Warum unterscheiden sich die Wohlfahrtssysteme in den USA und Europa?


Seminararbeit, 2017

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition eines Wohlfahrtsstaates

3. Welche Typen von Wohlfahrtsstaaten existieren?
3.1. Das liberale System
3.2. Das konservative System
3.3. Das sozialdemokratische System
3.4. Das Trilemma der Regime

4. Die historische Entwicklung der Wohlfahrtssysteme

5. Warum unterscheidet sich der amerikanische vom europäischen Wohlfahrtsstaat?
5.1. Grundlagen der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung
5.2. Unterschiedliche Faktoren für die Unterschiede
5.2.1. Politische Gründe
5.2.2. Ökonomische Gründe
5.2.3. Verhaltensgrundlegende Faktoren

6. Fazit und aktueller Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Trilemma nach Esping-Andersen 8

1. Einleitung

Der Wohlfahrtsstaat ist ein bedeutsames Prinzip der modernen internationalen Staatssysteme. Er bildet die Grundlage einer funktionierenden Gesellschaft innerhalb einer Nation.

Grundsätzlich beschreibt der Wohlfahrtsstaat das Idealmodell, in dem das Wohlergehen aller Bürgerinnen und Bürger eines Staates durch die Verantwortung eben dieses Staates garantiert wird. Jedoch existiert eine Diskrepanz der „Dimension“ der staatlichen Wohlfahrt zwischen verschiedenen Nationen. Somit lassen sich verschiedene Modelle von Wohlfahrtsstaaten unterscheiden, welche über die Ausprägung und verschiedenen Tätigkeiten auf dem Feld der Wohlfahrt definiert werden (vgl. Nohlen, 2011). In dieser Seminararbeit soll zunächst die Definition des Begriffs „Wohlfahrtsstaat“ gegeben werden. Im Folgenden werden dann die verschiedenen Typen von Wohlfahrtsstaaten vorgestellt. Da sich diese Arbeit besonders dem Unterschied der Wohlfahrtssysteme in den USA und Europa widmet, soll daraufhin auf die historische Entwicklung in den jeweiligen Ländern eingegangen werden. Danach werden die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Systeme beleuchtet und verglichen. Den Schluss dieser Arbeit bildet ein aktueller Ausblick und ein kritisches Fazit.

2. Definition eines Wohlfahrtsstaates

Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert einen Wohlfahrtsstaat als einen Staat, der sowohl die Daseinsvorsorge, wie auch eine allgemeine soziale Sicherung seiner Bürger, im Sinn hat. Erreicht werden soll dieses etwa durch verschiedene sozialpolitische Maßnahmen, Vorsorgeeinrichtungen und anderen Aspekten, sowie eine breit ausgebaute öffentliche Infrastruktur. (vgl. bpb.de)

Eine weitere Definition bietet Josef Schmid. Dieser definiert den Wohlfahrtsstaat in Nohlens Lexikon der Politikwissenschaften wie folgt. Der Wohlfahrtsstaat sei ein institutionalisierter Apparat zur Sicherung der sozialen Rechte der jeweiligen Bevölkerung. Diese soziale Sicherung erfolge über ein garantiertes Existenzminimum, die Bekämpfung der sozialen Ungleichheit durch Redistribution, sowie ein Schutz vor fundamentalen und folgeschweren Risiken wie etwa der Arbeitslosigkeit, oder der Absicherung im Alter. Weiterhin betont Schmid, dass der soziale Rechtsstaat die spezifischen Dienste und Leistungen nicht nur durch staatliche und kommunale Einrichtungen gewährleiste, sondern insbesondere Wohlfahrtsverbände im System des sozialen Rechtsstaates eine wichtige Rolle spielen (vgl. Nohlen, 2011).

3. Welche Typen von Wohlfahrtsstaaten existieren?

Der dänische Politikwissenschaftler Gøsta Esping-Andersen, welcher sich umfassend mit der Problematik des modernen Wohlfahrtsstaates auseinandergesetzt hat, definierte in seinem Buch „The Three Worlds of Welfare Capitalism“ von 1990 drei verschieden Arten von idealtypischen Wohlfahrtregimen und projizierte diese zugleich auf die verschiedenen OECD-Staaten (vgl. Esping-Andersen, 1990).

Esping-Andersens Klassifizierung von drei idealtypischen Regimen, prägte die Auffassung von Wohlfahrtsstaaten in der Politikwissenschaft wegweisend und ersetze die vorherrschende Sichtweise komplett, denn ursprünglich wurden Wohlfahrtsstaaten nur anhand des Niveaus ihrer Sozialausgaben verglichen. Esping-Andersen lenkte den Blick insbesondere auf die tatsächlichen Auswirkungen der sozialen Dienstleistungen auf die betroffenen Bürger des jeweiligen Sozialstaates und definierte somit drei Typen des liberalen, konservativen und sozialen Wohlfahrtsstaates (vgl. Esping-Andersen, 2003). Die Relevanz der Typisierung nach Esping-Andersen wird insbesondere dadurch unterstrichen, dass seine Klassifizierungen auch über die Politikwissenschaft hinaus als Analysewerkzeug der vergleichenden Wohlfahrtsstaatenforschung anerkannt sind.

Im Folgenden werden die drei idealtypischen Wohlfahrtsstaatenmodelle nach Esping- Andersen erläutert und im Anschluss das sogenannte Trilemma zwischen den drei Modellen aufgezeigt.

3.1. Das liberale System

Dieses wohlfahrtsstaatliche Regime ist in Ländern wie den Vereinigten Staaten von Amerika, Kanada, sowie auch Australien verbreitet (vgl. Esping-Andersen, 2003).

Hier schafft der Staat Rahmenbedingungen, wie etwa Gesetze oder Richtlinien, reguliert jedoch nicht direkt die sozialen Verhältnisse der Gesellschaft. Stattdessen soll die soziale Sicherheit innerhalb des Landes durch eine Marktregulation erfolgen. Dies bedeutet etwa, dass der Staat nur minimale soziale Leistungen anbietet und somit der Markt für wohlfahrtsstaatliche Dienste attraktiver gemacht werden. Eine weitere Möglichkeit bieten staatliche, direkte Subventionierungen, welche jedoch im Extremfall gewährt werden. In diesem System werden staatliche Sozialleistung von der Bevölkerung, sowie von den staatlichen Behörden als ein Eingriff in das Wirtschaftsleben, beziehungsweise Arbeitsleben angesehen und daher nur in besonderen Verhältnissen angewandt (vgl. Esping-Andersen, 1990)

Die Bevölkerung dieser Staaten sieht das Erreichen von Wohlstand als eine Konsequenz der individuellen Willens-, bzw. Schaffenskraft. Entsprechend wird von der Bevölkerung auch die soziale Notlage einer Person als Folge des individuellen Schaffens, oder Nicht-Schaffens betrachtet. Auf Basis dieser gesellschaftlichen Perspektive versucht der Staat die sozialen Leistungen auf ein Minimum zu reduzieren um somit die Arbeitsmoral anzuheben (vgl. Esping-Andersen, 1990).

In liberalen Regimen sind als Folge also die Eigenverantwortung einer Person, wie auch der auf dem Subsidiaritätsprinzip aufbauende Familienzusammenhalt, höhergestellt, als die sozialen Leistungen des Staates. Bevor einer Person Sozialfürsorge durch den Staat zugesprochen wird, muss sie sich im allgemeinen einer Bedürftigkeitsprüfung unterziehen. Als Folge dieser Maßnahmen findet also innerhalb dieser Gesellschaften eine Stigmatisierung der Bedürftigen und Betroffenen statt (vgl. Esping-Andersen, 2003)

3.2. Das konservative System

Das konservative, oder auch korporatistische System, lässt sich in europäischen Staaten wie etwa Deutschland, Österreich, oder auch Italien finden (vgl. Esping-Andersen, 2003).

Grundsätzlich betont der konservative Wohlfahrtsstaat die Relevanz des Subsidiaritätsprinzips innerhalb der Wohlfahrtssystems. Das bedeutet die Solidarität der Verwandtschaft des betreffenden Bürgers/Bürgerin, sowie andere Hilfesysteme oder Ressourcen, wie etwa das eigene Einkommen oder Vermögen, stehen vor der staatlichen Unterstützung. Jedoch ist sich der konservative Wohlfahrtsstaat seiner Verpflichtung zur Auflösung der sozialen Ungleichheit bewusst und greift ein, sobald die direkten und indirekten Selbsthilfekräfte der Betroffenen erschöpft sind (vgl. Esping-Andersen, 1989).

Im Regime des korporatistischen Wohlfahrtsstaats ist die soziale Gerechtigkeit stark an der Arbeits- und Sozialversicherung des einzelnen Bürgers/Bürgerin orientiert. Das bedeutet ganz konkret, dass das soziale Recht an Klasse, Beruf und Status eines Bürgers gebunden ist. Dies spiegelt sich in den Sicherungssystemen des Staates wieder. Hier wird nach dem Äquivalenzprinzip bei Transferleistungen, beziehungsweise dem Leistungsprinzip bei Renten- oder Arbeitslosengeld, differenziert. Das bedeutet also, dass der soziale Anspruch stärker ist, je mehr zuvor in das Wohlfahrtssystem eingezahlt wurde. (vgl. Esping-Andersen, 1990).

3.3. Das sozialdemokratische System

Der Typus des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaats ist vorrangig in skandinavischen Staaten wie Dänemark, Schweden und auch Finnland erkennbar (vgl. Esping-Andersen, 2003).

Der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat strebt auf Basis der vorherrschenden Sozialdemokratie nach einer niveauvollen Gleichheit aller Bürgerinnen und Bürger. Ziel ist es, die potentiellen ungleichen Lebensverhältnisse innerhalb der Gesellschaft durch eine umfassende Sozialpolitik und universale Solidarität zu neutralisieren und somit Gleichberechtigung für alle herzustellen. Dies geschieht nach der Auffassung von Esping- Andersen etwa durch die Abkopplung verschiedener Faktoren, wie Einkommen, sozialer Status, oder die Höhe der gezahlten Beiträge, von der Notwendigkeitsprüfung zum Empfang staatlicher sozialer Dienste und Leistungen. Weiterhin findet die Finanzierung dieser staatlichen Sozialpolitik ausschließlich über Transferleistungen der Bevölkerung an den staatlichen Haushalt statt. Als Anspruchsgrundlage für den Empfang dieser Dienste und Leistungen reicht in diesem Wohlfahrtsregime bereits der Nachweis der Staatsbürgerschaft, welcher in diesem Fall die sozialen Bürgerrechte garantiert (vgl. Esping-Andersen, 2003).

Hier bildet sich ein Kontrast zum liberalen Wohlfahrtsregime, welches deutlich schwächer auf die Versorgung der Allgemeinheit ausgelegt ist. Sichtbar wird dies an der Nutzung der Marktkräfte zur Bereitstellung von sozialen Diensten und Leistungen. Während der liberale Wohlfahrtsstaat den Markt als unterstützende Hilfe oder auch komplettes Substitut zur staatlichen Sozialpolitik sieht, grenzt der sozialdemokratische Sozialstaat den Markt in diesem Bereich vollkommen aus.

3.4. Das Trilemma der Regime

An dieser Stelle soll genauer auf das Zusammenspiel der drei oben dargestellten Wohlfahrtsysteme eingegangen werden. Zur Veranschaulichung soll Abbildung 1 dienen, welche einen detaillierten Überblick bietet. Sie ist angelehnt an das Trilemma-Modell von Iversen und Wren und wurde speziell für die von Esping-Andersen definierten Wohlfahrtsregime und ihre Schwerpunkte konstruiert (vgl. Iversen und Wren, 1998).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Trilemma nach Esping-Andersen1

Es lassen sich aus der Literatur speziell drei Dimensionen für eine klare Abgrenzung der dargestellten Wohlfahrtssysteme ableiten.

Zum einen die Dekommodifizierung, welche die Bereitstellung des Staates von Diensten und Leistungen zur Wohlfahrtsproduktion, ohne Abhängigkeit der Bevölkerung von Wohlfahrtsleistungen durch den Markt, bezeichnet. Diese Dimension ist besonders im sozialdemokratischen und konservativen Modell ausgeprägt und bildet den Kontrast zum marktnahen liberalen System (vgl. Esping-Andersen, 1990).

Weiterhin lässt sich die korporatistische Dimension als ein Teil des Trilemma identifizieren. So sind in den sozialdemokratischen und liberalen Wohlfahrtsstaaten die Anzahl der Sicherungssysteme, welche nach Berufsgruppen differenziert sind, nur gering ausgeprägt. Während der konservative Sozialstaat genau diesen Punkt als zentrales Alleinstellungsmerkmal aufweist (vgl. Esping-Andersen, 1990).

Als letzten der drei Faktoren wird der Residualismus angeführt. Dieser bezeichnet den Anteil von Fürsorgeleistungen an den gesamten Sozialausgaben eines Staates. Sowohl der liberale, als auch der konservative Wohlfahrtsstaat weisen einen stark ausgeprägten Residualismus auf. Der sozialdemokratische Sozialstaat hingegen besitzt einen institutionellen Charakter (vgl. Esping-Andersen, 1990).

[...]


1 Die originale Abbildung befindet sich im Anhang

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Warum unterscheiden sich die Wohlfahrtssysteme in den USA und Europa?
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V380740
ISBN (eBook)
9783668574281
ISBN (Buch)
9783668574298
Dateigröße
677 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
warum, wohlfahrtssysteme, europa
Arbeit zitieren
Hendrik Niehoff (Autor), 2017, Warum unterscheiden sich die Wohlfahrtssysteme in den USA und Europa?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380740

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