindung zur Wirklichkeit und auf die Funktion, Argumente anstatt von Geschichten zu offerieren. Das Transferieren von Argumenten ohne eine Erzählstruktur ist kaum machbar, deswegen ist die Benennung nonnarrative problematisch. In der Unterscheidung von fiction und nonfiction wurde der Begriff fiction als jede Form von Manipulation der Rohdaten definiert. Da aber auch der Dokumentarfilm einer Bearbeitung unterliegt, ist diese Bezeichnung nicht ganzheitlich passend (Grünefeld, 2009).

Das Konzept des Dokumentarfilms geht auf den britischen Dokumentarfilmregisseur und -produzenten John Grierson zurück, der erstmals 1926 einen Film, der nicht dem Raster der konventionellen Dramaturgie oder Narration folgt, sondern das reale Leben eines Menschen filmt (von Keitz & Wulff, 2014). Er definierte den Dokumentarfilm folgendermaßen: „The creative treatment of actuality“ (Grierson, 1976).

Diese Form des Filmes, bei der der Dokumentarfilmer und Zuschauer gefühlt gleichzeitig Zeuge von Geschehnissen, Aktionen und Emotionen in Echtzeit werden, unterscheidet sich klar in ihrer Nichtfiktionalität und wird für politische, künstlerische und diverse andere subjektive Interessen instrumentalisiert (von Keitz & Wulff, 2014).

Der Filmschaffende kann in diesem Sinne je nach Konzept Gesprächspartner, Interviewer oder Direktor sein. Der Zuschauer, der in dieser Methode an erster Reihe des Geschehens zu teil haben scheint, ist durch die intime und emotionale Perspektive den Machtverhältnissen und subjektiven Rollenzuordnungen unterworfen und à priori leicht für manipulative Einflüsse zugängig (von Keitz & Wulff, 2014).

In den 1960er Jahren entfachten sich vielerlei Diskussionen zu den Methoden des Dokumentarfilms. Seither bildeten sich mehrere Subgattungen, welche ich infolge meiner Arbeit nennen werde. Dokumentarfilme schaffen es bis heute ihre Präsenz lediglich im Fernsehen zu halten und sind nur im Sonderfall auf der Leinwand zu sehen (von Keitz & Wulff, 2014).

Nach dieser kurzen historischen und thematischen Einleitung möchte ich nun zu den unterschiedlichen Arten des Dokumentarfilms übergehen.

Die Kategorisierung der Formen baut auf die von Bill Nichols erarbeiteten sechs Modi eines Dokumentarfilms auf. Diese sechs Modi sind wie folgt spezifiziert: poetic, (die Poetische), expository (die Erklärende), participatory (die Partizipative), observational (die Observationelle), reflexive (die Reflexive) und performative (die Performative) (Nichols, 2001).

Annähernd zu diesen Aspekten kann nach den Filmemachern Wilma de Jong, Erik Knudsen und Jerry Rothwell der Dokumentarfilm in Porträt oder Biografie, Tagebuch, wissenschaftliche Dokumentation, historischer Dokumentarfilm, Investigativer Dokumentarfilm, Kompilationsfilm, Reisebericht, Doku-Drama oder Report unterschieden werden. Des Weiteren wird auch im entfernteren Sinne die dramatisierte Rekonstruktion einer beispielsweise mündlich berichteten Geschichte als Dokumentarfilm kategorisiert (de Jong & Knudsen & Rothwell, 2011).

Diese oben genannten Subgattungen unterscheiden sich unter anderem in den folgenden Aspekten: Die Art und Weise der Darstellung, der Grad an Abstraktion, die Lehrhaftigkeit, die Aktualität des aufgegriffenen Themas, die Einbindung von Kommentaren und die Objektivität des Autors.

Im Rahmen meiner Arbeit werde ich mich intensiver mit dem Investigativen Dokumentarfilm und dem Doku-Porträt beschäftigen.

2.1 Investigativer Dokumentarfilm

Ich werde nun sowohl auf die markanten Eigenschaften und Modi eines Investigativen Dokumentarfilms eingehen, als auch sie konkret anhand einer Sequenz des Films CITIZENFOUR beispielhaft erläutern.

Der Investigative Dokumentarfilm ist die häufigste Form von Dokumentationen, die ein spezifisches Problem definieren. Die Kernproblematik bei CITIZENFOUR ist die der Massenüberwachung und der unkontrollierten Geheimpolizei. Zum ersten Mal wird dies in der Sequenz 00:09:04 bis 00:10:05 klar ausgesprochen. Neben dem klaren Definieren des Problems bringt ein Investigativer Film in der Regel auch Lösungsansätze zur Klärung und Strukturierung des inhaltlichen Gegenstands. Das Veröffentlichen der Materialien wäre die konkrete Lösung des Sachverhaltes.

Hierzu wird sich oft an dramatischen filmischen Praktiken bedient, um eine größere Spannung aufzubauen und das Publikum leichter in die Thematik einzuführen (Benyahia & Gaffney & White, 2008).

Ziel des Investigativen Dokumentarfilms ist es, Sachverhalte aus bisher unbekannten Ansichten zu präsentieren, Kritik über bestehende Strukturen und Systeme zu äußern, weniger bekannte Ereignisse und ihre Hintergründe zu publizieren und Personen zum Hinterfragen anzuregen, sowie sie zu mobilisieren (Brunner & zu Hüningen, 2012; Basadien, 2010).

Der Filmschaffende ist in dieser Art von Dokumentation in der Regel in mehreren Aufgaben positioniert. Beispielsweise erkennt man in der Sequenz von 00:20:09 bis 00:20:29 die Regisseurin Laura Poitras im Spiegel, wie sie ihre Kamera einstellt und uns einen kurzen Einblick in ihre Rolle als Kamerafrau gewährt. Sie ist zu dem die Erzählerin und erfüllt somit die narrative Funktion. Das Erzählen geschieht bei CITIZENFOUR nur über die schwarzen Einblendungen mit weißem Text. Sie weist dem Zuschauer an, was passiert ist, was nun folgen wird, weshalb es Zeitsprünge gibt etc. Ihre Stimme jedoch hört man nicht beim Erzählen, sondern nur beim Vorlesen. Eine beispielhafte Sequenz hierzu wäre 00:00:33 bis 00:01:41, als sie die E-Mails von dem Protagonisten Edward Snowden vorliest. Somit funktioniert CITIZENFOUR aus seiner narrativen Methode mit einem stummen Erzähler.

Anhand der kurzen Sequenz 00:37:13 bis 00:37:17 erkennen wir, durch einen kurzen Blick Edwards (über die filmende Kamera) zur Reporterin hin, dass sie in diesem Moment, sei es gewollt oder nicht, als Darstellerin im Film agiert.

Da Reporter zum Teil Kameramann, erzählende Person, Darsteller und Zuschauer zugleich sind, bekommt das Publikum vor der Leinwand eine intime Ansicht auf das Geschehen aus erster Reihe und in mehreren Facetten.

Dabei folgt das Publikum dem Autor in seiner Suche unter anderem nach der Enthüllung von Unwahrheiten, wie in der Sequenz 00:10:33 bis 00:11:27, als während der Kongressanhörung mit dem National Security Agency (NSA) Direktor Keith Alexander im Jahre 2012 nach mehrmaligem befragen, ob die US-Bürger abgehört werden und er diese Frage mehrmals verneint. Dazu sagt Edward Snowden bei 00:09:31 aus, dass Keith Alexander skrupellos gelogen habe. Weitere thematische Sachverhalte die enthüllt werden, sind beispielsweise Skandale und Ungerechtigkeiten, wie der Beschluss nach dem 11. September alle US-Bürger zu überwachen und aus zu spionieren oder gar kriminellen Tätigkeiten, wie dem Abhören der US-Bürger, als offensichtlichen Rechtsbruch, siehe hierzu die Sequenz 00:09:41 (Basadien, 2010).

Bezeichnend für die Investigative Arbeit ist eine sorgfältige, sichere Recherche, die meist eine lange Zeit in Anspruch nimmt (Friedmann, 2014; Basadien, 2010) Wir erfahren bei 00:08:15, dass Laura Poitras seit Baubeginn des weltgrößten NSA Archivs im Jahr 2011 diese filmt. Dafür erzielt sie im Gegensatz zu anderen dokumentarischen Formen eine größere Reichweite (Basadien, 2010) CITIZENFOUR gewann beispielhaft den Oscar im Besten Dokumentarfilm 2014. Der Investigative Dokumentarfilm wird als häufigste Form im Fernsehen ausgestrahlt (Benyahia & Gaffney & White, 2008).

Es ist wichtig, das gesammelte Material frei von der Mehrheitsmeinung, von Gerüchten oder von Propaganda zu sichten und auszuwerten und gleichzeitig ein ausgeglichenes Verhältnis von verschiedenen Meinungen darzustellen (Friedmann, 2014). Wie wir in der Sequenz 01:30:19 bis 01:30:48 erfahren, stellt Laura Poitras Obamas kritische Meinung zu Edward Snowden dar und nutzt somit repräsentativ ein weiteres Kriterium eines Investigativen Filmes.

Daneben erwarten die Zuschauer vom Investigativen Dokumentarfilm Objektivität. Die Argumente durch das Miteinbeziehen und das Weglassen von Informationen zurechtzurücken ist einfach, jedoch falsch (Friedmann, 2014).

Gemäß Friedmann muss ein Dokumentarfilm, um seine Objektivität wahren zu können, nicht krampfhaft eine explizite Schlussfolgerung ziehen versuchen, sondern würde sich schon dadurch als erfolgreich erweisen, indem er nach dem Aufführen von Informationen und Beweisen, nur eine ungefähre Folgerung deutet und dem Publikum die Meinungsbildung überlässt (Friedmann, 2014).

Aufgrund der von mir oben erarbeiteten Eigenschaften und beispielhaften Sequenzen ordne ich CITIZENFOUR als einen Investigativen Dokumentarfilm ein und möchte nun anhand von einer kurzen Analyse und ausgewählten Sequenzen auf eine weitere Subgattung des Dokumentarfilms eingehen - dem Doku-Porträt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Darstellungsmodi und Inszenierung der Protagonisten in "Citizenfour" und "The Internet's Own Boy: The Story of Aaron Swartz"
Hochschule
Freie Universität Berlin
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V377328
ISBN (eBook)
9783668560819
ISBN (Buch)
9783668560826
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellungsmodi, inszenierung, protagonisten, citizenfour, internet, story, aaron, swartz
Arbeit zitieren
Esra Eres (Autor), 2017, Darstellungsmodi und Inszenierung der Protagonisten in "Citizenfour" und "The Internet's Own Boy: The Story of Aaron Swartz", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377328

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