Die Diachronie der Anrede im Deutschen. Eine historiolinguistische Analyse anhand ausgewählter Dramentexte


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

28 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Vorwort & Einleitung

2.) Modelle der Anredeforschung nach Brown/Levinson & Besch

3.) Die Diachronie der Anrede im Deutschen
I. Das Gotische & Germanische
II. Das Althochdeutsche
III. Das Mittelhochdeutsche
IV. Das Frühneuhochdeutsche
V. 18. Jahrhundert bis Gegenwart

4.) Rückblick und Ausblick

Bibliographie:

1.) Vorwort & Einleitung

Man kann mit Recht die Sprache eines Volks als einen Spiegel seines Nationalcharakters ansehen. […] Es ist auch natürlich, da die Sprache das allgemeine Organ der empfindenden und denkenden Kraft ist, deren Äußerungen sich durch nichts so bestimmt und deutlich offenbaren, als durch tönende Zeichen, d. i. durch die Sprache. “ (Gedike 1794: 1).

Es mag nun über 200 Jahre her sein, seit diese Worte bei einer öffentlichen Versammlung der Berlinischen Akademie der Wissenschaften am 30. Januar 1794 von Friedrich Gedike vorgetragen wurden, und doch haben sie nichts von ihrer Aktualität verloren. Sprache als Spiegel einer Gesellschaft. Gesellschaft reflektiert in Sprache. Gesellschaftlicher Wandel geht somit unweigerlich Hand in Hand mit sprachlichem Wandel und man muss gar nicht erst an große gesellschaftliche Umbrüche, wie etwa die Französische Revolution, denken, um die Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen auf die Sprachwirklichkeit zu erkennen – es genügt bereits, einfach nur einmal mit wachsamen Augen (und Ohren) durch den heutigen Alltag zu gehen, um gesellschaftliche Bedürfnisse, in der Sprache ausgedrückt und wiedergespiegelt, wahrzunehmen. Da ist beispielsweise immer öfters von „gendern“ die Rede, einem Anglizismus zur impliziten Aufforderung geschlechterneutraler Anrede, das Englische scheint gefühlt immer stärker an den Säulen unserer „schützenswerten deutschen Sprache“ zu nagen und so manch einer bleibt eher still, bevor seine Äußerung am Ende eventuell nicht politically correct genug sein könnte. Natürlich sind solche Beobachtungen nur Momentaufnahmen und mit wachsender Synchronität der Untersuchungen steigt auch die Schwierigkeit, gesellschaftlichen und damit sprachlichen Wandel zu erkennen. Ein diachroner Ansatz ist daher unabdingbar. Eine Facette, in welcher sich gesellschaftliche Strukturen und deren Wandel gut abbilden lassen, sind Anredeformen, sind sie doch „Ausdruck des gesellschaftlichen Selbstverständnisses einer Sprachgemeinschaft zu einer bestimmten Zeit“ (Besch 2003: 2599) wie es Werner Besch einst formulierte. Das Ziel dieser vorliegenden Arbeit soll es daher sein, den Wandel der Anredeformen des Deutschen diachron zu untersuchen. Um hierbei in bestmöglicher Weise der Sprach- bzw. Alltagsrealität gerecht zu werden, sollen dieser Untersuchung ausgewählte Dramentexte zugrunde liegen, da im Drama – wie in keiner anderen literarischen Gattung – die gegenseitige Anrede die natürlichste Form des Sprechaktes darstellt[1]. Am Ende soll zudem neben einer rekapitulierenden Zusammenfassung auch ein Ausblick auf mögliche künftige Entwicklungen eröffnet werden.

2.) Modelle der Anredeforschung nach Brown/Levinson & Besch

Man kann bzw. sollte Anredeforschung nicht ungeachtet des Konzepts der „Höflichkeit“ betrachten, denn diese ist bei der Untersuchung des gesellschaftlichen Umgangs miteinander (und damit auch bei der Anrede) ein essentieller Bestandteil. Höflichkeit – von höflich (mhd. hovelîch = ‚wie am Hof üblich‘) – ist gemäß der modernen Zivilisationsforschung ein Produkt der Hierarchie (vgl. Besch 2003: 2608), welche exakt bei der Verwendung von Anredeformen zum Ausdruck kommt. Untrennbar verbunden mit dem Konzept der Höflichkeit ist der von Brown/Levinson 1987 aufgegriffene Terminus face, welcher auf Ervin Goffman zurückgeht, der ihn 1967 in seiner Arbeit „On Face-Work“ wie folgt definierte: „[…] the positive social value a person effectively claims for himself […] during a particular contact.“ (Goffman 1967: 5). Konkret bedeutet dies nach Goffman, dass Teilnehmer einer Interaktionssituation stets bemüht sind, positive Selbstbilder, sowohl ihrer selbst als auch der anderen Teilnehmer zu bewahren. Das greifen auch Brown/Levinson in ihrer Arbeit „Politeness“ 1987 wieder auf, erweitern allerdings die Definition des face als „the public self-image that every member wants to claim for himself […]“ (Brown/Levinson 1987: 61). Entscheidend ist, dass nach Brown/Levinson jedes Individuum zwei „Gesichter“ besitzt, ein positives wie ein negatives.[2] Höflichkeit besteht nun darin, dass beide „Gesichter“ während einer Interaktion bewahrt oder geschützt werden: das positive „Gesicht“ durch Anerkennung des Gegenübers bzw. durch Betonung der Gemeinsamkeiten von Sprecher und Adressat, das negative „Gesicht“ durch Wahrung der Handlungsfreiheit und der Distanz des Gegenübers (vgl. Simon 2007: 58 & Nübling 2013: 180). Die Wahrung der Gesichter kann als inoffizieller, unausgesprochener aber universell bindender Vertrag zwischen den Gesprächs- bzw. Interaktionsteilnehmer betrachtet werden, wonach alle Teilnehmer bemüht sind, dieser Maxime nachzukommen (vgl. Nübling 2013: 180).

Besch verfolgt bei der Analyse des Anredewandels einen etwas anderen Ansatz, indem er sogenannte, die Anrede bestimmende Variablen aufstellt und sich an den vier W-Grundfragen („ W er redet w en in w elcher Situation w ie an?“) orientiert (vgl. Besch 2003: 2601). Nach diesem Ansatz rücken der Anredende, der Angeredete, die jeweilige Anredesituation und das verfügbare Sprachinventar ins Blickfeld der Untersuchung. Im gesellschaftlichen Umgang kommen laut Besch verschiedene Faktoren als ausschlaggebend für eine bestimmte gewählte Form der Anrede in Frage, welche er in sogenannte biologische und soziale Faktoren/Variablen einteilt. Dabei fallen Alter und Geschlecht unter die biologischen Variablen, soziale Position und Situation dagegen unter die sozialen Variablen (vgl. ebd.). Die Variable Alter kommt beispielsweise in der asymmetrischen, non-reziproken Anrede zum Vorschein, wie es auch heute noch zu sehen ist (Kinder erhalten das <Du>, fremde Erwachsene das <Sie>) (vgl. Besch 1998: 107.). Bis ins 19. Jahrhundert hinein hielt sich z.B. auch im familiären Umfeld eine non-reziproke Form der Anrede, in welcher Kinder ihre Eltern siezten (siehe Kapitel 2. V). Sprachen, in welchen die Variable Alter heutzutage noch eine weitaus größere Rolle spielt, ist z.B. das Japanische (vgl. Besch 1998: 113f.), allerdings kann sie auch im Deutschen bisweilen zur Verunsicherung führen, wenn man nicht weiß, ob man junge Erwachsene bereits mit <Sie> oder noch mit <Du> anreden sollte (vgl. Besch 2003: 2602.).

Da die Variable Geschlecht im Deutschen nur äußerst schwach oder nur in feinen Nuancen des Gebrauchs funktionalisiert ist (oftmals einhergehend mit feministischen Emanzipationserfolgen, ausgedrückt in „StudentIn“ oder „SchülerIn“), bleibt es hierbei bei der bloßen Erwähnung der Variable (vgl. ebd.).

Die sozialen Variablen, sprich soziale Position und Situation, sind es, die im Deutschen den größten Einfluss auf die Anrede haben. Soziale Position umfasst alle Rang- bzw. Positionsunterschiede in der Gesellschaft, welche auch mittels Höflichkeitssteigerung gegenüber den sozial Höhergestellten in der Anrede zum Ausdruck gebracht werden können. Dies geschieht i.d.R. durch pronominale, nominale, oder auch durch syntaktische[3] Höflichkeitssteigerung (vgl. ebd: 2603).Die Variable Situation lässt sich leicht anhand eines geschichtlichen Beispiels erfassen: „Willkommen, du hast einen Freund in Pennsylvania!“, rief 1983 der Gouverneur Thurnburg in Philadelphia dem damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens bei einem öffentlichen Festbankett zu (zitiert in Besch: 2603). Es fällt dem deutschen Muttersprachler nicht leicht, bei dieser Aussage nicht innerlich etwas zusammenzuzucken, denn für gewöhnlich kann man den höchsten Repräsentanten eines Staates im Deutschen nicht duzen, schon gar nicht in einer öffentlichen Situation wie dieser. Besch bemerkt dazu folgerichtig, dass eine „grammatisch korrekte Kenntnis des Anredeinventars einer Sprache […]“ alleine nicht genüge, sondern man auch eine „situative Sensibiliserung“ (Besch ebd.), welche nur durch längeren Kontakt zu einer Sprachgemeinschaft erlangt werden könne, für eine situativ-angemessene Anrede brauche (vgl. Besch: 2604). Aber auch affektive Steuerungen der Anrede, wie das beispielsweise häufig in mittelhochdeutschen Texten (etwa dem Nibelungenlied) zu sehen sein wird, fallen ebenfalls unter die situative Variable (siehe Kapitel 3. III).

3.) Die Diachronie der Anrede im Deutschen

I. Das Gotische & Germanische

Die Kenntnis über so alte Sprachstufen wie das Gotische oder Germanische (und sogar noch größtenteils über das Alt- und Mittelhochdeutsche) hängt logischerweise von dem überlieferten Quellmaterial ab. Die spärliche Quellenlage lässt, insbesondere für die Sprachstufe des Gotischen und Germanischen, größtenteils nur Vermutungen und keine gesicherten Erkenntnisse über das vorherrschende Anredesystem zu. Es kann allerdings angenommen werden, dass im Gotischen und im darauf folgenden frühen Germanischen Anredepronomina (bzw. Pronomina im Allgemeinen) höchstwahrscheinlich äußerst selten benutzt wurden und stattdessen mithilfe der Verbflexion, ähnlich dem Griechischen, zum Ausdruck gebracht wurden (vgl. Kohz 1982: 5). Eine Analyse des ältesten germanischen Schriftdokuments, welches uns heute zur Verfügung steht, der Wulfila- oder auch Gotenbibel, zeigt, dass der Gebrauch von Pronomina nur zur besonderen Markierung bzw. Vorhebung stattgefunden haben muss. Wie genau allerdings ein System zur differenzierteren Anrede im Gotischen bzw. Germanischen ausgesehen haben könnte, ist aufgrund mangelnder Quellen nicht genau reproduzierbar (vgl. Kohz ebd.).

(1) atta unsar þu ïn himinam

weihnai namo þein

qimai þiudinassus þeins

wairþai wilja þeins

swe ïn himina jah ana airþai

hlaif unsarana þana sinteinan gif uns himma daga

jah aflet uns þatei skulans sijaima

swaswe jah weis afletam þaim skulam unsaraim

jah ni briggais uns ïn fraistubnjai

ak lausei uns af þamma ubilin

unte þeina ïst þiudangardi jah mahts

jah wulþus ïn aiwins amen[4]

Sehr wahrscheinlich bestand die Sprachstufe des Germanischen daher nur aus einem eingliedrigen Anredesystem, in welchem nur das Pronomen <Du> Verwendung fand (vgl. Nübling et al. 2013: 179).

II. Das Althochdeutsche

Auch das Frühalthochdeutsche bzw. das Voralthochdeutsche (~ 5. bis 9. Jahrhundert n. Chr.) setzte die eingliedrige Anredeform mit <Du> zunächst fort, gut erkennbar an überlieferten Texten wie etwa dem Hildebrandslied, oder dem Ludwigslied:

(1) [Hildebrandt zu Sohn]: „[…]eddo hwelihhes cnuosles du sis.

ibu du mi enan sages, ik mi de odre uuet,

chind, in chunincriche: chud ist mir al irmindeot“.

„[…]zu welchem Geschlecht zählst du.

wenn du mir nur einen Namen nennst,

weiß ich schon, wer die anderen sind.

Junge, im Königreich: bekannt ist mir das ganze Volk.“

(Hildebrandslied, Zeile 11-13)

[Sohn zu Hildebrandt]: „[…]du bist dir alter Hun, ummet spaher,

spenis mih mit dinem wortun, wili mih dinu speru werpan.

pist also gialtet man, so du ewin inwit fortos.“

„[…]Alter Hunne, du dünkst dich unmäßig klug, wiegest mich mit deinen Worten in Sicherheit, um mich dann umso besser mit deinem Speer zu treffen. Du bist schon alt, und doch bist du immer noch voll Hinterlist.“

(Hildebrandslied, Zeile 39-42)

(2) „[…]Gode thancodun The sin beidodun,

Qhadhun al: „fro min, So lango beidon uuir thin.““

„[…]da dankten Gott, die ihn erwartet hatten.

Alle sprachen: „Herr, wir warten [schon so] lange auf dich!““

(Ludwigslied, Zeile 29-30)

Interessant an diesen Quellen ist, dass sie für die Zeit des Germanischen bzw. sogar noch für das Voralthochdeutsche ein Anredesystem bezeugen, in welchem „ohne Rücksicht auf Statusunterschiede lediglich nach Singularität oder Pluralität der Adressaten differenziert [wurde]“ (Kohz 1982: 5). Im Hildebrandslied treffen mit der Zeit Vater und Sohn aufeinander, ohne sich gegenseitig als Familienmitglieder zu erkennen – sie sind sich also gegenseitig fremd und sprechen sich dennoch gegenseitig mit <Du> an. Im Ludwigslied, einem Preislied auf Lugwigs III. Sieg über die Normannen bei Saucourt, wird sogar der König vom Volke mit <Du> angesprochen.

Dementsprechend vermerkt Friedrich Kammerer:

Zunächst ist ein Du da, mit dem in germanischer Zeit freie Männer einander anreden, mit dem sie auch den König anreden, dessen Gefolgsleute sie sind. Dieses Du ist der Ausdruck innigster menschlicher Bindung in Familie und Freundeskreis. Es ist die Anrede für Gott und für alles, was in der Natur lebendig den Menschen umgibt (Kammerer 1937: 91).

Im Laufe des neunten Jahrhunderts erweiterte sich allerdings das System der Anredepronomina um das Pronomen <ir>, der zweiten Person Plural (heute <ihr>). Das Pronomen wird hierbei allerdings nicht für eine Gruppe von Personen eingesetzt, wie es die 2. Person Plural üblicherweise erahnen ließe, sondern es stellt hier eine Höflichkeitsform für eine Einzelperson dar (der sogenannte Pluralis Reverentiae), in Kongruenz mit der entsprechenden Pluralform des Verbums, wobei ein Unterschied zwischen <ir> als höflich, distanzierende Anredeform und <Du> als vertraulich bzw. auch sozial erniedrigende, verachtende Form entsteht (vgl. Besch 2003: 2600 & Augst 1977: 25). Dies markierte im Vergleich zum vorherigen System einen radikalen Umbruch, wurde doch mit dem erweiterten Anredesystem und der „Vervielfältigung“ eines einzelnen Adressaten, der damit wie mehrere Personen betrachtet wird, die „Natürlichkeit“ der pronominalen Anrede aufgegeben (vgl. Kohz 1982: 6).

Die ersten schriftlichen Zeugnisse in deutscher Sprache über die Verwendung des Pronomens <ir> findet sich etwa in Otfrid von Weißenburgs Brief an den Konstanzer Erzbischof Salomo:

(3) „Ófto irhugg ih múates \ thes mánagfalten gúates,

thaz ír mih lértut hárto \ íues selbes wórto.“

„Oft erinnere ich mich \ im Geist des mannigfaltigen Guten

dass ihr mich lehrtet streng \ durch euer eigenes Wort.“

(Aus: Salomoni Episcopo Ótfridus. In: Otfrid’s Evangelienbuch, S.13.)

Die neue Anredekonvention im Althochdeutschen kann und sollte gewiss nicht ungeachtet des romanisch-lateinischen (Kontakt-)Einflusses betrachtet werden, der nach allem nicht unerheblich gewesen sein durfte, allerdings gibt es Unstimmigkeiten darüber, wie stark dieser letztendlich zum Tragen kam. Schenkt man dem sogenannten ‚Annolied‘ Glauben, wie Gerhard Augst dies in seiner Abhandlung tut (Augst 1977: 25), so gehe die Tradition des „Ihrzen“ auf niemand anderen als Caesar selbst zurück, zu dessen Ehren nach seinem Sieg über Pompejus von den Römern die Ihr-Anrede eingeführt worden sei, welche er dann auch den Deutschen habe lehren lassen:

Romêre einen nuwen sidde ane viengen sie begonden irzen den herrin den sidde hiez er duo zerin diutisce liute lêrin.

Die Römer fingen eine neue Gewohnheit an. Sie begannen den Herrn zu ihrzen. Diese Gewohnheit befahl er den Deutschen[5] zu lehren [, um ihn zu ehren].

(zitiert nach Augst 1977: 25)

Werner Besch, wie auch Horst Simon stehen dieser „Legende“ allerdings skeptisch gegenüber, wonach die Textwirklichkeit ein anderes Bild der (angenommenen und rekonstruierten) Realität zeichne: zwar nahm die Ir-Anrede im Laufe der folgenden Jahrhunderte immer weiter zu, allerdings unterlag der Gebrauch dennoch weiterhin nicht genau erklärbaren Schwankungen[6], sodass man erst im Hochmittelalter, etwa um 1200, von einer vollständigen Ausbildung der höflich-distanzierten Ir-Anrede sprechen kann (vgl. Besch 2003: 2606 f.), die allerdings selbst dann noch hin und wieder nicht genau erklärbare Brüche zur vorherrschenden Anredekonvention aufweist[7]. Unbestritten ist allerdings, dass die Einführung des Pluralis Reverentiae eine indirektere, distanziertere und somit höflichere Form der Anrede einläutete, in welcher durch die Pluralanrede der Angeredete einerseits als mächtiger angesehen wird gemäß der Metapher „Vielzahl steht für mehr Macht“ (dies entspricht dem Akt der positiven Höflichkeit), andererseits wird durch die indirektere Anredeform dem Angeredeten die Freiheit gegeben, „sich in eine größere [virtuelle] Gruppe zurückzuziehen und damit unmittelbare Reaktionsverantwortung zu verweigern.“ (dies entspricht dem Akt der negativen Höflichkeit)[8] (Simon 2003: 105 & vgl. Nübling 2013: 180).

III. Das Mittelhochdeutsche

Das Mittelhochdeutsche bietet uns Dank der breiteren und damit weitaus mehr erhalten gebliebenen Überlieferungen eine deutlich größere Belegquelle für die Anredekonventionen der damaligen Zeit, als dies noch beim Althochdeutschen oder gar Germanischen der Fall war. Allerdings müssen auch hier ein paar Worte der Warnung vorangestellt werden: so hängt die Kenntnis über die mittelalterliche Anredepraxis im Wesentlichen von der Quellenlage ab, was für die damalige Zeit eine Einschränkung allein auf den schriftlichen Bereich (und damit auf bestimmte textuelle Gattungen wie etwa Urkunden, Briefe, Gesetze, Dichtungen, etc.) sowie auf starken lateinischen Einfluss bedeutet und eine realitätsnahe Alltagsmündlichkeit somit so gut wie nicht (er)fassbar ist. Allerdings kann man davon ausgehen, dass selbst für fiktionale Texte, wie beispielsweise die Artusromane, ein gewisser Widerspiegelungseffekt der vorherrschenden gesellschaftlichen Zustände und somit auch der vorherrschenden Anredepraxis vorhanden ist (vgl. Besch 2003: 2605).

[...]


[1] In Zeitstufen, in welcher die Gattung „Drama“ (auch aufgrund von mangelnder Überlieferung) noch nicht, oder nur sehr schwach ausgeprägt Verwendung findet, wird behelfsmäßig auf andere repräsentative Textsorten ausgewichen.

[2] Dies darf und sollte hier nicht als wertend verstanden werden, sondern als Ausdruck von Beidseitigkeit.

[3] Beispielsweise ich-Tilgung oder syntaktische Unterordnung mittels vorangestellter Nebensätze (vgl. Besch 2003: 2609).

[4] Anmerkung; Insbesondere geistliche Texte (Vaterunser, Hymnen, Taufgelöbnis, Abschwörungsformeln, etc.) bleiben natürlich (und das bis heute) beim sogenannten „ Biblischen Du “ (anders als z.T. im Englischen oder Französischen) (vgl. Besch 2003: 2605).

[5] Vergleiche hierzu auch Simons Einwand, wonach es die „deutsche Sprache“ im eigentlichen Sinne zu Caesars Zeiten noch gar nicht gegeben haben konnte (vgl. Simon 2003: 103).

[6] Zu beachten ist hierbei vor allem auch Stoff-Art und Stoff-Herkunft, so bleibt, wie bereits erwähnt, die geistliche Literatur länger beim <Du>. Stoffe mit lateinisch-romanischer Vorlage sind häufiger und schneller beim <Ir> (vgl. Simon 2003: 95 & Besch 2003: 2606).

[7] Siehe Kapitel III.

[8] Zur ausführlicheren Erläuterung des Konzepts der pos. bzw. neg. Höflichkeit, siehe Kapitel 2.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Diachronie der Anrede im Deutschen. Eine historiolinguistische Analyse anhand ausgewählter Dramentexte
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
28
Katalognummer
V381204
ISBN (eBook)
9783668591424
ISBN (Buch)
9783668591431
Dateigröße
1154 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachwandel, Anredewandel, Anrede, Anredeformen, Diachronischer Sprachwandel, Diachronie, Dramentexte
Arbeit zitieren
Jannik Streeb (Autor), 2017, Die Diachronie der Anrede im Deutschen. Eine historiolinguistische Analyse anhand ausgewählter Dramentexte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/381204

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