Globalisierung und Krise. Ein kritischer Blick auf den modernen Kapitalismus


Fachbuch, 2014
174 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Theoretische Grundlagen der Krisenbetrachtung
1.1 Die Profitrate
1.2 Die Durchschnittsprofitrate
1.3 Der tendenzielle Fall der Profitrate

2 Krisenbewegungen
2.1 Krisenentwicklungen in der Bundesrepublik bis zu Beginn der 1980er Jahre

3 Übergänge in die Globalisierung

4 Versuch Globalisierung zu definieren

5 Neoliberale Globalisierung
5.1 Kurzer historischer Abriss zur Globalisierung
5.2 Globalisierung als politisch gewollter Prozess der konservativen Bourgeoisie
5.3 Washington Consensus
5.4 Strukturanpassungsprogramme des IWF/Weltbank
5.5 Fallstudien: Umsetzung des Washington Consensus in Europa .

6 Ergebnisse und Skizzierung einer Alternative zur kapitalis-

tischen Globalisierung

Literatur

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Kapitel 1 Theoretische Grundlagen der Krisenbetrachtung

Eine Schrift über Globalisierung mit einer Grundlagenbetrachtung über Krisen einzuleiten erscheint etwas ungewöhnlich. Aber so ungewöhnlich ist das nicht.

In der öffentlichen Meinung wird heute die (angeblich) drängende Frage gestellt, wie die Finanzkrise eingedämmt (nicht behoben und auch nicht besei- tigt) werden könnte. Dabei wird die grundlegende Frage vergessen: Wer oder was diese Finanzkrise ausgelöst hat. War es die vielbeschworene Gier der Ban- ker und institutionellen Anleger die den Hals nicht voll genug kriegen konnten? War es ein politisches Versagen der demokratisch gewählten politischen Insti- tutionen? War es das Versagen wirtschaftspolitischer Konzepte? War es der nicht genügende Einsatz der neoliberalen wirtschaftspolitischen Instrumente? Es ist vollkommen unklar in der öffentlichen Meinung wer die Krise verursacht hat. Weiterhin stellt sich die Frage wer unter der Finanzkrise zu leiden hatte? Waren es die Banker und Anleger, oder gar die Kapitalisten als Klasse? Haben diese mit ihrem Kapital bezahlt und sind verarmt oder hat die Finanzkrise die andere Seite getroffen? Sind die Arbeiter von der Finanzkrise betroffen und wie, in welchem Ausmaß? Welche Klasse im untergehenden Spätkapitalismus hat verloren? Oder ist diese Frage die falsche? Hat die Arbeiterklasse nicht schon seit Jahrzehnten, seit Beginn des Kapitalismus, verloren? Ist die Verar- mung und Niederdrückung der Arbeiterklasse durch die Finanzkrise verschärft worden oder war die Finanzkrise das letzte Aufbäumen des Turbokapitalismus?

Das sind viele offene Fragen die in den jetzt geführten Diskussionen nicht oder nur teilweise beantwortet werden. Dann stellt sich die Frage, warum werden (oder können) diese Fragen nicht beantwortet werden?

Damit sind wir wieder an der Ausgangsfrage angekommen: warum mit ei- ner theoretischen Betrachtung der Krise beginnen? Die Antwort sollte jetzt relativ einfach sein: um die Ursachen der Finanzkrise darzustellen, und deren Auswirkung auf die Arbeiterklasse (allgemeiner: auf die Gesellschaft) darzustel- len, gilt es zu analysieren wie Krisen im Kapitalismus entstehen und verlaufen. Weiterhin liegt das Problem der Beantwortung der Frage welche Ursache die Fi- nanzkrise ausgelöst hat, darin, dass der heutige ökonomische Mainstream nicht adäquat in der Lage ist, ökonomische Krisen und deren Ursachen zu erklären. Wird, wie im neoliberale Mainstream, davon ausgegangen, dass sich alle Märkte in einer kapitalistischen Ökonomie immer in einem Gleichgewicht befin- den, dann können Krisen nur darin liegen, dass externe Faktoren das Ungleich- gewicht verursacht haben. Externe Faktoren können dann alles mögliche sein: die Aktivität der Sonnenflecken und deren Beeinflussung des Wetters (schlech- te oder gute Ernten in der Landwirtschaft); der schlechte Tag eines Investors oder was immer als externer Faktor gerade herhalten kann zur Erklärung. Der neoliberale Mainstream geht davon aus, das das Gleichgewicht der Märkte sich darüber herstellt, dass die Märkte über den Marktmechanismus (Angebot und Nachfrage) immer zu einem Gleichgewicht finden. Gerät ein (Teil-)Markt trotz dem einmal aus dem Gleichgewicht, dann wird über den Marktmechanismus das Gleichgewicht wieder hergestellt. Eine externe Beein- flussung des Marktes (über staatliche Interventionen) zur Herstellung eines Marktgleichgewichtes darf es in der idealen neoliberalen ökonomischen Welt nicht geben. Der neoliberale Staat garantiert ausschließlich die Rahmenbedin- gungen in denen die Akteure auf dem Markt agieren - und sonst nichts. Mit dieser ökonomischen Theorie lässt sich die Finanzkrise nur schwer bis gar nicht erklären.

Also wird die Ursache der Finanzkrise (oder jeder ökonomischen Krise) an einem bestimmten Auslöser festgemacht. Für die jetzige Finanzkrise wird die Erklärung herangezogen, dass durch den Absturz des aufgeblähten Immobilien- marktes in den Vereinigten Staaten und die damit verbundene Unmöglichkeit der Hausbesitzer ihre Immobilienkredite zu bedienen, eine Kreditklemme auf- trat. Für diese Kreditklemme gab es keine schnelle Lösung. Bedingt durch den neoliberalen Einfluss wurde kein billiges Kapital auf den Markt geworfen. Das bedeutet, der Zinssatz wurde nicht gesenkt. Damit mussten die Kredite weiter- hin zu hohen Raten bedient werden. Gleichzeitig griff die Arbeitslosigkeit um sich. Die Kreditnehmer verloren ihren Arbeitsplatz und damit ihre Einkommen. Ohne Einkommen war eine Bedienung der Kredite nicht mehr möglich. Über kurz oder lang wurden die Kredite notleidend. Da in der Boomphase deutlich zu viele Immobilien gebaut wurden, waren auch die Immobilien der Schuldner nicht mehr verwertbar. Die Kredite mussten von den kreditgebenden Banken abgeschrieben werden. Damit geriet der Immobilienmarkt vollkommen aus dem Gleichgewicht und hat bis heute das Gleichgewicht nicht wieder gefunden.

Verschärfend kam dazu, dass die gewährten Immobilienkredite nicht voll- ständig gesichert waren („Subprime Credits“); also Menschen gewährt wurden bei denen absehbar war, dass diese die Kredite auf Dauer nicht bedienen konn- ten. Das kapitalistische Finanzsystem lief offenen Auges in die Krise hinein. Allein die Gier nach immer höheren Profit trieb das Finanzkapital dazu Kredi- te selbst an Menschen zu vergeben die nicht in der Lage waren diese auf Dauer zu bedienen.

Um das Risiko des zukünftigen Crashs zu minimieren und gleichzeitig den Profit zu maximieren, wurden diese Kredite in neu entwickelte Finanzinstru- mente verbrieft. Diese Verbriefungen wurden gebündelt und von einer Rating- agentur bewertet. Da in dem Bündel die Subprime Credits mit guten Krediten enthalten waren, bekamen diese „Briefe“ ein gutes Rating. Damit konnten diese Pakete weltweit an Anleger, Banken und Versicherungen verkauft werden. Auch hier spielte die Gier nach immer höheren Profit die größte Rolle bei der Entscheidung, die absehbar faulen Kredite zu kaufen. Wobei festgestellt werden muss, dass private Anleger, aber auch institutionelle Anleger und professionelle Banker, nicht mehr in der Lage waren diese „Briefpakete“ bis ins Detail zu durchschauen. Der Augenmerk lag auf den extrem hohen Profitversprechungen die mit diesen „Briefen“ erzielt werden können sollte.

Mit dem Faulwerden der Kredite befanden sich damit in den Portfolios von Banken (die mit der Ausgabe dieser Kredite gar nichts zu tun hatten) und Versicherungen, Wertpapiere die nicht mehr, oder nur unter großen Verlusten, einlösbar gewesen wären. Ein paar dieser Banken wurden in den betroffenen Ländern (insbesondere in Deutschland) als „systemimmanent“ definiert - also als Bank die für das gesamte Bankensystem so wichtig ist, dass bei einem Bankrott dieser Bank das gesamte Bankensystem in einen Schiefstand gerät oder sogar zusammen zu brechen droht.

Und jetzt verließ die neoliberale ökonomische Theorie ihre Basis: denn zur Stützung des gesamten Bankensystems wurde der Staat, als Retter in der Not, zur Hilfe gerufen. Er sollte die Banken mit Krediten stützen oder gar verstaatlichen, was bedeutete, dass letztlich das Risiko der wertlos gewordenen Wertpapiere auf die Arbeiterklasse abgewälzt wurden. Letztendlich muss also jeder betroffene Staat mit den von der Arbeiterklasse aufgebrachten Steuergeldern die geplatzte Immobilienblase auffangen und bezahlen.

Die neoliberale Krisenerklärung verdeckt den wahren Grund der Krise, ver- schleiert mit viel Brimborium und hochtrabenden Worten die eigentliche Ursa- che: das kapitalistische System als Gesamtheit ist ein Wirtschaftssystem in dem periodisch Krisen auftreten. Damit ist und bleibt es ein instabiles, krisenhaftes System.

Diese Betrachtung kann der neoliberale Mainstream nicht nachvollziehen. Er kann es deswegen nicht nachvollziehen, weil der Kreislaufcharakter der Ökonomie in der neoliberalen ökonomischen Theorie vollkommen ausgeblen- det wird. Und dies nicht deswegen, weil die Urväter des Liberalismus, auf den sich die neoliberalen Ökonomen gerne berufen, wie Adam Smith1 und David Ricardo2 nichts über die Kreislaufeigenschaften der Ökonomie gewusst hätten, sondern eher, weil es politisch opportun war die Kreislaufeigenschaften einer Volkswirtschaft zu vergessen und diese in einzelne, voneinander unabhängig agierende Märkte zu zerlegen. Damit war es nicht mehr notwendig, den Kreis- lauf als Ganzes zu betrachten, sondern es konnte zu Einzelbetrachtungen von Märkten übergegangen werden, die theoretisch (vor allem als mathematische Modelle die von neoliberalen Ökonomen so sehr geliebt werden) einfacher zu betrachten und zu behandeln sind.

Derjenige der den Kreislaufcharakter wieder in den Mittelpunkt der ökono- mischen Betrachtung rückte, war Karl Marx in seinem Hauptwerk „Das Kapi- tal“. Ebenso war er in seiner Analyse des Kapitalismus in der Lage, den krisen- haften Charakter dieser Wirtschaftsweise zu ergründen und darzustellen. Er analysierte die Krise als Lösungsbewegung des Kapitals die aus einer unprofi- tablen Situation herausführt und die Ökonomie wieder eine Situation erreichen lässt, in der die Kapitalistenklasse weiterhin Profite erzielen kann. Gleichzeitig wird analysiert, dass in einer Krise unprofitable Unternehmen vom Markt ver- schwinden; also eine Marktbereinigung stattfindet die es den übrig gebliebenen Kapitalisten wieder erlaubt einen Profit zu erzielen. Dies ist die Bewegungs- form des Kapitalismus - mal schneller - mal langsamer. Dabei spielt Geld, oder Kapital, in einer kapitalistischen Ökonomie die vorherrschende Rolle. Grund- sätzlich wird im Kapitalismus alles über Geld (Kapital) reguliert. Damit ist der Kapitalismus eine über Geld (Kapital) getriebene Wirtschaftsform in der Geld (Kapital), ganz im Gegensatz zum neoliberalen Mainstream in dem die reine Warenform die Hauptrolle spielt, die Hauptrolle bei allen Entscheidungen der Individuen bildet.

Nach Marx bildet der einzige Ansporn der Kapitalisten der höchste erzielbare Profit aus ihrem vorgeschossenen Kapital. Der Kreislauf beginnt also damit, dass Kapital vorgeschossen wird. Mit diesem vorgeschossenen Kapital werden Arbeitskräfte und Produktionsmittel gekauft. Aus diesem Vorschuss wird erwartet, dass das vorgeschossene Kapital vermehrt um den erwarteten Profit wieder in die Taschen der Kapitalisten zurückfließt.

Der Profit wird dadurch erzielt, dass in den hergestellten Waren hohe (oder zwischenzeitlich: niedrigere) Anteile von verausgabter menschlicher Arbeitskraft stecken. Die in den Produkten verausgabte menschliche Arbeitskraft ist höher als die zur Reproduktion der Arbeiter notwendige Arbeitskraft. Die Differenz zwischen diesen beiden Polen wird von Marx als Mehrwert (verwandelt in Geld = Profit) bezeichnet.

Geliefert wird der Profit also von der unbezahlten menschlichen Arbeitskraft die im industriellen Produktionsprozess verausgabt und vom Kapitalisten an- geeignet wird. Die Aneignung kann deswegen erfolgen, weil der Kapitalist ein formal juristisch korrekten Vertrag mit dem Arbeiter über die Leistung abge- schlossen hat.

Das ist der Kern der kapitalistischen Produktionsweise: die Aneignung un- bezahlter menschlicher Arbeitskraft durch eine Klasse von Kapitalisten und deren Verwandlung in Profit, in Kapital. Wie das Kapital dabei vorgeht, wird von Marx anschaulich in Kapitel 24 des Ersten Bandes des Kapitals geschildert. Dieses trägt den Titel: „Ursprüngliche Akkumulation des Kapitals“ und analy- siert die Herkunft des Kapitals. Die Herkunft auf den blutigen Überresten der Arbeiterklasse, der Armen und Unterdrückten die von ihrem Land vertrieben werden; die bei Diebstahl ausgepeitscht und in Arbeitshäuser gesteckt werden. Wie diese Arbeiterklasse produziert wird von den kapitalistischen Notwendig- keiten des Produktionsprozesses. Wie die ehemaligen Landleute an einen regel- mäßigen Rhythmus gewöhnt werden. Regelmäßig im Sinne des Kapitals, also maximale Ausbeutung und -nutzung der menschlichen Arbeitskraft. So wie es heute noch in den Niedriglohnländern wie Bangladesch, Vietnam, China oder Kambodscha sich darstellt. Auch mit allen negativen Folgen wie Einstürze von Fabrikgebäuden die unter sich die Mehrzahl der Arbeiter begraben.

Eine Krise tritt nach Marx dann auf, wenn die produzierten Waren, die in den Zirkulationsprozeß abgegeben wurden, nicht mehr verkäuflich sind. Eine weitere Bedingung ist, dass bei einigen Unternehmen die Maschinerie inner- halb der Produktion langsam aber sicher veraltet und die darauf entfallenden hohen Kosten in das Produkt weitergegeben werden. Kann ein Produkt von einem anderen Kapitalisten mit einer besseren Maschinerie hergestellt werden sinken in diesem Falle die Kosten für das Produkt. Damit kann das Produkt auf dem Markt zu einem niedrigeren Preis angeboten werden. Dieser niedrige- re Preis kann durch die „veraltetet“ Produktionsweise (mit alter Maschinerie) nicht mehr erreicht werden, sondern nur ein höherer Preis. Bleibt es bei diesen Voraussetzungen wird über kurz oder lang derjenige Kapitalist seine Produk- tion einstellen müssen der aufgrund der höheren Produktionspreise und damit aufgrund der ungünstigeren organischen Zusammensetzung seines Kapitals3 die Produkte herstellen kann. Ist, aus Sicht des Kapitalisten, der Anteil leben- diger Arbeit in dieser organischen Zusammensetzung zu hoch, wird zu zu hohen Kosten produziert die sich letztlich im Preis der Ware niederschlagen. Damit kann die Ware nur zu diesem hohen Preis auf dem Markt angeboten werden. Verändert sich die organische Zusammensetzung in dieser Produktionsspähre dahingehend dass zur Produktion der gleichen Ware ein geringerer Einsatz von menschlicher Arbeitskraft benötigt wird, und kann das gleiche Produkt mit einem höheren Einsatz von Maschinen zu einem niedrigeren Preis hergestellt werden, wird sich der erzielbare Profit aus dieser Ware für den einzelnen Ka- pitalisten erhöhen. Dies deswegen, weil das Produkt zu einem niedrigen Preis auf dem Markt angeboten werden kann. Und da bei gleichem Produkt, aber unterschiedlichen Preise, die Konsumenten immer dahin tendieren das gleiche Produkt mit dem niedrigeren Preis zu kaufen, sinkt der Profit für denjenigen Einzelkapitalisten der nur zu den „veralteten“ Produktionsbedingungen produ- zieren kann. Kann der Einzelkapitalist aber seine Ware nicht mehr verkaufen, also keinen Profit realisieren, wird er seine Produktion einstellen müssen. Alter- nativ dazu kann der unprofitable Kapitalist seine Produktionsweise dahinge- hend anpassen, dass er die neuen Maschinen (oder ein noch neueres Modell) in der Produktion einsetzt. Was ihn dann in die Lage versetzt zu einem noch nied- rigeren Preis seine Produkte anzubieten und zu verkaufen und so wieder einen Profit zu realisieren. Dies veranlasst den dann rückständig gewordenen Kapi- talisten seine Produktion wieder zu modernisieren um damit zu einem noch niedriegeren Preis seine Produkte zu verkaufen und seinen Profit zu realisie- ren. Dieser Mechanismus gilt für einzelne Produktionsspähren (z. B. Autobau, Maschinenbau, Softwareentwicklung etc.) wie für die gesamte Volkswirtschaft eines Landes.

Allgemein drückt sich hier die Konkurrenz innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise aus. Durch ständige Erneuerung der Produktion wird die ka- pitalistische Produktionsweise immer wieder auf den neuesten Stand gebracht (revolutioniert, wie Marx sagt). Damit wird sichergestellt, dass die Profite von den Kapitalisten immer wieder angeeignet werden können. Es besteht aller- dings auch immer die Gefahr des totalen Unterganges (des Bankrotts) des ein- zelnen Kapitalisten. Dies ist die „revolutionäre Aufgabe“ der Bourgeoisie: die immerwährende Revolution der Produktionsweise durch immer neue Verbesse- rungen und Veränderungen. Der Hauptantrieb dabei ist nicht die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse, sondern die Erhöhung des Profites. Die Arbeiterklasse hat von diesen Revolutionen nur insofern etwas als die Ar- beitsbedingungen in den Fabriken sich verbessern, solange es profitabel für den Kapitalisten ist. Soziale Errungenschaften, massive Arbeitszeitverkürzungen, technische Entwicklungen zur allgemeinen Verbesserung der Lebensbedingun- gen der Arbeiterklasse finden ebenfalls nicht statt. Solche, für die Arbeiterklas- se wichtigen Dinge, werden ausschließlich über den Arbeitskampf, den Kampf zwischen Arbeiter- und Kapitalistenklasse errungen.

Hier lohnt es sich, einen kurzen Blick auf die Kategorien der Profitrate, der Durchschnittsprofitrate sowie des Gesetzes des tendenziellen Falles der Pro- fitrate zu werfen, wie sie von Marx entwickelt wurden. Dabei schärft sich das Verständnis für diese durch nichts zu erklärende Gier nach immer mehr Profit.

1.1 Die Profitrate

Marx entwickelt den Begriff der Profitrate als Oberflächenerscheinung von Gesellschaften mit kapitalistischer Produktionsweise. Auf den ersten Blick ist der Begriff des Profites für jeden verständlich, ganz im Gegensatz zum Begriff des Mehrwertes oder der Rate des Mehrwertes.4

Offensichtlich lauert unter der Oberfläche der Profitrate eine Form die sich erst in die Profitrate verwandeln muss. Diese Form ist der Mehrwert und die daraus entstehende Rate des Mehrwerts. Damit sind wir im Kern der kapita- listischen Gesellschaft angekommen: dem Ursprung der Mehrwertrate resp. der Profitrate.

Marx stellt die Rate des Mehrwerts in folgender Formel dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

wobei m dem produzierten Mehrwert und v dem vorgeschossenen variablen Kapital entspricht. Das variable Kapital kann dabei als die im gesamten kapitalistischen Produktionsprozess verausgabten Arbeitszeit der Arbeitskräfte sich vorgestellt werden.

Diese Formel ist dem Kapitalisten, dem Anwender der Arbeitskraft, aller- dings vollkommen gleichgültig. Er interessiert sich nur dafür, wie sein gesam- tes eingesetztes Kapital sich verwertet. Das ist es was für ihn direkt greif- bar ist und in sein Bewußtsein dringt. Er wird Kapital für konstantes Kapital verausgaben, also Produktionsmittel. Ebenso wird er Kapital verauslagen für Arbeitslöhne, also variables Kapital; d.h. er kauft verfügbare Arbeitskraft die auf dem Arbeitsmarkt angeboten wird. Das Angebot an Arbeitskraft wird von Menschen gemacht, die nur ihre Arbeitskraft verkaufen können und dafür einen Lohn erhalten. Dann erwartet der Kapitalist noch einen entsprechenden Ge- winn aus dem Verkauf der mit dem konstanten und variablen Kapitalvorschuss hergestellten Waren. Dieser Gewinn wird im Bewußtsein des Kapitalisten nicht als abgepresste Mehrarbeit der Arbeitskräfte erfasst, sondern als Risikozuschlag auf das von ihm eingesetzte Kapital.

Was vom Kapitalisten gesehen wird ist, dass ein Gesamtkapital eingesetzt wird. Aus dieser Sichtweise stellt sich die Verwandlung der Rate des Mehrwerts (dieses für den Kapitalisten unsichtbar Wirkende) als Profitrate dann so dar, dass der erzeugte Mehrwert auf das Gesamtkapital bezogen wird. Wobei das Gesamtkapital aus der Sicht des Kapitalisten, der das Kapital vorschießt, sich eben aus den konstanten und variablen Kapitalteilen zusammensetzt. Damit stellt sich der Mehrwert für den Kapitalisten immer als ein Überschuss über das Gesamtkapital dar, dem von Seiten der Kapitalisten die Bezeichnung Profit gegeben wird.

Und damit kann die Profitrate in folgende Formel gefasst werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wobei m weiterhin dem produzierten Mehrwert entspricht und v der eingesetz- ten Arbeitskraft (als variabler Kapitalanteil). C stellt das gesamte eingesetzte (vorgeschossene) Kapital dar das sich aus Sicht des Kapitalisten profitabel ver- mehren soll. Das ist es dann auch was den Kapitalisten als einziges interessiert: wie amortisiert sich mein gesamtes eingesetztes Kapital? Und wie hoch ist mein Profit?. Da die einzige Maßgabe hinsichtlich der Profithöhe in Gesellschaften mit kapitalistischer Produktionsweise diejenige ist, möglichst viel und hohen Profit zu erzielen, wird an dieser Rate im Kapitalismus alles gemessen.

Mit der Formulierung der Kategorie Profitrate , und deren Herleitung aus der dahinter versteckten Kategorie der Rate des Mehrwerts, ist eine wesentliche Kategorie von Gesellschaften mit kapitalistischen Wirtschaftssystemen entwi- ckelt. Gleichzeitig damit wird der reale Ausbeutungsprozess der innerhalb des kapitalistischen Produktionsprozesse vor sich geht, verschleiert. Der Profitra- te sieht man nicht mehr an, dass in ihr menschliche Arbeitskraft (und zwar mehr als zu ihrer Reproduktion notwendig ist) innerhalb des kapitalistischen Produktionsprozesses ausgegeben wurde. Die Verausgabung erscheint nur als „variables Kapital“ in der Formel der Profitrate. Dabei versteckt diese Katego- rie alles an Dreck, Blut, Unterdrückung, Hunger, Armut und Unmenschlichkeit des Kapitalismus. Es muss immer der kapitalistische Produktionsprozess, mit der Verausgabung von menschlicher Arbeitskraft, bei Erwähnung dieser Kate- gorie mitgedacht werden. Im folgenden wird daher ausschließlich die Profitrate betrachtet und nicht mehr im Detail auf die Rate des Mehrwerts eingegangen.

1.2 Die Durchschnittsprofitrate

Dass einzige Interesse der Kapitalisten besteht, wie ausgeführt, darin, das ge- samte eingesetzte Kapital möglichst profitabel zu verwerten, unabhängig davon welche Bestandteile (sei es nun konstantes oder variables Kapital) dieses Kapi- tal aufweist. Es wird also ein gesamtes Kapital betrachtet und der Verwertung zugeführt.

Bei der Verwertung des eingesetzten Kapitals wird von den Kapitalisten versucht die maximale Profitrate zu erzielen. Dies gelingt nicht immer, da in- nerhalb eines Produktionszweiges mehr als ein Kapitalist sich bemüht seine produzierten Waren möglichst profitabel für sich zu verkaufen. Damit machen sich die Kapitalisten, die die gleichen oder ähnliche Waren herstellen, unter- einander Konkurrenz. Die Erzielung der maximalen Profitrate, und damit des maximalen Profites, ist damit für Bereiche in denen eine größere Anzahl von Kapitalisten sich bewegen ausgeschlossen. Vielmehr wird hier nur eine durch- schnittliche Profitrate für den einzelnen Kapitalisten zu erzielen sein. Marx analysiert diesen Zustand so:

„Und wenn die Ausgleichung der Arbeitslöhne und Arbeitsta- ge und daher der Rate des Mehrwerts zwischen verschiednen Pro- duktionsspähren, ja selbst zwischen verschiednen Kapitalanlagen in derselben Produktionsspähre durch vielerlei lokale Hindernisse auf- gehalten wird, so vollzieht sie sich doch mehr und mehr mit dem Fortschritt der kapitalistischen Produktion und der Unterordnung aller ökonomischen Verhältnisse unter diese Produktionsweise.“5

Das bedeutet nichts anderes als dass in jeder einzelnen Produktionssphäre, unabhängig von den jeweils anderen Produktionssphären, sich eine eigene Pro- fitrate herausbildet. Werden, in einer kapitalistischen Gesellschaft als grobe Annäherung, die erzielten Gewinne der Unternehmen in den verschiedenen Pro- duktionsspähren (Bauwirtschaft, Landwirtschaft, Herstellendes Gewerbe) zum Maßstab genommen, ist leicht zu erkennen, dass in jedem dieser Bereiche eine andere Profitrate realisiert wird. An dieser „Spähren“- Profitrate orientiert sich derjenige Kapitalist der Kapital in dieser Spähre anlegen will. Die Erwartungs- haltung der Kapitalisten ist jetzt, dass mindestens diese „Spähren“-Profitrate von dem investierten Kapital zurückfließen soll. Wie kommt es aber zu diesen unterschiedlichen Profitraten in den unterschiedlichen Produktionsspähren?

Bedingt durch die unterschiedlichen organischen Zusammensetzungen des Kapitals6 Innerhalb des kapitalistischen Produktionsprozesses werden die un- terschiedlichen Profitraten erzeugt. Entscheidend ist aber immer, wie viel le- bendige Arbeitskraft ein bestimmtes Kapital in einem bestimmten Produkti- onsprozess in Bewegung setzen kann. Marx analysierte diesen Prozeß so:

„Da also Kapitale in verschiednen Produktionsspähren, prozen- tig betrachtet - oder gleich große Kapitale -, sich ungleich einteilen in konstantes und variables Element, ungleich viel lebendige Arbeit in Bewegung setzen und daher ungleich viel Mehrwert, also Pro- fit erzeugen, so ist die Rate des Profits, die eben in der prozentigen Berechnung des Mehrwerts auf das Gesamtkapital besteht, in ihnen verschieden.“7

Das bedeutet, dass je mehr lebendige Arbeitskraft von einem Kapital in Be- wegung gesetzt wird, desto höher wird die Rate des Mehrwerts ausfallen und damit die Profitrate für dieses Kapital. Damit gilt, dass Kapitale von gleicher organischer Zusammensetzung gleich große Profite erzeugen, egal in welcher Produktionssphäre sie eingesetzt werden. Es wird hier also nicht mehr jedes einzelne Kapital in einer individuellen Produktionssphäre betrachtet, sondern es werden jetzt allgemein Kapitale betrachtet; Geld das in Kapital verwandelt wurde und jetzt wieder in den kapitalistischen Produktionsprozess geworfen wird mit der Maßgabe möglichst hohen Profit zu erzielen. Unter diesem Ge- sichtspunkt betrachtet auch der individuelle Kapitalist sein Kapital: was be- komme ich an Profit zurück wenn ich mein Kapital einsetze?

Und damit nähern wir uns langsam der Bildung der Durchschnittsprofitra- te. Von außen betrachtet, aus der Sichtweise des Kapitalisten der Kapital vor- schießt, soll das eingesetzte Kapital in einer bestimmten Produktionssphäre (z.B. der IT-Industrie) den in dieser Sphäre vorherrschenden durchschnittli- chen Profit abwerfen. Dem Kapitalisten ist es gleichgültig wie sich die organi- sche Zusammensetzung des Kapitals in dieser Sphäre darstellt. Ihm geht es um die Verwertung seines vorgeschossenen Kapitals. Da es um die höchstmögliche Verwertung des Kapitals geht, wird sich der Kapitalist diejenige Produktionss- phäre suchen, in der sein Kapital den höchsten Ertrag abwirft. Damit beginnt

Aneignung der Natur durch die menschliche Arbeitskraft. Zum Beispiel war die Aneignung der Natur durch die Arbeitskraft im Mittelalter, der bestimmte historische Arbeitsprozess mit den entsprechenden Arbeitsmittel, ein deutlich anderer als der Naturaneignungsprozeß im Kapitalismus des zwanzigsten Jahrhunderts. Die organische Zusammensetzung des Kapitals ist damit als ein historischer Moment im Aneigungsprozeß der Natur durch den Menschen bestimmt und verändert sich permanent. Diese permanente Veränderung wird herbeigeführt durch das unendliche und maßlose Streben der Kapitalisten nach Profit. Um den individuellen Profit immer weiter zu erhöhen, wird die organische Zusammensetzung, damit das eingesetzte Gesamtkapital, immer wieder umgewälzt, rationalisiert und in anderen Proportionen wieder zusammengefügt um einen möglichst hohen Profit zu erzielen. Dieser Konkurrenzkampf um den Profitanteil führt letztendlich dazu, dass nur die effektivsten und stärksten Kapitalisten mit ihrem optimal gestalteten Produktionsprozess übrig bleiben und Profit realisieren kön- nen. Nichts desto trotz ist dies ein immerwährender Prozess! Vergessen werden darf dabei nicht, dass die „Wertschöpfung“ aus diesem Prozeß immer „. . . Umsatz von Arbeitskraft in Arbeit (ist). Ihrerseits ist die Arbeitskraft vor allem in menschlichen Organismus umgesetzter Naturstoff.“ Marx, Das Kapital. Erster Band: Der Produktionsprozeßdes Kapitals, S. 229 der Vergleich völlig disparater Produktionsspähren miteinander. Dies kann der Kapitalist auch tun, da, wie gesagt, für ihn vollkommen gleichgültig ist wie sich die organische Zusammensetzung des Kapitals darstellt. Für ihn ist es auch gleichgültig was die einzelnen Elemente des Kapitals, nämlich das konstante und das variable Kapital, kosten. Er betrachtet das gesamte Kapital als Vorschuss ohne weitere Differenzierungen zwischen konstantem und variablen Kapital. Was für denjenigen Kapitalisten der das Kapital vorschießt wieder heraus kommen soll, ist mindestens die durchschnittliche Profitrate in derjenigen Produktionssphäre in der er sein Kapital anlegt.

Wie kann die Konkurrenz der Unternehmen in dieser Produktionsspähre dazu beitragen, dass sich eine durchschnittliche Profirate bildet? Es mögen in dieser Produktionsspähre Unternehmen existieren die fast aus-schließlich mit konstantem Kapitaleinsatz arbeiten und sehr wenig Arbeitskräf-te (also variables Kapital) beschäftigen. Dies können in der IT-Industrie zum Beispiel Unternehmen sein, die sogenannte Serverparks betreiben. Also fast ausschließlich Hardware besitzen und diese an ihre Kunden vermieten. Anderer-seits gibt es in dieser Produktionsspähre Unternehmen die Software entwickeln und dementsprechend viele Ingenieure beschäftigen, also fast ausschließlich va-riables Kapital. Zwischen diesen beiden Formen sind alle weiteren Kombinatio-nen von Maschinen und Arbeitskräften denkbar. Alle diese Unternehmen sind in einer Produktionsspähre versammelt und erzeugen unterschiedliche indivi-duelle Profitraten.

Auf Basis der Produktion wird die Herstellung der durchschnittlichen Profitrate von Marx so analysiert:

„[ . . . ] daß die Kostpreise dieselben sind für Produkte verschied- ner Produktionsspähren, in deren Produktion gleich große Kapi- talteile vorgeschossen sind, wie verschieden immer die organische Zusammensetzung dieser Kapitale sein möge. Im Kostpreis fällt der Unterschied von variablem und konstantem Kapital für den Kapita- listen fort. [ . . . ] Diese Gleichheit der Kostpreise bildet die Basis der Konkurrenz der Kapitalanlagen, wodurch der Durchschnittsprofit hergestellt wird.“8

Mit diesen Kostpreisen werden die Waren am Markt angeboten und damit der Konkurrenz der anderen Waren auf dem Markt ausgesetzt. Vermittelt über die Konkurrenz werden nun die gültigen Marktpreise und Marktwerte, inner- halb einer Produktionsspähre, hergestellt. Dies bedeutet, dass für gleichartige Produkte innerhalb einer Spähre ein Produktionspreis ermittelt wird. Dieser Produktionspreis erlangt Gültigkeit auch wenn er ausserhalb der eigentlichen Produktionsspähre verwendet wird. Wird der gleiche Preis in einer weiteren Spähre verwendet, dann führt dies zu einer Angleichung der Profitraten zwi-

schen den einzelnen Spähren und zur Herausbildung einer gesellschaftlichen Durchschnittsprofitrate, die über alle Spähren hinweg Gültigkeit erlangt.9 Jetzt sind wird bei der gesellschaftlichen Durchschnittsprofitrate angekom-men. Nur auf diese wird in den weiteren Ausführungen Bezug genommen. In Marxens Worten:

„Demgemäß sind die Profitraten, die in verschiednen Produktions- zweigen herrschen, ursprünglich sehr verschieden. Diese verschied- nen Profitraten werden durch die Konkurrenz zu einer allgemeinen Profitrate ausgeglichen, welche der Durchschnitt aller dieser ver- schiednen Profitraten ist. Der Profit, der entsprechend dieser all- gemeinen Profitrate auf ein Kapital von gegebner Größe fällt, wel- ches immer seine organische Zusammensetzung, heißt der Durch- schnittsprofit.“10

Bei Marx stellt sich die Sache noch etwas komplexer dar: Die durch die Konkurrenz der Einzelkapitale hergestellte Durchschnittsprofitrate ist der pro- zentig berechnete Anteil auf die mittlere Zusammensetzung des Kapitals in der Spähre. Die Profitrate ist damit für alle Produktionsspähren gleich, da sie durch die Konkurrenz immer auf die mittlere Zusammensetzung ausgeglichen wird. Für die obige Darstellung kann die Vereinfachung übernommen werden. Sie ändert nichts an der Grundtatsache der Herstellung einer durchschnittli- chen Profitrate durch die Konkurrenz der Kapitale zueinander. Genau diesen gesellschaftlichen Durchschnittsprofit will der Kapitalist aus seinem vorgeschos- senen Kapital erzielen. Auf diese gesellschaftliche Durchschnittsprofitrate wird sich bezogen, wenn heute gesagt wird, dass die voraussichtlich erzielbare Ren- dite des eingesetzten Kapitals 15 Prozent beträgt. Im Kern geht es darum, dass der Kapitalist das für den Produktionsprozeß notwendige Kapital zurückerhält (um es wiederum in die Produktion werfen zu können für einen weiteren Um- lauf) sowie einen Anteil am Gesamtprofit des gesellschaftlich erzeugten Profits, der über alle Spähren hinweg erzeugt wurde.11 Das ist die für jeden Kapitalis- ten gültige Sichtweise: das vorgeschossene Kapital muss mindestens zur Gänze

zurückkommen, vermehrt um den dem vorgeschossenen Kapitalanteil zustehenden gesellschaftlichen Durchschnittsprofit. Dabei spielt es keine Rolle wie sich das Kapital zusammensetzt. Wichtig ist der Rückfluss vermehrt um den Profit. Das Bewußtsein des Kapitalisten bestimmt sich daher aus der Ausgleichung der Profitraten, der Konkurrenz. Zumal die Konkurrenz wirkliche Unterschiede in den Kapitalen ausgleicht: wer nicht mehr konkurrenzfähig genug ist, sprich: wessen Kapital in seiner organischen Zusammensetzung nicht mehr die Durchschnittsprofitrate erzielt, fällt aus der Produktion heraus, wird insolvent oder muss Konkurs anmelden. Marx analysierte die Konkurrenz ganz treffend als das Bewußtsein der Kapitalistenklasse bestimmend:

„Was aber die Konkurrenz nicht zeigt, das ist die Wertbestim- mung, die die Bewegung der Produktion beherrscht; das sind die Werte, die hinter den Produktionspreisen stehn und sie in letzter Instanz bestimmen. Die Konkurrenz zeigt dagegen: 1. die Durch- schnittsprofite, [ . . . ] 2. Steigen und Fallen der Produktionspreise in- folge von Wechsel in der Höhe des Arbeitslohns - [ . . . ] 3. Schwankun- gen der Marktpreise, die den Durchschnittsmarktpreis der Waren in einer gegebnen Zeitperiode reduzieren, nicht auf den Markt wert, sondern auf einen von diesem Marktwert abweichenden, sehr ver- schiednen Marktproduktionspreis. [ . . . ] Es erscheint also in der Kon- kurrenz alles verkehrt. [ . . . ] Nachdem sich die Durchschnittspreise und ihnen entsprechende Marktpreise für eine Zeitlang befestigt ha- ben, tritt es in das Bewußtsein der einzelnen Kapitalisten, daß in dieser Ausgleichung bestimmte Unterschiede ausgeglichen werden, [ . . . ] “12

Auch wenn in der Konkurrenz alles verkehrt erscheint, erscheint es auf der Oberfläche kapitalistischer Gesellschaften für den Kapitalisten als das Richtige. An diesen verkehrten Formen orientiert sich dann das Bewußtsein der Kapitalisten. Ebenso orientiert es sich durch die Teilnahme am gesamtwirtschaftlichen Reichtum, vermittelt über die Durchschnittsprofitrate (und sei der betreffende Teil noch so gering). Dieses Bewußtsein bestimmt sich dann dahingehend, dass aus dem gezogenen Teil des gesellschaftlichen Reichtums eine gesellschaftliche Machtstellung, sei es als Klasse oder als Individuum13 abgeleitet wird. Nichts wäre einfacher, als diese Bewußtseinsform aufzulösen.

Wobei die Auflösung des Kapitalismus hinter dem Rücken der Kapitalisten schon tätig ist. Durch die fortschreitende Produktivkraftentwicklung verändert sich permanent die organische Zusammensetzung des Kapitals. Normalerweise wird dann variables Kapital (Arbeitskräfte) durch konstantes Kapital (Ma- schinen) ersetzt bzw. es wird eine verbesserte Maschine eingesetzt bei gleicher Anzahl der Arbeitskräfte. Mit dieser verbesserten Maschine ist es möglich eine höhere Anzahl von Produkten bei gleicher (oder reduzierter) Zahl von Ar- beitskräften zu erzeugen. Das bedeutet eine relative Abnahme des variablen Kapitals gegenüber dem konstanten Kapital. Aufgrund der oben entwickelten Formel der Profitrate, fängt diese an tendenziell zu sinken. Das bedeutet für die kapitalistische Entwicklung: durch die immer weiter fortschreitende Entwick- lung der Produktivkräfte, und der damit zusammenhängenden Veränderung der organischen Zusammensetzung des Kapitals, sinkt tendenziell die allgemei- ne, durchschnittliche Profitrate.

Marx hat diese tendenziell fallende Profitrate sehr genau erkannt:

„Dieselbe Rate des Mehrwerts, bei unverändertem Exploitati- onsgrad der Arbeit, würde sich so in einer fallenden Profitrate aus- drücken, weil mit seinem materiellen Umfang, wenn auch nicht im selben Verhältnis, auch der Wertumfang des konstanten und da- mit des Gesamtkapitals wächst. Nimmt man nun ferner an, daß diese graduelle Veränderung in der Zusammensetzung des Kapitals sich nicht bloß in vereinzelten Produktionsspähren zuträgt, sondern mehr oder weniger in allen oder doch in den entscheidenden Pro- duktionsspähren, daß sie also Veränderungen in der organischen Zusammensetzung des einer bestimmten Gesellschaft angehörigen Gesamtkapitals einschließt, so muß dies allmähliche Anwachsen des konstanten Kapitals, im Verhältnis zum variablen, notwendig zum Resultat haben einen graduellen Fall in der allgemeinen Profitra- te bei gleichbleibender Rate des Mehrwerts oder gleichbleibendem Exploitationsgrad der Arbeit durch das Kapital. [ . . . ] Diese fort- schreitende relative Abnahme des variablen Kapitals im Verhältnis zum konstanten und daher zum Gesamtkapital ist identisch mit der fortschreitenden höhern organischen Zusammensetzung des ge- sellschaftlichen Kapitals in seinem Durchschnitt. Es ist ebenso nur ein andrer Ausdruck für die fortschreitende Entwicklung der gesell- schaftlichen Produktivkraft der Arbeit, [ . . . ]“14

Dies beschreibt sehr gut den Bewegungsprozeß von Gesellschaften in denen kapitalistische Produktionsweise vorherrscht:

- der ständige Konkurrenzkampf der einzelnen Kapitalisten untereinander
- das Streben nach dem maximalen Profit
- der permanenten Veränderung der Produktion (der organischen Zusam- mensetzung des Kapitals) und damit der permanenten Optimierung der Produktionsweise

sorgt der Kapitalismus letztendlich selbst für seine Beseitigung. Nichts desto trotz darf die diesem dialektischen Prozeß innewohnende Kraft auf gar keinen Fall unterschätzt werden - auch wenn sie von der Kapitalistenklasse als bewußtloser Prozeß vollzogen wird.

Auf dieser Basis findet in kapitalistisch determinierten Gesellschaften der soziale, gesellschaftliche Fortschritt statt. An dieser Basis kann angesetzt wer- den um den sozialen Fortschritt in eine andere, bessere Richtung zu lenken: nämlich hin zu gesellschaftlich geplanter Produktion und Warenversorgung.

1.3 Der tendenzielle Fall der Profitrate

Nachdem Marx die Bildung der allgemeinen Durchschnittsprofitrate dargestellt hat, geht er in der Anlyse einen Schritt weiter. Der Drang, und der einzige Be- weggrund, der Kapitalisten ist, soviel Profit wie möglich mit dem eingesetzten Kapital zu erzielen. Zu diesem Zweck ist es notwendig, die Produktivkräfte permanent zu revolutionieren und damit den Profit zu steigern. Die perma- nente Veränderung der Produktivkräfte findet über die Konkurrenz der Ka- pitalisten untereinander statt. In der Konkurrenz, also der Realisierung des Wertes der Waren (spezieller der Kostpreise) über die Zirkulation, stellt sich heraus, ob das eingesetzte Kapital sich verwerten kann und den gewünschten Durchschnittsprofit abwirft. Ist dies nicht der Fall, ist die Produktivkraft des eingesetzten Kapitals verschieden von den anderen Kapitalien in der gleichen Sphäre und damit nicht konkurrenzfähig. Wenn dies der Fall ist, dann muss die Produktivkraft an die durchschnittliche Produktivkraft angepasst werden, damit das eingesetzte Kapital den gewünschten Durchschnittsprofit abwirft. Eine Steigerung der Produktivkraft des eingesetzten Kapitals wird durch die Veränderung der organischen Zusammensetzung des Kapitals erreicht. Dabei nimmt der Anteil des konstanten Kapitals zu und dementsprechend der Anteil des variablen Kapitals, relativ betrachtet, ab. Entsprechend der Formel für die

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

fängt diese an zu sinken. Unabhängig von diesem Sinken der Profitrate bleibt die Rate des Mehrwerts konstant. Die grundlegende Bedingung für den ten- denziellen Fall der Profitrate ist also steigende Produktivität der Arbeit bei gleichbleibender Rate des Mehrwerts. Dies bedeutet, dass eine Volkswirtschaft sehr wohl Produktivitätssteigerungen, also Wohlfahrtssteigerungen für alle, ha- ben kann, obwohl die Profitrate für die Einzelkapitalisten fällt. Die Produkti- vitätssteigerungen können dadurch herbeigeführt werden, dass entweder mehr konstantes Kapital, also mehr Maschinerie, im Produktionsprozess eingesetzt wird oder vermehrt Arbeitskräfte, also variables Kapital, aus dem Produkti- onsprozess entfernt wird. Auch in diesem, für den Kapitalismus typischen Zu- stand, werden Wohlfahrtssteigerungen, und damit Steigerungen des Reichtums der gesamten Gesellschaft, in einem begrenzten Umfang erzielt. Was passiert in dem umgekehrten Falle, nämlich dem dass immer mehr va-riables Kapital, damit verstärkt immer mehr Arbeitskräfte in den Produktions-prozess einbezogen werden? In diesem Falle steigt die gesamte, zur Verfügung stehende Profitmasse für die Kapitalisten an. Gleichzeitig sinkt aber die Pro-fitrate . Bedingt durch die oben gezeigte Formel fällt dann, relativ betrachtet, der Anteil des konstanten Kapitals und damit sinkt die Profitrate. Es bleibt also immer beim gleichen Ergebnis: egal ob Arbeitskraft aus dem Produktionsprozess rausgeworfen wird oder verstärkt einrolliert wird, die Durchschnittsprofitrate fällt immer. In Falle, dass Arbeitskraft vermehrt in den Produktionsprozess einbezogen wird, sinkt die Durchschnittsprofitrate langsa-mer ab, als im umgekehrten Falle.

Als Umkehrschluss aus dem langsamen Sinken der Durchschnittsprofitra- te würde es denn ein schnelles Sinken der Durchschnittsprofitrate bedeuten, wenn immer mehr variables Kapital (sprich: Arbeitskräfte) aus dem Produk- tionsprozess freigesetzt würden? In der Tat, dies würde es bedeuten. Um die Freisetzung der Arbeitskräfte, und damit den Fall der Durchschnittsprofitrate aufzuhalten, müsste verstärkt konstantes Kapital in den Produktionsprozess einbezogen werden. Dies bedeutet allerdings eine verstärkte Akkumulation des Kapitals. Eine fallende Durchschnittsprofitrate und eine erhöhte Akkumulation schließen sich also nicht gegenseitig aus, sondern bedingen sich sogar. Denn, je mehr der Anteil des variablen Kapitals (der Arbeitskraft) fällt, desto stärker muss das Gesamtkapital wachsen.

Marx hat dies genau erkannt:

„Also diesselbe Entwicklung der gesellschaftlichen Produktiv- kraft der Arbeit drückt sich im Fortschritt der kapitalistischen Pro- duktionsweise aus einerseits in einer Tendenz zu fortschreitendem Fall der Profitrate und andrerseits in beständigem Wachstum der absoluten Masse des angeeigneten Mehrwerts oder Profits; so daß im ganzen der relativen Abnahme des variablen Kapitals und Pro- fits eine absolute Zunahme beider entspricht. Diese doppelseitige Wirkung kann sich, wie gezeigt, nur darstellen in einem Wachstum des Gesamtkapitals in rascherer Progression als die, worin die Pro- fitrate fällt. [ . . . ] Es folgt hieraus, daß, je mehr die kapitalistische Produktionsweise sich entwickelt, eine immer größre Kapitalmenge nötig ist, um dieselbe und mehr noch eine wachsende Arbeitskraft zu beschäftigen. Die steigende Produktivkraft der Arbeit erzeugt also, auf kapitalistischer Grundlage, mit Notwendigkeit eine per- manent scheinbare Arbeiterübervölkerung.“15

Die Folge aus dieser permanenten Jagd nach einer höheren Durchschnittspro- fitrate ist, dass durch die steigende Produktivkraft der Arbeit die gesellschaft- liche Entwicklung ebenfalls zunimmt und sich dabei beschleunigt. Das bedeu- tet aber nicht, dass der gesellschaftliche Fortschritt positive Auswirkungen auf die Arbeiterklasse hat. Der gesellschaftliche Fortschritt findet nur immer dann statt, wenn durch die Kapitalistenklasse eine Chance erkannt wird, aus dieser Entwicklung einen höheren Profit herauszuschlagen. Der Gegensatz dazu ist, dass trotz steigender Produktivkraft (und damit steigendem gesellschaftlichen Reichtum), die Menge der Beschäftigten sinkt, sich also das Heer der Arbeits- losen immer weiter vergrößert.16 Eine Form des gesellschaftlichen Fortschritts könnte darin bestehen, dass immer mehr Menschen immer weniger arbeiten müssen und durch den gesellschaftlichen Reichtum alimentiert wird.17 Diese Entwicklung kann nur eintreten wenn die Produktionselemente in der Hand der Arbeiterklasse sind, also vergesellschaftet. Erst dann kann die revolutio- näre Änderung der Produktionsmittel dazu genutzt werden, die Unterdrückten aus der Unterdrückung zu befreien und zu sich selbst zu bringen.

Es zeigt sich hier, im Gesetz des tendenziellen Falles der Profitrate, im Zusammenspiel der Konkurrenz sowie der ständigen Veränderung der organischen Zusammensetzung des Kapitals und der permanenten Jagd nach Profit, die Grenzen des Kapitalismus bzw. der Verwertung des Wertes in einer kapitalistischen Gesellschaft.

„Das Wichtige aber in ihrem Horror vor der fallenden Profitra- te ist das Gefühl, daß die kapitalistische Produktionsweise an der Entwicklung der Produktivkräfte eine Schranke findet, die nichts mit der Produktion des Reichtums als solcher zu tun hat; und die- se eigentümliche Schranke bezeugt die Beschränktheit und den nur historischen, vorübergehenden Charakter der kapitalistischen Pro- duktionsweise; [ . . . ]“18

Von Marx wird hier die „innere Schranke“ der kapitalistischen Produktion auf- gezeigt19 ebenso wie der historische und vorübergehende Charakter des Kapi- talismus. Auf der anderen Seite ist die kapitalistische Produktionsweise damit noch lange nicht gestorben. Der Kapitalismus hat sich als ungeheuer flexibel und anpassungsfähig erwiesen, was er über die Jahrhunderte gezeigt hat. Trotz dieser anscheinend unendlichen Flexibilität und der immer wieder einsetzenden Akkumulation sinkt die Profitrate immer weiter. Akkumulation und sinkende Profitrate sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Sie gehören einfach zusammen. In Marxens Worten ausgedrückt liest sich das dann so:

„Fall der Profitrate und beschleunigte Akkumulation sind in- sofern nur verschiedne Ausdrücke desselben Prozesses, als beide die Entwicklung der Produktivkraft ausdrücken. Die Akkumulati- on ihrerseits beschleunigt den Fall der Profitrate, sofern mit ihr die Konzentration der Arbeiten auf großer Stufenleiter und damit ei- ne höhere Zusammensetzung des Kapitals gegeben ist. Andrerseits beschleunigt der Fall der Profitrate wieder die Konzentration des Kapitals und seine Zentralisation durch die Enteignung der kleinern Kapitalisten, durch die Expropriation des letzten Rests der unmit- telbaren Produzenten, bei denen noch etwas zu expropriieren ist. Dadurch wird andrerseits die Akkumulation, der Masse nach, be- schleunigt, obgleich mit der Profitrate die Rate der Akkumulation wächst. Andrerseits, soweit die Rate der Verwertung des Gesamt- kapitals, die Profitrate, der Stachel der kapitalistischen Produktion ist (wie die Verwertung des Kapitals ihr einziger Zweck), verlang- samt ihr Fall die Bildung neuer selbständiger Kapitale und erscheint so als bedrohlich für die Entwicklung des kapitalistischen Produk- tionsprozesses; er befördert Überproduktion, Spekulation, Krisen, überflüssiges Kapital neben überflüssiger Bevölkerung.“20

Dies beschreibt den Prozeß der Abhängigkeiten innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise sehr genau und rekurriert nicht auf eine statische Ökonomie, sondern auf makroökonomische Kreislaufzusammenhänge. Ebenso wird hier klar, dass die kapitalistische Produktionsweise eine historische, und damit eine vorübergehende, ist. Sie stellt eine vergängliche Produktionsweise dar die sich durch ihre innewohnende Dymanik letztendlich selbst zerstören wird. Hören wir Marx nochmal:

„Der Widerspruch, ganz allgemein ausgedrückt, besteht darin, daß die kapitalistische Produktionsweise eine Tendenz einschließt nach absoluter Entwicklung der Produktivkräfte, abgesehn vom Wert und dem in ihm eingeschloßnen Mehrwert, auch abgesehn von den gesellschaftlichen Verhältnissen, innerhalb deren die kapitalisti- sche Produktion stattfindet; während sie andrerseits die Erhaltung des existierenden Kapitalwerts und seine Verwertung im höchsten

kräfte benötigt werden. Es existiert also ein großes Heer an arbeitslosen oder unterbeschäftigten Menschen die sich einer immer mehr wachsenden Menge von Waren gegenübersehen. Gleichzeitig sinkt dadurch, wie gezeigt, die Durchschnittsprofitrate.

Maß (d.h. stets beschleunigten Anwachs dieses Werts) zum Ziel hat. Ihr spezifischer Charakter ist auf den vorhandnen Kapitalwert als Mittel zur größtmöglichen Verwertung dieses Werts gerichtet. Die Methoden, wodurch sie dies erreicht, schließen ein: Abnahme der Profitrate, Entwertung des vorhandnen Kapitals und Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit auf Kosten der schon produzierten Produktivkräfte. [ . . . ] Die kapitalistische Produktion strebt bestän- dig, diese ihr immanenten Schranken zu überwinden, aber sie über- windet sie nur durch Mittel, die ihr diese Schranken aufs neue und auf gewaltigerm Maßstab entgegenstellen. Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst, [ . . . ]“21

Hier wird von Marx nochmals ganz klar dargestellt, dass der Kapitalismus sich selbst überleben wird, und zwar durch die bornierte Produktionsweise; und es wird gezeigt, mit welchen Mitteln dies geschieht. Aber nochmals: der Kapitalismus hat sich als sehr anpassungsfähig herausgestellt und mehr als einmal bewiesen, das kritische Situationen sehr wohl von der kapitalistischen Produktionsweise gemeistert werden können. Aus dieser Argumentation herzu- leiten dass sich der Kapitalismus von selbst aufhebt ist zu kurz gedacht. Wie schon gezeigt, hat der Kapitalismus kreative Kräfte in der Kapitalistenklasse die immer wieder einen Weg finden irgendein Produkt der Verwertung zu un- terwerfen. Eine automatische Abschaffung des Kapitalismus gibt es nicht. Erst durch eine Revolution der unterdrückten Massen kann die gesamte kapitalisti- sche Produktionsweise beseitigt werden.22

Es sollte auch nicht vergessen werden, dass Marx die fallende Profitrate als tendenziellen Fall bezeichnet hat. Es stellt ausschließlich eine Tendenz dar und kein naturwissenschaftliches Gesetz. Damit ist klargestellt, dass nur eine Tendenz in einer Entwicklung eines Parameters einer Ökonomie betrachtet wird und nichts anderes. Diese Kategorie sollte also nicht überbewertet werden, aber auch nicht unterschätzt werden da es ja eine reale beobachtbare Tendenz ist.23

Allerdings ist es mit dem Marx’schen Instrumentarium einfacher und klarer die krisenhaften Tendenzen innerhalb des Kapitalismus darzustellen und zu

interpretieren. Und nicht nur das: auch das Verhalten der Klassen zueinander, die Bewusstseinsformen der Klassen lassen sich damit erklären.

Kapitel 2 Krisenbewegungen

Durch den permanenten Zwang der Umwälzung der Produktivkräfte (der Re- volutionierung der Produktionsweise durch Veränderungen in der organischen Zusammensetzung des Kapitals) aufgrund der permanenten Konkurrenz der Kapitalisten untereinander wird das gesamte kapitalistische System instabil. Diese Instabilität des Systems kann an den äußeren typischen zyklischen Be- wegung: Boom - Krise - Abstieg - Aufschwung - Boom usw nachvollzogen wer- den. Wobei während der Krisen in kapitalistischen Ökonomien einerseits eine Kapitalvernichtung stattfindet und andererseits eine Bereinigung von überflüs- sigen Kapazitäten innerhalb der Produktionsspähren stattfindet. Eine kapita- listische Krise ist also, wie meist behauptet wird kein Unglück, sondern eine Chance für die übrig gebliebenen Kapitalisten als gesamte Klasse weiterhin ih- re Herrschaft auszuüben oder gar zu festigen. Nach einer Krise, im neuerlichen Aufschwung, bleiben die stärksten Produktionsbetriebe, und andere Betriebe wie Handelsunternehmen, übrig, die auf einer höheren, von den unproduktiven Kapitalien geklärten Stufe weiterarbeiten können. Innerhalb der Krise wird gleichzeitig die sinkende durchschnittliche Profitrate wieder konsolidiert. Das bedeutet, dass der Abwärtstrend vorübergehend aufgehalten wird bzw. sogar wieder in einen positiven Anstieg verwandelt werden kann - bis zum nächsten Abschwung.

Ein stabiles kapitalistisches System, wie von Mainstream-Ökonomen, meist neoliberaler Herkunft, propagiert wird, existiert nur in ganz winzigen Augenbli- cken. Diese winzigen Augenblicke gehen so schnell vorbei, dass es unmöglich ist diese in der Realität wahrzunehmen. Wir gehen also davon aus, dass kapitalis- tische Wirtschaftssysteme in sich instabil sind und immer auf einen instabilen Zustand hin laufen.

In der volkswirtschaftlichen Mainstream-Ökonomie werden allerdings diese Augenblicke als das Non-Plus-Ultra der ökonomischen Theorie dargestellt und analysiert. Hier dreht sich alles um das „Gleichgewicht“ auf allen möglichen Märkten. Angefangen vom Arbeitsmarkt bis zum Kapitalmarkt dreht sich hier die gesamte Theorie um die Analyse des zu erreichenden optimalen Gleichge- wichts und mit welchen Instrumenten der Wirtschaftspolitik dies zu erreichen sei.

Einerseits wird behauptet, dass ein Marktgleichgewicht sich von allein, durch den Ausgleich von Angebot und Nachfrage auf diesem Markt, herstellt und damit jeglicher Markteingriff schädlich sei. Schädlich in dem Sinne, dass ein Markteingriff der „natürlichen“ Tendenz des Marktes widerspricht sein Gleich- gewicht von alleine wieder zu erreichen. Somit verbietet sich jeglicher externe Eingriff, insbesondere durch den Staat. Vielmehr muss der Staat ebenfalls für ein Gleichgewicht in seinem Haushalt sorgen um damit das gesamtwirtschaft- liche Gleichgewicht nicht zu gefährden. Wenn es denn nicht anders geht, dann durch eine rigorose Sparpolitik, also dem Herunterfahren von staatlichen Inves- titionen, staatlich bezahlten Personal. Damit werden die sogenannten „staatli- chen Eingriffe“ reduziert und die Märkte dem „freien Spiel der Kräfte“ über- lassen. Wie schon gesagt wird das Marktgleichgewicht in diesem Modell durch den Ausgleich von Angebot und Nachfrage erreicht.

Auf der anderen Seite wird argumentiert, dass schon beim ersten erkennba- ren Anzeichen von Instabilität der Staat mittels seiner wirtschaftspolitischen Instrumente eingreifen soll. Ein Eingriff soll dahingehend erfolgen, dass über das Erzeugen einer staatlichen Nachfrage nach Investitionen (wie Infrastruk- tur, öffentliche Bauten etc.) eine Anregung der privaten Produktion stattfinden soll. Dieses Anregen der Produktion führt dazu, dass mehr Arbeitskräfte in den Produktionsprozeß einrolliert werden oder zumindest die vorhandenen Arbeits- kräfte weiter beschäftigt werden und damit keine Entlassungen stattfinden. Mit dieser Weiterbeschäftigung wird für ein konstantes Einkommen bei den Arbeitskräften gesorgt und gleichzeitig wird verhindert dass die durchschnitt- liche Profitrate für die Kapitalisten weiter sinkt; der Profit also geschmälert wird und im Extremfall die Produktion geschlossen wird. Mit dem erzielten Einkommen wird der Privatkonsum angeregt der wiederum zu einer verstärk- ten Nachfrage führt. Dies führt zu einer Minderung der Krisenerscheinungen und führt im besten Fall zu einer Überwindung der Krise und löst einen weite- ren Aufschwung aus. In diesem Aufschwung werden die in der Krise erhöhten Staatsausgaben über ein erhöhtes Steuereinkommen wieder eingenommen, so dass die Staatsschulden zurückgeführt werden können.

Der erste Ansatz ist der neoliberale der sich in den letzten Jahrzehnten auf dem Siegeszug befindet und, zumindest in der deutschen Wirtschaftspolitik, of- fensichtlich durchgesetzt hat. Der zweite Ansatz ist der keynesianische Ansatz

2.1 Krisenentwicklungen in der Bundesrepublik bis zu Beginn der 1980er Jahre

Zur Verdeutlichung und zur Anschauung soll kurz die ökonomische Entwick- lung der Bundesrepublik Deutschland betrachtet werden. Dabei wird eingesetzt mit der Betrachtung am Ende des Zweiten Weltkrieges. Von vielen Menschen wird diese Zeit einerseits noch empfunden als die totale Niederlage und Be- setzung Deutschlands durch fremde Truppen. Andererseits entsteht in genau dieser Zeit der Mythos des „Wirtschaftswunders“ in Deutschland, die Jahre des Überflusses. Dieser Mythos, das „Wirtschaftswunder“ ist eines der Gründungs- mythen der deutschen Nachkriegsgesellschaft; ähnlich wie der amerikanische Gründungsmythos um die Tabakindustrie und Pocahontas. Wie es sich für einen Mythos gehört, weiß, außer vielleicht wenigen Fachleuten die sich mit der Geschichte intensiv beschäftigt haben, niemand so genau was damals pas- sierte. Klar ist in dem Mythos nur, dass es plötzlich mit der Ökonomie wie der Gesellschaft vorwärts ging. Vorwärts im Sinne dass langsam aber sicher alle Arbeitskräfte in den kapitalistischen Produktionsprozess einrolliert wur- den. Vorwärts in dem Sinne, dass sich das Warenangebot deutlich verbreiterte (Kühlschränke, Autos, Fernsehen, Häuser) und erschwinglich war. Vorwärts in dem Sinne, dass sich der Lebensstandard nach oben orientierte ohne dass eine Grenze zu erblicken war.

Nach der Währungsreform hatte jeder Deutsche auf einen Schlag „hartes“ Geld in der Hand. Das Warenangebot in den Läden vervielfachte sich auf einen Schlag. Was davor rationiert war, gab es plötzlich - allerdings eben gegen das harte Geld. Es herrschte eine allgemeine Aufbruchstimmung. Im Gedächtnis der Individuen, ebenso wie im kollektiven Gedächtnis der Deutschen in der Bundesrepublik, erscheint diese Zeit als die „Goldenen Jahre“.

Die Jahre von der Beendigung des Zweiten Weltkrieges bis zur ersten großen ökonomischen Krise, die mit dem Jahre 1973 beginnt, werden deswegen von His- torikern und manchen Ökonomen eben als die „Goldenen Jahre“ bezeichnet.2 Dabei wird unterstellt, dass die Verliererstaaten des Zweiten Weltkrieges (also das Deutsche Reich, Italien, Österreich sowie einige damalige osteuropäische Verbündete und Japan) so viel ihrer wirtschaftlichen Substanz durch Kriegs- zerstörungen verloren hatten, dass nur externe Hilfe dazu führte konnte, dass ein Wiederaufbau möglich war. Für das besiegte Deutsche Reich sollte diese Zerstörungsthese insbesondere für die chemische Industrie um Bitterfeld her- um, sowie die großen Industriegebiete im Westen wie das Ruhrgebiet und das Rhein-Main-Gebiet mit seinen chemischen Industrien ebenso wie im Süden für die Gebiete um München und Nürnberg gelten. Die Zerstörungsthese gewann handgreifliche Ansicht darin, dass die deutschen Großstädte durch den Luft- krieg der Alliierten erheblich zerstört waren. Daraus wurde geschlossen dass auch die Industriegebiete Deutschlands in eben dieser Weise zerstört worden waren.

Das war mitnichten der Fall. Viel mehr war die industrielle Basis in Deutschland bei weitem weniger zerstört als die handgreifliche Ansicht der zerstörten Großstädte zeigte.

„Für den Bereich der Werkzeugmaschinen wird jedoch festgestellt, daß selbst im Jahre 1944, dem Höhepunkt der alliierten Luftof- fensive, nicht mehr als 6,5 % aller Maschinen beschädigt oder zer- stört wurden, wobei nur 10 % der beschädigten Maschinen völlig zerstört waren. Selbst in der Kugellagerindustrie wurden während aller Angriffe nur 15,9 % aller Werkzeugmaschinen zerstört oder beschädigt. Vor Sommer 1943 war der kapazitätsmindernde Effekt alliierter Luftangriffe gleich Null.“3

An dieser Situation änderte sich bis zur Beendigung des Zweiten Weltkrieges nicht viel. Dies bedeutet, dass am Ende des Zweiten Weltkrieges ein Großteil der industriellen Basis in Deutschland noch vorhanden war. Dies war der Ansatzpunkt für die deutsche Wirtschaft den Wiederaufbau nach Beendigung des Krieges zu starten. Außer der industriellen, materiellen Basis war auch das Kapital ebenfalls noch vorhanden.

„. . . , dass weder 1945 noch 1948 Kapitalmangel das Wachstums der Industrie im britisch-amerikanischen Besatzungsgebiet limitie- ren konnte. Es muss im Gegenteil angenommen werden, dass ne- ben dem Arbeitskräftepotential auch das industrielle Anlagever- mögen die besten Voraussetzungen für ein schnelles Nachkriegs- wachstum bot. Zur Entfaltung der im Arbeitskräftepotential des britisch-amerikanischen Besatzungsgebietes ruhenden Rekonstruk- tionskräfte bedurfte es in den ersten Nachkriegsjahren im wesent- lichen keiner Neuerrichtung von Produktionsanlagen In noch größerem Umfang als nach der Weltwirtschaftskrise konnte daher die Industrieproduktion in die vorhandene Produktionskapazität hineinwachsen.“4

Die vorhandenen Produktionskapazitäten in der britisch-amerikanischen Zone Dazu muss ein Blick in die Geschichte geworfen werden und dort insbesonde- re auf die Ausrichtung der Ökonomie auf den Krieg, die sogenannte Kriegswirt- schaft. Während eines Krieges wird die gesamte Wirtschaft des kriegführenden Landes ausschließlich auf den Investitionsgüterbereich ausgerichtet (insbeson- dere auf die Produktion von Rüstungsgütern die komplett vom Staat nach- gefragt werden), unter Vernachlässigung der Konsumgüterindustrie. Dies war im Deutschen Reich nicht anders als in den anderen kriegführenden Nationen. Durch den Krieg wird dadurch ein „besonderer Markt“ geschaffen

„ ...„der dem „Nachkriegszyklus“ kräftige Impulse gibt. Dem Aufschwung voraus geht eine kurze Phase der Reorientierung der Produktionsstruktur an der veränderten, zivilen Nachfragestruktur. Das Auslaufen der Rüstungsnachfrage führt insbesondere im Produktionsgüterbereich zu vorübergehendem Produktionsrückgang. Die vorhandenen Kapazitäten werden nur zum Teil ausgelastet und einzelne Produktionsstätten vollständig stillgelegt.“6

Die aufgeblähte Kriegswirtschaft mit ihrer garantierten staatlichen Nachfrage sorgte also schon in Kriegszeiten für ein sehr hohes Produktionsniveau und da- mit eine Auslastung der industriellen Produktionskapazitäten. Wird der Krieg beendet sinkt die Rüstungsnachfrage sofort ab. Das führt zu den beschriebe- nen Produktionsrückgängen. Diese waren allerdings nur kurzfristig. Nämlich so lange, wie Zeit benötigt wird um die Produktion von Kriegsgüter auf zivile Güter umzustellen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Umstellung der Produktion von Stahlhelmen auf die Produktion von Kochtöpfen. Das Ausgangsmaterial ist das gleiche. Die Produktionsverfahren ähnlich. Die Umstellung der Maschi- nen benötigte nur eine kurze Zeit und damit konnte die Produktion schnell umgestellt und nach Kriegsbeendigung verstärkt aufgenommen werden.

Im Jahre 1945, also ganz kurz nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges, fing die deutsche Wirtschaft an zu boomen. Dies auf der im Zweiten Weltkrieg gelegten Basis. Nicht abzuleugnen ist, dass eine Umorientierung in manchen Produktionsbetrieben auf zivile Güter (Konsumgüter) stattfand, da die Rüs- tungaufträge vollständig weggefallen waren. In der amerikanischen Zone nahm der erste Rekonstruktionsversuch ebenfalls Anlauf, mit kleinen Unterschieden zu dem Versuch in der britischen Zone, und war ziemlich erfolgreich.

„Im Ganzen hat die industrielle Produktion der (britischen) Zone im zweiten Halbjahr 1945 stetig zugenommen, wobei die Entwick- lung im Investitionsgüterbereich, von einem sehr niedrigen Produk- tionsstand ausgehend, vergleichsweise am schnellstens voranging. ... Bemerkenswert ist der kontinuierliche Anstieg der gesamten In- dustrieerzeugung über die Wintermonate hinweg. Nur der Output von Produktionsgütern des allgemeinen Bedarfs stagnierte sasion- bedingt, ohne allerdings signifikant rückläufig zu werden. Entspre- chendes gilt für den Verbrauchsgüterbereich. So konnte die Indus- trie der britischen Zone ohne spürbare Rückschläge bis August des Jahres 1946 expandieren.“7 Und nicht nur die britische Zone, sondern auch die amerikanische Zone boomte ganz kurz nach Kriegsende.

„Auch in der amerikanischen Zone erholte sich die Industrie in der zweiten Jahreshälfte 1946 zusehends, . . . Das stetige Industriewachstum konnte während der Wintermonate aufrechterhalten werden Der erste Rekonstruktionsaufschwung in der amerikanischen Zone unterscheidet sich dabei in dreierlei Hinsicht von der Entwicklung in der nördlichen Zone:

Der Anstieg der Produktion wird in diesem Zeitabschnitt weder von Rezession noch von Stagnation unterbrochen.

Das Wachstumstempo ist von Januar bis Oktober/November, dem maximalen Produktionsniveau von 1946, wesentlich höher als in der britischen Zone.

Das 1946 erreichte maximale Produktionsniveau liegt mit 44 % des Standes von 1936 beträchtlich über dem Ergebnis der nördlichen Zone.“8

Deutlich ist zu sehen wie die deutsche Ökonomie kurz nach Kriegsende in einen Boom fuhr. Damit war es in den beiden Zonen möglich die Lebensbedingungen der Menschen deutlich anzuheben.

Der Boom brach im Dezember 1946 zusammen. Der Grund dafür lag darin, dass die zerstörte Infrastruktur der beiden Zonen an ihre Grenzen stieß. Das bedeutete, dass die Deutsche Reichsbahn nicht in der Lage war entsprechen- de Kapazitäten für Transporte auf die Gleise zu bringen; ganz profan: dass schlicht und ergreifend Güterwaggons fehlten, nicht verfügbar waren weil die Umlaufzeit zu lange war oder Waggons zerstört waren und damit für Trans- porte von Industriegütern ungeeignet. Durch verstärkte Investitionen gezielt in diesen Bereich gelang es im Winter 1947/1948 diese Sperre zu überwinden und damit den Boden zu bereiten für einen weiteren Rekonstruktionsversuch.

Nach der Zusammenlegung der britischen und amerikanischen Zone zum Vereinigten Wirtschaftsgebiet (VWG) wurde die Winterrezession von 1946/47 langsam überwunden. Das Frühjahr und der Sommer 1947 zeigten noch eine Stagnationsperiode. Im Herbst 1947 setzte der Aufschwung dann aber verstärkt ein.

„Von Februar bis März stieg die Industrieproduktion um 17 % an. ... Die Produktion ist dort am schnellsten wieder angelaufen, wo sie von der Rezession am weitesten zurückgeworfen worden war War während der Rezession des Vorwinters die Produktion von No- vember 1946 bis Februar 1947 in der britischen Zone um mehr als ein Viertel zurückgegangen, so nahm nunmehr im selben Zeitraum des Winters 1947/48 die industrielle Erzeugung sogar um 4,4 % zu. ... Kein Zweifel, der nach der Rezession von 1946/47 erneut einsetzende Aufschwung hatte damit seinen saisonalen Charakter verloren und mit der Beschleunigung der Wachstumsgeschwindigkeit in den Wintermonaten 1947/48 den Beginn eines zweiten Rekonstruktionsversuches eingeleitet.“9

Dieser Aufschwung in den ersten Nachkriegsjahren war jetzt durch nichts mehr aufzuhalten. Letztendlich setzte er sich fort bis zum sogenannten „Wirtschafts- wunder“.10 Eine kurze Unterbrechung erlebte dieser Aufschwung im Juli 1948 durch die Währungsreform. Die Erwartung einer Währungsreform löste Wa- renspekulationen aus durch die die Versorgung der Industrie kurzzeitig unter- brochen wurde. Letztendlich setzte sich der Aufschwung nach Umsetzung der Währungsreform aber fort und brach nicht zusammen.11 Der Aufschwung war ein stabiler Boom der nicht von exogenen Faktoren, wie Zufluss von fremden Kapital oder Auslandsinvestitionen, abhängig war. Wir müssen uns vergegen- wärtigen dass wir uns hier am Ende der 1940er Jahre befinden. Die mythische „Stunde Null“ hatte noch nicht stattgefunden. Trotz allem boomte die Wirt- schaft, zumindest in den beiden Westgebieten die von den USA und Großbri- tannien überwacht wurden. Der Mythos der Stunde Null, und damit die Initi- alzündung für den lang währenden Boom in den 1950er Jahren lag also nicht in der Währungsreform oder dem Marshall-Plan mit seinen ERP-Krediten. Viel- mehr muss die Initialzündung schon viel früher angesiedelt werden: nämlich der Durchbruch des zweiten Rekonstruktionsversuches im vereinigten Wirtschafts- gebiet; damit die Überwindung der exogenen Schranke der Infrastruktur und der damit ausgelöste Boom der bis weit in die Bundesrepublik Deutschland hineinreichte.

Dabei herrschten zwischen den Alliierten sehr unterschiedliche Vorstellun- gen über den wirtschaftlichen Wiederaufbau und politische Strategien hinsicht- lich der Zukunft Deutschlands. Einerseits Großbritannien und Frankreich, die beide ein möglichst ökonomisch schwaches Deutschland sehen wollten, so dass es durch beide Länder kontrollierbar bleiben konnte und damit nie mehr in der Lage wäre einen Krieg zu führen. Auf der anderen Seite die aus dem Weltkrieg erstarkt hervorgegangenen Vereinigten Staaten deren Hauptaugenmerk auf der Eindämmung des sich weltweit ausbreitenden Kommunismus lag. Ihnen kam Deutschland, ebenso wie Italien im südlichen Europa und Japan in Südostasi- en, gerade recht, um es als antikommunistisches Bollwerk am Eisernen Vorhang gegen die ebenfalls aus dem Zweiten Weltkrieg als Weltmacht erstarkte Sowje- tunion aufzubauen. England und Frankreich waren zu diesem Zeitpunkt nicht in der Lage mit der ökonomischen Vorherrschaft der USA zu konkurrieren, und damit politische Bedingungen zu setzen, und so setzten die Vereinigten Staaten ihr Konzept der Abwehr des Kommunismus und der weltweiten Vorherrschaft des Dollars gegen seine ehemaligen Verbündeten durch. Deutschland, ebenso wie Japan, profitierten in höchsten Maße davon: beide Staaten erhielten um- fassende Unterstützung durch die USA in Form von Krediten und Warenlie- ferungen. Letztendlich erfolgte hier die Einbindung der beiden Staaten in den Weltmarkt.

Wobei gesehen werden sollte, dass auch in der amerikanischen Administra- tion sich zwei Fraktionen nicht gerade freundlich gegenüber standen: auf der einen Seite das OSS-Office unter der Führung von Henry Morgenthau und auf der anderen Seite die Verfechter des Marshall-Planes. Wobei Großbritannien und Frankreich sich eher auf der Seite des OSS befanden. Das OSS verfolgte den „Morgenthau-Plan“ der vorsah Deutschland weitestgehend zu deindustria- lisieren.

Damit sollte sichergestellt werden, dass Deutschland niemals mehr in der Lage sein würde seine Nachbarländer mit einem Krieg zu überziehen. Vielmehr sollten die Nachbarländer in die Lage versetzt werden, dieses deindustrialisierte Deutschland unter Kontrolle zu halten und alle Großmachtgelüste schon im Ansatz zu unterbinden.

Die Vorstellung eines deindustrialisierten Deutschlands schlug den Verfech- tern des Marshall-Planes direkt ins Gesicht. Aus ihrer Sicht nutzte an dieser Stelle nur ein starkes Deutschland zur Abwehr der „bolschewistischen Gefahr“. Nur dieses wäre in der Lage dem ersten Angriff der Sowjetunion zu widerstehen. Aus dieser Sichtweise war klar, dass, zumindest der westliche Teil Deutschlands, ökonomisch gestärkt werden muss. Und nicht nur Deutschland sollte so gestärkt werden, sondern möglichst alle Kriegsverlierer. Das schloß Österreich, Italien und auch Japan ein. Die ökonomische Stärkung geschah durch den Marshall- Plan. Durch diesen Plan kamen die Verliererstaaten des Krieges in den Genuß von ERP-Krediten,. Damit floss amerikanisches Kapital nach Europa und Süd- ostasien. Dieses Kapital wurde dazu genutzt den Wiederaufbau zu forcieren und gleichzeitig die noch vorhandene industriellen Basis auszuweiten bzw. die zer- störten Industriegebiete wieder instand zu setzen. Das bedeutete, dass Kapital in Form von US-Dollars und Direktinvestitionen in Deutschland getätigt wur- den, die den schon vorhandenen Nachkriegsboom12 den das Deutsche Reich aus dem Weltkrieg mitgenommen hatte, ausserordenlich verstärkten. An die- se Kredite waren keine Bedingungen für die Produktion geknüpft. Es konnten also Waren produziert werden die den höchsten Profit abwarfen (einschließlich wieder Rüstungsgüter).

Wir befinden uns jetzt am Ende der 1940er Jahre und nähern uns dem deutschen Mythos der „Stunde Null“ und dem plötzlichen Wiedererstarken der deutschen Ökonomie und der deutschen Gesellschaft. Das war, wie oben gesehen, mitnichten ein „plötzliches“ Auftauchen von ökonomischer wie gesell- schaftlicher Stärke. Vielmehr waren die Grundbedingungen für die Entwicklung schon in den letzten Kriegsjahren gelegt worden. Diese Entwicklung explodierte mit den amerikanischen Investitionen schlagartig. Externe Faktoren konnten die Entwicklung auch nicht mehr aufhalten. Der in den letzten Nachkriegsjahren beginnende Boom setzte sich unaufhörlich fort. Dies alles geschah unter der Beobachtung der Alliierten Truppen in Westdeutschland.

Bis dahin lief der ökonomische Aufschwung ohne ein ökonomisches Rahmensystem ab. Die aus dem Dritten Reich übernommene Kriegswirtschaft war zusammengebrochen. Ein neues ökonomisches System war noch nicht installiert. Die Alliierten hatten für diesen Fall auch keine Idee welches ökonomische System in einem Nachkriegsdeutschland nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches installiert werden sollte.

Die nationalsozialistische Kriegswirtschaft war ein zentralistisch gelenktes Planungssystem, ausgerichtet auf eine Kriegswirtschaft.13 Ein solch zentrali- siertes System, auch für eine Friedensökonomie, sollte es nach allgemeiner Auf- fassung auf keinen Fall für das Nachkriegsdeutschland geben. Es stellte sich jetzt die Frage, welches ökonomische System sollte in Deutschland, zumin- dest im westlichen Teil, installiert werden: eine zentral geplante Wirtschaft wie sie der UdSSR vorschwebte? Oder einen freien Kapitalismus wie er von den Vereinigten Staaten präferiert wurde? In den Konferenzen von Malta und Jalta hatten sich die Alliierten auf die Teilung Europas und die einzelnen Ein- flussspähren der Alliierten nach dem Krieg geeinigt.14 Damit waren auch die ökonomischen Einflussspähren gemeint und damit hatten sich die Alliierten implizit auf das ökonomische System für ein Nachkriegsdeutschland festgelegt. Das amerikanische ökonomische System war zu dieser Zeit ein freiheitlicher Kapitalismus, ganz im Gegensatz zu der ehemals staatlich gelenkten deutschen Ökonomie. Die britische und französische Ökonomie (bis zur Besetzung Frank- reichs durch die deutsche Wehrmacht) der Nachkriegszeit waren, ebenso wie die deutsche Ökonomie, von der Kriegswirtschaft geprägt. Diese Art der Ökonomie wollte in Europa niemand mehr haben. Damit wurde aber auch einheitlich der aus den USA importierte freiheitliche Kapitalismus abgelehnt. Gefordert war jetzt vielmehr eine freiheitliche, kapitalistische ökonomische Form, die trotzdem staatlicher Lenkung unterlag.

“Aus einer Vielzahl von Gründen waren westliche Politiker, Regie- rungsbeamte und sogar viele Unternehmer in der Nachkriegszeit da- von überzeugt, daß eine Rückkehr zum Laisser-faire und zu einem nichtumgebauten freien Markt nicht in Frage käme. Bestimmten politischen Zielen - Vollbeschäftigung, Eindämmung des Kommu- nismus, Modernisierung von geschwächten, absackenden oder völlig ruinierten Wirtschaften - wurde absolute Priorität eingeräumt.“15

Aus dieser Haltung heraus suchten westdeutsche Politiker und Ökonomen nach einer Wirtschaftsform in der trotz freier Konkurrenz bestimmte Teile staatlich gelenkt und überwacht werden konnten. Und das war nicht nur bei westdeut- schen Politikern so. Auch französische und englische Politiker suchten nach ei- ner Möglichkeit weg von der zentralisierten Kriegswirtschaft hin zu einer freien Konkurrenzwirtschaft die staatlicher Kontrolle unterlag. Alle durch den deut- schen Krieg in Mitleidenschaft gezogenen Länder, ebenso wie die deutschen Ver- bündeten während des Krieges, waren kriegsmüde. Alle Menschen wollten weg von der Kriegswirtschaft und gleichzeitig keinen ungehemmten Kapitalismus haben. Es sollte Sicherheit in das Leben einziehen; Wohlstand war gewünscht und Beseitigung der Not und des Hungers.

„Vier Dinge schienen . . . ganz klar gewesen zu sein. Erstens, daß die Katastrophe zwischen den Kriegen, die auf gar keinen Fall wie- derholt werden durfte, im wesentlichen nur dem Zusammenbruch des Welthandels und des globalen Finanzsystems und der daraus resultierenden Fragmentierung der Welt in Möchtegern-Autarkien, ob Nationalwirtschaften oder Imperien, anzulasten war. Zweitens, daß das globale System einst durch die Hegemonie oder zumindest zentrale Bedeutung der britischen Wirtschaft und ihrer Währung, dem Pfund Sterling, stabilisiert worden war Drittens, daß die Weltwirtschaftskrise dem Versagen des schrankenlos freien Marktes zu verdanken war; und daß hinfort der Markt durch die Rahmen- bedingungen einer staatlichen Planung und eines staatlichen Wirt- schaftsmanagements ergänzt werden müsste und nur innerhalb die- ses Rahmens seine Transaktionen durchführen dürfte. Viertens, daß man aus sozialen wie politischen Gründen niemals wieder Massen- arbeitslosigkeit zulassen dürfte.“16

Die ganze Stimmung in dieser Zeit richtete sich darauf, dass zentralistisches staatliches Handeln nicht mehr möglich sein sollte. Ebenso wurde erkannt, dass der ungehemmte freie Kapitalismus nicht nur Gutes hervorbringt, son- dern ebenso seine Schattenseiten hatte. Diese Schattenseiten sollten mit dem neuen Ansatz beseitigt werden. Angestrebt wurde ein stetiges Wachstum der nationalen Ökonomien und gegenseitigen Handel (kompletter Wegfall der Aut- arkie eines Landes und Öffnung für den Welthandel) um den „Wohlstand für Alle“ zu bringen, wie es Ludwig Erhard in seinem Buch beschrieben hat.17 Mit dieser Vorgabe begannen die 1950er Jahre im besetzten Westdeutschland, der neuen Bundesrepublik Deutschland.

De facto herrschte im Vereinigten Wirtschaftsgebiet (britische und ameri- kanische Zone) spätestens im Jahre 1948 (nach der Währungsreform) der freie Kapitalismus. Hier hatte sich die amerikanische Wirtschaftskraft gegenüber der britischen durchgesetzt. Diese amerikanische Vorstellung weitete sich in den fol- genden Jahren auch auf die französische Zone aus, während in der sowjetischen

Zone der Versuch einer sozialistischen Planwirtschaft gestartet wurde. In der Trizone wurden, dann ausschließlich für die Bundesrepublik Deutschland geltend, die Grundlagen für das „Goldene Zeitalter“, den Gründungsmythos der „Stunde Null“, gelegt.

Bedingt durch die nach Westeuropa fließenden amerikanischen Kredite und Investitionen sah es so aus, als hätte eine Zeit der immerwährenden Prosperiät eingesetzt. Mit dem selbst gemachten Boom, der aus dem Krieg herüber ge- rettet wurde, sowie alliierter Unterstützung schossen die Wachstumsraten und der gesellschaftliche Reichtum in der Trizone, der Bundesrepublik Deutsch- land, in die Höhe - und alle gesellschaftlichen Mitglieder profitierten davon. Die einen mehr - wie die schon im Dritten Reich mehr oder weniger erfolgrei- chen Unternehmer, und die anderen weniger - die große Masse der abhängig Beschäftigen, die Arbeiterklasse. Die Unternehmern hatten in dieser Zeit die Planungssicherheit die sie für ihre Unternehmen benötigten. Die Profite wuch- sen und wuchsen. Den Arbeitnehmern wurden kontinuierlich steigende Lohn- erhöhungen zugestanden. Diese Zusagen waren möglich, weil die Steigerung der Profite (absolut wie relativ) immer über den Lohnsteigerungen lagen. Der gesellschaftliche Reichtum wuchs kontinuierlich an, was sich in steigenden Kon- sumausgaben geltend machte. Immer mehr Haushalte konnten sich Kraftfahr- zeuge, Haushaltsgeräte, Telefone und Fernsehapparate leisten. Die Beschäfti- gung stieg langsam aber sicher bis zur Vollbeschäftigung und darüber an. Das war die externe Schranke die das Wachstum, und damit die Profiterzielung, hemmten. Um diese Schranke zu durchbrechen wurden letztlich ausländische Arbeitskräfte nach Deutschland geholt.

Die deutsche Wirtschaftspolitik unterlag in dieser Zeit der ordo-liberalen Schule aus Freiburg. Diese lehnte sich an die von Keynes in seiner „Allgemei- nen Theorie“18 formulierten Grundsätze an. Allerdings nur eine Anlehnung. Der Ordo-Liberalismus sah keine staatlichen Investitionen vor um eine Krise abzumildern. Ebenso sollten sich die staatlichen Regulierungen und Eingriffe auf ein Minimum beschränken. Letztlich war der Ordo-Liberalismus eine ab- geschwächte neoliberale Variante der Wirtschaftspolitik der ein paar wenige keynesianische Elemente mit in sein Ideengebäude eingebunden hatte. Die Zei- ten schienen allerdings sehr stabil. Niemand forderte Veränderungen an diesem steady-state, sondern die Hoffnung zog ein, dass es auf sehr lange Zeit immer so weiter gehen könne.

„Es war ein für alle Seiten akzeptabler Deal gewesen. Arbeit- geber, denen hohe Löhne während eines langen Booms mit hohen Profiten kaum etwas ausmachten, begrüßten die Berechenbarkeit, durch die jede Zukunftsplanung erleichtert wurde. Arbeitnehmer bekamen regelmäßig steigenden Löhne, verbesserte Sozialleistun- gen und einen ständig erweiterten und immer großzügigeren Wohl- fahrtsstaat. Regierungen erreichten ein Ausmaß an politischer Sta- bilität, das dazu beitrug, die kommunistischen Parteien (außer in

Italien) zu schwächen und das makroökonomische Management, das nun alle Staaten praktizierten, vorhersagbaren Bedingungen zu unterwerfen. Und die Wirtschaften der kapitalistischen Indus- triestaaten funktionierten prächtig, weil zum erstenmal (außerhalb von Nordamerika und vielleicht auch noch von Ozeanien) eine Mas- senkonsumwirtschaft auf der Basis von Vollbeschäftigung und regel- mäßg steigenden Realeinkommen entstanden war, gestützt von so- zialer Sicherheit, die aus den wachsenden Staatseinnahmen bezahlt werden konnte Die Stimmung des boomenden Jahrzehnts war gegen die Linke gerichtet. Dies war keine Zeit für Veränderungen.“19

Hier zeigte sich das „Wirtschaftswunder“ in Aktion. Dabei wurde vergessen dass das Wirtschaftswunder eine Ausnahme innerhalb der normalen kapitalis- tischen Verlaufsform von Aufschwung, Boom, Krise war. Ebenso wurde von den Deutschen vergessen, dass sie nicht als einzige dieses „Wunder“ erlebten:

„Alle kapitalistischen Zentren erlebten diese Nachkriegsprosperität in größerem oder geringerm Umfang. Auch für die übrige Welt schien sich damit eine positive Perspektive zu eröffnen.“20

Mit der Antizipierung dieses „Wunders“ im Bewußtsein der Menschen wurde die blutige jahrhundertealte Geschichte des Kapitalismus vorerst vollständig verdrängt.

„Und wie es „Wunder“ nun einmal so an sich haben, die Auf- merksamkeit des Weltbewußtseins fokussierte sich auf diesen histo- risch winzigen Zeitraum, um zwei- bis dreihundert Jahre katastro- phale Modernisierungsgeschichte mitsamt ihren Opfern und Leiden möglichst gründlich zu vergessen und den wohlfeilen Glauben zu verbreiten, der Kapitalismus sei endlich bei sich selbst, nämlich bei seiner wirklichen und wahren „wohlfahrtssteigernden“ Wirkungen angekommen. Nur noch ein bisschen an den Modalitäten des Sys- tems müsse demokratisch herumgebastelt werden, so die aufatmen- dende Grundüberzeugung, die das „Wirtschaftswunder“ hinterlas- sen hatte. Und das wäre ja wirklich ein Wunder gewesen: Die kinder- fressende und blutsaufende Weltmaschine des Kapitals hätte sich plötzlich in eine Art friedlichen Kaffeeautomaten verwandelt; ganz ohne schwerwiegende neue Konflikte, ohne gesellschaftliche Umwäl- zung und ohne daß sich die Menschen vom System der Zumutungen emanzipieren mußten.“21

Zu diesem Zeitpunkt, etwa 1952/1953, war in Deutschland niemand daran in- teressiert sich Gedanken über die Geschichte des Kapitalismus zu machen oder sich Gedanken über irgendwelche Probleme mit der Ökonomie zu machen. Viel- mehr waren vorerst alle zufrieden mit dem was sie sich jetzt leisten konnten. Es setzte, als erste Welle, eine „Freßwelle“ ein. Es kam wieder Fleisch auf den Tisch; Butter anstelle der Ersatzmagarine. Es setzte ein Boom beim privaten Hausbau ein. Viele heutige Kleinstädte, und auch Großstädte, haben ganze Stadtviertel, die in dieser Zeit entstanden sind. In meinem Geburtsort ent- stand so ein ganzes Wohnviertel mit sogenannten „Siedlungshäusern“. Diese wurden von Vertriebenen aus dem Osten des ehemaligen Deutschen Reiches, meist in Eigenarbeit errichtet. Zu diesen Häusern gehörte meist ein mehr oder weniger größerer Garten in dem weiterhin ein kleiner Teil Subsistenzwirtschaft betrieben wurden. Hier wurden Kartoffeln, Gemüse und Obst im bescheide- nen Umfang angebaut und geerntet. Dies trug dazu bei, dass der Mittagstisch für die einzelnen Individuuen noch reichlicher gefüllt war. Die Subsistenzwirt- schaft die damals betrieben wurde, wurde nicht nur als Hobby betrieben, so wie es heute noch vielfach der Fall ist, sondern stellte noch einen Rest an Erinne- rung an selbstbestimmte Arbeit dar.22 Die Menschen versuchten sich also einen kleinen Teil selbstbestimmter Arbeit im kapitalistisch geprägten Arbeitsprozeß zu erhalten. Im Laufe der Zeit nahm der kapitalistische Arbeitsprozeß immer mehr Zeit in Anspruch und drängte diese autonomen, selbstbestimmten Arbei- ten immer weiter in den Hintergrund. Ungefähr Mitte der 1960er Jahre waren diese kleinen Inseln der Subsistenzwirtschaft weitestgehend verschwunden und die Zeit der Menschen wurde ausschließlich im kapitalistischen Arbeitsprozeß verbracht. Gleichzeitig damit nahm die „Freizeitindustrie“ ihren Anfang und Aufschwung in der Gesellschaft.

Gleichzeitig mit diesem persönlichen, und auch gesellschaftlichen, Aufschwung darf nicht übersehen werden, dass ein erheblicher Anteil an der deutschen Bevölkerung arm war. Ausgeschlossen vom Wirtschaftswunder und von dem ökonomischen Aufstieg blieben „ ...vorwiegend Menschen aus den sogenannten „strukturschwa- chen“ Gebieten im ländlichen Raum, Rentner und vor allem al- leinstehende Renterinnen („Altersarmut“), Deliquenten, Heimkin- der und andere Opfer zerütteter Verhältnisse im sozialen Mikro- bereich. Schon damals wurden eine halbe Million Obdachlose im Wunderland gezählt. Insgesamt handelte es sich um eine erhebliche Minderheit von Menschen im Dunkeln, die im Konsumparadies der Mehrheit nicht mehr die Wahrnehmung der Verhältnisse bestimm- ten . . . „23

[...]


1 Smith, Reichtum der Nationen.

2 Ricardo, Ü ber die Grundsätze der politischen Ö konomie und der Besteuerung.

3 Marx nennt das Verhältnis von menschlicher Arbeitskraft zu toter Arbeit - der Maschi- nerie die dem Arbeiter gegenübersteht, die organische Zusammensetzung des Kapitals.

4 „Mehrwert und Rate des Mehrwerts sind relativ, das Unsichtbare und das zu erforschende Wesentliche, während Profitrate und daher die Form des Mehrwerts als Profit sich auf der Oberfläche der Erscheinungen zeigen.“ Marx, Das Kapital. Dritter Band: Der Gesamtprozeßder kapitalistischen Produktion, S.53

5 Marx, Das Kapital. Dritter Band: Der Gesamtprozeßder kapitalistischen Produktion, S. 151f.

6 Die organische Zusammensetzung des Kapitals wird bestimmt durch das Verhältnis von konstanten Kapital, also Maschinerie und variablen Kapital, also Arbeitskraft. Zu berück- sichtigen ist dabei der historisch bestimmte gesellschaftliche Charakter des gesamten Ar- beitsprozesses. Dies bedeutet, je größer der Anteil von konstanten Kapital im Arbeitsprozess ist, desto geringer ist der variable Anteil - und umgekehrt. Der gesellschaftliche Charakter des Arbeitsprozesses bestimmt sich durch die gesamte gesellschaftliche Entwicklung in der

7 Marx, Das Kapital. Dritter Band: Der Gesamtprozeßder kapitalistischen Produktion, 158f.

8 Ebd., S. 163.

9 „Was die Konkurrenz, zunächst in einer Spähre, fertigbringt, ist die Herstellung eines gleichen Marktwerts und Marktpreises aus den verschiednen individuellen Werten der Wa- ren. Die Konkurrenz der Kapitale in den verschiednen Spähren aber bringt erst hervor den Produktionspreis, der die Profitraten zwischen den verschiednen Spähren egalisiert.“ Marx, Das Kapital. Dritter Band: Der Gesamtprozeßder kapitalistischen Produktion, S. 190

10 Ebd., S. 167.

11 „Obgleich daher die Kapitalisten der verschiednen Produktionsspähren beim Verkauf ihrer Waren die in der Produktion dieser Waren verbrauchten Kapitalwerte zurückziehn, so lösen sie nicht den in ihrer eignen Spähre bei der Produktion dieser Waren produzierten Mehrwert und daher Profit ein, sondern nur so viel Mehrwert und daher Profit, als vom Gesamtmehrwert oder Gesamtprofit, der vom Gesamtkapital der Gesellschaft in allen Pro- duktionsspähren zusammengenommen, in einem gegebnen Zeitabschnitt produziert wird, bei gleicher Verteilung auf jeden aliqouten Teil des Gesamtkapitals fällt. [ . . . ] Wenn ein Kapitalist also seine Ware zu ihrem Produktionspreis verkauft, so zieht er Geld zurück im Verhältnis zur Wertgröße des in der Produktion von ihm verzehrten Kapitals und schlägt Profit heraus im Verhältnis zu seinem vorgeschoßnen Kapital als bloßem aliquoten Teil des gesellschaftlichen Gesamtkapitals.“ ebd., 168f.

12 Ebd., S. 219.

13 Um es zu paraphrasieren: der deutsche Mittelstand als Motor der Entwicklung oder gar als Basis der kapitalistisch organisierten Produktionsweise in Deutschland. Daraus wird dann abgeleitet: wenn es dem deutschen Mittelstand schlecht geht - sprich: die Profitraten sinken und damit der erzielbare Profit für den einzelnen Kapitalisten geringer ausfällt als geplant muß durch die Politik für eine Anpassung der Rahmenbedingungen der Ausbeutung der Ar- beitskraft gesorgt werden, damit das Fallen der Profitrate aufgehalten oder gar umgekehrt wird. Die Änderung der Rahmenbedingungen trifft dann immer die abhängig Beschäftigten die nur ihre Arbeitskraft zu verkaufen haben. Hier werden dann Löhne gekürzt, Sicherheitsbe- stimmungen zuungunsten der Arbeitenden verändert, Arbeitszeiten verlängert bei gleichem oder gar sinkendem Lohn. Das ist noch nicht alles was verändert werden kann. Die gesam- ten sozialen Errungenschaften stehen zur Disposition wenn es dem deutschen Mittelstand schlecht geht.

14 Marx, Das Kapital. Dritter Band: Der Gesamtprozeßder kapitalistischen Produktion, S. 221f.

15 Marx, Das Kapital. Dritter Band: Der Gesamtprozeßder kapitalistischen Produktion, S. 233.

16 Es soll hier nicht weiter auf die theoriegeschichtlichen Implikationen dieses Argumentes eingegangen werden. Aus dieser Tendenz leiteten marxistische Autoren den Zusammenbruch des Kapitalismus ab. Vgl. dazu die instruktive Arbeit von Nachtwey, Weltmarkt und Impe- rialismus: Zur Entstehungsgeschichte der klassischen marxistischen Imperialismustheorie: Univ., Dipl.-arb.-Hamburg, 2002. der die Theoriegeschichte an deutschen und russischen Autoren darstellt.

17 Hier kommt die Diskussion über ein Grundeinkommen ins Spiel. Dieses besteht darin, dass alle Menschen in einer Gesellschaft ein leistungsunabhängiges Grundeinkommen be- ziehen. Mit diesem Grundeinkommen sollen alle menschlichen Grundbedürfnisse abgedeckt sein.

18 Marx, Das Kapital. Dritter Band: Der Gesamtprozeßder kapitalistischen Produktion, S. 252.

19 Die innere Schranke kann dahingehend interpretiert werden, dass die Entwicklung der Produktivkräfte bis heute immer die äußere Hülle, durch die sie jeweils beschränkt waren, gesprengt hat und auf einer neuer, qualitativ höheren Stufenleiter, weiterhin kapitalistisch produziert hat. Heute scheint es so zu sein, dass die Entwicklung der Produktivkräfte einen Stand erreicht hat in dem es möglich ist, Waren sehr billig herzustellen - ohne oder mit sehr wenigen Arbeitskräften. Dies ist möglich durch die fortschreitende Automatisierung und Computerisierung der Produktion selbst, da dadurch immer weniger menschliche Arbeits-

20 Marx, Das Kapital. Dritter Band: Der Gesamtprozeßder kapitalistischen Produktion, 251f.

21 Ebd., 259f.

22 Wer auch immer diese Revolution führen wird: eine kommunistische, proletarische Partei wie ehemals die KPdSU (Bolschewiki) oder singuläre Führungspersönlichkeiten (wie ehedem Lenin in Rußland). Letztlich muss ein revolutionärer Aufstand der unterdrückten Massen stattfinden. Findet dieser nicht statt, wie in Deutschland 1918, dann siegt die Bourgeoisie auf der ganzen Linie und der Kapitalismus geht gestärkt aus diesem Kampf hervor.

23 Selbst Ökonomen, die sich wiederum selbst als etwas außerhalb des herrschenden öko- nomischen Mainstreams betrachten, formulieren für die Globalisierung diese Tendenz. Nicht so klar und deutlich wie Marx, aber immerhin wird es formuliert: „Die mikroökonomisch erwarteten positiven Effizienzeffekte zunehmender ökonomischer Globalisierung reichen of- fensichtlich nicht aus, um den langfristigen Trend fallender Produktivitätserhöhungen zu überwinden.“Währung und Unsicherheit in der globalen Ö konomie: Eine geldwirtschaftliche Theorie der Globalisierung, S.29 Eingeschlossen ist hier eine Kritik an der Mainstreamöko- nomie, die versucht ihre Makromodelle mikroökonomisch zu fundieren; was unmöglich ist, da sich mikroökonomische Verhaltensweisen nicht auf die Makroökonomie transportieren lassen.

1 wie er in Deutschland im Moment von eher linker Seite reklamiert wird. Eine grundlegende Kritik beider Ansätze findet auf der linken Seite nur in margina- lisierten Gruppen statt. Grundsätzlich kann gesagt werden, dass beide Ansätze die kapitalistische Produktionsweise stärken und nicht beseitigen wollen. Über eine Aufhebung des Kapitalismus und damit über andere Produktionsweisen wird öffentlich nicht mehr diskutiert - zumindest nicht im Mainstream.

1 wie er in den 1970er Jahren von der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands verfolgt wurde. Heute ist die SPD in der Wirtschaftspolitik eine auf neoliberalen Kurs segelnde Partei. Wobei dem Neoliberalismus ein paar soziale Fähnchen umgehängt werden.

2 E. Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme: Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, Das Zeitalter der Extreme; Zweiter Teil.

5 reichten also vollständig aus um nach Beendigung des Krieges einen Rekonstruktionsversuch zu wagen. Wie war es möglich, dass die deutsche Industrie solch ein hohes Niveau erreicht hatte um nach Beendigung des Krieges ohne größere Schwierigkeiten durchzustarten?

3 Abelshauser, Wirtschaft in Westdeutschland: 1945 - 1948; Rekonstruktion u. Wachs tumsbedingungen in d. amerikan. u. brit. Zone, S. 117.

4 Ebd., 121f.

5 In der Untersuchung von Abelshauser wird ausschließlich die britisch-amerikanische Zo- ne, die dann zur Bizone, oder dem vereinigten Wirtschaftsgebiet zusammenschlossen wurde, betrachtet. Die französische wie die sowjetische Zone bleiben ausserhalb der Betrachtung. Abelshauser wird hier insoweit gefolgt, als die Bizone ein exemplarisches Beispiel für die Rekonstruktion nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland abgibt. In den anderen bei- den Zonen herrschten andere Bedingungen für die Rekonstruktion die den Rahmen dieser Untersuchung sprengen würden.

6 Ebd., S. 20.

7 Abelshauser, Wirtschaft in Westdeutschland: 1945 - 1948; Rekonstruktion u. Wachs tumsbedingungen in d. amerikan. u. brit. Zone, S. 37.

8 Ebd., 39f.

9 Ebd., 42 ff.

10 Ein „Wirtschaftswunder“ erlebte nicht nur die Bundesrepublik Deutschland. Wirt- schaftswunder fanden in allen Ländern der Nachkriegszeit statt: Belgien, Niederlande. Frank- reich, Italien usw. Das deutsche Wirtschaftswunder ist also keine singuläre Erscheinung wie es gerne in der Literatur dargestellt wird und wie es im kollektiven Gedächtnis der Deutschen hängen geblieben ist.

11 vgl. ebd., S. 168

12 Altvater, Vom Wirtschaftswunder zur Wirtschaftskrise: Ö konomie und Politik in der Bundesrepublik.

13 Barkai, Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus: Ideologie, Theorie, Politik ; 1933 - 1945.

14 Churchill, Der Zweite Weltkrieg, vgl. Viertes Buch; Kapitel 25.

15 E. Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme: Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, S. 344.

16 E. Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme: Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, S. 343.

17 Erhard, Deutschlands Rückkehr zum Weltmarkt.

18 Keynes, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes.

19 E. Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme: Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, 357f.

20 Kurz, Weltordnungskrieg: Das Ende der Souveränität und die Wandlungen des Impe-rialismus im Zeitalter der Globalisierung, S. 593.

21 Ebd.

22 „Was heute noch vereinzelt als „Hobby“ betrieben wird, war damals ein wesentlicher ökonomischer Bestandteil der gesellschaftlichen Reproduktion; und keinesfalls nur als Ausnahmeerscheinung der Nachkriegsnöte, sondern als immer noch erheblicher Restbestand einer älteren Produktionsweise, die nie ganz erloschen war und immer in Wechselwirkung mit dem aufsteigenden kapitalistischen Sektor stand.“ ebd., S. 602

23 Ebd., 595f.

Ende der Leseprobe aus 174 Seiten

Details

Titel
Globalisierung und Krise. Ein kritischer Blick auf den modernen Kapitalismus
Autor
Jahr
2014
Seiten
174
Katalognummer
V377809
ISBN (eBook)
9783668551763
ISBN (Buch)
9783668551770
Dateigröße
1095 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
globalisierung, krise, blick, kapitalismus
Arbeit zitieren
Peter Kneiß (Autor), 2014, Globalisierung und Krise. Ein kritischer Blick auf den modernen Kapitalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377809

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