Daheim ist es auch nicht mehr schön

Die Lage in der Heimat aus der Feldpost des zweiten Weltkrieges von und an Otto Mühlbauer aus dem Bayerischen Wald


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2017
29 Seiten

Leseprobe

1 Inhaltsverzeichnis

1 Vorbemerkung

2 Einführung

3 Otto beim Reichsarbeitsdienst und Militär

4 Die Jahre 1941 und 1942 in der Heimat
4.1 Landwirtschaft und Handwerk am elterlichen Anwesen
4.2 Verknappung von Lebensmitteln und weiteren Gütern
4.3 In Verbindung bleiben mit Briefen und Paketen
4.4 Soziale Beziehungen
4.5 Meinungen, Ängste und Hoffnungen
4.6 Zensur, Propaganda und Gleichschaltung

5 Fazit

6 Anhang
6.1 Beispiel-Brief
6.2 Markante Aussagen
6.3 Verse
6.4 Die Bezeichnung von Personen
6.5 Lokale Entfernungen
6.6 Quellenangaben

2 Vorbemerkung

Eine Kurzfassung des vorliegenden Beitrages erschien im Jahr 2010 in einem heimatgeschichtlichen Periodikum.[1]

3 Einführung

Aus dem Nachlass von Otto Mühlbauer – dem Onkels des Verfassers - sind 245 Briefe und Ansichtskarten[2] enthalten. Die Briefe und Karten wurden in den Jahren 1941 und 1942 während des Zweiten Weltkrieges geschrieben. Diese beiden Jahre verbrachte Otto als Arbeitsmann beim Reichsarbeitsdienst (RAD) und als Soldat beim Militär.

90 der Briefe wurden von Otto an seine Familie, 60 von Ottos Mutter und jüngerem Bruder an Otto geschrieben. Die übrigen Briefe schrieben 27 verschiedene Personen an Otto. Durch die Vielzahl der beteiligten Personen geben die Briefe viele Blickwinkel wieder: Die Bandbreite reicht von Jugendlichen über junge Erwachsene, Eltern, bis hin zu Großeltern. In dieser Hinsicht enthüllen die Briefe insbesondere vielfältige Einsichten zu den damaligen Lebensumständen auf dem bäuerlich geprägten Lande, abseits der nationalsozialistischen Machtzentren.

Obwohl den Briefen auch eine Fülle von Informationen über den Alltag beim Arbeitsdienst und beim Militär zu entnehmen ist, fokussiert der vorliegende Beitrag auf die in der Heimat gebliebenen Personen und deren Lebensumstände. Der Beitrag betrachtet dabei weniger die Unterschiede zwischen den damaligen und heutigen Lebensverhältnissen, sondern zielt vorwiegend auf die Besonderheiten, die aus dem nationalsozialistischen Regime sowie dem Krieg resultieren.

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges erzielte die deutsche Wehrmacht mit einigen Blitzkriegen große militärische Erfolge. In den Jahren 1941 und 1942 wurde die deutsche Offensive fortgeführt, doch es gab erste Rückschläge. In den Folgejahren wurde die Intensität der militärischen Operationen noch erhöht; die Verluste an Menschenleben stiegen weiter und die Leiden der Menschen nahmen zu. Durch ihre zeitliche Entstehung sind die Aussagen der Feldpostbriefe in diesen historischen Kontext einzuordnen.[3]

Nach einem Abriss über Otto Mühlbauers Zeit beim Arbeitsdienst und beim Militär, geht dieser Beitrag auf eine Reihe von Auswirkungen auf die Menschen ein, die während des Krieges in der Heimat verblieben. Im Anhang sind ergänzend neben einem Beispiel-Brief einige Zitate und Verse abgedruckt, die in den Briefen vorkommen. Ergänzend sind im Anhang Bezeichnungsformen von Personen zusammengestellt, wie sie in den Feldpostbriefen Verwendung finden.

4 Otto beim Reichsarbeitsdienst und Militär

Der 18-jährige Otto Mühlbauer wird am 7. Februar 1941 zum Arbeitsdienst nach Oberweier im Schwarzwald eingezogen. Bis zum 18. August verbleibt er in Oberweier. Zwischendurch erhält Otto im April oder Mai drei Tage Heimaturlaub zum Ablegen der Wagner-Gesellenprüfung. Der Ernteeinsatz in Duchtlingen Ende Juli bis Anfang August ist ebenfalls eine willkommene Abwechslung. Nach dem Aufenthalt in Oberweier wird Otto nach Russland gebracht. Ab Smolensk sind Otto und seine Kameraden mit dem Fahrrad bis in die Nähe von Woronesch unterwegs. Ihre Aufgabe ist es, Knüppeldämme zu bauen. Zwischendurch erkrankt Otto an Ruhr. Ende November 1941 wird Otto in die Heimat zurück transportiert. Am 10. Dezember 1941 entlässt der Arbeitsdienst Otto. Er verbringt die Zeit bis zum 30. Dezember zu Hause bei den Eltern.

Am 30. Dezember 1941 wird Otto zur Infanterie-Ausbildung nach Würzburg eingezogen. Im März 1942 darf er nach der Vereidigung in einer Bamberger Fahrschule den Auto-Führerschein erwerben. Am 30. März wird Otto nach Neustadt an der Weinstraße verlegt. Mitte Mai 1942 erhält Otto für zwei Wochen Heimaturlaub.

Nach der Rückkehr wird Otto nach Bitsch in Lothringen verlegt, Mitte Juli geht es weiter nach Heidelberg. Ende Juli wird Otto nach Augsburg gebracht, da die Abstellung zur Front bevorsteht. Vor der Abstellung darf Otto Anfang August noch einmal auf Sonntags-Urlaub nach Hause. Ende August beginnt der Transport nach Russland. Ende September kommt Otto bei seiner Einheit in der Nähe von Stalingrad (dem heutigen Wolgograd) an. Obwohl für die Infanterie ausgebildet, wird Otto der Artillerie zugeteilt und zum Funker ausgebildet. Otto erliegt am 6. Dezember im Kessel von Stalingrad einem Bauchschuss. Am Weihnachtstag 1942 erhält Ottos Familie die Todesnachricht. Otto ist in einem Soldatenfriedhof südwestlich von Stalingrad begraben.

5 Die Jahre 1941 und 1942 in der Heimat

5.1 Landwirtschaft und Handwerk am elterlichen Anwesen

Ottos Familie lebt auf einem alleinstehenden, landwirtschaftlichen Anwesen außerhalb von Zenching. Neben der Landwirtschaft übt Ottos Vater das Wagner-Handwerk aus. Otto soll später einmal das Anwesen übernehmen. Auch das Wagner-Handwerk will er später ausüben.

Der militärische Apparat bindet viele Kräfte. Diese Kräfte fehlen auf anderen Gebieten, insbesondere dem Handwerk und in der Landwirtschaft.[4] [5] Im Unterschied zur Vorkriegszeit ist Ottos Vater mit Aufträgen überlastet.[6] Ottos Vater muss sogar Aufträge ablehnen, weil er mit dem Abarbeiten nicht nachkommt.[7] Er kann gutes Geld mit seiner Arbeit verdienen, so dass die finanzielle Situation der Familie besser ist, als vor dem Krieg.[8]

Obwohl Ottos Vater teilweise bis spät nachts arbeitet, bleibt ihm zu wenig Zeit für die Landwirtschaft übrig.[9] Der Großteil der Arbeit ist von Ottos Mutter zu bewältigen, die „nebenbei“ noch vier weitere Kinder im Alter von vier bis vierzehn Jahren aufzuziehen hat. Der vierzehnjährige Sohn hilft bereits nach Kräften in der Landwirtschaft mit, doch Otto kann er noch nicht ersetzen. Ottos Arbeitskraft wird deshalb schmerzlich vermisst[10] [11]:

Du mußt da hineinsitzen und wir können uns wieder recht plagen[12]

5.2 Verknappung von Lebensmitteln und weiteren Gütern

Zur Vorbereitung des geplanten Krieges erhöhte das NS-Regime in den vorhergehenden Jahren die Selbstversorgungsrate der deutschen Bevölkerung. Trotz aller Anstrengungen konnte bis zum Beginn des Krieges nur eine Selbstversorgungsrate von 83% erreicht werden. Konsequenz war die Einführung von Lebensmittelkarten bereits zu Beginn des Krieges.[13] Die Rationierungen wurden Anfang 1941 bereits deutlich wahrgenommen:

Man bekommt bald gar nichts mehr [14]

Die Verknappung der Lebensmittel geht vor allem aus einigen Briefen des Jahres 1942 hervor: Der Zenchinger Kramer verkauft keinen Zucker mehr. Ottos Familie muss sich daher Zucker aus dem entfernteren Arnschwang besorgen. Butter gibt es ebenso nicht mehr zu kaufen. In einem Fall kann sich Ottos Familie Butter von einem Nachbarn besorgen.[15] Die Zuteilungen für Fleisch-, Fett-, Brot- und Zuckermarken werden zum wiederholten Male gekürzt.[16] Backpulver gibt es nicht mehr käuflich zu erwerben; als Ersatz sollen Hirschhornsalz und Natron dienen.[17] Mühlen dürfen kein weißes Mehl mehr malen; mit dem schwarzen Mehl ist jedoch kein essbares Brot zu backen.[18] Auf landwirtschaftlichen Anwesen bieten sich bessere Möglichkeiten, solche schwierigen Phasen zu überstehen als in der übrigen Bevölkerung: Ottos Familie ernährt sich über den Winter 1940/41 vorwiegend von Kartoffelkost.[19] Im folgenden Winter kann Ottos Familie ein Schwein schlachten.[20] In der Folgezeit gibt es mittags öfter Fleisch zu essen. Waldfrüchte tragen neben eigenen Erzeugnissen zum Sattwerden bei.[21] Deutlich schwieriger ist die Lage in den Städten, wie das Beispiel eines Verwandten in Augsburg zeigt: Dieser besitzt genügend Geld, jedoch zu wenig Lebensmittelmarken. Gegen Bezahlung bittet er um Zusendung von Lebensmitteln.[22]

Einige Zeitzeugenaussagen von Ottos Bruder runden die Mitteilungen aus den Briefen ab: Während als auch nach dem Krieg gab es die Verpflichtung, einen Teil der landwirtschaftlichen Produkte gegen Bezahlung abzuliefern. Insbesondere hatte Ottos Familie relativ viele Eier abzuliefern. Wer Esswaren selbst erzeugen konnte, bekam keine entsprechenden Marken, sondern wurde als Selbstversorger gekennzeichnet. Täglich Fleisch zu Mittag gab es auf der Madlmühle während des Zweiten Weltkrieges nur im Ausnahmefall - etwa wegen einer Schlachtung. Dabei hätte die Familie genügend Geld gehabt, und anfangs reichten die Rationen der Lebensmittelmarken noch aus, um sich gut mit Fleisch zu versorgen (pro Woche und Person ein halbes Kilogramm Fleisch). In den Jahren 1941 und 1942 gab es in Ottos Familie ausreichend zu essen. Erst zum Kriegsende hin wurde die Lage schwieriger. Das schwarze Mehl stellte sich als kein großes Problem heraus. Das Mehl wurde mit einem Sieb nachgesiebt. Die Kleie bliebe hängen, der Rest konnte zum Backen verwendet werden.

Engpässe gab es nicht nur bei Lebensmitteln. Auch andere Waren wurden knapp. Zum Erwerb dieser Waren war neben ausreichend Geld ein Bezugsschein erforderlich. Eine Garantie, diese Waren daraufhin tatsächlich im Geschäft erwerben zu können, war damit nicht gegeben. In den Briefen werden einige Beispiele von knappen Gütern genannt:

Die Beschränkungen betreffen Schnürschuhe[23] ebenso wie Fahrradschläuche.[24] Ohne Fahrradschlauch konnte das einzige Fahrrad der Familie nicht benutzt werden. Die langen Strecken mussten damit auch im Sommer zu Fuß bewältigt werden. Zwar sind Marken für Petroleum erhältlich, doch gibt es kein Petroleum zu kaufen. Ottos Familie verwendet Petroleum zur Beleuchtung; ein Stromanschluss steht zu der Zeit in der Gegend nicht zur Verfügung. Wegen dem fehlenden Petroleum sitzt die Familie abends eine Woche lang im Dunkeln.[25] Briefpapier ist kaum mehr erhältlich. Aus Mangel an Briefpapier kann Otto zwei Wochen keinen Brief schreiben.[26] Paketkartons werden wiederverwendet, da kaum noch welche aufzutreiben sind.[27]

[...]


[1] siehe /Heimat/, Seiten 250 - 262

[2] Die Briefe und Ansichtskarten werden in der Folge als Feldpostbriefe oder kurz als Briefe bezeichnet – auch wenn es sich teilweise um Ottos Zeit beim Arbeitsdienst handelt.

[3] siehe /WW2/

[4] Brief vom 01. 02. 1941

[5] siehe /Agrar/

[6] Brief vom 31. 03. 1941

[7] Brief vom 10. 03. 1941

[8] Brief vom 31. 05. 1942

[9] Brief vom 14. 02. 1941

[10] Brief vom 10. 03. 1941

[11] siehe / Agrar /

[12] Brief vom 15. 06. 1941

[13] siehe / Agrar /

[14] Brief vom 18. 03. 1941

[15] Brief vom 21. 01. 1942

[16] Brief vom 14. 04. 1941

[17] Brief vom 14. 06. 1942

[18] Brief vom 29. 06. 1942

[19] Brief vom 22. 02. 1941

[20] Brief vom 21. 02. 1942

[21] Brief vom 01. 07. 1942

[22] Brief vom 09. 08. 1942

[23] Brief vom 04. 11. 1941

[24] Brief vom 06. 06. 1941

[25] Brief vom 21. 01. 1942

[26] Brief vom 08. 02. 1942

[27] Brief vom 26. 02. 1942

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Daheim ist es auch nicht mehr schön
Untertitel
Die Lage in der Heimat aus der Feldpost des zweiten Weltkrieges von und an Otto Mühlbauer aus dem Bayerischen Wald
Autor
Jahr
2017
Seiten
29
Katalognummer
V385802
ISBN (eBook)
9783668608955
ISBN (Buch)
9783668608962
Dateigröße
1480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zweiter Weltkrieg, Feldpost, Lebensmittelmarken, Landwirtschaft, Handwerk, Russland, Stalingrad, Zenching, Arnschwang, Bad Kötzting, Bayerischer Wald, Oberpfalz, Heimat, Landleben, Alltag
Arbeit zitieren
Dipl. Inf., Dipl. Wirt.inf. Franz Mühlbauer (Autor), 2017, Daheim ist es auch nicht mehr schön, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385802

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Daheim ist es auch nicht mehr schön


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden