"Der Scholastiker" in René Descartes


Essay, 2017
9 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

„Er war ein Revolutionär im Reich des Denkens und des Glaubens [...] - René Descartes“ (Schultz 2001, S. 7) steht für den Umbruch von Mittelalter zu Neuzeit und dies nicht nur in den Bereichen der Philosophie, sondern auch der Wissenschaften. Durch sein Leben zieht sich aufgrund der damaligen Ereignisse, unter anderem des Dreißigjährigen Krieges oder der Veröffentlichung Galileo Galileis Dialoges über die zwei Weltsysteme, wie ein roter Faden das Thema des Umbruchs. Es scheint, als wäre es nicht mehr als stimmig, dass in dieser Zeit auch ein Umbruch in der Philosophie und ihrer Methode stattfinden musste. Und genau diese Aufgabe erfüllte Descartes. Bis heute wird Descartes eine Revolution der Philosophie und der Wissenschaften zugeschrieben, eine radikale Umwälzung der damaligen Auffassungen.

Dieser Essay soll einen seltener beleuchteten Aspekt in den Vordergrund rücken, nämlich inwiefern Descartes' Philosophie doch auf die Scholastik und die damaligen Ereignisse fußt, mit denen er ja, wie allgemein geläufig, abbricht. Die Frage, die ich mir hier stelle, ist die Folgende: Ist es möglich, sich gänzlich von seinen Grundlagen, der Erziehung und Bildung, dem Alltag und seiner Zeit zu lösen und etwas ganz Neues zu schaffen, selbst wenn man retrospektiv gesehen so eine wichtige, geniale und revolutionäre Person wie René Descartes ist?

Dass die cartesische Methode die Philosophie revolutionierte, steht für mich außer Frage. Dennoch sind in meinen Augen Überschneidungen mit der Scholastik auffindbar, auf die ich - begonnen mit einem Vergleich der Methode - aufmerksam machen will.

Der methodische Zweifel, den Descartes in den Meditationes de prima philosophia einführt, basiert in erster Linie auf Deduktion (vgl Descartes 2009, S19-20). Gewiss wird eben jener methodische Zweifel noch weiter ausgebaut und in drei verschiedene Schritte unterteilt, nämlich in das Zweifeln an dem Empirischen, das Zweifeln an dem Realistischen und das Zweifeln an dem Idealistischen. Dies ist wohl der wichtigste Schritt, um den Leser der Meditationes an Descartes' Theorie und Denkweise heranzuführen und ihn auf das Folgende vorzubereiten. Doch an dieser Stelle steht für mich ein Grundprinzip des hyperbolischen Zweifels, nämlich die Deduktion, im Vordergrund. Ohne die Deduktion wäre es Descartes niemals möglich gewesen, alles zu bezweifeln, da es so viele verschiedene Dinge auf der Welt oder auch nur in Gedanken gibt, dass er wohl nie mit dem Zweifeln fertig werden würde. Selbst wenn ihm dies gelingen würde, stünde immer noch in Frage, wie es um zukünftige Dinge steht. Ohne das Prinzip der Deduktion funktioniert also der cartesische Zweifel nicht.

Das deduktive Verfahren stellt ein grundlegendes Prinzip der scholastischen Erkenntnisgewinnung und Arbeitern dar und bestimmt auf entscheidende Weise auch die Methodologie von Descartes.

Keineswegs ist dieses wissenschaftliche Vorgehen eine Erfindung der Scholastik; als Begründer der Deduktion könnte man wohl Aristoteles (vgl. Schultz 2001, S. 7), den Schüler Platons, nennen.

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass Aristoteles, auf den sich die Scholastik beruft, aus den Lehren Platons seine eigene Philosophenschule kreiert und somit in gewisser Weise der platonischen Lehre absagt. Währenddessen wendet Descartes sich ebenfalls von der Scholastik, seiner Schule La Flèche und somit seiner Bildungsgrundlage, ab; seine Philosophie hingegen weist Parallelen mit der Lehre Platons, hinsichtlich der Ideenlehre, des Höhlengleichnisses und der Bedeutung des Lichts in Discours de la méthode, auf. Es wirkt, als hätte sich die Geschichte der Philosophie mit diesem Chiasmus der Schüler-Lehrer-Entwicklung einen Scherz, ja einen Treppenwitz der Philosophiegeschichte erlaubt.

Eine weitere Eigenheit, die Descartes stets zugeschrieben wird und ihm zu seinen Theorien verholfen hat, lässt sich von seiner Erziehung in der Schule her begründen: Sein Weg zu den Erkenntnissen und Lehren ist eng mit der meditado, also dem Nachsinnen, Nachdenken, verwoben was spätestens der Titel seines Buch Meditationes de prima philosophia kundtut. Diese Praxis ist ihm in seiner Schule La Flèche nahegebracht worden. Als sehr kränkliches Kind aus einer Adelsfamilie genoss René Descartes auf der Jesuitenschule Sonderrechte, denn er durfte morgens länger ausschlafen und währenddessen die Zeit zum Nachdenken nutzen (vgl. Schultz 2001, S. 18). Die Tätigkeit der Meditation findet man immer wieder in Descartes' Lebenslauf, das Zurückziehen aus der Gesellschaft, das Nachdenken und Besinnen. Es bietet ihm einen Ausgleich zu der ganzen Unruhe und Hektik, den Kriegen oder den Verpflichtungen der Gesellschaft, weshalb er sich auch immer wieder gerne zurückzieht. Seine einsame Zeit in den reizarmen Niederlanden, in denen man politisch, religiös und nicht zuletzt philosophisch ungebunden leben und schreiben konnte, spiegelt dies auch wieder. Immer wieder sucht Descartes solche Orte auf, denn alleine und ohne Ablenkung findet er seine eigene Philosophie.

Ein weiterer interessanter Punkt ist, inwiefern Descartes sich auf andere Philosophen oder Werke beruft. Bei Nachforschung entdeckt man, dass er „alles [...] aus eigner Quelle geschöpft haben [will]; er, der ausgedehnte und sehr mannigfaltige Kenntnisse besaß, will ein Autodidakt sein; er will nichts gelesen haben, obwohl er die Arbeiten seiner Vorgänger nur zu gut kennt“ (Koyre 1923, S. 8). An dieser Stelle wird in der Sekundärliteratur unter Anderem Anselm von Canterbury behandelt, der auch Erfinder der Scholastik genannt wird, ein. Hier mag sich ebenfalls ein Treppenwitz der Philosophiegeschichte verstecken, da der Begründer der Neuzeit, Descartes, der das Ende der Scholastik bedeuten sollte, mit dem Begründer der Scholastik verglichen wird.

Schaut man sich nun Anselm von Canterbury und sein Schaffen genauer an, könnte man sogar einen Schritt weitergehen und sagen, dass Descartes vielleicht von der Beschaffenheit der Gedankengänge Anselms inspiriert wurde.

Es fällt nämlich auf, dass ein Werk Anselms ebenfalls Meditationes lautet und dass eine seiner wichtigsten und bekanntesten Schriften, dem Proslogion, einen ontologischen Gottesbeweis präsentiert. Anselm von Canterbury, seinerseits Theologe, geht selbst gewissermaßen revolutionär vor, indem er seinen Gottesbeweis nicht von der Bibel oder Kirchenvätern her begründet, sondern von dem Dogma abweicht und eine eigene Erklärung und Argumentation nennt. Ebenso zieht Descartes als ehrfürchtiger Katholik seinen Gottesbeweis auf eine neue, vorher unbekannte Weise auf und kann dennoch dem katholischen Gottesbild treu bleiben. Er, der im Vergleich zu Anselm auch heute noch mit dem Attribut „Revolutionär“, was man meiner Meinung nach beiden zuschreiben kann, versehen wird, wagt sich daran, Gott auf eine klarere Weise als die Dogmatik, nämlich mit Mathematik und Logik zu beweisen.

Ebenjene Fächer waren es, die ihn zu Schulzeiten interessiert haben. Nun stellt die Logik auch einen wichtigen Teil in der Scholastik dar, den Descartes in seiner Bildung verinnerlicht hat. Daher lässt sich wohl behaupten, dass Descartes sich in dieser Hinsicht von seinen Wurzeln in der Scholastik nicht gänzlich lösen kann. Man darf hierbei jedoch nicht ungeachtet lassen, dass Descartes sich bezüglich der Mathematik wundert, „dass man bei so sicheren und vertrauenswürdigen Fundamenten nichts Erhabeneres darauf erbaut hatte“ (Schultz 2001, S.19), was eine Kritik an der seinerzeit üblichen Methode, dieser der Scholastiker, darstellt. Descartes kritisiert die Scholastik hinsichtlich der Mathematik nicht nur, sondern setzt sich die Verbesserung ihrer Rolle zum Ziel: Er stellt sich eine mathesis universalis vor, eine sogenannte Universalmathematik, die mithilfe von geometrischen sowie algebraischen Erkenntnissen alle Wissenschaften vereinbar und verständlich machen soll. Descartes ist überzeugt davon, dass sich alles mathematisch und logisch erklären lässt.

Um noch einmal auf Anselm von Canterbury einzugehen, möchte ich auf weitere Parallelen zwischen René Descartes und Anselm von Canterbury hinweisen, die vermuten lassen, dass sich der Begründer der Neuzeit doch wohl von anderen großen Werken hat beeinflussen lassen. Ein hervorstechender Aspekt ist hierbei, dass Anselm streng zwischen esse, dem Sein in der Wirklichkeit und in intelledu, dem Sein im Verstand (vgl Albert 2000, S.72) unterscheidet, was an Descartes' Unterscheidung zwischen res extensa, einer ausgedehnten Substanz, und res cogitans, der denkenden Substanz, erinnert. Beide führen eine Trennung zwischen Gedachtem und außerhalb der Gedanken Existierendem durch. Gewiss unterscheiden sie sich in vielen Punkten innerhalb ihrer Lehre, aber an gewissen Stellen lassen sich Gemeinsamkeiten erkennen, zum Beispiel bei der Herangehensweise an den Gottesbeweis: So ist für Anselm entscheidend, dass nichts Größeres als Gott gedacht werden kann, während Descartes den Beweis für die Existenz Gottes in dessen Vollkommenheit, Notwendigkeit und seiner Ideenlehre verortet. Dies wirkt auf den ersten Blick recht unterschiedlich, doch erscheint es mir bei genauerer Betrachtung so, als hätte Descartes sich an manchen Stellen zumindest inspirieren lassen.

Es wirkt, als ob der erste cartesische Gottesbeweis, der auch ontologischer Gottesbeweis genannt wird, sehr der Dogmatik und Scholastik entspricht; er erinnert sogar an den eben erwähnten Gottesbeweis von Anselm von Canterbury, der ebenfalls als ontologisch betitelt wird. An diesem Punkt, an dem sich Anselm nichts Größeres als Gott denken kann, nennt Descartes die Vollkommenheit Gottes, da er sich als Gott als vollkommen vorstellen kann. In meinen Augen ist der Unterschied zwischen den Thesen „ich kann mir nichts Größeres als Gott vorstellen“ und „Gott ist das Maximum an Perfektion“ äußerst gering. Descartes bezeichnet diesen Gedankengang evident, da der Gedanke „Gott ist vollkommen“ in seinem Bewusstsein vorhanden ist und in seinen Augen daher kein Trugschluss sein kann.

[...]

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Details

Titel
"Der Scholastiker" in René Descartes
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
9
Katalognummer
V386604
ISBN (eBook)
9783668604469
ISBN (Buch)
9783668604476
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Descartes, Scholastik, Philosophie, Gottesbeweis, Neuzeit
Arbeit zitieren
Rahel Stahmann (Autor), 2017, "Der Scholastiker" in René Descartes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386604

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