Europa in der Krise. Eine Erklärung des staatlichen Handelns in der europäischen Flüchtlingspolitik anhand von Andrew Moravcsiks liberalen Intergouvernementalismus


Hausarbeit, 2017
29 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Andrew Moravcsik liberaler Intergouvernementalismus
2.1. Liberale Präferenzbildung
2.2. Intergouvernementale Verhandlungen
2.3. Abgabe von Souveränität

3. Europäische Integration in der Asylpolitik
3.1. Definition Integration
3.2. Integrationsschritte
3.2.1. Vor dem Vertrag von Maastricht
3.2.2. Vertrag von Maastricht bis Amsterdam
3.2.3. Abkommen von Tampere und heute

4. Analyse
4.1. Methodologie
4.2. Polens Verhalten im Verteilungsschlüssel
4.3. Relevante Akteure
4.3.1. Öffentliche Meinung
4.3.2. Kirchliche Akteure
4.3.3. NGOs
4.3.4. Medien
4.4. Zwischenstaatliche Verhandlungen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

“Today's decision reminds us that the European Union is founded on solidarity between member states, but also on solidarity with people in need of protection” (Asselborn 2015). Mit diesen Worten äußerte sich Jean Asselborn, der luxemburgische Minister für aus­wärtige und europäische Angelegenheiten sowie Minister für Immigration und Asyl, zu dem Beschluss eines europäischen Verteilungsschlüssels in der Flüchtlingskrise. Dieser lässt nicht nur Rückschlüsse auf solidarisches Verhalten innerhalb der EU zu, sondern markiert einen weiteren Schritt in der europäischen Integration. Die praktische Umsetzung der Mitgliedsstaaten, vor allem in Osteuropa, lässt sich allerdings eher als eine Abkehr von dieser interpretieren.

Die Frage der Integration in der europäischen Union ist keine neue und beschäftigte schon die Politiker seit der Gründung der europäischen Gemeinschaft im Jahre 1951. Danach hat die Integration in der EU viele Schritte gemacht, die von einem Rückschlag im Jahre 1965 mit der Politik des leeren Stuhls bis hin zu erweiterten Integrationsschritten durch die Verträge von Maastricht, Amsterdam, Nizza und Lissabon reichten. Bis heute bleibt Integration ein viel beschäftigtes Thema, welches seinen Höhepunkt in dem BREXIT Votum und in der Flüchtlingskrise findet. Die Antworten auf diese Diskussion sind so vielschichtig wie die Länder der europäischen Union selbst. Einige Länder, wie Deutschland und Frankreich, fördern mehr Integration und mehr Zusammenarbeit und betrachten dies als einzige Lösung mit dem zunehmenden Flüchtlingsstrom umzugehen, während andere, speziell die Visegrád[1] Länder, die die Lösung in einem nationalstaatlichen Rückzug sehen (Lang 2015: 2). In Betrachtung dieser aktuellen und vielseitigen Debatte stellt sich zudem die Frage nach der Solidarität zwischen den einzelnen Nationalstaaten, die zunehmend auf die Probe gestellt wird. Mitgliedsstaaten übernehmen unterschiedliche Verantwortung. Dabei lässt sich das Handeln der Staaten kaum mehr als einheitlich betrachten, sondern eine große Zersplitterung der Staatengemeinschaft erkennen. Wenn man dieses Phänomen betrachtet, kann man von einem Rückschritt in der europäischen Integration sprechen. Aber warum handeln Staaten in der internationalen Gemeinschaft so? Ein Versuch, das staatliche Handeln in der europäischen Gemeinschaft zu erklären ist Andrew Moravcsiks Theorie des liberalen Intergouvernementalismus, die auf Stanley Hoffmans Theorie des Intergouvernementalismus zurückgeht. Interessant dabei ist, inwieweit sich die in den 1990er- Jahren entwickelte Theorie auf die heutigen Integrationsprozesse in der Flüchtlingskrise anwenden lässt. Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit dieser Frage und untersucht die Integrationsprozesse in der Flüchtlingskrise anhand des Beispiels Polen, da das Handeln der polnischen Regierung viel Aufmerksamkeit in der öffentlichen, internationalen Debatte erregte. Dabei beleuchtet die Arbeit den 2015 verabschiedeten Verteilungsschlüssel als untersuchtes Integrationsobjekt. Die abhängige Variable der Analyse bildet hierbei das Handeln der polnischen Regierung, während Moravcsiks Theorie die unabhängige Variable darstellt. Dafür gilt es zunächst, als Basis der Analyse, die Theorie von Andrew Moravcsik darzustellen. Im nächsten Kapital wird eine Definition des Begriffs Integration vorgenommen und dann die Integrationsschritte der europäischen Flüchtlingspolitik im historischen Verlauf beschrieben, um die Entwicklung hin zu dem Verteilungsschlüssel zu verstehen und die Relevanz des Untersuchungsobjekts zu bestätigen. Auf Grundlage der in Kapital zwei vorgestellten Theorie Moravcsiks wird im Folgenden eine Analyse Polens vorgenommen. Hierzu werden zunächst die relevanten innerstaatlichen Akteure untersucht und dann auf die zwischenstaatlichen Verhandlungsprozesse eingegangen. Im Fazit wird Bezug zu der Frage genommen, ob die vorherige Betrachtung darauf schließen lässt, dass der liberale Intergouvernementalismus eine geeignete Erklärung für das Verhalten Polens in der Flüchtlingskrise bildet oder nicht.

2. Andrew Moravcsik liberaler Intergouvernementalismus

Um eine Analyse der Integrationsschritte in der europäischen Flüchtlingspolitik vorzunehmen, gilt es zunächst die Basis der Analyse, Andrew Moravcsiks Theorie des liberalen Intergouvernementalismus, darzustellen. Die Theorie Moravcsiks basiert auf Stanley Hoffmanns formulierten Intergouvernementalismus und bildet eine Operationalisierung zur Erklärung von Integrationsprozessen in der Europäischen Gemeinschaft. Zunächst werden die grundlegenden Voraussetzungen für Integration formuliert, um aufbauend darauf, Indikatoren für die Analyse herauszubilden.

Ausgehend vom Realismus, als Großtheorie der internationalen Beziehungen, betrachtet auch der liberale Intergouvernementalismus den Staat als einen rational handelnden Akteur (Moravcsik 1998: 19-22). Allerdings geht Moravcsik hier über die klassische Theorie hinaus und bezieht das rational staatliche Handeln nicht auf supranationale Einflüsse, sondern vielmehr auf innerstaatliche Verhandlungen zwischen nationalen Interessensgruppen. Wie auch bei Moravcsik rückt auch bei Hoffmann der Nationalstaat in das Hauptaugenfeld der Analyse. Laut Hoffman ist das internationale System durch seine Staaten geprägt, die wiederum durch ihre historischen und geographischen sowie innenpolitische Bedingungen bestimmt werden:

„Every international system owes its inner logic and its unfolding to the diversity of domestic determinants, geo-historical situations, and outside aims among its units. (Hoffman 1996: 864)

Zudem formuliert er nationale Interessen als Handlungsmaxime in der Außenpolitik, sodass Kooperation nur durch den autonomen Willen der Staaten möglich ist. Die unterschiedlichen staatlichen Interessen resultieren sowohl aus innerstaatlichen als auch außenpolitischen Charakteristiken der Staaten. Diese werden bei Hoffmann allerdings nicht ganzheitlich analysiert, sondern bleiben als innerstaatliche Prozesse der genauen Betrachtung verborgen. Die 1960 in den 1960er- Jahren entwickelte Theorie verwirft damit neofunktionalistische spillover - Effekte, die aufgrund der Diversitäten zwischen den Staaten nicht stattfinden können (Hoffmann 1996: 882).

Aus dem Intergouvernementalismus hat sich in den 1990er-Jahren Andrew Moravcsiks Theorie des liberalen Intergouvernementalismus herausgebildet. Die Theorie verknüpft sich sonst konkurrierende liberale und intergouvernementale Integrationsprozesse und betrachtet die nationalen und transnationalen staatlichen Beziehungen als Erklärungsfaktoren für staatliche Präferenzbildung (Moravcsik 1993: 480). Moravcsik geht mit seiner Theorie über Hoffmanns Betrachtung des Staates als Black-Box hinaus und beleuchtet zusätzlich die innerstaatlichen Prozesse, die zu der Herausbildung von Präferenzen führen. In seinem Werk Preferences and Power in the European Community beschreibt er nationale Präferenzbildung wie folgt:

„The main interest of governments is to maintain themselves in office, in democratic societies this requires the support of a coalition of domestic voters, parties, interest groups and bureaucracies whose views are transmitted directly or indirectly through domestic institutions or practices of political representation. Through this process emerges the set of national interests or goals that states bring to international negotiations.” (Moravcsik 1993: 14)

In einem Zwei-Phasenmodell vollzieht sich die Entwicklung der staatlichen Präferenzbildung. Die erste Phase beschreibt die liberalen Prozesse, die sich in der nationalen Interessenbildung wiederspiegeln. Die Interessen bilden sich nach dem bottom-up Prinzip durch den pluralistischen Wettbewerb nationaler gesellschaftlicher Gruppen heraus. In der zweiten intergouvernementalen Phase werden die formulierten Interessen durch den Staat auf europäische Ebene projiziert. Ausgehend vom Intergouvernementalismus stehen auch bei Moravcsik souveräne Nationalstaaten im Mittelpunkt. Dabei folgt staatliches Handeln drei Grundprinzipien. Zum einen liegt der Fokus staatlichen Handelns auf den Individuen und Interessensgruppen. Außerdem ist der Staat nicht als ein einheitlicher Akteur zu betrachten, sondern vielmehr als ein Produkt gesellschaftlicher Machtverhältnisse zu verstehen (Bieling 2006: 174). Schließlich folgt die Bereitschaft für intergouvernementale Kooperation den nationalen Präferenzen.

In The Choice for Europe basiert Moravcsik seine Analyse auf drei Ebenen:

1. Liberale Theorie der Präferenzbildung
2. Theorie des intergouvernementalen Bargaining
3. Entscheidung über die Übertragung der Souveränität zu internationalen Akteuren

2.1. Liberale Präferenzbildung

Die liberale Theorie der Präferenzbildung stützt sich auf die Untersuchung der nationalen Akteure, die anhand eines Interessenwettbewerbs in unterschiedlicher Weise das Handeln des Staates beeinflussen. Bei der Analyse der Akteure ist es wichtig zunächst herauszufiltern, welche sozialen Gruppen in einem Staat existieren, wie ihr Einfluss auf die Politik ist und welchen Ursprung ihre Präferenzen haben. Homogene, kleine Gruppen besitzen hier einen Interessenvorteil gegenüber großen Gruppen, bei denen es zu Trittbrettfahrerproblematik und größeren Differenzen kommen kann. Die staatliche Zusammenarbeit wird dabei vor allem durch wirtschaftliche Organisationen, die Industrie und Agrarwirtschaft, sowie Dienstleistungsunternehmen beeinflusst. Außenpolitisch ist staatliche Zusammenarbeit überwiegend auf ökonomische Interdependenzen zurückzuführen. Auch geopolitische Interessen haben laut Moravcsik einen Einfluss auf politische Handlungen, allerdings kommt diesen eine zunächst untergeordnete Rolle zu (Bieling 2002: 177-180).

2.2. Intergouvernementale Verhandlungen

Als nächste Stufe wird das zwischenstaatliche bargaining eingeleitet. Hierbei bestimmen nationale Präferenzen die Nachfrage nach zwischenstaatlicher Kooperation. Kooperation entsteht aufgrund von Externalitäten, die aus der Ausweitung von Interdependenzen resultieren. Nationale Handlungen beeinflussen damit nicht nur die eigene Politik, sondern haben auch Auswirkungen auf die Innenpolitik von Staaten außerhalb der eigenen Staatsgrenzen (Moravcsik 1993: 485). Die Entscheidungen in der Europäischen Gemeinschaft basieren auf freiwilligem Handeln der Akteure, großer Informiertheit der Akteure sowie niedrigen Transaktionskosten bei internationalen Verhandlungen. Innerhalb des bargaining bilden Akteure eine Einheit. Entscheidend für das Gelingen der Kooperation ist die Präferenzintensität, also die relative Verhandlungsmacht der Regierungen, welche von der Stärke des innenpolitischen Drucks abhängt. Die Verhandlungsmacht nimmt mit zunehmendem Interesse der Regierung ab, sodass Regierungen bei Anliegen, bei denen sie auf internationale Kooperation angewiesen sind, verstärkt von anderen Staaten abhängig sind. Kooperation kommt folglich auf Grundlage des kleinsten gemeinsamen Nenners zwischen den Regierungen mit dem größten Einfluss, bei Moravcsik Deutschland, Frankreich und Großbritannien, zustande (Moravcsik 1993: 501). Unter Bedingungen der Einstimmigkeit beruhen die Entscheidungen auf den Bemühungen der am wenigsten entgegenkommenden Regierung, ihren status quo beizubehalten. Die Verhandlungsmacht liegt bei der Regierung, die aufgrund von einseitiger Politikoption mit einem Veto drohen kann. Aber auch qualifiziertes Mehrheitsvotum ist möglich, wenn eine Verbindung zwischen den Verhandlungen zu einem gemeinsamen Ziel und der Möglichkeit, die Transaktionskosten zu verringern, besteht (Moravcsik 1993: 508-511).

Darüber hinaus ist Kooperation anhand so genannter linkages oder side payments in package deals möglich (Moravcsik 1998: 63). Diese beschreiben die Verknüpfungen von unterschiedlichen Verhandlungsgegenständen. In Bereichen, die die gleichen Interessensgruppen betreffen und in denen die Kosten auf diffuse und lose Gruppen übertragen werden können, kann so eine Kooperation in Sektoren erreicht werden, in denen eine der Parteien sich dieser sonst verweigert hätte. Weitere Formen der Kooperation sind alternative Koalitionen, bei denen negative Externalitäten für diejenigen Regierungen entstehen, die sich der Koalition nicht anschließen (Moravcsik 1998: 65).

2.3. Abgabe von Souveränität

Staatliche Akteure sind bereit ihre Souveränität abzugeben, wenn dies den rationalen geopolitischen oder sicherheitspolitischen Interessen sowie ihren politisch-ökonomischen Interessen dient:

„European Integration resulted from a series of rational choices made by national leaders who consistently pursued economic interests- primarily the commercial interests of powerful economic procedures and secondarily the macro-economic preferences of ruling governmental coalitions- that evolved slowly in response to structural incentives in the global economy. “(Moravcsik 1998: 3)

Somit stehen die Regierungsakteure und ihre Präferenzen im Vordergrund von Integrationsprozessen, sodass supranationalen Institutionen lediglich eine untergeordnete Rolle zukommt. Die Abgabe von Souveränität kann entweder aufgrund größere Effizienz oder aber durch das gestärkte Interesse der Regierungen an obligatorischen Abkommen erfolgen (Bieling 2002: 177).

Moravcsik hat diese Analyseschritte zur Erklärung des Zustandekommens der großen EU-Reformen aufgestellt. Im Folgenden werden diese als Basis der Analyse verstanden und in konzentrierter Form angewandt. Dabei wird der Fokus in der Anwendung auf Polen bei der Analyse der Interessensbildung nicht auf ökonomische Eliten gelegt. Diesen kommt in der Betrachtung der Flüchtlingskrise eine weniger bedeutende Rolle zu, da die zivilgesellschaftlichen Einflüsse, den Spielraum der polnischen Regierung bereits stark einschränken. Schlussendlich werden vor allem die Punkte 2.1. und 2.2 in der Analyse betrachtet, da es, wie später dargestellt, zu keiner hinreichenden Abgabe von Souveränität im Verteilungsschlüssel von Seiten Polens kam.

3. Europäische Integration in der Asylpolitik

Um die zuvor vorgestellte Theorie hinsichtlich der europäischen Integrationspolitik Polens in der Asylpolitik zu untersuchen, wird zunächst ein geeignetes Untersuchungsobjekt festgelegt. Zur Herleitung des Untersuchungsobjektes gilt es den Verlauf der Integrationsprozesse in der europäischen Flüchtlingspolitik zu analysieren. Zuvor wird eine Definition des Begriffs Integration vorgenommen.

3.1. Definition Integration

Im Zuge der Erläuterung des Integrationsbegriffs wird Bezug auf die Autoren Eger, Fritz und Wagener genommen, die eine Erläuterung zur politikwissenschaftlichen Definition von Integration veröffentlicht haben.

In dem europäischen Mehrebenensystem bedarf die Definition von Integration einer vielschichtigen Analyse. Der Begriff ist zunächst nicht klar im europäischen Vertragsrecht definiert, lässt sich aber in Artikeln der europäischen Rechtsgrundlage finden. Art. 1 der europäischen Union betont die „immer engere Union der Völker“ (Eger et al. 2006: 46) . Der Grundgedanke der Integrationsprozesse geht, in der vor allem als Wirtschafts- und Handelsunion gegründeten Staatengemeinschaft, auf die ökonomische Integration zurück. Mit dem Ziel negative Externalitäten, wie Transport- und Kommunikationskosten, abzubauen, hatten diese Schritte eine verstärkte Zusammenarbeit im Bereich der Wirtschaft zufolge (ebd.: 22). Aus der wirtschaftlichen Integration hat sich eine zunehmend politische Integration entwickelt. Laut Haas wird Integration wie folgt beschrieben: „[…] process whereby political actors in several distinct national settings are persuaded to shift their loyalties, expectations and political activities towards a new center, whose institutions possess or demand jurisdiction over the pre-existing ones.” (Haas 1968: 16). Somit bedeutet politische Integration für ihn die Abgabe von Souveränität und Verschiebung der Zuständigkeit hin zu einer supranational agierenden Institution (Eger et al. 2006: 39). Im Laufe der Zeit haben sich mehrere Theorien entwickelt, die den Prozess der Integration beschreiben und auf unterschiedliche Implikationen der europäischen Integrationsprozesse schließen. Unter anderem ist aus dem Realismus Andrew Moravcsiks Theorie des liberalen Intergouvernementalismus entstanden.

3.2. Integrationsschritte

Nach Klärung der Begrifflichkeit der Integration ist zunächst eine kurze Betrachtung der Integrationsschritte innerhalb der europäischen Asylpolitik relevant. Diese begann bereits vor dem Vertrag von Maastricht, verzeichnete allerdings erst durch das Tampere-Programm einen großen Schritt hin zu einer Vergemeinschaftung der europäischen Politik.

3.2.1. Vor dem Vertrag von Maastricht

Die Öffnung der Binnengrenzen durch das Schengener Abkommen im Jahre 1990 verlangte von den Mitgliedsstaaten eine Auseinandersetzung mit Maßnahmen zur Vergemeinschaftung der europäischen Asyl- und Einwanderungspolitik. Als Folge verschärfte die EU ihre Visabestimmungen für Asylsuchende und führte mit dem zweiten Schengener Abkommen Grenzkontrollen an den gemeinsamen Außengrenzen ein. Mit dem Dublin II-Abkommen wurde ergänzend verabschiedet, dass derjenige Staat für das Asylverfahren zuständig ist, in dem der Asylsuchende zuerst europäischen Boden betreten hat (Nuscheler 2004: 178).

3.2.2. Vertrag von Maastricht bis Amsterdam

Zwar traten durch den Vertrag von Maastricht 1992 noch keine konkreten Maßnahmen zur Vergemeinschaftung des Politikfeldes Asyl in Kraft, dennoch wurde die Einwanderungs- und Asylpolitik zu einer „Angelegenheit von gemeinsamen Interesse“ erklärt (ebd.: 179). Bis dahin belief sich die Zusammenarbeit auf intergouvernementalen Strukturen. Ein erster Schritt hin zu einer Teilvergemeinschaftung wurde erst durch den Vertrag von Amsterdam erreicht. In diesem wurde die Asylpolitik von der dritten Säule in die erste Säule der europäischen Gemeinschaft verlagert und bildete so nicht mehr nur Teil der inneren und justiziellen Zusammenarbeit, sondern trat in den Bereich der europäischen Gemeinschaft über (ebd.: 180).

3.2.3. Abkommen von Tampere und heute

Auf Anstoß der 1998 eingesetzten Arbeitsgruppe für Asyl und Migration verabschiedete die EU-Kommission auf dem Gipfeltreffen in Tampere einen Entwurf zu einem europaweiten vereinheitlichten Asylverfahren. Zudem drängte auch das Europäische Parlament zu einer Vergemeinschaftung des Asylrechts. Als Ergebnis verfolgt die Europäische Union seit 1999 ein gemeinsames europäisches Asylsystem und hat in Folge dessen mehrere Resolutionen verbschiedet, die in einer ersten Phase (1999-2005) zu einer Harmonisierung der Standards beitragen sollten (ebd.: 181). Neben finanziellen Solidaritätsausgleich, durch einen europäischen Flüchtlingsfonds, wurden zudem Resolutionen zu harmonisierten Minimalstandards für die Aufnahme von Asylsuchenden verabschiedet. Im Zuge dessen wurde 2001 beispielswiese eine Richtlinie zu den vorübergehenden Schutzmaßnahmen im Falle einer Massenflucht eingeführt. Mit der Verabschiedung des Haager Programmes hat sich die zweite Phase des europäischen Asylsystems zum Ziel gesetzt, ein gemeinsames Asylverfahren und einen einheitlichen Status für Menschen einzuführen, denen Asyl oder subsidiärer Schutz gewährt wird.

Wie im Policy Plan on Asylum 2008 durch die europäische Kommission erklärt, solle eine Harmonisierung vor allem durch die Anpassung der Schutzstandards, effektive und gut angeleitete praktische Kooperation sowie gesteigerte Solidarität und Verantwortung zwischen EU-Staaten erreicht werden (EUR-Lex 2011). Dazu hat sich die europäische Gemeinschaft auf Richtlinien geeinigt, die gemeinsame Standards und stärkere Kooperation zur einheitlichen Behandlung von Asylsuchenden einführen. Diese regulieren Aspekte des Asylverfahren (Qualification Directive), der garantierten Standards (Procedure Directive), sowie gleiche Vorrausetzungen zur Aufnahme von Asylbewerbern (Reception Conditions). Zudem enthalten die Regelungen eine Überarbeitung von Eurodac und dem Schengener Informationssystem und ergänzen die Dublin-Konvention (European Commission 2017a).

Mit der massiven Fluchtbewegung aus Syrien im Jahre 2015 wurden die EU-Staaten vor neue Herausforderungen gestellt. Die europäische Union und vor allem die Grenzstaaten waren auf den Andrang der Massen nicht vorbereitet, weshalb es zu der viel diskutierten Flüchtlingskrise kam. 2015 meldeten Mitgliedsstaaten, FRONTEX zu folge, 1.820.000 illegale Grenzüberschreitungen. Dabei verzeichneten vor allem Griechenland und Italien die höchsten Zahlen illegaler Einwanderung (Frontex 2015). Diese massive Anzahl zwang Staaten zu kooperieren und sich neue Strategien zu überlegen. Hinsichtlich des starken Zustroms von Asylsuchenden nach Europa, reagierte die europäische Kommission am 13. Mai 2017 mit der europäischen Migrationsagenda, die es sich zum Ziel gesetzt hat, sich als vereintes Europa, der humanitären Aufgabe zu stellen. Die Agenda beruht auf den Prinzipien von Solidarität und geteilter Schutzverantwortung nach Artikel 78 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäische Union und enthält Vorschläge zu sofortigen Handlungen, die den Zustrom regeln sollen. Neben lebensrettenden Maßnahmen und der Verfolgung von kriminellen Schmugglernetzwerken, bildet der Vorschlag für einen vorrübergehenden Verteilungsschlüssel ein Element der Agenda. Dieser beruht auf dem GDP der Länder, der Bevölkerungsanzahl, der Arbeitslosenrate sowie der Anzahl an bereits aufgenommenen Asylbewerbern und soll die Grenzstaaten wie Griechenland und Italien entlasten. Die Umverteilung umfasst einen Zeitraum von zwei Jahren und eine Zahl von 40.000 Asylbewerbern, die entweder über Italien oder Griechenland nach Europa gekommen sind. Mit dem Ratsbeschluss 2015/1523 trat der Verteilungsschlüssel unter Einstimmigkeit am 15. September 2015 in Kraft (European Parliament 2015a).

[...]


[1] Der Begriff Visegrád Länder geht auf die ungarische Stadt Visegrád zurück, in der sich 1335 die ungarischen, böhmischen und polnischen Könige zu wirtschaftlich-politischen Verhandlungen trafen. Heute bezeichnet der Begriff das seit 1998 stattfindende halbjährliche Treffen, der vier Staaten Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn, die gemeinsame Probleme diskutieren. (MDR 2016)

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Details

Titel
Europa in der Krise. Eine Erklärung des staatlichen Handelns in der europäischen Flüchtlingspolitik anhand von Andrew Moravcsiks liberalen Intergouvernementalismus
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
29
Katalognummer
V380862
ISBN (eBook)
9783668574465
ISBN (Buch)
9783668574472
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
europa, krise, eine, erklärung, handelns, flüchtlingspolitik, andrew, moravcsiks, intergouvernementalismus
Arbeit zitieren
Zaira Cesian (Autor), 2017, Europa in der Krise. Eine Erklärung des staatlichen Handelns in der europäischen Flüchtlingspolitik anhand von Andrew Moravcsiks liberalen Intergouvernementalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380862

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