Das individualisierende Verfahren und dessen Einsatzmöglichkeiten im Geschichtsunterricht im Themenfeld "Französische Revolution"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

18 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historische Persönlichkeiten der Französischen Revolution im hessischen Lehrplan
2.1 Realschullehrplan
2.2 Gymnasiallehrplan

3. Das individualisierende Verfahren als Prinzip der Geschichtsdidaktik
3.1 Die Fallanalyse
3.2 Typen des individualisierenden Verfahrens
3.2.1 Die Personalisierung
3.2.2 Das sozialbiografische Verfahren
3.2.3 Die Personifizierung

4. Das personalisierende und personifizierende Verfahren im Vergleich
4.1 Chancen der Verfahren
4.2 Risiken der Verfahren

5. Napoleon, Olympe de Gouges oder doch die Situation der Frauen und Bauern in der französischen Revolution? – Unterrichtsbeispiele bezüglich der Eingliederung historischer Persönlichkeiten in den Geschichtsunterricht
5.1 Der Kaiser der Franzosen: Napoleon Bonaparte
5.2 Olympe de Gouges als Vertreterin der weiblichen Gesellschaft Ende des 18. Jahrhunderts?
5.3 Zwischen Ausweglosigkeit und Hoffnung – die Situation der unteren Bevölkerungsschichten in der Französischen Revolution

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Napoleon Bonaparte – eine Persönlichkeit, die seit vielen Jahren aus der Schulbildung nicht mehr wegzudenken ist. Zahlreiche Bücher widmen dem einstigen Ausnahmegeneral und späterem Kaiser der Franzosen ihr Interesse. Kein Wunder also, dass Napoleon als Musterbeispiel für einen personenzentrierten Geschichtsunterricht angesehen wird. Häufig verbinden die Schülerinnen und Schüler (im Folgenden: SuS) mit der Fokussierung auf einen historischen Charakter eine einfältig wirkende Auseinandersetzung mit Biografien und Lebensläufen. Doch das individualisierende Verfahren, so bezeichnet Michele Barricelli das didaktische Prinzip, kann äußerst variabel im Geschichtsunterricht eingesetzt werden.

Dies versucht die vorliegende didaktische Hausarbeit zu untermauern, indem einleitend ein Blick in den hessischen Lehrplan mit Bezug auf das Fach Geschichte geworfen und geklärt wird, welche Charaktere im Themenfeld „Französische Revolution“ im Realschul- und Gymnasiallehrplan Erwähnung finden.

Im nächsten Schritt wird näher auf das individualisierende Verfahren eingegangen. Dabei wird zunächst die Fallanalyse als didaktische Oberkategorie thematisiert, um danach die verschiedenen Ausprägungsformen des individualisierenden Verfahrens – Personalisierung, sozialbiografisches Verfahren und Personifizierung – vorzustellen.

Das vierte Kapitel beinhaltet einen Vergleich zwischen dem personalisierenden und dem personifizierenden Verfahren mit dem Ziel, Chancen und Risiken herauszustellen.

Im Anschluss daran sollen Unterrichtsbeispiele aufzeigen, wie historische Persönlichkeiten und Gruppen variabel im Rahmen einer Unterrichtseinheit zur „Französischen Revolution“ eingesetzt werden können.

Abschließend wird ein Fazit gezogen, das die relevanten Erkenntnisse der vorliegenden Arbeit zusammenfasst.

2. Historische Persönlichkeiten der Französischen Revolution im hessischen Lehrplan

Als Einstieg widmet sich die Hausarbeit der Frage, welche historischen Persönlichkeiten mit Bezug zur Französischen Revolution im hessischen Lehrplan Erwähnung finden. Dabei werden die Inhalte des Gymnasial – und Realschullehrplans miteinander verglichen.

2.1 Realschullehrplan

Der Realschullehrplan setzt das Thema „Französische Revolution“ in der neunten Jahrgangsstufe unter dem Titel „Französische Revolution: Siegen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit?“ an. Bereits in der Begründung bezüglich der Relevanz des historischen Themas sind personenzentrierte Aspekte zu entnehmen: „Die Analyse der Beteiligung verschiedener Bevölkerungsgruppen und Personen führt zur konkreten Frage nach Sinngebungen und Auswirkungen ihres Handelns.“[1] Elementar ist demzufolge, dass die SuS die Beweggründe für das Handeln von Napoleon oder Olympe de Gouges verstehen und die Auswirkungen des Handelns auf den weiteren Verlauf der Französischen Revolution nachvollziehen können.

Zusammenfassend lassen sich innerhalb des Lehrplans zwei Typen von Individualisierungen herausfiltern. Unter der Rubrik „Reformen oder Revolution – wie lassen sich Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verwirklichen?“ soll die Rolle der Frauen aufgegriffen und analysiert werden. Neben dieser Personengruppe nennt der hessische Realschullehrplan eine weitere historische Persönlichkeit, die bei der Behandlung der Französischen Revolution im Geschichtsunterricht als klassischer Charakter gilt. Gemeint ist Napoleon, dessen Direktorium und Machtergreifung mit dem Schwerpunkt der Machtgewinnung und Machterhaltung angesprochen werden soll.[2]

2.2 Gymnasiallehrplan

Auch auf der gymnasialen Ebene wird die Französische Revolution ebenfalls in Jahrgangsstufe neun behandelt, jedoch unter einem anderen Gesichtspunkt:

„Sie [Die Schülerinnen und Schüler, D.G.] erkennen die Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft (wie Menschenrechte und politische Partizipation) stellen aber auch fest, dass deren Umsetzung zu politischen und sozialen Konflikten führt, die auch die Rolle der Frau betreffen. In der Auseinandersetzung mit der ambivalenten Herrschaft Napoleons in und über Europa erkennen die Schülerinnen und Schüler seinen Beitrag zur Modernisierung Europas, die auch zum Entstehen von Nationalbewusstsein und Nationalismus führt.“[3]

Im Kontrast zur Begründung im Realschullehrplan sind die betreffenden Personengruppen bzw. Individuen konkret genannt und werden bereits in den historischen Prozess eingebettet. Die Rolle der Frau wird mit den politischen und sozialen Konflikten in Verbindung gebracht und Napoleons Herrschaft als Beitrag zur Modernisierung Europas bewertet, was zu hinterfragen ist. Dementsprechend finden sich die erwähnten historischen Persönlichkeiten auch in den verbindlichen Unterrichtsinhalten unter der Kategorie „Die Jakobinerherrschaft und das Ende der Revolution“ wieder. Ein weiterer Unterschied zum Reallschullehrplan besteht darin, dass mit den Jakobinern und deren Anführer Robespierre eine weitere gesellschaftliche Gruppierung einbezogen wird.

Resümierend lässt sich festhalten, dass Napoleon und Frauen als Personengruppen sowohl im Realschul- als auch im Gymnasiallehrplan als Individualisierungen vertreten sind. Aus diesem Grund orientieren sich die Unterrichtsbeispiele, die im weiteren Verlauf dieser Hausarbeit vorgestellt werden, an den Vorgaben des hessischen Lehrplans.[4]

3. Das individualisierende Verfahren als Prinzip der Geschichtsdidaktik

Das Kapitel stellt zunächst die Fallanalyse als fachdidaktisches Konzept vor, da das individualisierende Verfahren als didaktische Unterkategorie der Fallanalyse zu betrachten ist. Im Anschluss wird ein Einblick in die verschiedenen Typen des individualisierenden Verfahrens gewährt.

3.1 Die Fallanalyse

Gerhard Schneider und Michele Barricelli nehmen eine grundlegende begriffliche Differenzierung vor, die für den weiteren Verlauf von enormer Bedeutung ist. Die Schwerpunktbildung konzentriert sich laut Schneider auf ausgewählte Themenbereiche, auch „Inseln“ genannt, mit dem Ziel, fachspezifische Arbeitstechniken, Methoden oder auch Denkweisen auszuprobieren und anschließend auf andere historische Themen zu übertragen. Im Fokus stehen dabei beispielsweise die Rolle von Quellen und die Perspektivität historischer Quellen sowie der Konstruktcharakter von Geschichte.[5] Die Fallanalyse hingegen beschreibt Barricelli als „eine[n] tiefen Messerstich in das historische Mark“[6]. Der historische Fall sei nicht nur durch Konkretheit, Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit gekennzeichnet, sondern darüber hinaus durch eine zeitliche und räumliche Begrenztheit.[7] Des Weiteren sollte den SuS anhand von regionalen, epochenspezifischen oder biografischen Zugängen zeittypische Bedingungen, Abläufe und Entscheidungsprozesse vermittelt werden.[8] Mit Bezug auf die Französische Revolution ist die Revolution in Haiti als regionales Beispiel zu nennen, während die Analyse der Sturm auf die Bastille als Teilgeschehen in den Unterrichtsfokus rücken kann. Bariccelli weist darauf hin, dass das Fallbeispiel nach der punktuellen Untersuchung in den womöglich weiterentwickelten historischen Kontext eingebunden werden muss, da der Erfolg des Verfahrens mit der Transfer- und Anschlussfähigkeit der Erkenntnisse einhergeht.[9]

3.2 Typen des individualisierenden Verfahrens

Der folgende Abschnitt beschäftigt sich mit den verschiedenen Zugangs- und Realisierungsmöglichkeiten des individualisierenden Verfahrens, die in Form eines kurzen historischen Abriss nacheinander vorgestellt werden. Dabei steht der didaktische Entwicklungsprozess im Mittelpunkt, der im Rahmen dieser Hausarbeit mit dem personalisierenden Verfahren einsetzt und mit dem personifizierenden Ansatz endet.

3.2.1 Die Personalisierung

Das personalisierende Verfahren war ein vor allem Anfang des 20. Jahrhunderts weit verbreitetes Prinzip der Geschichtsdarstellung, das laut Gerhard Schneider in enger Verbindung mit der Entwicklung des Historismus als geschichtswissenschaftliche Teildisziplin zu betrachten ist. „Große Persönlichkeiten (ganz überwiegend Männer), große Ereignisse (oft Krieg) und Staatengeschichte waren die bevorzugten Felder jener Historiker, die für den Historismus standen.“[10] Als großer Befürworter dieser personenzentrierten Geschichtsvermittlung erwies sich unter anderem Heinrich Treitschke, der eine Mitbestimmung der unteren, weniger privilegierten Bevölkerungsschichten kategorisch abgelehnt habe.[11] Diese strikte Fokussierung auf einzelne historische Charaktere hat sich auf die Vermittlung des Geschichtsunterrichts ausgewirkt, was das Inhaltsverzeichnis des geschichtlichen Lehrbuchs von Friedrich Neubauer untermauert. Beispielsweise ist der Themenbereich „Die Zeit der Begründung der preußischen Großmacht 1713–1786“ ausschließlich durch Kaiser Friedrich Wilhelm I. repräsentiert, dessen Herrschaft im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht. Gesellschaftliche oder auch soziale Entwicklungen hingegen finden in dieser Rubrik keine Erwähnung.[12]

In den 1970er Jahren erfolgte innerhalb der Geschichtsdidaktik ein Paradigmenwechsel, der mitunter durch die von Ludwig von Friedeburg und Peter Hübner veröffentlichte Studie „Das Geschichtsbild der Jugend“ hervorgerufen wurde.[13] Die beiden Autoren gelangten zu dem Ergebnis, dass Personalisierung den Zugang der Gesellschaft zur Vergangenheit erschwere, da die angebliche Übermacht der historischen Subjekte ein scheinbares Verständnis vermittle und auf diese Weise die Menschen vom kritischen Nachdenken über die geschichtlichen Prozesse fern halte.[14]

3.2.2 Das sozialbiografische Verfahren

Das sozialbiografische Verfahren stellte eine fachdidaktische Antwort auf die Kritik am personalisierenden Geschichtsunterricht dar. Beim personalisierenden Zugang fehlen nach Ansicht von Heinz Dieter Schmid neben den sozialgeschichtlichen Beziehungsmustern auch die soziologischen Kategorien, was dazu führt, dass Kurzbiographien folglich ohne einen Bezugspunkt im Unterricht behandelt werden. Aufgrund dieser Isolation verfolge das sozialbiografische Verfahren das Ziel, historische Individuen unter Berücksichtigung von struktur- und sozialgeschichtlichen Elementen mit einer gesellschaftlichen Gruppe zu verknüpfen. Somit nehme die historische Person eine Vertreterrolle ein, die die Charakteristika einer für sie typischen sozialen Schicht dokumentiere. Als mögliche Merkmale kämen unter anderem die soziale Herkunft, die Verwandtschaft, der Freundeskreis, soziale und politische Optionen sowie Einstellungen und Reaktionen im Zusammenhang epochenspezifischer Ereignisse in Frage. Als kontrastierende Beispiele nennt Schmid Otto von Bismarck als Repräsentant der preußischen Adeligen- und Gutsbesitzerschicht, wohingegen Friedrich Ebert als Vertreter des Kleinbürgertums und typischer Sozialdemokrat erscheine.[15]

[...]


[1] Hessisches Kultusministerium: Lehrplan Geschichte. Bildungsgang Realschule. Jahrgangsstufen 5 bis 10. Wiesbaden 2016, S.17.

[2] Vgl. Ebd.

[3] Hessisches Kultusministerium: Lehrplan Geschichte. Gymnasialer Bildungsgang. Jahrgangsstufen 6 bis 13. Wiesbaden 2016, S.26.

[4] Vgl. Ebd.

[5] Vgl. Sauer, Michael: Geschichte unterrichten. Eine Einführung in die Didaktik und Methodik. 7., aktualisierte und erweiterte Auflage. Seelze-Velber 2008, S.60f.

[6] Barricelli, Michele: Thematische Strukturierungskonzepte. In: Günther-Arndt, Hilke (Hrsg.): Geschichtsmethodik. Handbuch für die Sekundarstufe I und II. Berlin 2007, S.56.

[7] Vgl. Barricelli (2007), S.56.

[8] Vgl. Sauer (2008), S.61.

[9] Vgl. Barricelli (2007), S.57.

[10] Schneider, Gerhard: Personalisierung/Personifizierung. In: Barricelli, Michele / Lücke, Martin (Hrsg.): Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts. Schwalbach/Ts. 2012, S.304.

[11] Vgl. Ebd.

[12] Vgl. Neubauer, Friedrich: Geschichtliches Lehrbuch für Lyzeen und höhere Mädchenschulen. Halle 1914, S. 71–75.

[13] Vgl. Barricelli (2007), S.60.

[14] Vgl. v. Friedeburg, Ludwig / Hübner, Peter: Das Geschichtsbild der Jugend (=Überblick zur wissenschaftlichen Jugendkunde; Band 7). 2., ergänzte Auflage. München 1970, S.54.

[15] Vgl. Schmid, Heinz Dieter: Verfahrensweisen im Geschichtsunterricht. In: Jeismann, Karl Ernst / Rolfes, Joachim (Hrsg.): Geschichtsunterricht. Inhalt und Ziele. Arbeitsergebnisse zweier Kommissionen. Stuttgart 1974, S.61f.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das individualisierende Verfahren und dessen Einsatzmöglichkeiten im Geschichtsunterricht im Themenfeld "Französische Revolution"
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,6
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V379473
ISBN (eBook)
9783668567061
ISBN (Buch)
9783668567078
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verfahren, einsatzmöglichkeiten, geschichtsunterricht, themenfeld, französische, revolution
Arbeit zitieren
Dominik Gros (Autor:in), 2016, Das individualisierende Verfahren und dessen Einsatzmöglichkeiten im Geschichtsunterricht im Themenfeld "Französische Revolution", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379473

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