Bildungsbenachteiligung in Deutschland. Das Projekt Schulqualität und Schulentwicklung


Hausarbeit, 2015
17 Seiten, Note: 1,6

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bildungsbenachteiligung
2.1 Begriffsreflektion
2.2 Risikofaktoren
2.3 Dimensionen

3. Bildungsbenachteiligung von Migrantenkindem im deutschen Schulsystem
3.1 Schulrelevante Ergebnisse empirischer Studien
3.1.1 Die PISA-Studie 2000
3.1.2 Der Bundesbildungsbericht 2014
3.2 EIrsachen
3.2.1 Die Schule als Ort institutioneller Diskriminierung
3.2.2 Das Verhalten der Lehrer und Lehrerinnen im Umgang mit Migrantenkindem

4. Aufgaben für das Arbeitsfeld „Schulqualität und Schulentwicklung“

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die im Jahr 2000 veröffentlichte PISA1 -Studie „schockte“ die Industrienation Deutschland, das Land der Dichter und Denker, und stellte die Grundzüge der deutschen Bildungspolitik zur Debatte. Insbesondere die in Deutschland im europäischen Vergleich weit verbreitete Bildungsbenachteiligung von Migrantenkindern erschütterte das Einwanderungsland Deutschland und ließ die Frage aufkommen, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um ausländische Schülerinnen und Schüler erfolgreicher in das deutsche Schulsystem einzugliedern. Um unter anderem der von PISA diagnostizierten Bildungsungerechtigkeit in Deutschland entgegenzuwirken, wurde in zahlreichen deutschen Schulen der Arbeitsbereich „Schulqualität und Schulentwicklung“ entwickelt.

Ein Untersuchungsschwerpunkt der vorliegenden Hausarbeit besteht darin, die Aufgaben von „Schulqualität und Schulentwicklung“ in Bezug auf die Benachteiligung von Migrantenkindem in deutschen Schulen darzulegen und Lösungsansätze zu präsentieren. Um sich dieser Thematik zu nähern, werden zunächst unterschiedliche Definitionen zum Begriff Bildungsbenachteiligung gegenübergestellt sowie Risikofaktoren und Dimensionen der Bildungsbenachteiligung aufgegriffen. Das darauffolgende Kapitel fokussiert sich auf schulrelevante Ergebnisse zweier empirischer Studien zum Thema Bildungsbenachteiligung. Verglichen werden die Analyseergebnisse der PISA-Studie aus dem Jahr 2000 mit denen des 2014 veröffentlichten Bundesbildungsberichtes. Basierend auf diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen wird der Fokus auf die Ursachen, die für die Entwicklung von Bildungsbenachteiligung verantwortlich sind, gelegt. Im letzten Teil der Hausarbeit werden die Aufgaben von „Schul qualität und Schul entwicklung“ im Themenfeld Bildungsbenachteiligung präsentiert. Abschließend wird ein Fazit gezogen, das die relevanten Erkenntnisse der vorliegenden Arbeit zusammenfasst.

Als Sekundärliteratur für diese wissenschaftliche Arbeit dienten unter anderem zwei Werke unter Beteiligung von Mechtild Gomolla, die den Begriff der „Institutioneilen Diskriminierung“ sowie dessen Ausprägung in deutschen, englischen und schweizerischen Schulen aufgreifen. Der von Harald Welzer im Jahr 2010 erschienene Aufsatz „Bildungsungleichheit revisited. Bildung und soziale Ungleichheit vom Kindergarten bis zur Hochschule“ greift Dimensionen der Bildungsbenachteiligung auf und gibt einen Einblick in die Ergebnisse der PISA-Studie 2000. Die Sammelbände „Migration und Bildung“ und „Chancengleichheit im Bildungswesen“ enthalten verschiedene Denkansätze bezüglich des Verhältnisses von Migration und Unterricht sowie der Aufrechterhaltung von Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem.

2. Bildungsbenachteiligung

Das einleitende Kapitel dieser Hausarbeit widmet sich zunächst dem Begriff der Bildungsbenachteiligung. Diesem liegen verschiedene Definitionen zugrunde. Exemplarisch werden die Terminologien von Christine Range und Marlene Lentner gegenübergestellt. Ein weiterer Abschnitt thematisiert die für Bildungsbenachteiligung verantwortlichen Risikofaktoren, denen Kinder mit Migrationshintergrund häufig ausgesetzt sind. Abschließend werden die drei Dimensionen der Bildungsbenachteiligung beschrieben und voneinander abgegrenzt.

2.1 Begriffsreflektion

Unter Bildungsbenachteiligung versteht Christine Range „die bildungsspezifische Benachteiligung von Gruppen, die über geringe kulturelle, soziale finanzielle Ressourcen verfügen. Der Begriff impliziert nicht vorsätzliche oder bewusste Diskriminierung, sondern konstatiert statistisch ein relatives Schlechterabschneiden dieser Gruppen bei der Verteilung von Bildungschancen und beim Erreichen von Bildungserfolgen."[2] Diesem weitem Verständnis von Bildungsbenachteiligung steht die Definition von Marlene Lentner entgegen. Bildungsbenachteiligt sind Lentner folgend „Personen, die als höchste abgeschlossene Ausbildung maximal über einen Pflichtabschluss verfügen und sich in keiner formalen Ausbildung befinden“[3]

Basierend auf der Definition von Christine Range werden im anschließenden Kapitel Risikofaktoren vorgestellt, die als Hauptgrund für die Entstehung von Bildungsbenachteiligung angesehen werden.

2.2 Risikofaktoren

Die Autoren des deutschen Bildungsberichtes aus dem Jahr 2010 unterscheiden zwischen drei Risikofaktoren, die Jugendliche in ihrem Bildungsprozess beeinträchtigen können.

Ein soziales Risiko bestehe, wenn beide Elternteile keiner Erwerbstätigkeit nachgingen. Liegt das Familieneinkommen unter dem Schwellenwert für Armutsgefährdung[4] greife zusätzlich ein finanzielles Risiko in die Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen ein. Die dritte Risikokomponente bezieht sich auf den Bildungsgrad der Elternteile. Sobald kein Elternteil über einen Abschluss der Sekundarstufe II oder höher verfüge, könne sich diese Bildungsferne des Elternhauses negativ auf die Bildungschancen der Kinder auswirken.[5]

2.3 Dimensionen

Harald Welzer verweist auf drei Dimensionen der Bildungsbenachteiligung[6], die sich seit den aufflammenden Diskussionen um Eingleichheit und Bildung in Deutschland Anfang der 1960er Jahre entwickelt haben.

Als eine der Dimensionen nennt Welzer die regionale Benachteiligung, die sich nach Klemm und Rolff vor allem in den Abiturquoten der jeweiligen Bundesländer widerspiegele. Ein im Jahr 2000 durchgeführter Vergleich zwischen den Flächenstaaten Bayern und Baden­Württemberg habe eine Spannweite von 20,5% bis hin zu 30,6% ergeben, sodass zwischen den einzelnen Bundesländer eine enorme Abweichung zu erkennen sei. Auch die Quoten der Jugendlichen, die die Schule ohne einen Hauptschulabschluss verlassen, würden bei Betrachtung der Flächenstaaten variieren. In den neuen Bundesländern liege diese Quote bei 10,9%, während in den alten Bundesländern lediglich 8,4% der Schülerinnen und Schüler ihre Schulkarriere ohne Abschluss beenden.[7]

Ein weiteres Bildungsdefizit besteht laut Welzer in den unterschiedlichen Zugängen zu Bildungsmöglichkeiten zwischen Jungen und Mädchen. Junge Frauen seien aktuell die Proflteurinnen des deutschen Bildungssystems, was durch aktuelle Bildungsstatistiken belegt werden könne.[8] Welzer bilanziert:

„Sie [Mädchen, D.G.] verlassen zu wesentlich geringeren Anteilen die Schule ohne Abschluss oder (,nur') mit einem Hauptschulabschluss. Sie sind stattdessen zu größeren Anteilen an 2013, bezogen auf das jährliche Einkommen zweier Erwachsener mit zwei Kindern unter 14 Jahren, bei 24673t. denjenigen Schulen vertreten, die über Realschulabschlüsse bzw. über die Fachhochschul- und Hochschulreife verfügen."[9]

Jungen hingegen seien vor allem an Sonderschulen überrepräsentiert, was dadurch zu erklären sei, dass eine Vielzahl dieser Personengruppe während der Schulzeit aus Haupt- oder Gesamtschulen in die Sonderschule wechseln.[10] Klemm und Rolff relativieren den Schulerfolg der Mädchen, indem sie auf den schwachen weiblichen Anteil an den universitären Erstsemestern hinweisen. Aus diesem Grund gelangen sie zu der Schlussfolgerung, dass junge Frauen ihre Vorteile im allgemeinbildenden Schulsystem nicht in die berufliche Ausbildung übertragen könnten.[11]

Die Benachteiligung von Kindern aufgrund eines Migrationshintergrundes ist nach Ansicht Welzers die dritte Benachteiligungsdimension, die sich seit der von der Europäischen Gemeinschaft vorgegebenen Zielsetzung, Migrantenkinder europaweit in Regelschulen und Regelklassen aufzunehmen, herausgebildet habe. Die Eingleichheit zwischen aus Deutschland stammenden und ausländischen Schülerinnen und Schülern sei darauf zurückzuführen, dass die Bundesregierung zu spät verbindliche Regelungen für die Beschulung von Migrantenkindem getroffen habe.[12]

3. Bildungsbenachteiligung von Migran ten kin dern im deutschen Schulsystem

Die Ergebnisse der PISA-Studie aus dem Jahr 2000 bringen das bildungspolitische Dilemma im Elmgang mit Ausländerkindern auf den Punkt und werden aus diesem Grund im folgenden Kapitel intensiver thematisiert. Im Anschluss werden die Erkenntnisse des Bundesbildungsberichtes 2014 beleuchtet. Ausgehend von den Ergebnissen dieser zwei empirischen Studien soll darüber hinaus auf die Ursachen, die für die ansteigende Bildungsbenachteiligung von Migrantenkindem im deutschen Schulsystem verantwortlich sind, näher eingegangen werden.

3.1 Schulrelevante Ergebnisse empirischer Studien

Der „PISA-Schock“, ausgelöst durch die Ergebnisse der PISA-Studie im Jahr 2000, deckte die Versäumnisse der deutschen Bildungspolitik, insbesondere im Bereich der Integration von Migrantenkindern in das deutsche Schulsystem, auf. Durch einen Vergleich mit den Ergebnissen des aktuellen Bildungsberichtes aus dem Jahr 2014 soll der Frage nachgegangen werden, wie sich die Bildungssituation der Kinder mit Migrationshintergrund innerhalb dieser 14-jährigen Zeitspanne entwickelt hat.

3.1.1 Die PISA-Studie 2000

Die im Jahr 2000 durchgeführte PISA-Studie analysierte unter anderem den Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und dem daraus resultierenden Bildungserfolg der deutschen Schülerinnen und Schüler. Die Ergebnisse der jeweils untersuchten Abhängigkeitsverhältnisse werden im Folgenden vorgestellt.

Der soziale Status sei hauptverantwortlich für die Schulform, die Schülerinnen und Schüler im Laufe ihrer Schulzeit besuchen. Die Hauptschule werde von 40% der Jugendlichen aus Arbeiterfamilien besucht, während lediglich 10% dieser Sozialschicht an Gymnasien anzutreffen seien. Diese Diskrepanz sei darauf zurückzuführen, dass ein Kind aus einer Arbeiterfamilie im Vergleich zu einem Kind aus einer höheren Sozialschicht trotz gleicher kognitiver Grundfähigkeiten eine drei mal geringere Chance habe, ein Gymnasium zu besuchen. Ein weiterer Grund für die Bildungsbenachteiligung von Migranten ist den PISA­Ergebnissen zufolge die enge Verbindung von sozialer Herkunft und dem Kompetenzerwerb, der vor allem in Deutschland stark ausgeprägt ist. Fast 40% aus der Gruppe der Arbeiterkinder würden im Bereich „Lesen“ lediglich über elementare Kompetenzen verfügen. Die Bildungssituation der Kinder, deren Eltemteile nach Deutschland eingewandert sind, sei im Vergleich zur Gruppe der Arbeiterfamilie noch gravierender. Fast die Hälfte der Jugendlichen komme unter dem Gesichtspunkt der Lesefähigkeit nicht über die elementare Kompetenzstufe I hinaus, obwohl mehr als zweidrittel dieser Gruppe das gesamte Schulsystem in Deutschland durchlaufen hätten.[13]

Klemm und Rolff ergänzen, dass der Abstand im Bereich des Leseverständnisses zwischen Jugendlichen ohne Migrationshintergrund und Kindern, deren beide Elternteile nicht aus Deutschland stammen, 74 Punkte beträgt. Auf den Ländervergleich übertragend entspreche dies dem Abstand zwischen Spitzenreiter Finnland und Portugal, das in der PISA­Studie den 26. Platz von insgesamt 31 teilnehmen Ländern belege.[14]

Diese sprachlichen Defizite würden sich darüber hinaus negativ auf die Leistungen in den naturwissenschaftlichen Fächern auswirken, weshalb die Autoren der PISA-Studie resümierend feststellen, dass „für diese Gruppe die Sprachkompetenz die entscheidende

[...]


[1] Programme for International Student Assessment

[2] Range, Christine: Fachtag: Konzepte für die Erreichung bildungsbenachteiligter Zielgmppen. Leipzig 2012, s.l.

[3] Lentner, Marlene: Bildungsbenachteiligte Jugendliche an der Schwelle zum Berufsleben. Linz 2010, S.3.

[4] Vgl. Statistisches Bundesamt: Armutsschwelle und Annutsgefährdung in Deutschland. Wiesbaden 2015. Der Schwellenwert für eine Armutsgefährdung liegt nach Auswertung des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2013, bezogen auf das jährliche Einkommen zweier Erwachsener mit zwei Kindern unter 14 Jahren, bei 24673t.

[5] Vgl. Autorengmppe Bildungsberichterstattung: Bildung in Deutschland 2010. Ein indikatorengestützter Bericht mit emer Analyse zu Perspektiven des вildungsWesens im demografischen Wandel. Bielefeld 2010, S.27f.

[6] Vgl. Wenzel, Hartmut: Chancengleichheit in der Schule - eine nicht abgegoltene Fordemng. In: Krüger, H.- HV Rabe-Kleberg, บ./ Kramer, R.-Т./ Budde, J. (Hrsg.): Bildungsungleichheit revisited. Bildung und soziale Ungleichheit vom Kindergarten bis zur Hochschule. Wiesbaden 2010, S.58. Welzer nennt als vierte Bildungsbenachteiligungsdimension die Disparität zwischen katholischen und evangelischen Landesteilen, die jedoch seiner Ansicht nach in der heutigen wissenschaftlichen Diskussion keinen Gültigkeitsanspruch mehr besitze.

[7] Vgl. Klemm, Klaus/ Rolff, Hans-Günter: Chancengleichheit - eine unabgegoltene Fordemng zur Schulrefonn. In: Kampshoff, Marita/Lumer, Beatnx (Hrsg.): Chancengleichheit im Bildungswesen. Opladen S.pislin

[8] Vgl. Welzer (2010), S.62.

[9] Vgl. Welzer (2010), S.62.

[10] Vgl. Ebd.

[11] Vgl Klemm/Rolff (2002), S.23.

[12] Vgl Welzer (2010), S.64.

[13] Vgl. Max-Planck-Institut für Bildungsforschung: PISA 2000: Die Studie im Überblick. Grundlagen, Methoden und Ergebnisse. Berlin 2002, S.11-13.

[14] Vgl. Klemm/Rolff (2002), S.27.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Bildungsbenachteiligung in Deutschland. Das Projekt Schulqualität und Schulentwicklung
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,6
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V379479
ISBN (eBook)
9783668565241
ISBN (Buch)
9783668565258
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bildungsbenachteiligung, deutschland, projekt, schulqualität, schulentwicklung
Arbeit zitieren
Dominik Gros (Autor), 2015, Bildungsbenachteiligung in Deutschland. Das Projekt Schulqualität und Schulentwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379479

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