Der Zwang zur Patchwork-Identität und die Entstehung multipler Persönlickeitsstörungen


Essay, 2014

9 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Der Zwang zur Patchwork- Identität

Und die Entstehung multipler Persönlichkeitsstörungen

Vorgelegt von: Nicole Janzen

6. Fachsemester Diplomsoziologie Schwerpunktmodul SM01

„Denn wenn es (bei grober Schätzung) sechsundsiebzig Zeiten gibt, die alle gleichzeitig im Gemüt ticken, wie viele verschiedene Personen gibt es dann erst - Himmel hilf -, die alle zur einen oder anderen Zeit im Menschengeist hausen? Manche sagen, zweitausendundzweiundfünzig. So daß es das Normalste von der Welt ist, wenn ein Mensch, sobald er allein ist, Orlando? ruft (wenn das sein Name ist), womit gemeint ist, komm, komm! Ich habe dieses besondere Ich so sterbenssatt. Ich will ein anderes. Daher die erstaunlichen Veränderungen, die wir an unseren Freunden sehen. Aber so einfach ist es nun auch wieder nicht, … diese Ichs, aus denen wir aufgebaut sind, eins über dem anderen, die wie Teller auf der Hand eines gestapelt sind, haben anderswo Bindungen, Sympathien, kleine eigene Verfassungen und Rechte … so daß das eine nur kommt, wenn es regnet, ein anderes nur in einem Zimmer mit grünen Vorhängen, ein anderes wenn Mrs. Jones nicht da ist, ein anderes wenn man ihm ein Glas Wein verspricht. …“ (Virginia Woolf 1990 in: Orlando, Frankfurt, S 216 f.)

In diesem Zitat erscheint das beschriebene Phänomen der Identität als Produkt einer voll entfalteten, sich selbst bewussten Individualität. Allerdings ist diese Präsenz verschiedener Personen in einer gegenwärtig Gegenstand vieler politischer und klinischer Diskurse. (vgl. Großmaß 1997, S. 278)

In unserer heutigen Gesellschaft ist ein Modell für Subjektsein notwendig, dass davon ausgeht, dass das Subjekt zu einer in sich vielfältig dynamischen Veränderung fähig ist. Das beinhaltet eine Vielzahl von Individualitätsformen und geht aber auch mit der Vielfalt der Beweglichkeit innerhalb des Individuums einher. Diese innere Vielfalt, quasi Pluralität und die Beweglichkeit gelten als die notwendige Antwort auf die Pluralität von Lebensformen. Des Weiteren sind sie als Antwort auf die steigende Geschwindigkeit gesellschaftlicher Veränderungen zu fassen. Dieser ganze Prozess findet im Rahmen der Postmoderne und der damit verbunden Dezentrierung des Subjekts statt. (vgl. Bilden 1998, S. 227 f.)

Das moderne Individuum lebt in einer Gesellschaft, in der sich nicht mehr allein über seinen Beruf identifizieren kann. Vielmehr spielen neben dem Beruf auch Freizeitaktivitäten, Freundeskreis, Familie, Interessen usw. eine ernst zunehmende Rolle bei der Definition der eigenen Individualität. Im Zuge der Globalisierung gibt es immer häufiger Fälle, in denen nicht einmal mehr die Nationalität eindeutig zuschreibbar ist, wie beispielsweise bei der doppelten Staatsbürgerschaft.

All diese Aspekte führen dazu dass das Subjekt quasi eine „Patchwork-Identität“ entwickelt. (vgl. Keupp 2013) Aber führen genau diese Prozesse nicht auch dazu, dass mit all diesen vielen kleinen Teil-Selbsten die Gefahr immer größer wird, dass das Ziel einer gesunden und ausbalancierten Identität verfehlt wird. Die These soll hier also lauten, dass die Tatsache des Zwangs unserer Gesellschaft zu einer sogenannten „Patchwork-Identität“, die Gefahr multipler Persönlichkeitsstörungen nur weiter verstärkt.

Eine eindeutige Definition von Identität zu erstellen ist ein geradezu unmögliches Unterfangen. Dennoch haben sich zahlreiche Klassiker mit der Thematik beschäftigt. Für George Herbert Mead beschreibt Identität den Prozess der Rollenübernahme. Dieser besteht darin sich Standpunkte und Haltungen der Anderen mir gegenüber klarzumachen. Diese werden dann in mir selbst ausgelöst, Mead beschreibt dies mit dem Begriff „ich an ihrer Stelle“. Dieser „Umweg“ über den Anderen ist für ihn die Voraussetzung zur Gewinnung der Identität, des „self“. Genommen wird dieser Umweg über die spezifisch menschliche Kommunikation. Es findet eine Übernahme der Rolle des Anderen statt. Für die Identität ist es außerdem notwendig, dass die Person auf sich selbst reagiert. Kommunikation hat eine entscheidende Bedeutung für die Gewinnung des Selbstbewusstseins. Identität und Interaktion spielen ständig ineinander. Die Entwicklung der Identität findet über zwei soziale Phasen hinweg statt, bei denen das Kind lernt, sich an größeren Systemen zu orientieren und sich seiner Identität mehr und mehr bewusst wird. Diese Phasen nennt Mead „play“ und „game“. Die Identität entsteht nach Mead also in Verbindung mit der Gesellschaft. Das Kind gewinnt Identität indem es wichtige Repräsentanten der Gesellschaft nachahmt. Es übernimmt ihre Rollen und greift aktiv in die Rollen vieler anderer ein, verfügt über diese Rollen.

„Play“ beschreibt das Rollenspiel des Kindes. Es übernimmt die Rollen wichtiger Bezugspersonen, der sogenannten signifikanten Anderen. Mit diesen signifikanten Anderen identifiziert es sich. Das trägt zur Ausbildung einer stabilen Identität bei, die die Haltungen der Anderen spiegelt.

„Game“ dagegen beschreibt ein organisiertes Spiel, ein geregeltes Gruppenspiel, in dem „organisierten Rollen“ eine Bedeutung zukommt. Das Kind muss eine Reihe von Rollen beobachten und sie in sich koordinieren. Es muss sich mit dem Gruppenziel identifizieren. Dabei wird es mit mehreren Rollen, die die Anderen spielen gleichzeitig konfrontiert. Das eigene Handeln hängt hier vom Handeln der Anderen ab und gleichzeitig beeinflusst das eigene Handeln das der Anderen. Es herrscht ein Prinzip des Handelns, an dem sich alle in einer gemeinsamen sozialen Situation orientieren. Dieses Prinzip wird von Mead als der generalisierte Andere beschrieben. (vgl. Abels 2004, S.24 ff.)

Bei Peter L. Berger und Thomas Luckmann findet Identität nur vor dem Hintergrund der jeweiligen Gesellschaft statt. Es wird als Phänomen beschrieben, dass durch die Dialektik von Individuen und Gesellschaft entsteht. Theorien zur Identität sind bei ihnen in die allgemeine Interpretation der Wirklichkeit eingebettet. Es geht ihnen vorrangig um die Sozialisation des Individuums.

Die erste Erfahrung mit der Wirklichkeit macht das Individuum in der primären Sozialisation. In dieser vermitteln die signifikanten Anderen diese Wirklichkeit als plausible Welt. Diese Phase endet wenn das Individuum auf alternative Muster des Denkens und Handelns stößt. Dabei zerfällt die eine Wirklichkeit in viele. Das Individuum macht die Erfahrung, dass sich aus diesen Wirklichkeiten Ansprüche und Handlungschancen ergeben, die nicht mehr die ganze Person betreffen. Der Mensch setzt also Distanz zwischen seinem Selbst einerseits und dem rollenspezifischen Teil-Selbsten seiner Wirklichkeit andererseits. Das kann mit Goffmanns Begriff der Rollendistanz beschrieben werden, auf den später noch näher eingegangen wird. Die Gewinnung der Identität findet nach Berger und Luckmann ähnlich dem Schema Meads satt. Der erste Schritt zur Identität besteht darin, den Blick auf sich selbst aus der angenommenen Perspektive der Anderen zu richten. So wird Identität einerseits leichter, anderseits aber auch schwerer. Leichter, da die emotionale Bindung zu den vielen anderen nicht mehr eng sein muss. Schwerer, da angesichts der Fülle bestimmter Beziehungen sachliche Identitäten erst einmal gefunden und durchgehalten werden müssen. In ihrem Werk „Das Unbehagen in der Modernität“ gehen die Autoren auf Identität als Problem ein, da sie heute offen für alle Einflüsse von außen ist. (vgl. ebd. 2004, S. 102 ff.)

Nun zu Goffmanns Begriff der Rollendistanz. Hierbei geht es um die Frage des Individuums nach der Legitimität der Erwartungen, denen es sich in einer bestimmten Rolle ausgesetzt fühlt. Die vorrangige Frage lautet hierbei: Inwieweit stören Zumutungen der Gesellschaft die Identitätsdarstellung? Das Individuum ist dazu verpflichtet zu zeigen, dass es anders bzw. mehr ist, als in der jeweiligen Rolle erwartet und ermöglicht wird. Somit muss es sich von der Rolle distanzieren. Dies erfordert die hohe Kompetenz, souverän mit einer Rolle umgehen zu können. Für Goffmann beschreibt Identität einen Krisenbegriff der Moderne. (vgl. ebd. 2004, S. 164) Das moderne bürgerliche Individuum ist ein Produkt historischer Prozesse. Diese begannen mit der Emanzipation der Männer aus dem Feudalwesen. Allerdings wird hierbei erkenntlich, dass allein der Mann nun als autonomes Individuum betrachtet wird, wohingegen die Frau als Nicht- Individuum bzw. nicht-autonom dargestellt wird. (vgl. Bilden 1998, S.231)

Keupp geht von Prozessen der Freisetzung und Entwurzelung aus. Bis zu den 50er Jahren fand eine Phase der Verwurzelung statt. Diese wurde seit Mitte der 70er Jahre abgelöst durch eine Phase der Entwurzelung. Diese beinhaltet Prozesse der Individualisierung und Entwurzelung aus kleinen Gruppen und Integrationsformen. In den 50ern mussten Jugendliche in eine wohlorganisierte Gesellschaft hineinfinden, die dafür viele Wege bot. Seit den 70ern wird Identität als Frage der adoleszenten Einfädelung in die wohlorganisierte Gesellschaft verstanden. Dies kommt einer nicht enden wollenden Aufgabe gleich. Seit der Zeit der „organisierten Moderne“ in den 50ern kam es zu umfangreichen Freisetzungsprozessen. Zum Beispiel den Zerfall bzw. radikalen Bedeutungsverlust zahlreicher sozialer Institutionen. Das hat die Dynamik der Individualisierungsprozesse erheblich verstärkt. Diese Freisetzungsprozesse bedeuten allerdings auch eine erhebliche Belastung. Durch die Dynamik der gesellschaftlichen Individualisierung erden die Chancen und Risiken des Lebens immer weiter individualisiert. Subjekte werden zu Bastelexistenzen bzw. Patchwork-Identitäten. (vgl. Keupp 2013, S.73 ff.)

Nach Heiner Keupp steht der Begriff der Identität inzwischen für Zwang, Gewalt, Unterwerfung und Entfremdung. Er wird mit einem „identischen, zweckgerichteten, männlichen Charakter“ gleichgesetzt. Diese Idealgestalt des modernen Menschen soll über eine Kontrolle von außen nach innen verfügen. Diese Idealfiktion wird allerdings durch sich vollziehende gesellschaftliche Umbrüche mit Notwendigkeit „dekonstruiert“. In den sich verändernden Lebensbedingungen des entwickelten globalisierten Kapitalismus ist sie nicht mehr aufrechtzuerhalten. Keupp ist der Meinung, dass somit die Gefahrendimensionen für ein gelingendes Leben weiter verschärft werden und strukturelle Bedingungen für die Autonomie selbstbestimmter Lebensformen endgültig zerstört werden. (vgl. ebd. 2013, S. 17 f.)

Identitätsbildung beschreibt für ihn einen Entwicklungsprozess, der darüber Auskunft gibt, wie in einer bestimmten gesellschaftlichen Epoche die personale Entwicklung verläuft. In der gesellschaftlichen Moderne ist Identität Aufgabe des Subjekts, in der jeweiligen spezifisch historischen Situation. Der Terminus „Identität“ beschreibt hier dass die Bildung von personaler Identität massenhaft zu einem Problem geworden ist. Früher war sie mit den sozialen Rollen gegeben und kaum veränderbar. Dem gegenüber steht die heutige moderne Identität. Sie ist ein mobiler, multipler und selbstreflexiver Gegenstand von Veränderung und Innovation. Keupp geht von der Idee der Konstruierbarkeit der eigenen Identität aus. Dies sei ein grundlegender Gedanke der gesellschaftlichen Moderne, also der letzten 150 Jahre etwa. Wagner (1995, S. 232) beschreibt in diesem Zusammenhang 3 Kriterien der sozialen Durchdringung, Wahl und Stabilität. Erstens, wie sehr die Idee einer eigenen Identität die Gesellschaft durchdringt. Zweitens, inwiefern die eigene Identität als Frage der tatsächlichen Wahl gedacht wird. Und drittens, geht es um das subjektive Verständnis der Stabilität einer Identitätskonstruktion.

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Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Der Zwang zur Patchwork-Identität und die Entstehung multipler Persönlickeitsstörungen
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Soziologie)
Veranstaltung
Identitätstheorien
Note
2,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
9
Katalognummer
V383965
ISBN (eBook)
9783668591660
ISBN (Buch)
9783668591677
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Identität, Soziologie, Persönlichkeit, multiple, Persönlichkeitsstörung, Patchwork
Arbeit zitieren
Nicole Janzen (Autor), 2014, Der Zwang zur Patchwork-Identität und die Entstehung multipler Persönlickeitsstörungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383965

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