Gesellschaftstheorie in utopischer Perspektive. Parsons Strukturfunktionalismus und Huxleys "Brave New World" im Vergleich


Bachelorarbeit, 2017

43 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Utopie? Eine Begriffsbestimmung nach Richard Saage

3. Talcott Parsons und der Strukturfunktionalismus

4. Parsons und die Rollendebatte

5. Strukturfunktionalismus und „Brave New World“ - Der Vergleich

6. Parsons und Huxley, zwei unterschiedliche Gesellschaftsanalytiker

7. Fazit

8. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit soziologischer Gesellschaftstheorie in utopischer Perspektive und will das Verhältnis von Utopie und soziologischer Gesellschaftstheorie erhellen. Als soziologische Theorie liegt hier der Strukturfunktionalismus von Talcott Parsons, als Utopie die „Brave New World“ von Aldous Huxley vor, wobei sich auf die folgenden Forschungsfragen konzentriert wurde: Kann utopischer Gehalt im Strukturfunktionalismus identifiziert werden und in wie fern kann Talcott Parsons als Utopist bezeichnet werden?

Zusätzlich wird hier das Potential utopischer Literatur für die Konzeption von Gesellschaftstheorien erläutert. Um die Begriffe Utopie und Utopist zu erläutern, wird der Politikwissenschaftler Richard Saage herangezogen, der sich in seinem 1991 veröffentlichten Werk mit dem Titel "Utopien der Neuzeit", mit dem Phänomen Utopie beschäftigt. Hier werden auch seine Kriterien und Definitionen angeführt, um mit dem Begriff der Utopie wissenschaftlich arbeiten zu können. Zunächst wird also erklärt was als utopisch bzw. dystopisch zu klassifizieren ist, damit dieses Raster an Ausprägungen später auf den Strukturfunktionalismus angewendet werden kann. Theorien sozialer Ordnung wollen erklären was die Gesellschaft zusammenhält, so bietet uns der Strukturfunktionalismus ein Konstrukt von Begriffen und Zusammenhängen, die den komplexen gesellschaftlichen Kosmos greifbar machen wollen, doch aufgrund der Komplexität der sozialen Welt auch Defizite aufweisen, die ihr einige Kritiker vorhalten. Sie argumentieren z.B. dass der Strukturfunktionalismus eine Gesellschaft zeichnet, die das Handeln der Akteure auf Funktionalität und Integration begrenzt, Akteure in dieser Theorie zu determiniertet agieren und gesellschaftlicher Wandel vernachlässigt wird. Diese Schwächen des Strukturfunktionalismus werden in dieser Arbeit diskutiert und aufgenommen, wenn untersucht wird, wie sehr der Strukturfunktionalismus dem utopischen Szenario der „Brave New World“ gleicht. Parsons Theorie gesellschaftlicher Ordnung kann nach Richard Saages Kriterien zunächst nicht als utopisches Werk klassifiziert werden, wie im nächsten Teil erläutert wird. Ob nun aber utopischer Gehalt in ihr auszumachen ist, gilt in einem Vergleich mit dem Roman von Aldous Huxley herauszufinden, bei dem dieser als eine Art Schablone dient, die auf den Strukturfunktionalismus gelegt wird, um damit den utopischen Gehalt zu identifizieren. Nachdem mit Richard Saage der Begriff „Utopie“ vorgestellt wurde, wird der Strukturfunktionalismus dargestellt und weitergehend wird ein Überblick über die mit dieser Theorie zusammenhängende Debatte gegeben. In dieser soziologischen Debatte wird es vor allem um den kontrovers diskutierten Rollenbegriff gehen, der als wichtigste Komponente und Ordnung schaffendes Element in Parsons Theorie fungiert. Hier nach gilt es die Frage zu klären, mit welchen Mitteln Parsons und Huxley jeweils die soziale Ordnung in ihren Werken aufrecht zu erhalten suchen und in wie weit diese gemeinsame Schnittmenge an Ordnung schaffenden Elementen als utopischer Gehalt bei Parsons gelten kann.

Nachdem also zunächst festgestellt wurde, ob ein utopischer Gehalt im Strukturfunktionalismus auszumachen ist, gilt es im nächsten Schritt herauszufinden, ob und wie weit Parsons auch als Utopist gesehen werden kann, der seine utopische Vorstellung in der Zukunft realisiert sehen will. Hierzu wird auf wesentliche Aspekte des Entstehungshintergrundes bei Huxley und Parsons eingegangen und Parsons Bejahung der Verhältnisse der kritischen Sicht Huxleys gegenübergestellt. Hier wird sich vor allem auf das Werk „Das System moderner Gesellschaften“ bezogen, da Parsons in diesem aufwirft, dass er den höchsten Entwicklungsstand einer Gesellschaft in der amerikanischen Moderne sieht. Es wird die Frage berücksichtigt, ob er durch diese positive Bejahung der modernen amerikanischen Gesellschaft als Utopist bezeichnet werden kann. Am Ende dieser Arbeit lässt sich somit ein Fazit schreiben, das die folgenden Fragen beantwortet: Wie utopisch ist der Strukturfunktionalismus? War Parsons ein Utopist? Und welches Potential hat utopische Literatur für die Theorien gesellschaftlicher Ordnung?

2. Was ist Utopie? Eine Begriffsbestimmung nach Richard Saage

In diesem Teil wird zunächst den Begriff der Utopie bzw. Dystopie näher erläutern um ihn später, über den oben von mir aufgeführten Umweg auf die Theorie von Parsons anwenden zu können. Zunächst mal wird der Begriff „Utopie“ oft als wünschenswerter Gesellschaftsentwurf verstanden, der sich von den gegenwärtigen gesellschaftlichen Umständen so unterscheidet, dass mit dem neuen Entwurf ein Idealbild einer Gesellschaft erzeugt wird. Im Gegensatz dazu steht die Dystopie, ein Schreckensszenario, das auf das Potential und die mögliche Entwicklung bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse aufmerksam machen will, indem es z.B. die Auswirkungen politischer Unterdrückung durch Formen des dazu zur Verfügung stehenden Instrumentariums beschreibt. Utopien bzw. Dystopien sind also optimistisch oder pessimistisch, beschreiben aber in jedem Fall gesellschaftliche Verhältnisse. Besonders die Dystopien tauchen heutzutage z.B. in der Literatur auf, im Film oder der Kunst und eignen sich auch in Videospielen hervorragend als spannendes Szenario, in dem die Welt von den repressiven Herrschern befreit werden muss. Saage schreibt, das Umgangswort „utopisch“ bedeute „zumeist so viel wie «übersteigert», «unrealistisch», «träumerisch»“ und so wird mit „dem Wort «utopisch» ein Denken denunziert, das Projekte entwirft, die angeblich scheitern müssen, weil ihr realitätsblinder

Urheber die konkreten Voraussetzungen ihrer Verwirklichung nicht berücksichtigt."1 Eine wissenschaftliche Arbeit über dieses Thema scheint somit zunächst befremdlich, denn diese idealisierte Wunschvorstellung hat zunächst wenig mit der empirischen Welt zu tun, die es in der Wissenschaft zu untersuchen gilt. Dass man das Thema Utopie dennoch wissenschaftlich bearbeiten kann, zeigt Richard Saage mit seinem Werk „Politische Utopien der Neuzeit“ von 1991, in dem er 36 klassische utopische Werke verschiedener Autoren ausgewählt hat, um an ihnen aufzuzeigen, wie das utopische Denken der jeweiligen Zeit aussah und wie es mit den zeitgenössischen gesellschaftlichen Verhältnissen in Verbindung stand. Nach Saage könne „als Klassiker nur gelten, wer das utopische Denken um innovatorische Impulse bereichert bzw. dessen Struktur epochenspezifisch geprägt hat“2 , somit unterliegen die in seiner Arbeit untersuchten Titel strengen Kriterien, die weiter unten noch ausführlicher besprochen werden. Als prominentestes Beispiel dieser literarischen Gattung gilt das 1516 erschienene Werk „Utopia“ von Thomas Morus in dem der Autor eine nach seinen Auffassungen ideale Gesellschaft beschreibt, welche von Pazifismus und Sozialismus gekennzeichnet ist. Saage weist jedoch darauf hin, dass das utopische Denken mindestens zurück bis Platons „Politeia“ reicht. Die Aufmerksamkeit, die Saages Buch erreicht hat, ist zum Teil dem Umstand geschuldet, dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch der Zerfall der Sowjetunion aktuell war, die aufgrund des sozialistischen Charakters von manchen Autoren auch als utopische Konzeption klassifiziert wurde. Steiert schreibt, Saages Werk sei für die Utopieforschung „ein wichtiges Novum“ und sei „grundlegend für die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit [dieser] Form politischen Denkens"3, weshalb seine Arbeit auch hier als Grundlage herangezogen wird, wenn es darum geht sich mit dem Thema Utopie zu beschäftigen. In diesem Werk wird auch die im 20. Jahrhundert erschienene Negativ-Utopie „Brave New World“ behandelt, die für diese Arbeit relevant ist. In dieser Utopie finden wir eine idealtypische Negativ-Utopie, die zwar zunächst ein völlig intaktes und harmonisches Gesellschaftsbild vorgibt, dieses jedoch durch verschiedene Handlungsstränge enttarnt und es als entmenschlichend kennzeichnet. Dafür, dass die negative Form der Utopie zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen so großen Aufschwung erlebte, benennt Saage drei Gründe. Zuerst nennt er den sogenannten Technikskeptizismus und argumentiert, dass „bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts der Glaube an die Instrumentalisierbarkeit der Technik im Dienst des menschlichen Fortschritts zunehmend in Zweifel gezogen worden“4 sei. Hier verweist er auf den ersten Weltkrieg und identifiziert einen „Technik-Schock“5 der mit diesem Krieg einherging. Saage beschreibt, dass durch die Verwendung des technischen Potentials für die Schaffung der Kriegsmaschinerie eine Skepsis gegenüber der Technik und ihrer möglichen repressiven und destruktiven Möglichkeiten entstand, die sich auch bei den Autoren von Utopien bemerkbar machte. Die zweite Ursache bildete für ihn „das sozialistische Experiment der Bolschewiki nach der russischen Oktoberrevolution im Jahre 1917“6 , welches einen Überwachungsstaat entstehen ließ, der mit erheblichen Repressionen verbunden war und außerdem aufzeigte, wie auch hier das technische Potential dazu genutzt werden kann, die Menschen zu unterdrücken. Aus diesen beiden Motiven ließe sich eine dritte Ursache ableiten, die erklären könne, weshalb die Form der Negativ-Utopie zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen solchen Aufschwung erlebte. So erklärt Saage, dass der technische Fortschritt „nicht durch die Entstehung eines «neuen» Menschen begleitet [wurde], der durch Qualitäten ausgezeichnet ist, die ihn befähigen, die technischen Möglichkeiten der Naturbeherrschung und der gesellschaftlichen Planung an humane Zwecke zu binden.“7 Hier beschreibt Saage also vor allem die Gefahr, die fortgeschrittene Technik nicht mehr beherrschen zu können, von ihr abhängig zu sein oder gar unterdrückt zu werden und sieh darin einen möglichen Grund für das Aufkommen der Negativ-Utopie im 20. Jahrhundert.

Saage schreibt zur Begriffsbestimmung in seinem Vorwort, dass „eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Utopiekonzeptionen, wie sie in den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen verwandt werden, den Rahmen“8 seiner Einleitung sprenge und so wird auch hier nicht erschöpfend auf alle Begriffsbestimmungen der Utopie eingegangen werden können, weshalb diese auf einige wesentliche Positionen begrenzt werden. Zunächst werden nun einige Ansätze aufgegriffen, um dann zu Saages Konzeption und Kriterien einer Utopie zu gelangen. So wird in Saages Vorwort Münkler zitiert, der sich auf die Konzeption von Joachim Fest bezog. Dieser legte den Fokus auf die Unterscheidung von irdischer und überirdischer Utopie und differenziert damit die utopischen Konzepte, in denen „es um die Entwürfe einer vollkommenen Gesellschaft geht, die mit rein innerweltlichen, also in der Verfügung der Menschen stehenden Mitteln realisiert werden können, und jener Strömung des eschatologischen Denkens, in der nicht durch menschlichen, sondern übernatürlichen Eingriff die Heraufkunft einer neuen Welt und eines neuen Menschen erträumt wird"9. Neben dieser Debatte um die Erreichung des Gesellschaftsideals durch irdische oder weltliche Mittel wurde auch über den Endzustand als Kriterium einer Utopie diskutiert. Braunschädel schrieb, utopisches Denken sei der „Versuch, einen bestimmten gesellschaftlichen Zustand festzuschreiben und für allgemeingültig zu erklären"10, dies dürfe jedoch nicht zu der falschen Annahme führen, dass die idealisierte Gesellschaftsvorstellung der Endpunkt der menschlichen Entwicklung sei. Ein utopisches Werk „lebt daher zwar von Ideen und Vorstellungen einer idealen Gesellschaft, die diesem Denken immanente Logik aber treibt über jeden imaginierten Endzustand einer Gesellschaft hinaus, so daß sich jeder Endzustand nur als Zwischenzustand"11 erweise. Neusüss formuliert seinen Utopiebegriff und macht die Intention, die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse zu kritisieren, um eine bessere Zukunft zu erreichen zum Hauptmerkmal, wobei hier z.B. die literarische Form völlig in den Hintergrund gerückt wird. So liege die „Identität des utopischen Phänomens nicht «in irgendwelchen Ähnlichkeiten positiver Zukunftsbilder [...], sondern in der kritischen Negation der bestehenden Gegenwart im Namen einer glücklicheren Zukunft, die noch so verschieden ausgemalt sein mag. Deshalb kann sich die utopische Intention auch da ausdrücken, wo auf Zukunftsbilder verzichtet wird“12. Saage kritisiert an diesem Konzept, dass dieses auf „der rigorosen Ablehnung aller konkurrierenden Utopiebegriffe" gründe und führt an, dass "ohne es auf Gegenstände oder Inhalte festzulegen, das Phänomen des Utopischen von der «Intention» lebe, der schlechten sozio-politischen Wirklichkeit die bessere Alternative gegenüberzustellen, und zwar unabhängig davon, ob die Ablehnung der Herkunftsgesellschaft und ihre Alternative in mythischen, religiösen oder säkularisierten Kategorien sich ausdrückt.“13 Diese Begriffsbestimmung sei somit analytisch viel zu weit gefasst und damit unbrauchbar. Alle Autoren setzen demnach einen unterschiedlichen Akzent bei der Diskussion über die Definition des Begriffs der Utopie. Nach dieser kurzen Darstellung wird nun Saages Utopiebegriff aufgegriffen, der über diesen schreibt, dass die einfachste Bestimmung über das Werk bzw. den Titel von Morus erfolge. Dieser setze „sich aus zwei griechischen Wörtern zusammen: «ou = nicht» und «tópos = Ort»; «Utopia» heißt also «Nicht-Ort» oder «Nirgendwoª“14. Doch ende hier jegliche Übereinstimmung, wenn man sich der Bedeutung konkret zuwende.15 Bevor er auf die Kriterien, die bei seinem Utopiebegriff im Mittelpunkt stehen, zu sprechen kommt, unterscheidet er sie von anderen literarischen Genres. Seiner Definition zufolge ist Utopie die Beschreibung von auf das „diesseits gerichtete gesellschaftlich real existierende Umstände.“16 Wie schon in der Auseinandersetzung mit Neusüss erwähnt kann seiner Meinung nach keine Utopie sein, was „metaphysische, jenseitige oder in die Vergangenheit projizierte Fiktion“17 sei. Das durch verschiedene Religionen prophezeite Paradies entspreche demnach nicht den Kriterien einer Utopie. Gleichermaßen verhalte es sich etwa mit Märchen, Traumvorstellungen und magischen Wünschen und auch das Genre „Science Fiction“ könne nicht generell mit dem der Utopie verbunden werden, da dieses nicht notwendiger Weise sozialkritisch ausgerichtet sei, und sie somit wesentliche gesellschaftliche Aspekte ausblende. Es beziehe sich in vielen Fällen auf die bloße Darstellung technischen Fortschritts und verliere damit das wichtigste Merkmal einer Utopie.18 Saage bezieht sich auch nochmal deutlich auf die dystopischen Entwürfe und schreibt, dass auch die „sogenannten Anti-Utopien ihren Utopiecharakter nicht aufgegeben [haben], sofern die im Namen der diskursiven Vernunft Aufklärung über einen bestimmten Typ der Utopie betreiben, der auf ein unmenschliches System totalitärer Unterdrückung hinausläuft.“19 Weiter formuliert Saage einige Kriterien, die seiner Meinung nach jede Utopie bearbeiten müsse, um als solche zu gelten. Diese findet er auch in Huxleys Werk „Brave New World“, weshalb diese in dieser Arbeit das grundlegende Vergleichselement darstellt, um den utopischen Gehalt im Strukturfunktionalismus zu identifizieren. Utopien seien mit Erkennungsmerkmalen behaftet, die seit den neuzeitlichen Utopien, wenn auch mit unterschiedlicher Ausprägung vorhanden sind und entwerfen zugleich das „analytische Raster“ nach denen er die Utopien in seiner Arbeit ausgewertet habe.20 Als ersten Aspekt nennt Saage hier die oben bereits erwähnte Sozialkritik bzw. Zeitdiagnose, die durch die Darstellung einer „idealen Gegenwelten oder schwarzer Schreckensvisionen reagiert.“21 Ein weiteres Kriterium für ein utopisches Werk bilden wertende Angaben das Gemeinwohlideal betreffend sowie das Wirken dessen auf die Ausführungen innerhalb architektonischer Ausgestaltungen. Es gebe darüber hinaus Aufschlüsse über das ideale politische System inklusive Verfassung.22 Ein utopisches Werk befasse sich außerdem mit der „Rolle der Arbeit, [der] Bedeutung von Wissenschaft und Technik“ sowie „der Struktur der zu befriedigenden Bedürfnisse“23 . Es gebe Aufschluss über den Aspekt der Sozialstruktur, einschließlich politischer Eliten sowie politischer Integration, indem es Ausführungen beinhalte Erziehung, Justiz, Religion, Kunst, Krieg und Frieden betreffend, „und nicht zuletzt ist sie durch den Geltungsanspruch geprägt, den sie erhebt: es geht um das Problem, wie sich ihr Autor die Vermittlung des utopischen Ideals mit der Wirklichkeit vorstellt.“24

Es lässt sich also festhalten, dass ein Werk als Utopie gilt, wenn es die Idealvorstellung von einer Gesellschaft imaginiert und sich dabei auf gegenwärtige gesellschaftliche Zustände bezieht. Saage erweitert dieses einfache Verständnis mit einer Vielzahl von Aspekten, die nach ihm ein utopisches Werk ausmachen. Nach Saages Kriterien kann Parsons Theorie zunächst nicht als utopisches Werk bezeichnet werden, da sie nicht im Sinne einer idealtypischen Gesellschaftsvorstellung erarbeitet wurde, jedoch kann durch den Vergleich mit Huxleys Roman untersucht werden, wie viel utopischer Gehalt im Strukturfunktionalismus steckt. Parsons und Huxley betreiben beide eine Art Gesellschaftsdiagnose und analysieren, beide auf ihre Art, wie gesellschaftliche Ordnung gewährleistet wird. Huxley stellt uns dabei eine perfekt geordnete Gesellschaft und deren Ordnungsmechanismen vor, die klar als utopisch zu klassifizieren sind, da sie ein völlig idealisiertes Bild zeichnen. Diese Idealvorstellung entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Schreckensszenario, weshalb die Utopie als Negativ-Utopie zu verstehen ist. Sie ist durchzogen von Ordnungselementen, die Huxley als Trends in seiner zeitgenössischen Gesellschaft, dem Amerika der 1930er Jahre, ausmacht, kritisiert und in überspitzter Form in seinem Roman darstellt. Somit zeigt er uns die Konsequenzen, welche mit dieser stark idealisierten und vordergründig harmonischen Gesellschaft einhergehen. Ob genau diese Idealvorstellung von Ordnungsmechanismen auch bei Parsons vorhanden ist wird durch einen Vergleich deutlich. Als utopischen Gehalt wird hier demnach die Schnittmenge von den Ordnung gewährleistenden und gleichzeitig enthumanisierenden Elementen der „Brave New World“ mit denen im Strukturfunktionalismus definiert. Als Utopist gilt jemand, der die Intention verspürt, diese Idealvorstellung von einem Gesellschaftsbild zukünftig zu realisieren. Ob Parsons als Utopist bezeichnet werden kann wird demnach im Anschluss des Vergleichs beantwortet.

4. Talcott Parsons und der Strukturfunktionalismus

Um später den Strukturfunktionalismus mit Huxleys „Brave New World“ vergleichen zu können, werden hier die wesentlichen Grundzüge dieser Theorie dargestellt. Sie wurde in den 1950er Jahren von Talcott Parsons entwickelt und soll der Frage nachgehen, wie eine gesamtgesellschaftliche Ordnung möglich sei. Sein Interesse richtete sich also darauf, die „Bedingungen von Stabilität in sozialen Systemen“25 zu erklären und stellt damit die Frage: „Wie ist bei der Vielzahl der einzelnen Handelnden gesellschaftliche Ordnung möglich?“26 Die Theorie gibt anhand ihres groß angelegten Begriffsapparates, sowie durch die funktionale Analyse, Auskunft darüber, wie es durch die Vielzahl von Menschen möglich sei, „die Beziehungen zwischen Individuen so zu regeln, daß der Konflikt vermieden und die positive Zusammenarbeit gefördert wird?“27 Der Strukturfunktionalismus legt somit den Fokus auf die Integration und die Aufrechterhaltung der Funktionalität einer Gesellschaft. Durch funktionale Analysen, auf die später noch eingegangen wird, werden die Bedingungen für die gesellschaftliche Ordnung untersucht und erklärt. Parsons Theorie wird auch als Sozialisationstheorie eingestuft, da sie beschreibt, wie Individuen die Wertorientierungen einer Gesellschaft im Verlauf ihres Lebens internalisieren. Außerdem wird sie als Großtheorie bezeichnet, da Parsons die „Auffassung [vertrat], dass die sehr verschieden konzipierten Theorien der bedeutendsten Sozialwissenschaftler (Soziologen, Ökonomen, Sozialpsychologen) seiner Zeit Gemeinsamkeiten aufweisen, deren Zusammenfassung zu einer „General Theory of Action“ führe, (Konvergenzthese)“28 , weshalb er den Versuch unternahm, diese zu einer Theorie zusammenzuführen. Talcott Parsons wurde 1902 in Colorado Springs geboren und studierte zunächst Biologie am Amherst College, bevor er sich den Sozialwissenschaften zuwendete. Durch ein Stipendium kommt Parsons nach Heidelberg, wo er seine Doktorarbeit schreibt und wechselt dann nach Harvard, wo er ab 1936 als Professor in einer neu geschaffenen Abteilung für Soziologie angestellt ist und bis 1973 wirkt. 1979 stirbt er in München.29 Die von ihm entwickelte Systemtheorie beschreibt die soziale Realität modellhaft und hat den Anspruch, diese ganzheitlich zu erfassen. Somit soll jegliche menschliche Beziehungsform in die Theorie integriert werden. Helmut Staubmann beschreibt in dem Werk „Soziologische Theorie“ die Geschichte des Systembegriffs in der Wissenschaft und gibt Aufschluss darüber, dass „etwa in den fünfziger Jahren die ersten Versuche unternommen [wurden, die] systemtheoretische[n] Konzepte und Begriffe in die soziologische Theorie aufzunehmen“30, was dann vor allem durch Talcott Parsons erreicht wurde. Jedes System hat eine Struktur, die dadurch entsteht, „daß es eine «Reihe von verhältnismäßig stabilen Beziehungsmustern zwischen» den Individuen gibt“31, die für eine Regelmäßigkeit und damit für Stabilität innerhalb des Systems sorgen. Diese Regelmäßigkeiten sind „in sozialen Systemen im wesentlichen Erwartungsstrukturen, die durch Institutionalisierung gesamtgesellschaftlich verankert werden“32 und somit die systemische bzw. gesellschaftliche Ordnung gewährleisten. Es sind also die Normen und Werte, die über dem Sozialsystem stehen und innerhalb der Beziehungen die Regelmäßigkeiten im Handeln garantieren. Funktion bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Handlungen so ausgerichtet sind, dass diese Werte aufrechterhalten werden und somit auch das System erhalten bleibt. Parsons wählt hier die Analogie des Körpers um deutlich zu machen, wie der Funktionserhalt im Mittelpunkt des Systems steht. Die Organe im Körper haben jeweils ihre eigenen Funktionen, doch das übergeordnete Ziel ist der Erhalt des gesamten Körpers.33 Als Unterbau des Strukturfunktionalismus kann die von Parsons entwickelte voluntaristische Handlungstheorie angesehen werden, die er vor allem in seinem Werk „The Structure Of Social Action“ behandelt und unter anderem aus der Kritik an der von Hobbes geprägten Denkrichtung des Utilitarismus erarbeitete.34 Richard Münch führt an, dass das kritische Element, welches Parsons identifizierte, er als das „utilitaristische Dilemma“35 bezeichnete. Das „was Parsons an Hobbes´ brüchiger Brücke zwischen Naturzustand und gesellschaftlichem Vertragszustand erkennt, ist das später von Mancur Olson prägnant formulierte Kollektivgutproblem“36 . Parsons sah das Problem in Hobbes Erklärung eines starken Staates bzw. gesellschaftlicher Ordnung darin, dass diese Ordnung sich aus der individuellen Interessenverfolgung ergebe. Die Individuen verfolgen ihre Interessen und daraus ergebe sich ein Vertragsschluss der langfristige Sicherheit biete. Jedoch argumentiert Parsons dagegen mit dem sogenannten Kollektivgutproblem, bei dem sich bei einer großen Gruppe, die Beiträge der einzelnen Mitglieder zur Erhaltung des Kollektivguts, in diesem Fall die soziale Ordnung, immer weiter reduzieren, was der Logik in Hobbes Theorie somit entgegen stehe.37 Nach Parsons könne nur eine „« normative» Lösung des Ordnungsproblems aus dem utilitaristischen Dilemma herausführen.“38 Gesellschaftliche Ordnung wird also durch allgemein anerkannte Normen und Werte möglich und kann nach Parsons nicht nur über die individuelle Interessenverfolgung erklärt werden. Hans-Peter Frey schreibt in „Theorie der Sozialisation“, dass die „unterschiedlichen Interessen der beteiligten personalen Handlungssysteme so auszugleichen [sind], daß gleichzeitig für das soziale System notwendige relativ stabile Interaktionsmuster entstehen bzw. erhalten werden. […] Zur Kennzeichnung dieses Zustandes führt Parsons axiomatisch die Annahme eines Gleichgewichts in Interaktionssysteme ein.“39 Das Handeln der Akteure ist demnach auf die über der Gesellschaft stehenden Werte ausgerichtet. Ein soziales System entsteht aus „der Interaktion zwischen Menschen, [wobei] die umfassendste Form eines Sozialsystems die «Gesellschaft als Gesamtsystem» sei“40, der sich im Folgenden zugewandt wird.

Die Gesellschaft wird bei Parsons als ein Gesamtsystem verstanden, bestehend aus einer Vielzahl an Subsystemen, in denen Strukturen die Funktionalität gewährleisten. Wie aus handelnden Individuen ein funktionierendes Gesamtsystem entstehen kann beantwortet Parsons vor allem mit dem Begriff der Rolle. Der Mensch fügt sich während der Sozialisation in bestimmte Ordnungselemente, eben einer Vielzahl dieser Rollen ein, die wiederum innerhalb der Gesellschaft in den Institutionen der Subsysteme positioniert sind und durch das übergeordnete Wertesystem bestimmt werden. Die Gesellschaft wird als Gesamtsystem beschrieben, das als übergeordnetes Ziel die Funktionalität bzw. den Erhalt dieser bestehenden Wertemuster hat, die noch über dem Sozialsystem stehen. Das Verhalten der Individuen und somit die Orientierung der Ordnungselemente ist damit komplett auf die Erhaltung dieser Wertmuster und damit des Systems ausgerichtet. Die Gesellschaft besteht aus einzelnen Subsystemen mit Organisationen und Institutionen, in denen die Interaktionen zwischen den Aktoren stattfinden. Subsysteme sind z.B. das Erziehungswesen, die Wirtschaft oder die Politik. Diese Systemeinheiten sollen die materielle Reproduktion sichern und die Funktionalität des Gesamtsystems gewährleisten. In jedem Subsystem gibt es eigene Codes wie z.B. ein bestimmtes Fachvokabular und angemessene Verhaltensweisen, außerdem sind die verschiedenen Subsysteme wechselseitig voneinander abhängig und jedes Individuum ist auf dieser Ebene des Gesamtsystems, über die Ausübung von Rollen, in verschiedene Subsysteme eingebunden. Die Rollenerwartungen sind somit „nicht individuell und beliebig geschaffen, sondern sind in die Funktionalität des jeweiligen Subsystems“ eingebunden und treten dem Handelnden „als normative Erwartung der Gruppenmitglieder entgegen.“41Innerhalb der einzelnen Subsysteme gibt es institutionelle Strukturen, in denen ein hierarchisches Gefüge von Positionen besteht, das wiederum mit den Rollen verknüpft ist. Diese sind selbstverständlich auf die Funktion des jeweiligen Subsystems abgestimmt.

[...]


1 Saage: 2000, 45.

2 Saage: 2000, 50.

3 Steiert: 1993,291.

4 Saage: 2000, 327.

5 Saage: 2000, 327.

6 Saage: 2000, 327.

7 Saage: 2000, 328 Saage stützt sich hier auf Norbert Elias: 1985, 146.

8 Saage: 2000, 46.

9 Münkler: 1991.

10 Braunschädel: 1994, 179.

11 Braunschädel: 1994, 179.

12 Neusüss: 1986, 32.

13 Saage 2000, 19.

14 Saage: 2000, 46.

15 Saage: 2000, 46.

16 Saage: 2000, 47.

17 Saage: 2000, 47.

18 Saage: 2000, 47ff.

19 Saage: 2000, 47.

20 Saage: 2000, 49.

21 Saage: 2000, 49.

22 Saage: 2000, 49.

23 Saage: 2000, 50.

24 Saage: 2000, 50.

25 Tillmann: 1991, 111.

26 Tillmann: 1991, 111.

27 Parsons: 1968 a, 57.

28 Staubmann: 1994, 148.

29 Staubmann: 1994, 148.

30 Staubmann: 1994, 147.

31 Tillmann: 1991, 112 zitiert Parsons: 1968 a, 54.

32 Staubmann: 1994, 151.

33 Parsons: 1968 a, 39.

34 Münch 2003, 27.

35 Münch 2003, 27.

36 Münch 2003, 27 bezieht sich auf Olson: 1965.

37 Münch 2003, 27.

38 Münch 2003, 28 bezieht sich auf Parsons: 1937.

39 Frey: 1974, 11.

40 Tillmann: 1991 ,109 zitiert Parsons: 1976, 88.

41 Tillmann: 1991, 113 vgl. Parsons: 1968a, 55.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Gesellschaftstheorie in utopischer Perspektive. Parsons Strukturfunktionalismus und Huxleys "Brave New World" im Vergleich
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
43
Katalognummer
V377398
ISBN (eBook)
9783668546264
ISBN (Buch)
9783668546271
Dateigröße
707 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Huxley Parsons Sozialisation Utopie
Arbeit zitieren
Fabian Herbers (Autor), 2017, Gesellschaftstheorie in utopischer Perspektive. Parsons Strukturfunktionalismus und Huxleys "Brave New World" im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377398

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