Die Entstehung des Islamischen Staates. Durchführung einer methodischen Einzelfallstudie mit Process Tracing


Hausarbeit, 2017
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Methode: Funktionsweise von Process Tracing

3. Die Empirie: Betrachtung des Staatszerfalles und der Regierungszeit Malikis
3.1 Die Stammespolitik und Re-lslamisierung unter Saddam Hussein
3.2. Die Invasion 2003
3.3. Die Regierungszeit Malikis

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die innerhalb der Politikwissenschaft stattfindenden Auseinandersetzung mit der neuen Form von militarischen Konflikten, den sogenannten „low intensity operation^ (Kitson 1971) oder „neuen Kriege“ (Kaldor 2006) bringt nicht nur eine Betrachtung der Asymmetrie zwischen den Akteuren und ihren Eigenschaften, ihren Ressourcen sowie ihren Strategien und Taktiken mit sich, sondem auch die Entstehung einer neuen Form von Gewaltakteuren ( Sieg 2012, S. 256). Einer dieser neuen Gewaltakteure, dessen Ziel es ist mithilfe eines terroristisch gefuhrten Eroberungskrieges einen eignen Staat zu schaffen, ist die Terrororganisation Islamischer Staat. Die Implikationen dieses Eroberungskrieges sind in der medialen Berichterstattung sichtbar. Wie jedoch kam es zur Etablierung des Islamischen Staates? Was waren die kausalen Grunde fur dessen Entstehung und wie lief der Prozess der Entstehung ab?

Die Grunde und der Prozess der Entstehung dieses nicht-staatlichen Gewaltakteurs sollen im Zuge einer methodisch geleiten Einzelfallstudie dargelegt werden. Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit soil die zur Durchfuhrung der Einzelfallstudie verwendete Methode, Process-Tracing, definiert, sowie dessen Vor- und Nachteile erlautert werden. Des Weiteren werden die Grunde fur die Methodenwahl, sowie die Vorgehensweise dargelegte. Process-Tracing basiert dabei auf einem positivistischen Verstandnis von Ursache und Wirkung und beinhaltet Verfahren, „die den kausalen Prozess zwischen einem oder mehreren Erklarungsfaktoren (unabhangigen Variablen) und einem Erklarungsbestand (abhangige Variable) identifizieren und prufen sollen“ (Schimmelfennig 2006, S. 263). Die Betrachtung der unabhangigen Variablen, sowie die Anwendung der Methoden, erfolgen im Anschluss daran. Der empirische Teil dieser Arbeit konzentriert sich dabei ausgehend von der Entstehung des Iraks und dessen ethnischer Zusammensatzung aus forschungspraktischen Grunden auf die wichtigsten kausalen Mechanismen. Ziel dieser Arbeit ist es somit eine luckenlose Kausalkette zu bilden, welche den Prozess der Entstehung ersichtlich und wissenschaftlich nachvollziehbar offenlegt. Die wichtigsten Punkte bilden dabei die Politik von Saddam Hussein, die Folgen fur den Irak im Zuge der US-Invasion, sowie die Regierungszeit von

Nouri-al Maliki. Der Abschluss dieser Arbeit bildet das Fazit, welches sowohl die Verwendung der Methode, als auch das Ergebnis der Untersuchung bewertet.

2. Die Methode: Funktionsweise von Process Tracing

Wie Bussmann (2011, S.109) in ihrem Artikel argumentiert, muss empirisch-analytische Forschung in den Intemationalen Beziehungen moglichst systematisch und transparent sein, um fur andere nachvollziehbar und uberprufbar zu sein. Um die Nachvollziehbarkeit und Uberprufbarkeit zu gewahrleisten, ist die Nutzung sozialwissenschaftlicher Methoden von enormer Bedeutung. Die Methodenwahl erfolgt dabei in Abhangigkeit vom jeweiligen Forschungsgegenstand, wobei vermehrt qualitative Methoden und im Besonderen Fallstudiendesgins zunehmend genutzt werden. Denn diese eignen sich in besonderer Weise zur Untersuchung von kausalen Mechanismen, die zwischen einem oder mehreren Explanantia (X) und einem Explanandum (Y) liegen (Siewert 2017: 239 f.). Die beste Moglichkeit kausale Analysen hervorzubringen erfolgt innerhalb Fallstudien und nicht Fall ubergreifend, eine Form von Analysen innerhalb Fallstudien bildet dabei das Process Tracing, welchem eine Kernbedeutung bei der Durchfuhrung solcher Fallstudien beigemessen wird. Entwickelt wurde Process Tracing bereits in den 1970er und 1980er Jahren, gewann jedoch erst durch George und Bennets Buch, Case Studies and Theory Development in the Social Science, von 2005 an Bedeutung, da es besonders die Leistung qualitativer Methoden und im Besonderen Fallstudien hervorhob (Tansey 2009, S. 482). Die Autoren argumentieren dabei, dass kausale Mechanismen zentral sind, um kausale Erklarungen zu liefern, wobei Fallstudien und die Analyse innerhalb von Fallstudien am besten geeignet sind, den kausalen Mechanismus im Detail darzulegen (George/Bennet 2005, S. 12,21). Process Tracing ist jedoch nicht als eine strikt festgelegte Forschungsmethode zu verstehen, sondem vielmehr als ein Erklarungsansatz, der sich verstarkt den Kausalmechanismen widmet und weniger den Kausalfaktoren. Grundsatzlich ist von drei eindeutigen Forschungsabsichten auszugehen. Eine Form des Process-Tracing ist der Theorie zentrierte Ansatz, wodurch sowohl Theorien getestet werden, als auch neue Theorien entstehen. Der Fall zentrierte Ansatz wiederrum erklart das Ergebnis im Zuge der Fallanalyse.

Diese Form des Process-Tracings kann dabei als Einzel-Ergebnis-Studie verstanden werden. Dabei wird er definiert als Ursachen suchend in einem spezifischen Einzelfall, wobei das Ziel ist, eine minimal eindeutige Erklarung zu einem besonderen Ergebnis zu liefem (Beach/Pedersen 2013, S. 18). Im Zuge dieser Arbeit soil zur Erklarung der Entstehung eines nicht-staatlichen Gewaltakteurs auf den Fall zentrierten Ansatz zuruckgegriffen werden. Dies erfolgt vor dem Hintergrund zweier unterschiedlicher Pfade, welchen man im ergebnisorientierten Process-Tracing folgen kann, zum einem dem deduktiven Pfad und zum anderen dem induktiven Pfad. Folgt man dem deduktiven Pfad, so geht man genauso vor, wie beim Durchfuhren eines Theorie testenden Process- Tracings, man stutzt sich auf eine bereits vorhandene Theorie und testet, ob sich das Ergebnis durch die Theorie erklaren lasst. Der induktive Pfad wiederum wird vor allem dann genutzt, wenn Theorien oder Forschungsergebnisse auf das betreffende Ergebnis nicht anwendbar sind, oder wenn es sich bei dem Ergebnis um ein kaum erforschtes Phanomen handelt (Beach/Pedersen 2013, S. 169). Aufgrund der Aktualitat und der rasanten Ausbreitung des Islamischen Staates sind Theorien zur Entstehung kaum vorhanden. Das Verfahren, das beim Folgen des induktiven Pfads angewandt wird, gleicht eher einer historischen Methode, die ausgehend vom Ergebnis durch die Sichtung von historischen Ereignissen, die Bildung eines plausiblen kausalen Mechanismus zur Erklarungjenes Ergebnisses betrachtet (Beach/Pedersen 2013, S. 169). Die Betrachtung der einzelnen kausalen Mechanismen sollen im Zuge dieser Untersuchung eine durchgehenden Kausalpfad ergeben, da nur so Process-Tracing zu validen kausalen Inferenzen fuhren kann (vgl. George/Bennet 2005, S. 222).

Die Nutzung von Process-Tracing istjedoch auch mit Problemen verbunden, eines dieser Probleme ist das sogenannte „Geschichtenerzahlen“ (Storytelling), so ist es fast immer moglich aus der Fulle von Prozessbeobachtungen im Nachhinein eine plausible Geschichte zu stricken (Schimmelfennig 2006, S. 267). Die Losung der Storytelling Problematik, sowie dem Erreichen eines ununterbrochenen Ursache-Wirkungs-Pfades von der unabhangigen zur abhangigen Variable lassen sich laut Alexander George und Andrew Bennett (2005, S. 222) am besten durch eine eindeutig theoretische Ausrichtung minieren. Des Weiteren kann durch das Skizzieren eines Flussdiagramms die Kausalkette nachvollziehbar veranschaulicht werden und das Storytelling deutlich reduziert werden, da es systematisch die Aufmerksamkeit auf theoretisch relevante und explizierte Prozessmerkmale lenkt und alternative Erklarungen oder Nullhypothesen in Betracht zieht (Schimmelfennig 2006, S. 267 f.). In dem spezifischen Fall der Untersuchung der Entstehung des Islamischen Staates, muss aufgrund des sehr neuen und speziellen Forschungsfalls auf eine theoretische Ausrichtung verzichtet werden. Vielmehr soil das Storytelling durch eine quellenkritische Interpretation, ausgehend von der Auswahl der Quellen (selection bias) und die sich bei deren Bewertung vor dem Hintergrund unterschiedlicher Erklarungsansatze fortsetzen kann (confirmation bias), verhindert werden (Siewert 2017, S. 264). Zudem zeigt das Flussdiagramm, welches im Abbildungsverzeichnis zu finden ist, die Kausalkette anschaulich und nachvollziehbar. Die Methode des Process Tracing weiBt nach Schimmelfenning, jedoch enorme Starken auf:

„Die wichtigste Starke der Prozessanalyse liegt in der Erhebung und Auswertung von Daten uber kausale Mechanismen. Zum einem erlaubt das Verfahren kausale Schlusse in Einzelfallstudien, zum anderen erganzt, kontrolliert und validiert es Ergebnisse, die in statistischen und vergleichenden Verfahren gewonnen worden sind, die auf der Korrelation von Variablen beruhen. Die Prozessanalyse erlaubt eine eigenstandige Analyse der von der Theorie postulierten Mechanismen (im Gegensatz zur Analyse kausaler Effekte) und sie kann falschen Schlussen auf die Spur kommen, fur die eine Korrelationansalyse anfallig ist“ (Schimmelfennig 2006, S.268).

Die Starken kommen im Besonderen in dieser Arbeit zur Geltung, so gib es keinerlei Moglichkeiten, aufgrund der derzeitigen Sicherheitslage im Irak, auf statistisch validierte Daten zuruckzugreifen. Des Weiteren soil explizit ein moglich kausaler Zusammenhang nachvollziehbar dargelegt werden, wobei besonders auf das Verhaltnis zwischen Ursache und Wirkung eingegangen werden soil. Der kausale Prozess, der untersucht werden soil, ist die Verbindung zwischen den Ereignissen in derjungeren irakischen Geschichte, unter anderem die Erschutterung des nahostlichen Machtgefuges durch die Invasion des Iraks 2003 (Muhlberg S. 223), und der Entstehung eines nicht-staatlichen Gewaltakteurs in Form des Islamischen Staates. Das Datenmaterial, das dabei zur Untersuchung verwendet wird, stutzt sich auf wissenschaftliche und journalistische Publikationen rund um die Prasidentschaft Saddam Husseins, die Invasion in den Irak 2003 und die Ministerprasidentschaft Malikis. Um die Kausalitat zu uberprufen, werden im empirischen Teil der Arbeit die einzelnen Ereignisse in historischer Reihenfolge betrachtet, wobei deren Folgen fur das darauffolgende Ereignis jeweils von Bedeutung ist. Die Untersuchung der Daten erfolgt dabei im Zuge einer Textanalyse, wobei zum Vermeiden von Storytelling im empirischen Teil darauf verzichtet wird, die Einschatzung bzw. Meinungen der jeweiligen Autoren zu nennen. Sollte sich keinerlei kausaler Zusammenhang zwischen den einzelnen Ereignissen bilden lassen, wird der Grund hierfur im empirischen Teil ausgefuhrt. Nachdem nun die Funktionsweise von Process Tracing ausfuhrlich erklart wurde und das methodische Vorgehen und die Grunde fur die Methodenwahl dargelegt wurden, werden im nachsten Schritt, die im Untersuchungszeitraum enthaltenen kausalen Mechanismen naher beleuchtet. Dies erfolgt unter der Berucksichtig der aufgefuhrten Schwachen, die es zu vermeiden gilt.

3. Die Empirie: Betrachtung des Staatszerfalles und der Regierungszeit Malikis

Vor der naheren Untersuchung der einzelnen kausalen Mechanismen, sollte die Entstehung des Iraks und die daraus resultierende ethnische und religiose Zusammensetzung naher betrachtet werden. Der Irak befand sich seit Mitte des 16. Jahrhunderts unter der Herrschaft der Osmanen und kam nach dem Ersten Weltkrieg unter britisches Protektorat (Kreutzer/Schmidinger S. 13). Diese entlieBen das Land 1932 zwar in seine formale Unabhangigkeit, jedoch litt es unter politischen, religiosen und vordergrundig ethnischen Spannungen, die sich einerseits aus der Heterogenitat des Landes, andererseits aus dem starken Einfluss des arabischenNationalismus ergaben, der neben einer antikolonialen StoBrichtung auch gegen diese Heterogenitat gerichtet war (Kreutzer/Schmidinger S. 13 f.). Diese Heterogenitat zeigt sich in der Zusammensetzung der irakischen Bevolkerung, in der Schiiten die Mehrheitsbevolkerung stellen, die sich GroBteils auf den Sudirak konzentriert, die zweite wichtige Gruppe bildet eine arabisch- sunnitische Minderheit, welche sich im Zentralirak rund um Mossul, Bagdad und der syrischen Grenze konzentriert. Weitere Bevolkerungsgruppen im Irak sind unter anderem die Kurden im Nordirak und verschiedenste Minderheiten, wie die Jesiden, oder die Assyrer. Somit ergibt sich zu einem ein Spannungsfeld zwischen der sunnitisch und schiitisch gepragten Bevolkerung, und zum anderen unter den einzelnen politischen Forderungen der verschiedenen Ethnien.

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Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Entstehung des Islamischen Staates. Durchführung einer methodischen Einzelfallstudie mit Process Tracing
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V379105
ISBN (eBook)
9783668559295
ISBN (Buch)
9783668559301
Dateigröße
619 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Process Tracing, Prozessanalyse, Einzellfallstudie, Nichtstaatlicher Gewaltakteur, Islamischer Staat
Arbeit zitieren
Max Krampert (Autor), 2017, Die Entstehung des Islamischen Staates. Durchführung einer methodischen Einzelfallstudie mit Process Tracing, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379105

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