Bürgerjournalismus in Zeiten des Medienwandels


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

26 Seiten, Note: 1,30


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Fragestellung

2. Theorie
2.1. Definitionsansätze zum Bürgerjournalismus
2.2. Demokratietheoretische Ansätze
2.3. Das Dilemma der publizistischen Qualität
2.4. Demokratietheoretische Kriterien für publizistische Qualität

3. Analyse
3.1. Inhaltsanalysen von bürgerjournalistischen Erzeugnissen

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die journalistische Landschaft verändert sich. Vor allem im Internet finden sich neue Formen der Publizistik. Die traditionellen Medien hingegen stehen unter Druck. Grund dafür sind Sparzwänge durch sinkende Werbeeinnahmen, die oft kostenlose Online-Konkurrenz, Vertrauenskrisen und die bis dato unbeantwortete Frage nach dem Geschäftsmodell für den Journalismus der digitalen Zukunft (vgl. statt vieler: Puppis, Künzler & Jarren 2012: 11-24). Der Medienwandel durch die Digitalisierung hat zudem neue Akteure ins Spiel gebracht: Laienjournalisten, die in den unterschiedlichsten Formen kommunizieren und publizieren. So belohnt z.B. die Bild Leserreporter für die Zulieferung von Fotos. Lokal- und Tageszeitungen lassen Laien Kolumnen schreiben, etwa über ihren Stadtteil. Laienjournalisten eröffnen von sich aus Blogs oder bekommen von großen Zeitungen die Möglichkeit eingeräumt, auf ihrer Internetseite in Blog-ähnlichen Formaten zu publizieren. Oft bekommen Zeitungsleser online eine Diskussionsplattform unter den Artikeln zur Verfügung gestellt. Das Spektrum ist groß und aufgrund seines ständigen Wandels kaum erforscht.

Doch nicht nur die veränderte Marktsituation für die etablierten und professionellen Medienanbieter ist verantwortlich. Eine andere Theorie, die zur Erklärung dieser neuen Entwicklung herangezogen werden kann, ist die der „Popularisierung“ oder „Gemeinwerdung“ (Keuneke 2016: 3). Dieser zufolge verläuft die Etablierung von neuen Medientypen immer in ähnlichen Stufen, an deren Anfang der Nutzerkreis des neuen Mediums auf kleinere, ‚elitäre‘, Kreise beschränkt ist. Nach und nach erwerben weitere Teile der Bevölkerung die Kenntnisse oder nötigen Fähigkeiten, das Medium zu rezipieren (ebd.). So breitete sich z.B. die Fähigkeit zu lesen oder die technische Möglichkeit, fernzusehen, immer weiter aus. Die immer größer werdende Zahl der Nutzer führt schließlich dazu, dass die für das neue Medium produzierten Inhalte massentauglicher werden, einhergehend mit deren Trivialisierung (ebd.). Auf der nächsten Stufe erheben sich die Rezipienten zu Darstellern oder zumindest zu Dargestellten – z.B. in einschlägigen Fernsehsendungen, die vermeintlich alltägliche Situationen aus dem Prekariat vermitteln. Die letzte und höchste Stufe der Popularisierung ist die der publizistischen Partizipation: Rezipienten werden zu Produzenten und erobern sogenannte Gatekeeping-Positionen, also gesellschaftliche Schlüsselpositionen in der Publizistik (ebd.). Diese letzte Stufe ist erst mit der Digitalisierung zum Zuge gekommen, da den Rezipienten nun durch das ‚Meta-Medium‘ Internet ein Werkzeug an die Hand gegeben wurde, mit dem sie sich in jedem medialen Bereich selbst ausleben können: Laien können nun selbst Videos produzieren, Blogs schreiben oder Podcasts aufnehmen. Dieser Popularisierungsschub ist der wichtigste Faktor hin der Umwälzung der bestehenden Verhältnisse in der Publizistik.

1.1. Fragestellung

Verschiedene Autoren bezeichnen die neuen Formen des Journalismus als „partizipativ“ (Engesser 2013: 17). Damit verweisen sie auf dessen demokratietheoretische Ebene und treffen einen Nerv aktueller gesellschaftlicher Debatten. So fordern vor allem Politiker mit europakritischen Profil mehr Bürgerbeteiligung und konkret weniger Macht für ‚Brüssel‘, also die professionellen Institutionen, die als bürgerferne „Eliten“ abgetan werden (Grabow und Hartleb 2013: 9). Ähnlich wie publizistischen Laien in der oben beschriebenen Popularisierung den gesellschaftlichen Eliten Ebene für Ebene die ‚Alleinherrschaft‘ über das neu entwickelte Medium entreißen, soll den politischen Institutionen Macht entzogen und z.B. durch den häufigeren Einsatz von Plebisziten an den Souverän der Demokratie, nämlich die Bevölkerung, ‚zurückgegeben‘ werden. Ungeachtet des offensichtlich populistischen Charakters dieser Forderungen, trägt eine solche Entwicklung zur Erklärung des laienhaften Journalismus bei, denn übertragen auf die Medienwelt könnte das heißen: weniger ‚Macht‘ im Sinne von Auflagenstärke und gesellschaftlichem Einfluss für die medialen ‚Eliten‘ – Redaktionen, Verlage usw. – und mehr ‚Bürgerbeteiligung‘ durch Laienjournalismus.

Die Rahmenbedingungen für eine solche Kräfteverschiebung wären gegeben: Die Digitalisierung hat die Markteintrittsbarrieren im Bereich der Publizistik nahezu vollständig eingerissen (Puppis, Künzler und Jarren 2012: 14-17) und der Gesetzgeber vertraut in Bezug auf die Regulierung des medialen Angebotes in Deutschland bis dato auf „das freie Spiel der Kräfte (…) mit den Einschränkungen des Kartellrechts“ (Dörr 2012: 5). In ganz Deutschland gilt schließlich, garantiert durch das Grundgesetz, Zulassungsfreiheit für Journalisten (abgesehen von Rund- und Hörfunk).

Möglicherweise könnte also schon in naher Zukunft eine völlig neue Medienwelt entstehen. Wünschenswert wäre es, wenn die wachsende Anzahl von Laienjournalisten mit diversen und bürgernahen publizistischen Erzeugnissen für eine bessere demokratische Legitimierung von Journalismus sorgen würden. Es wäre ganz im Sinne des Ideals des „herrschaftsfreien Diskurses“ (vgl. Habermas 1990). Auch die Integrationsleistung des Journalismus, im Sinne einer besseren Repräsentation aller Bevölkerungsteile in der Publizistik, könnte steigen. Verfechter beteiligungszentrierter Demokratietheorien dürften sich über das Bild des pflichtbewussten Staatsbürgers, der seine selbstgestellten Aufgaben als neuer ‚Watch Dog‘ ernstnimmt, freuen. Aus demokratischer Sicht wäre es sicher wünschenswert, wenn sich der Bürgerjournalismus als funktionales Äquivalent zum professionellen Journalismus etablieren könnte (Neuberger 2012: 53).

Andererseits könnten, wie in der oben vorgestellten Popularisierungstheorie prognostiziert (Keuneke 2016: 3), durch mangelnde Professionalität inhaltliche Verflachung und qualitativer Verfall in der Branche drohen – als eine Art publizistischer Populismus. Auch wenn im Moment noch der größte Teil der Medienrezipienten auf die professionellen Journalisten vertrauen (vgl. Trepte, Reinecke und Behr 2008), wäre es angesichts der Revolutionen auf anderen Feldern des Kunden- und Nutzerverhaltens im Zuge der Digitalisierung keine große Überraschung, sollte auch der Journalismus davon betroffen sein. Kritiker sehen die Gefahr des Zerfaserns der Medienlandschaft in desintegrative kleine Blasen, sogenannte ‚Echokammern‘, die sich nur an eigenen, parteiischen, Medien orientieren. Dass eine solche Entwicklung möglich und aus demokratietheoretischer Sicht nicht wünschenswert ist, wurde im US-Präsidentschaftswahlkampf im vergangenen Jahr beobachtet (vgl. Lütjen: 2016). Um Vergleichbares hierzulande zu verhindern, muss der laienhafte Journalismus demokratiefördernde Aufgaben wahrnehmen. Es steht außer Frage, dass ein Mindestmaß an inhaltlicher Qualität im Laienjournalismus gegeben sein muss.

Mit Blick auf die vorgestellten zwei Extreme möchte ich in dieser Hausarbeit dieser Frage nachgehen:

Inwiefern erfüllt der Bürgerjournalismus die nötigen qualitativen Kriterien, um seiner demokratischen Aufgabe gerecht zu werden?

2. Theorie

2.1. Definitionsansätze zum Bürgerjournalismus

Zu allererst muss das Untersuchungsobjekt definiert werden. Der Begriff ‚Bürgerjournalismus‘ ist nicht wissenschaftlich einheitlich definiert. Schon die Frage, welche der Texte vor allem in der ‚Blogosphäre‘ als ‚journalistisch‘ einzustufen sind, ist schwierig. „Es gibt neue Angebotstypen, bei denen gewissermaßen ein `Journalismusverdacht ́ besteht“ (Neuberger 2001 nach Bürger 2002: 54), befindet Neuberger in einer älteren Untersuchung. Verschiedene Arbeiten zu dieser Thematik definieren die publizistischen Erzeugnisse und ihre Autoren unterschiedlich. Außerdem existiert eine Reihe mehr oder weniger synonymer Bezeichnungen: So zählt Sven Engesser in seiner Untersuchung 14 unterschiedliche Definitionen von verschiedenen Autoren (Engesser 2013: 29-38). Auch Annika Sehl stellt Lücken in der wissenschaftlichen Abgrenzung der Begrifflichkeiten fest. „Wissenschaftlich problematisch an diesen Begriffen ist, dass sie weder klar definiert, noch konsensfähig sind. Fast jeder Autor, der sich zu dem Thema äußert, scheint eine andere Vorstellung von ihrer Bedeutung zu haben“ (Rager und Sehl 2010: 56). Engesser spricht von „ Begriffshyperinflation bei gleichzeitiger Definitionsarmut “ (Engesser 2013: 30).

Um dieser Schwierigkeit zu begegnen, möchte ich mich zuerst den Kernaspekten des in der Einleitung beschriebenen Phänomens widmen. Zunächst schließe ich, da in dieser Arbeit die Erfüllung demokratietheoretischen Leistungen von Laienjournalisten betrachtet wird, Akteure, deren publizistische Produkte keinen offensichtlichen Zusammenhang zu demokratischer Willensbildung herstellen, aus. Darunter fallen unter anderem Blogs, die sich mit besonders spezifischen Fachthemen (etwa im Bereich Technik oder Literatur) oder ähnlichem beschäftigen. Auch die in der Einleitung erwähnten Bild-Leserreporter, die ihr Material der Redaktion zuliefern, die über dessen Veröffentlichung entscheidet, werden nicht miteingerechnet, zumal dieses Material zunehmend „nichtjournalistische Themen wie Tiere und Erotik“ (Ammann, Krämer, Engesser 2010: 92) behandelt.

In dieser Arbeit soll der Fokus vor allem auf publizistischen Erzeugnissen liegen, die Themen von politischer oder gesellschaftspolitischer Relevanz behandeln. Darüber hinaus sollen die publizistisch aktiven Bürger sind laienhafte Akteure in einem Bottom-Up-Prozess sein. Der Entstehungsprozess der publizistischen Erzeugnisse geschieht laienhaft, kann aber von professionellen oder institutionellen Akteuren begleitet werden (wie es z.B. bei der Huffington Post üblich ist). Solche Erzeugnisse lassen sich vor allem im Internet finden. Die publizistischen Erzeugnisse liegen online, in Textform und in deutscher Sprache vor. Diese Kriterien können jedoch aufgrund der beschriebenen Definitionsunschärfe nur bedingt auf vorliegende Untersuchungen angewandt werden.

Unter den 14 von Engesser ausfindig gemachten Arbeitsdefinitionen verschiedener Autoren (Engesser 2013: 29-38) findet sich meine Arbeitsdefinition am ehesten in den Begriffen „Laienjournalismus“, „Bürgerjournalismus“, „Graswurzeljournalismus“ und „Partizipativer Journalismus“ wieder. Dass die Wissenschaftler auch den Forschungsstand unterschiedlich bewerten, zeigt sich bei Martin Welker, der in seiner Arbeit zur Heuristik aktueller Erscheinungsformen der Publizistik das Werk von Amateuren in fünf Konzepte einteilt. Jene orientieren sich am Anteil eigenständiger Leistung der Amateure in den jeweiligen Publikationen (Welker 2013: 12-14). Den niedrigsten Anteil an Eigenleistung von Amateuren verlangt demnach der „Nischenjournalismus“ (ebd.), gefolgt vom partizipativen bzw. Lokaljournalismus, die beide nur ein begrenztes Publikum ansprechen. Bürger- und Laienjournalismus werden nach seiner Definition professionell begleitet. Die Definition „Kollaborativer Journalismus“ (Welker 2013: 13) zielt auf die Augenhöhe ihrer Arbeit ab. Nur im „Watchdog (Citizen) Journalism“ (Welker 2013: 14) nehmen Bürger nach seiner Definition journalistische Leistungsrollen auf. Diese Definition kommt meiner Arbeitsdefinition recht nahe, obwohl sie nicht trennscharf abgrenzt, ob der Produktionsprozess der publizistischen Erzeugnisse professionell begleitet werden darf.

2.2. Demokratietheoretische Ansätze

Es existieren verschiedene Modelle, welche Aufgaben der Journalismus in einer Demokratie wahrnehmen soll. Diese Ansichten beruhen auf unterschiedlichen Demokratie- bzw. Öffentlichkeitsmodellen. Zur Beantwortung der Forschungsfrage eignet sich am besten das Deliberative Demokratie- und Öffentlichkeitsmodell. Jenes zählt zu den beteiligungszentrierten Demokratiemodellen (Engesser 2013: 129 f.). Sein bekanntester Vertreter, der deutsche Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas, fordert von der idealtypischen deliberativen Demokratie, dass sie einen „rationalen Diskurs“ (Habermas 1990: 138), unter Einbindung möglichst vieler Mitspracheberechtigter, herstellt und pflegt. Obwohl zu der Zeit, als Habermas diese Theorie entwickelte, das Internet in seiner heutigen Form und damit die Verbreitungsmöglichkeiten der Laienkommunikatoren noch in weiter Ferne waren, lässt sie sich auf die neue Situation anwenden. Die normativen Erwartungen der deliberativen Öffentlichkeit gegenüber den Kommunikatoren auf der Input-Seite des Entscheidungsprozesses verlangen die „Beteiligung von Akteuren nicht nur aus dem ‚Zentrum‘, sondern auch aus der ‚Peripherie‘“ (Neuberger 2011: 46). Die Input-Geber sollen „individuelle Akteure (Bürger) oder bürgernahe kollektive Akteure der Zivilgesellschaft“ (ebd.) sein. Es ist plausibel, zu vermuten, dass diese Erwartungen vor allem mit Blick auf die sogenannte Blogosphäre erfüllt werden könnten, da sich dort neben der Vielzahl an Privatpersonen auch zivilgesellschaftliche Akteure mit ihren eigenen publizistischen Erzeugnissen bewegen. Beispiele hierfür sind die Blogs der parteinahen Stiftungen.

Charakteristisch für die deliberative Demokratietheorie sind zudem bestimmte Anforderungen an den Kommunikationsprozess. Dieser soll diskursiv bzw. argumentativ, respektvoll, rational sowie partizipativ, d.h. unter Einbindung aller Diskursteilnehmer, ablaufen (Neuberger 2011: 46). Die geforderte Einbindung aller Diskursteilnehmer hat im Internet durch die neue Möglichkeit der direkten Anschlusskommunikation, etwa durch Nutzerkommentarspalten, neue Aktualität erlangt. Die Beteiligung an Entscheidungsprozessen gestaltet sich in diesem Demokratiemodell vor allem durch die „Förderung der kommunikativen Partizipation“ (Engesser 2013: 130; Hervorhebung entfernt). Das Ziel des Kommunikationsprozesses soll ein argumentativ erzielter Konsens oder zumindest eine Mehrheitsmeinung sein, die durch zwanglose und sachliche Überzeugung erlangt wurde und somit legitim ist (Neuberger 2011:46).

Die deliberative Demokratietheorie ist freilich nicht ohne Kritik geblieben. Vor allem das Bild des kompetenten, gemeinwohlorientierten Staatsbürgers wurde als unrealistisch bemängelt; zudem sei die Gesellschaft für die idealtypisch-sachliche Diskussion zu sehr gespalten (Schmidt 2008: 246-251). Nicht alle Teilnehmer einer Demokratie seien ausreichend an bestimmten Entscheidungen interessiert, geschweige denn kompetent genug, sachlich richtige Einschätzungen zu treffen. Die Forderung nach maximaler Bürgerbeteiligung untergrabe die „Zielgrößen (…) Effektivität und Effizienz“ (Schmidt 2008: 248) der Demokratie. Viele Kritiker bemängeln, dass die Einbeziehung möglichst vieler Kommunikatoren einer Rückkehr zur Volksversammlung im attischen Stadtstaat gleicht und somit die Legitimität bestehender demokratischer Institutionen angreift. Die „Übermobilisierung der Bevölkerung“ (ebd.) führe dazu, dass „handfeste grundsätzliche Interessen“ (ebd.) in Streitfragen, in denen es keine das Allgemeinwohl fördernde Konsenslösung gebe, das politische System lahmlegen würden. Besonders scharf wird an der deliberativen Demokratietheorie kritisiert, dass das „[knappe] Gut, nämlich (…) die Kunst des Zuhörens, auch wenn der andere nicht Familienmitglied oder Freund ist“ (Schmidt 2008: 247) grundlegende Voraussetzung für das Gelingen des Modells sei. Zudem eröffne strategische Desinformation Möglichkeiten zur Manipulation (Schmidt 2008: 246-251).

2.3. Das Dilemma der publizistischen Qualität

Damit der Journalismus diese demokratieförderlichen Leistungen erbringen kann, ist ein Mindestmaß an publizistischer Qualität vonnöten. Ihre Definition ist allerdings problematisch. Der Begriff der publizistischen Qualität unterscheidet sich insofern von dem der ökonomischen Qualität, als dass letztere über Konsumentenpräferenzen definiert wird, während erstere von verschiedenen Seiten normativ bewertet wird (Neuberger 2011: 21). Der qualitativen Einordnung liegen verschiedene Wertesysteme zugrunde.

Staatstheoretiker leiten normative Erwartungen an Journalisten aus der gesetzlichen Ordnung ab. Schon die Eltern des Grundgesetzes hätten, geprägt von den historischen Erfahrungen in Deutschland, die besondere Verantwortung von Presse und Rundfunk erkannt:

„[Die Staatsform der Demokratie setzt] den informierten, urteilsfähigen und entscheidungsfreudigen Bürger voraus. So baut das Wahlrecht auf Erkenntnis des Wählers auf, der jedenfalls idealtypisch die Entwicklung seines Staates und seiner Gesellschaft beobachtet und versteht, die personellen und programmatischen Handlungsalternativen der politischen Parteien kennt, abwägt und würdigt, der seine eigenen Interessen definiert und seine Zugehörigkeit zu einem demokratischen Rechtsstaat verantwortlich wahrnimmt.“

(Kirchhof 2001 nach Dörr 2012: 4). Laut Dörr versteht der Gesetzgeber den Journalismus als Dienstleister der Demokratie, der den wahlberechtigten Souverän aufklärt, informiert und integriert und so für die Richtigkeit seiner (Wahl)-Entscheidungen mitverantwortlich ist (Dörr 2012: 2).

Neben den Erwartungen des Gesetzgebers gibt es in Deutschland noch Instrumente der journalistischen Selbstkontrolle wie den Presserat und nicht zuletzt der Einordnung der Medien durch die jeweiligen Rezipienten. „[Publizistische] Qualitätsansprüche haben letztlich einen normativen und subjektiven Charakter“ (Vlasic 2004 nach Trepte, Reinecke und Behr 2008: 512). Schon, weil Produzent und Rezipient oft das Gleiche lesen, aber nicht das Gleiche meinen, entsteht ein Definitionsdilemma: „Weil Rezipienten Mitteilungen unterschiedlich selektieren, interpretieren und gebrauchen können, fällt es äußerst schwer, Schlüsse in die eine oder andere Richtung zu ziehen.“ (Neuberger 1997: 173 nach Neuberger 2011: 28 f.).

Es kann also keine objektive und einheitliche Definition zur publizistischen Qualität geben, da die der Bewertung zugrundeliegenden Werte aus unterschiedlichen publizistischen Schulen und Denkweisen stammen. Ein Beispiel für eine solche Schule ist das der Mainzer Schule, die den Journalisten das Rollenbild der „repräsentativen Vermittler“ (Bilke 2008: 80) empfiehlt. Statt von klar definierter Qualität sollte daher eher von einer „Qualitätsdebatte“ (Wyss 2002 nach Trepte, Reinecke und Behr 2008: 512) gesprochen werden, um ihr flüchtiges Wesen besser zu fassen; insgesamt nimmt diese Qualitätsdebatte ein solch großes Feld in der Journalismusforschung ein, dass allein Definitionsfragen in mehreren Schriften diskutiert wurden.

Darüber hinaus muss zwischen verschiedenen Ebenen des Qualitätsbegriffs und genre- und medienspezifischen Qualitätskriterien differenziert werden. Auch der Bekanntheitsgrad und die Anwendung bestimmter Kriterien oder Kodizes variiert von Medium zu Medium, was vor allem für die Betrachtung von Internetblogs wichtig ist (Trepte, Reinecke und Behr 2008: 514). Übertragen auf die Frage nach der Qualität der von Laien betriebenen Publizistik bedeutet das auch, dass sich die Akteure nicht zwingend über die Standards der professionellen Zunft im Klaren sind. Am besten bringt es wohl ein Bonmot des anerkannten Kommunikationswissenschaftlers Stephan Ruß-Mohl auf den Punkt, nämlich „Qualität im Journalismus definieren zu wollen, gleicht dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln.“ (Ruß-Mohl 1992 nach Neuberger 2011: 16).

2.4. Demokratietheoretische Kriterien für publizistische Qualität

Um die Frage nach der publizistischen Qualität bürgerjournalistischer Erzeugnisse beantworten zu können, sind konkrete Kriterien vonnöten, die journalistische Qualität im demokratischen Umfeld definieren. Und ähnlich, wie Neuberger empfiehlt, den „Pudding“ mit einem Gitter aus Nägeln doch irgendwie an der Wand zu befestigen (Neuberger 2011: 16), so gibt es auch Möglichkeiten, die oben vorgestellte Qualitätsdebatte in solche Kriterien zu gießen.

Die Anforderungen an Bürgerjournalismus und professionellen Journalismus einfach gleichzusetzen wäre schon deshalb falsch, weil es die subjektive Komponente der journalistischen Qualität ignoriert. In einer Untersuchung zur subjektiven Qualitätserwartung von Mediennutzern, bestehend aus Befragung und Experiment, kommen die Autoren Sabine Trepte, Leonard Reinecke und Katharina-Maria Behr zum Schluss, dass die Nutzer unterschiedliche Qualitätserwartungen an bürgerjournalistische und professionelle Erzeugnisse stellen. Im Experiment zeigte sich jedoch, dass bei der Lektüre nicht Quell- sondern Inhaltsinformationen für die qualitative bzw. ethische Einordnung relevant sind (Trepte, Reinecke und Behr 2008: 509). Nutzerbefragungen zeigen auf, dass Bürgerjournalismus und professioneller Journalismus eher komplementär genutzt werden (Brandt, Möhring und Schneider 2012: 463). Artikel aus dem Bürgerjournalismus müssen demzufolge nicht allumfassend oder tagesaktuell gestaltet sein. Aus diesem Grund sehe ich davon ab, Aktualität oder Vollständigkeit in die Kriterien miteinfließen zu lassen.

Einer derjenigen, die sich gegen das Konzept des „Puddings“ als Metapher für die journalistische Qualität wehren, ist Sven Engesser. Er bietet stattdessen den Begriff „rhizomatisches Geflecht“ (Engesser 2013: 347) an. Dieses Geflecht ordnet er in seiner Arbeit zur publizistischen Qualität des partizipativen Onlinejournalismus mithilfe von neun Begründungszusammenhängen aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen. Aus diesen Zusammenhängen leitet er ein integratives Qualitätskonzept ab. Das Konzept beruht auf 36 Kriterien, die sich wiederum in unterschiedlicher Intensität auf die vier Ebenen des Kommunikationsprozesses, Herstellung, Inhalt, Nutzung und Wirkung, auswirken (Engesser 2013: 195). Aus den für diese Arbeit relevanten demokratietheoretischen Modellen kondensiert er die folgenden publizistischen Qualitätskriterien (ebd.: 137):

- Argumentativität in der Berichterstattung
- Zugänglichkeit der Erzeugnisse
- Gleichheit, im Sinne einer gleichberechtigten Teilnahme am Diskurs
- Zwanglosigkeit, in etwa mit Herrschaftslosigkeit des Diskurses gleichzusetzen
- Zeitliche und thematische Unbegrenztheit.

Dass sich auch der Bürgerjournalismus an rechtliche Normen halten sollte und an sie gebunden ist, sollte Voraussetzung sein. Die große Anzahl an Internetblogs hat verglichen mit professionellen Erzeugnissen eine eher geringe Reichweite (Engesser 2013: 260). Dieser Umstand nährt den Verdacht, dass dort, wo kein Leser ist, kein Kläger, geschweige denn ein Richter sein kann. Besonders interessant für die Untersuchung bürgerjournalistischer Erzeugnisse kann die Einhaltung folgender, durch die Landespresse- bzw. Landesmediengesetze vorgeschriebenen Punkte sein:

- Deutlich erkennbare Trennung von Werbung und journalistischer Arbeit (z.B. §10 LPrG, NW)
- Schutz von im Rahmen der Recherche ermittelten personenbezogenen Daten (§12 ebd.)
- Impressumspflicht (§8 ebd.).

Doch auch jenseits der rein rechtlichen Komponente gibt es in Deutschland normative Ansprüche an den Journalismus. Das wichtigste Instrument der journalistischen Selbstkontrolle in Deutschland ist der Bundespresserat. Die in den 16 Ziffern des Pressekodex aufgeführten Berufsnormen formulieren publizistische Grundsätze des Selbstverständnisses deutscher Journalisten. Aufgrund der möglichen Konkurrenzsituation zwischen Laien- und professionellem Journalismus sollten in eine Untersuchung auch die Berufsnormen der professionellen Zunft einfließen, die er wie folgt zusammenfasst (Engesser 2013: 168 f.):

- Richtigkeit der dargestellten Informationen
- Rechtmäßigkeit der Darstellung
- Unabhängigkeit der Journalisten
- Umgekehrte Pyramide der Informationen (Anm.: Gemeint ist die Struktur der Informationen in Artikeln, die das Lesen vereinfachen soll)
- Trennung von Nachricht und Meinung
- Objektivität der Berichterstattung.

Der letzte Punkt, Objektivität, gehört zu den besonders umstrittenen Größen in der Qualitätsdebatte. Die philosophische Grundsatzdebatte zwischen Konstruktivismus und Positivismus wirkt sich auch auf die Kommunikationswissenschaft aus (Hutter 2009: 64). „Die Objektivitätsnorm beruht auf der erkenntnistheoretischen Prämisse, die Realität möglichst unbeeinflusst vom wahrnehmenden Subjekt und dessen Interessen abbilden zu wollen.“ (Mothes 2014: 51). Doch auch professionelle Journalisten unterliegen der Vorprägung durch eigene Erfahrungen, Einstellungen und Werte (ebd.: 112). Daher ist es für die Analyse besonders interessant, inwiefern sich der Bürgerjournalismus und die professionelle Zunft in diesem Punkt unterscheiden. Viele Journalismus-ähnliche Blogs im Internet sind dedizierte Meinungsblogs (zur Schwierigkeit der Kartographierung der Blogosphäre siehe Meinel et al. 2015: 102-105). Die Anwendung des Objektivitätskriteriums auf diese Seiten würde daher keinen Sinn machen, da für Autor und Rezipient ersichtlich ist, dass kein wertneutraler Anspruch besteht. Christoph Neuberger führt diesen Punkt nicht nur als ein Kriterium zur Bewertung journalistischer Qualität, sondern als eine von drei Überkategorien für Qualitätskriterien neben Relevanz und Verständlichkeit an (Neuberger 2011: 44). Cornelia Mothes bezeichnet es als das „Abgrenzungskriterium“ (Mothes 2012) zwischen professionellem und Laienjournalismus. Es verleihe ihm professionelle Identität, Autonomie und Glaubwürdigkeit (ebd.: 64). Die Autoren verfolgen unterschiedliche Ansätze, so definiert Ruß-Mohl Objektivität als „Faktentreue“ (Neuberger 2011: 44), Hagen als „Richtigkeit“ (ebd.) und Pöttker als „intersubjektive Nachprüfbarkeit“ (ebd.). Sowohl Dahinden als auch Trepte bezeichnen es als eines der wichtigsten Qualitätskriterien aus Rezipientenperspektive (Engesser 2013: 178). Engesser fasst das Kriterium unter Trennung von Nachricht und Meinung und Umgekehrte Pyramide bzw. Argumentativität zusammen (ebd.: 193 + 290).

Um die Untersuchung genauer einzugrenzen, werde ich mich in dieser Arbeit auf die Kriterien konzentrieren, die sich an den normativen Erwartungen der deliberativen Demokratietheorie orientieren und die charakteristischen Besonderheiten des Bürgerjournalismus beachten. Da der Bürgerjournalismus im Web-Bereich besonders häufig auf Blogs zu finden ist, die mittels Drittanbietersoftware betrieben werden, sind gewisse Rahmenbedingungen vorgegeben. Das Layout und bestimmte Menüpunkte lassen sich daher nur innerhalb gewisser Grenzen bzw. nur mit einem gewissen technischen Verständnis verändern (Meinel et al. 2015: 14-16). Es wäre daher müßig, alle Erzeugnisse z.B. auf ihre technische Zugänglichkeit, wie sie von den deliberativen Demokratietheoretikern gefordert wird, zu untersuchen. Auch die Ermöglichung partizipativer Anschlusskommunikation, z.B. in Form einer Nutzerkommentarspalte, kann nur da gegeben sein, wo diese Rahmenbedingungen es zulassen.

In dieser Arbeit werden daher folgende Qualitätskriterien in ihren jeweils variierenden Definitionen angewandt: Richtigkeit, Rechtmäßigkeit, Transparenz, Trennung von Nachricht und Werbung, Argumentativität, Verständlichkeit und Objektivität (soweit dieses Kriterium sinnvoll angewendet werden kann).

3. Analyse

3.1. Inhaltsanalysen von bürgerjournalistischen Erzeugnissen

Zur journalistischen Qualität von bürgerjournalistischen Erzeugnissen gibt es verschiedene Untersuchungen, die allerdings aufgrund ihrer unterschiedlichen Herangehensweisen nur ein lückenhaftes Gesamtbild ergeben. Außerdem ist zu beobachten, dass sich die meisten Studien auf die Lage in den USA beziehen (Neuberger 2012: 71 f.). Die bislang gründlichste Analyse über die Lage in Deutschland ist mit Sicherheit die in dieser Arbeit schon häufig zitierte Dissertation „Die Qualität des Partizipativen Journalismus im Web“ von Sven Engesser aus dem Jahre 2011. Die neusten von ihm erfassten Blogs wurden 2009 gegründet (Engesser 2013: 256). Ein Blick auf verschiedene Statistiken zeigt, dass sich seitdem die Anzahl der Blogs im Internet mehr als verdoppelt hat; thematische Zusammensetzung, Nutzerzahl und Angebotsvielfalt haben sich deutlich verschoben (Meinel et al. 2015: 8). Insofern sind die behandelten Studien nur unzureichend in der Lage, die aktuelle Entwicklung nachzuzeichnen. Neuere Studien, die sich empirisch mit der Qualität bürgerjournalistischer Erzeugnisse befassen, konzentrieren sich in der Regel auf spezifische Phänomene z.B. innerhalb der Blogosphäre. Es ist zu beobachten, dass sich die Forschung auf die jeweiligen Medientypen spezialisiert, was unter anderem damit zusammenhängt, dass schon die technische Erfassung der gesamten Blogosphäre schwierig und unübersichtlich ist (Meinel et al. 2015: 75-83).

Die vorliegenden Studien unterscheiden sich sowohl in der Definition des Untersuchungsobjektes als auch in ihrer Vorgehensweise. Engesser konzentriert sich auf eine Inhaltsanalyse, die er mit Umfragen, etwa zum Selbstverständnis der Autoren, kombiniert. Die Grundgesamtheit der untersuchten Internetseiten basiert auf einer Datenbank über Bürgerjournalismus des Knight Citizen News Network (Engesser 2013: 236). Über deren genaue Zusammensetzung vermutet Engesser, dass es sich vor allem um Bürgerjournalismus aus dem ländlichen US-amerikanischen Raum handeln dürfte, wo bürgerjournalistische Erzeugnisse die Aufgabe der sterbenden Lokalblätter übernommen haben (ebd.). Eine zweite, selbst erstellte Datenbank mit nA2 = 138 Webangeboten soll diese Verzerrung ausgleichen (ebd. f.). Nichtsdestotrotz stammen 81,3% der untersuchten Webangebote aus den USA und nur 11,6% aus Deutschland (ebd.: 255). Eine andere wissenschaftliche Herangehensweise wählte Neuberger für seine Untersuchung 2012: Er befragte Nutzer von Blogs und sozialen Netzwerken, was ihr Eindruck hinsichtlich bestimmter Qualitätsaspekte sei. Auch diese subjektive Nutzerperspektive muss in dieser Qualitätsdebatte berücksichtigt werden. Da ausgewählte Aspekte abgefragt wurden, sind Verzerrungen durch die unterschiedlichen Präferenzen zwischen normativer Erwartungs- und Nutzerseite minimiert worden. Ganz anders geht es Michael Firnkes in „Das gekaufte Web. Wie wir online manipuliert werden“ an. Das Buch bietet zurzeit die aktuellsten Informationen zu Integrität und Transparenz von bürgerjournalistischen Onlineangeboten. Er verwendet Insider-Informationen aus Marketing-, PR- und Politikkreisen und kann so Gründe für bestimmte, normativ unerwünschte Entwicklungen benennen. Allerdings kann er seine exemplarischen Analysen bestimmter Entwicklungen (noch) nicht empirisch untermauern.

Die Autoren machen bezüglich der Qualität des Bürgerjournalismus übereinstimmende, aber auch widersprüchliche Beobachtungen. Diese Beobachtungen gliedere ich nach den oben ausgewählten Qualitätskriterien für wertvolle Publizistik im demokratischen Umfeld.

Richtigkeit

Die im Zuge des US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes entfachte Debatte um sogenannte ‚fake news‘ insbesondere in Online-Medien zeigt, dass Richtigkeit das wohl wichtigste Qualitätskriterium im Journalismus ist. Allerdings ist die Operationalisierung des Kriteriums hinderlich. Manche Studien, wie etwa die inhaltsanalytische Untersuchung medienkritischer Weblogs von Andres Hutter, wenden es darum nicht an. Hutter begründet dies damit, dass Richtigkeit im Sinne von intersubjektiver Prüfbarkeit mit dem Kriterium der Quellentransparenz gleichzusetzen sei; die darüberhinausgehende Überprüfung einzelner Aussagen anhand weiterer Quellen würde hingegen den Untersuchungsrahmen sprengen (Hutter 2009: 59).

Den Umfragen von Trepte, Reinecke und Behr zufolge schrauben Medienkonsumenten ihre Qualitätserwartungen an Internetblogs in Bezug auf Aktualität und Relevanz im Vergleich zu Tageszeitungen etwas herunter (Trepte, Reinecke und Behr 2008: 519). Anders verhält es sich bei der faktischen Richtigkeit der rezipierten Informationen, sowohl an Blogs als auch an Tageszeitungen werden hohe Ansprüche gestellt (ebd.). In Christoph Neubergers 2012 veröffentlichter Befragung von Nutzern moderner Onlinemedien geben lediglich 7,7% von 359 Befragten an, dass ihnen Weblogs in höchstem Maße glaubwürdig erscheinen (Neuberger 2012: 64).

Sven Engesser wählt eine völlig andere Herangehensweise. Zunächst benennt er die beiden zentralen Teilaspekte des Kriteriums Richtigkeit, nämlich inhaltliche und formale Richtigkeit. Engesser kommt zum Schluss, dass die erkenntnistheoretischen Probleme inhaltlicher Wahrheit den Rahmen seiner Arbeit sprengen würden und beschränkt sich daher auf formale, d.h. sprachliche Richtigkeit (Engesser 2013: 301). Die Anzahl der ermittelten Rechtschreibfehler der untersuchten Publikationen entspricht demnach dem Sechs- bis Siebenfachen der Werte, die im professionellen Journalismus gemessen wurden. Engesser betont allerdings, dass die hohe Standardabweichung in den Ergebnissen darauf hinweise, dass die orthographische Qualität der Beiträge stark variiere (ebd. f.).

Rechtmäßigkeit

Das Kriterium der Rechtmäßigkeit lässt sich vor allem durch qualitative Inhaltsanalyse ermitteln, um z.B. zu überprüfen, inwiefern die Autoren den Schutz der persönlichen Ehre nach Art. 5 GG beherzigen. Nur wenige Punkte wie die Einhaltung der Impressumspflicht lassen sich quantitativ erheben. Engesser kommt nach der inhaltlichen Analyse aller Beiträge zum Schluss, dass lediglich sieben von ihnen, das entspricht 1,3% der Grundgesamtheit, als Ehrverletzung gewertet werden könnten; sogar noch weniger entfallen bei ihm auf das Feld der Diskriminierung (Engesser 2013: 298). Aus seiner Sicht gibt es „keinen Anlass zu der Vermutung, dass sich eine ernstzunehmende Gefahr für weitere Rechtsgüter ergeben hätte“ (ebd.).

Im selben Jahr, in dem Engesser seine Analyse veröffentlichte, gab Jörg Meibauer das Buch „Hassrede/ Hate Speech. Interdisziplinäre Beiträge zu einer aktuellen Diskussion“ heraus (vgl. Meibauer (Hg.): 2013). Verschiedene Autoren melden sich zu Wort und beklagen, dass Hass im politischen Diskurs von verschiedenen Seiten salonfähig gemacht werde und die Demokratie bedrohe. Dieser Hass wird vor allem im Internet verortet, bei Anbietern sogenannten alternativer Nachrichten, auf Blogs und in den Kommentarspalten von Mainstream-Internetseiten. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier warnte schon 2007 in einem Zeitungsartikel vor diesem „unverhohlen rassistische[n] Mob“ (Niggemeier 2007). Rechtmäßigkeit ist in dieser Arbeit als Kriterium publizistischer Qualität vor dem Hintergrund des deliberativen Demokratieverständnisses zu verstehen. Daher soll es hier weniger um die Frage gehen, inwiefern die Form, in der sich jener Hass äußert, tatsächlich gegen geltende Gesetze verstößt, in dem er z.B. offen antisemitisch zutage tritt. Internetblogs mit bürgerjournalistischem Profil, die strukturell auf die Verunglimpfung bestimmter Menschengruppen zugeschnitten sind, können keinen Beitrag zum idealtypischen öffentlichen Diskurs nach Habermas leisten.

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Details

Titel
Bürgerjournalismus in Zeiten des Medienwandels
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Popularisierung der Medien
Note
1,30
Autor
Jahr
2016
Seiten
26
Katalognummer
V384332
ISBN (eBook)
9783668596450
ISBN (Buch)
9783668596467
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bürgerjournalismus, Laienjournalismus, Partizipativer Journalismus, grass root journalism, user generated content
Arbeit zitieren
Roland von Kintzel (Autor), 2016, Bürgerjournalismus in Zeiten des Medienwandels, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384332

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