Zur sozialen Konstruktion von Geschlechtlichkeit. Untersuchung der These "Frauen und Mathematik - (un)vereinbar?"


Hausarbeit, 2011
40 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung (Anika Katzenberger)

2 Zur sozialen Konstruktion von Geschlechtlichkeit
2.1 Zum Genderbegriff (Sophia Schmuck)
2.2 Zum Konzept des Doing Gender (Sophia Schmuck)
2.3 Geschlechterstereotypen - Vorurteile gegenüber Frauen (Sophia Schmuck)
2.4 Typische Rollenverteilung Anfang des 20. Jahrhunderts und heute.(Anika Katzenberger)
2.5 Inwiefern sind Frau und Mann bis heute gleichgestellt? (Sophia Schmuck)

3 Stereotypen von Berufen: Frauen im (natur-)wissenschaftlichen Bereich
3.1 Die (historische) Wende - Zur Bedeutung und zum Einfluss der Frauenbewegungder 1970er Jahre (Anika Katzenberger)
3.2 Naturwissenschaft als reine M ä nnerdom ä ne ? (Anika Katzenberger)
3.3 Bedeutende Mathematikerinnen des 19. und 20. Jahrhunderts
3.3.1 Sofja Kowalewskaja (Sophia Schmuck)
3.3.2 Maria Montessori (Sophia Schmuck)
3.3.3 Emmy Amalie Noether (Anika Katzenberger)
3.3.4 Johanna Neumann (Anika Katzenberger)

4 Doing Gender in der Praxis wissenschaftlicher Lehre - Zur Situation an der Universität Erfurt
4.1 Ergebnisse und Auszüge einer Beobachtungsstudie zur Relevanzsetzung von Genderaspekten an der Universität Erfurt (Sophia Schmuck)
4.2 Empfehlungen für eine genderorientierte Lehre an der Universität Erfurt.(Anika Katzenberger)

5 Schlussbemerkung (Sophia Schmuck)

6 Literaturverzeichnis

7 Anhang

1 Einleitung (Anika Katzenberger)

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ (Hömig 2010)

Mit diesem Zitat aus dem Grundgesetz, Artikels 3 Absatz 2, zeigt sich die wachsende Bedeutung der Geschlechterforschung. Die Hauptbestrebungen beziehen sich auf die Schaffung einer Chancengleichheit zwischen Frau und Mann. Doch bestehen überhaupt Ungleichheiten, welche es zu beseitigen gilt? Oft wird in Medien, Presse und Gesellschaft von einer Benachteiligung des weiblichen Geschlechts im Bildungs- und Berufswesen gesprochen. Besonders häufig ist in naturwissenschaftlichen Bereichen die Dominanz der Männer zu spüren, wodurch sich viele Frauen entmutigt fühlen und ihre eigenen Fertigkeiten nicht unter Beweis stellen. In vorliegender Arbeit soll geprüft werden, ob die Fähigkeiten des weiblichen Geschlechts vor allem im Bereich der Naturwissenschaften und im Besonderen in der Mathematik ausreichend sind. Sind Frauen in der Mathematik unvereinbar?

Im Folgenden werden einige Begriffsklärungen vorangesetzt. Gender beschreibt, in welcher Art und Weise Frauen und Männer in der Gesellschaft zu ihrem Geschlecht und zu der Rollenverteilung Stellung beziehen und wie sie ihre Zugehörigkeit selbst wahrnehmen, verstehen und bewerten. Die gesellschaftliche Verordnung dieser Geschlechterforschung wird Gender Mainstreaming genannt und basiert auf der Erkenntnis, dass Frauen und Männer aufgrund der kulturellen und sozialen Stereotypen, Geschlechterrollen und Vorstellungen in der Gesellschaft, verschiedene Bedingungen, Möglichkeiten und Chancen vorfinden. Gender Mainstreaming ist eine Methode, durch welche die Gleichstellung zwischen Frauen und Männern nachhaltig bewirkt werden soll. Ziel ist es, sich mit der zentralen Bedeutung von Geschlecht auseinanderzusetzen. Der eigentliche Ursprung dieser Forschungsmethode gründet sich bereits aus der Frauenbewegung der 1970er Jahre. Die Umsetzung erfolgt mittels Doing Gender, wodurch bestimmte gesellschaftliche Formen und vorhandene Hierarchien analysiert und kritisiert werden sollen. Gendersensibilität ist vor allem mit Attributen wie Kritik und Aufmerksamkeit konnotiert. Es soll sich nicht das Geschlecht an sich, sondern die eigene Identität, bewusst gemacht werden.

Leider führen die oben genannten Begrifflichkeiten des Öfteren zu Missverständnissen. So wird beispielsweise der Begriff ‚ Gender ‘ fälschlicherweise mit „Frauenförderung“ gleichgesetzt, wodurch oftmals negative Assoziationen zu Gender entstehen. Dabei geht es nicht darum, Frauen bevorzugt zu behandeln, sondern gleiche Bedingungen für beide Geschlechter zu schaffen. Da aber noch in vielen gesellschaftlichen Bereichen ein Ungleichgewicht vorhanden ist, gibt es Frauenförderpläne, um eine Balance zu schaffen. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass Gender weniger das biologische als das soziale Geschlecht von Frauen und Männern, also die gesellschaftlich geprägte Rollenverteilung, bezeichnet. Außerdem kann es bei dem Versuch Gender-Mainstreaming in die deutsche Sprache zu übersetzen zu Unklarheiten kommen, da es unter anderem mit dem Begriff ‚Durchschnitt‘ gleichgesetzt werden könnte. Tatsächlich sollte es jedoch eher mit der Gleichstellung der Geschlechter assoziiert werden.

Folgende Arbeit wird sich mit dem immer weiter an Bedeutung gewinnenden Thema Frauen- und Geschlechterforschung beschäftigen. Die Genderforschung umfasst ein großes Spektrum, jedoch geht es in dieser Hausarbeit hauptsächlich um die Beziehungen zwischen Frau und Mann im Allgemeinen mit Schwerpunkt auf die Rolle der Frau in den Naturwissenschaften, insbesondere in dem Bereich der Mathematik.

Zunächst wird sich der Text mit den sozialen Begrifflichkeiten von Geschlechtlichkeit, wie Gender, Gender Doing, aber auch mit verschiedenen Stereotypen und Rollenvorstellungen befassen. Der dritte Gliederungspunkt wird sich auf die Rolle der Frauen im (natur-) wissenschaftlichen Bereich, die Anfänge der Genderforschung durch die Frauenbewegung der 1970er Jahre, sowie vier ausgewählte weibliche mathematische Vorbilder konzentrieren. Interessant erscheint ebenfalls die praktische Umsetzung von Doing Gender. Daher wird der Schlussbemerkung die Auswertung einer Selbststudie (7) an der Universität Erfurt vorausgehen, welche die heutigen Erkenntnisse der seit den 1970er Jahren betriebenen Genderforschung überprüfen soll.

2 Zur sozialen Konstruktion von Geschlechtlichkeit

2.1 Zum Genderbegriff (Sophia Schmuck)

Im Gegensatz zum biologischen Geschlecht (engl.: Sex), wird mit dem Begriff ‚Gender‘ die soziale bzw. psychologische Identität bezeichnet. Da im deutschen keine Differenzierung zwischen körperlichem und sozialem Geschlecht existiert, wird der Begriff ‚Gender‘ aus dem Englischen übernommen.

„Gender markiert das Zusammenspiel aus biologischen Faktoren wie dem Chromosomensatz, historischen und sozialen Faktoren wie der geschlechtlichen Arbeitsteilung, kulturellen Faktoren wie Kleidung oder Haarschnitt oder die Art, Menschen zu adressieren, und rechtliche bzw. politische Faktoren wie die Namensgebung, die nach deutschem Recht eine eindeutige Zuordnung zu einem Geschlecht erzwingt.(Baer 2010)

Es bezeichnet das, was in einer Gesellschaft für ein Geschlecht als typisch angesehen wird. John Money, ein amerikanischer Forscher, führte den Begriff in dieser Bedeutung als Erster 1955 ein . Er versucht das Verhalten und die Gefühle von Personen zu definieren, bei denen das Geschlecht nicht eindeutig bestimmbar war (Intersexuelle Menschen).

13 Jahre später beschäftigen sich Robert Stoller und Ralph Greenson mit der Geschlechteridentität (Gender Identity). Dadurch wird das Wissen bezeichnet, dass man einem Geschlecht angehört und nicht dem anderen. Die Geschlechtsrolle stellt das Verhalten nach außen dar, wie man sich in der Gesellschaft gibt, und mit anderen Menschen umgeht. Bei vielen Personen fallen Sex, Gender, und Gender Identity zusammen, d.h. das biologische Geschlecht, das typische Verhalten in einer Kultur und die Geschlechtszugehörigkeit sind gleich. Dies ist bei der Mehrheit unserer Bevölkerung der Fall. Trifft eines dieser Merkmale nicht zu, spricht man von Transgender. Auch wenn in den 70er Jahren bei Transsexuellen noch die Rede von Geschlechtsumwandlungen war und bei Transgender auf den Wechsel des biologischen Geschlechts verzichtet wurde, wird diese begriffliche Trennung heute nicht mehr vorgenommen.

„Gender beschreibt vor allem die Art und Weise in der Männer und Frauen sich zu ihren Rollen in der Gesellschaft selbst positionieren und wie sie ihre Rolle bewerten. […] Das Geschlecht und besonders seine Bewertung hängen ab von den in einer Gesellschaft vorherrschenden Machtstruktur.“( Butler 2006)

Um diese gleichzuhalten und zwischen Frau und Mann in der Gesellschaft Fairness zu schaffen, gibt es Gender Mainstreaming. Es fordert eine Gleichstellung der Geschlechter im Handeln und Denken in allen Ebenen. Neben diesem Hauptziel, wird unter anderem für eine freie und selbstbestimmte Lebensgestaltung beider Geschlechter und gegen die Diskriminierung dieser gekämpft.

2.2 Zum Konzept des Doing Gender (Sophia Schmuck)

Doing Gender ist ein in der Ethnomethodologie1 diskutiertes Konzept, welches beschreibt, ob Frau und Mann sich, unabhängig vom Geschlecht, eher dem männlichen bzw. dem weiblichen Verhaltensmuster anpassen und wie man sich in der Gesellschaft präsentiert. Es kommt zum ersten Mal 1967 in Harold Garfinkels Agnes Studie zur Diskussion. Diese Untersuchung beschreibt einen transsexuellen Mann, der sich nach einer Geschlechtsumwandlung zur Frau in das „kulturelle Frau-Sein […] einübt“ (Kotthoff). Ihr bleibt das Recht auf Meinungsäußerung verwehrt, da dies unschicklich ist und einer Dame nicht zusteht. Gleichermaßen wie Erving Goffman veranschaulicht auch Garfinkel die Verhaltensweisen, welche die Gesellschaft damals nicht als diskriminierend auffassten. Es wird sich erstmals die Frage gestellt, warum solche sozialen Ordnungen entstehen und weshalb diese bestehen. Die Soziologen Garfinkel und Goffman machen auf die Unterscheidung (z.B. Toiletten, Parfüms, Kleidung, Frisuren) aufmerksam, die von der Gesellschaft als natürliche Gegebenheit hingenommen werden. Goffmann ist im Gegensatz zu Butler2 der Meinung, dass das körperliche Geschlecht bei der sozialen Unterscheidung nicht ungeachtet bleiben darf, denn wäre diese biologische Ungleichheit nicht vorhanden, würde es erst gar nicht zu einer Differenzierung zwischen den Geschlechtern kommen.

2.3 Geschlechterstereotypen - Vorurteile gegenüber Frauen (Sophia Schmuck)

Stereotypen bezeichnen Charaktereigenschaften, die den Geschlechtern allgemein zugeordnet werden. So wird dem weiblichen Geschlecht eher die Hausfrauen- und Mutterrolle zugeschrieben, die mit ihrer einfühlsamen, geduldigen und verantwortungsbewussten Art die Erziehung der Kinder übernimmt. Den Männern werden als berufstätigen Geldverdiener, dominante und durchsetzungsfähige Eigenschaften anerkannt. Diese Stereotypen werden in der Gesellschaft verbreitet und von klein auf, wohl eher unbewusst, vermittelt. Sie legen fest, welche Eigenschaften, Gefühle, Verhaltensmuster und Fähigkeiten für einen Mann bzw. eine Frau charakteristisch und sozial erstrebenswert sind.

„Frauen kritisieren Männer, weil sie gefühllos und gleichgültig sind, nicht zuhören, wenig warmherzig und mitfühlen sind, weil sie nicht reden, zu sparsam mit Liebesbezeugungen umgehen, nicht bereit sind, sich für Beziehungen einzusetzen, Sex statt Liebe machen wollen und die Klobrille nicht runterklappen. Männer kritisieren Frauen wegen ihrer angeblich bescheidenen Fahrkünste, weil sie Stadtpläne nicht lesen können, Straßenkarten verkehrt herum halten, keinen Orientierungssinn haben, zuviel reden, ohne zum Wesentlichen zu kommen, nicht häufig genug nach Sex verlangen und den Klositz nicht wieder hochklappen.“ (Pease 2002)

Bis heute ist die Rede davon, dass Frau und Mann zwei völlig verschiedene Individuen, von unterschiedlichen Planeten seien. Es wird nicht grundlos davon gesprochen, dass das männliche Geschlecht dem Mars und das weibliche der Venus entstammt. In manchen Situationen handeln und denken die zwei Geschlechter völlig anders. Auch wenn Bestseller wie von dem Ehepaar Allan und Barbara Pease Warum M ä nner nicht zuh ö ren und Frauen nicht einparken k ö nnen sich einer sehr hohen Beliebtheit erfreuen und manche Situationen auf das eigene Leben übertragbar sind, dienen diese Bücher wohl eher der Unterhaltung und weniger der Wahrheitsfindung. Trotzdem existieren schätzungsweise Hunderte von Büchern, die die Beziehung zwischen den Geschlechtern aufklären wollen. Doch besteht diese wirklich nur aus Oppositionen?

Es ist erforscht, dass 90% der Gehirnwindungen im ersten Lebensjahr eines Säuglings entstehen, d.h. die Erziehung eines Babys bzw. Kleinkindes spielt in den ersten Jahren eine bedeutende Rolle. Versuchen z.B. die Eltern ihrer Tochter zu diesem Zeitpunkt schon einzureden, dass sie sich erst gar nicht mit Mathematik beschäftigen brauche, weil sie ohnehin kein logisches Denken besäße, drängen sie das Kind in ein Klischee. Exakt gegensätzlich ist es bei Jungs. Wird ihnen beigebracht, dass Sprachen nur etwas für Mädchen seien und sie sich eher mit vermeintlich männlicheren Fächern wie Physik, Chemie oder Mathematik beschäftigen sollen, wird den Kindern eine fasche Selbsteinschätzung vermittelt. Den Kindern wird oft ein Bild vor Augen gehalten, wie sich Mädchen bzw. Jungen in der heutigen Gesellschaft verhalte sollen. Dies wird u.a. durch Eltern, Verwandte und Bekannte sowie durch Lehrende unwillkürlich übermittelt.

Es ist schwer eine Aussage zu treffen wodurch Klischees, wie zum Beispiel „Frauen können nicht einparken und haben einen schlechten Orientierungssinn“, entstanden sind. Begründungen durch die Evolutionstheorie sind eher spekulativer Natur. Wahrscheinlicher ist allerdings die Annahme, dass das Verhalten auf Gene und Hormone zurückzuführen ist. Doch seit ungefähr 50 Jahren, so die Ansicht von Lutz Jäncke, einem deutschen Neuropsychologen, verblassen die Geschlechterdifferenzen. Im Vergleich zu den Jahren zuvor hat sich ein enormer Fortschritt in Frauenrecht und -bildung vollgezogen. In den Tagebuchaufzeichnung jedoch wird deutlich, dass Klischees in den Köpfen der Menschen noch zu genüge existieren. Das Vorurteil, Frauen hätten kein logisches Denkvermögen, hält sich bis heute hartnäckig. Es ist ebenfalls sehr auffällig, dass Frauen hauptsächlich im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) in der Minderheit sind. Immer wieder kommen Diskussionen zustande, die den Grund dafür suchen. Die gesellschaftliche Anpassung, der Einfluss der Medien und die Selbsteinschätzung der Mädchen kann ein Anlass hierfür darstellen.

Renate Tanzberger schreibt darüber in ihrer Arbeit, dass die Leistung u.a. durch drei wichtige Faktoren beeinflusst würde: Begabung, Möglichkeiten und Motivation. Das versucht sie an einem Beispiel in Nordschweden zu verdeutlichen. Männer seien in dieser Region meist als Fischer, Jäger oder Förster tätig. Frauen hingegen, die meist keine berufliche Zukunft in ihrer Heimat sehen würden, versuchen sich in größeren Städten in High-Tech-Berufen zu behaupten. Sie hätten ein höheres Bestreben in naturwissenschaftlichen Fächern und würden demgemäß besser abschneiden als ihre Mitschüler. Damit will Tanzberger vermitteln, dass viel durch den Willen, die Motivation und die Selbsteinschätzung beeinflusst werden kann.

Oft sind es auch Vorbilder, die den Menschen Ansporn geben. Doch während der Schul- und Studienzeit werden oft nur männliche Wissenschaftler, wie Euklid, Pythagoras,

Gauß und Einstein, behandelt und besprochen. Es ist kaum die Rede von Hypatia, Noether oder Montesorri- um nur drei bedeutende Mathematikerinnen zu nennen. Die Menschen sollten diese nicht weniger schätzen, denn sie haben den Frauen den Einstieg in die Bildung wesentlich erleichtert.

„Insgesamt geht es darum, das Bild von Mathematik als männlicher „harter“ Wissenschaft in Frage zu stellen und Mädchen/Frauen zu ermuntern sich in diesem Bereich einzumischen.“ (Tanzberger 2004)

2.4 Typische Rollenverteilung Anfang des 20. Jahrhunderts und heute.(Anika Katzenberger)

Vor etwa 100 Jahren bestand eine gewisse gesellschaftliche Norm, durch welche die Welt in zwei Bereiche gespalten wurde. Es gab zum einen den außerhäuslichen Bereich des beruflichen Lebens und Geldverdienens, und zum anderen den familiären Bereich der Liebe und Vertrautheit. Ebenso streng wurden die Rollen zwischen Frau und Mann getrennt. Der Mann besaß die höchste Autorität innerhalb der Familie. Das Geldverdienen und das Versorgen der Familie zählten ausschließlich zu den Pflichten des Mannes und daher war die Frau sehr stark von ihm abhängig.

Zum femininen Geschlecht wurden hingegen Attribute wie Empfindsamkeit, Emotionalität, Kultur und Liebe assoziiert. Allein die Frau war zuständig für die Beziehungen innerhalb der Familie. Sie zog als Beschützerin und liebevolle Mutter die Kinder auf. Zu ihrem Aufgabenbereich zählte außerdem, dass sie die Wohnung gemütlich und schön gestaltete sowie den Haushalt führte. Ebenfalls die Rechte der Frau waren, vor allem in Bezug auf die Bildung, stark eingeschränkt. Mädchen durften zunächst nur wenige Jahre die Schule besuchen. Alle diese Überzeugungen wurden nach Textor3 durch die biologischen Unterschiede erklärt und mit „wissenschaftlichen“ Forschungsergebnissen über die angeblich seelische und sittliche Minderwertigkeit der Frau begründet.

Anhand der oben genannten Ansichten ist leicht erkennbar, dass die Männer zu Beginn des 20. Jahrhunderts stark dominierten und die Frauen in ihrer intellektuellen Autonomie mindestens ebenso stark eingeschränkt waren. Doch dies war auch den Frauen bewusst Deshalb haben sie den Anspruch auf eine gleichberechtigte Teilhabe an Bildung erhoben.

Aufgrund der gesellschaftlich vorherrschenden Vorstellungen war das vorerst jedoch schwer realisierbar.

In der heutigen Zeit sind die Rollenvorstellungen des 20. Jahrhunderts zwar teilweise immer noch vorhanden, dennoch haben sich einige Überzeugungen verändert. Am bedeutendsten für die Frau ist wohl, dass sie heute zwar noch nicht völlig aber doch weitestgehend emanzipiert ist. Gerade in der Bildung werden den beiden Geschlechtern mittlerweile gleiche Chancen und Voraussetzungen erteilt. Das weibliche Geschlecht ist intellektuell gegenüber ihrem Mann nicht länger durch die gesellschaftlichen Normen und Einstellungen eingeschränkt. Die Frau kann nahezu so berufstätig sein wie ihr Gatte, obwohl führende Positionen immer noch eher von Männern als von Frauen besetzt sind. Dennoch ist der Mann nicht allein für die Versorgung der Familie zuständig und somit ist die Frau nicht mehr so stark von ihm abhängig wie früher. Die Erziehungsziele sind mittlerweile ebenfalls weniger stark geschlechtsspezifisch geprägt. So müssen zum Beispiel die Jungen oft im Haushalt mithelfen und auch der Vater trägt nicht selten zur Erziehung der Kinder bei.

Diese Änderungen können u.a. darauf zurückgeführt werden, dass eine emotionale Stabilisierung stattgefunden hat. Denn aufgrund der fortschreitenden Technisierung, Rationalisierung und Bürokratisierung wird die Außenwelt egoistischer und durch die heutige „Ellenbogengesellschaft“ sogar inhumaner.

Die Rollenverteilung ist demnach nicht mehr so stark ausgeprägt, als es um 1900 noch der Fall war. Dennoch stellt sich die Frage, ob die ungleichen Chancen der beiden Geschlechter in der heutigen Zeit völlig transparent gemacht wurden.

2.5 Inwiefern sind Frau und Mann bis heute gleichgestellt? (Sophia Schmuck)

Deutschland und weitere europäische Länder streben die Gleichberechtigung, die Chancengleichheit sowie die Abschaffung der Diskriminierung des Geschlechts an. Dies sollte in allen Bereichen der Gesellschaft gewährleistet werden, sowohl in der Wirtschaft, als auch in Politik und Bildung. Die Frauencharta beinhaltet fünf verschiedene Punkte. Diese sollen wirtschaftliche Unabhängigkeit und gleichen Lohn schaffen, sowie die Frauen an Entscheidungsprozessen beteiligen, die Menschenrechte würdigen und die Gleichstellung der Geschlechter im auswärtigen Handeln herbeiführen.

[...]


1 Der Begriff ‚Ethnomethodologie‘ beschreibt eine Richtung in der Soziologie, die von Garfinkel begründet wurde.

2 Judith Butler ist eine US-amerikanische Philosophin und Philologin, die sich mit sozialwissenschaftlich- philosophischen Arbeiten auseinandersetzt.

3 Martin R. Textor ist ein deutscher Autor, Pädagoge und Publizist. Seit Oktober 1986 arbeitet Martin Textor am Staatsinstitut für Frühpädagogik als wissenschaftlicher Angestellter.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Zur sozialen Konstruktion von Geschlechtlichkeit. Untersuchung der These "Frauen und Mathematik - (un)vereinbar?"
Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,7
Autoren
Jahr
2011
Seiten
40
Katalognummer
V385042
ISBN (eBook)
9783668604568
ISBN (Buch)
9783668604575
Dateigröße
790 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konstruktion, geschlechtlichkeit, frauen, mathematik
Arbeit zitieren
Anika Katzenberger (Autor)Sophia Schmuck (Autor), 2011, Zur sozialen Konstruktion von Geschlechtlichkeit. Untersuchung der These "Frauen und Mathematik - (un)vereinbar?", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385042

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