Inwieweit ist es möglich, Adressaten in der Hilfeplanung zu beteiligen? Partizipation als Leitgedanke in der Kinder- und Jugendhilfe


Hausarbeit, 2017

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begrifflichkeit
2.1 Die Hilfeplanung
2.2 Ziele in der Hilfeplanung
2.3 Partizipation als gesetzlicher Auftrag

3. Praktische Umsetzung von Partizipation
3.1 Voraussetzungen für den Dialog
3.2 Auftragsklärung
3.3 Methoden
3.3.1 Methode der „S.M.A.R.T Kriterien“
3.3.2 Das „5-Schritte Modell“ von Hiltrud von Spiegel
3.3.3 Family Group Conference
3.4 Fortschreibung des Hilfeplans

4. Grenzen und Hindernisse von Partizipation

5. Fazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Fokus dieser Hausarbeit steht neben der theoretischen Grundlage, die praktische Umsetzung von Partizipation von Adressat*innen in der Hilfeplanung. Der theoretische Teil ist die Hinführung zum Thema der Partizipation in der Hilfeplanung und der Zielvereinbarung in den erzieherischen Hilfen, mit der Begriffsklärung, was die zentralen Aspekte von Hilfeplanung und Partizipation beinhaltet. Die zentrale Frage lautet:

„Inwieweit ist es möglich Adressat*innen in der Hilfeplanung partizipativ zu beteiligen?“

Der Begriff Partizipation wurde erstmals mit dem 8. Kinder- und Jugendbericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Mit Einführung des KJHG, des Kinder- und Jugendhilfegesetzes, fand die Beteiligung auch ihre gesetzliche Implementierung, und zwar in §36 SGB VIII. Die Partizipation wurde zu einem Leitgedanken der Kinder- und Jugendhilfe (Schnurr 2015, S. 1171). Aufgrund dieser Präsenz und den Entwicklungen der letzten Jahre in der Kinder- und Jugendhilfe, ist der Fokus auf das Thema der Adressat*innenbeteiligung gerichtet. Neben der Theorie soll ein Transfer in die Praxis gegeben werden, der zuerst grundlegende Voraussetzungen für Partizipation erläutert, um ein umfassendes Verständnis zu erhalten. Aus einer Vielzahl an Methoden wurden drei ausgewählt: die „S.M.A.R.T Kriterien“, das „5-Schritte-Modell“ nach Hiltrud von Spiegel und zuletzt die „Family Group Conference“. Diese werden in ihrem Ablauf und möglichen Merkmalen von Partizipation genauer betrachtet. Aufgrund der Ganzheitlichkeit, wird abschließend die Fortschreibung der Hilfeplanung sowie die Grenzen von Partizipation dargestellt.

2. Begrifflichkeit

2.1 Die Hilfeplanung

Die Hilfen zur Erziehung sind in den Paragraphen 27ff. des SGB VIII festgelegt. Auch die Planung der Hilfen selbst, ist im Gesetz in §36 SGB VIII implementiert, um einerseits einen Rechtsanspruch für die Adressat*innen und andererseits eine gesetzliche Handlungsgrundlage für Fachkräfte zu schaffen. Daher ist die Hilfeplanung mit Einführung des KJHG, ein primäres Instrument der erzieherischen Hilfen geworden. Die Planung ist notwendig, um den Hilfebedarf zu erkennen und darauf aufbauend Wünsche, Bedürfnisse und passgenaue Ziele zu formulieren und zu dokumentieren sowie deren Finanzierung zu sichern (vgl. Winkelmann 2014, S. 151ff.).

Nach Freigang (2009) ist in der Hilfeplanung auch immer der Prozess inbegriffen, von einem „Ist-Zustand“ […] zu einem […] „Soll-Zustand“ (Freigang 2009, S. 105) zu gelangen. Dies soll bezwecken, dass Hilfen planbar und überprüfbar gemacht werden. Somit ist es im Anschluss an die Durchführung auch möglich zu erkennen oder festzustellen, ob die installierte Hilfe noch ihre Notwendigkeit erfüllt (vgl. Freigang 2009, S. 105ff.; v. Spiegel 2000, S. 4).

2.2 Ziele in der Hilfeplanung

Ziele beziehen sich immer auf einen wünschenswerten Zustand in der Zukunft, der noch nicht erreicht wurde. Das bedeutet, dass Ziele auch immer mit Wünschen und Vorstellungen verknüpft sind. „Zielformulierungen sind Willenserklärungen“ (Schwabe 2010, S. 56), das heißt im Umkehrschluss, dass Nichterfüllung mit Enttäuschung einhergehen kann. Um diese Enttäuschungen zu vermeiden oder zu minimieren, ist es notwendig die Ziele an die Sprache der Adressat*innen anzupassen, Ressourcen zu beachten und die eigene Haltung als Fachkraft regelmäßig zu reflektieren (vgl. Schwabe 2010, S. 56 / Winkelmann 2014, S. 155).

2.3 Partizipation als gesetzlicher Auftrag

Partizipation ist die Teilhabe und Teilnahme an Machtprozessen innerhalb einer Gesellschaft und eine Maxime der „lebensweltorientierte(n) Jugendhilfe“ (Schnurr 2015, S. 1171), insbesondere bei den Hilfen zur Erziehung. In der Hilfeplanung ist die Partizipation gesetzlich, im Kinder- und Jugendhilfegesetz SGB VIII, festgeschrieben und soll sicherstellen, dass Kinder, Jugendliche und Eltern[1] sich an der Planung der Hilfe aktiv beteiligen können. Wolff und Hartig fügen dem hinzu, dass Partizipation als Instrument gesehen werden kann, welches das Machtverhältnis beispielsweise in der Hilfeplanung in Balance halten soll (vgl. Wolff & Hartig, 2013, S. 17). Der §36 Abs.1 SGB VIII, ist - wie der Titel „Mitwirkung, Hilfeplan“ es schon verdeutlicht - die gesetzliche Handlungsgrundlage für die Hilfeplanung zu entnehmen.

„(1) Der Personensorgeberechtigte und das Kind oder der Jugendliche sind vor der Entscheidung über die Inanspruchnahme einer Hilfe und vor einer notwenigen Änderung von Art und Umfang der Hilfe zu beraten und auf die möglichen Folgen für die Entwicklung des Kindes oder Jugendlichen hinzuweisen […]. Ist Hilfe außerhalb der eigenen Familie erforderlich, so sind die in Satz 1 genannten Personen bei der Auswahl der Einrichtung oder der Pflegestelle zu beteiligen. Der Wahl und den Wünschen ist zu entsprechen, sofern sie nicht mit unverhältnismäßigen Mehrkosten verbunden sind.“ (§36 Abs. 1 SGB VIII, S. 1026).

Winkelmann (2014) spricht ergänzend bei Partizipation von „Selbstwirksamkeits- Erfahrungen“ (Winkelmann 2014, S. 161), die durch die aktive Beteiligung geschaffen werden sollen. Darunter zu verstehen ist, dass die Adressat*innen durch Beteiligung sich selbst als Wirksam empfinden und sich als entscheidungsfähig erleben. Somit erhöht sich auch die Wirksamkeit der jeweiligen Ziele und Hilfemaßnahmen (vgl. Winkelmann 2014, S. 161ff.).

3. Praktische Umsetzung von Partizipation

3.1 Voraussetzungen für den Dialog

Um erfolgreich in einen gemeinsamen Dialog treten zu können, bedarf es einiger Voraussetzungen, die zu beachten sind. Solch ein Dialog ist wichtig, um Partizipation umzusetzen. Pfütze (2015) versteht unter einem Dialog keinen „small talk“, sondern vielmehr einen zielgerichteten Austausch. In dieser Arbeit bezieht sich der Dialog auf die Hilfeplanung und die Zielvereinbarung. Als grundlegend betrachtet er das Ermitteln einer gemeinsamen Sprache (vgl. Pfütze 2015, S. 23). Urban-Stahl fügt dem kritisch hinzu, dass dieser „Dialog“ auch ein Prozess der Aushandlung und ein „Verwaltungsverfahren zur Entscheidungsfindung von Leistungen ist (vgl. Urban-Stahl 2014, S. 182). Darüber hinaus bestehen noch weitere Aspekte. Die folgenden Voraussetzungen sind aufgrund der Differenzen zwischen Adressat*innen und Fachkräften, aufgeteilt.

Voraussetzungen der Adressat*innen:

Um Hilfen und Ziele passgenau planen bzw. formulieren zu können, bedarf es der Berücksichtigung von Voraussetzungen der Kinder- und Jugendlichen, sowie deren Eltern bzw. Personensorgeberechtigten. Gesetzlich ist dieser Aspekt im §8 SGB VIII festgelegt. Dort ist vom Gesetzgeber bestimmt, dass Kinder und Jugendliche an allen Entscheidungen beteiligt werden sollen, mit Rücksicht auf den jeweiligen Entwicklungsstand (vgl. §8 Abs. 1 SGB VIII). Das bedeutet im Umkehrschluss, dass nicht alle Entscheidungen von den Adressat*innen getroffen werden können. Ein Beispiel wäre ein einjähriges Kind. Mit Rücksicht auf den Entwicklungsstand ist die Voraussetzung zur Partizipation nicht gegeben (vgl. §8 SGB VIII 2017, S.1017). Ein weiterer Aspekt ist die Bereitschaft sich auf diesen Prozess einzulassen und offen für mögliche Lösungen zu sein. Schwabe fügt dem noch hinzu, dass an diesem Punkt Adressat*innen häufig das Erleben haben, sich zwischen „schwarz und weiß“ entscheiden zu müssen. Dies kann die Folge haben, dass Adressat*innen sich nicht dem Prozess „öffnen“ können und sich „verschließen“ (vgl. Schwabe 2010, S. 403ff.)

Voraussetzungen der Fachkräfte:

Eine zentrale Voraussetzung von Partizipation in der Planung von Hilfen ist es als Fachkraft eine Haltung zu entwickeln, die dies zulässt. Urban (2005) formuliert mit Bezug auf Martina Kriener (2001) drei Kriterien zur Entwicklung dieser Haltung. Das erste Kriterium beinhaltet Partizipation als einen Prozess zu sehen, welcher erlernt werden muss. Urban spricht an, dass jeder Mensch somit fähig ist zu partizipieren. Als zweites Kriterium nennt Urban die „Transparenz über […] Entscheidungsstrukturen und Grenzen von Entscheidungsmacht“ (Urban, S. 182). Das bedeutet, die Fachkraft sollte verinnerlicht haben, dass die Adressat*innen über alle Schritte informiert werden sollen und somit auch Anhaltspunkte zur Partizipation erhalten. Das dritte Kriterium bezieht sich auf die regelmäßige Vergegenwärtigung der ethischen Grundlagen der Sozialen Arbeit sowie der Rechte der Adressat*innen (vgl. Urban 2005, S. 182).

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, wie in Punkt 3.1 bereits erwähnt, eine gemeinsame Sprache zu finden (vgl. Pfütze 2015, S. 23). Fachkräfte sollten darauf achten, möglichst Worte zu wählen, welche die Adressat*innen selbst verwenden und sich darüber austauschen, mit welchen unterschiedlichen Bedeutungen Worte verbunden sein können. So kann es sein, dass bspw. das Ziel „mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen“ von der Fachkraft anders interpretiert wird, als von den Adressat*innen. Um Enttäuschungen oder Missverständnissen vorzubeugen, empfiehlt v. Spiegel diesen Austausch (vgl. v. Spiegel 2000, S.15).

Urban (2005) erwähnt noch zwei weitere Aspekte, von denen gelingende Partizipation abhängig gemacht werden kann:

- „Von der individuellen Gestaltung der konkreten Situation“ (Urban 2005, S. 175). Das bedeutet, dass die Fachkraft zur Partizipation auffordert, wenn die Adressat*innen es von sich aus nicht machen.
- „Von den strukturellen bzw. institutionellen Gegebenheiten und Rahmenbedingungen“ (Urban 2005, S. 175) - durch die gesetzliche Implementierung sind die Fachkräfte dazu verpflichtet partizipativ Hilfen zu planen und zu dokumentieren. Der §36 dient daher als Grundlage für partizipatives Handeln.

Urban (2005) merkt kritisch an, dass beide Aspekte in Wechselwirkung zueinander stehen und Partizipation begünstigen, aber „ohne die Aktivität des Einzelnen nicht sichern“ (Urban 2005, S. 175) (vgl. Urban 2005, S. 175f.), können.

3.2 Auftragsklärung

Bevor Hilfen geplant und partizipativ Ziele ausgehandelt werden können, ist es von elementarer Bedeutung, den Auftrag der Hilfeplanung zu kennen. Insbesondere wenn die Hilfe zur Erziehung in einem Zwangskontext geplant werden muss, entstehen andere Schwierigkeiten, als wenn Adressat*innen die Hilfe selbst anfordern, beispielsweise, wenn sie eine Erziehungsberatung wünschen. Bei der Hilfeplanung im Zwangskontext steht das Jugendamt gleichzeitig auch in der Rolle des „Wächters“ über das Kindeswohl und sollte diese Rolle auch konsequent vertreten, um klare Grenzen aufzeigen zu können (Winkelmann 2014, S. 151ff.).

3.3 Methoden

Im Folgenden werden drei Methoden zur individuellen Hilfeplanung näher erläutert, welche die Partizipation der Adressat*innen ermöglichen sollen. Aufgrund der Vielzahl an verschiedenen Handlungsmethoden und Leitfäden, beschränkt sich Kapitel 3.3 auf die „S.M.A.R.T. Kriterien“ der Zielfindung, das „5-Schritte Modell“ nach Hiltrud v. Spiegel und die „Family Group Conference“. Alle drei Methoden beziehen sich auf den Prozess der Zielfindung und Zielformulierung zu Beginn einer Hilfemaßnahme. Jede der drei Methoden wird auf ihren Ablauf und ihre Merkmale von Partizipation untersucht und diskutiert. Somit soll, mit Bezug auf die Anfangsfrage, ersichtlich werden, inwieweit Partizipation neben dem theoretischen Konstrukt, auch praktikabel

[...]


[1] Bzw. Personensorgebrechtigte vgl. §36 Abs. 1 SGB VIII.

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Details

Titel
Inwieweit ist es möglich, Adressaten in der Hilfeplanung zu beteiligen? Partizipation als Leitgedanke in der Kinder- und Jugendhilfe
Hochschule
Fachhochschule Bielefeld
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V385698
ISBN (eBook)
9783668600645
ISBN (Buch)
9783668600652
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beteiligung, Partizipation, Hilfeplanung, Hilfeplanverfahren, Methoden, Family Group Conference, Hilfen zur Erziehung
Arbeit zitieren
Neele Sandstede (Autor:in), 2017, Inwieweit ist es möglich, Adressaten in der Hilfeplanung zu beteiligen? Partizipation als Leitgedanke in der Kinder- und Jugendhilfe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385698

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